Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 13 (17.2.1931)
- Date
- 1931-02-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13, 17. IL 1031 JUEDfSCHE RUNDSCHAU Seite 87 Emil Cohn 50 Jahre Emil Cohn, der in diesen Tagen seinen 50. Geburtstag begeht, ist eine markante Persönlichkeit des jüdischen, litera* rischen und zionistischen Berlin. In der Geschichte der rionistischen Bewegung in Deutschland ist eine der eigenartigsten Episoden mit dem Namen Emil Cohns verknüpft. Er mußte »■egen seiner zionistischen Gesinnung seinen Posten als Rahhin er der Jüdischen Gemeinde aufgeben. Damals schrieb er die beiden Broschüren ״Mein Kampf ums Recht, und ״Oeschichte meiner Suspension“. Näheres darüber enthält der Bericht der Repräscntantcnvcrsammluog d..־r Jüdischen Gemeinde Berlin am 3. Mai 1907. Emil Cohn, der bestrebt war, einer ganzen Generation begeistertes Judentum zu vermitteln, wurde aus der Laufbahn, zu der er berufen war, wenigstens vorübergehend verdrängt. Im Jahre 1023 veröffcntlichte Cohn sein leidenschaftlich geschriebenes, von glüiicnder Begeisterung erfülltes Buch ״Judentum, ein Aufruf an die Zeit“. Heute wirkt Emil Cohn wieder in Berlin als ein Führer seiner Gemeinde, ein beliebter und befähigter Pädagoge und unerschöpflicher Anreger in jeder jüdisch und menschlich wertvollen Sache. Als ein Nebenprodukt seiner besonders durch die Liebe zum Kinde charakterisierten Tätigieit sei die Herausgabe des Jüdischen Jugendkalenders erwähnt, von dem unter seiner Redaktion bereits drei Jahrgange erschienen sind. Emil Cohn ist aber auch ein erfolgreicher Bühnen Schriftsteller, dessen Werke zum Teil auch jüdische Gegenstände behandeln. Zu erwähnen sind folgende Dramen: ״Brief des Uria“, ״Herr Johann Wittenberg“, ״Anna Boleyu“, ״Mirabeau“, ״Die Jagd Gottes“. Er übersetzte außerdem den Divan des Jehuda Halevi und gab ein Buch ״Jüdische Legenden“ heraus. Dem Jubilar wenden sich die Gratulationen des deutschen Judentums und vor allem der zlonistischen Gesinnungsgenossen zu, denen Dr. Alfred Klee, sein alter Freund und Mitkämpfer, nachfolgend beredten Ausdruck verleiht * lieber EmU Cohn / Morgen fetern Sie Ihren 50. Geburtstag. Unter denen, die an diesem Tage Ihnen aufrichtig Glück wünschen, soll der deutsche Zionismus nicht fehlen. Ein großer Teil Ihres Lebens galt und gilt direkt und indirekt unserer gemeinsamen Arbeit. Als Student auf dm־ Hochschule bildeten Sie mit Birani, Schlössinger, Magnes und Gotthokl Weil einen Kreis, auf den wir groß« Hoffnungen setzten; sie wurden erfüllt Als Sie in der Neuen Synagoge Ihre Antrittspredigt hielten: ״Es lohnt sich in Aegypten zu sterben, wenn einem ein Joseph die Augen zudrückt“, stand Ihnen dn weiter Wirkungskreis offen. Sie haben ihn mit jugendlichem Enthusiasmus ausgefüllt, bis Ihnen Parteifanatismus: — ״Sie sind bd uns ln Lohn und Brot und haben unsere Anschauungen zu vertreten“ — die verheißungsvolle Arbeit unmöglidt machte. Ueber Kiel, Essen, Bonn sind Sic — Wiedergutmachung alten Unrechts — zu unserer Freude nach Berlin zurückgekehrt UeberaU ließen Sie Freunde zurück, die Sie und Ihre Arbeit liebgewonnen hatten. Ihr unfreiwilliges Ausscheiden aus dem Berliner Gezndndedienst war der Anlaß zur Begrün* düng des ״Neuen Jüdischen Gemdnde-Verdns", auf den die Gemeindepolitik der Jüdischen Volkspartd in Berlin und außerhalb zOrückführt Dankbar denken wir an den Freundeskrds, der die Arbeit einleitete, von den Lebenden an Isaak Zwirn, vft®. den Toten -■an immer unvergeßlichen Gustav Wit-״ kowsky. '' - ־ ׳ ' ' ■ Dem Geist Ihres väterlichen Hauses entsprach Konsequenz in Arbeit lind Lebensführung. Ihr Vater, der ältere, aber gleichbleibend jugend frische Mann, kam als ein Gereifter zu uns, sdne Schrift bestärkte uns innerlich und half uns bei der Arbeit Sie und Ihre Geschwister waren bei uns Werdende. Daß Bruder und Schwestern in Palästina dem Aufbau treu und erfolgreich dienen, zeugt vom Ernst des Geistes, der bd Ihnen gepflegt wurde. ' Sie waren Zeit Ihres Lebens Poet und Künstlernatur, mit diesem Ihrem Werk anerkannt im deutschen Schrifttum weit über unsere Kreise hinaus. Sie haben aber Ihre Kunst und Ihr Können auch immer in den Dienst unserer Gemeinschaft gestellt, Predigt und Unterricht künstlerisch veredelt, in literarisehen Werken der Jugenderziehung gedient, in zahlreichen, wertvollen Aufsätzen und Vorträgen in all den Jahren unsere Idee entwickelt und unsere Sache gefördert. Sie waren ein Bekenner. Ausgegangen von einem Liberalis- ״',js, der Ihnen religiös und historisch als Basis der Erhaltung .indischer Eigenart nicht tragfähig erscheinen konnte, haben Sie den Weg, den schweren weg ״Zurück“ gefunden, zurück zu einem integralen Judentum, das nicht geneigt ist, auch nur eines seiner wertvollen Güter dem ״Zeitgeist“ zu opfern. Fünfzig Jahre sind kein Abschluß. Bei Ihnen gewiß nicht Sie waren uns eine Hoffnung. Wenn dn großer Freundeskrds, dem Sie und der Ihnen die Treue gehalten hat in schweren Tagen und in frohen, Ihnen Glückauf wüuscht, zunächst im Persönlichen für Sie und Ihr Haus, so erwartet er von Ihnen in herzlicher Dankbarkeit weitere Leistung und möchte, daß Sie uns eine Erfüllung werden. In alter Freundschaft Ihr Alfred Klee. Bronislaw Hubermann hat sich bei einem Bankett in H a i f a folgendermaßen über seine Beziehungen zu Palästina geäußert: ״Für mich selbst ist es nicht klar, weshalb ich zum zweitenmal nach Palästina kommen mußte. Ich glaube, daß mich hierzu das Gefühl bewogen hat, auf jedem ruhe die Pflicht, nach seinen Möglichkeiten an den Anstrengungen teilzunehmen, die in Palästina zur Verwirklichung des großen Werkes gemacht werden. Es ist sehr wichtig, die Verbindung zwischen Lurona und Palästina zu verstärken. Es wäre eine tragische Erscheinung, wenn das jüdische Volk die Verbindung mit Europa abbrechen wollte, an dessen Kultur bau sich die Juden in so hohem Maße beteiligt haben, weshalb ich auf mein Judentum stolz bin. Wenn Ich bis jetzt kein aktiver Zionist gewesen bin, so nicht deshalb, weil ich etwa ein schlechter Jude war, '0ndern aus dem Glauben heraus, daS nur Europa allein die Möglichkeit biete, den jüdischen Genius zu entwickeln. Allerdings hatte ich diesen Glauben, bevor ich die Opfer sah, die jn Palästina gebracht werden." Als Hubermann sich beim Ban- Mit verabschiedete, sagte er: ״Ich bin im Herzen immer mit Palästina gewts«n.“ Leo Motzkln wieder ln Pari». Der Präsident de® A.-C., Leo M 01 z k i n der infolge einer schweren Erkrankung im Süden Heilung suchen!wußte, und darum auch an der Januar-Tagung cs A.-C nicht teilnehmcn konnte, befindet sich wie- 1er in Paris und hat seine zionistische Tätigkeit wieder aufgenommen. Am II. Februar sprach er in einer großen Keren Hajessod-Versammlung der franzörischen Zionisten in P a r i S , in welcher Dr. Ale xan- «er Goldstein das Hauptreferat hielt, Zur neuen Kampagne des Keren Haiessod Von Leo Motzkin Im Jahre 1924 hat ein bekannter englischer Politiker, Ormsby Gore, in einer Sitzung der Mandatskommission gesagt, daß die Schaffung des Jüdischen Nationalheims im Verlauf von zehn Jahren durchgeführt (scttled) werden müsse. Da dieser Engländer zu den Freunden der Renaissance des jüdischen Volkes in Erez-Israel gehört, hat mich seine Bemerkung damals schon in hohem Maße bewegt. Etwas später hat in derselben Mandatskommission ein anderer Vertreter der englischen Regierung, und zwar ein solcher, der nicht zu unseren Freunden zählt, von der Verwirklichung des Jüdischen Nationalheims bereits wie von einem Experiment gesprochen. War der Ausspruch ein zufälliger oder der Widerhall einer in englischen Rcgierungssphären viel vertretenen Auffassung? Wie dem auch sei, jeden, der der Mission des Wiederauflebens des jüdischen Palästina sich widmete, mußten die beiden Aeußerungcn in schwere Besorgnis versetzen. In Wort und Schrift hat man mitunter die schwarzen Perspektiven einer eventuellen Unterbrechung der Aufbauarbeit zwecks Anfeuerung der Massen gekennzeichnet, wobei das jüdische Publikum mehr die durchsichtige Tendenz als die notwendigen Kon- Sequenzen beachtete. Niemand aber hat ahnen können, daß die Wirklichkeit den stärksten Pessimismus überbieten würde; die faktische Annullierung der durch das Mandat gewährleisteten Rechte neben der gleichzeitigen Versicherung der Festhaltung an dem Jüdischen Nationalheim ist eine Konibination, die durch ihren Zynismus am gefährlichsten ist. S. MSrz, Marmorsaal Wenn nun die Wirksamkeit des Keren Hajessod in einem solchen Moment ihr zweites Jahrzehnt beginnt, so wird wohl jeder denkende und fühlende Mensch es verstehen, welcher Mut und welche eiserne Energie dazu gehören, die Parole des Aufbaus Palästinas von neuem in großem Maßstabe hinauszutragen und von den Juden aller Lander abermals groß«, ja noch größere Opfer zu fördern, als sie bisher gebracht haben. Es ist nicht jetzt der Augenblick, um gegen das jüdische Volk, vor allem aber gegen die materiell kräftigen Elemente in ihm die sehr berechtigte Klage zu erheben, daß wir durch eigene Schuld das erste Dezennium, die besten Jahre, versäumt haben. Was wir vom Judentum in einer Zeit großer Bedrängnisse und fortwährender materiellen Krisen verlangt haben, waren Opfer, manchmal recht schwere Opfer, und wir wollen dabei nicht vergessen, daß es zehntausende von jüdischen Männern und Frauen gegeben hat, welche ohne Rücksicht auf alle Härten der schweren Arbeit in Palästina selbst sich gewidmet haben, daß es andererseits einzelne jiidische Gemeinschaften außerhalb Palästinas gab, welche sehr bedeutende Leistungen aufweisen und damit ein Ehrenblatt in der jüdischen Geschichte einnelimen. In aller Ruhe, wenn auch mit innerem Schmerz, kann man aber an der Frage nicht vorübergehen, die recht vielen vorzulegen ist: ״Hast Du in diesen verhältnismäßig fetten zehn Jahren gegenüber der großen Stunde des jüdischen Volkes Deine Pflicht erfüllt? Kannst Du erklären, daß Deine Leistung das Maximum dessen gewesen ist, was Du ztrr Sicherung der Zukunft Deines Volkes und der späteren jüdischen Generation zu tun vermagst?“ Im Sommer 1920 hat der Keren Hajessod für den Beginn der Aufbauarbeit die Schaffung eines Betrages von 23 Millionen Pfund proklamiert, an der im Laufe von fünf Jahren das ganze jüdische Volk teilnehmen soll. Heute mehr als je muß man eingedenk sein, daß wir im Laufe von zehn Jahren nur etwas mehr als den sechsten Teil dieser Summe aufgebracht haben. Heute weiß schon jedes Kind, daß, wenn die Judenheit politisch reif gewesen wäre und dem Keren Hajessod und dem Keren Kajemeth die von ihr geforderten und erwarteten materiellen Opfer gebracht hätte, wir in unserer politischen Hauptaufgabe in einem höheren Sinne als Sieger daständen. Wir haben aber ein Defizit an Einnahmen von etwa 20'4 Millionen Pfund gehabt. Ich habe mich niemals so geschämt wie während meines Aufenthaltes in Finnland, wo nur eine ganz kleine Judenheit von noch nicht zweitausend Seelen wohnt, als mir einige dortige Juden sagten, daß sie den Anspruch des Keren Hajessod in ihrem Lande nicht verstünden: sie hätten die ihnen für das erste Fünfjahr auferlegte Quote längst überschritten und verlangen darum von uns das Jüdische Nationalheim. Wie wenige jüdische Gemeinschaften könnten diese stolze Sprache führen? Vielleicht nur noch die südafrikanischen Juden! Sonst aber hat man fast überall selbst die noble Idee des Keren Hajessod in ein Schnorrertum mit völlig unzulängliehen Bettelstun men verwandelt Warum ich das alles zu Beginn der neuen Keren Hajessod- Kampagne sage? Um in dieser hochpolitischen Zeit noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, daß die Leistungen für den Katen Hajessod einen wesentlichen Teil der politischen Aktion für das Jüdische Nationalheim bedeutet haben. Wenn man sich ein für allemal klar sagt, daß wir selbst bei ungenüender politischer Konjunktur und bei passivem Verhalten er Mandataraiacht gegenüber dem Jüdischen Nationalheim in den verflossenen zehn Jahren unser Ziel hätten erreichen oder dessen Erreichung wenigstens hätten sichern können, dann werden sich sicherlich viele im Innern ihres Herzens sagen, daß sie an unserem letzten Debadc mitschuldig sind, und möglicherweise werden sie über die. geschaffene Lage einen gewissen Schmerz empfinden. Mit diesem Schmerz ist aber dem jüdischen Volk gar nicht geholfen, solange dies nicht in Leistungen zum Ausdruck kommt. Ihnen allen soll aber gesagt werden, daß der Beginn der Kampagne des Keren Hajessod einen neuen und mutigen Anlauf zum weiteren Aufbau bedeutet. Gewiß wird unsere Rettungsaktion verschiedenartig sein: Kampf um unser Recht a;1f Palästina, Konsolidierang aller uns befreundeten Personen und Gruppen, organtsatorlsche Feststellung, daß hinter uns Millionen stehen, welche auf die Rechte auf Palästina nicht verzichten und daher kämpfen werden, Zusammenschmiedung aller unserer Kräfte mit allen Merkmalen der Selbstaufopferung, schließlich aber auch Schaffung weiterer materieller Mittel. Erstens, was letzteren Punkt anbetrifft, wird es noch immer Möglichkeiten geben, die Aufbauarbeit in Palästina zu entwickeln. Zweitens aber hängt unser ganzes Gewicht, unser Prestige, unsere Kampffähigkeit auch davon ab, in welchem Maße wir unsere materielle Kraft und unsere Arbeitspotenzen gegenüber den offenen und verkappten Feinden zeigen können. Es ist naiv und kindlich zu proklamieren, daß wir den gegrn uns gerichteten Akten zum Trotz unsere Finanzstärke zeigen wollen, cs ist aber nicht naiv und sehr ernst, wenn durch unsere Leistungsfähigkeit und Opferwilligkeit der Beweis erbracht wird, in welchem Maße wir mit unserem Palästinaideal verbanden sind. Nicht jemandem;um Trotz, wohl aber zwecks Erfüllung unserer Höchstpflicht müssen die Juden überall in diesem Jahre mit Bezug auf die Finanzinstitute des Palästina-Aufbaus weit größere Resultate erzielen. Nie ist die, Sammeltrommel von solcher Heiligkeit umgeben gewesen, wie in dem jetzigen Moment, der voll ist von Ungerechtigkeit gegen das jüdische Volk. Nicht nur durch logische Einwände und durch scharfe Analysen, nicht nur durch die Vorführung historischer Tatsachen und durch Kundgebungen des Unwillens, sondern ebenso durch unsere Leistungen wollen wir unsere Feinde entwaffnen, und denen, welche, sei es aus Haß, sei es aus Verwirrung, sich gegen uns gewandt haben, müssen vir auch auf dem Gebiete der Finanzmittel vor Augen führen, daß das jüdische Volk sich den neuesten Angriff nicht bieten lassen und mit allen Mitteln dieser! Angriff ab wehren wird. Wir haben begonnen, in das Land unserer Väter zurückzukommen, um dort für uns selbst ein neues Leben zu ge• winnetj und die anderen ebenfalls emporzuheben. Wir werden diesen Weg genau so weiter gehen, auch wenn er jetzt um 60 viel schwieriger geworden ist. Die Leitung des Keren Hajessod und ihre Mitarbeiter sind deswegen gerade im gegenwärtigen Moment besonders warm zu begrüßen und zu stärken. Ein Standardwerk Prof. Dr. Heinrich Silbergleit: Die Bevölkerung5• und Berufsverhältnisse der Juden Im Deutschen Reich. 1. Freistaat Preußen. Akademie-Verlag. Berlin 1930. X u. 121 u. 348 S. Gr. 8°. Brosch. 28 RM., geh. 30 RM. Damit statistische Werke ihre rechte Wirkung ausüben, müssen zwei Bedingungen Zusammentreffen: sie müssen richtig geschrieben und richtig gelesen werden. Dem großen Werke von Silbergleit wünschen wir vor allen Dingen das Zweite, denn die erste Bedingung erfüllt es in beinahe vollkommenem Maße. Hier hat efa Altmeister der Statistik — er war viele Jahre Leiter des Statistischen Amtes der Stadt Berlin — das ungeheure Material der preußischen Statistik bearbeitet (ein zweiter Band; der das übrige Reich behandelt, soll Totgen), aut Grund der Volkszählung vom Jahre 1925, mit strengster Methodik, deren Logik und Feinheit bei eindringendem Stildium immer wieder Bewunderung erregt. Die große Zahl derer, die an einzelnen Problemen des Bevölkerungsaufbaus und der wirtschaftlichen Betätigung der Juden interessiert sind, findet jetzt in diesem Werk den Stoff mit höchster Objektivität ״esichtet und vorbereitet, und es wird viele Jahre dauern, bis diese Fundgrube des Wissens über die deutschen Juden nach allen Richtungen ausgewertet und ausgeschöpft sein wird. Das Werk behandelt zunächst die Bevölkerungsstatistik in allen durch eine Volkszählung erreichbaren Zweigen, dann in einem zweiten Hauptteil die Berufsverhältnisse. Hierbei ist ein besonders dankenswerter Fortschritt der Erkenntnis dadurch gegeben, daß nicht nur die Wirtschaftszweige und -gruppen dargestellt sind, sondern auch der individuelle Beruf. Dem eigentlichen Tabellenwerk, das den Hauptteil des Buches ausmacht, geht ein textlicher Teil voran, den der Verfasser bescheiden eine Einführung nennt, der aber in Wahrheit durch die Einfügung der Haupttabellen und durch die Erläuterung und Diskussion der Zahlen für den Nichttachmann das eigentliche Rückgrat des Buches Ist. Von besonderer, auch politischer und wirtschaftspolitischer Bedeutung wird das Werte dadurch, daß zum erstenmal In erschöpfender Weise die ausländischen Juden in Preußen berücksichtigt und in allen Tabellen besonders ausgeglfedert sind; ferner dadurch, daß überall, wo es möglich war, die Verhältnisse der preußischen Großgemeinden Berlin, Breslau, Frankfurt a. M. und Köln gesondert dargestellt sind. ln einem einleitenden, sehr interessanten Abschnitt gibt Silbergleit die geschichtlichen Materialien über die preußischen Juden bis ins 18. Jahrhundert und weiter rückwärts. Erst hieraus wird die Verteilung und Entwicklung der Judenheit in Preußen int 19. und 20. Jahrhundert verständlich. Im Jahre 1817 (Tab. 6) gab es in den östlichen Provinzen, wie heute nur noch Ln Osteuropa, noch Städte mit jüdischer Mehrheit. Das Städtchen Lissa in Posen hatte bei 8000 Einwohnern ebensoviel Juden wie Berlin bei 190000. Vor der großen Tabelle8, die eine Bilanz der Bevölkerung (und der Juden) für alle Volkszählungen von 1SI6 bis 1910 gibt, kann man stundenlang sitzen und sieht hinter den Ziffern das äußere Wachstum und den biologischen Verfall der preußischen Juden. Ihre Geburtenziffer war um 1S30 noch 32,3 °/0״, um 1910 aber genau die Hälfte, 16,6%״. Der Ueberschuß der Geburten über die Sterbefälle war 1830 noch 13,5 %fl (bei der Oesamt- Bevölkerung 13,9), 1910 aber nur noch 1,7 (Gesamtbevölkerung 15,0!)! Untergang der Juden! Dann folgt ein Abschnitt über die räumliche Verteilung der Juden und ihre Veränderung seit 1910. Wer zu leset! verstellt, sieht hier die großen Linien der Entwicklung, die noch heute weitergeht. — Eine Zusammenstellung und Diskussion dieser Dinge gibt das nächste Kapitel: De Entwicklung seit der letzten Friedeiisvolkszählung und die Rcichsausländer. Hierbei sind in mühevoller Rechnung die durch den Krieg erfolgten Gebietsveränderungen berücksichtigt. Das Ergebnis der Bevölkerungsbewegung für die Juden ״ist nicht mehr krisenhaft, das ist vollständiger Zusammenbruch der jüdischen Bevölkerungsentwicklung von innen heraus!“ (S. 38). Seit 1924 übersteigt bei den preußischen Juden die Zahl der Sterbefäße die der Geburten! Die preußischen Juden halten ihre Existenz nur noch aufrecht durch den Zuzug von Ostjuden. Deren Zahl betrug 1825 nicht weniger als 18,63 90־ der preußischen Juden, in Berlin sogar 25,4 ®'o. Die nächsten Abschnitte behandeln die Zahlen der beiden Geschlechter und der Altersgruppen. Bei der Berechnung des Altersaufbaus der Judenheit zeigt Silbergleit, daß die Zahl der gebärfähigen Jüdinnen, die schon heute im Sinken ist. bereits 1940 um dn wdteres volles Viertel gefallen sein dürfte — dn Phänomen wahren Aussterbens! — Die jüdische Bevölkerung zeigt eine vollkommen unnatürliche Schichtung der Altersklassen, sic ist schon jetzt durch ihren Kindermanget ״überaltert“ und wird das von Jahr zu Jahr mehr. So kann die Zeit nicht mehr fern sein, wo auch die Sterblichkeit der deutschen Juden die der Gesamtbevölkerung übersteigen wird. Eindringlicher als irgendeine schriftstellerische Kunst es vermöchte, führen uns hier die beredten Zahlen die Schwere dieser Probleme vor Augen, die für die Zukunft des deutschen Judentuins entscheidend sind.