Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 10 (6.2.1931)
- Date
- 1931-02-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 64 JUEDTSCHE RUNDSCHAU Nr. 10, 6. It 1031 Aus den Gemeinden Jüdische Noihilfe Wie wir seinerzeit berichtet haben, hat die Repräsentanten- Versammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde in ihrer Sitzung vom 14. Dezember 1030 in Anbetracht der vorhandenen und stetig wachsenden Not weiter Kreise der Berliner jüdischen Bevölkerung einstimmig eine Reihe von Maßnahmen zum Zwecke der Linderung der krassesten Erscheinungen der akuten Bedürfnisse beschlossen. Zur Deckung dieser außerordentlichen Ausgaben wurde der Gemeindevorstand bevollmächtig(, die zur Durchführung von Hilfsmaßnahmen für den Winter notwendigen Mittel auf die ihm geeignet erscheinende Weise zu beschaffen. Demgemäß hat der Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde in seiner Sitzung vom 16. Dezember einstimmig beschlossen, an die Gemeindemitglieder mit einer Steuer- Nach Veranlagung für das Jahr 1930 in der Höhe eines Monatsbeitrages der Gemeindesteuer als jüdisches Notopfer heranzutreten. Durch diese Nachforderung steigert sich der Steuersatz für die Jüdische Gemeinde auf 10% 0׳״ der Reichseinkommensteuer. Das ist ein Steuersatz, der hinter dem Satze anderer jüdischer Großgemeinden in Preußen erheblich zurückbleibt. In Breslau beträgt er 14 0/0 der Reichseinkommen- Steuer, in Frankfurt a. M. 15 «jo, in Köln 162/s 0/0 usw. Parallel mit den Bemühungen der Berliner jüdischen Gemeinde geht auch eine Aktion der Zentralwohlfahrts* stelle der deutschen Juden. Vor einigen Tagen hat der Vorsitzende der Zentralwohlfahrtsstelle, Dr. Leo Baeck, einen Aufruf versandt, in welchem er von' hoher menschlicher, jüdischer und sittlicher Warte diejenigen Kreise der jüdischen Bevölkerung, welche von der Wirtschaftskrise noch Verhältnismäßig verschont geblieben sind, an ihre besondere Pflicht mahnt, in diesen Zeiten der außerordentlichen Not die traditionelle jüdische Opferwilligkeit zur Lind erung von Hungerund Kälte zu bekunden. Wir haben schon mehrfach darauf hingewiesen, daß die allgemeine Wirtschaftskrise in Deutschland sich hinsichtlich der Juden spezifisch auswirkt. Gerade innerhalb der jüdischen Bevölkerung sind weite Kreise, die früher dem Mittelstände ange■ hörten und selbständig gewesen sind, durch die Wirtschaft«- krise besonders ,schwer betroffen worden. Es handelt sich vielfach um Menschen vorgeschrittenen Alters, die während der Inflationszeit ihre Ersparnisse eingebüßt haben, und nachher sich gezwungen sahen, neuerdings ins Erwerbsleben zu treten. Die wirtschaftliche Entwicklung und ihre Konzentration des Handelskapitais erschwerte die Neugründung von Zwergbetrieben außerordentlich und die in den letzten Jahren cingetretene ungeheure Arbeitslosigkeit gab den sogenannten ״selbständigen“ kleinen Unternehmungen und Käufleuten den Rest. Dadurch sind weite Schichten des jüdischen Mittelstandes pauperisiert und figurieren nicht einmal in der Liste der Arbeitsuchenden, da sie gar keinen Anspruch darauf haben, als Unterstützungsempfänger aus der allgemeinen staatlichen Arbeitsiosenunterstützung betrachtet zu werden. Diese Kreise fallen restlos der Wohltätigkeit anheim. Es dauert oft viele Monate, bis sich ein ehemaliger selbständiger nunmehr verarmter Unternehmer oder Kaufmann dazu entschließt, den bitte• ren Weg zu den. Wohlfahrtsämtern anzutreteu. Das Fatale ist. da» difese Wofilfährtslhtfer, sowohl die städtischen wie auch ÄSs Wohlfahrtsamt dar Jüdischen Gemeinde, durch die exorbitanten Ansprüche, die an sie gestellt werden, Kaum in der Lage sind, irgendeine nur halbwegs wirksame Hilfe zu gewähren. Die Berliner Jüdische Gemeinde unterhält eine Reihe von Wohlfahrtsinstitutionen, wie Waisenhäuser, Alterversorgungsanstalten, Hospitäler und Krankenhäuser, die ihren regelmäßigen Etat haben und den an sic gestellten Anforderungen räumlich gar nicht zu entsprechen vermögen. Außerdem steigern sich die Bedürfnisse des Wohlfahrtsamtes von Jahr zu Jahr ins Unermeßliche. Im Jahre 1929 hat das Wohlfahrt«- amt der Jüdischen Gemeinde für Unterstützungen 9S3 000 M. ausgegeben, für das Jahr 1930 war etatmäßig für diese Zwecke ein Betrag von 1 144 000 M.. vorgesehen. Mit diesem Betrage konnte man kein Auslangen finden und es wurden weitere 150000 M. nachbewilligt. Aber auch diese Beträge reichen bei weitem nicht aus, um den dringlichsten Unterstützungsgesuchen, die zur Befriedigung der primitivsten Lebensbedürfnisse (Wohnung, Heizung, Nahrung und Kleidung) seit Beginn des Winfers an das Wohlfahrtsamt herantreten, auch nur einigermaßen gerecht zu werden. Den Steuerträgern ist die Nachforderang einer Steuerleistung für das Jahr 1930 natürlich nicht angenehm. Wenn man aber bedenkt, daß in diesen Zeiten der furchtbaren jüdisehen Not die Verpflichtung jedes Einzelnen gegenüber den Notleidenden sich steigern muß, so ist anzunehmen, daß alle einsichtigen Mitglieder der Berliner Jüdischen Gemeinde die Maßnahme des Gemeindevorstandes gutheißen werden. Eine Selbstverständlichkeit Von Harry Epstein. _ ״Ich gebe nicht nur für meine Person, sondern auch für meine Freunde ohne Unterschied der religiösen Einstellung die Erklärung ab, daß wir nie daran gedacht haben und nie daran denken werden, einen Menschen wegen des Ortes seiner Geburt anders zu behandeln, sei es rechtlich, wirtschaftlich oder gar sozial. Das ist eine solche Selbstverständlichkeit, daß liierüber gar nicht gesprochen werden sollte.“ Das sind Worte des Herrn Rechtsanwalt Heinrich Stern vom 14. Dezember 1930. Rechtsanwalt Stern ist der Vorsitzende der Vereinigung für das liberale Judentum. Er tat iu letzter Zeit mehrfach ähnliche Aeußerungen in der Öffentlichkeit und stützte sich dabei auf Richtlinien seiner Partei aus dem Jahre 1921. Stern ist der Führer. Er ist dafür verantwortlich, daß die Rieht- Linien befolgt werden. Er nennt die Gleichstellung aller Juden eine Selbstverständlichkeit. Damit hat er recht. Aber unrecht hat er mit dem Verlangen, über diese Selbstverständlichkeit sollte nicht mehr gesprochen werden. Es muß so lange darüber gesprochen werden, bis Herr Stern aus seinen Worten Taten macht. Wir feiern in diesem Jahre ein Jubiläum: Die Periode des Kampfes der Liberalen gegen die Selbstverstündlichkeit begann vor einem Vierteliahrhundert in Köln und währt bis zum heutigen Tag. Starke Kräfte sind dem deutschen Judentum durch diese unausgesetzten Angriffe und ihre Abwehr entzogen worden. Das Ansehen der deutschen Juden in der jüdischen und nicht jüdischen Welt hat darunter gelitten. Die Kämpfe .erschütterten viele Gemeinden jahrelang und eine Beruhigiing trat immer erst ein, wenn der Angriff auf die Gleich- Berechtigung eines Teils der Juden abgeschlagen war. Ueber jeden einzelnen dieser zahlreichen Kämpfe wurde seit 25 Jabreu in der jüdischen Presse und in anderen Veröffentlichungen berichtet. Zahlreiche Aufsätze erschienen. In ihnen wurde appelliert an die ״Vereinigung für das liberale Judentum“, an den .,Centralverein“, an die Bne-Brith-Logen, deren Programmen der Rechtsraub widerspreche. Während der 25 Jahre ist es nicht vorgekommen, daß diese Organisationen und ihre Presse die Freunde auch nur in einen einzigen Falle preisgegebea hätten. Wenn sie Stellung nahmen, verteidigten sie das Unrecht. In diesen Blättern waren kürzlich (unvollständig) 29 liberale Gemeinden aufgezählt, in denen noch jetzt die Ostjuden entweder nicht einmal Mitglieder sein können oder keine oder nur beschränkte Rechte haben. In einer viel größeren Zahl von Gemeinden mit liberaler Mehrheit wird das Ziel völliger Entrechtung der ostjüdischen Minderheit einfacher erreicht durch Dreiklassen- oder Mehrheitswahlrecht. Diese zum Teil großen Gemeinden erklärten in den letzten Jahren wiederholt, den bisherigen Zustand wegen der ״Ostjuaengefahr“ nicht ändern zu wollen. Manche ״schenkten“ aber der Minderheit zur Beslnftigung wenige Mandate und behielten sich dabei meistens die Auswahl ihnen genehmer Kandidaten vor. Andere häufig angewandte Mittel zur Entrechtung der Minderheit sind Zensus und Karenzzeit. Es bestand und besteht also ein reiches Arbeitsfeld für die Führerschaft des Herrn Stern. Unsere Presse wandte sich in den 25 Jahren nicht nur gegen den Rechtsraub, sondern auch gegen die Methoden, mit denen die Liberalen ihn durchzusetzen suchten, gegen die zahlreichen Denunziationen bei den Behörden, die niedrigen Beschimpfungen und Bedrohungen der Ostjuden. Nichts geschah. Der übliche Einwand der die Ostjuden entrechtenden Liberalen geht dahin, daß jene immerhin als Ohjekt der Wohltätigkeit Berücksichtigung fänden. Aber selbst dieser Einwand, der natürlich Unrecht nicht in Recht verwandeln kann, beginnt unrichtig und das alte Wort eines angesehenen Rabbiners beginnt richtig zu werden: Die Assi- Inflation ist die Emanzipation von der Nächstenliebe. So war in der Presse wiederholt von der Boykottierung der Ostjuden Leo gollanin singt jüdische Volkslieder am Dienstag, den 10. Februar, abends 8 Uhr, in der Singakademie, Am KastBnlenwSldchsn Karten zum Praia• von RM t—, 2.—, 3.4 ,״.— und 9.— Im Büro dar B, Z. V., MalnakastraS« 10 (Blamarek 7169), an dan Konzartkaasan von Bat• 9 Book, Warthalm, In dar habrltachan Buchhandlung Banzar, Oranianburgar Str. 26 und Branadlaratr. 34, und an dar Abandkaaaa auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege zu lesen. Weshalb dürfen die Herren in Chemnitz, Leipzig, Hannover, Mainz und all den anderen Orten, die gegen die liberalen Richtlinien verstoßen, immer noch Führerposten in, ihrer Organisation beide(- den, Herr‘Stern? ׳Weshalb wird Herrjustizrat Dr. Brodnitz, der Verächter Ihrer Selbstverständlichkeiten, von Ihnen in den Landesverband gewählt? Weshalb darf der Generalsekretär Ihrer Partei gegen deren Grundsätze agitieren? Ihre Beteuerungen haben erst in dem Augenblicke Wert, in dem Sie mit ihnen Ernst machen. Mit brutaler, nicht unsympathischer Aufrichtigkeit enthüllte kürzlich Herr Mecklenburg seine Mißachtung demokratischer Grundsätze, da es ihm nur auf die Erhaltung der Macht ankomme, eine hübsche Antwort auf den Vorwurf des liberalen Führers Dr. Breslauer, wir verfolgten unsere parteipolitischen Ziele unter dem Deckmantel der Demokratie. In diesen 25 Jahren riefen wir oft den Centralverein an. Von seinen Freunden, seinen Führern wurden die Ost- Judenverfolgungen betrieben. Der Centralverein will die Juden vor Unterdrückung und Entrechtung schützen. Er läßt aber den Rechtsraub an Juden dann zu, wenn es Juden sind, die Juden entrechten. Er lehnte es ab, den Bekämpfen! der Einheit des Judentums das Handwerk zu legen. Mit dieser Begründüng: ״Ein Verein wie der unsrige muß die Juden einen und stets bemüht sein, alles Trennende innerhalb des Judentums zu beseitigen, um nach außen energisch dazustehen“. Der Vorsitzende des Centralvereins, Justizrat Dr. Brodnitz, sprach sich öffentlich gegen die Gleichberechtigung der Ostjuden aus. Entgegen den christlichen Ministern von Rheinbaben und Heine, die erklärten: Was den christlichen Ausländern recht ist, ist den jüdischen Ausländern billig. Wir appellierten in diesen 25 Jahren auch an die jüdische Jugend. Hier glaubten wir Gehör zu finden. Hätte die Jugend gewollt, sie hätte die empörenden Zustände verhindern können. Sie hat das nicht getan. Der junge Centralvereinler Hermann Gerson klagt in einem Artikel ״Deutsch-Jüdisch“: ״Wir müssen mit ansehen, wie unter der Flagge, Wahrung der deutsch-jüdischen Interessen“ die Ostjuden in den Gemeinden entrechtet und im ganzen als Zweitrangige behandelt werden.“ Weshalb muß er das mit ansehen? Weshalb handelt er nicht? Die Jugend ist neutral im Kampf zwischen Recht und Unrecht, liberal gegenüber den Verächtern der Freiheit. Unser Ruf fand taube Ohren, bei den Liberalen, beim C.-V,, bei der Jugend, bei den Logen. Wir haben von andern nichts zu erwarten. Was erreicht worden ist, haben wir allein erreicht, ohne sie, gegen sie. Es besteht nur eine Gefahr: daß der Kampf uns zermürbt und schwach macht, daß wir der Politik des kleineren Uebels folgen und eine geringere Entrechtung in den Kauf nehmen, um einer größeren zu entgehen. Wo die unsrigen so handelten, sind wir ihnen öffentlich entgegengetreten. Das Recht kennt keine mittlere Linie. Es gibt nur e i n Recht. Wir dürfen niemals zu einer Entrechtung von Juden Ja sagen. Die jüdische Schule Zweiter kontradiktorischer Abend der Volkshochschule. Am 2. Februar fand unter dem Vonsitz von Prof. Dr. Gotthold Well im Logenhaus zu Berlin der zweite der von der Freien Jüdischen Volkshochschule veranstalteten kontradiktorischen Abende statt, an dem R.-A. Dr. Walter Breslauer und R.-A. Dr. Max Koilenscher die Frage ״Brauchen wir eine jüdische Schule?“ erörterten. Das Zwiegespräch wurde von Dr. Breslauer eröffnet, der darauf hinwies, daß seit der Emanzipation für die höhere Schule der Grundsatz des allgemeinen Charakters gelte. Nach den Satzungen der Jüdischen Gemeinde gehöre zu ihrem Aufgabenkreis nur die Sorge für den Religionsunterricht und die Erhaltung bestehender Schulen. Die Beweislast für die Möglichkeit und Notwendigkeit eigener höherer jüdischer Schulen treffe daher diejenigen, die für diese Forderung eintreten. Der von Dr. Klee Im Verlauf des letzten kontradiktorischen Abends geäußerten Ansicht, die Liberalen seien auf Grund ihres Programms verpflichte^ die jüdische Schule des Eltern, die sie I wünschen, zuzugestehent könne Redner nicht beistimmen. Abgesehen davon, daß religiöser Liberalismus nicht identisch sei mit politischem Liberalismus, werde vom politisch-liberalen Standpunkt, der in kulturellem Sinne auch vom Sozialismus geteilt werde, die Weltlichkeit der Schule und der obligatorische Besuch der öffentlichen Schule gefordert. R.-A. Dr. Koilenscher erklärte, er wolle in seinen Gedankengängen nicht von einem deutsch-politischen, sondern von einem jüdischen Gesichtspunkt ausgehen. Es müsse untersucht werden, wie im Rahmen der Gesetzgebung eine jüdische Schule möglich, und inwiefern sie vom jüdischen Standpunkt wünschenswert sei. Grundsätzlich dürfe eine Begrenzung des Eltern rechtes nur durch gesetzliche Bestimmungen anerkannt werden. Zwischen der jüdischen Schule, wie sie von ihren Anhängern In Deutschland gefordert werde, und der deutschen Schule bestehe keinGegensatz. Die jüdische Schule müsse sich in das deutsche Unterrichtswesen eingliedern, sie werde deutsche Unterrichtssprache und den allgemeinen deutschen Lehrplan haben; die gesetzliche Forderung, daß die Erziehung im Sinne des deutschen Volkstums und deutscher Staatsbürgerlteher Gesinnung geleitet werden müsse, könne von der j&disehen Schule durchaus erfüllt werden. Es handle sich bei der jüdischen Schule durchaus nicht um eine nationale Minderheitsschule. Wirkliche Simultanschulen gebe es in Preußen nicht, habe doch sogar Unterrichtsminister Becker anläßlich der Einweihung der Simultanakademie in Frankfurt gefordert, daß in der Anstalt christliche Gesinnung gepflegt werde. Im weiteren Verlauf der Debatte wollte R.-A. Dr. Breslauer die Probleme der höheren und der Elementarschule getrennt behandelt sehen. Die Reichsverfassung kenne nur eine allgemeine höhere Schule. Wenn auch anerkannt werden müsse, daß sich an den Schulen der Rassenantisemitismus stark bemerkbar mache, so sei doch der ausgesprochen Christliehe Geist in der Schule zurückgegangen. Uebrigens könnten innerpolitische Verhältnisse eintreten, unter denen jüdische Klnder nicht mehr wie heute an manchen Schulen Anfeindungen begegnen. Es dürfe keinesfalls der seit 100 Jahren vor sich gehende Prozeß der Eingliederung der deutschen Juden in das deutsche Kulturleben unterbrochen werden. Was die Elementarschule anbelangt, würden die Liberalen aus Gründen der Parität für staatlicnejüdischeSchuIen eintreten, solange der Staat evangelische und katholische Schulen errichtet. Eine Finanzierung der jüdischen Schule aus Steuergeidera der Jüdische« Gemeinde wäre für liberale Gemeindemitglieder unerträglich und müßte die jüdische Einheitsgemeinde erschüttern. Demgegenüber betonte R.-A. Dr. Koilenscher, niemand wünsche die kulturelle Gemeinschaft mit dem Deutschtum zu sprengen. Doch müsse dafür gesorgt werden, daß die jüdisehen Kinder in einem Milieu erzogen werden, in dem sie frei sind von allen durch Unterdrückung entstandenen Hemmungen. In einer jüdischen Schule würde es möglich sein, auch außerhalb der Religionsstunde jüdische Stoffe zu behandeln und die Ideale von Heldentum, Tugend und Schönheit der Jugend nicht nur an nichtjüdischea Beispielen zu demonstrieren. Es bestehe ein starkes Bedürfnis nach der jüdischen Schule. Schon heute besuche jedes sechste jüdische Kind die jüdischen Gemeindeschulen,. Für. das neue Schuljahr liegen 400 Anmeldungen vor. Die frage der Finanzierung der jüdischen Schule dürre nicht vom Gesichtspunkt der augenblicklich verfügbaren Mittel, sondern nur von dem der Notwendigkeit beurteilt werden. Die jüdische Schule gehöre seit jeher zum Aufgabenkreis der Oemeinde, genau so, wie die Errichtung von Synagogen und Begräbnisstätten. Sie müsse ebenso wie das WohTfährtswesen der Gemeinde zusätzlichen Charakter tragen. Selbst in der Zeit der Emanzipation, da das Streben nach Aufgehen In der deutschen Umgebung besonders stark war, habe man nicht da raut verzichtet, eigene höhere jüdische Schulen zu errichten. Die beiden Diskussionsredner ernteten für ihre ungemein instruktiven Ausführungen den lebhaften Beifall eines vielhundertköpfigen Auditoriums. Gemeindewablen 10 Dresden Am 25. Januar fanden ln Dresden die Wahlen in die Jüdische Gemeinde, zum ersten Male nach dem Grundsätze v ö 1 liger Gleichberechti gung von In- und Auslindern statt. Von 1300 Wahlberechtigten beteiligten sich 900 an der Stimmenabgabe. Gewählt wurden von der liberal-volksparteilichen Einheitsliste die 5 Vorstandsmitglieder und 12 Gemeindeverordnete. Eine konservativ-ostjüdische Querliste gewann 3 Sitze des Gemeindeverordneten-Kollcgiums. Insgesamt sind 7 zionistisch-volksparteiliche Mandate zu verzeichnen, von denen 2 mit den Herren Hermann Schocken und Dr. John Lew als Vertreter der zionistischen Ortsgruppe Dresden besetzt sind. Der Vorsitzende der Volkspartei, Dr. Schornstein, ist nicht gewählt, da er auf der volksparteilich-liberalen Einheitsliste an einer der letzten Ste'len stand und gegenüber der Querliste unterlag. Dr. Schornstein lehnte das Angebot volksparteilicher Mandatare, ihr Mandat niederzulegen, damit Dr, Schornstein als Gemeindeverordneter aufrücke, ab. — Dieser Wahlausgang wird völlig unbegründeterweise von manchen Seiten als Ergehnis von Unstimmigkeiten zwischen Zionisten und Volksparteflern bezeichnet. Es dürfte vielmehr in den verworrenen Verhältnissen der Dresdner Jüdischen Gemeinde liegen, daß eine in den letzten Wochen auf den Plan getretene Querliste ohne ein geschlossenes Programm in der Lage gewesen ist, eine namhafte Zahl von Wählern auf sich zu vereinigen. Hannover. Che Jüdische Gemeinde hat zwar ein neues Statut geschaffen, das Ballotage-Prinzip wird aber lustig weiter gehandnabt, selbstverständlich so, daß die Herrschaft der Gemeindereaktion niemals erschüttert werden kann. Die Auf* nahmekommisston der Gemeinde zieht Auskünfte ein über folgende Fragen: a) Vermögens- und Einkommensverhältnisse, b) wie lange in Deutschland bzw. in Hannover ansässig, c) weiche Staatsangehörigkeit, d) welchen Ruf genießt der Be* treffende? So wird also dem Kandidaten, der der Ehre teilhaftig werden soll, der Gemeinde Hannover anzugehören, moralisch Maß genommen. Ein Ostjude, der als Abgeordneter die Juden Hannovers im Preußischen Landesverband Jüdischer Gemeinden vertritt und seit Jahrzehnten in Hannover lebt, wurde nicht gewürdigt, Mitglied dieser Gemeinde zu sein. Im ״Hamburger Israelitischen Familienblatt“ entwickelt der neugewählte Fraktionsvorsitzende der liberalen Repräsentanten in der Berliner Jüdischen Gemeinde das liberale Gemeindeprogramm für die zukünftige Verwaltungsperiode. Herr Rosentna 1 spricht sich gegen eine Erhöhung der Gemeindesteuern, gegen eine Verwendung der Steuern für gemeindefremde Zwecke, für einen Abbau des jüdischen Schul- Werkes bzw. für eine Uebergabe der bestehenden Gemeinde- Volksschulen an die Berliner Kommune, für eine Reorganisation des Wohlsfahrtswesens und für eine paritätische Vertretung aller Richtungen im GemeindevorstaJKi und allen Gemeindebehärden aus.