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Jüdische Rundschau · 1931-01-30 · Heft 8 (30.1.1931) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 8 (30.1.1931)
Date
1931-01-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 52 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 8, 30. L 1031 Der Zollkonflikt zwischen Palästina und Aegypten Die Palästina-Regierung veröffentlicht folgende Mitteilung über die Entwicklung der Zollverhandlungen zwischen Palästina und Aegypten, die bekanntlich vor kurzer Zeit zu zollpoütisehen Auseinandersetzungen von erheblicher Tragweite führten. Am 16. Februar 1930 erlosch die Gültigkeit des Handels- Vertrages zwischen Aegypten und Palästina, der den beiden Ländern gegenseitige Meistbegünstigung gewährte. Am gleichen Tage ist ein neuer ägyptischer Zolltarif in Kraft getreten, der einen Minimal-Zolltarif für den Import aus solchen Ländern vorsieht, mit welchen Aegypten spezielle Handelsvertrage geschlossen hat. Für alle Importe aus anderen Ländern wird ein Zuschlag von 100 °,'o erhoben. Die englische Regierung leitete sofort namens der palästinensischen Regierung Verhandlungen zwecks Aufrechterhaltung eines kommerziellen modus vivendi ein, der Palästina und Transjordanien die Vorteile des Minimaltarifs sichern sollte. Die ägyptische Regierung erklärte sich mit der Anwendung dieses Minimaltarifs bis zum Abschluß der Verhandlungen einverstanden. Die Verhandlungen verliefen erfolgreich. Die betreffenden Noten, die den modus vivendi in bezug auf Palästina herstellten, wurden in der ״Offidal Gazette״ vom 1. Dezember 1930 veröffentlicht. In dem Minimaltarif, der am 16. Februar 1930 in Kraft bat, waren jedoch gewisse Zollerhöhungen eingeschlossen, die den Frucht- Import aus Palästina, besonders den von Melonen, Bananen, Orangen und Mandeln empfindlich betroffen haben. Diese Sätze wurden in der Folge noch weiter erhöht, so daß Anfang Dezember die entsprechenden Zölle folgende Höhe erreicht hatten: Zollsatz pro Tonne: Januar 1930 Dezember 1930 Melonen 300 Mils Bananen £P 1.700 * Orangen — Mandeln ״ 4.000 ״ £P 1.000 12.000 ״ 2.500 * 7.000 ״ Der Gesamtwert 'des Exports allein dieser vier Fruchtgattungen aus Palästina nach Aegypten betrug Im Jahre 1929 115 000 Pfund. Sofort nach Bekanntwerden der Erhöhung wurden von der palästinensischen Regierung energische Vorstei* Hingen erhoben, um eine Reduzierung dieser Sätze zu erreichen. Es wurde betont, daß die palästinensischen Früchte auf dem ägyptischen Markte keine Konkurrenz mit den ein* heimischen Sorten bedeuteten, daß sie bisher in keinem Falle den ganzen ägyptischen Bedarf deckten und daß der Transport mit der Eisenbahn ab Kantara eine nicht zu unterschätzende Einnahmequelle für die ägyptische Staatsbahn dargestellt habe. Um diese Vorstellungen zu unterstützen, wurde der Leiter des Landwirtschaftlichen Departments der Regierung beauftragt, nach Aegypten zu fahren, um dort in einer Aussprache nut dem Vorsitzenden des ägyptischen Zollkomitees die Möglichkeit für die Gewährung gegenseitiger Kon- Zessionen zu untersuchen. Die palästinensische Regierung war bereit, als Gegenleistung für eine Herabsetzung ägyptigeher Importzölle auf Früchte, die palästinensischen Produkten auf dem ägyptischen Markte begründete Absatzaussicht bietet, der ägyptischen Regierung gewisse Herabsetzungen des Einfuhrzolles auf hauptsächlich von Aegypten importierte Güter zuzusichern. Col. Sawer konnte in Aegypten die einschlägigen Fragen mit den zuständigen Beamten der ägyptischen . Regierung. •dttgehend י diskutieren^ Von diesen wurde dabei erklärt, daß die ägyptische Regierung beschlossen habe, den ausländischen Fruchtimport durch die einheimische Produktion zu ersetzen, um damit die In Aegypten bestehende Landwirt* schaftskrise zu mildern. Es sei für diese Politik unerläßlich, prohibitive Zölle auf ausländische Früchte zu erheben. Von diesem Verfahren könne auch Palästina gegenüber keine ׳׳ Ausnahme gemacht werden. Auch Cypern und Griechenland seien durch diese Politik empfindlich betroffen. Dieser Beschluß wurde in einem Telegramm des High Commissioners für Aegypten einige Tage nach der Rückkunft von Col. Sawer nach Palästina bestätigt.״ Die palästinensische Presse kommentiert die Mitteilung der Regierung mit der Frage, ob damit die Angelegenheu abgeschlossen und ob nicht vielmehr die Regierung verpflichtet sei, durch Probibitiv-Zölle auf den Import ägyptischer Waren nach Palästina Gegenmaßnahmen zum Schutz der Interessen der palästinensischen Wirtschaft zu ergreifen. Ueber die Wirkungen auf den Orangenmarkt naben wir uns bereits in der vorigen Nummer der ״J. R.“ geäußert. Ein nenes FinanzlerangsprofeU Sitzung der Liga für das arbeitende Palästina Am Sonntag, dem 25. Januar, fand, wie schon kurz gemeldet, in Berlin unter Vorsitz von D. Ben Gurion (Palästina) eine außerordentliche Plenarsitzung des Hauptrates der Weltliga für das arbeitende Palästina statt. Von den Mitgliedern des Hauptrates waren u. a. anwesend: Dr. Oscar Colin, Fritz Naphtali (Berlin), Ing, A. Reiß (Warschau), Dr. Jakob Hellmann (Riga), J. Sprinzak und N. Twerski (Palästina). Auch eine Anzahl Ländervertreter nahmen an der Sitzung teil. Ueber die Sitzung wird uns mitgeteilt: In der Vormittagssitzung erstattete der Generalsekretär der Weltliga, M. Neustadt, einen Bericht über die Entwicklung der Ligenarbeit nach dem ersten Weltkongreß. An den Berieht knüpfte sich eine recht eingehende Aussprache, die auch die Nachmittagssitzung ausfüllte. In der Abendsitzung begründete J. Sprinzak seinen Vorschlag, eine Aktion zur Erfassung einer Million Juden als Träger der Jewish Agency mit einem einheitlichen allgemein erschwinglichen Beitrag für neue kolonisatorische Tätigkeit in Palästina außerhalb der normalen Keren Hajessod-Beiträge einzuleiten. Der Hauptrat der Weltliga hat nach einer allseitigen Behandlung dieser Frage einmütig ihre große Bedeutung anerkannt und beschlossen, die gesamte Kraft der Ligen in allen Ländern in den Dienst der mit einem derartigen Plan verbundenen Arbeit zu stellen, sobald man an die Verwirklichung dieses Planes herantreten wird. Der Ertrag dieser Aktion soll der Jewish Agency und dem Keren Hajessod für Ausgaben außerhalb des Budgets, für neue Kolonis a t i o!1, zugeführt werden. Im allgemeinen war die Sitzung von der Erkenntnis durchdrungen, daß nunmehr ein radikaler Umschwung in der zionistischen Arbeit eintreten müsse. Der Zionismus müsse ״von der Defensive in die Offensive übergehen“, und das konkrete Palästinawerk muß in den Vordergrund der zionistischen Arbeit gestellt werden. Die Arbeiterkrankenkasse hat eine Sendung elektromediadnischer Heilapparate erhalten und wird demnächst ein elektro-medizinisches Heilinsätut in Jerusalem eröffnen. {Ziko.J Die Beisetzung Mohammed Alis Die Jewish Agency kondoliert Jerusalem, 25. Januar. (J. T. A.) Am Tage der Bestattung des indisch-mohammedanischen Führers Mohammed Ali hat die Jewish Agency an seinen Bruder und Mitkämpfer Schaukat Ali ein Telegramm geschickt, in dem sie der Familie des Verstorbenen und den Moslems der ganzen Welt ihr aufrichtiges Beileid anläßlich des schweren Verlustes, den sie durch Mohammed Alis Tod erlitten haben, ausspricht An der Begräbnisfeier hat von den eingeladenen Juden keiner und nur sehr wenige Christen tcilgenommen. Presse- Vertreter waren trotz formellen Ansuchens auf besonderen Wunsch des Großmufti nicht «!gelassen worden. Die Grabreden wurden von Scheich Thalibi aus Tunis und Scheich Thafthazani aus Kairo gehalten. Schaukat Ali und der Großmufti veranstalteten einen Empfang für die ausländischen Trauergäste und die europäischen Konsuln. Während des Begräbnisses wurden in den Straßen Jerusalcms von Kommunisten Aufrufe verteilt, in denen die Fellachen zu einer Revolte aufgefordert wurden. 35 Kornmunisten wurden verhaftet. Gegen 14, 7 Juden und 7 Araber, wird die Anklage wegen Aufreizung gegen die Behörden erhoben. * Die englische Ausgabe des ״Da war“ schrieb, so peinlich es sei, sich zu dieser religiösen Angelegenheit zu äußern, müsse doch festgestellt werden, daß die Judfen, obwohl sie schwiegen, nicht blind sind gegenüber den wahren Hintergründen dieses Unternehmens. Die ehrfurchtvollen Gefühle von Millionen von Moslems werden hier zu einer Waffe in einem hinterhältigen Spiel verwendet. Der Tod wird als Bindemittel einer diabolischen Verschwörung mißbraucht. Dieselben Leute, die so eifrig Hindernisse auf den Rettungsweg eines Volkes häuften, haben ihre Hand dazu geboten, diese neue furchtbare Schwierigkeit zu schaffen. ״Felestin“ bemerkt zu diesem Artikel des ״Dawar“, es zeige sich hier, wie der Haß die Juden zu allerlei Ver» dächtigungen hinreißt, sogar bei einem so feierlichen Anlaß. Nicht die Araber seien es, die den Tod zu politischen. Zwecken ausbeuten, sondern die Juden, die das Begräbnis eines moslemischen Führers dazu benützen, in die Weit hinauszuschreien, dies sei dne Verschwörung gegen die Juden. Die ägyptischen Juden hätten sogar die Unverschämtheit gehabt, die britisahe Regierung telegraphisch zu bitten, sie solle die Beisetzung Mohammed Alis in Palästina nicht gestatten. Die Verschiebung des Kongresses Von unserem palästinensischen Korrespondenten. AG. Tel-Awiw, 22. Januar 1931. Die Nachrichten über die Verschiebung des zionistischen Kongresses sind von der Mehrheit in Palästina günstig aufgenommen worden. Die Arbeiterschaft, die sich für die Verschiebung eingesetzt hatte, ist natürlicherweise mit dieser Wendung der' Dinge einverstanden und erhofft von der geplanten Finanzaküon und der Delegation nach Amerika dne Rettung vor der finanziellen Katastrophe. Auch in den Kreisen der Allgemeinen Zionisten ist man mit den Londoner Beschlüssen einverstanden. Von seiten der Re vis ionisten wird eine heftige Campagpe gegen die Verschiebung inauguriert; es ist eine Konferenz gwi'ßt, die Vorladung Welzrtanös als ״Verräter" vor das Kon,/ :ßgertclit wird gefordert und eine Aktion propagiert, die dem Colonial Office klar machen soll, daß Weizmann und die Zionistische Organisation nicht mehr den Willen der Zionisten repräsentieren. Die nichtrevisionistische Presse bemüht sich meist, die Erregung zu Jrotiisieren, es läßt sich jedoch nicht leugnen, daß die allgemeine Verwirrung und politische Unsicherheit den höchsten Grad erreicht hat und auf eine ״Reinigung der Atmosphäre“, wie sie von Welzmann in London gefordert wurde, herzlich wenig Aussicht besteht. Die Zentralfrage ist, ob die in London beschlossene Aktion imstande sein wird, diefinauzielleKatastrophe aufzuli alten. Diese Probleme sind heute hier aktueller als noch so wichtige Pikanterien der Politik, da jeder an irgendeiner Stelle mit den wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Berührung kommt und eilige Rettung dringend nottut. Eine J.andwirfschaHs-Kommission Von unserem palästinensischen Korrespondenten. AG, Tel-Awiw, 14. Januar 1931. Die palästinensische Regierung bereitet sich nunmehr, nachdem ihr eine Reihe von Berichten über die Fragen der Landwirtschaft und Siedlung vorliegen — der Report von Johnson-Crossbie, von Simpson, von Strickland — für eine aktive Politik in diesem wichtigsten Zweige der palästinensischen Volkswirtschaft vor. Sie hat im Laufe des letzten Halbjahres noch einige kleinere Erhebungen gemacht und man konnte aus verschiedenen Anzeichen entnehmen, daß die Administration sich entschlossen hatte, die Politik der feinen Ueberwachung aufzugeben und aktiv in die Entwicklung der Wirtschaft einzugreifen. Jetzt hat das Oberkommissariat einen weiteren Schritt vorwärts getan und eine Koni• mission einberufen, die über landwirtschaftliche Fragen beraten soll. Diese Kommission ist -- ein Zeichen der Zeit — nicht aus Beamten, sondern aus Vertretern der Landesbevöikerung zusammengesetzt. Und — ebenfalls ein Zeichen der Zeit — sie stellt eine offizielle Körperschaft dar, in der Juden zusammen mit Arabern arbeiten sollen. Es hat allem Anschein nach der Wunsch beim Oberkommissariat bestanden, die Kommission repräsentativ für alle Teile der Bevölkerung zu machen. Von Juden sind Ruppin, Magnes, Viteles, Victor Kohn und Elieser Joffe ernannt worden. Ueber diesen und fünf Arabern gehören der Kommission noch ein Deutscher und ein Franzose an. Es ist anzunehmen, daß dieses Komitee nur einer von mehreren Versuchen ist, die die Regierung jetzt machen will, um einerseits mit der Bevölkerung engeren Kontakt zu bekommen — auch neben und außerhalb des projektierten Legislative Council -— andererseits verschiedene Neuerungen einzuführen, die sich als dringend notwendig herausgestellt haben. Vermutlich ist sich die Regierung klar darüber geworden, daß eine Modernisierung der Fellachenwirtschaft nicht einfach von oben her auf bürokratischem Wege gemacht werden kann, sondern nur mit aktiver Mithilfe der Beteiligten durchzuführen ist. Die jetzt ernannte Kommission erscheint wie ein erster Schritt, um sich diese Beihilfe zu sichern, und es wird bedeut* sam sein, zu erfahren, welche Aufgaben ihr die Regierung stellen und wie sie diese Aufgaben erfüllen wird. Feix M. War bürg kündigt in einem Rundschreiben, das an mehrere hundert jüdische Persönlichkeiten in ganz Amerika ergangen ist, die Einleitung eines Drives für die Zwecke des Hilfs- und Aufbauwerkes des Joint Distribution Committe« in Osteuropa an. Zum Leiter des Drives wurde der Rabbiner der New Yorker Zentral-Synagoge, Jona B. Wfee, bestimmt Die Chemnitzer Gefahr Von Dr. JehudaAdler, Chemnitz. In der Chemnitzer Jüdischen Gemeinde geschehen Dinge, die aus der lokalen in die Interessensphäre der Judenheit ganz Deutschlands gehoben zu werden verdienen. Das Gemeinde- Statut übertragt in Form einer dreisten Wahlrechtsfarce der herrschenden Minorität das Recht, alle Vcrordnete gewissermaßen zu nominieren. Nur 4 von 21 werden der ausländischen Kurie zugestanden. Dagegen sind die deutschen Juden, soweit sie nicht Liberale sind, noch rechtloser als die Ausländer, denn ihre Stimmen zählen überhaupt nicht. Beim herrschenden Mehrheits-Wahl״recht“ gehen sie ohne jede Vertretung aus, auch wenn sie 49 0/0 der Stimmen in der Inländerliste aufbringen. Eine Willkürherrschaft, die keine Opposition duldet, die von vornherein jede andere Meinung ausschließt, ohne jede Kontrolle regiert, Steuergelder verwaltet! Weder Frauen noch Nichtsteuerzahler haben Wahlrecht, alle Sitzungen werden unter Ausschluß der Oeffentlichkeit abgchalten, die Gemeindeleitung lehnt jede soziale Fürsorge und kulturelle Arbeit ab. Damit begnügen sidi aber die mittelalterliehen Kehillegewaltigen noch nicht. Sie setzen sich auch über alle parlamentarischen Bräuche kaltblütig hinweg, wodurch der schon in der sonderbaren Gemeindeverfassung durchgeführten Entrechtung die Krone aufgesetzt wird. In der ersten konstituierenden Gemeindesitzung nach den Wahlen sollte der sechsgliedrige Vorstand turnusmäßig ergänzt, das dreigliedrige Präsidium des Verordnetenkollegiums, sowie zwei Delegierte und zwei Ersatzmänner für den Sichsischen Gemeindeverband neu gewählt werden. Die vier volksparteilichen Verordneten, die tatsächlich die Majorität der Gemeindemitglieder repräsentieren, verlangten einen Sitz ira Vorstand, den 2. Vorsitzenden im Präsidium des Verordnetenkollegiums und wenigstens einen Ersatzdelegierten zum Sächsischen Gemdndeverband. Alles wurde abgelehnt! Von den leidenschaftlichen Ausführungen unserer Vertreter wurde keine Notiz genommen. Die Abstimmungsmaschine funktionierte rasch, man nahm sich nicht einmal die Mühe, die Ablehnung unserer so bescheidenen Ansprüche zu begründen. Man hat eben die Macht auf Grund eines Statuts, das seinerzeit eine nicht aufgeklärte Behörde offenbar versehentlich genehmigt hat und kann sich jede Rede sparen. Es wurde nur Höhnisch unseren Verordneten zugerufen, daß man nicht daran denke, uns irgendein Recht zu gewähren. Ein Sturm der Entrüstung brach los, wie ihn unsere Gemeindestubc noch nicht gesehen hat. In höchster Erregung erklärten unsere Verordneten, daß diese schamlose Unterdrückung endlich auihören müsse! Der Tumult dauerte stundenlang, die Liberalen drohten mit der Schupo. Eine Woche darauf veranstaltete die Jüdische Volkspartei eine öffentliche Protestkundgebung gegen die skandalösen Zustände ln der Chemnitzer Religionsgemeinde, die so überfüllt war, daß viele Teilnehmer in den Gängen des Saales und in den Nebenräumen stehen mußten. Die Versatnm- .lung hat unseren Führern für ihre mutige und aufopferungsvolle Arbeit mit nichtendenwollendem Beifall gedankt Bis nicht an Stelle der rohen Gewalt das Recht getreten ist, kann es In der Chemnitzer Gemeinde keine Ruhe geben. Es ist zu befürchten, daß die bis zur Siedehitze gestiegene Erregung sich in einer für die ganze Gemeinde schädlichen Weise entladen wird. Das alles spielt sich unter den Augen der Auf- Sichtsbehörden, angesichts einer gesitteten Welt ab. Das deutsehe Judentum protestiert nicht gegen diese Kulturschande. Die Liberalen, die C.-V.־Führer rücken nicht öffentlich von ihren Parteifreunden ab, die in ihren Exzessen gegen Ausländer und Zfoniflen kein Maß kennen. ~... ..׳ Wir wenden uns an unsere Freunde und Führer im Reich um Hilfe. Wir appellieren um Beistand an alle jüdisch fühlenden und fortschrittlich denkenden Parteilosen Deutschlands, an unsere auswärtigen Gegner, die sich ein Gefühl für politischen Anstand bewahrt haben. Alle müssen helfen, damit die nicht länger zu ertragende Unterdrückung in der Chemnitzer Gemeuide endlich aufhört. Presseschau In der pazifistischen Zeitschrift ״Die Wahr h ei t“ (Prag) veröffentlicnt-der bekannte Schriftsteller Manfred Georg einen Aufsatz ״Gewitter über Palästina“, worin er die neueste Wendüng der zionistischen Politik darstellt. Ueber die jüdischen Bestrebungen schreibt Georg: ״Es ist die Tragödie der Juden, sich ira 57. Jahrhundert statt im 20. zu befinden. Wobei uns die Wirklichkeit angesichts dieser phantastischen Differenz —- die kein demagogischer Trick ist, sondern für ganz bestimmte Werte und Wertungen zutrifft — mit dem Begriff der Relativitat tröstet. Die Rückwendung auf Palästina, aer Versuch, dort neben der notwendigen nationalen Heim- und Zufluchtsstätte gleichzeitig ein neues geistiges Zentrum dieses seit je bedeutsamen, heute bereits wieder über fünfzehn Millionen zählenden Volkes zu schaffen, ist der allerhöchsten Beachtung wert, denn er ist ein entscheidendes Experiment. Man könnte fast, freilieh im anderen Sinne als die Antisemiten es tun, wirklich von einem auserwählten Volke sprechen, denn es wird tatsächlich wieder in eine beispielhafte, historische Position hineingefülirt, die ihresgleichen sucht. Die Lösung soll ergeben, ob es möglich ist, daß auf ein nationales und zwischennationales Dasein eines Volkes ein gesteigert nationales, das alle bisherige Ideale einschließt, folgen kann.“ — Im zweiten Teil seines Aufsatzes befaßt sich der Verfasser mit dem jüdischarabischen Problem, weist auf die Auswüchse des jüdischen Nationalismus hin und spricht sich mit Entschiedenheit für eine Verständigungspolitik im Sinne einer binationalen Struktur des Landes aus. ״T11 c N e a r E a s t a!1 d 111 d i a“ schreibt ia seiner Nuni* mer vom 22. Januar über die Wahlen zur Assefath N i w c h a r i m , es sei schwer vorauszusehen, wie diese Wahlen auf den nächsten Zionistenkongreß wirken werden, da, wie ״Near East“ meint, die beiden Hauptgruppen, Arbeiterpartei und Revisionisten, in Palästina stärker vertreten sind als in der Diaspora. Welchen Einfluß insbesondere die Revisionisten, diese ״Hitleristen des Zionismus“, haben werden, bleibe abznwarten, aber man müsse bedenken, daß die zionistische Bewegung durch Geldmangel und innere Zerrissenheit in einer kritisehen Lage ist Das Blatt zitiert dann einen Artikel der engfischen Ausgabe des ״Dawar“, worin gesagt wird, daß die finanzielle Maschine der Jewish Agency am Zusammenbrechen ist, weist ferner auf die Nichtausnützung der bewilligten 1509 Zertifikate hin und sagt, die Hauptenttäuschung sei verursacht durch das Versagen des amerikanischen Zionismus. Die Kolonisten in Palästina scheinen zu fürchten, daß die amerikanisehen Juden, wenn sie erst einmal durch eigene finanzielle Not gezwungen wurden, ihre Geldsammlungen für Palästina einzustellen, später schwer diese alte Gewohnheit wieder aufnehmen werden. Ueber diese Schlußfolgerung, so schließt ״Near East“, kann ein Außenstehender keine Prophezeihung abgeben, ״was aber gesagt werden kann, ist, daß für die Judenheit durch inneren Streit, Bitternis, Vorwürfe und Mißtrauen nichts Gutes erwachsen kann. Wenn Einigkeit unmöglich ist, dann können Ihre Ideale sogar im begrenzten Umfang kaum verwirklicht werdftn.«

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