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Jüdische Rundschau · 1931-01-30 · Heft 8 (30.1.1931) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 8 (30.1.1931)
Date
1931-01-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 8, 3a L 1931 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 51 Neue hebräische Dichtung Wir nehmen heute die in früheren Jahrgängen der ״Jüdischen Rundschau* begonnene Besprechung von Werken der modernen hebräischen Literatur unter besonderer Berücksichtigung der Neuerscheinungen Palästinas wieder auf Die ״Jüdische Rundschau“ wird sich auch in diesem Jahre bemühen, die Erzeugnisse unserer hebräischen Literatur durch sachkundige und ernste kritische Betrachtungen dem deutschlesenden jüdischen Publikum nahezubringen. Im vergangenen Jahre sind Veröffentlichungen dieser Art u. a. in Nr. 29 und 42J43 der ״Jüdischen Rundschau״ erschienen. Drei Bücher Von E. Lubrany, Es ist gut, daß man AwigdorHameiriindie deutsche Leserwelt nicht erst einführen muß, denn sonst wäre man verpflichtet, eine Abhandlung über den Dichter zu schreiben. Aber Hameiri ist keine neue Erscheinung bei uns, seit mehr denn zehn Jahren gehört er zu den meistgelesenen Dichtern der hebräischen (und teilweise auch der fremdsprachigen) Literatur. Er hat einen lebendigen. regsamen, sprühenden Geist, er hat einen offenen Blick für die Welt und den Alltag. Nie ging er mit seiner Muse in die Einsamkeit, mitten auf dem Marne unseres brodelnden Lebens hat er immer gestanden und auch seine lyrischsten Werke waren meistens Reaktionen auf Probleme und Erscheinungen des Tages. Seine Persönlichkeit versteckt sich nicht hinter dem dichterischen Werk, sein Menschtum wirkt sich auch außerhalb des Werkes überall aus. In der Presse, Ln der Versammlung, bei politischen Kundgebungen usw. Man mag sich zu diesem seinen Wirken stellen wie man will (er war bis vor kurzem Revisionist), man mag sein Wirken und Denken als Irren ansehen, mag dieselben bekämpfen, aber keiner wird sich der Tatsache widersetzen können, daß wir es hier mit einem starken Menschtum zu tun haben. Awigdor Hameiri stammt aus Ungarn und schon vor etwa fünfzehn Jahren sind uns seine Gediente und seine Prosa wie etwas Neues erschienen. Viele Bände, Prosa und Lyrik, hat er seither geschrieben. Sie waren alle vom jüdischen Geist durchdrungen und mit europäischem Können geschaffen. Nun liegt ein neuer Band vor uns, den zu betrachten cs sich verlohnt, ״Der große Wahnsinn", Aufzeichnungen eines jiklisehen Offiziers im Weltkriege, heißt das Buch und ist im Vcrlag Mizpah 1930 erschienen. Die hebräische Literatur hat nur spärliche und sehr abrupte Dokumente aus dem großen Kriege aufzuweisen. Hier geht, zum erstenmal, ein bewahrter hebräischer Dichter an ein Erlebnis heran, das die ganze Menschheit erschütterte. Nun wollen wir es lieber von vornherein sagen, es hat uns ein wenig enttäuscht Nicht daß es kein Kunstwerk wäre, im Gegenteil, gerade weil es eines ist, sind wir enttäuscht Es fehlt darin das Schlichte, das Tatsachenmäßige, das unmittelbare Erlebnis. Es ist zu sehr ver-dichtet. Und dennoch übt es auf den Leser einen ungeheuren Reiz aus, dennoch nackt cs ihn vom Anfang an. Worin liegt also die Stärke des Werkes? Weil wir sogleich die Empfindung haben, nur ein Jude kann die Welt so sehen, nur ein Jude kann diese Welt so erleben. Der Erzähler ist Offizier in einem ungarischen Regiment. Ungewollt, zufällig und verständnislos gerät er in diese Welt des Drills und des Gehorsams. Als Individuum ist er weder tapfer noch ehrgeizig, doch als Jude fühlt er aller Augen auf sich gerichtet und nimmt sich zusammen, sucht auch dein Unverständlichen Geschmack a'bzugewitmett, und :sieb J|tm,wii(3K»\ fügien. 'Er muß das doppelte leisten und <&s Zehnfache erSul-' den, um nur zur Geltung zu kommen. Er muß Heldenhaftes verrichten und ausstehen, um wenigstens nicht unter das Mittelmaß gestellt zu werden. Als war’ die Welt voller Spiegel, spürt er wie er unausgesetzt unter der Lupe gehalten wird, wie alles, Gott und der Feldwebel, nur auf sein Straucheln, sein Versagen lauert. Als hinge von ihm persönlich das Schicksal seiner 16 Millionen Volksgenossen ab. Er wähnt sich ein ewig drangsalierter Mittelpunkt im Kessel dieses Wahnsinns. Sein Schicksal wäre weniger hart, könnte er diesem Wahn etwas Verstehen abgewinnen. Dem Tschechen, dem Ruthenen, dem Ungarn sind wenigstens der Stumpfsinn und die Schlauheit gegeben, er aber, der Jude, was sollte er tun? Ihm waren doch nur sein Verstand und seine zerrütteten Nerven gegeben? Und mit diesen kommt man nicht weit in jenem Wirbel, sie hindern nur. Soll er sie wegwerfen? Das wäre Verrat und er müßte sich Ios'-agen von dem, was sein Ureigenstes ist. Und wenn er es auch tausendmal versuchen wollte, es gelänge ihm nicht, sich seines Erbteils zu erwehren. "Denn er ist am Anfang un'd am Ende Jude. Hierin liegt die Kraft dieses Buches und deshalb ergreift es uns so tief. Freilich, einiges bleibt auch hier fast unberührt. Selten nur schildert Hameiri den Juden im Feuer des Gefechts. Was fühlt er da, wie benimmt er sich da, was ist ihm dann sein Judentum, wenn ringsherum Menschenleben zerfetzt werden? Aber das mag wohl am persönlichen Schicksal des Autors gelegen haben, er war gleich zu Anfang des Mordens verwundet worden. Aber auch dort, wo Hameiri eine Schlacht schildert, geschieht es mit Widerwillen und mit dem spürbaren Drang, nicht lange bei dieser Schilderung verweilen zu müssen. Eines aber ist groß und echt: die Ueberempfindlichkeit. Diese begleitet ihn überall hin, verbittert ihm all sein Tun und Denken, diese spezifisch jüdische Ueberempfindlichkeit. Und das unermüdliche Grübeln nach Ursache und Zweck. Nein, Hameiri kann diese nicht ergründen. Es ist und bleibt für ihn vDer große Wahnsinn“. Der Glückliche. Denn auch Unverstehen kann manchmal beglückend sein. . . . Und das Aufschlagen einiger Kapitel in einem Werk der Nationalökonomie hätte ihn vielleicht belehren können, daß das, was da vor sich ging, gar kein Wahnsinn gewesen war, sondern die unabwendbare Fortführung eines Weges, der seit Generationen eingeschlagen ward. Ein Weg, den die Menschheit auch heute noch nicht ganz zu Ende gegangen ist. Aber für den Juden bleibt «, vielleicht trotz aller Vernunftsgründe, nichts anderes, als ein ״Großer Wahnsinn“ . . . Dieses Buch des Hameiri hat binnen kurzer Zeit die zweite Auflage erlebt, und wer die traurigen Verhältnisse des hebrähclien Büchermarktes kennt, wird erfassen, wie groß die Wirkung dieses Werkes hat sein müssen, um solche Anziehungskraft ausüben zu können. Seit Jahren lebt Hameiri in Palästina und ist der verkörperte Bohemien des Landes. Er wird viel an gefeindet, hat rine kleine Schar von Getreuen und geht seinen Weg. Man kennt ihn, man liebt ihn, man haßt ihn und trotz alledem ist sein Menschtum allen spürbar. Töne und Landschaften ganz anderer Art entstehen unter 3er Feder eines anderen palästinensischen Dichters, dessen bkame ebenfalls vollen Klang hat. Es ist dies der sephardische Dichter Jehuda Burla. Als levantiner Jude und Schüler 3er arabischen Dichter und Denker könnte er uns als Cicerone dienen im Gewühl der Völker und Rassen des Nahen Ostens. Es gibt in der hebräischen Literatur kaum einen zweiten, der!ermaßen mit dem arabischen Volkstum verwachsen ist und vor R־m die Seele dieses Volksstammes so offen liegt Während öhawadscha Mussa (Mosche Smilianski) in diese Welt als Frem* J<;r eindringt und sich von ihr packen läßt und daher auch eine Jin romantische Einstellung zu ihr hat, wuchs Burla mitten in 1״rem Alltag auf und bedarf keiner gewaltsamen Umstellung, >9» sie za begreifen. Burla ist der Einzige, dem cs gegebra ist, uns die Seele des Arabers verständlich zu machen.. Sein Verdienst ist es, daß er sich niemals eingebildet hatte, arabische Probleme lösen zu können oder zu wollen. Ucberall in seinen Schriften packt er nur Realitäten an. Er hat eine gute Schule, die französischen Erzähler sind seine Meister und von ihnen hat er seine brillante Erzählerkunst. Aber ein Zweites noch ist ihm gegeben, das Verständnis für die sephardische Welt Und wahrhaftig, diese Welt war fast enau so verschlossen wie die Welt der Araber. Als die ersten ionisten ins Land gekommen waren, setzten sie große Hoffnungen auf den Vermittlungsdienst der sephardischen Brüder zwischen West und Ost. Und nun fanden sie in ihnen einen fast änzlich assimilierten Volksstamm, der sich äußerlich weder urch seine Lebensweise noch sein Gebaren von den Arabern unterschied. Seine Muttersprache war meistens arabisch, in einzelnen Fällen spaniolisch. Seine Tracht und sein Familienleben waren ebenfalls arabisch und es war schwer, einen Weg zu ihm zu finden. Und hier mußte eine große Verständigungsarbeit eingesetzt werden. Daher waren uns die. Schriften des Jehuda Burla so wertvoll. Er entschleierte uns eine Welt, in die wir sonst nicht einzudringen vermochten. Und er tat es, und dies ist die stärkste Seite seines künstlerischen Wirkens, ohne Romantik, ohne Verherrlichung oder Anklage. Er malte einfach das sephardische Leben. Auch das Buch, das jetzt vor uns liegt, ist nichts weiter als das Lüften eines Schleiers von einem Milieu, das uns bislang fremd gewesen. Es ist das Milieu des orientalischen Brettls, der Cafehäuser, Chansonnetten, Zutreiber und Karriere. Das Buch heißt ״Die Sängerin“ und ist ebenfalls im Verlag Mizpah 1930 erschienen. Das Buch rollt das Leben eines sephardischen, armen Mädehens auf, welches sich aus tiefster Not durch instinktive Klugheit und angeborene Anmut des Körpers und der Seele zu Wohlstand und Glanz emporkämpft, und bis zu den prunkhaftesten Höhen gehoben wird, das heißt, bis zur Position einer Geliebten des mächtigen Scheichs. Interessant sind da nicht so sehr die mannigfachen persönlichen Schicksale des Mädchens, als vielmehr aas ganze farbenreiche Milieu, das vor uns ersteht, sowohl das sephardische als auch das arabische Milieu. Wer das öde, abgeschlossene Familienleben eines Arabers kennt, versteht sehr wohl, was für diesen eine Geliebte bedeuten mag. Und wer das traurige eintönige Leben einer Orientalin kennt, weiß, wie stark im Herzen des sephardischen Mädchens der Drang lebte, frei zu sein, los zu kommen aus dem Elend des Elternhauses. Und die zärtlichen Verwandten! Wie sich das großtut, wie scheinheilig es ist, wie weise und unantastbar. Aber nur so lange ‘das Mädchen noch im Kämpfen ist, bleibt es von ihren Angehörigen und Nachbarn verstoßen. Später aber, als es cnd|idt nach Einsatz aller Kräfte der Seele und■''des-Verstandes zur Adit gelangt! Geschenke' Verteilt;י*1>־ fctfHWn*»R» •%#zia<S»r׳Wi '«iW fast vom Nimbus einer Heiligen umgeben. Tout comme cliez nous. . . . Am köstlichsten noch sind die Dialoge, hierin ist Burla Meister, weil er echt bleibt. Nirgends offenbart sich uns diese staubzerfressene und doch wieder so unendlich mannigfaltige Welt des Orientalen wie in diesen Dialogen. Demi der Orientale spricht gern und in Metaphern. Aber trotz dieser seiner geblümten und geschnörkelten Sprache ist er einfach und offen wie ein Kind. Und niemandem außer Burla ist es gegeben, dieses Kindliche des Orientalen zu erfassen und es uns erfaßbar zu machen. Jehuda Burla hat ein großes Stück Kulturgeschichte ge* leistet. (Anm. d. Red.: Von Burla ist im Jahre 1928 die Er- Zählung ״Luna“ in deutscher Uebersetzung in der ״Jüd. Rundschau“ erschienen.) Ein drittes Buch liegt vor uns, es heißt ״Meine Er* innerungen“, geschrieben von Mosche Smjlianski und im Eigenverlag herausgegeben. Das Buch umfaßt eine schwerwiegende Epoche, die Geschichte Palästinas in den Kriegsjahren.. Weniges nur aus dem Leidenswege der Menschen in jenem Landstrich während des Krieges ist in der europäisehen Literatur bekannt. Daher war die Aufgabe, die sich der Autor auferlegte, eint sehr bedeutende. Doch ward er ihr nicht immer gerecht Zuviel Egozentrik, zu viel — wenn auch tau* sendfach berechtigte — Wut sprüht das Buch gegen das tür* kische Regime aus, als daß es als Geschichtsbuch gewürdigt werden könnte. Wut blendet, und daher auch die Einseitigkeit Lieberall dort, wo es sich darum handelt, einzelne wichtige politische Momente aus unserem eigenen Lager festzuhalten, meistert er den Stoff und seine Aufzeichnungen sind wertvoll. Aber dort, wo sie in die WeltpoÜtik, oder in das Sein der türkischen und arabischen Nachbarn eingreifen, sind sie flach und einseitig. Es ist ungerecht, die Türken mit bissiger Ironie und Wutausbrüchen abfertigen zu wollen. Man muß sie und ihren Kampf zu verstehen suchen. Oder aber dieses ganze politische Treiben während des Krieges aus einem universellen Gesichtspunkte aus betrachten. Sonst ist ein derartiges Buch im vorhinein zum Hinken verurteilt. Aber dennoch ist diesem Werk des Mosche Smilianski ein großer Wert nicht abzusprechen. Denn es enthält schreiende Dokumente über unsere eigene Planlosigkeit und Kopflosigkeit und innere Zerrissenheit während des Krieges. Und für den, der einst an die Niederlegung der Geschichte des neuen Palästina herangehen wird, dem ist mit diesen Aufzeichnungen sehr gedient. Hehräisdie Frauenlyrik Ihrem ersten Gedichtebändchen (״Safiach״; vergl. ״Jüd. Rundschau“ 1928 Nr. 27/28) sendet jetzt Rachel ein zweites unter dem Titel ״Minneged“*) nach: ein Sträußlein zartester Frauenlyrik. ״Minneged“ nennt sie es in bewußter Anlehnung an das berühmte Wort der Bibel: ״Von gegenüber (minneged) wirst du das Land schauen, aber dorthin wirst du nient kommen“. Dieses Gotteswort an Mosche ist das Motto dieser Lieder, ln philosophischer Strenge gegen sich selbst bekennt die Dichterin: ״Von einem Winkel aus betrachte ich das an mir vorbeieilende Leben... Gelüstets euch, zu nehmen? Und zu geben, nur zu geben, ists nicht genug?“ Und an anderer Stelle: ״Jedermann hat seinen Nebo“... In jedem Warten Hegt der Schmerz des Nebo“. Aber nicht immer bewahrt sie diese stolze Haltung. Ihr, gerade ihr, die ein blindes Schicksal dazu verurteilt, dem Leben ״gegenüber“ zu stehen, fällt diese Entbehrung schwer. Sie tragt in sich glühende Erinnerungen an bessere Tage, da sie noch am *) Verlag *Dawar״- Tel-Awlw» 1m Kinnereth, ihrem Kinnereth, mit Tagesanbruch!risch an die Arbeit ging, da sie zur Saatzeit mit aufs Feld zog und auf garbenbeladenem Wagen unter Liedern der Arbeit bei sin• kender Sonne zur Scheune fuhr; Erinnerungen an die einfache Arbeiterbaracke mit ihren Spalten in den wänden, jene ״geduldige, reine Armut“, in die sie sich so gerne schickte. Heute ist ihr all dies ein ferner Traum, eine ewig verlorene Wirklichkeit. Heute ist sie, zu ihrem Schmerz, bereits an das sehr verhaßte Stadtleben (Tel-Avviws) gewohnt, ״den Schmutz lind bösen Lärm der Straßen, die Oede des Betons“ und — die fremden, kalten Gesichter. Kalt und fern erscheinen ihr, der Glühenden, heiß die Welt Umarmenden jene Menschen des Alltags. In ihr stöhnt das erhöhte Lebensgefühl des des Lebens Unsicher-Gewordenen. Sie begreift nicht, daß Mensehen einander so fern wie Stern von Stern im Weltenraum wandeln. So fühlt sie sieh einsam, fühlt eine Mauer zwischen sich und den anderen. Schon als Kind fühlte sie diesen Abstand. Damals unterschied sie sich durch äußere Trauerkleider von ihren Genossinnen, jetzt ist ihre Verwaistheit seelisch. ״Warum begegnet die ausgestreckte Hand nicht einer schwesterlichen Hand? ... Ein verschlossener Garten ist der Mensch“. Dem allgemeinen Weltschmerz gesellt sich die Verzwciflung über ihr persönliches Geschick. Sie fühlt ihre Kräfte von Tag zu Tag schwinden. Sie vergleicht sich mit dem um Hilfe rufenden Bergmann im verschütteten Schacht, dessen Todesstunde nahe ist. ״Mein Schicksal ist es, in den Abgrund zu kreischen: ich lebe noch!“ Ihr ist nichts geblieben, als der Wunsch, wenigstens im Tode mit dem heißgeliebten Kinnereth verbunden zu sein: ״Wenn es Geheiß des Schicksals ist, fern deiner Grenzen zu leben, so laß mich, Kinnereth, aut deinem Friedhöfe ruhn“. Ihre Lebensenttäuschung ist grenzenlos: ״Dies? Nur dies? Dies — und nicht mehr? Nicht mehr?“ ״Und dafür, für dies bischen gekosteten Honigs zahlen wir alle den Preis des Lebens!“ Das ist die einfache, eindringliche Sprache tiefer Resignation. Wie im ״Safiach“ ruht noch immer auf ihr die namenlose Furcht vor dem lauernden Tode: ״Erwachen und erkennen: nur ein Traum hat dich geschreckt, nur ein Traum ist’s, umsonst die Furcht!“, das ist das typische Erlebnis der verfolgenden Todesangst. Vergebens sucht sie die mystischen Schatten der Dämmerst unde, die schwer auf ihr ruhen, zu verscheuchen. Todesahnungen krallen sich fest in ihr Gehirn- Der natürliche Drang zum Leben obsiegt nicht immer, nicht immer gelingt es ihr, die ״pirche-ulai“ (״Blumen des Vielleicht“) auf den Beeten ihres Lebensgartens mit angstvoller Sorgfalt vor dem kalten ״Winde der Gewißheit“ zu schützen. In diesen Stunden der Qual überkommt sie der Schmerz der Kinderlosen: ״Einen Sohn, wenn ich hätte, ״Uri“ wird’ ich ihn nennen!“ jauchzt sie im Glücke der berauschende#^ V0r#t«*Jl»og, ■ ■Wie Rachel, wie Channa in Settlo, ■will ■sie •nfn* Mutterschaft flehen. Aber dies Glück bleibt ihr versagt.. Es bleibt nur, eine Freundin zu bitten, ihre junge Tochter nach ihrem Namen zu pennen, damit sie ״meinen Schwanenesang, den verstummenden, fortsetze“ und ״mein abreißender aden weitergesponnen werde zu ihrem Sohn, ihrem Enkel . . , Auf dem Lebensgrunde dieser Dichterin gibt cs ein tiefes Geheimnis, das all ihr Dichten und Trachten durchglüht und befruchtet: die Liebe zum Freunde, die sie der Liebe Michals vergleicht zu David, von der es heißt: ״Und Michal, die Tochter Sauls, liebte David“, und an späterer Stelle: ״Und sie verachtete ihn in ihrem Herzen.“ Dieses tragische Widerspiel der Gefühle lebt auch in Rachel. Dem Geliebten ihrer Jugend, dessen Andenken mit ihren heiligsten Erinnerungen an Kinnereth verwoben ist, gilt ihr fast monomaner Sang: ״Morgens und abends dir und über dich, dir und über dich sangen meine Lieder . . . sie sangen Liebe und Verachtung . . . eine einzige Melodie auf tausend Leiern.“ Ein anderes Mal: ״Du bist mir — Einritz meines Herzens . . . Horch, o horch auf sie, die vorbrechende Stimme: an dich, über dich, aus dir — bis ans Ende . . .“ Das ist die Sprach« der hohen Besessenheit. In dieser Liebe, die helle Flamme ist, gibt es nur ein Furchtbares, Zerstörendes: das Schweigen des Freundes: ״Durch die Last deines Schweigens hast du meine Seele erstickt, durch das Schwert deines Schweigens mein Herz zerschnitten. Es macht mich erstarren ... Ich bin noch hier — noch hier — noch diesseits —! Schlag mich mit Worten! Aber nicht schweige, nicht schweige!“ Dieser Heftigkeit des Gefühls entspricht auch die Intensität ihres Naturerlebnisses. Nicht bei vielen Dichtem des neuen Palästina erlauscht das Ohr den reinen, hellen Klang der Landesnatur. Den meisten von ihnen haften noch die Reminiszenzen ihrer Galuthjugend an, von deren Sentiments sie sich nicht oder nur krampfhaft loszulösen vermögen. Rachel ist hier ein echtes Kind des Landes. Ihre Naturbetrachtung ist freudig-genießend, unbeschwert von den Schatten einer anderen Vergangenheit, wenn auch nicht frei von Meditation und Symbolisierung. Ergreifend ist ihr Hymnus auf die arme, sonnen-verbrannte, ausgedorrte Heimat und das Liedchen vom Eukalyptus,, dessen immer wieder grausam abgehauener Stamm neue Sprossen zu leuchtender Blätterkrone einportreibt. Dem Einleben in die Natur des Landes geht parallel ein steigendes Verwachsen mit dem Buch des Landes, der Bibel. Mit dem Wachstum der Krone dieses Lebensbaumes schlagen seine Wurzeln immer tiefer ins historische Erdreich. Taten und Gefühle des jüdischen Vorzeitmensqjien erhalten in diesen Liedern eine reizvolle individuell-moderne Wendung. Moses am Nebo, Elijahu im Söller von Sunem, David und Michal, Jonathan, Salomo und viele andere Gestalten der altjüdischen Klassik erstehen zu neuartiger Deutung. Es ist schwer, über diese Gedichte zu berichten, ohne jenem harten Urteil der Dichterin zu verfallen, das sie mit der echten Verachtung einer Künstlerseele in dem Achtzeilcr ״Buch meiner Lieder“ ausspricht: ״Die kreischenden Schreie, die ich leidend, verzweifelt in Stunden der Drangsal und des Untergangs ausstieß, sind zu einer lieblichen Perlenkette von Worten, zum weißen Buch meiner Lieder geworden. Geheimes, dem Freunde versagt, ist preisgegeben, das mit Feuer in mir Versiegelte bloßgelegt-, und die Trauer des knieenden Herzens betastet gemächlich jedermanns Hand.“ Nicht der Profanation will dieser Bericht dienen, wohl aber dem Versuch einer Widerlegung jener leider noch weitverbreiteten unbegreiflichen Meinung, daß man ״nichts versäume“, wenn man hebräische Dichtung der Gegenwart nicht kenne. Jerusalem. Max Mayer.

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