Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 8 (30.1.1931)
- Date
- 1931-01-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2651273-2653252-2653260--22124-2680302- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 50 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 8, 30. L!031 ä ־.; - :.,r ׳.A die Verhandlungen, die der englische Ministerpräsident in so fairer Weise angeregt hat, irgend ein Ergebnis zeitigen werden, das eine Wiederherstellung des Vertrauens jener Tausenden und Hunderttausenden von Juden, die seit dem Weiß• buch die Zuversicht verloren haben, so daß in deren Kreisen in finanzieller und moralischer Hinsicht eine defaitistische Politik Platz gegriffen hat, nun Erfolg haben wird. Unglücklicherweise haben Menschen, die enttäuscht worden sind, die Gewohnheit, Sündenböcke zu suchen, und nirgends ist dieser Wunsch größer als bei den Juden, die ohnedies Individualisten sind. Statt eine geeinte zionistische Front in die Agency zu bringen, konnten die verschiedenen Fraktionen der Erschütterung■ durch die Ereignisse nicht standhalten und in unserer eigenen Mitte sehen wir, daß getrennte Lager und sogar getrennte Palästina-Aktionen sich ausbreiten. Die einzige Gruppe in Amerika, die Stand gehalten und ihre Truppen in Ordnung gehalten hat, ist die Hadassah. Wir versuchen, die größtmöglichen Ersparnisse in den Spesen durchzuführen. Direktor Wassermann, der persenlieh eine große Anleihe beschafft hat, um die finanziellen Gefahren von dem Palästinawerk abzuwenden, versucht, zusammen mit Dr. Bernhard Kahn, hr. Hexter und Dr. Senator verschiedene Sparmaßnahmen durchzuführen, leider jedoch stießen sie auf Widerstand. Meine Worte sind aufzufassen als ein Alarmru f an eine Armee, die Gefahr läuft, in Unordnung zu geraten. Wir müssen kämpfen für konstruktive Maßnahmen, für ökonomische und soziale Verbesserungen in Palästina. Ich hätte es vorgezogen, die Verbindung zwischen Palästina-Drive und Joint-Drive auf- 'recht zu erhalten, aber die Zionisten wünschten einen separaten Agency-Drive. Wir werden alles tun, um diese Weisung Auszuführen und wir hoffen, der Versuch wird erfolgreich sein. Zwar sind die finanziellen Bedingungen ungünstig, die Gebefreudigkeit der letzte•! Jahre ist verschwunden. Aber wo wirklich Anstrengungen gemacht wurden, waren die Resultate ermutigend. Die Vereinigten Staaten sind ein großes Land und in allen ihren Teilen wird man an die Arbeit gehen. Id! hoffe, daß Persönlichkeiten wie Rabbi Silver, L. K. Frankel, Morris Rothenberg, der Sohn von Nathan Straus, sich in den Dienst der Aktion stellen werden. Die Menschen, die jahrelang soviel über Palästina geredet haben, müssen jetzt auch etwas opfern. Palästina ist in kritischer Lage, Lehrer und Beamte wurden nicht bezahlt, Wechsel sind fällig, das Finanzdepartement aber sieht mit Sorge, wie seine Mittel zu Ende gehen. Die Juden Amerikas dürfen das palästinensische Judentum nicht enttäuschen. Wenn wir richtig arbeiten, werden wir den Weg zu den Herzen der Juden finden. Jewish Agency und Apdas Jisroel Am 20. d. M. tagte in Berlin, wie bereits kurz gemeldet, unter Vorsitz von Rabbiner Dr. Baeck zum erstenmal die von der Jewish Agency und der Agudas Jisroel eingesetzte gemeinsame Kommission, die die Fragen der Zusammenarbeit prüfen sollte. Hierüber wird berichtet: An der Sitzung nahmen außer dem Vorsitzenden teil die Herren Rabbiner Dr. Plnchas Kohn (Wien), Dr. Moses Auerbaeb (Ber!!'n) und Julius Holländer (Frankfurt ant Main) von seiten der Agüdas Jfsröel; die Herren" HelcHeL Farbstein (Warschau), Dr. Aron Barth und Rechts• anwalt Dr. S. Moses (Berlin) von seiten der Jewish Agency, und als Vertreter der Zionistischen Exekutive Herr Lazarus Barth. Es bestand Einverständnis darüber, daß die Beschlüsse der Kommission lediglich als Empfehlungen zu betrachten sein werden und der Genehmigung der beschlußberechtigten leitenden Organe der Jewish Agency bzw. der Agudas Jisroel unterliegen. Die Sitzung behandelte zunächst die Frage des Eintritts der Agudas Jisroel in die Jewish Agency. Bezüglich der religiösen Grundforderungen würde die Agudas Jisroel sich als befriedigt erklären, wenn der über die Wahrung des Religionsgesetzes im öffentlichen Leben gefaßte Be• Schluß des 12. Zionistenkongresses in die Verfassung der Jewish Agency aufgenommen werde und in einer noch zu besprechenden Weise Garantien dafür geschaffen würden, daß seine Durchführung gesichert wäre. Bezüglich der von Agudas Jisroel geforderten Abtrennung des Kultur• werkes von der Arbeit der Jewish Agency würde sich eine wesentliche Erleichterung vielleicht ergeben, wenn der aus anderen Gründen zur Diskussion stehende Plan einer Ueberleitimg des Schalwerkes auf den Jischuw sich realisierte. Bezüglich einer Kooperation, der an sich weit geringere Hindernisse im Wege stehen, wurde folgendes besprochen: Ohne die Frage der grundsätzlichen Stellung der beiden Gruppen zu erörtern, wird es als ein Gebot der Zeit anerkannt, daß außenpolitische Eingaben von seiten der Agudas Jisroel bis auf weiteres nich,t eingereicht werden sollen. Die Jewish Agency wird dies dadurch erleichtern, daß sie die Agudas jisroel über die politischen Vorgänge, soweit nicht Diskretion vorgeschrieben ist, informiert. Unter der Voraussetzung, daß diese Zusammenarbeit sich bewährt, würde ein Zusammengehen auf wirtschaftlichem Gebiete als nicht zu schwierig angesehen werden. Detailfragen, die sich hier ergeben, sollen in einer nächsten Besprechung nach Ablauf einiger Wochen behandelt werden. Der Sturm in Palästina Ueber die Wirkung des Orkans, von dessen Verheerangen wir bereits in der vorigen Nummer berichtet haben, wird uns aus T el-Awiw geschrieben: Erst nach dem Abschwellen des Sturmes bekam man ein Bild von der ganzen Größe seiner Gewalt. Der Strand von Tel-Awiw zeigt überall die Spuren der Zerstörung. Er ist überschwemmt mit Hölzern, die von verschiedenen leichten Gebäuden herrühren, die das Wasser niedergerissen und fortgetragen hat Die hölzerne Bade• a n s t a 11 wurde von den Wellen überschwemmt und völlig vom Boden wegrasiert. Die eisernen Rolläden der Geschäfte am Strand sind vom Wind eingedrückt, verbogen und zerbrochen und sehen aus, als ob sie mit Gewalt durch schwere Werkzeuge aufgebrochen wären. Das Pflaster ist ausgewaschen und aufgerissen und überall spülen die Wellen Kisten voll Waren und auch Hausrat an. Man hat im Anschluß an den Sturm auf ausgiebigen Regen gehofft, der dringend nötig ist und von dem man eine Milderung der M ä u s e p I a g e, die sich Immer mehr ausbreitet, erwartete. Die Hoffnung ist aber nicht erfüllt. Nur geringe Niederschläge haben den Sturm begleitet — außer in Jerusalem — und man wartet nach wie vor ängstlich auf ausgiebigen Regen, von dem die Ernte des nächsten Jahres abhingt. Jizchak Grün bäum besuchte dieser Tage io Paris den Baron Edmond de Rothschild. Der deutsche Misradii und die Beschlüsse des A.-C. Von Oskar Wolfsberg. Es ist bereits in einem redaktionellen Artikel der ״Jüdisehen Rundschau“ auf die von der Fraktion des MisracÖ im Aktions-Comitö abweichende Haltung des deutschen Misrachi in der Frage der Verschiebung des Kongresses hingewiesen worden. Die Entwicklung der Dinge macht es notwendig, daß wir selbst seitens des deutschen Misrachi ein Wort zu der Sachlage sagen. Die misrachistischen Mitglieder des Geschäftsführenden Ausschusses der Z. V. f. D. haben siel! seinerzeit einmütig für die Verschiebung des Kongresses ausgesprochen, und auch in der Landeszentrale des deutschen Misrachi hat nur einer unserer Freunde einen abweichenden Standpunkt eingenommen. Wir glauben die Stimmung im deutschen Misrachi richtig zu beurteilen, wenn wir annehmen, mit unserer Auffassung Dolmetscher der allgemeinen Auffassung zu sein. Diese Meinung war von sachlichen Argumenten getragen. Denn att und für sich bestand natürlich auch in unseren Reihen, und vielleicht gerade bei uns, der Wunsch, einen Kongreß so früh wie möglich aur Klärung der innerzionistischen Probleme und im Dienste der großen außenpolitischen Fragen zu veranstalten. Gerade Schreiber dieser Zeilen hat nie ein Hehl daraus gemacht, daß die schweren Komnlikationen in unserer Organisation und in unserem großen Werk die frühe Einberufung eines Kongresses erheischen. Die Gründe, die im Aktions-Comitö schließlich eine starke Majorität für eine Aufschiebung des Kongresses zusammenbrachten, waren auch für uns bereite vor Zusammentritt der außerordentlichen Sitzung des Aktions-Comites entscheidend gewesen. Wir stellen auch heute noch die schwere finanzielle Krisis der Weltorganisation, insbesondere das Versagen des Drive in Amerika in den Vordergrund und glauben, daß eia Kongreß, dem nicht sofort eine Sitzung des Council der Jewish Agency folgt, von sehr zweifelhaftem Werte wäre. Gerade diejenigen Beschlüsse des Kongresses, die der Bestltigung durch den Council der Jewish Agency bedürfen — es handelt sich dabei um lebenswichtige und entscheidende Teile unserer Arbeit — wären ohne endgültige Klärung geblieben. Da nun gerade Amerika, und mit Amerika auch der dortige Misrachi, eine Verschiebung des Kongresses forderte, war der Antrag auf Verlängerung besonders ernst. Denn es ist kein Zweifel, daß in diesem amerikanischen Wunsche sich Zionisten und Nichtzionisten begegneten, und daß dieser Wunsch sowohl von der Bewertung der Finanzsituation, als auch von der Schwierigkeit, den Kongreß ohne folgende Councü-Sitzung abzuhalten, getragen war. Es gibt ohne Frage Gesichtspunkte zugunsten des sofortigen Kongresses, die nicht ganz leicht abgewiesen werden können. Es erscheint mir nicht opoortun, diese Dinge hier in extenso zu behandeln. Darum will ich nur andeuten, daß es sich um den besonderen Fragenkomplex handelt, der bei den künftigen Verhandlungen zwischen der Exekutive der Jewish Agency und der britischen Regierung erörtert werden soll. So ernst und bedeutsam diese Dinge sind, bilden sie gegen die oben erwähnten Gründe für eine Verschiebung kein hinreichendes Argument gegen die Vertagung des Kongresses. Was immer auch das Ergebnis dieser Unterhandlungen sein wird: es steht außer Frage, daß, wie immer in solchen Fällen, das allerletzte Wort doch beim Kongreß liegt. Außerdem dürfen wir, zumal im Hinblick auf die Ergebnisse der, Rolltisehep Verhandlung« in d« ,letzten f Monaten, die Ueber-; Zeugung haben, daß bei dem Führer Unserer Bewegung und Organisation die Sache in guten' Händen liegt Die politischen Auseinandersetzungen zwischen dem deutsehen Misrachi und seinen Gesinnungsgenossen seit vergangenem Jahre sind bekannt. Die Differenzen, die manches Gebiet zionistischer und mlsraehistischer Arbeit betreffen, haben nun mit voller Deutlichkeit auch dieses Gebiet erfaßt, und so muß denn der Gegensatz in aller Oeffentlichkeit auch von uns ausgetragen werden. Wir begreifen״ daß Mlsrachisten ebenso wie Zionisten über den Termin des Kongresses, über die Richtlinien politischer Arbeit, über die Ziele der Verhandlungen untereinander verschiedener Meinung sein können; sie müssen diese verschiedenen Meinungen auch zum Ausdruck bringen dürfen. Wir lehnen daher beiAbstimmung von Fragen, die mit den Prinzipien des Misrachi kaum etwas zu tun haben, den Fraktionszwang ab und halten so weitgehende Beschlüsse wie die Zurückziehung der misrachistischen Exekutive-Mitglieder nach Ablehnung des Vertagungsbeschlusses für vollkommen unmöglich. Rabbi Berlins Persönlichkeit und Leistung*- kraft genießt bei uns, trotz manchem Trennenden, Hoch- Schätzung; seinen Schritt begreifen wir aus seiner Ein- Stellung, obwohl wir ihn sehr bedauern. Aber er konnte auf Grund persönlichster Ueberzeugung seine Demission vollziehen, was er. ja auch bereits in einem früheren Stadium einmal getan hat. Daß aber eine ganze Fraktion, die noch nicht einmal von vornherein einheitlich zu der Frage der Kongreß- Verschiebung stand, unter dem Joch des Fraktionszwanges nicht nur gegen die Vertagung stimmt, sondern nach der Ab- Stimmung, die gegen sie ausgefallen ist. ihre Mitglieder aus der Exekutive abberuft, das ist von höchster Gefahr und Bedenklichkeit. Es ist die Aufgabe und Funktion des deutsehen Misrachi, dieser verhängnisvollen Entwicklung sich entgegenzustellen. Auch in diesem Zusammenhang bedauern wir es schmerzlich, daß dem deutschen Misrachi auf dem letzten Kongreß die Vertretung im Aktions-Comitö versagt ge- Wieben ist. So blieb unsere besondere Atiffasung diesmal völlig unvertreten, um so mehr, als auch unser allerdings nicht der Fraktion des Misrachi im Aktions-Comitd angehörender Freund Dr. Barth, der sonst im allgemeinen an den Sitzungen des Aktions-Comites teilnahm, diesmal verhindert war, die Sitzung zu besuchen. In längeren Beratungen, zu denen «dr teilweise auch unseren Freund Lazarus Barth hinzu zogen, hat das deutsch« Zentralbüro des Misrachi in seiner überwiegenden Mehrheit die Ueberzeugung gewonnen, daß es unsere Pflicht sei, Laza• rus Barth um sein Verbleiben in der Exekutive zu bitten und damit für seine Person der Aufforderung des Aktions-Comites Folge zu leisten. Diese Bitte wurde deshalb in erster Linie an ihn gerichtet, da er während der Sitzung des Aktions- Comitös, aber auch schon vorher und an anderen Stetten, sich für die Verschiebung des Kongresses deutlich ausgesprochen hatte und seinen Rücktritt nur als disziplinierter Misrachlst voll־ zog. Für Barth ist es demnach kein Opfer der Ueberzeugung, die Demission wieder rückgängig zu machen. Barth gegenüber konnten wir auch darauf hinwefsen, daß er nicht ohne Gefolgschaft Im Misrachi ist, um so mehr, als außer dem deutsehen Misrachi ja auch die misrachistischen Mitglieder des Aktions-Comites aus Amerika, ferner aber auch prominente Misrachisten anderer Länder und nicht zuletzt der Hapoei Hamisrachi für die Verschiebung sich anssprachen. Die Ent- Scheidung ruht natürlich bei Barth. Rabbi. Berlin gegenüber kann' zum mindesten von uns kein Drude ausgeübt werden, da er sich mit großer Energie, auch uns persönlich gegenüber, für die sofortige Abhaltung des Kongresses ausgesprochen hatte. Sollte er den Erwägungen, die ihm von uns und anderen entgegengehalten wurden und werden, jetzt größere Beachtung schenken und sich durch sie eines anderen belehren lassen, so würden wir, wie ja auch das ganze Aktioas-Comite es aasgesprochen hat, auch sein Verbleiben für bedeutsam halten. Denn es ist keine Frage: im Moment ist der Zusammenschluß aller Kräfte von höchster Bedeutung und jede Bresche in der Mauer von Schaden. Je weiter die Reihe der Männer und Gruppen ist, die bereit sind, an der schweren Verantwortung mitzutragen, um so besser ist es für die Fortführung unserer großen, aber doch so schweren Arbeit. Es ist noch eines zu unterstreichen: in den Gedankengingen, die insbesondere von den Radikalen vorgebracht wurden, wurde der Versuch gemacht, Ursache und Wirkung zu vertauschen und Finanznot und organisatorische Schwierigkeiten als Folge von Regime und Kongreßverschiebung darzustellen und eine Besserung der Dinge von einem schnellen Kongreß zu erwarten, während die Mehrzahl die Gesundung in erster Reihe erstrebt und es nicht verantworten zu können laubt, den Kongreß in diesem heikelsten Moment einzuerufen. Es muß endlich einmal Schluß mit dieser von Leichtfertigkeit nicht ganz freien politischen Art gemacht werden. So weit darf es keine Opposition treiben, daß sie die Gefährdung des Organismus unserer Organisation nicht mit genügendem Ernst würdigt Und auch das ist nicht zulässig, daß manche Kreise die jetzt geplanten Bemühungen um Verbesserang des Drive in Amerika von vornherein als verhältnismSBig aussichtslos hinstellen. Auch wird von mancher Seite aus versucht, die Notwendigkeit einer großen Delegation nach Amerika anzuzweifeln. Und es wird sogar für möglich gehalten, daß Kongreß und Drive zeitlich zusammenfallen. All das bedarf gar keiner ernstlichen Diskussion. Wir begrüßen deshalb den Beschluß des Aktions-Comites, den Kongreß zu verschieben, alle Kräfte der Organisation zusammenzufassen, um den Tiefpunkt zu überwinden und vor den Kongreß mit neuen Kräften zu kommen. Wir hoffen, daß die Stellungnahme des deutschen Misrachi auch im WeltmisrachJ eine Einkehr ver- Ursachen wird, und hoffen insbesondere, daß sich unser Freund Lazarus Barth der Argumentation nicht verschließen wird, die von unserer Seite an ihn gelangt ist Wenn die Annullierung seiner Demission auch vom gesamten Misrachi getragen sein und somit der Misrachi eine vorschnelle Entscheidung rückgängig machen würde, so wäre das für uns weniger eine Genugtuung als eine innere Freude. Kareski in Budapest Empfang im ungarischen Pro Palästina-Bund. Budapest, 27. Januar. (J.-T. A.) Direktor Georg Kareski, Vorsitzender des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde Berlin, war in diesen Tagen Gast des Pro Palästina-Bundes unparischer iuden. In einer von diesem Bunde veranstalteten Matinee, der zahlreiche prominente Persönlichkeiten des ungarischen Judentums beiwohnten, hielt Herr Kareski einen Vortrag über die aktuellen Fragen der jüdischen Gemeinschaft. Er sei, so führte er aus, nicht in der Lage, ein irgendwie erfreuliches Bild über die Situation des modernen Judentums entrollen zu können. Die Weltwirtschaftskrise habe die jüdische Bevölkerung in sämtlichen Ländern besonders schwer getroffen. Handel und Industrie, noch immer die Hauptbeschäftigungszweige der Judenheit, seien durch die Nachkriegswirkungen am meisten beeinträchtigt worden. Die freien Berufe werden immer mehr aus dem Wirtschaftsleben ausgcschaltet. Am schlimmsten liegen die Verhältnisse in Sowjetru Bland, wo einerseits durch die Religionsverfqlgnngen,. andererseits infolge der Omnipotenz der Staatswirtschaft die kantmfTzitJl? Tätigkeit der Juden ginzlich unterbtinden wurde. Dtfföfc Anlage״jüdischer Siedlungen in"der Krim und in änderen Oegetiden Sbwjetrußla'nds sucht man den Entwurzelten neue Existenzmöglichkeiten zu schaffen. Auch in Polen ist die wirtschaftliche Lage der jüdischen Bevölkerung durch die Züchtung eines nationalen Handwerkerstandes erschwert worden; breite Schichten des Judentums sind den bittersten Entbehrungen ausgesetzt, ln Deutschland ist durch die fortschreitende Rationalisierung des Wirtschaftslebens vielen iüdischen Kaufleuten und Gewerbetreibenden gleichfalls . der Boden unter den Füßen entzogen worden, da die Konzentrie-, rang der Klein- und Mittelbetriebe in Großimternehmungen, bzw. Truste und Syndikate einen starken Abbau von Angcstellten und die Vernichtung der Selbständigkeit kleiner Existenzen zur Folge hatte. Die Erstarkung der antisemitischen Bcwegung in manchen Ländern hat dem Judentum nicht minder schweren Schaden zugefügt. Demgegenüber sind die Auswanderungsniöglichkeiten nach den Vereinigten Staaten, nach Kanada, Argentinien und Südafrika in den letzten Jahren immer ungünstiger geworden: die genehmigte Quote ist so gering, daß sie praktisch kaum ins Gewicht fällt. Unter solchen Umständen kommt der Wiederaufbauarbeit in Palästina erhöhte Bedeutung zu. Der Redner schilderte die beispiellos dastehende kolonisatorische Tätigkeit der aus aller Welt nach dem Heiligen Lande gekommenen jüdischen Intelligenz und betonte, daß die bisher erzielten Erfolge allen Anfeindungen und Hemmungen zum Trotz zur größten Zuversicht hinsichtlich der zukünftigen Ent- Wicklung Palästinas berechtigen. Er kam dann auf die Wichtigkeit der Erziehung einer selbstbewußten, von tiefem Wissen erfüllten jüdischen Jugend zu sprechen und gab in diesem 211sammenhang einen Ueberblick über die umfangreiche soziale, kulturelle und wirtschaftliche Hilfsaktion der Berliner Jüdischen Gemeinde. Eine Gemeindepolitik müsse von roßen Konzeptionen getragen sein, da sie für die fernste Zuunft zu wirken habe. Kareski schloß seine oft durch stürmische Beifallsbezeigungen unterbrochene Rede mit der Fest- Stellung, daß die Förderung der palästinensischen Aufbauarbeit durch die jüdischen Gemeinschaften sämtlicher Länder eine Pflicht sei, die mit den patriotischen Gefühlen der einzelnen nationalen jüdischen Volksschichten in vollkommener Harmonie stehe. Oberregierungsrat Dr. Ignaz Friedmann dankte Herrn Kareski im Namen des Präsidiums. Am Abend wurde im ״Hotel Hungaria“ Kareski zu Ehren ein Tee gegeben, zu dem sich eine große Reihe ungarischer jüdischer und nichtjüdischcr Persönlichkeiten eingefunden hatte. Sokolows TO. Geburtstag. Deputationen der Zionistischen Weltorganisation, der Engttsh Zionist Federation und vieler anderer Organisationen sprachen am Freitag, dem 23. Januar, beim Präsidenten Ser Zionistischen Exekutive, Nahum Sokolow, in seinem Londoner Hause vor, um ihm die Glückwünsche ihrer Organisationen anläßlich seines 70. Geburtstages zu überbringen. Ansprachen wurden von Harry Sacher, Dr. M. D. Eder, Rev. J. K. Goldbloom und anderen gehalten. Der ehemalige polnische Außenminister und jetzige Gesandte Polens in London, M. Skirmunt, hat im Namen der polnischen Regierung Nahum Sokolow ein Telegramm gesandt, in dem die polnische Regierung ihre herzliche Gratulation zum Ausdruck bringt Im Namen der polnischen Presse begrüßte der Londoner Repräsentant der polnischen Telegraphen-Agentur (P. A.T.), Dr. Litauer, in einem Glückwunschtelegramm den Jubilar als ״alten Kollegen der polnischen Journalistik“. Die Einnahmen der Palästina-Regierung im Verlauf der ersten zehn Monate des Jahres 1030 betrugen 3854143 Pfund, die Ausgaben 5 813 229 Pfund.