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Jüdische Rundschau · 1931-01-23 · Heft 6 (23.1.1931) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 6 (23.1.1931)
Date
1931-01-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Sette 40 JUEOISCHE RUNDSCHAU Nr. 6, 23. L 1031 ת!sehe jüdische Leben für eine jüdische Gemeinde bedeuten Kann und auf die Möglichkeit der Verlebendigung des Gottes* dieiistcs durch die von Palästina ausgehende Erneuerung des Hebräischen. R.-A. Stern bedauerte, daß dem liberalen Juden* tum durch die von nationaler Seite erhobene Forderung, Palä.stina als das nationale Zentrum des jüdischen Volkes anzuerkennen, die Beteiligung am Palästinawerk unmöglich gemacht wurde. Schließlich setzten sich beide Redner lür eine stärkere Heranziehung der einzelnen Mitglieder zur Gemeindearbeit ein. (n diesem Zusammenhang forderte Dr. Klee die Errichtung kleiner Synagogen, die gleichzeitig soziale Zentren darstellen sollen. Volle Üebereinstimmung herrschte auch zwischen beiden Rednern in der Forderung nach gleichmäßiger Berücksichtigung der Bedürfnisse aller religiösen Richtungen innerhalb der Gemeinden. R.-A. Heinrich Stern schloß die Aussprache mit folgenden Worlen: Wir wollen optimistisch schließen. Sie haben von einem Abbröckeln des Judentums gesprochen. Ich kann sagen, daß der Höhepunkt der Krise überwunden ist und daß auch schon wieder aufgemauert wird. Die Gemeinde hat die Aufgabe, das Judentum zu einem lebendigen Faktor im Leben zu machen. Wenn es uns gelingt, die Lehren der Väter zu einem Gut des Tages zu machen, dann werden sich viele scheinbar Indifferente wieder dem Judentum zuwenden. Unsere Jugend bietet uns die Gewähr dafür, daß dieses Ziel erreicht werden wird. Ein Oberaus zahlreiches Auditorium folgte den Ausführungen der beiden Redner mit gespannter Aufmerksamkeit und dankte ihnen am Schlüsse durch reichen Beifall. Der nächste kontradiktorische Abend findet am Montag, dem 2. Februar, abends 8 Uhr, im Logenliaus, Kleiststr. 10, statt. Thema: ״Brauchen wir eine j - dische Schul e?“ Referenten: Dr. Breslauer (liberal), R.-A. Dr. Kollenscher (Volkspartei). Brief ans Prag Anwachsen der jüdischen Nationalität in der Tschechoslowakei — Gründung der Jüdischen Partei (Von unserem Berichterstatter) hl, Prag, 16. Januar 1931. Es liegen bereits Teilergebnisse der Volkszählung vor, die soweit sie bekannt sind, auf ein Anwachsen der Zahl derjenigen Juden schligßen lassen, die sich zur jüdischen Nationalitlt bekennen. Besonders dürfte dies auf die östlichen Länder der Republik, das sind die Slowakei und Karpathorußland, zutreffen, die auch die größeren jüdischen Zentren beherbergen. In der Hauptstadt der Slowakei, Bratislava (Preßburg), ist die Zahl der Nationaljuden fast um 50 0/0 auf 5550 gestiegen. In Karpat horu Bland ist die Zahl der Juden überhaupt seit der letzten Volkszählung im Jahre 1921 von 93 000 auf 101 00□ gestiegen. Von diesen bekennen sich 94000 zur jüdischen Nationalität, also 93 °/0 der gesamten jüdischen Bevölkerung. Munkacz, die Hauptstadt Karpathorußlands, hat nach der neuen Volkszählung 26 123 Einwohner gegenüber 20865 im Jahre 1921. Es gibt hier 11 241 (1921 10012) Juden, von denen sich 9778 (8794) zur jüdischen Nation bekennen. Munkacz ist somit die jüdischeste Stadt der tschechoslowakischen Republik und mit seinen 43 0/0 Juden die einzige Stadt mit einer relativen jüdischen Majorität. (Absolute Majorität erreichen die Juden in keinein Orte der Tschechoslowakei.) In der zweitgrößten Stadt Karpathorußiands, in Uzhorod, ist der Prozentsatz der Nationaijuden von Ilj3 auf 22 gestiegen. Dem allgemeinen zahlenmäßigen Anwachsen der Bevölkerung der Tschechoslowakei entsprechend dürfte auch die Zahl der Juden von 365 000 auf 400 000 gestiegen sein. * Anfangs dieses Monats fand in Mähr.-Ostrau die Gründüng der Jüdischen Partei statt Bisher wurde die jüdische Landespolitik hierzulande von einigen Splitterparteien und der Zionistischen Organisation geführt, die hierfür eine eigene politische Reichskommission eingesetzt hatte. Einem Beschlüsse des letzten Zionistentages zufolge, sollte nun durch die Konstituierung einer eigenen Jüdischen Partei die Führung der Landespolitik zur Gänze von der Zionistischen Organisation getrennt werden. Die neue Partei umfaßt außer den Zionisten auch nichtzionistische Gruppen, die für eine jüdischnationale Politik in der Tschechoslowakei eintreten. Im Organisationsstatut der Partei, das einstimmig angenommen wurde, heißt es: ״Die Partei stellt zur Grundlage ihres Programmes das Prinzip auf, daß die Juden in der Tschechoslowakischen Republik eine nationale Minderheit darstellen, welche um Gleichberechtigung unter den anderen Völkern der Republik und um die Erhaltung und Entwicklung ihrer nationalen und kulturellen Eigenart kämpft und für die Freiheit der religiösen Uebung und Gleichberechtigung der Religionen im Staate eintritt . . . Die Jüdische Partei in der Tschechoslowakei ist die politische Organisation des nationalen Judentums in diesem Lande. Sie ist die legitim« Repräsentantin des jüdischen Volkes in seinem Ringen uni nationale Rechte, um nationale und kulturelle Entwicklung, um bürgerliehe und politische Gleichberechtigung auf dem Boden der Gesetze dieser Republik und im Rahmen ihrer Verfassung für die Freiheit der religiösen Uebung und der Gleichberechtigung der jüdischen Religion. Die Partei erstreckt ihre Wirksamkeit über das ganze Gebiet der Tschechoslowakischen Republik.“ Zum Obmanne der Partei wurde Dr. Emil Margulies gewählt. Außerhalb des Rahmens der neuen Jüdischen Partei verbleibt auch weiterhin die Poale Zion, die allerdings in der Landespolitik keine merkliche Rolle spielt. Jüdische Assimliationsbewegung in Polen. Die Juden assimilatorischer Richtung in Polen versuchen seit einiger Zeit, eine organisierte jüdisch-assimilatorische Bewegung ins Leben zu rufen. Vor kurzem hat in Warschau eine vom assimilatorischen Akademikerverband einberulene zweitägige Konferenz unter dem Vorsitz von Prof. Dick stein stattgefunden, in der Berafungen über die Propagierung des assi milatorischenOedankens abgehalten wurden. In einer Reihe von Referaten wurde darauf hingewiesen, daß der assimilatorische Gedanke noch niemals in Polen so fest Wurzel gefaßt habe wie heute. Zahlreiche jüdische Familien, in denen bis vor kurzem nur jiddisch gesprochen wurde, gebrauchen heute die polnische Sprache als Umgangssprache und lesen polnische Zeitungen. Die jiddische Presse stehe vor dem Untergang. Die Assimilation sei soweit vorgeschritten, daß viele ehemalige Leser von in polnischer Sprache geschriebenen jüdisch-nationalen Zeitungen zum regelmäßigen Bezug rein polnischer Zeihingen übergegangen sind. In jüdischen Stadtvierteln höre man immer weniger jiddisch sprechen: jüdische Eltern schicken ihre Kinder Ja polnische Schulen. Die Konferenz beschloß, den Kampf um die vollständige Assimilation der Juden in Polen forFzusetzen. — Eine symptomatische Veranstalhing, auf die noch in größerem Zusammenhänge zurückzukommen sein wird. lnSantiagodeChile v/urde eine große Versammlung der jüdischen Bürger dieser Stadt abgehalten, in der die Gründüng einer jüdischen Gemeinde beschlossen wurde. Die jüdische Jugendbewegung in Polen (Notizen von einer Reise nach Polen) Von Dr. Gustav Krojanker. (Schluß.) Der moderne Zionismus ist kein autochthon jüdisches Oewachs. Er ist vielmehr ein Glied in der europäischen Nationalitätenbewegung des neunzehn'en Jahrhunderts; er ist der letzte und kühnste Ausläufer jener Bewegung, die der Geschi ti.e des neunzehnten Jahrhunderts überhaupt ihr Gepräge gegeben hat Deshalb finden wir in ihm auch die Elemente, die für die ganze Bewegung überhaupt charakteris i ch sind; zwei Elemente, die einander konträr sind und die doch in ihrer Verflechtung, in gegenseitigem Sichablösen und Wiedereinanderdurc' d ngen das wesen jedes modernen und damit auch des jüdischen Nationalismus ausrnachen: Aufklärung und Romantik. Die moderne Nation ents'and in der franzö ischen Revo u'ion a's der Vollendung der Aufklärung. Die Nation als die Summe der freien und rechtsgleichen Individuen erklärt sich für souverän, und so entsteht ein Staat, der zum erstenmal in der Geschichte die Stoßkraft einer Nation bis in ihre Tiefen mobilisiert. Das zweite Element kommt aus Deutsch'and. Wenn das achtzehnte Jahrhundert nur die Idee der Gesamtrnenschheit gekannt und in der Nation nichts als Störungen, Unterbrechungen und Unregelmäßigkeiten derselben gesehen hat, so sieht Herder im Gegensatz dazu und im Gegensatz zum Staat, den er für ein künstliches Gebilde hält, nicht das einzelne zweckgesetzte Individuum, auch nicht den Staat, sondern das Volk, und zwar das Ursprungliehe des Volkstums. Die Nation, deren Urkräfte organischer Art sich ihm vor allem aus den Besonderheiten der Volkssprachen erschließen, ist ihm die natürlichste Organisationsform der Menschheit. Und das Wesen einer Nation zu erfassen, gründet er sie auf ihre Vergangenheit; aus ihrem historischen Werden, das ihre Grundkräfte am reinsten und deutlichsten offenbart, soll sie sich selbst, ihre Gegenwart und die Richtung ihrer Zukunft erkennen. Das ist kein Aufklärungsgedanke; er ist der Aufklärung entgegengesetzt Und doch hat dieser Gedanke, der schließlich zur deutschen Romantik wurde und von hier aus die Völker ergriff, sich mit dem Aufklärungsgedanken im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts verbunden und so erst der National!- tätenbewegung durch diese Synthese einer historisch-philosophisehen Grundlegung mit den rationalistischen Kräften politischrevolutionärer Erhebung ihre letzte Stoßkraft gegeben. Ostjudentum und Westjudentum sind unter verschiedenen historischen Bedingungen in den Zionismus, und das heißt in die moderne Nationalitätenbewegung eingetreten. Die Westjuden hatten, als der Gedanke des Zionismus sich unter ihnen verbreitete, die Aufklärung bereits weit hinter sich. Noch nicht in ihrer Ideologie, wie vielleicht heute noch nicht, aber in ihrer tatsächlichen Situation. Sie hatten sich im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts vervielfacht, und diese vielfache Zahl wieder hatte sich in den großen Städten zusammengedrängt, wo große Gemeinden sie aus der Isolierung retteten, In der sie sich vorher befunden hatten. Es ist nicht nur so, wie es immer dargestellt wird :.daß nämlich der wachsende Antisemitismus der ungeheuren Assimilations- und Taufbewegung vom Anfang des Jahrhunderts ein Ende setzte, sondern wesentlich auch so, daß die in den Städten entstehende jüdische Masse dieser Bewegung ihr eigenes Schwergewicht entgegenstellte. Und wie nun diese beiden Momente — der Druck von außen, das Schwergewicht von innen — zusammenwirkten, entstand auch ein neues Bewußtsein oder wenigstens der Boden dafür. Das Individuum war nun frei und rechtsgleich und aufgeklärt und wurde doch immer wieder, aus sich selbst und von außen, auf seine Gemeinsehaft, auf die ganz anders gearteten Grundlagen seines historischen Werdens verwiesen. Damit war der Boden für den Zionismus bereitet, der in dieser Situation in erster Linie Romantik sein mußte: Romantik als Erinnerung, als das ״Heraufrufen des einmal wirklich Gewesenen aus dem bloß bewahrenden historischen Gedächtnis iu die Unmittelbarkeit des lebendigen Inneren“. Und das ist auch das Wesen aller nationaljüdischen Jugendbewegung im Westen. Ich spreche nicht von ihrer Gemeinschaftsform, von der man beinahe sagen könnte, daß sie nur zufällig und nur so weit romantisch war oder ist, wie sie nämlieh eine Entlehnung vom deutschen Wandervogel darstellt. Aber romantisch in dem dargelegten Sinne ist der Inhalt ihrer Bewegung: das freie Individuum ist ihr selbstverständliche Voraus- Setzung, und auf dem Boden dieser Voraussetzung bindet sie nun das Individuum wieder in die historische Gemeinschaft, fragt nach dem Wesen dieser Gemeinschaft, nach Sprache, Liedern, Gebräuchen, und verbindet mit der Erneuerung der Vergangenheit deren Verklärung. Sie steht damit im ausgesprochenen Gegensatz zu der älteren Generation, der Fortschriftsgeneration, als das konservative, rückschauende, den Fortschritt im liberalen Sinn negierende Element Genau umgekehrt liegen die Verhältnisse im Osten. Von den zwei Elementen der modernen Nationalitätenbewegung hat der Osten seiner historischen Situation entsprechend ln erster Linie die Aufklärung ergriffen. Die Romantik hat er ohnehin. Was der Westjude sich aus der Vergangenheit destilliert und strahlend verklärt — das ist ihm lebendigste und häufig sehr drückend empfundene Gegenwart. Deshalb ist hier die zionistische Jugend Fortschrittsgeneration. Sie ist nicht mehr oder doch vorwiegend nicht mehr orthodox; sie hat die Notwendigkeit beruflicher Umschichtung nicht nur begriffen als etwas wirtschaftlich Notwendiges wje etwa der jiddischistische Arbeiter, sondern sie ist ihr Bedürfnis, sie ist ein Teil ihres Strebens nach einem neuen, freien und produktiven Leben. Wenn die Führung des ״Bund“ ihre Leute In Werkstätten und Industriebetriebe zu dirigieren sucht, so geschieht das einmal aus der Erkenntnis einer wirtschaftlichen Notwendigkeit und dann in dem Bestreben, diese Betriebe für das künftige sozialistische Endziel in ihre Hand zu bekommen. Wenn die zionistische Jugend an die Eroberung der Arbeitsstätten geht, so schwebt ihr zwar zunächst das praktische Ziel der Berufsvorbereitung für Palästina vor. Aber daß ihr dies Ziel vorschwebt und daß sie es verwirklicht, auch wenn im einzelnen Falle die wirtschaftliche Not nicht zwingend ist, das muß auf viel tiefere Kräfte zurückgeführt werden, nämlich auf den Erneuerungswillen einer jungen Generation, die zum ersten Male seit langer Zeit wieder Morgenluft wittert Ein Beispiel dafür, was das praktisch bedeutet Das landwirtschaftliche Lehrgut des Schomer bei Czenstochau, das ich besuchte, gehörte vordem der Ica; von 1000 Schülern, die durch die Schule dieses Lehrbetriebs gingen, sind 25 bei der Landwirtschaft geblieben. Von den jungen Schomerim ist bis jetzt noch keiner abgesprungen; und wenn es dabei wahrscheinlich auch nicht bleiben wird, so dürfte doch das Verhältnis hier höchstens umgekehrt sein. Dies Beispiel besagt etwas von der größeren Kraft der treibenden Idee. Diese neue Jugend spricht hebräisch. Wenn deutsche Juden Hebräisch treiben, so ist das Romantik; es ist der Versuch, an Hand der Sprache als dem lebendigsten und charakteristischsten Ausdruck eines Volkes wieder Anschluß an die verlorene Gemeinschaft zu finden. Wenn man im Osten hebräisch spricht, so ist das Aufklärung. Man muß sich, um das zu verstehen, daran erinnern, daß auch die deutschen Juden in der Zeit vor der gesetzlichen Emanzipation, als sie, um diese zu erreichen, Selbstemanzipation trieben, die ersten Erneuerungsversuche durch das Mittel der hebräischen Sprache ins Werk setzten. Das war ein sehr kurzer und für uns heute kaum faßbarer Versuch; man kann ihn nur aus der Zeit verstehen. Nicht nur für Mendelssohn, auch noch für David Friedländer und den ganzen Kreis von reformatorisch Gesinnten um ihn gab es noch eine jüdische Nation. Das war ihnen ein selbstverständlicher, noch keineswegs fragwürdiger oder irgendwie angreifbarer Begriff. Und wenn sie auch tatsächlich nichts als Assimilation trieben, so waren sie doch im besten Glauben, die Selbstemanzipation einer Nation ins Werk zu setzen. Dazu aber knüpften auch sie wieder durch das Mittel des Hebräischen an eine bessere jüdische Vergangenheit, die sie mit der Gegenwart zu verbinden trachteten, indem sie gleichzeitig auch das damalige deutsche Kulturgut ihren Volksgenossen im hebräischen Gewände vermittelten. Es war ein merkwürdiges und etwas unklares Hin und Her zwischen deutsch und hebräisch. David Friedländer, ein wohlsituierter Kaufmann von praktischem Verstände, übersetzte Stücke der Bibel ins Deutsche und deutsche Literatur, wie etwa Idyllen von Geßner, ins Hebräische. Diese Idyllen mit ihrer Rousseauschen Natursehnsucht waren damals das Modernste, und so wurde überhaupt dem jüdischen Publikum alles, was damals an geistigen Strömungen beachtenswert schien, in hebräischem Gewände vorgesetzt. Man dachte dabei an eine Durchlüftung der alten, dumpigewordenen Welt, an das Einström cn von Neuem in den — wie sie glaubten — festgegründeten Raum des Ueberlieferten. Und wie also das Hebräisch dieser ersten Emanzipationsgeneration Aufklärung war, so ist es auch das der heutigen ostjüdischen Jugend. Der Schomer hazair z. B. hat seinen eigenen Verlag, durch den er seinen Menschen hebräische Publikationen vermittelt, die Ueber- Setzungen modernsten Kulturgutes darstcllen. Bei ihm erschien z. B. eine Schrift des Berliner Stadtarztes Hodann; und so ist er überhaupt bestrebt, seinen Kreisen die moderne sexual- und sozialwissenschaftliche Literatur hebräisch zugänglich zu machen. Und wenn ich nun in gleichem Atemzuge mit diesen Bestiebangen an die soldatische Ausbildung der Brith Trumpeldor- Jugend durch polnische Militärinstruktoren erinnere, so bleiben diese Fakten zwar in ihrem menschlich-geistigen Wert für mich getrennt wie Tag und Nacht, in einer Hinsicht aber liegen Sie trotzdem auf gleicher Ebene: sic sind gleichermaßen Ausdruck einer Aufklärungsbewegung, die durch Aufklärung den Boden der Selbsternanzipation bereitet. Selbstverständlich liegt auch der Gedanke der wirtschaftlichen Umschichtung auf dem gleichen Gebiet. Auch hierfür haben wir in dem Deutschland von 1800 eine gute Parallele. Auch damals hat man sich — und zwar ohne zwingende wirtschaftliche Not — die größte Mühe gegeben, Juden in Landwirtschaft und Handwerk zu überführen. Und das geschah bestimmt nicht nur, um den deutschen Regierungen zu zeigen, daß die Juden auch anders können, sonders es stand im engsten Zusammenhang mit dem ganzen Streben der Zeit nach menschlicher Umgestaltung. Das also scheint mir der entscheidende Unterschied zwischen dem, was sich in der ostjüdischen, und dem, was sich in der westjüdischen Jugend vollzieht. Die einen sind Romantiker, die anderen Aufklärer. Für die einen ist die Emanzipation mit allen ihren Folgen selbstverständliche Voraus- Setzung; auf ihrer Grundlage haben sie das Judentum neu entdeckt. Für die anderen ist das Judentum die selbstverständliehe Voraussetzung, über die nicht mehr geredet zu werden braucht; auf seiner Grundlage aber haben sie nunmehr die Welt zu entdecken. Bei diesem Vergleich liegt der Gedanke nahe, die Dinge könnten nun also auch im Osten denselben Weg gehen, den sie in Deutschland gegangen sind, d. h. Emanzipation und Selbstemanzipation könnten auch hier zur Assimilation und damit zu Auflösung und Verfall führen. Sie werden sogar bestimmt zur Assimilation führen, sie sind schon auf dem besten Wege dazu. Aber Assimilation, nämlich Anähnelung, braucht noch lange nicht auch Auflösung und Verfall zu sein. Sie war es In Deutschland, weil und solange sie immer nur Individuen erfaßte, heraushob und neu eingliederte. Sie hat es im Osten mit Massen zu tun, die größtenteils in Städten sitzen und dort ein Drittel der Gesamtbevölkerung darstellen. Hier handelt es sich also um eine Kollektivassimilation, einen Prozeß, bei dem zwar sicher immer wieder zahlreiche einzelne vom Rand des Massenkerns sich absplittem und verlieren werden, aber eben doch nur einzelne, ohne daß das Gesamtbild dadurch wesentlich geändert wird. Und auch die Assimilation dieser einzelnen, wenn man auch sie wieder als Masse sieht, kann niemals so radikal sein, wie das bei gewissen deutschen Schichten der Fall ewesen ist. Denn hinter und neben ihnen bleibt immer der chatten einer Dreimillionenmasse. Wenn schon den deutschen Juden der Schatten des Ostjuden, der ihn, wenn auch nicht 1m eigenen Bewußtsein, so doch in dem der anderen stete beleitete, am letzten Aufgehen verhinderte, so natürlich erst recht en assimilierten Ostjuden, für den Art und Tempo seiner Assimilation Immer durch das Gewicht der Masse beschwert sein wird. Im Gegenteil: je mehr die Masse selbst sich wirtschaftlich und geistig ihrer Umgebung annähert, um so schwerer werden es jene vereinzelten ganz assimilierten Elemente haben, deren Assimilationsgrad bisher wesentlich durch die Tatsache einer ungeheuren Kluft zwischen ihnen selbst und der jüdischen Masse, aus der sie kamen, bestimmt wurde. Zu diesem zunächst einfach zahlenmäßigen Unterschied zwischen den deutschen und den östlichen Verhältnissen kommt weiter ein mindestens so beträchtlicher Unterschied in den Ideen, die die Zeit beherrschen. Zur Zeit der deutschen Emanzipation gab es zwar noch eine jüdische Nation, aber man war weit entfernt, mit diesem Begriff alle jene geistigen und politischen Wertungen zu verbinden, die für uns heute an diesem Begriff unlöslich hangen. Nation — das war noch kein Eigenwert, das war vielmehr eine Störung des Menschheitsbegriffes. Es war die Zeit, in der Lessing den Patriotismus eine heroische Schwäche nannte und in der Kant vom ewigen Frieden spricht Das hat sich im Laufe des Jahrhunderts geändert, aber die Juden haben sich — beinahe bis auf den heutigen Tag — nicht mitgeändert. Sie haben schnell die nun sehr suspekt gewordene Bezeichnung einer jüdischen Nation von sich getan und blieben Im übrigen bei der Idee der universalen Menschheit, aufgebaut durch das freie und rechtsgleiche Individuum, stehen. Sie naben in ihrem innersten Bewußtsein die Wandlung der Zeit, die von nun an den Begriff Menschheit durch das Medium der Nation sah, nicht mitgemacht. Das hatte seine guten Gründe, auf die wir hier nicht ein gehen können. Aus allem aber geht schon hervor, wie grundsätzlich anders die ostjüdische Situation ist. Die Ostjuden haben von der Wandlung des Jahrhunderts profitiert; sie sind in die Emanzipation ganz legitim als Nation etreten. Sie wurden emanzipiert nicht als gleichberechtigte taatsbürger, von denen man die Aufgabe ihrer Eigenart erwartete, sondern als nationale Minorität. Sie wurden in bezug auf ihr Eigenleben in der Idee wenigstens nicht dem Staate verflichtet, sondern der Staat ihnen. Sie sind damit eines Koniktes enthoben, der im deutschen Judentum so wunderliche Blüten trieb. Denn hier lief neben dem Prozeß der natürlichen Anähnelung eine hemmungslose Nachahmungssucht, die dem eigenen Leben Gesetze aus anderer Sphäre aufzwang und es so verfälschte und innerlich unecht machte. Und nur dieser Teil des Assimilationsprozesses ist es, der den entwürdigenden Beiklang bekam. Nichtsdestoweniger bleiben natürlich auch im Osten durch die fortschreitende Erschütterung der Orthodoxie, also des eigentlichen nationalen Lebensboaens, genug Probleme. Wie in Deutschland der Liberalismus die der Orthodoxie entwachsenen Menschen gleich einem großen Reservoir auffing und vor letzter Entjudung bewahrte, so wirkt im Osten ähnlich der sonst grundsätzlich anders geartete Jiddisch ismus. Er hat mit: dem Liberalismus das eine gemeinsam, daß er dem Behar-

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