Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 6 (23.1.1931)
- Date
- 1931-01-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6, 23.1.1931 JÜEDISCHE RUNDSCHAU Seite 30 Der C״V. auf dem Kriegspfade Von Georg Kareski Der C.-V. steht in schwerem Kampfe. Zwar hat er bisher die Nazi-Front noch nicht wesentlich erschüttert, dafür sucht er auf einem anderen Kampfgebiet die Lorbeeren zu pflücken, die ihm an der Außenfront nicht beschieden waren, und deshalb wettert er jetzt in jeder Nummer seiner Zeitung gegen den jüdischeu Nationalismus. Das ist — wenn er das als seine Aufgabe a n s i e h t — sein gutes Recht, und verwunderlich ist dann nur sein Bedauern darüber, daß er — ach so ungern — in den intierjüdischen Streit 11 in eingezogen wird. Jüngst war es ein offenbar sehr ungenauer Versammlungsbericht, der seine Entrüstung gefunden hat, aber erst jetzt, nachdem Kollenscher und ich unsere Teilnahme an den zwischennarteilichen Freitag* Besprechungen aufgekündigt haben, wirft Dr. Hirschberg das ganze Gewicht seiner Persönlichkeit in den Kampf und schreibt witzig von dem Schmerz über das Scheiden von kurdischen Sesseln und von Beschimpfung und Herabsetzung des C.-V. und er öffnet eine wenig duftende Pandora-Büchse mit persönlichen Angriffen. Auch überschlägt er sich in Selbstbewunderung über die Standhaftigkeit des C.-V. gegenüber einem gespickten Köder (sollte es sich nicht um eine mit einem Köder gespickte Angel handeln?), verschweigt aber mit stolzer Bescheidenheit, daß der Appetit nach diesem Köder bis in die letzten Tage hinein offenbar noch nicht nachgelassen hat, wenn nur die Zubereitungsart etwas geändert wird. Dazu natürlich du Ausspielen von Blumenfeld gegen Kollenscher und mich, wie wir es umgekehrt ja auch oft genug erlebt haben. So stößt er der deutschen (oder deutschjüdischen) Zwietracht sein Messer mitten ins Herz, wie er das in Florian Geyer so schön gelesen hat, und freut sich, das Kapitol wieder einmal gerettet zu haben. Nun sind wir weit entfernt davon, diesen Angriff irgendwie tragisch zu nehmen, aber es könnte doch in einiger Zeit die Frage nach der Verantwortlichkeit akut werden, und deshalb soll der Herr, der sich ehemals ״Geschäftsführer des Rdchstagswahlauspchusses 1930“ nennt (ein etwas großer Titel für eine etwas winzige Sache), eine Antwort erhalten, die ein paar Tatsachen vor dem ״Klittern“ schützt Was war? Als der Reichstag im Sommer 1930 aufgelöst wurde und jeder nicht Völlig politisch Blinde die sich daraus für die deutsche Politik, die deutsche Wirtschaft und die deutschen jjuden er» ebende Gefahr voraussehen mußte, unternahm ich mit meinen reunden den Versuch, eine Einheitsfront der deutsehen Juden gegenüber dem gemeinsamen Feinde herzustellen. Trotzdem die Zionistische Organisation programmatisch die Uebernahme der Abwehrarbeit durch die jüdischen Körper» schäften öffentlichen Rechte verlangt, wurde der Versuch gemacht, diesen Streit angesichts der Gefahren des Augenblicks auszuschalten und den C.-V. als die Abwehr-Organisation des gesamten deutschen Judentums gelten za lassen, sofern er auf aktives Eingreifen in innerjüdisäie Kämpfe verzichten wollte. Hierzu war der C.-V. nicht bereit; der Kampf gegen einen erheblichen Teil des deutschen Juden» tums wer ihm wichtiger als die Einheitsfront derdeutschen Juden. Was herauskam, war ein winzige־ Mäusleim eben jener -Reichstagswahlausscbuß 1930“, in den weder Kollenscher noca ich hineingingen, weil wir mit allem Nachdruck irgendeine Regelung als bedeutungslos erklärten, die sich selbst eine Lebensdauer bis zum 14. Septemb e r beimaß. Der C.-V. beklagt sich darüber, daß diesem Ausschuß die Zionisten nicht genügend Mittel zugeführt hätten. Warum verschweigt er aber die ״imponierende“ Ziffer, mit der er den Reichstagswahlausschuß subventioniert hat? Fürchtet er, daß er mit dieser Ziffer gegenüber den anderweitig •verwendefen Geldern nicht genügend ״Staat“ machen kann? Der 14. September brachte dann das für viele überraschende, bedrohliche Anschwellen des Hakenkrcuzlertums. Was wir von Anfang an betont hatten, daß der 14. September erst einen Anfang und nicht ein Ende der Arbeit bedeuten dürfte, hatte sich, mehr als ans Heb war, bestätigt Unser Verantwortungsgefühl dem deutschen Judentum gegenüber gebot uns, unsere Bemühungen fortzusetzen. Man hütete sich wohl, uns eine Absage zu erteilen, sondern vertröstete uns auf die Entwicklung. So kamen jene Freitag-Konferenzen zustände, über die wir in unserer Erklärung berichtet haben, und deren Bekanntgabe für eine sich bietende Geleg.enheit ausdrücklich vorgesehen war. Dieser Ausschuß hat auch einen Versuch gemacht, den Wahlkampf zu dämpfen. Zwei Parteien haben ihm einen Korb gegeben und seine Autorität mißachtet — die Liberalen und die Nationaldeutschen, während die Volkspartei bedingungslos seine Vorschlage akzeptierte und in der Praxis sogar freiwillig sich mehr Beschränkungen, als gefordert, auferlegte. Der C.-V, winde besonders aktiv nach der Wahl. Hatte er schon nicht offen mitgekämpft, so drängte ihn seine lange aufgespeicherte Kampfeslust, sich wenigstens beim siegreichen Einzug der liberalen Truppen an ihre Spitze zu stellen. Plötzlich war die Wahl ein ״Sieg des C.-V.-Gedankens“, und es begann ein politisches Fangbaflspid, dem offenbar ein Rastelli als Vorbild gedient hatte. Die Mittel- Partei, die mehr als zwei Drittel ihrer Wähler verloren hatte, wurde plötzlich mit als ״Sieger“ erklärt. Den Konservativen, die nur etwa die Hälfte ihrer Wähler verloren, wurde eine ehrliehe Träne der Teilnahme geweiht, trotz des National Juden, der als Spitzenkandidat ihre Liste führte. Und Herr Dr. Hirschberg, der selbst auf der Positiv-liberalen Liste 9 im Kampfe gegen die Liste der Liberale^ stand, bejubelte offenbar den Sieg des C.-V.-Gedankens über sich selbst. Der 30. November war vorüber. Bis dahin konnte man immerhin glauben, daß nachderinnerjüdischen Ent» Scheidung ein Sichbesinnen auf die große Aufgabe .einer gemeinsamen Abwehrfront möglich sein wurde. Audi diese Annähme trog. Immer wilder stürzte sich der C.-V. in den innerjüdischen Kampf, und wenn er einmal eine Zurückweisung erfuhr, markierte er ein geradezu wedekindliches Unsdmldsgemüt und spielte den Beleidigten. Dieses Doppelspiel durfte nicht länger geduldet werden. Nachdem auch die Wochen nach der Wahl gezeigt hatten, daß der C.-V. die Notwendigkeit gemeinsamer Arbeit in der Abwehrfrage nicht begriff, konnten wir unmöglich uns noch länger als ״ab* 'vehrpolitischen Koscherzettel“ gebrauchen lassen. Wir sahen, was geschah. Sollten wir uns auch so stellen, als ob wir diese Dinge als ״Aktion“ werteten? Sollten wir den Eindruck ver» stärken, daß der C.-V. eine starke Waffe der deutschen Juden und mehr als ein Pappschwert ist? Der C.-V. beklagte sich darüber, daß wir seine Autorität erschüttern. Wir könnten liierbei wohl nur offene Türen einrennen. Und warum die kfinstliehe Aufregung? Weil wir eine Zusammenarbeit aufgekündigt haben, die wir als eine innere Unwahrheit und als eineg efäbrlicheVerwischungderVerantwort- I i c h k e i t e n empfinden mußten. Und siehe da, so ganz nebenbei erfahren wir, daß wir eigentlich gar nicht die Karnickel sind, daß Herr Justizrat Brodnitz schon ungefähr dasselbe getan hat, allerdings weniger offen als wir; so ein bißchen hintenrum durch einen Privatbrief an Herrn Kammergerichtsrat Wolff. Uebrigens — schreckliche Sorgen. hat Herr Hirschberg. Nicht die Volkspartei hätte zurückziehen dürfen, sondern die Gemeinde. Sehen Sie, Herr Hirschberg, diesen Tipp hat die Gcmeinde schon befolgt und hat ihre Vertreter zurückgezogen, weil ohne die Volkspartei diese Besprechungen ja keinen Sinn haben, und es bleibt nur übrig, Sic um Entschuldigung zu bitten, daß wir offenbar Ihrer Registratur Schwierigkeiten bereitet haben. Jedenfalls freue ich mich, daß Sie in der gegenwärtigen Lage des Judentums keine größeren Sorgen haben. Wir sagen es ganz offen — wir haben größere. Und darum ist viellei31t diese Diskussion dodi nützlich. Ls ist mit aller Klarheit bewiesen, daß der C.-V. als Kampf- Partei innerhalb des Judentums gelten will, und daß an diesem Willen die einheitliche Abwehrfront der deutschen Juden scheitert Das sollen die deutschen Juden wissen, und sie sollen sieh mit alten׳ Nachdruck daran erinnern, wenn die nächsten Monate eine Ent- Wicklung bringen, die die Frage aufwirft, ob nicht in der Abwehr ganz andere Ergebnisse hätten erzielt werden können. Aber dann machen Sic Schluß, meine Herren vom C.-V., mit dem Märchen, daß es Ihnen schmerzlich ist, in den ו nncr jüdischen Kampf hineingezogen zu werden, wir wollten Sie ja draußen lassen. Sie haben sich selbst hineingedrängt. Legeu Sie aber auch die Zimperlichkeit ab, die jedes Wort der Kritik an dein C.-V. schon als eine beinahe hochverräterische Handlung empfindet Wir werden uns das Recht der Kritik nicht nehmen lassen; Sie sind nur seit einigen Jahren etwas verwöhnt Audi der etwas Schulmeisterlieh erhobene Finger macht auf uns keinerlei Eindruck. Wir werden das sagen, was wir für unsere Pflicht hatten, selbst wenn eine neue Pandora-Büchse in Bereitschaft steht Nicht immer ist das Geschirr, das wir angeblich zersdilagen haben, eine Salon-Vase. Der C.-V. ist ja so mit sich zufrieden; er glaubt ohne — ja gegen — 10 0;״ der deutsehen Juden seine Aufgabe lösen zu können. Es geht ja den deutsdien Juden in jeder Beziehung so herrlich. Nun wohl, bewahren Sie Ihre Geheimnisse — der Tag des Erkennens wird kommen, und dann wird das deutsche Judentum wissen, daß es so etwas wie den C.-V. schon einmal gegeben hat: Das verschleierte Bild zu Säis! Und noch etwas! Was geht — so ungefähr fragt man uns — die Zionisten das deutsche Judentum an; sie sind doch an Pa- Iästina interessiert Diesen Hinweis empfinden wir als eine Ungehörigkeit. Das deutsche Judentum ist unsere Sache, und wir brauchen 1ms weder über unsere Rechte noch unsere Pfliehten belehren zu lassen. Wie wir58 machen, ist’s eben falsch. Arbeiten wir für Palästina, so beklagt man das Vernachlässigen der Belange des deutschen Judentums. Kämpfen wir für die Int er essen des deutschen Judentums, so tut man, als ob uns das eigentlich nichts an ginge. Pazifismus nach außen, streitbare Gesinnung im innerjüdischen Kampf. Gewaltsames Sich-Hincindrängen in diesen Kampf und daneben laute Klage über das so unerwünschte Hineingezogenwerden. Das ist die zielklare LiniederC. -V. - Politik. Und wie ist es mit dem begeisterten Hymnus auf Marschall Pilsudski, dieweil dieser mit terroristischen Mitteln, wie sie bei europäischen Wahlen in den letzten Jahrzehnten eigentlich nicht mehr als ganz zeitgemäß empfunden werden, die Zahl der national-jüdischen Vertreter 1‘m Sejm verringert hat? Diese Mittel, die in Deutschland einen berechtigten Sturm der Entrüstung hervorgerufen haben, weil Pilsudski mit ihnen die deutsche Vertretung im polnischen Sejm noch viel stärker entzweigeschlagen hat Ist diese V er he r rlichung des Pilsudski-Terrors nach Ansicht de! C.-V. mm deutsch oder jüdisch oder deutsch-jüdisch? Vielleicht singt der politische Barde des C.-V. demnächst nicht mehr von der entscheidend durch ihn geschaffenen ״Zwietracht der deut* sehen Juden“, sondern von der ״Zwietracht in der eigenen Brust“. Das wäre vielleicht noch aktueller und vor allem dürfte er dann wohl etwas objektiver sein. Und nun hat der C.-V. eine herrliche Gelegenheit zu beweisen, daß für ihn Würde wirklich gleichbedeutend mit Schweigen ist Oder gilt auch dieses von ihm proklamierte Dogma nur für die Anderen? Hiiler- Interviews Vor einigen Monaten versuchte eine jüdisch-amerikanische Journalistin in beruflicher und weiblicher Sensationsgier Hitler zu interviewen. Da die Dame offenbar auf Grund ihrer Pbysiognomie sofort als Jüdin zu erkennen war, bekam sie einen Korb und wurde, noch bevor sie die heiligen Hallen der Hitler- Burg betreten hatte, hinausgeworfen. Wir haben jener Dame den Hinauswurf neidlos gegönnt, denn es ist wirklich ein Beweis absoluter Würdelosigkeit, wenn sich Juden dazu drängen, mit Herrn Hitler in Berührung zu kommen. Die Erfahrung der amerikanisch-jüdischen Journalistin schreckte jedoch einen gewissen Frankel, der gleichfalls amerikanischer Journalist aber blond ist, nicht ab, und er versuchte bei Hitler sein Glück. Ihm gelang es auf Grund seiner unverdächtigen Physiognomie, zum Nazi-Führer vorzudringen und von diesem ein interview zu bekommen. Bekanntlich werden Herrn Hitler die Interviews mit Gold aufgewogen, so daß sowohl Hitler wie auch Frankel materiell aus dieser Zwiesprache klingenden Nutzen, und nicht zu knapp, gezogen haben. Herr Fränkcl fragte Hitler über seine Stellung gegenüber den Juden und bekam die Antwort, die Hitler, in der Oeffentlichkeit und für die Oeffentlichkeit befragt, geben muß: nämlich daß er ein unentwegter Antisemit ist und nach Erlangung der Macht in Deutschland die Juden von jeder öffentlichen Betätigung ausschließen, sofern sie deutsche Staatsangehörige sind und rücksichtslos ausweiseu werde, wenn sie sich erst seit 1914 in Deutschland befinden. Diese jüdische Interviewerei Hitlers ist ein Unfug sondergleichen. Wenn sensations- und dollarhungrige jüdische Journallsten politischen Erwägungen nur ein klein wenig Raum gewähren würden, so müßten sie sich als Juden sagen, daß Hitler, befragt, aus agitatorischen Gründen betonen muß, daß er am antisemitischen Programme festhält. Es ist nämlich nicht richtig, wie seinerzeit in einem Teil der Presse behauptet wurde, daß Hitler in seinen für das Ausland bestimmten Erklirungen vom Antisemitismus abgerückt wäre. Das hat er gar nicht nötig. Denn ähnlich wie die meisten bürgerlichen Parteien in Deutschland betrachten auch die ausländischen politischen Faktoren den Antisemitismus Hitlers nicht als dessen größten Schönheitsfehler. Sie würden mit christlichem Erbarmen über den Judenhaß der Nationalsozialisten hinwegsehen, wenn die Nationalsozialisten ihnen sonst genehm wären. Da das Ausland aber den Nationalsozialismus aus tausend Gründen ablehnt, so macht es sich nicht schlecht, als ersten dieser tausend Gründe den Judenhaß der Nationalsozialisten anzuführen. Ist es also schon allgemein politisch unklug, wena jüdische Journalisten Hitler über seine bekannte Stellung zu den Juden ausfragen, so ist es vom jüdischen Standpunkte aus würdelos, wenn jüdische Journalisten immer wieder versuchen, unter Anwendung von Täuschungsmitteln sich beim Judenhasser Hitler ein zuschleichen. Was soll damit bewiesen werden? Der Mut dieser jüdischen Journalisten? Gieren diese jüdischen Zeitungsmänner nach der Sensation als Juden Auge in Auge mit dem Antisemitenfürsten beisammen zu sein? Diese Herren mögen es sich gesagt sein lassen: cs ist kein Zeichen von besonderem Mut, mit Herrn Hitler Unterredungen zu pflegen, sondern vielmehr ein Beweis eines Opfers an Intellckt und an jüdischer Würde und einer Geschäftstüchtigkeit, die dem Grundsatz des non ölet huldigt. rn. w. Die Aufgaben einer jüdischen <xro$gemeinde Kontradiktorischer Abend der Freien jüdischen Volkshochschule Die Freie jüdische Volkshochschule zu Berlin eröffnete am Montag, dem 10. Januar, die Reihe ihrer für den Winter 1931 geplanten Veranstaltungen mit einem ״kontradiktorischen Abend“, an dem die Herren R.-A. Heinrich Stern 1111«! R.-A. Dr. Alfred Klee in freier Wechselredc den Aufgabenkreis einer jüdischen Großgemeinde zur Darstellung brachten. Den Vorsitz in dieser Veranstaltung führte der Leiter dr! orientalischen Abteilung au der preußischpji Staatsbibliothek. Prof. Dr. Gotthold Weil, der in seiner Eröffnungsansprache die bisherige /Arbeit und das künftige Programm der Freien jüdischeu Volkshochschule skizzierte und auf die Bedeutung einer akademischen Erörterung des Aufgabeakrcises einer jüdischen Großgemeinde durch die berufenen Vertreter der geistiger! Hauptrichtungeu des Berliner Judentums hinwics. Er erteilte zunächst das Wort Herrn Dr. Alfred Klee. Dr. Klee führte aus: Die erste und primäre Aufgabe einer jüdischen Großgemeinde ist es, das Substrat alles jüdischen Wesens, den jüdischen Menschen, zu erhalten. Daß Säuglingspflege und Altersfürsorge eine der Hauptaufgaben einer jüdisclien Gemeinde darstellen, steht wohl außer Diskussion. Wenn auch der Geist der Zedokoh, wie sie in früherer Zeit geübt wurde, heute noch maßgebend sein muß, hat sich doch die Form, in der sie geübt wird, gewandelt. Das neue große Problem unserer Tage ist das Wirtschaftsproblem. Dm jüdische Gemeinde muß in der Erkenntnis, daß es eine spezifische jüdische Wirtschaftsnot gibt, zum Aufbau einer jüdisehen Wirtschaftspolitik schreiten. Hierzu gehört die Errichtung von Arbeitsnachweisen, die Frage der Berufsumschichtung, die Stützung des jüdischen Selbsthilfewillens durch Darlehenskassen usw. Ist dieser Unterbau geschaffen, so kann auf ihm das Haus errichtet werden, das jüdisches Gemeinschaft«־ leben, jüdisches Wissen, jüdische Werte umschließt. R.-A. Heinrich Stern: Das soziale Problem wurde früher in einzelnen Kommissionen behandelt, heute befaßt sich das große Wohlfahrtsamt mit dem Gesamtkomplex dieser Aufgaben. 'Ob diese Unifizierung ein Segen war, steht dahin. Es wird Aufgabe der Gemeinde sein, die private Initiative in der sozialen Fürsorge wieder mehr anzuregen. Es ist zweifeihaft, ob es eine spezifische jüdische Wirtschaftsnot gibt Es sollen zwar vielfach Juden bei der Vergebung von Stellen benaditeiligt werden. Andererseits gibt es auch Betriebe, die Juden bei der Anstellung bevorzugen. Es Ist natürlich Aufgäbe der jüdischen Gemeinde, ihre Mitglieder wirtschaftlich zu stützen, wie es ja auch die Kirchen tun. Klee: Die Existenz einer spezifischen jüdischen Wirtschaftsnot steht außer Frage. Es gab spezifisch-jüdische Branchen, wie die Metall- oder die Konfektionsbranche, in denen vorwiegend jüdische Unternehmer und jüdische Angestellte tätig waren. Die Notlage gerade dieser Branchen hat eine Unzahl jüdischer Menschen ihrer Existenz beraubt Nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen muß eine Großgemeinde hier eiugreifen. Sie muß Sorge tragen, daß der durch die Wirtschaftenot zermürbte Jude im eigenen Kreise, im jüdischen Milieu, seelischen Halt und geistige Erhebung finde. Wir sind seinerzeit für die Errichtung eines Ledigenheims eingetreten, um vereinsamten jüdischen Menschen eine Heimstätte der Seele im jüdisehen Milieu zu schaffen. Stern: Ueher Fragen, die sich um ein Schlagwort wie ״jüdisches Milieu“ gruppieren, wird man rasch einig, wenn man sich über die Bedeutung des Schlagwortes selbst einig ist. Wir haben seinerzeit die Errichtung des Ledigenheims abgeklärt, weil sie sieh teurer gestellt hätte als die Unterbringung »» Privat- Wohnungen. Wir befürchteten aber auch, daß ein Settlement, das Juden über den Rahmen religiösen Lebens hinaus — dieses im weitesten Sinne genommen — zusammenhält, zu einer zu Starken Absonderung von der nichtjüdisehen Umgebung führen könnte Klee: Bekämpfung der Tendenz zur Schaffung jüdischen Milieus wäre heute reaktionär. Seit 30 Jahren bestehen jüdisdie Logen, obwohl es immer allgemeine Logen gegeben hat, in denen Juden Aufnahme fanden. Der Central-Verein wurde als rein jüdische Organisation gegründet, obwohl es den int erkonfessionellen Verein zur Abwehr des Antisemitismus gab, der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten ist entstanden, obwohl es auch heute Kriegervereine gibt, die Juden aufnciimen. Man mag Annäherung an die nichtjüdische Bevölkerung aus politischen Gründen anstreben. Aufgabe einer jüdischen Gcmeinde aber kann es nur sein, das Judentum zu erhalten. Stern: Der Central-Verein wurde geschaffen, weil zur wirksamen Abwehr des Antisemitismus ein gewisser jüdischer Fundus notwendig Ist. Nur wer die jüdische Geschichte als seine eigene erlebt und die jüdische Zukunft als seine eigene Zukunft empfindet, kann den Antisemitismus wirksam bekämpfen. Der Frontbund ist weniger Gemeinschaft als Zweckverband. Die Errichtung eigener jüdischer Logen war notwendig, weil die preußische Landesloge seinerzeit auf Christlicher Grundlage gegründet wurde. Klee: Jener jüdische Fundus, den Sie als notwendig zur wirksamen Abwehr erkannt haben, ist auch Voraussetzung für jüdische Arbeit auf anderen Gebieten. Die Gemeinde soll alle Ansätze stützen, die ohne Chauvinismus und Absonderung«- tendenz auf Erhaltung jüdischer Art und jüdischen Wissens hinzielen. So muß auch die Gemeinde Eltern, die ihre Kinder in einer jüdischen Schule erziehen zu lassen wünschen, die Möglichkeit hierzu geben. Stern: Die Errichtung jüdischer Schulen ist nicht Aufgabe der Gemeinde, sondern Aufgabe von Staat und Kommune. Eine jüdische Schule kann nicht wirkliche jüdische Bildung geben. Dazu ist nur das jüdische Haus imstande. Die Errichtung jüdischer Schulen durch die Gemeinde lehne ich ebenso wie ihre Beteiligung an der Palästina-Arbeit prinzipiell ab, weil die Gemeinde nur jene Aufgaben erfüllen soll, die den Bedürfnissen aller Mitglieder entsprechen. Von der jüdischen Idee ausgehend, den Gedanken des Judentums in die Welt zu tragen, bin tch gegen die Isolierung des jüdischen Kindes von seiner nichtjüdisehen Umgebung. Klee: Um den jüdischen Gedanken propagieren zu kön- Den, muß man erst Volljuden erziehen. Stern: Vielleicht wäre ein Unterricht für Eltern wichtiger als eil! solcher für Kinder. Itn Anschluß an die Synagoge müßte Eltern, die ihren Kindern ein jüdisches Heim schaffen wollen, Anschauungsunterricht darin erteilt werden, wie etwa ein Freitagabend oder ein Sederabend herzurichten Ist Klee: Das wäre zu wenig. Die jüdische Gemeinde muß helfen, volljüdische Menschen heranzubilden, die sich mit der Kette der Geschlechter vor ihnen und der jüdischen Gemeinschaft in der ganzen Welt verbunden fühlen. Das Abbröckeln des Judentums muß verhindert werden. Nur Nachkomme sein ist klein. Ob man Vorfahre Ist, kann man nicht wissen, man soll aber doch so arbeiten, daß man Vorfahre sein kann. Stern: Gerade weil wir Vorfahren sein wotleu, müssen wir trachten, dem jüdischen Kind jüdische Eindrücke zu vermitteln, solange es noch faltig ist, sie aufzunehmen. Wichtig ist Gemeinschaftsgefühl als solches, ob es aus nationalen oder religiösen Impulsen entsteht, ist nebensächlich. Im weiteren Verlauf der Diskussion wies Dr. Klee auf die Kraftquelle hin» die das in P a 1 ä s t i a a ,entstehende neue orga-