Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 6 (23.1.1931)
- Date
- 1931-01-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 0, 23.L 1031 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 37 Sonne. Es ist aber kein Zeichen für Leben, Bewegung und Wachstum, wenn auch jetzt, nachdem seit jenen Tagen eine geraume Zeit verstrichen ist, jene Parolen sich aus ihrer Umhüliung nicht befreien und konkretisieren, sondern die Neigung zeigen, zu unbeweglichen, versteinerten Losungen zu werden, die der kritischen Sonde unzugänglich sind; man gibt sie von Hand zu Hand weiter, wie etwas, was keinen Inhalt hat, wie wesenlose Begriffe; manchmal gar wie eine abgegriffene Münze, deren Gestalt zwar schon verdorben ist, die aber im Handel noch genommen wird, weil es so Brauch ist — und aus Gewohnheit. Der allgemeine Gesichtskreis ist vielfach erweitert worden. Neue Werte in großer Zahl sind hinzugekommen. Die kritische Unterscheidung ist feiner und gründlicher geworden. Die Mensehen können sich nicht mehr lange mit fragmentarischen Andeutungen zufrieden geben, sie fordern klare Sachverhalte, konkrete Formen, Beispiele, Tatsachen. Der immer neu wiederholte Vortrag alter, bekannter allgemeiner Abgrenzungen muß unausweichlich dazu führen, daß Hörer und Leser von Langeweile bedrückt werden. Dann vermag aber auch der Schwung der aus solchen allgemeinen Erkenntnissen gespeisten nationalen Bewegung nicht mehr anhalten; die Bewegung wird flügellahm — nicht durch die Schuld jener ersten Grunaformeln, die gut und richtig sind, sondern deswegen, weil sie an einem Gefrierpunkt stehen geblieben sind, sich nicht lebendig weiterentwickelt haben, vielmehr hinter der Entwicklung der Psychologie, hinter dem Fortschreiten der öffentlichen Meinung, und hinter den Uebcrlegungen der Denkenden innerhalb der Bewegung zurückgeblieben sind. ״Gußgötter mache dir nicht!“ Die Verwirrung wird besonders bei den Geistigen unseres Volkes erkennbar, Assimilanten von jeher, jetzt ganz oder halb Zurückgekehrten. Sie kehren zu unserem Volk mit willkommener Absicht zurück, mit liebenswerter Neugierde und einer außerordentlich verfeinerten äußeren Kultur. Es gibt unter ihnen solche, die einen wahren Schatz von Ausdrücken und Namen aus den fremden Sprachen mitbringen. Mit ihren überfeinerten und exklusiven Mitteln wollen sie nun an die Fragen herangehen, die vor uns sind. Es gibt unter ihnen solche, die mit ausgezeichnetem künstlerischen Talent begabt sind und solche, die mystische Intentionen und Hintergründe weben und sie heben unsere Sache mit sich hinauf in die höchsten Sphären hoher Kunst, der Poesie und des Gefühls. Aber in der Mehrzahl sind sie ״Verirrte in der Wüste“. Auch das ist nicht neu. Es ist schon viele Jahre her, daß aus einem kleinen Kreise von Pionieren des jüdischen Nationalismus der Ruf ausgegangen ist: ״Jüdische Art“, ״Jüdische Eigenart“, ״Der Mensch im Juden“. Diese Worte waren seinerzeit große, jugendfrische Worte mit lebendigem Inhalt, aufregende Rufe im Kampfe. Gegen sie standen die Assimilanten auf mit dem Gegenruf: Wir wolle!! das alles nicht! Solange nun jene ihre Gegnerschaft bekundeten — im allgemeinen durften die anderen — ebenfalls allgemein — dafür eintreten. Die Verwirrung beginnt aber, sobald jene ersten zuzustimmen beginnen; nun aber gehen sie weiter und fragen: Sagt uns dpeh, was sollen diese Parolen bedeuten? — Und nicht nur sie fragen, sondern auch die anderen, die von Anfang an unter den Zustimmenden waren, beginnen, nachdem die Flitterzeit der Allgemeinheiten vorüber ist, sich selbst zu fragen: Welches sind die klaren Merkmale der allgemein gesetzten Ziele, zu denen wir hinstreben und die wir ersehnen?1 — Es ergibt sich von selbst, daß die von der Lehre, der Sprache, dem typisehen jüdischen Leben Losgerissenen trotz aller ihrer tiefen allgemeinen Kultur unmöglich sich mit einem Schritt über die Wüste hinwegsetzen können, in der sie Verirrte sein müssen. Gesegnet die Wüste und gesegnet die Verirrung! Von da aus werden sie ins Land gelangen. Aber nicht nur die ״aus der Ferne Herangekommenen“, auch die ״Alteingesessenen“ sind in den ersten, unzureichenden Parolen stecken geblieben. Es macht nichts aus, daß die Spötter unserer Zeit witzig und leichtsinnig spotten: Zionistische Ideologie — das heißt: noch ein paar Schafe in Palästina. Aber es fällt ins Gewicht, daß es viele gibt, und nicht nur unter den Spöttern, ja, nicht allein unter unseren Gegnern, die es schon vergessen zu haben scheinen, daß der Zionismus in seinem Wesen eine Idee ist, und nur in seiner Verwirklichung: Organisation. Es war die Absicht des Verfassers, diese Wahrheit deutlich zu machen und einzuschärfen, und damit zu weiterer Arbeit an der Entwicklung der Ideologie anzuregen, im Sinne ihrer Spezialisierung — von ihren allgemeinen Parolen weiter vorwärts. Diese Ausführungen sind in Amerika niedergeschrieben worden, in den wenigen freien Stunden inmitten fieberhafter Arbeit, eiliger Hast, in den Mauern von Riesenstädten und zwischen 40u. 50stöckigen Riesenkasernen, welche die Cheops •Pyramide, die Agia Sophia und den Eiffelturm verblassen machen, im Schmcfztiegel nervengepeitscht eiliger Völker, an einem Ort, wo die Ereignisse sich mit besonderer Schnelligkeit auswirken, ein verwirrender Kampf um Bedürfnisse und Vergnügungen geführt wird, in einem grenzenlosen Reichtum des Lebens — und zwischen unseren tüchtigen und unvergleichlich arbeitenden Volksgenossen, Bewahrern der Tradition, treu der Vergangenheit und der Zukunft hingegeben, die verstrickt sind in diesen Sokolow steht regungslos bei der Tür. Der drinnen hat ihn noch nicht bemerkt, so tief in Anspruch genommen ist er von seinem Räuberha'nawerk; da fliegt eine Kassette aus dem Koffer heraus, dort ein paar Manschetten, hier wird Wäsche durchwühlt — dort ein Buch in die Zimmerecke gestoßen. Und Sokolow steht — staunt — sieht zu — hat Herzklopfen — atmet kaum — wagt nicht — ja, buchstäblich, wagt nicht in diesem Augenblick ins Zimmer zu treten, da er seinen ״Landsmann“ als Kofferdieb entlarven müßte. Sehen Sie, lieber Leser, das ist der Höhepunkt. Dieser atemraubende Moment, wo der Eigentümer sich so sehr schämt für den Freund, was sage ich, Freund, für den Jünger und Anbeter, den er bei einer Gemeinheit ertappen soll. Sokolow hüstelt. Hüstelt laut und absichtlich, um den anderen zu warnen. Der springt ad( — dreht sich um — wird rot und blaß — wirft entsetzte Bücke über die Bescherung, über das Chaos, das er in der Zimmerecke angerichtet — dreht sich im Kreise umher — etwas Großes, Unförmiges krampfhaft mit beiden Händen hinter seinem Rücken verbergend — kein Revolver, beileibe, — kein Küchenmesser — sondern — eine große Flasche Whisky, die er im Koffer des Präsidenten zum Zweck der Ueberraschung hatte unterbringen wollen. Vergebens, sie war zu groß gewesen. Merken Sie nun, lieber Leser? habe ich nicht doch vielleicht recht gehabt, mit dem Falken? Was dann noch folgt, wie der Landsmann ihn bis zuletzt mit Verehrung und Aufmerksamkeit überschüttet, so daß Sokolow nicht zu sagen wagt, daß er gar keinen Whisky trinke — wie er sich geduldig mit der doch noch im Koffer untergebrachten schweren Flasche schleppt, immer in Angst, als Alkohol- Schmuggler verhaftet zu werden — wie er in der Pacificbahn auf der Heise nach Canada wieder und wieder (und immer vergebens!) versucht, die verbotene Fracht loszuwerden und wie ihm dies erst im canadischen Hotel beim Zimmerkellner gelingt, 11 dort Alkohol ein durchaus erlaubtes Genußmittel ist — das ist eine Humoreske für sich, wie auch ein anderer amerikanischer Erzähler sie schreiben könnte. Aber der Falke, lieber Leser, —• Sokolows Falke! wundersamen Knäuel jungen und wachen, schaffenden und rastenden Menschentums. Mag sein, daß in manchen Abschnitten, in denen vom neuen Leben gesprochen wird, hier und da die Ueberlegung und die Darstellung durch die Einflüsse des Erlebten bestimmt sind. Ich habe es nicht für nötig erachtet, diese Spuren der unmittelbaren Eindrücke, die aus einem kräftigen Leben kamen, auszumerzen oder zu verwischen; sie werden, im Gegenteil, Ausführungen um den lebendigen Pulsschlag unmittelbarer Impressionen bereichern. Sind es doch Lebensfragmente, wie sie im Spiegel eines betrachtenden, zusehenden und überlegenden Menschen erscheinen. So sind die Dinge geschrieben, und so werden sie dem Leser dargeboten. Und man soll nicht vergessen, daß die größte zusammenhängende jüdische Gemeinschaft sich immer ausgesprochener aus anderen Ländern weg und nach Amerika verschiebt, und daß Amerika in deutlichster Form die Neigungen des Zeitgeistes zur Bildung neuer Lebensformen erkennen läßt; das geht so weit, daß die Kenner der Gegenwart, mit einiger Uebertreibung zwar, aber doch nicht ohne jeden Grund, von einer Amerikanisierung Europas auf vielen Gebieten des Denkens und Handelns sprechen. In ihrem eigentlichen Gehalt, in ihren Voraussetzungen und Schlußfolgerungen sind die folgenden Ausführungen nicht an einen Ort gebunden. Sie gehen die jüdische Gesamtheit an — besonders im Hinblick auf die nationale Pa’ästinabewegung. Palästina selbst wird in dem Maße, als seine Entwicklung zu einem vollendeten ״kollektiven Ich“, zum Zentrum der Natron fortschreitet, seine eigene buntfarbige Psychologie hervorbringen, und über diese werden Theoretiker und Experimentatoren noch Bücher über Bücher schreiben. Von dieser Psychologie wird ein Strom des Lichtes in die jüdische Welt strömen und hineinstrahlen — und dieser Prozeß hat schon begonnen. Das Objekt dieser Abhandlung aber ist die zerstreute und zwischen die Völker versprengte jüdische Welt in ihrem gegenwärtigen Zustande. (Aus dem Hebräischen übersetzt von M. Sp.) Sokolows Leben Sokolow wurde am 5. Schewat 5621 (1S61) in Wyszogrod bei Plock (Polen) gefroren. Er widmete sich frühzeitig schriftstellerischer Tätigkeit und trat 1834 in die Redaktion der Warschauer hebräischen Zeitung ״H a z ef ir a“ ein, deren Leitung er bald darauf ganz übernahm. Daneben veröffentlichte Sokolow zahlreiche Abhandlungen und Aufsätze in hebräischer, jiddischer, russischer, englischer, franzö iselier und deutscher Sprache fast in der ganzen jüdischen Presse der Welt. Er arbeitete auch an vielen nichtjüdischen Zeitschriften in fast samtliehen europäischen Sprachen mit. Der zionistischen Bewegung schloß sich Sokolow bald nach dem Auftreten Herzls an. Er gehörte auch bereits zu den Teilnehmern am ersten Zionistenkongreß. Nach Herzls Tode wurde er 1905 Generalsekretär der Zionistischen Organisation in Köln unter David Wolffsohns Führung und redigierte dort einige Zeit das zionistische Zentralorgan ״Die Welt“ sowie das von ihm begründete hebräische Zentralorgan der Zionistischen Organisation, den ״Haolam“. 1909 begleitete er David Wolffsohn in einer politischen Mission nach Konstantinopel. Seitdem trat er innerhalb der zionistischen Bewegung und Organisation auf dem Gebiete der Politik, der Propaganda und der Kulturarbeit immer mehr in den Vordergrund und wurde aut dem zehnten Zionistenkongreß in Base! 1911 zusammen mit Prof. Otto Warburg, Dr. Schmarja Levin und Dr. Arthur Hantke in das Engere Aktions-Comite der Zionistischen Organisation gewählt. Er siedelte damals nach Berlin über und blieb hier als Mitglied der Leitung der Zionistischen Organisation bis mm Beginn des Weltkrieges. Bei einer großen Propagandareise nach Amerika gewann er das Interesse von B r a n d e i s und Sokolow war es, der auf dem Wiener Kongreß 1913 dem zionistischen Publikum zum ersten Male ein Bild der Persönlichkeit und Bedeutung von Brandeis gab. Während des Krieges verlegte Sokolow seinen Wohnsitz nach London, wo er gemeinsam mit Dr. Weizmann und Dr. Tschleuow eine großzügige politische Tätigkeit für die Einbeziehung der zionistischen Palästina-Forderungen in die englische Politik entfaltete und so an der Erlangung der Balfour-Deklaration mitwirkte. Seit dieser Zeit ist Sokolow an allen politischen Aktionen des Zionismus führend beteiligt. Er verhandelte wälirend des Weltkrieges mit vielen führenden politischen Persönlichkeiten Europas über die Fragen des Zionismus, und es gelang ihm, bei den Regierungen Frankreichs und Italiens die Zustimmung zur Balfour-Deklaration zu erlangen. Sokolow hat ferner wiederholte Verhand- Jungen mit dem Vatikan geführt und wurde 1917 vom Papste Benedikt XV. empfangen, dem er die Ziele der zionistischen Bewegung darlegte. Während der Friedensverhandlungen in Versailles wurde Sokolow Präsident des Comite des Delögations Juives und wirkte bei der Anerkennung der jüdischen Minderheitenrechte in den verschiedenen Friedensverträgen mit. Ebenso ist die Zustimmung des amerikanischen Parlaments zur Gründung einer Jüdischen Nationalen Heimstätte in Palästina sowie die wiederholten Sympathieerklärungen vieler Regierungen, darunter der von Polen, Rumänien und Südafrika, für die Politik des Zionismus auf Sokolows politische Tätigkeit zurückzuführen. Auf der Londoner jahreskonferenz im Jahre 1920 sowie auf den ihr folgenden Zionistenkongressen wurde Sokolow zum Präsidenten der Zionistischen Exekutive, bei der Gründung der erweiterten Jewish Agency im Jahre 1929 auch in deren Exekutive gewählt und irn September 1930 vom Administrative Committee der Jewish Agency zu deren Ehren-Vize- Präsidenten ernannt. Er ist ferner seit 1921 Präsident aller Zionistenkongresse gewesen. Neben seiner politischen und journalistischen Tätigkeit hat Nahum Sokolow auch eine ausgedehnte literarisen-wissenschaftliche Tätigkeit entfaltet. Er schrieb u. a-: ,,Sin at 01a!m Farn olam“ (eine Geschichte des Antisemitismus; Warschau 1882); ״Zaddik w’tiiss gaw“ (eine historische Novelle; Warschau 1882); ״Ercz. eheinda“ (eine Geographie Palästinas; Warschau 1885); er gab die Jahrbücher ״Haassif“ und ,,Sefer sikkaron“ (ein biographisches Lexikon zcitgenössischer jüdischer Schriftsteller; Warschau 1889) heraus. Seine neuesten literarischen Werke sind ״Baruch Spinoza und seine Zeit“ (hebr., London 1929) und ״Ha ani hakibbuzi“ (״Das Kollektiv-Ich), New York 1930. Besondere Erwähnung verdient seine in zwei Bänden erschienene ״History of Zionism“ (London 1919), in der er zum ersten Maie den Versuch einer historischen Darstellung des zionistischen Gedankens gemacht hat. Sokolow hat endlich eine große Reihe wichtiger Werke der europäischen Literatur ins Hebräische übersetzt, darunter Herzls ״Altneuland“ sowie die Geschichte der jüdischen Literatur von Gustav Karpeles. Sokolow hat auch eine große Zahl Erzählungen geschrieben. Noch 1930 erschien im neuesten Band des hebräischen Jahrbuches ,,Hatekufah“ seine Erzählung ״Der verrückte Jossel“. Die Verehrung, die Nahum Sokolow in den jüdischen Massen als Politiker, Volksführer, Schriftsteller und Journalist enießt, ist fast ohne Beispiel. Seine Verdienste um die Ausreitung des zionistischen Gedankens und dessen Anerkennung in der nichtjüdischen Welt bleiben unvergänglich. Unser Nestor Von Harry Sacher Sokolow ist unser Nestor als Staatsmann. Es gibt Fälle, wo eine solche Position hauptsächlich auf der Zahl der Lebensjahre beruht, bei Sokolow aber liegt der Nachdruck auf dem Worte Staatsmann. Er hat einen großen Namen als öffentlicher Redner, ich aber glaube, daß er sein Bestes im privaten Gespräch gibt. Hier sind seine Anschauungen stets klar, sein Rat eindeutig, und seine reife Weisheit macht den tiefsten Eindruck. Seine 70 Jahre sind fast unbemerkt an ihm vorübergegangen. Sie gaben ihm eine ungeheure Anhäufung von Wissen und Erfahrung, aber sie ließen seinen Geist frisch und stark. Was er für den Zionismus, für die hebräische Literatur und Wissenschaft geleistet hat, gehört in die Geschichte des jüdischen Volkes und bedarf keiner besonderen Schilderung meinerseits. Ich fühle mich jedoch gedrängt, einige Worte über die weniger öffentliche Seite seines Wesens zu sagen. Ich kenne keinen Mann, dessen Gespräch so reich ist Ich betrachte Schmarja Levin als den witzigsten Geist, den ich je gekannt habe und Sokolow als den umfassendsten. Wenn man mit ihm spricht, hat man das Gefühl, daß er jedermann kennengelernt hat und alles gelesen hat, und er kann aus den aufgesfäpelfen Reichtümem seines Wissens für jede sich bietende Gelegenheit irgendeine historische Parallele oder irgendeine literarische Anspielung zürn besten geben. Vielleicht ist das bezeichnendste Merkmal seines Zeitalters und seiner Epoche eine gewisse Abgeklärtheit. Die Menschen der jüngeren Generationen geben sich wenig Rechenschaft über ihre Zeit und gar keine über die Ewigkeit. Für sie ist das Leben eine Folge wechselnder Ereignisse, die man durchmacht und die dann für immer verschwinden. Bei Sokolow aber fühlt man stets, daß die Zeit ein ununterbrochener und niemals endender Strom ist, ,der man mit einer gewissen, etwas skeptischen aber stets wachen Abgeklärtheit gegenübertreten muß. Büro des XVII. Zionistenkongresses. Auf Grupd des Be- Schlusses der Sitzung des Aktionskomitees in London über die Verschiebung des Kongresses hat das Büro des VII. Zionistenkongresses seine Tätigkeit in Karlsbad eingestellt. Zu- Schriften an das liquidierende Büro sind zu richten an Dr. Franz Kahn, Mor. Ostrava, Hviezdoslav o v a 29 (CSR.) Telegratnm-A dresse: Zion i bür 0, Mor. Ostrava; Telefon 3663. Die alte and die neue Hannah Jeder von uns kennt diese Art von Erinnerungen — kannte sie lange ehe wir lernten, Lebensstil aus Kindheitserinnerungen zu verstehen: scheinbar ganz unwichtige, tausendmal gesehene Dinge, jahrelang ruhen sie aut dem Grunde der Seele regungslos wie versenkte Schiffe am Meeresgründe: auf einmal aber tauchen sie aut, frisch und unvergessen als habe man sie gestern erst durchlebt ... So ging es mir, als ich das eben erschienene Buch ״Hannah“, Versuche zur Einführung in das jüdische Leben, Berlin 1930, Selbstverlag des Verfassers, Aron Gerechter, zu Gesicht bekam. Blitzschnell stieg die ״Schul“ vor mir auf, in der wir Kinder manchen Freitag Abend, manchen Jomkippur erlebten. Und darin nicht Rabbiner imd nicht Almemor . . . sondern stumm und beredt: Mutters Platz in Schul . . . Denn das war ein besonderer Platz. Nicht in der ersten Reihe und nicht in der zweiten; weit hinten am Fenster, wo schon Mutters Mutter vor ihr gesessen hatte, obwohl es da immer ״gezogen“ hatte wie die Nachbarinnen klagten. Ja, der Platz hatte nichts Bestechendes; aber was da alles aut dem Pult lag an Büchern, treulich versorgt und sorgfältig herbeigeschleppt vom ״alten Geliert“, der auch schon aus Großmutters Zeiten stammte — das hätte wohl einem nachdenklichen Raw Stoff für manche Predigt oder besser für manche Dcraschah liefern können. Und dabei war man doch schon ״emanzipiert“ datnals: nicht mehr lag etwa dort das berühmte Frauen-Machsor mit Goldschnitt, aus dem die ״Vorsängerin“ den Weibern vorlernte von Anfang bis zum erhebenden Schlüsse ״Gedruckt bei Sulzbach . .O nein, inan war ja aufgeklärt im Breslau jener Jahrzehnte Da lag das große Gebetbuch meiner Großmutter ״der große Geiger“ wie wir ihn nannten, mit seinen abgegriffenen Blättern. — Daneben aber in seltener und ganz unirdischer Harmonie: die Haftaroth von S. R. Hirsch, Geigers großem Widersacher. Dort lag neben der schon damals etwas altmodischen Fanni Neuda ״Stunden der Andacht“ — aus der wir uns immer das ״Gebet für Kinderlose“ suchten! — ein von der Mutter besonders geliebtes Buch, das ihr Lehrer Freund kürzlich herausgegeben hatte — ״Hannah“ hieß es. Ob wohl einer die alte Hannah heut noch kennt? Schöne Umdichtungen enthielt sie —, die Abodah oder Unthanne Tokef sind mir heut noch unvergeßlich — und eine Anzahl tob Predigten, die ich vergessen nabe. — Die neue ״Hannah“ sucht gleiches Ziel aut bezeichnend andern! Wege zu erreichen. Sie besteht aus einer Anzahl höchst dankenswerter Erklärungen der jüdischen Minvoth und Minhagim; etwa des Kaddisch- Gebetes, der Mesusah, der Tefilin u. a. Das ganze jüdische Leben — nicht nur das Leben in der Synagoge — wird an der Hand eines kundigen Führers durchschritten. Daß der Verfasser selbst nicht dem Gelehrtenstande angehört, sondern ein Mann des praktischen Lebens, der sich nach guter altjüdischer Sitte auch des Lernens befleißigte, ist ein besonderer Reiz und Vorteil des Buches. Man kann ihm und uns nur wünsehen, daß die Hoffnung, die in den bescheiden vorausgeschickten rabbinischen Empfehlungsworten mancher ausspricht, in Erfüllung gehe: daß die neue Hannah ein Hausbuch des jüdischen Lebens werde wie es einst ihre ältere Schwester war. Bertha Badt-Strauß ״Jesus, Sohn Josefs“. Der Jerusalemer Archäologe Sukenik hat, wie in der ״Jtid. Rundschau“ raitgeteilt wurde, in der Deutschen Archäologischen Gesellschaft Berichtet, daß sich unter den von ihm ausgegrabenen Ossuarien mit Totengebeinen auch ein Ossuar befindet, das in hebräischen Buchstaben die Aufschrift ״Jesus, Sohn Josefs“ trägt. Obwohl Dr. Sukenik daran natürlich keine taktlosen sensationellen Kon- Sequenzen knüpfte, haben sich manche Zeitungsberichterstatter natürlich die Gelegenheit einer Boulevard-Sensation nicht entehen lassen und behauptet, daß Sukenik die Grabkiste mit en Gebeinen Jesu Christi entdeckt habe. In einer Zuschrift an den ״Evangelischen Pressedienst“ tritt der Vertreter der neufestamentlicnen Theologie an der Berliner Universität, Prof. D. Lietzmann, einer solchen Auslegung entgegen und erklärt, Dr. Sukenik habe in seinem Vortrag nicht die leiseste Andeutung einer solchen Identifikation gemacht. Er habe lediglich betont, daß der von ihm aut-?' Am 1. Februar beginnt in Warschau die hebräische Tageszeitung ״Hazefirah“ neu zu erscheinen.