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Jüdische Rundschau · 1931-01-23 · Heft 6 (23.1.1931) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 6 (23.1.1931)
Date
1931-01-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 38 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 6, 23.1. 103t sen Name mit der glänzendsten Zeit des politischen Zionismus eng verknüpft ist. Gerade für uns Westjuden, die aus andern politischen und geistigen Voraussetzungen heraus zur Bejahung des Judentums und zum Zionismus gekommen sind, ist ein Blick auf Sokolows Leben und Wirken eine Brücke zum Verständnis des eigentümlichen Wesens unserer Volksbewegung und ihres geschichtlichen Sinnes, und darum ist für uns die Begegnung mit seiner Persönlichkeit ein besonderes, tief wirkendes Erlebnis. Es wäre nicht in Sokolows Sinn, die Gefühle, die an diesem Tage die zionistische Welt erfüllen, in banale Phrasen ausströmen zu lassen. Wir sehen in ihm einen Repräsentanten der jüdischen Geistesgeschichte und Volksgeschickte der letzten 50 Jahre. Wir feiern ihn, indem wir uns in die Entwicklung hineinstellen, die er — mit anderen — eingeleitet hat. Wir feiern ihn, indem wir unsere zionistische Treue bewähren in dem Werk der Verwirklichung des Zionismus. Glückwunsch der Z. V. f. D. Herr Kurt Blumenfeld hat namens der Z. V. f. D. an Herrn Sokolow nachstehendes Schreiben gerichtet: Sehr verehrter Herr Sokolow! Die ganze Zionistische Organisation und die jüdische Welt sendet Innen heute aus allen Teilen der Erde Ihre Glückwünsche und versucht zum Ausdruck zu bringen, wie sie Ihr Leben und Ihr Lebenswerk würdigt. Ueberallnln Ist Ihr Wort gedrungen und Überall erweckten Sie lebendigen WIderhalL Eine Welt zeigt Ihnen heute Liebe, Verehrung und Dankbarkeit, eine ganze jüdische Welt, von der Sie mehr wissen als irgend ein Lebender. Alle Beziehungen des heute lebenden Judentums sind Ihnen vertraut und alle Zusammenhänge, die dieses Judentum mit seiner eigenen Vergangenheit und mit den Völkern der Erde verbinden. Es liegt sicherlich nicht ln Ihrem Sinne, daB wir heute die Schar derer vermehren, die Ihre Bedeutung auf den zahlreichen Gebieten schildern, auf denen Sie sich betätigt haben. Wir haben aber das Bedürfnis, Ihnen zu sagen, daß wir dankbar der Jahre gedenken, in denen wir das Glück hatten, in ständigem, persönlichem Zusammensein von Ihnen zu lernen und als Ihre Mitarbeiter Ihre überströmende Produktivität zu bewundern. In jenen Zeiten, als Sie dem Engeren Aktions- Comitö in Berlin angehörten, war es uns vergönnt, die Fülle Ihrer Begabungen unmittelbar kennen zu lernen, zu sehen, wie Sie sich In jeder Beratung blitzschnell orientierten, wie Sie In jedem kritischen Moment einem strittigen Gedanken in einem Artikel den der Situation entsprechenden Ausdruck verliehen, wie Sie vor allem Im Gespräch Menschen bannten durch die schillernde Vielgestaltigkeit Ihrer Rede. Wir lernten alle die Fähigkeiten kennen, die ihnen zu Ihren großen Erfolgen in der Kriegs- und Nachkriegszeit verholten haben. Sie empfinden an diesem Tage, an dem die Fülle der Glückwünsche Ihnen die Größe Ihres Lebenswerkes vor Augen führt, mit Recht die stolze Freude, von der ganzen jüdischen Welt bewundert zu werden. Empfangen Sie auch unsere allerherzlichsten Glückwünsche. Mit Zionsgruß ln Treue und Verbundenheit Zionistische Vereinigung fflr Deutschland. Kurt Blutnenfeld. Die Gratulation des A.-C. Dem Bulletin über die Schlußsitzung des A.-C. entnehmen wir noch folgende Mitteilungen: Am Schlüsse der Sitzung, nachdem die Debatte beendet war, ergriff Dr. Berthold Feiwel das Wort und sagte, ihm sei die große Ehre zugefallen, nunmehr einen Vorschlag einzubringen, der fraglos die einmütige Zustimmung des gesamten Aktions-Comites finden wird. Mit großer Freude habe er namens des Aktions-Comitfe dem Präsidenten der Zionistischen Exekutive, Nahum Sokolow, die Gratulationen zu seinem 70. Geburtstag zu Überbringern Bei diesen Worten erhoben sich sämtliche Teilnehmer der Sitzung von ihren Plätzen und beretteten dem Jubilar eine herzliche Ovation. Wer Sokolow im Verlaufe der letzten Sitzung gesehen hat, fuhr Dr. Feiwel fort, wie er sich um jedes Detail kümmerte, wie er, in unermüdlicher Frische und Energie, seine Größe an den kleinen Dingen bewährt, der hatte das Erlebnis der Seelengroße eines Heerführers, der als einfacher Soldat kämpft. Die zionistische Bewegung und ihr repräsentatives Organ, das London, 22. Januar (telephonisch). Die Exekutive hat soeben folgenden Aufruf erlassen: Gesinnungsgenossen! Am 5. Schewat feiert unser Führer Nahum Sokolow seinen 70. Geburtstag. Juden in allen Ländern werden an diesem Tage dem Manne ihre Verehrung bezeugen, der dem jüdischen Leben und Wirken unserer Zelt seinen Stempel aulgedrückt hat. Als Denker, als Gelehrter, als Publizist, als Verkünder jüdischen Geistes, als ein Schöpfer des modernen hebräischen journalismus, als ein Führer Israels in seinem Kampfe um seine geistige und materielle Befreiung ragt Nahum Sokolow wie ein Turm über seine Generation heraus, eine lebendige Verkörperung der höchsten Traditionen unserer Vergangenheit und der edelsten Hoffnungen für unsere Zukunft Es ist nicht notwendig, Zionisten zu sagen, was das Lebenswerk dieses Mannes der Schrift und der Tat für unsere nationale Wiedererweckung bedeutet. Es gibt keinen Zionisten, dem der Name Nahum Sokolows nicht eine Quelle des Stolzes und der Hoffnung ist. In den schwierigen Zeiten, die unsere Bewegung jetzt durchlebt, bedeutet sein Dasein in unserer Mitte einen immerwährenden Ansporn. Er hat unserer Bewegung das beste seiner einzigartigen Persönlichkeit gegeben: Seinen weisen Rat, seinen brennenden Enthusiasmus, seinen schöpferisehen Geist. An diesem Tage, da unser Führer sein 70. Jahr In jugendfleher Kraft und Lebendigkeit beendet, sind die Juden der ganzen Welt und die Zionisten im besonderen von dem Wunsche erfüllt, dem Gefühl ihrer Freude und Dankbarkeit sichtbaren Ausdruck zu verleihen. Nichts — wir wissen es — liegt Nahum Sokolow mehr am Herzen als die Zionistische Organisation, an deren Aufbau der von ihren frühesten Tagen mitgewirkt hat. Nichts würde ihm, wie er erst vor einigen Tagen selbst erklärt hat, größere Freude bereiten, als eine große und erfolgreiche Anstrengung für die Stärkung und Erweiterung der Organisatlon. Die Zionistische Exekutive hat beschlossen, ihren Präsidenten zu ehren durch Proklamierung des Monats Nissan (15. März bis 15. April) zum SoKolow-Hon&i der Zlonlsflsdien Organisation In diesem Monat sollen sich alle Kräfte vereinigen, um die Organisation durch Verbreitung des zionistischen Ideals ln den Reihen des jüdischen Volkes zu stärken und zu erweitern, neue zionistische Gruppen und Gemeinschaften zu gründen, Mit«dieder zu werben, den Schekel in die Massen des jüdischen Volkes hinauszutragen und die Organisation im ,nnem zu konsolidieren. Solch eine Vereinigung aller Kräfte In einer großen organisaforJschen Anstrengung wird unserem großen Führer den Beweis dafür liefern, daß sein Geist unter uns lebendig Ist, daß sein Beispiel uns anfeuert, daß sein Lebenswerk Früchte getragen hat. Der Sokolow-Monat der Zionistischen Organisation geht dem XVII. Zionistenkongreß unmittelbar voraus. An die Zionisten aller Länder ergeht der Ruf, diesen Monat zu einer gewaltigen Manifestation der zionistischen Ideale auszugestalten. Wir können dem Lebenswerk Nahum Sokolows keine größere Ehre erweisen. London, 23. Januar 1931. Die Exekutive der Zionistischen Organisation. Aktjons-Comjte, hat an diesem Tage ein echtes Bedürfnis, das Bewußtsein zum Ausdruck zu bringen, bei diesem Meister und Lehrer, der eine dauernde Quelle der Bereicherung und Erwelterung des zionistischen Lebens ist, in einer tiefen Dankesschuld zu stehen. Der Redner schilderte den weiten Umfang _ der. literarischen Arbeit Sokolows. Seine Weisheit, seine geistigen Kräfte und seine unvergleichlich liebenswürdige Persönlichkeit sind ein unverlierbares Gut der Bewegung. Das A.-C. schätzt sich glücklich bei dem Gedanken, daß Sokolow als unser Führer, unser Wegweiser, Mentor, Freund und Genosse unter uns weilt. Möge er noch lange mit uns im Dienste unserer Sache Zusammenwirken. Herr Sokolow dankte in einer kurzen Rede für die dargebrachten Glückwünsche. Er habe nicht den Wunsch gehabt, diesen Tag öffentlich zu feiern, sagte er, aber offenbar sei so etwas unvermeidlich. Er schätze es sich zur größten Ehre an, Präsident der Zionistischen Exekutive zu sein. Sein ganzes Leben ist aufs engste verbunden mit dem Zionismus, mit dem Streben nach dem Jüdischen Nationalheim. Der Zionismus ist der Leitstern und das unverrückbare Zentrum seiner Lebensarbeit; alles andere sind nur Nebenprodukte. Ich habe, so schloß Sokolow, keinen anderen Wunsch, als bis zu meinem Ende für das Jüdische Nationalheim und im Dienste des jüdischen Volkes zu arbeiten. Für Erneuerung zionistischer Ideologie Von Nahum Sokolow. Zur Feier des 70. Geburtstages von Sokolow wollen wir den Jubilar selbst in der ,Jüdischen Rundschau“ za Worte kommen lassen. Wir geben nachstehend die Einleitung seines zuletzt erschienenen Werkes wieder. Das Buch heißt ״Ha-Ami Hakibbuzt' (Das Kollektiv• Ich) und ist 1930 im Verlage der hebräischen Organisation Amerikas erschienen. Was das Buch beabsichtigt, ist von Sokolow selbst in der Einleitung gesagt worden. Diese Aeußerungen des Führers sind darum für die weitere zionistische Oeffantlichhcit so interessant und charakteristisch, weil am ihnen zu ersehen ist, wie Sokolow, Weil entfeml von einem Beharren auf überkommenen Begriffen, voranschreitet auch in dem Streben nach Erneuerung des zionistischen Denkern und Erweiterung der zionistischen Ideologie. Er warnt vor der Erstarrung in allen Dogmen und Schlagwörtern, die durch den Ablauf der Zeit notwendig ihre Frische und ihren Inhalt verlieren müssen, er fordert dazu auf, stets neu in den Born des Lebens hinabzusteigen und dort Verjüngung und Bestärkung zu suchen. Nur wenn das zionistische Denken mit dem wirklichem Leben in Kontakt bleibt, kann der Zionismm seine Führerposition im Volke aufrecht erhalten. Diese im Parteikampf der Gegenwart oft vergessene Wahrheit wird von Sokolow nicht nur andern gepredigt, sondern er selbst gehl gleich ans Werk, er selbst liefert einen Beitrag zn der Kontrolle der zionistischen Ideologie an der Wirklichkeit und an den veränderten Zeitanschauungen. Obwohl Sokolowscher hebräischer Stil mit all seinen Finessen kaum in eine andere Sprache übertragbar ist ■ - nur er selbst kann sich wirklich getreu übersetzen — bringen wir nachstehend eine Ueberselzung dieser Einleitung zum Abdruck. Red, Diese Abhandlung stellt einen Versuch dar, den Weg zu bahnen für eine auf der Seelen künde beruhende Grundlegung der Ideologie des Renaissancewillens und des zionistischen Credo. Weser Absicht entsprechend werden nicht nur theoretische Lehnneimmgen und Begriffe mitgeteilt und geklärt, wie sie zum Verständnis der Gesetzmäßigkeiten im Werden seelischer Einheit zwischen den Menschen erforderlich sind, sondern auch Darlegungen über faktische Erscheinungen und Schilderangen genauer Beobachtungen, die aus dem Leben genommen sftia — besonders aber aus dem Leben unseres Volkes in den letzten Generationen. Dabei wandte sich die Aufmerksamkeit insbesondere jenen feinen Zügen dieses Lebens zu, die seine spezifische Physiognomie und Farbe bestimmen. Die neuere Psychologie hat in unserer Zeit die zwielichtige Atmosphäre lustiger Hypothesen, von der sich frühere Generationen beherrschen ließen, ganz und gar verlassen, und ist zu praktischen Experimenten übergegangen, die systematisch in Laboratorien angestellt werden. Ihre Schlußfolgerungen leitet sie in der Gegenwart allein von kontrollierbaren und zuverlässigen Untersuchungsergebnissen und von statistischen Erhebungen her. Solange wir derartiger wirklicher Versuchslaboratorien ermangeln, steht uns bloß ein ״Laboratorium“ zur Verfiigung: das Bild vom Leben unseres Volkes — der Mehrheit unseres Volkes; dort, wo sein Leben voll strömt, in der tiefen Sonderheit seines Charakters: worin es dem allgemein Menschliehen gleicht und worin es — bewußt und unbewußt — sein Besonderes gestaltet; wo und in welcher Weise uns seine originale Natur erkennbar wird — aus winzigen Erkennungszeichen in seinen besonderen Anschauungen und in seiner ihm eigentümlichen Verhaltungsweise. Von denen, deren Seele mit allen ihren Fasern mit dem jüdischen Leben verbunden ist, die ein wenig ästhetisches Gefühl, ein empfindsames Herz und ein poetisches, zartes, und nachdenkliches Gemüt ihr eigen nennen — darf keiner an diesem offenen und doch noch uaerscblossenen Buche unseres Volkslebens vorhejsehen. .Dieses Buch allein, gibt denen; die darin lesen, ehrt«־ klaren ־Begriff von den seelisAen Neigungen, dem Denkstil und dem spezifischen Geschmack von dem Aufschwung, der Frische und der erhabenen Tiefe, des ״jüdischen Ich“ mit seiner Begeisterungsfähigkeit und auch mit all seinen Mängeln, Fehlem und seiner Gahith-Verderbnis. Die vorliegende Abhandlung will nicht der sogenannten .,Buchweisheit“ ein neues Schmuckstück einfügen, sie verfolgt keine theoretischen Absichten; sie will versuchen — und sei es auch nur ein Beginn und kleines Spezimen — die Entwichlung einiger Regeln der Seelenlehre im Hinblick auf unser Volk, seine Gegenwart und seine Zukunft zu kennzeichnen. Es versteht sich von selbst, daß das ohne wissenschaftliche Grundlegung und ohne die Schaffung theoretischer Voraussetzungen nicht geht. Die Hauptsache aber Ist: die sich im Leben verwirklichende Weisheit. Nun heißt es bei uns schon seit zwei Generationen 1n allen Tonarten: ״Erziehung, Bewegung, nationales Denken, nationale Kultur, geistiger Nationalismus“ und so ähnlich. Wertvolle Be- Strebungen geistiger Vornehmheit das, gute, erlösende Gedanken! Aber alle diese Vokabeln haben eine allzu dehnbare Bedeutung, man kann aus ihnen zu vielerlei heraushören, sie passen für zu vieles. Die Bedeutung von allgemeinen Parolen und ersten Grundsätzen war groß in der Zeit der Morgenröte der Bewegung, gleichsam als der Hahnenschrei bei Aufgang der Sokolow’s Falke Von Martha Hof mann ״Sokolow’s Falke?“ fragst Du Dich, lieber Leser in diesem oder dem anderen Kontinente, der Du Sokolow den Diplomaten, den Politiker, den Journalisten, den Gelehrten, den Redner, den Schriftsteller, den Erzähler, den Linguisten, den Präsidenten kennst — aber doch, weiß Gott, nicht Sokolow den Jäger oder den Türmer, der mit Falken zu tun bekäme. Du irrst, lieber Leser, wenn Du so denkst — denn Du denkst nicht literarisch. Wenn Du aber an Sokolow, in welcher seiner vielfältigen und bedeutsamen Eigenschaften und Ehrenstellungen auch immer denken magst —- Du mußt große, klassische und literarische Maßstübe anlegen. Wenn Du das aber tust, dann wirst Du wissen, welch ein ״Falke“ bei Sokolow, diesem humanistischen, blendend facettierten Geiste unter den großen Hebraisten allein gemeint sein kann: welch ein Falke sonst, als der jenes bienelenden humanistischen Erzählers der Renaissancezeit — der ״Falke“ des Boccaccio?n — Daß die Juden und nun gar die Ostjuden Meister der Anekdote, der geistreichen Pointe sind, ist bekannt Weniger bekannt vielleicht daß sie damit ganz in den Strom vorderasiatischer und hellenistischer Tradition eingebettet sind, der von Aladins Wunderlamne und dem vogelsnrachekimdigen Salomo, von Ephesus mit seinen reizenden Witwen über den geistreichen Esel des Lucian und die neugierige kleine Psyche des Apulejus schnurgerade durch das Florenz des Dekamerone und die Provence des Tartarin und Cyrano fließt. Dieser Strom hat unzählige Nebenflüsse und -Flüßchen, Seitenadern und -Aederchen und wahrlich nicht die schwächste dieser Adern scheint an Sokolow’s Geburtshause in Kongreßpolen vorbeigeflossen — wenn nicht gar mitten durch dieses so lebens- und geistesüberquellende Herz hindurcligeströmt zu sein. Und darum ist jenes unnachahmliche Geheimnis des ״Falken“ in jeder kleinsten von Sokolow’s zufälligen, zu guter Stunde am rötlich glimmenden Kamin gleichsam aus dem Aermel geschüttelten Erzählungen, Geschichten, Anekdoten lebendig. —• *) Bekanntlich wird seit jener berühmten Novelle des Boccaccio die überraschende Wendung der Handlung ״Falke“ genannt Sie ist legendär geworden, die Kunst der Anekdote bei unserem großen und populären Politiker und Gelehrten, Diplomaten und Linguisten, Präsidenten und Journalisten Sokolow, so wie dieser ganze, seltene und unvergleichliche Mann, welcher an der neuesten politischen Geschichte des jüdischen Volkes ebenso geschaffen wie geschrieben hat, selbst ein Stück Legende für uns Jüngere bedeutet. Das fühlt man niemals so sehr, wie wenn man sich zum ersten Male seinem stattlichen, aber doch so durchaus unauffälligen Hause in der Londoner Gartenstadt Hampstead nähert und nun auf dem Tore dieses typischen englischen Einfamilienhauses den historischen Namen ״Hazefirah“ — den Namen seiner einstigen, so berühmt gewordenen hebräisehen Zeitung — liest. — All dies ist bekannt, zugegeben. Aber in welchem Maße ihm das Geheimnis der Meisterschaft, das Geheimnis der Form, der Pointe, kurz des ״Falken“ eigen ist — das erfuhr ich doch erst ganz an jenem unvergeßlichen Freitagabende im Kreise von Sokolow selbst, seiner Familie und seiner nächsten Freunde, als er in sprudelnder Lebhaftigkeit aus sich herausging und erzählte: Es war in Amerika, während seiner letzten Propagandareise, — also einige Jahre her. Amerika, im Zeichen der Prohibition. Noch nicht einer ganz so diskreditierten, hemmungslos verhöhnten Prohibition wie heute, wo man kaum einem Nüchternen mehr in den New Yorker Salons begegnet. In jenem trockenen Amerika war es, wo man einander noch Cocktailparties als Sensation, geschmuggelte Drinks als Ueberraschung zu bieten pflegte. Sokolow machte sich nichts aus diesen Formen trockenfeuchter Geselligkeit, wie sie auch bei Juden gang und gäbe geworden war. Aber sie störte ihn auch nicht. Und was hätte ihn auch bei der Intensität seiner Arbeit, seines Drives, seiner Propaganda, stören können? Nicht einmal die übergroße Liebe und Anhänglichkeit eines großen, allzu roßen Teiles des amerikanisch-jüdischen Publikums, die ihn zu einer Ruhe und Besinnung kommen ließ. Namentlich ein Mann war da — Namen tun nichts zur Sache — einer, dessen Wiege nicht weit von der des Präsidenten gestanden (oder angeblich estanden) hatte, der ihn von früher her kannte, gekannt hatte, einahe gekannt hätte — was weiß ich? Er war rührend, der ״Landsmann“. Er fehlte nirgends, hielt sich stets dicht an Sokolows Seite wie ein Hündchen, wie ein Schatten, wie ein zerrissener Regenschirm. Er verstand keine Anspielung, mochte sie zart oder drastisch sein, er war unvermeidlich — er war schrecklieh — er war liebenswert. Sokolow gewöhnte sich an ihn. Was wäre ihm auch anderes übrig geblieben? Aber dennoch — bisweilen — in Herzenstiefen — sehnte er den Augenblick herbei, wo er mit der Stadt (in der er an und für sich ja ganz gerne noch länger geblieben wäre) zugleich auch dem ״Landsmann“ den Rücken kehren würde. — Es war ein schwerer Tag, echt amerikanisch, man hatte ihn zum Tee ״herumgereicht“, wo er nicht hatte absagen dürfen, man hatte abends ein Diner ihm zu Ehren gegeben, das viele tausend Dollar für Palästina einbringen sollte, man hatte getoastet und auch ihn nicht geschont. Er kehrte spät abends müde in sein Hotel zurück, der Liftboy führte ihn in sein Stockwerk — glitt lautlos wieder hinab — plötzlich fällt Sokolow ein, daß er den Zimmerschlüssel nicht verlangt und nicht erhalten habe. Zu dumm, denkt er, der Lift ist in voller Fahrt — nun heißt es warten — da sieht er — nun, was meinen Sie? Ich glaube, wir sind uns darüber einig, daß er den ״Falken“ gesehen haben muß. Wie aber sah er aus? War er wirklich ein richtiggehender, gutgewachsener, echter Falke — oder eine zahme Taube, oder gar eine lahme Krähe wie bei so vielen Er- Zählungen und Anekdoten, die nicht an jenem obengenannten sagenhaften Strombett entstanden sind? Urteilen Sie selbst! Er tritt leise an die Zimmertür, durch deren Ritze der Lichtstrahl dringt, öffnet lautlos und sieht — sieht einen Mann auf dem Boden knien, über seinen — Sokolow’s — fast fertig gepackten Koffer gebeugt, darin kramend und wühlend. Ein Dieb! Ein Hoteldieb! Wie kam er zu dem Zimmerschlüssel? durchfährt es ihn blitzschnell. Er will das Zimmer rasch schließen, den Dieb einsperren, das Hotelpersonal rufen — da bemerkt er — bemerkt an unzweideutigen Kennzeichen, daß der ״Dieb“ niemand anderer ist, als sein ״Landsmann“. Sein Landsmann — sein treuer, anhänglicher Schatten und Regenschirm — ein Dieb! Es ist unglaublich, es ist tragisch, es ist grotesk — es ist unzweifelhaft. Sein Landsmann — ein Dieb! ״Und das ist der ,Falke', höre ich Sie höhnisch sagen, verehrter Leser. Das — ein Falke des Boccaccio? Lächerlich! Eine lahme Krähe eines Bauernkalenders —־ gar nicht zu reden von der tunnfnlkenhohen Ueberlegenheit eines Dedektivromanes!“ Sachte, verehrter Freund! Nur immer sachte beim Falkenschießen.

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