Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 6 (23.1.1931)
- Date
- 1931-01-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahresversammlung des Pro Palästina- Komitees JÜDISCHE I!:* Einzelnummer 0,25 Goldmark RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u-Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. AuslandsabonjirimeBW werdet! io dm Wahrung dar einzAln«13 Linder berechnet Anzeigenpreis: 8 £*»p. Noopareillezeile 0,50 G.-M- Stellcngoauche OJ2$ G-M. Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m. b. H-, Berlin W15, MemekestrJ.0. Telephon: J I Bismarck 7165-70. Poitsf b*c k . Konieti : Berlin 173 92, Basel V 9355. Belgrad 68032, Brüssel 39433, Budapest 59693, Danzig 1973, Harnt 140470, Prag 59410. Riga 4155, SttWmrg 16430, Warschau 190708, Wien 156030. Bank - Konten : Darm Städter* und Nationalhank, Depositen -Kasse Berlin, KurfürstemdamzQ 52; Bau ca de Est, Cernatiii (Rumänien); Anglo Palestine Co. in Haifa, Jerusalem. Tel •Aviv. Nummer 6 | Berlin, 23. I. 1931 RedaktionsschiuS Sonntag und Mittwoch nachmittag. ה׳ שבט תרצ״א 1 XXXVI. Jahrg. Der Zionismus erstrebt tar aas jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherter Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.“ Nahum Sokolow 2511 seinem 70- Geburtelag Große geschichtliche Wandlungen von Völkern prägen sich nicht nur in der Umgestaltung der Anschauungen und Lebensformen der Massen aus, sondern auch in einzelnen Persönlichkeiten, die in ihrem Leben und Wirken, in ihrer geistigen Physiognomie und ihrer geschichtlichen Funktion als Repräsentanten eines Zeitalters, eines charak* teristischen Abschnittes der Entwicklung des Volkes er* scheinen. So kommt es, daß man sich der bewegenden Geschehnisse und des Gestaltwandels, in dem ״wir selbst beinahe noch drinstehen, niemals gründlicher inne wird als an den Tagen, die aus äußerem Anlaß eine bestimmte Persönlichkeit in den Vordergrund rücken, zum Gegenstand einer besonderen Feier machen. Solche Tage sind gewiß Festtage des Volkes, weil das Volk in seinen Besten sich selbst ehrt, weil die Liebe und Verehrung, die Treue und Anhänglichkeit, die es für anerkannte Führer empfindet, einen wesentlichen und fruchtbaren Teil des Gefühlslebens des Volkes ausmachen. Das Lebenswerk eines solchen Mannes ist in der Tat ein Kapitel der Geschichte des Volkes, weil, wie das Volk und die Zeit ihn und sein Wesen bilden, so er voranschreitend Wesen und Leben des Volkes mitschafft und gestaltet Ein solcher Anlaß zur Besinnung auf unsere eigene Geisteslage ist der 70. Geburtstag von Nahum Sokolow, wahrhaft ein nationaler Festtag, den wir leider in einer Zeit begehen müssen, wo das Schicksal des Volkes von düsteren Wolken verdunkelt ist. Sokolow ist der Repräsenfant eines Zeitalters, das für das jüdische Volk entscheidend war wie wenige seit dem Verlust der nationalen Selbständigkeit Es ist das Zeitalter, *das man sehUgwortartig mit dem Namen A u 10 e m a n z i p a t i o n bezeichnet hat, aber das Wort allein besagt nicht genug. ,IttSoko*. lows Leben gewinnt das Wort Fleisch und Geist Das jüdische Volk, das jahrhundertelang ein — wenn auch einseitiges — intensives geistiges Leben führte, gehörte den-’ noch zu den ״geschichtslosen Nationen“, bis unter dem Ansturm der modernen Zeit und des Aufklärungs-Europas die alte, starr gewordene Lebensform zerbrach und zerbröckelte. Die Weitung des Gesichtskreises, die Rezeption europäischer Bildung, das Eindringen kritischen und zum Teil skeptischen Geistes, das Hineingezogenwerden in den gewaltigen wirtschaftlichen und sozialen Umformungsprozeß des indus r'e’len Kap'ta’ismus — dies alles bedeutete für das jüdische Volk die gewaltigste Revolution, der es seit Jahrhunderten ausgesetzt war. Hier ging es nicht mehr bloß um äußere Schicksale, nicht mehr um Verschobenwerden von Land zu Land, sondern es ging um Sein oder Nichtsein, um die Frage, ob aus den Trümmern des alten Lebens das Chaos oder eine neue, bewußt gestaltete Weit entstehen soll. Heute stehen wir am Ende dieser Periode, die der jetzigen jüdischen Jugend bereits fernliegt, und können die Entwicklung überschauen. Wir sehen, wie aus dem Ringen der beiden Kräfte, <Jer Traditionsgebundenheit und der rationalistischen Freiheit, allmählich ein neues Selbstgefühl des Volkes entstanden ist, das in der nationalen Bewegung des Zionismus kulruinierte. Es bedurfte der Pflege und Stärkung dieses Selbstgefühls, es bedurfte der allmählichen und mühevollen Erziehung zu dem Bewußtsein, der neuen Aufgabe gewachsen zu sein, es bedurfte des Vertrautwerdens mit den neu hereinbrechenden Kräften und Vorstellungen, damit das Volk — oft auf Umwegen und Abwegen und durch allerlei Irrungen hindurch — sich selbst wiederfindet. Auf diesem Wege schritten Männer voran, die Berater und Erzieher waren und allmählich Führer, Handelnde im Namen des Volkes wurden. Wer die letzten 50 Jahre jüdischen Werdens überblickt, sieht eine ganze Reihe von Persönlichkeiten, die wie ragende Säulen die Etappen des Weges aus der alten in die neue Zeit kennzeichnen. Viele sind unter ihnen, deren Leistung und Verdienst beträchtlich ist, einige wenige von dauernder Größe; keiner aber ist in dieser umfassenden Weise repräsentativ wie Nahum Sokolow, dessen Leben und Arbeit fast den ganzen hier andeutungsweise skizzierten Weg überzieht, ganz abgesehen davon, daß er heute; auf der Höhe des staatsmännischen Alters von 70 Jahren, geehrt als ein Patron des Volkes, noch keineswegs aufgehört hat, voranzuschreiten. Sokolow vereinigte in sich so recht die beiden Elemente des Wendepunktes. Sein oft bestauntes eminentes Wissen umfaßt das ganze historische Juden* <mn, die jüdische Tradition und ihre gesamte Literatur; in der Geschichte und Kultur jedes jüdischen Zeitalters ist er zu Hause; an taJaiudischer Kenntnis kann er es 1111!!i®ll 11II1 :•Ey'&Z׳■:': Es ist ungemein schwer 0r midh, Herrn Sokolow in einer dem Anlaß angemessenen Weise zu seinem JO. Geburtstag zu gratulieren. Wenn ich von ihm spreche, ist es mir beinahe als spräche ich von mir selbst: So eng waren wir im taufe dieser sechzehn kritischen Jahre in unserer Arbeit für, das jüdische Nationalheim verbunden. Die Taten Sokolows im Dienste unseres Volkes sind ein unlöslicher Bestandteil der jüdischen Geschichte unserer Tage, und heute steht er vor uns als der Meister und Lehrer von Generationen von Juden, zu denen mich selbst zu zählen ich den großen Vorzug habe. Mögen ihm viele Jahre fruchtbaren Lebens beschert sein, auf daß er die glänzende Reihe seiner Leistungen für das Volk tortführe und seines Herzens Sehnsucht in der Arbeit sich erfülle. Chaim Weizmann London, 2. Schewat 569t lllllllllllllillll!llllllll!lllllllll[lllllllllllll!lllllllllllllllffl mit dem bewährtesten Rabbiner aufnehmen; die hebräische Sprache mit allen ihren raffiniertesten Finessen meistert er wie nur noch ganz wenige, an einer Hand abzahlbare Zeitgenossen, Und zugleich ist dieser Mann ein moderner Mensch westlicher Kultur, er ist seit seinen frühesten Jugendjahren ein wirklicher Europäer, er hat mit dem Wissensdurst, der das beste Erbe seines Volkes ist, die Wissenschaft und Literatur der wichtigsten europäischen Völker in sich aufgenommen. Seine ungewöhnliehe Sprachbegabung und Einfühlungsfähigkeit, sein stupendes Gedächtnis kamen ihm dabei zugute. Aber weit entfernt davon, sich von seinem noch in der Ghetto-Enge lebenden Volke loszusagen, ist er diesem Volk Lehrer, Helfer und Mahner geworden. In ihm hat sich ein großer Publizist und Journalist verkörpert, und wenn heutzutage der Beruf des Journalisten nicht immer in bestem Rufe steht, so haben wir hier ein Beispiel einer wirklich kulturfördemden und erzieherischen Funktion des Journalismus aus einer Generation, die freilich noch ein anderes Gefühl für die Würde und die Verantwortung der Publizistik hatte. Zu dieser Funktion gehörte auch eine gewisse über den kleinlichen Dingen des Tages und dem Streite der Eitelkeiten stehende Ueberlegenheit, ebenso wie ein gewisser durch Kenntnisse und Erfahrungen gebildeter grandseigneuraler Humor, der die Absonderiiehkeitep und skurillen Widersprüche einer Uebergangszeit mit milder Güte aufnimmt und in einer höheren Synthese aufzulösen versucht. Dies aber sind die Eigenschäften, die schon den hingen Sokolow auszeichnen und die auch heute noch zum großen Teil das Geheimnis des Zaubers und Charmes seiner Persönlichkeit ausmachen, denen sich besonders bei intimem, persönlichem Zusammenscin niemand entziehen kann. Aus dem unerschöpfliehen Born seiner Erinnerungen schöpfend, von kultivierter Eleganz des Geistes und der Diction, voll Esprit uni Witz, ist Sokolow nicht nur einer der heute so seltenen Gesprächskiinstler, sondern geradezu eine lebende Enzyclopädie des Judentums. Aber schon vor Jahrzehnten hat Sokolows hebräische Zeitung ״Hazcfira“ in die letzten Winkel einer entlegenen Provinz, in die finstersten Gassen des Ghetto eine Ahnung von europäischen Vorgängen und europäischcm Denken gebracht. Die hebräische Sprache, von der Haskalah bereits als Instrument der Verbreitung weitlieber Bildung gewählt, wurde erst durch den Uebergang zur nationalen Bewegung in wahrem Sinne das Vehikel des Fortschritts. Durch ihre formgebende Macht wurde ein Abgleiten in den Abgrund der Assimilation verhindert. Eine ganze Generation wurde von der ״Hazefira“ unter Führung Nahum Sokolows hinübergeleitet in ein *neues, modernes Judentum. Wenn dieses Judentum sich an geistiger Macht und Konsistenz nicht mit dem alten messen konnte, so liegt dies eben notwendig im Wesen einer Uebergangszeit, die an der Schwelle einer neuen Kultur steht. Dafür hat diese Uebergangszeit neue Impulse und revolutionäre Keime entwickelt, den gewaltigen Strom des nationalen Lebenswillens frei gemacht, das Volk zum Bewußtsein der Unhaltbarkeit seiner Lage geführt und es für die Aufnahme neuer Ideale vorbereitet Der Sokolow des zweiten Lebensabschnittes hat dann auch ins handelnde Leben der inzwischen gewordenen Nation einge* griffen. Seine Tätigkeit als zionistischer Führer, insbesondere seine diplomatische Arbeit in verschiedenen Lindem während des Weltkrieges, die zahlreichen im Interesse des jüdischen Volkes von ihm geführten Unterbandlungen, seine Arbeit während der Friedenskonferenz, während der Entstehung des Völkerbundes und des Pa• lästinamandates, sein späteres vielfaches und unermüdliches politisches und propagandistisches Wirken in fast allen Ländern des Erdballs sind der heute lebenden Generation zu bekannt, um hier speziell erwähnt und im einzelnen dargestellt zu werden, ganz abgesehen davon, daß hierzu ein einzelner Artikel nicht ausreichen würde, es müßte ein dickes Buch, eine Geschichte des Zionismus der letzten zwanzig Jahre sein. Erwähnt aber muß werden, was nicht so allgemein bekannt ist, daß auch während dieser anstrengenden und aufreibenden Tätigkeit Sokolows geistige Arbeit nie geruht hat. Dem Teilnehmer an Volks- Versammlungen mag der politische Führer imponieren, der über seine Verhandlungen mit den mächtigsten Staatsmännern dieser Erde zu berichten weiß. Der näher Eingeweihte aber, der darum gewiß auch dem Politiker Sokolow den ihm gebührenden Respekt zuteil werden läßt, empfindet staunende Bewunderung vor dem nun Siebzigjährigen, der, in welcher Stadt Europas er auch weilen mag, nach Beendigung der offiziellen Veranstaltungen, nach Abschluß der diplomatischen Besprechungen mit Staatsmännern, nach den mit großer Würde und innerster Anteilnahme im Dienste der nationalen Sache abgehaltenen Empfängen und Versammlungen, — still und bescheiden seinen Platz in der Staatsbibliothek aufsucht, unermüdlich forschend, das Werk fortsetzend, das er als eigentliches Lebenswerk betrachtet und das durch die rauschenden Feste des nationalen Betriebes nur vorübergehend unterbrochen wird. Dies erst, dieser* niemals in satter Selbstzufriedenheit erlahmende, sondern rastlos geistig arbeitende, sein hebräisches Lexikon oder seine geschichtlichen Monographien schreibende Sokolow ist der wahre Repräsentant seiner jüdischen Generation, die aus einer Mischung von Kulturen an einer Wende der Zeiten erwachsen ist und der leider — vielleicht liegt hier der tiefste Grund unserer heutigen jüdischen Krise — die heutige Generation, in der wir leben, die Generation der Menschen, die 30 Jahre jünger sind als Sokolow, nichts Gleichartiges an die Seite zu stellen hat. Sokolow hat lange Zeit auch in Deutschland gelebt, er ist noch heute ein häufiger Gast in Berlin, wo ein Teil seiner Familie wohnt. Vielfache Fäden und Bande verbinden ihn mit dem deutschen Judentum. Gewiß hat das deutsche Judentum Anlaß, den 70. Geburtstag dieses Mannes mitzufeiem; vor allem aber wir als deutsche Zionisten, die wir in Sokolow einen Führer und Lehrer des nationalen Judentums und einen Mann verehren, des* m