Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 5 (20.1.1931)
- Date
- 1931-01-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2653252-2653257--22101-2680276- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sette TO JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. i» 20; 11631 geschaffen werden und daß die gegenwärtige ungesunde Atmo- Sphäre gereinigt werde. Sonntagabend kam die Frage desKongre!?«Termins nochmals zur Sprache, Etas A.-C. hat beschlossen, daß der Kongreß spätestens am 15. Juni 1931 zusanimentreten soll. Die Mitglieder der Exekutive der Jewlsh Agency, Dr. H c x t e r und Dr. Werner Senator, treten am Montag, dem 19. Januar, die Rückreise nach Palästina an. Wie uns ferner berichtet wird, wurde in der Schlußsitzmig eine Resolution angenommen, in der die Herren Barth und Berlin aufgefordert werden, in der Exekutive zu verbleiben. Ferner wurde beschlossen, dem Zentralkomitee der polnischen Zionisten einen Sitz in der Politischen Kommission des Aktions-Comites einzuräumen. Es verlautet, daß Grünbaum dieses Mandat bekleiden und an den nächsten Arbeiten der Kommission in 1.011don teilnehmen wird. Was die Ersparnisse betritfl, warden zwei Kommissionen eingesetzt, eine dreigliedrige in Lerndon und eine fünfgliedrige in Palästina, um die Möglichkeit weitgehender Sparmaßnahmen zu prüfen. Insbesondere soll eine starke Reduktion sämtlicher Gehälter durchgeführt werden. Die Palästina-Exekutive hat bereits eine Kürzung der Gehälter vorgenommen, weitere Kürzungen werden folgen. Das Aktions-Comite hat in» Einvernehmen mit der Exekutive beschlossen, daß der Gesamtbetrag, der an Gehaltern heute ausgezahlt ־wird, um nicht weniger als ein Sechstel verkleinert werden muß, wobei vorgesehen ist, die hohen Gehälter stärker heranzuziehen als die '-niedrigen. Ausdrücklich wurde bestimmt, daß diese Gehalts- Kürzungen ohne Rücksicht auf bestehende Verträge durchgeführt werden sollen. Weiter hat sich das Aktions-Comite mit Maßnahmen zur Verstärkung der Keren- Hajessod-Arbeit beschäftigt und den Beschluß gefaßt, Weizmann zu bitten, die Führung der Delegation nach Amerika zu übernehmen. Eine Reise Sokolows nach Südamer i k a wird in Aussicht genommen. Die Schlußsitzung des Aktions-Comites gestaltete sich, wie wir erfahren, zu einer großen zionistischen Kundgebung für Verstärkung der zionistisehen Arbeit in diesem kritischen Moment. Die Sitzung war erfüllt von der Stimmung der Einheit und Harm 0 u i e, von der auch jene Mitglieder des Aktions-Comitds, die gegen eine Verschiebung des Kongreß-Termins gestimmt hatten, miterfaßt wurden. Eine Reihe von überaus herzlichen Reden wurden dem während des ganzen Verlaufes der Tagung unermüdlich tätigen Präsidenten der Exekutive, Nah um Soko low. anläßlich seines bevorstehenden 70. Geburtstages gewidmet. Die Antwort der arabischen Exekutive Jerusalem, 16. Januar. (J.T.A.) Die palästinensischarabische Exekutive hat am 14. Januar dem High Commlssioner die Antwort der arabischen Exekutive auf das von Bord Passfield herausgegebene Weißbuch zur Weiterleitung an die britische Regierung ln London und an den Völkerbund in Gen! überreicht. Die Antwort besteht hauptsächlich In einer Wiederholung der von den Arabern seit dem Inkrafttreten des Palästlna-Mandats mehrmals erhobenen Forderungen, und zwar der Forderung nach Zurückziehung der Balfour- Deklaration und Aufgabe des Mandats mit der Begründüng, daß die Deklaration ln Widerspruch steht mit Artikel 22 des Völkerbundspaktes und dem den Arabern gegebenen Versprechen, ihre nationalen und natürlichen Rechte zu respektieren. Ferner verlangen die Araber die Einsetzung einer einem gewählten Parlament verantwortlichen Regierung in Palästina. In dem Statement der arabischen Exekutive wird weiter erklärt, daß die Araber es als erste Pflicht Großhritannlens erachten, den Uebergang von arabischem Boden in die Hände von Nichtarabern zu verhindern und die jüdische Einwanderung nach Palästina endgültig zu verbieten. Es wird darauf hingewiesen, daß die Araber Palästinas unter dem türkischen Regime weitgehende Selbst- Verwaltung genossen, autonome Gemeinde- und parlamentarische Körperschaften besaßen und an der Verwaltung in gleicher Weise teti hatten wie die Türken. Schließlich wird der Vorschlag gemacht, landlos gewordene Araber im Huleh-Gehie( anzusfedeln. Was Begräbnis Mobamed Alis Jerusalem, 16. Januar. (J.T. A.) Der Oberste Mos- Ionische Rat hat 5000 Einladungen zum Begräbnis des indischen Mohammedanerführers Maulana Mohninecf Ali, das am Freitag, den 23., Januar, stattfinden wird, ausgesandt. An dem Begräbnis werden zahlreiche arabische Notabein aus Syrien, Aegypten und Transjordanien, unter ihnen Emir Ahd’ullah von Transjordanien, teilnehme״. Oberrabbiner K 11 k hat die Verständigung■ erhalten, daß der Palästina« Regier 1111 ״ seine Teilnahme am Begräbnis Mohamed Alis sehr er- ■wünscht wäre. Der jüdische Student Abraham Baumkoller aus Warschau hat das juridische Doktorat der Pariser Universität mit einer völkerrechtlichen Studie erworben, in der er das von der britischen Regierung im Oktober 1930 veröffentlichte Weißbuch über die künftige Politik Englands in Palästina kritisch untersucht. zum xuu. Zionistenhongreß Bekanntmachung Nr. 7. Nachdem das Aktions-Comite in seiner Sitzung vom 18. Januar beschlossen hatf den Termin für die Abhaltung des Kongresses auf Juni zu verschieben und die Schekelsantmlung ln allen Ländern fortzusetzen, werden alle auf die Abhaltung der Kongreßwahlen in Deutschland bezüglichen Termine ninfällig. Neue Termine werden zur gegebenen Zeit bekannt« gemacht werden. Die für Mittwoch, den 21. Januar, einberufene Sitzung der Hauptwahlkommisslon findet nicht statt. Die HauptwahlhMnntlssieit für die wählen zum xuil. zionlstenHongrefi ln Deutschland RosenblOth. Die jüdische Jugendbewegung in Polen (Notizen von einer Reise nach Polen) Von Dr. Gustav Krojanker. Der nachfolgende Abschnitt ist einer größeren Arbeit über des Autors Rebe nach Polen entnommen. Die ״Reise nach Polen“ besteht aus drei Teilen, von denen der erste das wirtschaftliche und kulturelle Leben des polnischen Juden in einem kleinen walhgnisthen Landstödidien schildert, wo das ganze Dasein gewissermaßen noch historisch konserviert kt, vmhrend der zweite Teil im Bilde der Großstadt Warschau die soziale Struktur des heutigen polnischen Judentums zu erfassen sucht Beide Teile sind insofern kur eine Vorbereitung auf den dritten, der die mtjödische Jugendbewegung schildert, als Art und Tendenzen dieser Bewegung aus ihrem wirtsdiaftlichen und kulturellen Milieu heraus begriffen werden sollten. Diesen dritten Teil geben wir im folgenden wieder. Red■ Wenn bei dieser Schilderung der jüdischen Jugendhewegung in Polen in erster Linie von der zionistischen Jugend die Rede ist, so liegt das nicht an der Einseitigkeit eines Blickpunkts, sondern an der Tatsache, daß es unter viel Jugend nur eine einzige wirkliche Jugendbewegung gibt, nämlich die zionistische. Nur diese Jugend hat es zu einer Bewegung, zu einem gestalteten Ausdruck ihres Willens gebracht Das wird begreiflich, wenn man das polnische Judentum überhaupt unter dem Gesichtspunkt seiner Vorstellung von der zukünftigen Gestaltung .des Judentums betrachtet Es läßt sich dann in drei große Gruppen teilen, wobei ich von einer Gruppe, nämlich der Orthodoxie, die heute, wenn man die zionistische Orthodoxie nicht mitrechnet, nur noch auf ein Vierte! des Gesamtbestandes geschätzt wird, grundsätzlich absehe. Denn durch ihre Erschütterung, durch die Tatsache, daß sie in immer steigendem Maße an andere Gruppen abgeben muß, entsteht ja gerade unsere zentrale Frage nach der neuen Zukunft Ich beginne mit der Gruppe der polnischen Assimilanten, wobei hier an eine Assimilation nach deutschem Vorbild gedacht ist Der Umfang dieser Schicht wird von Kennern auf 5—10 «/o angegeben. Man könnte nun aus der Tatsache, daß zwei Drittel aller Jüdischen Kinder rein polnjsche Schulen besuchen, also eurem bewußt auf Polonisierung eingestellten Schulsystem unterliegen, auf eine starke Ausbreitung dieser Schicht in der kommenden Zeit schließen. Dieser Schluß wäre falsch; Assimilation nach deutschem Muster kann immer nur aut Splitter beschränkt bleiben, weil sie hier nicht Individuen, sondern eine Nation erfaßt; wir kommen noch darauf. Zu dieser allgemeinen Sicherung aber treten spezielle: in erster Linie das jüdische Schulwerk, das in dauerndem Wachstum begriffen ist. Wenn es heute bereits ein Drittel aller Kinder umfaßt, so ist das der geradem bewunderungswürdigen Hingabe der verschiedenen Organisationen zu danken, die dies Werk buchstäblich aus dem Nichts geschaffen haben. Sein weiteres Wachstum ist nicht etwa eine Frage des nationalen Willens wie in Deutschland, sondern eine reine Finanzfrage. Der Besuch der polnischen Schulen entspringt nicht dem Wunsch der Elfern, sondern einer Zwangslage. Es kommt hinzu, daß auch diese in polnischen Schulen erzogenen Kinder außerdem immer noch eine intensive jüdische Ausbildung empfangen, die sie im Rahmen des Hergebrachten erhält Die Schicht der individuellen Ass!- Inflation braucht also für ,das jüdische Leben so wenig in Betracht gezogen zu werden wie ihre Jugend, die in einigen Studentenverbindungen organisiert und auch zahlenmäßig •unbedeutend ist Viel wesentlicher ist der Einfluß des Rommun 18nas, olschon׳'öder weil er■ in Polen-eine illegale Bewegimg ist Sein Internationalismus, sdä tneösehhieitsbeglückendes Endziel üben natürlich eine starke Anzlchungskraft auf eine Jugend aus, die durch ihn gleich zwei Uebel auf einmal loszarwerden hofft: ihr Judentum und ihre wirtschaftliche Not Deshalb ist der Kommunismus die wichtigste und ernsthafteste Konkurrenz der bewußt jüdischen Jugend aller Richtungen. Es ist bezeichnend, daß der Vater eines jungen zionistischen Chaluz auf die Frage, wie er de.n11 nun zu den Bestrebungen seines Sohnes stete׳, erklärte, er sei sehr zufrieden, denn ohne Zionismus wäre sein Sohn sicher Kommunist, und da freue er sich über das kleinere Uebel Die zweite Gruppe ist die der jiddischisten, die etwa 20• «;0 der jüdischen Bevölkerung umfaßt Sie stehen bckanntlich zwischen Assimilation und Zionismus Durch ihre große sozialistische Arbeiterpartei, den ״Bui d“, sind sie politisch bedeutsam und ein wesentlich er Faktdl für die wirtschaftliche una kulturelle Situation der jüdial \1 Arbeiterschaft Ich werde sie später in ihrer Rolle fü|aj. Erhaltung des Judentums mit dem deutsch-jüdischen LG ismus vergleichen. In diesem Zusammenhang irtieressiet"“ 1s, daß sie ein ausgedehntes jüdisches Schulwerk untefh“ das ursprüngliai sogar größer war als das hebriii.sei ׳"■'“* Tarbuth- Bewegung, heute aber von ihm. eingeholt ist » •hrscheinlieh sehr bald überholt sein wird. Sie verfügen» ber eine einzige Gruppe in der Jugend, nämlich die "veg|" 1 nd“ ausgehende Gruppe ״Freiheit“, also eine sozialis Arbeiterjugend. evtl. Die letzte und größte Gruppe ist die der hei jsten, zu denen etwa die Hälfte der jüdischen P *Big gerechnet werden kann. Auch diese Jugend I ihzeitig durch ein Schulsverk, nämlich das Ifcbräischr. 32. *®•Arbuth- Bewegung'erfaßt.' Es ist geradezu verblüffend 1 .9־.1!)”eichen der inneren Kraft der Bewegung, wenn man e hier in wenigen Jahren unter ungeheurer:' Schwi*•. 6, .:0 bei kleinsten Mitteln ein ganz modernes hebräisches Schülnetz entstanden ist, das Kindergärten, Volksschulen, Mittelschulen, Gymnasien und Lehrerseminare in beträchtlicher Zahl unterhält und das immer weiter in erstaunlichem Tempo wächst Die eigentliche zionistische Jugendbewegung nur!, die in allen ihren Gliedern auf etwa 80—10(1000 'junge Menschen geschätzt wird, ist auch ihrerseits wieder ein Spiegelbild der verschiedenen Richtungen innerhalb der zionistischen. Bewegung selbst. Das wesentlichste Einfeilungsprinzip wird durch die "Stellungnahme zur sozialen Frage gegeben. Es beginnt ganz links mit der größten jüdischen Jugendorganisation, die es überhaupt gibt, mit 'dem ״f־l asefiomer hazair“» der sich ״Jüdische Welt-Scout-Organisatlon8 nennt und allein ln Polen über etwa 25 000 Mitglieder verfugt Wese Gruppe, die kurz vor dem Kriege gegründet wurde und ihren heutigen Charakter erst allmählich herausgebIMei hat, weist als wesentliebstes Merkmal den doppelten Radikalismus des kommunfstischen Programms und der unbedingten Paüstina-Ein- Stellung auf. Sie haben schon 1910 damit begonnen, gesehlossene Gruppen nach Palästina zu entsenden. Diese ärbeiten dort gemeinsam in Lohnarbeit, bis sie zur festen Anftiedlung kommen. Es haben auch schüft mehrere solcher An- Siedlungen in Form großer Kwuzoth stattgefunden, während noch etwa tausend Mitglieder, auf achtzehn Kibbuzim verteilt, im Lande arbeiten und auf Ansiedlung warten,!hm schließt sich die ״Gordönia“ an, so genannt nach A.D. Gordon, also Menschen des ״Hapoel hazair“, auch sozialistisch gesinnt, aber nicht unbedingte Marxisten und keine Gegner der Einzelwirtschaft Sie bestehen erst seit vier bis fünf Jahren und erinnern in ihrer heWigen Einstellung etwa an die Anfänge des ״Haschomer hazair“. Auch sie sind Vertreter einer ausgesprochenen Chaluzbewegimg und dürften m Polen über etwa 6000 Mitglieder verfügen. Es folgt der ״Hecha- 1 uz hazair“, der als eine Gruppe der rechten Poale Zion 1 betrachtet werden kann und sich gleichfalls die berufliche Vorbereitung auf Palästina ׳zum Ziel gesetzt hat. 111 seiner Entstehung als eine bürgerliche Abspaltung von der ״Gordonia“ ist der ״Haschonier hafeumi“ zu betrachten, der die offizielle Scout-Bewegung der Zionistischen Organisatfon darstellt Auch er verlangt die Ucbersiedlung nach Pa- Iästina, stellt aber weder in bezug auf Berufsausbildung■, noch auf die soziale Form irgend welche'Forderungen. Dann gibt cs die misrachistisebe Jugend, die als allgemein zionistische in der Gruppe der ״Zaire misradii“ und als speziell chaluzische in der Gruppe ״Dat waawoda“ organisiert ist Die letzte ganz rechts stehende Gruppe ist die große Gruppe der Revisionisten, die in der Gymnasiasten- Vereinigung ״Massada“ und im ״Brith Trumpeldor“ organisiert sind. Ihr großes Wachstum, das sie heute über 15 090 bis 20000 Mitglieder verfügen läßt, datiert seit den August- Unruhen, durch die sie ungeheuer angeschwollen sind, ohne diesem schnellen Aufstieg nun auch mit ihrem Führermaterial nachkommen zu können. Sie legen das Hauptgewicht auf militärische Vorbereitung und lehrten die Bezeichnung einer faschistischen Jugend nicht ab. Es gibt in Polen Militärinstruktoren, denen die militärische Ausbildung der Zivilbevölkerung obliegt, soweit sich diese freiwillig zur Verfiigimg stellt Ein starker Anreiz, das zu tun, ist dadurch gegeben, daß den so Ausgebildcten von ihren achtzehn Monaten gesetzlicher Dienstzeit sechs Monate erlassen werden. Für die Jugend des ״Britli Trumpeldor״ ist diese Ausbildüng ohligatorisch. Sie geben sich auch äußerlich durch Uniformen, militärischen Gruß usw. soldatisch. Daneben spielt allerdings auch die berufliche Vorbereitung auf Par Iästina eine Rolle gemäß Ihrer Forderung, wonach das Land ״mit Pflugschar und Büchse“ aufzubauen sei, wobei man sich allerdings dem Eindruck nicht ganz verschließen kann, dal» doch vorläufig in der praktischen Arbeit das Hanptaugenmerk noch auf die Büchse gelegt wird. Ich habe das Leben der zionistischen Jugend Polens im Rahmen des ״Haschomer hazair“, also der größten und, wie mir nach allen Eindrücken und Gesprächen scheint, ernsthaftesten Organisation kennen gelernt*). Ich hätte niemals auf Grund des Milieus, das Ich vorher sah, auf eine solche Jugend geschlossen. Ich habe sic in allen Altersstadien und an vielen Orten bei der Arbeit gesehen. Ich sah die Gruppen der ganz Kleinen, die durch Spiel und Gesang lernen und denen durch Spiel und Gesang, ohne daß sie cs wissen, ein neues Ideal menschlicher Haltung vermittelt wird. Ich sah die Gruppen der Aeiteren, die in heiterer Freude erziehen und, indem sie erziehen, gleichzeitig mit letztem Ernst an :,־ich selbst arbeiten. Denn das ist das entscheidend Unterschieüliche einer solchen chaluzisehen Jugendbewegung zu jeder anderen: daß ihr Ziel nicht in irgendeiner uuverpfliehtenden, guten Gesinnung und nicht in einer fernen Zukunft liegt, sondern daß sie an ihre Menschen AugenblicksforderungCn umwälzender Art stellt: beruflich durch die Umschichtung dieser doch ihrer geistigen ,Einstellung 11.ich aus bürgerlichem Milieu kommenden Jugend auf Landwirtschaft und Handarbeit, menschlich durch, das kollektive Zu« sammenleben in der Arbeit und schließlich die Bewährung von beidem durch die Ucbersiedlung nach Palästina. Und ich behaupte, daß schon in der Haitang etwa der Vierzehnjährigen etwas von diesem Emst auf sich selbst gestellter Menschen vorhanden ist, die wissen, daß sie ganz gefordert werden. Und wie sich dieser Ernst der Grundhaltung nun mit der ganzen Frische und Heiterkeit der Jugend verhiudet — das war eigentlich mein stärkster Eindruck in ganz Polen. : Ich sah, was man bisher in der jüdischen Geschichte noch nicht gesehen hat, nämlich eine Jugend, die sich emaiizipiert und dabei nicht nur weiß, wovon sie sich emati« ׳apiert, ״־sopdern ׳•auch wozu sie sich•׳epjäntlpierf, Ich -v'crbrachte einen unvergeßlichen Tag. ■auf-׳dem Lande In ' eiher Führerkcdonie des ״bchomer“. Hierher kommen, im Sommer jeweils auf einige Wochen die größeren jungen und Mädchen, die bestimmt sind, selbst die Leitung einer Gruppe zu übernehmen. Sie erhalten hier noch sozusagen den letzten Schliff vor ihrer verantwortlichen Aufgabe. Ich könnte nun Einzelheilen von diesem Tage erzählen •— wie sie Gymnastik trieben; wie sie der Ansprache eines gerade anwesenden palästinensischen Führers lauschten; wie um den Rasentisch beim Mittag Essen und Gesang abwechselten; wie sie einen ״Din“, eine Gerichtssitzung abhielten, bei der sie stundenlang mit gesammeltem Ernst über Probleme der Jugenderziehung diskutierten; wie sie abends um das Lagerfeuer den Ilorra tanzten — banale Einzelheiten, gleichgültige Einzelheiten, sie besagen nichts; alles bekommt erst Sinn Und Bedeutung durch die Duft, in der dies alles stand, durch die menschliche Atmo- Sphäre, in der cs sich abspielte, und sicher auch durch »las Hebräische, das selbstverständliche Umgangssprache ist. Ich sah sie dann bei der Hachscharah: schwer arbeitend, gruppenweise,, in den Sagemühlen und auf dem Lande zwischen ukrainischen Bäuerinnen. Hier ist es nun schon ernst geworden; es ist proletarische Berufsarbeit, die sie treiben, sie verdienen wenig dabei, leben dürftig und sind müde, wenn sie ■abends, in das gemeinsame Heim kommen. Aber seihst hier noch herrscht die Atmosphäre des heiteren Ernstes, der Beseelung und des wachet! Interesses, mit dem sic hundert Fragen an den deutschen Gast zu stellen bähen, der aus dem unvorstellbaren Westen kommt Ich sah säe als») in allen Altersstufen und an vielen Orten, und ich fand immer wieder dies: Erziehung zu wirklicher Gemeinschaft, Hingabe an eine wirklich erfaßte Idee und — trotz des Milieus — alle indischliehen Voraussetzungen einer echten Bewährung. Und wenn man fragt, wie dies möglich ist, so muß man, scheint mir, zweierlei antworten: einmal nämlich, daß es sich hier um ein ganz unverbrauchtes Menschentum handelt, ein kraftvolles und primitives, dessen Vitalität mit allen Fasern eine neue Welt erstrebt; und zweitens, daß diese Menschen den Zionismus, wenn er nicht schon dagewesen wäre, geschaffen hätten: so seht brauchen sie ihn, so sehr entspricht er ihnen und ihrer Situation. Um das klar zu wachen und um gleichzeitig das Wesen dieser ostjüdischen Jugendbewegung überhaupt zu verdeulliehen, will ich sie mit der westjüdischen vergleichen. Dazu sei mir eine kleine theoretische Abschweifung gestattet. ■ (Fortsetzung folgt.) Im Jahresbericht der Industrie- und Handelskämm er Berlin 1930 war folgende Notiz über Palästina veröffentlicht: ״In Palästina stand das Jahr wesentlich unter den Einwirkungen der Kampfe zwischen Arabern und Juden. Die dadurch geschaffene Lage hat zu einer Zurück- Haltung der Käufer geführt, deren Folgen gegen Ende des Jahres in der Notwendigkeit einer größeren Bedarfsdeckung sich auswirkten. Die Geschäftslage in Palästina kann im allgemeinen nicht als günstig bezeichnet werden. Eine erfolgreiche Möglidifcdt für die Entwicklung des Absatzes nach diesem Lande ist das Fortschreiten der Bauten für den neuen Hafen in Haifa, der durch die Heranziehung einer großen Anzahl von Arbeitern den augenblicklichen Bedarf hebt und außerdem der Entwicklung des Handels in Palästän־ für die Zukunft günstige. Aussichten eröffnet“ *) Wer sich für diese besonders interessiert, sei auf die ״seit einigen Wochen in deutscher Sprache erscheinenden f!•Blätter des Haschomer hazair“ verwiesen, die vom deutschen!]Sekretariat der Weltorganisation ״Haschomer hazair“ (Berlin 1NW40, Thomasiusstt 4), für Q^Q M. za* beziehen sind.