Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1931-01-16 · Heft 4 (16.1.1931) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 4 (16.1.1931)
Date
1931-01-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2653252-2653256--22095-2680269
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Nr. 4, 1& L 1931 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 25 Staatsrat Jakob Teitel Der Verband russischer Juden in Deutschland bering am vergangenen Sonntag in den Sälen des Brüdervereins das Jubiläum seines zehnjährigen Bestehens mit einem glanzvollen Bankett, in dessen Mittelpunkt die Persönlichkeit des allbeliebten und verehrten wirklichen Staatsrats Jakob Teitel stand, der gleichzeitig mit diesem Jubiläum seinen 80. Geburtstag feierte. Das gibt uns Gelegenheit, auf die seltene Erscheinung eines solchen Mannes hinzuweisen, der im zaristischen Rußland die höchste Stufenleiter erklommen hat, die je ein Jude dort erreichte und dem es nach dem Zusammenbruch des alten Rußland gelang, seinen Lebensabend mit dem grandiosen Werk einer Flüchtlingshilfe zu füllen, die in dieser Form nicht mehr ihresgleichen liat Wer das Emigrantenleben in den westeuropäischen Ländern kennt, wer mit eigenen Augen die schrecklichen Folgen der Zertrümmerung des Ostens geschaut hat und weiß, wieviel Jammer und Elend, wieviel zerbrochene Existenzen und zerrissenes Familienleben mit dieser Entwicklung Hand in Hand gegangen sind, der kann einem Manne die Bewunderung nicht versagen, der nicht nur sein eigenes Leben hier im Westen neu auf die Füße gestellt hat, sondern es zehnfach auf die Füße stellte, indem er der Emigrantenvater Teitel wurde, als der er in allen Oroßstädten Europas und in allen westlichen Landen geliebt und verehrt wird. Gewiß, was Jakob Teitel im siebenten Jahrzehnt seines Lebens allein geschaffen hat, ist das, was wir Philanthropie nennen, was also immer nur seinem Wesen nach flüchtig und vorübergehend sein kann und oftmals verurteilt Ist, der Tropfen auf dem heißen Stein zu sein, der zischend versiegt Gegen diese Philanthropie ist mit gutem Grunde Vieles gesagt und geschrieben worden. Die furchtbare Not der Zeit hat uns dahin gebracht, uns statt der Philanthropie die großen Methoden universeller Volkshilfe zu wünschen. Das hindert aber nicht, daß ״der Philanthrop“ als solcher gerade in Zeiten, wie wir sie heute erleben, eine gültige Erseneinung ist, der wir die höchste Anerkennung zollen müssen, zumal wenn es sich um eine Persönlichkeit Handelt wie die Jakob Teitels. Er hat zunächst den ״Verband der russischen Juden in Deutschland“ nach den besten Grundsätzen sozialer Hilfe gegründet und geleitet Ob er seinen Schutzbefohlenen, den Flüchtlingen, produktive Kredithilfe zuteil werden ließ, ob er Nähstuben eröffnete, um den alleinstehenden Frauen zu ermögliehen, ihre Familie zu erhalten, ob er sich um die Ausbildung der studierenden Flüchtlingsjugend an den Hochschulen in Deutschland bemühte oder Lehrkurse in Sprachen, Stenographie, Schönheitspflege usw. einrichtete, oder ob er schließlieh der Begründer des Teitelschen Kinderheims in der Prager Straße wurde, das in erzieherischer Geselligkeit zahllose iüdische Kinder vereinigte, immer war er der ״Großvater Teitel“, der sich um jeden einzelnen Zweig dieses wunderbaren Alterswerkes persönlich bemühte, wobei er nicht nur einen ganzen Menschen. sondern den Charme einer wunderbaren vollen PersönlichKeit einzusetzen hatte. Unendlich die Liebe, die er ausgesät und wie es sich bei der Feier seines Jubiläums gezeigt hat, unendlich die Liebe, die ihm von allen Seiten, aus allen Ländern und Erdteilen zuflog. So beglückwünschen auch wir den Mann und sein Werk: wir beglückwünschen das Werk zu diesem Manne und den Mann zu dem Werke. Denn beide sind untrennbar miteinander verbunden. Er ist ein leuchtendes Vorbild sowohl durch seine Tatkraft, die ihm bis in hohe Tage in wunderbarer Frische erhalten blieb, als auch durch die Menschenfreundlichkeit und die wahre Herzensgute, die die Zierden seines Wesens sind. Rabbiner Emil Bernhard Cohn. Bei dem am 11. d. M. abgehaltenen Festabend zu Ehren des Staatsrates Teitel führte Dr. Bernhard Kahn den Vorsitz Es wurden eine Reihe von Ansprachen gehalten, u. a. von Dr. Leo Bramson, Dr. A. Goldenberg, Dr. B. Schirman, Dr. Joseph Kahn, Direktor Georg Kareski, Dr. Alfred Klee, Justizrat Dr. Julius Brodnitz, Dr. Bernhard Kahn, San.-Rat Dr. Feilchenfeld, Dr. Kadisch, Dr. Rabinowicz, Benzion Fett, Rabbiner Horowitz (Frankfurt a. M.), Dr. Gerschun und Frau Aronsohn, worauf der Jubilar selbst erwiderte. Es folgten mehrere künstlerische Darbietungen. zum xuii. zionistenKonoreB Bekanntmachung Nr. 5. 1. ) Die Wahlvorschläge müssen spätestens bis zum 21. Januar, nachmittags 6 Uhr, bei der Hauptwahlkommission eingehen. Ein Wahlvorschlag muß von mindestens 100 Wahlberechtigten eigenhändig und deutlich leserlich unterzeichnet sein. Kein Wahlvorschlag darf mehr als 20 Kandidatennamen enthalten. Bei Einreichung der Wahlvorschläge sind eigenhändig unterschriebene Erklärungen der in einem Wahivorschlag genannten Bewerber vorzulegen, aus denen hervorgeht, daß die betreffenden Bewerber bereit sind, eine auf Grund dieses Wahlvorschlages auf sie entfallende Wahl anzunehmen, ferner Bestätigungen der zuständigen Keren Halessod-BUros Uber die Erfüllung der Keren Hajessod-Verpflichtungen der Kandidaten. 2. ) Die Wahlen finden am 1. Februar statt; Wahlen, die vor oder nach diesem Termin vorgenommen werden, sind ungültig. Die Ortswahlkommissionen sind verpflichtet, die Wahlfokale und die Tageszeiten, in denen das Stimmrecht am 1. Februar ausgeübt wird, den Wählern ln ortsüblicher Weise oder durch Veröffentlichung in der ״Jüdischen Rundschau“ spätestens drei Tage vor Beginn der Wahlen bekannt zu geben (in der ״Jüdischen Rundschau“ also spätestens in der Nummer vom 27. Januar). Ein Beleg über diese Ankündigung ist an die Hauptwahlkommission zu senden. 3) Wahlberechtigt sind nur solche Schekelzahler, die das 18. Lebensjahr vollendet und den Schekel für das Jahr 5691 in Deutschland ordnungsmäßig und rechtzeitig entrichtet haben, sofern die betreffenden Schekelblocks bis spätestens 2(. Januar mit der Landesschekeikommission in Berlin verrechnet werden. Inhaber von Schekel- Quittungen, die nach dem 24, Januar mit der Landesschekeikommission verrechnet wffden, haben kein Wahlrecht. 4. ) Es wird noch einmal darauf aufmerksam gemacht, daß die Zusammensetzung der Ortswahlkommissionen und deren genaue Adresse der Hauptwahlkotnmission spätestens bis zum 21. Januar mitzuteflen ist. 5. )DienächsteSItzungderHauptwahlkommiss! on findet, falls keine andere Mitteilung erfolgt, am Mittwoch, dem 21. Januar, abends 8Vs Uhr, im Sitzungssaal, Melnekestraße 10, statt Besondere Einladungen ergehen nicht. dib HnaptwahiKommiwion 10p tue wählen zum xvii. zionistsiMoiHjreB in Doiiischiafiä Ro senblüth. Verkaufsorganisatfon palästinensischer Heimkunst In diesen Tagen bringt der Verband Jüdischer Frauen für Palästina-Arbeit zinslose Darieh ns scheine heraus, die nach drei Monaten mit einmonatiger Frist kündbar sind und deren Rückzahlung der Verband garantiert. Die Darlehnssumme dient zur Erweiterung des Lagers palästinensischer Heimarbeiten. -־״- Dazu wird uns geschrieben: Die zionistisdie Frau hat gewöhnlich den Wunsch, praktisch am Palästina-Aufbau mithelfen und den Erfolg ihrer Arbeit unmittelbar erfassen zu können. Dem Mann oder der männlich geschulten Frau ist es Ieichter, im Ausbau der Organisation, in Propaganda, Gcldhergabe und Geldsammlung die aktive Mitwirkung an dem Palästinawerk zu erkennen. Die Frau verlangt nach einem direkteren Wege und nach sinnhaft Wahrnehmbarem. Die Frauenorganisation arbeitet mit allen Mitteln dauernder Aufklärung und Schulung daran, den Frauen den Wert großer Gesamtleistungen nahezubringen und sie zu lehren, als Glied der Gemeinschaft ihre Pflicht zu tun. Sie versucht, durch Vorträge, Lektüre, Bilder einen Ersatz für das fehlende Mitleben an der Entwicklung Palästinas zu geben. Trotzdem muß sie daneben jedes Mittel benutzen, das den Frauen eine direkte Arbeit für Palästina und eine sinnliche Verknüpfung mit Palästina ermöglicht Für den Frauenkreis, der vor dem Kriege in dem Kulteverband zusammengeschlossen war, verband sich der Begriff der Frauenarbeit für Palästina mit der Vorstellung palästinensischer freie milxfcc fiMUtcucliic Beginn der Winterverleaangen Montag, den 10. Januar, abend« $ Uhr, Logenhens, Kleiststraße 1(L Enter kontradiktorischer Abend: Die Aufgaben einer indischen Groftgemeinde R.-A. Heinrich Stern / R.-A. Dr. Alfred Klee (Weitere Abende! R.• A. Dr. Max Kollenscher R.-A. Dr. Walter Breslauer Dr. Ludwig Holländer / Kurt Blumenfeld am 2. and 16. Februar, Logenhaua, Kleiststraße 10) , Hörergebühr: RM. 2— und RM. 1.- VorleMQ^trrerzeidmiMe Itosletiloe tu allen lüdißdbeQ Bachhaadlungea, bei Tietr Lefoxifrer Strafie, Alexaodorplatz, Frankfurter Allee, »in K. 4L W. uod Im Sekretariat, N 24* Oranienburger Str. 19, WcMcadanm Dl 5921 Spitzen. Die Arbeiten des Kulturverbandes reichten weiter; sein pädagogisches und soziales Werk sah die Gesamtentwicklung Palästinas. Die Gründung der ersten Mädchenfarm in Kineretli war bahnbrechender als die Spitzenschulen. Trotzdem wurde der primitiven Mitarbeiterin die Palästinaspitze zur Verkörperung ihrer Arbeit In dieser Tatsache lag die Gefahr der Einseitigkeit und der Verkleinerung des Werks — nicht für die Führerinnen, aber für die nur oberflächlich erfaßten Mitglieder der Bewegung. inzwischen ist der umgestaltete Verband zu einer gefestigten Organisation geworden; seine Mitglieder werden dauernd über Palästina unterrichtet und zur Mitarbeit für das Gesamtwerk herangezogen. Die Gefahr der Verengerung ist daher nicht mehr zu furchten, wenn der Verband den Vertrieb palästinensischer Produkte wieder entschiedener aufnimmt. Aber der Vorteil praktischer Arbeit und die Befriedigung, Menschen in Palästina unmittelbar geholfen zu haben, bleibt für die Frauen bestehen. Neben die Palästinaspitze sind inzwischen die bunten Hakeleien der persischen Jüdinnen, die Silberarbeiten und vor allem die schönen Buntstickereien der jemenitischen Juden getreten. Als man nach Mitteln suchte, um diesen wertvollen, aber ärmsten jüdischen Einwanderern in Palästina zu helfen, hatte man die angeborene kunstgewerbliche Begabung der orientalischen Juden, ihre sichere Technik, ihre gute Formgebung und vor allem ihren besonderen Farbensinn entdeckt. Die anfangs unvollkommene Verwertung dieser Techniken hat sich in wenigen Jahren so vervollkommnet, daß die gelieferten Arbeiten jeder anderen völkischen Heimkunst gleichwertig oder überlegen sind. Die Vergrößerung des Arbeiterinnenkreises in Palästina, die systematische Schulung, die Auswahl der wertvollsten Muster, die fortschreitende Vereinheitlichung und Verbilligung der Produktion hängt jetzt wesentlich von der Verbreiterung des Absatzes ab. Der Verband Jüdischer Frauen für Palästina-Arbeit versucht darum durch die Ausgabe kleiner Darlehnsscheine — für die er aus seinen Reserven die Garantie übernehmen kann, ohne seinen Spendenfonds direkt zu belasten — neue Mittel aufzubringen, um sein bisheriges Lager an palästinensisehen Handarbeiten bedeutend zu erweitern. Das ausreichend vergrößerte und sorgfältig durchgearbeitete Lager wird die Möglichkeit zu vervielfältigtem Absatz durch ständige Verkaufsiäger in allen Großstädten, regelmäßige Verkaufsausstellungen in allen kleinen Gruppen und Abgabe von Kommissionsware an geeignete Geschäfte in Deutschland schaffen. Die Sparmaßnahmen Unter Bezugnahme auf die Mitteilungen über Sparmaßnahmen in den Büros der Jewish Agency beklagt ״Dawar“ die Einstellung der vom Londoner Zentralbüro bisher versandten Presse-Revue. Die Sparmaßnahmen, so schreibt das Blatt, müßten ganz wo anders einsetzen. vor allem bei Kürzung der hohen Gehälter, nicht aber dürfte als erstes eine hektographierte Presseschau zum Opfer fallen, die vielleicht die einzige Brücke des Zusammenhanges zwischen Palästina und den Zionisten der einzelnen Länder, sofern diese nicht hebräisch verstehen, darstellte. Weser Zusammenhang sei gerade in kritischen Zeiten besonders wichtig. Auch in den Kreisen des Obersten Moslemischen Rates besteht die Forderung nach Sparmaßnahmen, insbesondere Abbau einzelner Aemter und Entlassungen. Wie die arabische Zeitung ״Al Chajat“ mitteilt, bestehen über diese Fragen scharfe Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Rates, die auch zu einem Rücktritt des Schatzmeisters geführt haben. Die Zeitung befürchtet, daß diese Krise zu einer Einmischung der Regierung führen könnte. In derselben Nummer veröffentlicht das Blatt eine Liste der Gehälter der einzelnen Funktionäre des Moslemischen Rates.! , Die Amsterdamer gephardiseh-jüdische Gemeinde gibt seit I einiger Zeit unter dem Titel ״Der Phönix“ eine Zelt- I schnft heraus. Es ist dies aas erste jüdische Ge- 1 meindebiatt in Holland. Aus der jiddischen Literatur (Ueber de» Dichter Her Horowitz) Von Sch. Gorelik. Vor ungefähr sechs bis sieben Jahren konnte man in jenem berühmten Kaffeehaus Berlins, wo sich alles trifft, das plötzliehe Auftauchen einiger lärmender jüdischer jungen Dichter modernster Richtung bemerken, die aus Rußland und Polen auf dem Wege nach Paris für einige Zeit in Berlin Station machten. Sie boten ein recht ungewöhnliches Bild, das sich mit allen unseren Begriffen von einem jüdischen Dichter in krassem Widerspruch befand. Es waren junge Leute, die den Kopt ganz besonders hoch hielten und stolz mit verwegener Unbekümmertheit einherschritten, als gehöre ihnen die ganze Well In ihren Gedichten sagten sie es auch, daß diese Welt tatsächlich ihnen gehöre, und daß für ihre Arme, die eine größere Anzahl von Planeten zu umschlingen imstande wären, die Erde von jätnmerlicher Winzigkeit sei. Da Dichter, Künstler und jüdische Dichter im besonderen in der Regel klagen, so war der Anblick dieser Lebensbejaher und Stürmer als Abwechslung nicht unangenehm. Zu einer richtigen Aufmunterung konnte man aber nicht gelangen, weil das Bild der Welt, hauptsächlich aber der jüdischen Welt, die Hymnen des Optimismus doch Lügen strafte. Und schließlich wurde das Jauchzen, der brüllende Optimismus unserer Dichter auf die Dauer sogar langweilig, und als man an sie die Frage stellte, was sie wohl zu all den Ueberschwenglichkeiten berechtige, welch beglückende Ereignisse ihnen diese unglaubliche Kraft verliehen natte, antworteten sie: Wir haben Ungewöhnliches erlebt, wir waren Zeugen grandioser Vorgänge. , Das sagten sie und wollten sonst auf Einwendungen nichts erwidern. Es nützte gar nichts, wenn man sie zu einigem Nachdenken einlud, Nachdenken darüber, ob wirklich jene gewaltigen Ereignisse, die sie miterlebten, das Wohlergehen der Menschheit gesteigert haben, ob der Glanz großer Ideale noch heiler und der Wert der menschlichen Persönlichkeit noch größer geworden sei. Sie hörten nicht auf, zu versichern, daß sie sich über alle Maßen wohlfühlten. Die Zeitschriften, die sie herausgaben, trugen phantastische Namen, die Auskunft über die die Herausgeber beherrschende Stimmung gaben. Dann, nach einiger Zeit, zerstob die jauchzende Dichterschar, die Zeitschritten gingen ein, und die mutigen Albatrosse, die stolzen Adler waren am Himmel nicht mehr zu entdecken. Später, bei aufmerksamer Betrachtung, sagte man sich wohl, daß das Drautgängertum jener jungen jüdischen Dichter nicht unbedingt nur mit den Weltereignissen in Verbindung gestanden habe, sondern daß Biologie, auch Mode mitwirkten. So glaubte z, B. der Dichter Perez-Märkisch, daß die Erde für seine riesenhaften Arme zu klein sei, nur aus dem einzigen Grunde, weil er jung war und weil er seine Jugend nicht durch Trübseligkeiten beschweren wollte. Also Biologie. Ein Nachahmen russischer Dichter letzter Jahrgänge war auch mitbestimmend. Zu erwägen blieb immerhin, wer sich in wirklichem Einklang mit der Welt befindet, wer wirklich das Wesentliche, Wahre dieser Welt ausdrückt, der lümmeljauchzende oder der zu Tode betrübte Dichter. Zugegeben, daß der italienische Dichter Leopardi an der Ordnung der Welt zu zweifeln anfing und zum schwersten Pessimisten wurde, weil die Natur ihn benachteiligt hatte, aber vielleicht ist gerade der Benachteiligte derjenige, der am besten geeignet ist, Zeugnis abzulegen und nicht der Optimist. Diese Gedankengänge, wie auch die Erinnerung an die Albatrosse, die sich am jüdischen Dichterhimme! zeigten, erwachten in mir wieder, als ich mit den Geschichten des Ber Horowitz bekannt wurde. Ich hörte sie zuerst vom Dichter selbst, der sich jetzt in Berlin aufhält, sehr ausdrucksvoll vortragen. Ich hörte sie vortragen nicht in einem Vortragssaal, nicht in einem befreundeten Kreis, sondern in den stillen Straßen r 'des Bayerischen'Viertels in später Nachtstunde. Da es־ himriieijauchzende Lieder waren, so wurden sie vom Dichter zum Hirnmel geschmettert, und die ruheliebenden, ruhebedürftigen Bewohner der sonst so stillen Straße, die durch den Vortragskünstler in solch ungewohnter Stunde gestört wurden, ahnten nicht, daß es der jüdische Dichter Ber Fforowitz aus dem Dorfe Maidan, welches in den Karpathen liegt, war, der also jauchzte und schmetterte. Feifendig a lustig Lid, Geh ich aruis fun mein Heim ln frischen frostigen Jännermorgen. Der weiße Schliach (Weg), Der weiter Schijach‘ Liegt breit noch far mir offen Hei, ho, Ich hob noch viel zu hoffen. Dieser breitschultrige Dichter besingt die Freude des Lebens, die Herrlichkeit der Natur und auch die Lukwer Juden, die Hemden aus grobem Leinenstoff tragen und nicht klagen (und sie leben immer in Frieden, die Lukwer Iden). Unmöglich, einen Weg zu finden von jüdischer Lyrik, in welcher jahrhundertelang die jüdische Seele und die Seele des Volkes ihr Leid klagte, zu diesem von Kraft strotzenden Karpathen-Juden, der sieh bereit erklärt, den Schwachen, Mühseligen und Beladenen die Last abzunehmen, weil seine Schultern breit und stark sind. Nachdem ich die Gedichte gehört hatte, verschaffte ich sie mir, um sie zu lesen. Es befanden sich unter ihnen auch einige, die vom Leid erzählen, aber man merkt gleich, daß der Aufenthalt im Reiche des Schmerzes nur ein vorübergehender, und daß der Schmerz nur ein leichter ist. Wenn Ber Horowitz in einem Gedicht versichert, daß die Trauer ihn umhüllt hat wie die jungen Tannen der Schnee, so ist es keineswegs notwendig, dabei ergriffen zu werden, denn es folgt gerade danach die beruhigende Erklärung: ״Sonst tut mir gar nichts weh.“ Denkt man an die sonstige Gepflogenheit des Diehtervolkes, sich am Schmerze, an der Trauer zu weiden, so wirkt das Bulletin, welches Ber Horowitz über seine seelische Verfassung herausgibt, recht erfrischend. Sein Optimismus ist überhaupt sehr echt, und man muß ihm glauben. Aber man glaubt doch nur, daß Ber Horowitz die Welt so empfindet, ohne gleichzeitig überzeugt zu sein, daß hier ein richtiges Bild dieser Welt entworfen wurde. Die Zweifel bleiben wie zuvor bestehen, Zweifel auch darüber, ob es sich mit den Lukwer Juden und ihrem Glück wirklich so verhält. Vor einiger Zeit bereiste ein französischer Journalist die Karpathen, er schilderte die schreckliche Armut, das grenzenlose Elend der dortigen Juden. Andererseits: sagt denn nicht bei Ber Horowitz der Beseht zu seiner Frau ChaneTe Die Chatte (Hütte) Ist mein schönstes Heim, Gingold, führst du kein (nach) Kutew, Nicht a wegele mit poschutem leim (Lehm) Wenn man nach diesem Zauber verfährt, wenn man die Begabung besitzt, Lehm in Gold zu verwandeln, dann ... dann allerdings kann es vielleicht stimmen, und- Sie leben in Frieden, Die Lukwer Iden. Vor einigen Tagen wurde in Wien in feierlicher Weise in Anwesenheit des jüdischen Gemeindepräsidenten und des stellvertretenden Oberrabbiners von Wien ein vornehmes, geräumiges, überaus reizvolles Klubhelm des Zionistischen Madehenvereins ״Mirjam“ in einer der besten Oegeaden des Wiener Stadtzentrums eröffnet.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.