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Jüdische Rundschau · 1930-12-30 · Heft 102 (30.12.1930) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 102 (30.12.1930)
Date
1930-12-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 691 Nf. 102, 30. m 1930 Kongreß und Judennot Von Alfred Landsberg, Wiesbaden. I Wir sehen in schwerer Sorge diesem Kongreß entgegen. (Die außenpolitische Situation ist überaus schwierig, wir müssen Seine neue Leitung wählen, und wirtschaftliche Sorgen lasten auf uns wie auf aller Welt. Und es besteht die. Gefahr, daß dieser Kongreß wiederum wie seine Vorgänger die innere Kraft urigerer Bewegung nicht stärkt, sondern hemmt; daß es not* dürftig gelingt, die dringendsten Entschließungen für die reale Arbeit zu fassen; daß aber die acht oder vierzehn Tage seines Verlaufs Viicht die Annäherung unserer Gruppen und Meinungen fördern, sondern die Kluft erweitern wird, die zwischen ihnen heute bestellt. Und dann könnte es wieder Wochen und Monate dauern, bis man die zermürbenden Mühen der Kongreßtage vergessen hat, und jeder an seinem Platz wieder das Joch der zio* nistischen Arbeit auf sich nimmt, Die höchste Aufgabe des Kongresses, Heerschau zu halten über das jüdische Volk in allen seinen Teilen und Schichten, es erneut dann zur entschlossenen zionistischen Arbeit zu einen, einige Tage wenigstens die Zerstreuten aus aller Welt zu sammeln und den Kampf um die jüdische Freiheit wiederum vor dem Volk und vor aller Welt zu proklamieren, diese Auf* gäbe haben die fetzten Kongresse nicht erfüllt. Und wenn die zionistische Arbeit dennoch ihren Fortgang nahm, so lag es nicht daran, daß starke Antriebe von dem höchsten Organ der Bewegung, dem Kongreß, ausgingen. Es spricht für die unzerstörbare Kraft des zionistischen Gedankens, daß er auch ohne solche Antriebe weiter wirkte. Wir wollen uns nicht damit abfinden, daß der Kongreß, die Schöpfung Herzls, der lebendige Ausdruck des jüdischen Volkes in seiner Einheit, im ״Unter* wegs“ nach Palästina hin, eine Versammlung mehr oder weniger kompetenter politischer oder wirtschaftlicher Fachleute bleibe, die in schwierigster Zeit die Funktion eines Parlaments zu er* füllen glaubt, alle zwei Jahre in zwei bis drei Wochen, an dieser Aufgabe schon durch den Mangel an Zeit trotz ermüdend langer Dauer stete wieder scheitert, und nichts versucht, was über die Probleme des Tages hinauszeigt, was auf Erneuerung der Einheit hinzielt, die in der Zionistischen Organisation einmal ihren starken Ausdruck fand. Der Kongreß wird zu den Fragen der Außenpoli* tik Stellung nehmen. — Wenn es geschieht, indem jede Gruppe ihren Sonderstandpunkt vertritt und den zionistischen Gegner bekämpft und hierauf wiederum zum so und sovielten Male Resolutionen gezimmert werden, — dann wird dies nicht nur nach außen von geringer Wirkung sein, sondern unsere Schwäche wird auch nach innen wieder sichtbar werden und das Gegenteil von dem, was wir wollen, wird erreicht. Der Kongreß wird eine neue Leitung wählen müssen; da die Zahl der Männer, die dafür in Frage kommen, begrenzt Ist, ist es für eine richtige Entscheidung schädlich, wenn auf dem Kongreß und erst auf ihm die Personenfrage zur Entscheidung kommt. Die Zahl der Männer, die als Nachfolger Welz■ man ns in Frage kommen, ist begrenzt. Wir kennen sie alle schon heute. Die Gruppe, die bisher für Weizmann eintrat, die noch heute seine Politik billigt, kann und soll nicht mitbertte* men, wenn sie in der Minderheit sein wird. Die anderen Gruppen aber, auf denen jetzt die Verantwortung ruht, sollt« in Vorbesprechungen ihrer Führer vor dem, Kongreß die Fra« so steht und eine verhängnisvolle Züfatisentscheidung vermieden wird.. Daneben aber, oder davor sollte stehen, was Voraus* Setzung alles anderen ist; Uns, der zionistischen Bewegung, die noch immer ihren Ausdruck findet in der Zionistischen Organisafion, ist der zionistische Gedanke anvertraut. Nur wenn es gelingt, Ihn lebendig zu erhalten, kann er Wunder wirken, der äußeren Welt gegenüber und im eigenen Volk. Dieses Volk aber wartet in diesen Tagen schwerster Bedrängnis auf uns, es steht ratlos und ohne Hoffnung innerhalb der Völker, an uns ist es, ihm erneut zu zeigen, daß wir seine Not erkennen und ihm den Weg in die Freiheit zu weisen vermögen. Auf dem ersten Kongreß wurde Heerschau gehalten über dieses Volk und seine Lage in jedem Land, und auch heute noch ist der zionistische Kongreß die einzige Tribüne, die zu solcher Heerschau legitimiert ist. Von neuem ist die Frage aufzuwerfen, ob und inwieweit Zionismus die Lösung der Judennot sei. Wir glauben an die erlösende Kraft des zionistischen Gedankens, doch wir müssen, was auf den Kongressen nach dem Krieg unterblieben ist, zeigen, daß Zionismus zwar seine Krönung in Palästina und in der Arbeit für Palästina erfährt, daß er aber im wohlverstandenen Sinne mehr ist als Palästina oder als eine zeitliche wirtschaftliche oder politische Situation dort: daß er das Volk aus der Passivität und dem Dulden aufgeweckt hat zu einheitlicher Tat und einheitlichem Ziel, das näher oder ferner liegen mag, das aber die einzige Zielsetzung ist, die das Volk aus der Lethargie herauszureißen und zum Meister seines Schicksals zu formen vermag. Diese Aufgabe hat einmal Zio* nismus erfüllt, als Palästina in weiter Ferne war, ja als es unerreichbar schien, und die zionistischen Menschen verzagten nicht und blieben stark in ihrer Ueberzeugung. Wieviel leichter sollte es uns heute sein, mit der Realität Palästinas, mit dem lebendigen Jischuw dort, der trotz aller Angriffe der Außenwelt standhaft bleibt und unerschütterlich dasteht, das Volk für das Palästinaziel zu mobilisieren? Und diese ncueMobilisicrungsei Aufgabe des kom* menden Kongresses! Er beginne mit einem Bericht über die Lage der Juden in aller Welt, einem Bericht, den heute, wie einst N o r d a u, nicht mehr einer allein zu erstatten braucht, sondern aus jedem Land gebe ein Delegierter eine authentische Schilderung der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lage seiner Juden. Auf einmal stände wieder die furchtbare Judennot lebendig vor uns und den Augen der Welt, — und danach müßte ein Referat über die Entwicklung der j.üdischen Renaissancebewegung bis to unsere Tage folgen, müßte dargetan werden, daß es keine andere Lösung für die Judennot gibt als Zionismus, auch dann, wenn die Entwicklung in Palästina langsamer vorangeht, auch dann, wenn der Großteil der Juden im Galuth bleiben muß. Nicht die Aussichten der Kolonisation in Palästina, nicht de«« Auf* nahmekraft, nicht die Möglichkeit eines Zusammenlebens mit Arabern sind die Kernfragen des Zionismus, sondern die materielle und geistige Judennot Und Herzl, Weizmann und die anderen, die vor den Oroßen der Welt stand«, verschafft« uns Geltung und das Recht auf Palästina dadurch, daß sie die Judennot leb«dig darstellt« und zeigt«, daß es kein« anderen Ausweg geben kann als Palästina, und daß wir deshalb Anspruch auf Palästina haben trotz aller dor* Ligen Schwierigkeiten. Erst danach gilt es dann, die real« Schwierigkeit« in Politik und Wirtschaft zu überwinden. Kapital-Investitionen in Palästina Neue Pflanzungen Wiederholte Anfragen lassen darauf schließen, daß bei vielen Gesinnungsgenossen der Wunsch besteht, durch private Kapitalanlagen an dem wirtschaftlichen Aufbau Palästinas teilzunehmen. Während in allen wirtschaftlich entwickelten Ländern das Kapital schon in der Hoffnung auf die kleinste Gewinnchance Betriebe und Unternehmungen schafft, bedurfte es in unserem noch unentwickelt« Lande einer Zeit von mehr als 25 Jahren, bis 1. B. die gut arbeitenden Orangenpflanzungen die Aufmerksamkeit des privaten Kapitals auf sich zogen. Außer der Vergrößerung bestehender kleiner Orangerien, von zirka 30000 Dunant im Jahre 1922 bis auf zirka 40000 Dun,am 1930, haben sich in den letzten Jahren mittlere und größere Kapitalien gerade für diesen Wirtschaftszweig interessiert. Die Zentren der Orangenzone, Rechoboth—Ness Zionah. Chederah—Karkur, Jaffa—Petach Tikwah, erweitern sich stetig. Mit besonderem Interesse strebt die Neupflanzung zu einem Gebiete mit noch großer Erweiterungsmöglichkeit, dem Emek Hascharon. Eine durch dieses Tal führende von der Regerung projektierte und bis zur zweiten Jarkon-Brücke bereits hrbare Chaussee, die die Pardessim von Ramatajim, Magdiel, Raananah, Kfar Saba, Gau Chaim, Tel Mond, Greadinger, Belgisches Konsortium u. a. durchläuft, wird durch die neu« günstig« Verkehrsbedingung« die Pflanztätigkeit in diesem Gebiete wesentlich fördern. Für uns Zionist« ist es ja nicht nur die Geldanlage, die für solche Unternehmung« spricht Eine Plantage gibt schon in ihrem Entwicklimgsstadium Arbeitsmöglichkeiten für eine Anzahl jüdischer Arbeiter und kann sogar ein Betätigungsfeld selbst für den Nichtfachmann werden. Eine Orangerie von etwa 15 Dunam (zirka 25 000 RM. Anlagekapital) kann die Existenz* basls für neue Siedler auch ohne spezielle landwirtschaftliche Vorkenntorisse werd«. Es besteht heute die Möglichkeit, Orangerien vom Auslande her durch zuverlässige Treuhänder im Lande «legen zu lassen. Unser neugeschaffenes Ressort für Kapital-Investitionen in Palästina (Berlin W, Meinekestr. 10) vertilgt über alle Infortnationen, um jederzeit notwendige Auskünfte zu erteil«. Es ist gerade jetzt in der L#ge, Interessenten persönlich« Kontakt mit einem bis Anfang Januar "hier wollend« uns gut empfohlenen Fachmanne aus Palästina zu verschaffen, wir haben diesen Gesinnungsg«oss«, Erich Moses, Rami* tajim, gebet«, uns einige Angaben über Art und Umfang der Treuliändertätigkeit für pardess-Anlagen zu geben, die wir nachstehend zum Abdruck bringen: Orangen« können in Palästina auf drei verschiedene Arten geschaffen werd«: 1. Pflanzung durch d« in oder neb« der Pflanzung ansissig« Siedler selbst, 2. Pflanzung des nicht Ansässigen mit Wohnsitz im In- oder Auslande durch Beteiligung (z. B. Aktienbesitz) an einer der bestehend« Pflanzumgsgesellschaftra (Brünn, Melchett) oder 3. durch Kauf eines geeigneten ßodrastttckes auf den Namen des Eigentümers und Anlegung der Pflanzung unter Aufsicht, Kontrolle und Leitung eines Vertrauensmannes. Da die Ausführung von Pflanzungen der ersten Arten zur Genüge bekannt sind, 8011 hier nur der Punkt 3 besprochen werden. Ist an sich schon die Uebergabe eine« Besitz« m ein« Verwalter, eine Sache größt« ,Vertrauen«, m trifft dies für Anlegung nhfi« ant>.4#41a hier handelt es sldfdartm, Bäume «1 pflanz«, gettmd •nfmdefien und zu pfleg«, um nach 5—6 Jahren nfcnt nur eine fruchte tragende Orangerie zu haben, sondern auch eine im sechsten Jahre beginnende, bis zum 15. Jahre steigende und dann gleichbleibende Rentabilität zu erreich«. Selbstverständlich muß ein Treuhänder, selbst wenn er Fachmanu ist, den vielfältigen Einzelarbeiten entsprechend, Sonder- Experten hinzuziehen. Ihm obliegt es, alle notwendigen Arbeiten unter seiner Aufsicht und Kontrolle gewissenhaft durchführen zu lassen. Diese Arbeiten sind: 1. Bodenkauf: a) Auswahl geeigneter Bodenflächen durch topographische Betrachtungen und Bodenuntersuchungen, b) Durchführung der Kaufsverhandlungen, c) Kaufabschluß durch Kontrakte unter Hinzuziehung von Rechtsanwälten, d) Erledigung der formell« Bodenüberschreibung beim Kataster, e) Auszahlung des Bodenpreises im Ganz« oder in Raten; 2. Vermessung*- und Parzellienmgs-Arbeiten, 3. Planungen für die günstigste Verwendung der Böden zu Pflanzungen unter Berücksichtigung von Ansiedhingsmöglichkeiten für auf dem Bodenkomplex zu beschäftigende Arbeiter (soweit es sich um große Areale handelt), 4. Einrichtung der Pflanzung incl. Wasser-Installationen, Be- und Entwässerungs-Anlagra, Windschutzpflanzung, Umzäunung usw,, 5. Unterhaltung der Pflanzen bis zum Fruchtertrag und, aut Wunsch, weitere Fortführung und Ueberwachung des Betriebes über diesen Zeitpunkt hinaus, rationelle und rentabeiste Verwertung der Ernte. Ueber alle Einnahmen und Ausgaben werden Belege beigebracht und ordnungsgemäße Bücher geführt, deren Kontrolle einem von maßgebender Seite empfohlenen Bücherrevisor übergeben wird. Der Auftraggeber kann selbstverständlich eine persönliche Bücherkontrolle jederzeit durchführen. Auch hat er, falte er es wünscht, die Möglichkeit, sich ohne wesentliche Mehrkosten jedes Jahr von dem Stand der Pflanzung durch das Gutachten eines autoritativen Agronomen zu überzeugen. Eine derartige, hier nur kurz angedeutete, nach praktischen und wissenschaftlichen Methoden geschaffene Orangerie verspricht Aussicht auf gute Rentabilität Eine auf 12—15 »/« geschätzte Verzinsung ist meines Erachtens die Minimalgrenze, denn bessere Auswahl der zum Export geeigneten Frucht (Qualitätsverbesserung), erhöhte Produktion und damit billigere Versandmöglichkeit« durch Abschluß größerer Kontrakte werden sich in höherem Nutzen auswirken. . Es ist natürlich die immerwährende Aufgabe des Eigentümers oder seines Treuhänders, die bestehenden Absatzorganisationen auszubauen und durch ein« rationeller« Verteilungsprozeß die Spanne zwischen Produzenten- und Konsument«- preis zu verringern, ein Vorteil, der nicht nur dem Konsum«- ten, sondern durch.Ausweitung des Marktes auch dem Pflanzer zugute kommt Alles in allem ist die Lage der Orangen-Pflanzung und sind ihre Aussichten so günstig, daß diese Kapitalanlage jedem Juden empfohlen werden kann. London, 20, Dezember. (J.T. A.) Am 18. Dezember trat Chaim Nachman Blalik in London ein, wo er auf Einladung der Orientalischen Abteilung der Universität einen Vortrag halt« wird. Zu seiner Begrüßung hatten sich auf dem Bahnhof Vertreter der Jewiah •Agms% and d« Zio»a tischen Exekutive ängefunden. Ein Georg Brande»'Buch (Henri Nathans« ״Jude oder Europäer״, Porträt von Georg Brandes, Verlag Rüttm ft Loening.) Von Sch. Gorelik Henri Nathansen. dänischer Schriftsteller und Dramaturg, hat ein überaus interessantes Buch über Georg Brandes geschrieben, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verband. Zahlreiche Auszüge aus Briefen, die Nathanscn von Brandes bekommen hat, bestätigen die Charakteristik, die er über seinen viel älteren und berühmter«; aber trotz aller äußer« Erfolge dennoch wenig glücklichen und einsamen Freund gab. Das Buch von Nathansen ist keine Biographie im herkömmlichen Sinne und noch weniger ist es eine Ab- Handlung über die reichen Kulturschätze, die Brandes der Menschheit vermacht hat. Die Bücher von Brandes sind von jener Klarheit und Bestimmtheit, die keiner Erläuterung bedürfen. Die Kulturwelt weiß, daß er ein unermüdlicher, enthusiastischer Führer zu den Pyramid« des Geistes gewes« ist. Die lesende und denkende Menschheit erinnert steh respektvoll dieses Mahners, der sie von den Höh« seiner Begeisterung um den Literatur-Pantheon sammelte und zur Andacht aufforderte. Aber damit ist die Dankbarkeit wohl auch erschöpft.... Nathansen hat nur ein Porträt von Brandes zeichnen wollen, und man muß die Objektivität bewundern, mit welcher Licht und Schaft« verteilt worden sind. Da es die Hand eines Freundes war, die dieses Porträt malte, wirken die Schattenlinien, all das ״unendlich Kleine“, Kleinliche, keineswegs als Enthüllungen, und sie bereit« auch nicht etwa EnttäuscHungen. Man gelangt nur zur Gewißheit, daß die Grenzen seiner Wirkung zum nicht geringen Teil durch die Unzulänglichkeiten des Seelischen, des Charakters bedingt sind. Brandes war ein mutiger Streiter, aber kein Philosoph des Lebens, kein Mensch der inneren Beschaulichkeit. Seelische Zerstreutheit, Unruhe und Rastlosigkeit des Gemüts, die ihn auch in d« alt« Tag« nicht vatießen, führt« dazu, daß viel Jüngere als er una im Vergleich zu seiner Weltberühmtheit Namenlose ihm doch dank ihrer inneren Sammlung und seelisch« Tiefe überlegen waren. Die Tatsache, daß Brandes zu viel am äußeren Erfolg hing — er konnte manchmal eines Witzes wegen dra besten Freund verraten und lächerlich mach« — führte dazu, daß er es versäumte, eine wichtige Kunst zu erlernen, nämlich die Kunst, Einsamkeit zu ertragen, ohne darüber zu klagen. Ein Weiser, mit einem Wort ein Philosoph war Brandes nicht. Von diesen hoh« Tugenden hat der große Cicerone durch die Denkmäler des Geistes, für den Winter seines Lebens nichts erspart. Der alte Brandes — wie er in dem Buche seines Freundes Nathansen überzeugend und fesselnd geschildert wird — bietet nicht jenen erhebenden Anblick versöhnender Harmonie, die als einzig würdiger Abschluß eines fruchtbaren, tätigen Lebens zu betrachtm ist Aber das allgemein Menschliche in der Nathansenschen Charakterdarstellung von Georg Brandes ist es nicht allein, weshalb sein Buch die tiefste Aufmerksamkeit und die weiteste Verbreitung unter dem jüdischen Leserpublikum verdient sondern jene Teile, in denen von dem Juden Brandes gesproch« wird. Und Nathansen spricht sehr, sehr viel darüber. Eigentlich bildet dieses Thema den Haupt- Inhalt seines Buches, und dies geschieht aus dem Grunde, weil der Verfasser in der negativen EiuStellung zum Judentum die Ursache von Brandes* 11 »ruht1 und seelischer Zerrissenheit erblickt. In der Auseinandersetzung zwischen nationaibewußten Jude« «ad solchen, die höchstens da lokales Judentum mit etwu Tradition und Metaphysik befürworten, ein Judeatiun pageÄril «ad ־ohie Phaatasie für die Znütäi)^ _.—. einandersetzuag wirkt •das Bud) von Nathans« wie «Ine treu• dlge Stütze, wie eine wichtige Bestätigt« g, wie ein bedeu» tender Gewinn. Bestätigt wird die Tatcache, daß sogar ein« so hervorragende Persönlichkeit wie Brandes tieft^Einbuße an seiner Seele, an seiner Menschlichkeit erleiden mußte, weil er sein inneres Leben auf Verneinung jeder Schicksalsf' Rolle der groß« Persönlichkeit in der Geschichte stets wiederhol^ daß die Haupteigenschaft einer solchen Persönlichkeit die Liebe zur Wahrheit, zur Aufrichtigkeit ist? Der wirklieh große Mensch lehnt es vor allem ab, den Schein als Wirklichkeit anzuerkennen. Abgesehen davon, daß das Zusammengehörigkeitsgefühl als eine kategorische Pflicht zu betrachten ist, kann das Bemühen, solch ein Gefühl in sich zu unterdrücken, zu töt«, nur aut Kost« der eitretie•’ Menschlichkeit, der eigenen Persönlichkeit erfolgen. ״Die Flucht davor — schreibt Nathansen — erzeugt die Verbannung der Seele, die die Friedlosigkeit in ihrem Herzen trägt. Deshalb wurde Georg Brandes ein Einsamer, der die Einsamkeit nicht ertrug, sondern von ihr von Ort zu Ort, von Land zu Land gejagt wurde. Und das Tieftragische war: Er verstand es nicht.“ Brandes litt unter dem Bewußtsein, daß man ihn nicht als Din« betrachtete und daß man in ihm nicht nur den großen Kosmopoliten, den großen Europäer, sondern auch den Juden sah. Er vergaß jene Zeit am Anfang seines literarischen Wirkens, wo er in einer Abhandlung über Oold- Schmidt auch über einen ander« dänischen Dichter Hertz folgendes schrieb: ״Ich finde es nicht schön, wenn Schriftsteiler jüdischen Ursprungs wie z. B. Hertz in ihrem Schriftstetier-Leb« alles tun, um ihre Herkunft vergas« zu lassen, sie fast wie eine ,partie honteuse‘ verbergen, indem sie nie ein jüdisches Sujet wählen.“ Diese positive Einstellung war dem Wirken seines Elternhauses zu verdanken, jenes Elternhauses, das nach der trefflichen Bemerkung Nathansens für viele Juden ihr rechtes Heim, das eigentliche Vaterland bcdeutet. Mit dem Tode der Elfem werden die Fäden, die ihn mit seinem Volke verbinden, zerrissen. Derselbe Brandes, der es einst nicht schön fand, wenn man jüdische Herkunft verleugnet, nahm es später dem dänischen Schriftsteller Peter Nansen übel, weil dieser in einem begeisterten Feuilleton über das Elternhaus von Brandes Worte gebrauchte wie: ״Jüdische, altväterliche Art“. Er haßte Aaron Goldschmidt nur, weil dieser den Roman ״Ein Jude״ schrieb. Und wie fühlte er sich verletzt, daß die Medaille, die der dänische Staat in Anerkennung seiner Verdiraste prägte, seinen vollen jüdischen Namen trug. ״Da riß er — schildert Nathansen eine Szene während eines Besuches bei ihm ״ mit eipem heftigen Ruck die Medaille aus der Hand, und auf den Revers zeigrad, den jede Medaille hat, rief er mit tragikomischem Pathos: Georg Maris Cohen Brandes steht hier. Mein Name ist Georg Brande®.״ Daß Nathans« seinen Roman nach dem Namen des Helden ״Hugo David“ betitelt, ist ein Grund, Brandes verstimmt zu machen. ״Diese Juderei“ ruft er in sichtlichem Aerger aus. Nicht aufruzählra sind all die grotesken Formen der Brandes’schen Angst und des Aergers, als Jude betrachtet zu werden. Ein Mensch, der in seinem Aeußeren wie in seinem Inneren derart ausgeprägte Wesenszüge des Jüdischen trug und sich dabei stete auf der Flucht davor befand, ein solcher Mensch konnte nicht glücklich sein. In die große Unruhe seiner kämpferischen Seele mengte sich die kleinliche, unschöne Angst, nicht als Volldäne genommen zu werden und die Folge ist: Die Beeinträchtigung der Persönlichkeit. Wenn Brandes Dänemark de» Rucken kehrte als Kämpfer für neue .Watohcttca, dann teilte er das gemeinsame Schick-

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