Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 102 (30.12.1930)
- Date
- 1930-12-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 890 Nr30 ,102 ־. XE 1830 ׳# JUEDISCHE RUNDSCHAU lüstina, wie er Bergmann vorschwebt, würde auch die arabische Föderation jedes wertes für uns berauben. Mit großem Bedauern und Schmerz müsse Glücksohn feststellen, daß Bergmann sich nicht beklagen darf, wenn man einen solchen Zionismus, wie er Ihn vertritt, als ״Zionismus“ mit Anführung»״ Zeichen bezeichnet. Oie arabische Antwort auf das Weißbuch Jerusalem, 22. Dezember. (J. T. A.) Die arabische Zeitung ״AI Hayat“ erklärt, daß die Araber durch die im Weißbuch vorgesehenen verfassungsmäßigen Einrichtungen nicht zufriedengestefit sind und ihren Kampf fort• setzen werden, bis ihre Forderungen in vollem Ausmaß erfüllt sind. Das Blatt sei in der Lage mitzuteilen, daß die Arabische Exekutive in ihrer Antwort auf das Weißbuch jede Kooperation zwischen Juden und Arabern abiehnen und erklären wird, daß nicht früher Friede zu erwarten sei, als bis die Regierung den Arabern nicht zumindest dieselben Rechte gewähren werde, wie sie die arabische Bevölkerung im Irak und in Syrien besitzt. Die von Weizmann gegen das neue Weißbuch erhobenen Einwände seien unvereinbar mit seiner Annahme des Churchillschen Weißbuches. Die Arabische Exekutive wird fordern, daß ein Gesetz erlassen werde, durch das die Uebertragung von Eigentum an Grund und Boden an Juden ohne Zustimmung des High Commissioners verboten werden soll. Sie wird weiter verlangen, daß die Einwanderung von Juden nach Palästina so״ lange eingestellt werde, als noch ein einziger Araber arbeitslos ist. * London, 24 Dexember. iL T. A.) Die mohatnmeda* niscfie Pr 0-P a!I s ti na■ K on fer enz, die am 22. Dezember unter dem Vorsitz von Aga Khan in London hätte eröffnet werden sollen, wurde vorläufig auf Ende Januar 1931 vertagt In jüdischen Kreisen hat man dieser Konferenz, die als Gegengewicht zu den Verhandlungen zwischen Regierung und JewisE Agency gedacht war, mit großer Spannung entgegengesehen. Der Sekretär der arabischen Exekutive Jamal Hussein!, der in den letzten Monaten eine ständige Verbindung zwischen den mohammedanischen Teilnehmern an der indischen Round Table Konferenz und der palästinensisch״ arabischen Exekutive aufrechterhalten und sich mit großer Energie den Vorbereitungsarbeiten für die Pro-Palästina-Kon• ferenz gewidmet hat, ist (wieder nach Jerusalem abgereist. Das Londoner Büro Jamal el Husseinis befand sich in den Räumen der Nationalen Liga, einer Organisation mit ,bekannt antisemitischer Tendenz. Seine Versuche, in engeren Kontakt mit den maßgebenden englischen Faktoren zu kommen, sind tast vollkommen erfolglos geblieben. Er wurde weder vom Ministerpräsident MacDonald noch vom Kolonialminister Lord Passtield empfangen und hat nur mit dem Unterstaatssekretär für die Kolonien Dr. Drummond Shiels einige Besprechungen abgehalten. * Jerusalem, 24. Dezember. (J.T. A.)!n letzter Zelt häufen sich Fälle von Besitzstörung und Landfriedensbruch durch Araber auf }Mischern Grand and Boden ln Palästina. In verschiedenen Teilen des Landes Ist es dadurch, daß Araber versuchten, jüdische Bauern an der Arbeit zu hindern, oder selbst jüdischen Boden In Bearbeitung zu nehmen, vielfach M ZMsammenst&Sen zwischen Juden und Arabern gekommen. mM :JMcnglft derartig# Fälle bekannt gÄrtöif ,ta Aaf. «fitem w von «ÄM, i«* der American Han Commonwealth gehfwt, vernichten zehn Bcdtdaea jüdische Siedler daran zu hindern, die Aedcer um zupflügen. In der Nilie von Gau Schmuei im Distrikt Cheaera wollten Araber aus einem zirkauisehen Dort der Pia gehörige Parzellen in Bearbeitung nähmen. In Herzliah, Distrikt Tel-Awiw, weigerte sieh eine arabische Familie, in jüdischem Eigentum befindlichen Boden zu räumen. Auf dem Infiatgebiet bei Chedera, das auf Grund gerichtlicher Entscheidung den Juden zugesprochen worden ist, haben vier Araber ein Grundstück im Ausmaße von 35 Dunara besät. Die angegriffenen Juden haben in allen Fällen Widerstand geleistet, es kan» zu tätlichen Auseinandersetzungen und Stein״ bombardements. Die Polizei war genötigt, in einigen Fällen Verhaftungen vorzunehmen. Obwohl diese Zusammenstöße keineswegs ernsten Charakter trugen, müssen sie doch wegen ihrer Häufung Bedenken erregen. In maßgebenden jüdischen Kreisen neigt man der Ansicht zu, daß es sich hier um plan״ mäßig zu dem Zwecke, die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Problem des Bodenmangels zu lenken, unter dem die Araber angeblich zu leiden haben, hervorgerufene Unruhen handelt. Inzwischen haben die Araber gegen die für die Juden günstige Gerichtsentscheidung über das Infiatland bei Chedera Berufung eingelegt. Im Hinblick auf diese Berufung hat die PoMzel von Chedera die Fortsetzung der von den Juden auf den Infiatböden begonnenen landwirtschaftlichen Arbeiten untersagt. Dagegen legt sie der Fortführung der von den Arabern begonnenen Arbeiten keinerlei Hindernisse in den Weg. * Die Palästina-Regierung hat eine Perlustrier ungder Araber, die in letzter Zeit auf illegalem Wege aus Trans Jordanien eingewandert sind, angeordnet. Gegen 300 Araber, die nicht im Besitze einer gültigen Aufenthaltserlaubnis waren, wurde eine Untersuchung eingeleitet, nach deren Durchführung diese Araber in ihre Heimat abgeschoben werden dürften. Die Ergebnisse der OZET־ Konferenz Moskau, 22. Dezember. (J.T. A.) Auf Grund der Be- Schlüsse der Moskauer Konferenz werden für die Arbeit von OZET in Zukunft völlig neue Richtlinien maßgebend sein. Während die Kolonisationsarbeit in der Umgebung der Kleinstädte vollständig den lokalen Komitees und den Regierungsorganen überlassen bleiben wird, werden alle Kräfte von OZET auf die Kolonisation großen Maßstabes in Biro-Bidschan und in der Krim konzentriert werden. Nicht nur die Ansiedlung von Juden auf dem flachen Lande, sondern auch dieindustrialisierungderjüdischen Siedlungsgebiete wird zum künftigen Arbeitsprogramtn von OZET gehören. Wie auf der Konferenz festgestellt wurde, sind in den von der Sowjetregierung für jüdische Kolonisation reservierten Rayons die Grundlagen für <üe Entwicklung einer chemischen, metallurgischen und Bergbauindustrie vorhanden; im Interesse der wirtschaftlichen Wohlfahrt der Siedler in diesen Gebieten wird OZET dem Ausbau dieser Industrien erhöhte Aufmerksamkeit zuwenden und für die Entsendung von industriellen und landwirtschaftlichen Spezialisten, Ingenieuren und Agronomen, in gleicher Weise Sorge tragen. -־ Wie aus Statistiken, die der Konferenz vorgelegt wurden, hervorgeht, wurden im Jahre 1930 40000 Juden in die Industrie übergeführt; weitere 16000 Juden sollen im Jahre 1931 als Arbeiter in die Großindustrie eingereiht werden. Die Wirisfflattslage der Juden in Amerika Dr. Bernhard Kahn, der von einem mehrwöchigen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten nach Berlin zurückgekehrt ist, äußerte sich in einem Kreise von Pressevertretern über seine Eindrücke von der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage der Juden Amerikas und ihre Rückwirkung auf die Arbeit der großen jüdischen Institutionen. Die wirtschaftliche Lage der amerlkanij,eh e n Juden, erklärte Dr. Kahn, hat sich im Zusammenhang mit der allgemeinen Krise ungemein verschlechtert. Ein charakterislischcs Symptom der Wirtschaftskrise in ihren Auswirkungen auf die Juden ist die schwierige Lage der Bank of the United States, deren Aktien zum größten Teil im Besitze jüdischer Kleingewerbetreibender und des jüdischen Mittelstandes sind. Hierzu kommt eine Wirtschaftsnot der jüdischen Vermittler und Kleinkaufleute, die die Wirtschaft ausstößt, dadurch, daß die großen Unternehmungen eigene Verkaufseinrichtungen treffen und eigene Läden ernchten. Wer heute das Eastend von New York besucht, ist betroffen von der gedrückten Stimmung, die dieses einst von fröhlichem Leben erfüllte Viertel beherrscht. Der Straßenbettel, eine früher fast unbekannte Erscheinung, macht sich jetzt dort stärker bemerkbar als in manchen jüdischen Städten Osteuropas. Obwohl angesichts dieser Situation und insbesondere der schweren Gefährdung des jüdischen Mittelstandes in manchen Kreisen die Neigung besteht, sich von der Arbeit für die europäische Judenheit und von der Beteiligung an gesamtjüdischen Aufgaben zurückzuziehen, treten die breiten Massen doch für die Fortführung der bisherigen Aktionen ein. Auch die Arbeit des Joint wird keine Unterbrechung erfahren, wenn auch die Tätig• kdt im nächsten Jahre auf die Fortführung der dringendsten Arbeiten beschränkt sein wird. Der Joint besitzt ein vollständig ausgearbeitetes Aktionsprogramm für die nächsten drei bis fünf Jahre, das für den Fall einer Besserung der wirtschaftlichen Lage in Amerika die Inangriffnahme einer verstärkten rekonstruktiven Tätigkeit in Osteuropa in Verbindung mit der Foun• dation vorsieht. Dagegen werden die Ausgaben rein charitativen Charakters auf alle Falle eine Einschränlning erfahren. Die Geltungsdauer der Vereinbarungen über die Durchführang eines gemeinsamen Drives für Joint und Jewish Agency läuft am 31. Dezember d. J. ab. Im neuen Jahre wird kein gemeinsamer Drive mehr eingeleitet werden. Dagegen wird gleich zu Beginn des neuen Jahres eine großzügige Sammlung für Palästinazwecke unter den Auspizien der Jewish Agency durchgeführt werden. Die Jewish Agency wird hierbei die Maglichkeit haben, die ihr geeignet erscheinenden Propagandamethoden anzuwenden, während bei dem früheren gemeinsamen Drive der Joint mit der organisatorischen und propagandistischen Lei• tung betraut war. Anläßlich des Empfanges, der zu Ehren Dr. Bernhard Kahns im Hause von James'N. Rosenberg in New York stattfand, und an dem hervorragende jüdische Führer und bekannte Phiiantropen teilnahmen, konnte Dr. Kahn feststellen, daß auch in den Kreisen der maßgebenden jüdischen Persönlichkeiten der Gedanke ut eine völlige Einstellung der Arbeit für die jüdischen Hilfsorganisationen aufgegeben erscheint, wenn man auch eine Einschränkung zeitweilig für unvermeidlich hält Es ist noch ungewiß, in welcher Welse die notwendigen Geldmittel für die Fortsetzung der Arbeit in Osteuropa aufgebracht werden. Der Joint hat es verstanden, sich von finanziellen Verpflichtungen frei m halten, so daß er die Frage der Einstellung oder Fort־ fflumt' SÄ»׳ Arbeit aussä1B«licl»׳v0B der Dringlichkeit der ■MdfMpta(# jüdischerNot abhängig machen kann. .*חגי ׳ 'lÄenlpreChesd wird die Koloaisatfonsarbelt des Joint auch in Rußland trete der verstärkten Tätigkeit von ״Komxet״ und der erhöhten finanziellen Leistungen der russischen Regierang für jüdische Kolonisationszwecke fortgesetzt werden. Die Aufstellung eines einheitlichen Sanierungsprogramms für die jüdische Bevölkerung Polens hält Dr. Kahn nicht für möglich. Er ist der Ansicht, daß die Lage der Juden in den einzelnen Distrikten untersucht werden muß und die Hilfsmaßnahmen den speziellen Verhältnissen in den verschiedenen Landestälen entsprechend getroffen werden müssen. Im Zusammenhang damit legt Dr. Kahn Wert auf die Feststellung, daß er entgegen verschiedenen Blättermeldungen an den Verhandlungen, die das American Jewish Committee mit dem polnischen Gesandten in Washington, M. Filipowicz, führte, nicht teilgenommen hat. Dies hätte den Prinzipien des Joint, der sich in seiner Tätigkeit auf das rein wirtschaftliche Gebiet beschränkt, widersprachen. Wenn auch der Joint allen Bestrebungen, die zu einem Ausgleich der politischen Gegensätze zwischen den Juden und ihrer Umgebung führen können, sympathisch gegenübersteht, so muß er doch darauf bedacht sein, daß seine Tätigkeit von politischen Konstellationen unbeeinflußt bleibt. Die Arbeit des Joint ist von der Ueberzeugung geleitet, daß nur auf Grund wirtschaftlicher Beruhigung auch politische Beruhigung bei der jüdischen Bevölkerung rintreten kann. Bezüglich der zionistischen Arbeit in Amerika ist Dr. Kahn der Ansicht, daß alle Energien der Zionisten und der Kreise der Jewish Agency in Amerika in nächster Zeit von dem bevorstehenden Palästina-Drive absorbiert sein werden. Daher dürfte sich in Amerika auch für den Zionistenkongreß und die mit ihm in Zusammenhang stehenden Tagungen weniger Interesse geltend machen als in anderen Ländern. Es ist erfreulich, führte Dr. Kahn aus, daß die Brandeis-Gruppe wieder aktiv ist, und daß auch Prof. Frankfurter, dessen ausgezeichneten Be- Ziehungen zu sozial gerichteten Kreisen in Amerika und England große Bedeutung brigemessen wird, in nächster Zeit eine aktivere Rolle übernehmen wird. Es ist jedoch nicht zu erwarten, daß diese Persönlichkeiten die Arbeit der zionistischen Leitung übernehmen werden. New York, 26. Dezember. (J.T.A) Vor der Abreise Dr. Bernhard Kahns nach Europa fand zu seinen Ehren im Hause von James N. Rosenberg in New York rin Empfang statt, an dem hervorragende'Persönlichkeiten der jüdischen Gesellschaft New Yorks teilnahmen. Unter den Erschienenen bemerkte man Professor Albert Einstein, Felix M. Warburg, Otto Kahn, den Präsidenten des American Jewish Committee, Dr. Cyrus Adler, den stellvertretenden Gouverneur des Staates New York, Herbert H. Lehmann, Dr. Lee, K. Frankel, den Geschäftsf!ihrer der ,.New York Times“, Louis Wiley, Paul Baerwald, David Bressler, Richter Irvin Lehmann, Frau Rebekka Kohut, den Präsidenten des American Jewish Congress Bernard S. Deutsch, den Leiter des Agro-Joint in Rußland, Dr. Josef Rosen, und den Sekretär des Joint Distribution Committee, Joseph C. Hyman. Professor Einstein hielt eine Ansprache, in der er darauf hinWJes, daß die Notlage irgendeines Teiles der Judenheit auf die jüdische Gesamtheit zurückwirke. Mindestens die Hälfte der jüdischen Bevölkerung Osteuropas lebe in sozial und wirtsämtlich ungesunden Verhältnissen. Dies sei einerseits aut die gegenwärtig herrschende allgemeine Wirtschaftskrise, andererseife auf die eigenartige historische Entwicklung der Judenheit Osteuropas ruruckzuführen. Das Joint Distribution Committee habe bereits hervorragendes zur Verbesserung der unglücklichen Lage der Ostjuda geleistet. Professor Einstein erklärte, er schiffe sieh glücki^h, in «ep» Kreise Dr. Bernhard Kahn be- «fwa zu können. Iritüng das Jöint Distribution Committee «0 viel wir Sm^mg-mr' miwmmäim' Vmattt• niste unter den Juden Osteuropas beigetragen habe. Schließ» lieh appellierte Einstein an die Versammlung, das osteuropä- Ische Hilfswerk des Joint auch weiterhin nach Kräften zu fördern. w:-i111111mn1«u1111111111n!n1111n1!11nn1111nun1111nu11׳.M1.t■■ 11! 11■ ..1--. :!■ 1׳tnnu׳n11uu11un1u11u111m1wiumm111 ■mm ^mMMmirnnnniMmiiiimminntmiimniiMmniiiiNiiiiiniii American Jewish Committee beim ploisehenGesiBdten N e w Y o r k, 23. Dezember. (J. T. A.) Vertreter des American Jewish Committee hatten eine Zusammenkunft mit dem polnischen Gesandten in Amerika, Titus Filipowicz, bei welcher über die verzweifelte Wirtschaftslage der Juden in Polen, sowie die mangelnde Berücksichtigung des jüdischen Elementes seitens der polnischen Regierung und der Behörden zur Sprache gebracht wurden. Der polnische Generalkonsul in New York, M. Marchlewski, nahm ebenfalls an der Beratung teil. Seitens des American Jewish Committee waren dessen Präsident, Dr. Cyrus Adler, Advokat Stern, einer der bekanntesten Richter der Vereinigten Staaten, und der Sekretär des American Jewish Committee, Herr Morris Waldmann, erschienen. Dr. Cyrus Adler führte u. a. aus: Während Polen sich allmählich zu einem modernen Staatswesen entwickelt, gestaltet sich die Lage der Juden in diesem Lande unübersichtlicher. Die polnische genossenschaftliche Bewegung hat eine Richtung eingeschlagen, die dazu angetan ist, die wirtschaftliche Lage der Juden in einer ungeahnten Weise zu verschärfen. Dabei sind die Juden keineswegs Gegner der Kooperationsbewegung, sondern sie nehmen an ihr Anteil, wo immer ihnen hierzu Gelegenheit geboten ist. Wie unsicher auch jetzt noch die Lage der Juden in Polen ist, beweist der Umstand, daß heute, im elften Jahre der polnischen Unabhängigkeit, die von der einstigen Zarenregierung geschaffenen antijüdischen gesetzlichen Beschränkungen immer noch in Geltung sind. Ke amerikanischen Juden, fuhr Dr. Cyrus Adler fort, leisteten in den Jahren nach dem Kriege in Polen eine konstruktive Aufbauarbeit. Mit ihren Geldern wurden in Polen Darlehenskassen auf kooperativer Grundlage gegründet, die 60 Millionen Dollar ausländisches Kapital nach Polen gezogen haben. Aber die Steuerschraube wird gegen das jüdische Element immer rücksichtsloser an gesetzt, und der Erfolg? — Ke jüdische Bevölkerung Polens steht vor dem ökonomischen Ruin. Der polnische Gesandte Filipowicz erwiderte, er bedauere es sehr, daß sich die Wirtschaftslage der polnischen Juden so prekär gestaltet hat. Die aus der Zarenzeit stammenden gesetzlichen Beschränkungen gegen die Juden müssen und werden abgeschafft werden. Ke Judenfrage in Polen könne nicht auf schnellem Wege gelöst werden; notwendig seien Geduld, sowie Vertrauen in den guten Willen der jetzigen Regierang. Er machte zura Schluß «ße aufsehenerregende Mitteilung, daß in Regierungskreisen das Projekt der Trockenlegung der Sümpfe in Polesien zwecks landwirtschaftlicher Ansiedlung einer großen Zahl von Juden auf dem neu gewonnenen Boden ernstlieh in Erwägung gezogen wird. Filipowicz hielt auch eine Beratung mit Vertretern des Verbandes der polnischen Juden in Amerika ab, bei welcher die Schaffung eines zu gleichen Teilen aus Juden und Nichtjuden bestehenden Komitees beschlossen wurde, das die Aufgabe haben soll, die Beziehungen zwischen Polen und Juden freundschaftlicher zu gestalten. Der Gesandte erklärte, er werde sich persönlich dafür einsetzen, daß solche gemeinschaftliche Komitees gleichzeitig In Polen und in Amerika geschaffen werden. jic Warschau, 22. Dezember. (J.T.A.) Ke polnische Presse bringt den durch die JTA übermittelten Bericht über die Zusammenkunft zwischen dem polnischen Gesandten und Vertretern des Judentums in Amerika vorläufig ohne Kommentar. Nur die jiddische Tageszeitung ״M oment“ bemerkt: Die Ver- Sicherung des polnischen Gesandten in Amerika nehme sich neben der Wirklichkeit in Polen sehr eigentümlich aus. Hier ln Polen ist die Not unerträglich, im Ausland aber kargt man nicht mit zuckersüßen Worten. Die jüdischen Führer in Polen dürfen solche Versicherungen, die dazu angetan sind, bei den ausländischen Juden falsche Illusionen zu wecken, nicht gleichgültig hinnehmen, sondern sie müssen auf die seitens der ,polnischen diplomatischen Vertreter im Auslande gegebenen ״goldenen Ver- Sicherungen“ die richtige Antwort erteilen. Jfidische Fragen vor dem polnischen Selm Warschau, 18. Dezember. (J.T.A.) Im Verlauf der Budget-Debatte im polnischen Sejm hielt der Krakauer Rabbiner Abg. Dr. Thon, Vorsitzender des Jüdischen Parlamentsklubs, eine große Rede, in der er scharfe Kritik an dem von der Regierung vorgelegten Budget übte und u. a. ausführte: Das bisherige Steuersystem hat die Vermögenssubstanz verschiedener Klassen von Bürgern, namentlich von Juden, vernichtet. Dr. Jhon erklärte, zugeben zu wollen, daß die jetzige Regierung ihrem Programm nach nicht antisemitisch sei wie ihre Vorgängerinnen, aber auch die jetzige Regierung habe nichts Positives für die jüdische Bevölkerung getan. Wir sind im Sejm nur eine ganz kleine Gruppe, sagte Dr. Thon, aber wir werden nicht aufhören zu mahnen und die Rechte zu fordern, die uns durch die Verfassung garantiert sind. Wir Juden werden überall dort sein, wo es gilt, Werte für den polnischen Staat zu schaffen, aber wir werden uns stets jenen Kräften widersetzen, die Polen in einen reaktionären Polizeistaat umwandeln wollen. So lange die Konstitution besteht, werden wir nicht aufhören, unsere bürgerlichen und nationalen Rechte zu verteidigen. — Abg. Grünbaum schilderte sehr eingehend die behördlichen SchikanenundVerfolgungen, denen die nationaljüdische Liste 17 (Block für Verteidigung der jüdischen Rechte) ausgesetzt gewesen ist. Ke Regierung war bemüht, die Liste 18 (Jüdischer Wirtschaftsblock) gegen die Liste 17 auszuspielen. Rabbi Lewin (Agudah) protestierte gegen die Behauptung des Deputierten Sommerstein, daß die Zionisten die eigentliehen Vertreter der Juden in Polen seien. Rabbi Lewin schilderte die schlechte Lage der jüdischen Bevölkerung Polens, vertrat sodann die jüdischen religiösen Forderungen und beklagte es, daß auch in dem neuen Budget für jüdische religiöse Bedürfnisse eine allzu geringe Summe eingesetzt worden ist. Montreal, 26. Dezember. (J. T.A.) Im Laufe der letzten fünf Monate sind 1923 Juden nach Kanada eingewandert. Von diesen haben sich 845 Immigranten in Quebec, 708 in Oniario, 228 in Manitoba, 61 jn Saskatchewan, 37 in Alberta, 17 in Nova Scotia, 9 in New Brunswick, 18 in British Columbia niedergelassen.!