Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 102 (30.12.1930)
- Date
- 1930-12-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 102, 30. XIJ. 1930 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 689 Brief aus Palästina Wirtschaftssorgen. — Die KolonienkonfUkte. — Das Budget der Agency. — ״Versündigung“. Von unserem palästinensischen Korrespondenten. A.G., Tel-Awiw, 1a Dezember 1930. Trotz aller Sorgen und Nöte feiert man auch dieses Jahr Chanukkah in großem Ausmaße. Besonders in Tel- Awiw ist das Fest die ganze Woche merkbar. Am Tage des ersten Lichtes fand der große Umzug der Schulkinder mit Fackeln und Lichtem statt tma in den Haupt- Straßen stauten sich riesige Menschenmengen, um das Schauspiel zu sehen. An den Nachmittagen sind überall die Feste für die Kinder, am Abend feiern Familien und Gesellschaften und die Stadt ist lebendiger als sonst Auch an den andern Orten des Landes ist das Fest zu spüren, wenn auch nicht so stark wie in Tel-Awiw, das allmählich der Mittelpunkt für die verschiedenen Veranstaltungen geworden ist Alle diese Feste und die Stimmung, die sie mit steh bringen, können jedoch nicht einen Moment über die Tatsachc hinwegtäuschen, daß die Lage im Lande alles andere als befriedigend ist Neben den politischen Komplikattonen melden sich jetzt die wirtschaftlichen und verdienen ernsteste Aufmerksamkeit Von diesen Wirtschaftsfragen, von der jede eine Spezialbehandlung verlangt, sollen heute nur einige gestreift werden, die besonders aktuell sind. Recht dornig ist noch immer die Frage der jüdisehen Arbeit in den Kolonien. Es kam dabei darauf an, die Konflikte zwischen Pflanzern und Arbeitern so schnell als möglich aus dem Wege zu schaffen und damit den größeren Teil der Arbeitslosen zu versorgen. Die Not war ja eine zeitlich beschränkte, die in den Monaten eintritt, bevor wieder die Hochsaison in den Siedlungen einsetzt und damit die Schwierigkeit von seihst gelöst wird. Der Verlaut der Krise ist ja bereits jetzt durch jahrelange Erfahrung bekannt. Nach der toten Saison, die die Ausdauer der Arbeiter aut eine harte Probe stellt, kommt die Pflück zeit, die Erleichterung bieten kann, jedoch in der Regel von den Pflanzern zur Einstellung billiger Arbeiter benutzt wird. Es beginnen dann die Konflikte zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, die sich lange hinaus ziehen, manchmal auch teilweise gelöst werden, bis dann mit dem Eintritt der Hochsaison wieder volle Beschäftigung möglich wird. Und dann beginnt im nächsten Jahre der Kreislauf von neuem. Obwohl man sich schon emüht hat, die Verhandlungen sehr früh zu beginnen, um beim Beginn der Ernte gerüstet zu sein, ist ein glatter Verlauf selten. Von den drei Kolonien, wo die Lage dieses Jahr kritisch zu werden drohte, ist es bisher nur in Chederah gelungen, die Dinge einigermaßen zu ordnen. In Neö-Zionah und Petacn-Tikwah dagegen befindet man sich nach wie vor in einer Sackgasse. Diese Woche fand der Prozeß vor! sechs arretierten Arbeitern statt, die als eine Delegation der Beschäftigangslosen bet den Pflanzern Arbeit gefordert hatten, später von der Polizei aufgegriffen und unter Anklage gestellt worden waren. Sie blieben ois zutn Prozeß in Hart, wurden auch nicht gegen Kaution freigelassen. Obwohl sich bet genauer Betrachtung fast nichts ergab, das eine Anklage gerechtfertigt hätte — die Arbeiter hatten mit den Pflanzern eine erregte Diskussion geführt, jedoch nichts beschädigt und keinerlei Gewalt angewendet, was auch die Pflanzer als Zeugen ausdrücklich betonten — bekam jeder drei Wodien Gefängnis und eine Geldstrafe zudiktiert. Es wurde Berufung eingelegt und die Angeklagten daraufhin gegen Kaution in Freiheit gesetzt. Andere Verhaftete erwarten noch ihren Prozeß. , . ... Unterdessen »gen sieb die Vabamdlirtfen *WfcrfKri bdde« Seiten hin, die Jedoch bei der herrschenden Erregung nur sdiwer vorankamen. Eine Kommission des Wad Leumi und der Agency hat vorläufig noch nicht viel ausgerichtet und zuerst einmal zwei Deklarationen erlassen, von denen die eine jede Anwendung von Gewalt streng verurteilt, während die andere die Pflanzer an ihre nationale Pflicht mahnt, Juden zu beschäftigen, also beide Seiten zu beruhigen versucht. Es scheint fetzt jedoch in Neß- Zionah Aussicht aut Beschäftigung einer größcren Anzahl von Arbeitern zu bestehen und die Stimmung ist ruhiger geworden. Freilich Hegt noch immer — selbstverständlich aut Kosten der Kolonie! — britische Polizei in Neß-Zionah. ln Petach-Tikwah verlangen die Arbeiter von der Kommission der Agency und des Waad Leumi, die Sache so schnell als möglich ins Reine zu bringen, da sonst die Ver- Handlungen gegenstandslos werden. Sie verlangen Beschäftigung der Arbeitslosen und schlagen vor, die Lohnfrage einem für beide Seiten bindenden Schiedsgericht zu übertragen. Das haben die Pflanzer abgelehnt, worauf heute an einigen Stellen Streikposten aufgestellt wurden, die die Arbeit in den Plantagen verhindern sollen. Bisher sind keine Zwischenfälle zu verzeichnen, jedoch hat diese letzte Entwicklung wieder neue Sorgen verursacht. Es ist sicher, daß die Schwierigkeit bald, wahrscheinlich schon in wenigen Wochen dadurch behoben wird, daß die fraßen Arbeiten beginnen. Man wird jedoch nicht darum erumkommen, das Uebel gründlich zu untersuchen und in seinen Zusammenhängen zu verfolgen. Die beiden Quellen der Konflikte sind einerseits die Saisonarbeit in den Pflanzungen und — vor allem — der verschiedene Standard des jüdischen und arabischen Arbeiters im Lande. Diese letzte Frage, in der eines der zentralen Landesprobleme sich auswirkt, ist bisher noch kaum in allen ihren Folgen erforscht, geschweige denn praktisch an gepackt worden. Und doch wird von ihrer Lösung nicht •nur das Spezialproblem der Kolonien, sondern auch die Lösung einer Reihe anderer wirtschaftlicher und nicht nur seiner wirtschaftlichen Fragen des Landes abhängen. * Eine andere Notlage, die täglich drückender wird, hängt mit der Frage desBudgets des Agency zusammen. Die zionistische Welt und besonders Palästina ist seit jeher so an Geldsorgen gewöhnt gewesen, daß man sich mit der chronischen Knappheit abgefunden zu haben schien. Man konnte zwar jährlich so und soviel Dutzende von Reden verzeichnen, in denen erklärt wurde, daß es so nicht weitergehen könne, daß wir größere Mittel brauchen und nicht so weiterarbeiten können. Aber da irgendwie immer wieder — wirklich oder scheinbar — ein Ausweg gefunden wurde, da einmal die Fonds wieder besser gingen, einmal das private Kapital das Vorwirtskommen erleichterte, so hat man sich Jahre lang durch die Finanznöte hindurch gewunden. Aus den großen Hoffnungen ist freilich selten etwas geworden, aber den Umständen angemessen wurde schließlich Jahr um Jahr eine beträchtliche Summe durch die Fonds ins Land gebracht Dieses Jahr nehmen die Budgetnöte bedroh- Sichere Formen an als je. Man ist im Lande schon langst dahinter gekommen, daß der Proteststurm der Juden- Seit, den man zuerst als einen solchen Trost empfand, an praktischer Hilfe so gut wie gar nichts brachte. Die politisehen Ereignisse haben auch eine Zeitlang dazu beigetragen, die wirtschaftliche Lage unwichtig erscheinen zu lassen oder zu verschleiern. In der letzten Zeit werden jedoch auch weitere Kreise auf die finanzielle Situation aufmerksam. Zwar ist ein Teil des Jischuw und kein kleiner Teil — heute von zionistisches Geldern bereits uaabhängig. Aber es darf nicht vergessen werden, daß dieses Jahr von neuen privaten Investitionen kaum etwas zu merken ist und daß daher der Keren Hajessod wieder viel stärker in den Mittelpunkt treten muß. Außerdem ist die Exekutive trotz aller Anstrengungen heute bereits in der Lage, daß sie ihre Gehälter nicht mehr pünktlich zahlen kann. Dadurch wird eine große Anzahl von Familien betroffen, die von neuem, wie in jener Zeit der Krisen, auf Kredite angewiesen sind, die man jedoch nicht leicht bekommt Es ist heute bereits völlig evident, daß, wenn nicht eine ganz große Anstrenfung vom Galuth gemacht wird und dadurch die Finanzen er Exekutive einen neuen Rückhalt bekommen, sehr schwere Krisen eintreten können, deren Folgen zu ernsten Rückschlägen der gesamten jüdischen Wirtschaft führen. Es scheint nötig, diese Situation einmal so darzustellen, wie sie ist, da es keinen Sinn hat, die Tatsachen zu verschleiern. Ein Beobachter der palästinensischen Politik, der während der letzten Wochen die hebräische Presse verfolgt hat, wird keine wesentlichen Aenderungen in ihrer Haltung feststellen können. Die Stellung der großen Kreise, die sich um die Tages- Matter gruppieren, ist so geblieben, wie sie sich seit den politischen Umwälzungen der letzten Zeit herauskristallisiert hat. Dagegen ist im Laufe der letzten Zeit ein bemerken swerter Umschwung in einem Teil der arabisehen Presse eingetreten. Eine Reihe der größeren und kleineren Organe, mit dem arabischen ״F e 1 e s t i n“ an der Spitze, machen Propaganda für eine Schwenkung der Po- Htik, die auf eine Verständigung mit den Juden hinzielt. Und es gibt verschiedene Politiker, die mit Nachdruck gemeinsame Aktionen von Juden und Arabern, wie zum Beispiel die gemeinsame Aktion der Schuster in Jerusalem, unterstützen. Als der ״Felestin“ zuerst das Interview mit Hankin über die Siedlungspläne der Juden im Lande brachte und darauf hinwies, daß man es ja hier endlich mit klaren Zahlen zu Tun hätte, über die sich verhandeln lasse, erhob sich in einem Teil der Presse ein Geschrei gegen diese ״Verräterei“. Aber es zeigte sich bald, daß der ״Felestin“ trotz aller Vorsicht dieses Mal seinen Standpunkt wahrte und verteidigte, und daß in seinen neuen Ton eine Reihe von anderen Zeitungen einstimmten. Diese wurden heftig von den Intransigenten bekämpft, die jede Neigung zur ״Verständigung“ und zum Friedensschluß heftig verdammten. Aber trotz dieser Gegnerschaft hat die Neigung, zu einer Verständigung zu kommen, in arabischen Kreisen Fortschritte gemacht. Viele haben wohl eingesehen, daß ln den zionistischen Bestrebungen, wie sie durch die Tatsachen moduliert werden, keine große Gefahr liegen könne und daß andererseits aus dieser Einwanderung und ihren Begleitumständen wichtige Vorteile zu ziehen sind*, die man dicht einfach leichten Herzens von sich weisen kann und darf. In diesem Zusammenhänge sei noch der Besuch eines englischen Politikers erwähnt, der in letzter Zeit auf dem Wege von Indien nach Europa Palästina berührte und dabei Gelegenheit nahm, die Frage der jüdisch-arabischen Verständigung ausführiteh zu behandeln. Brailsford, ein Mitglied der Independent Labour Party, in zionistischen Kreisen bekannt durch seine pallstinafreundliche Haltung, ist der palästinensischen Judenheit vor allem durch eine Reihe von Artikeln näher gekommen, die im Laufe des letzten Jahres in der hebräischen Presse gebracht wurden. Brailsford, der sich alsQegnerdesWeißuchs erklärte, wurde im Lande, vor allem von der Arbeiterschaft, ein sehr warmer Empfang bereitet. In einer Abschiedsversammlung in Tel-Awiw, wo er vor mehreren Tausenden sprach, gab er seiner Ablehnung des Wdßbachs, seiner Gegmsrschatf־gegl®fAs gegenwärtigeLabourkabtaett und seiner Bewunderung für die lastung 3er Juden Im Lande Ausdruck. An diese Ausführungen knüpfte er dann einen zweiten Teil, in dem seine Konzeption einer zukünftigen palästinensischen Politik enthalten war, die zwei Kernsätze enthielt: Eine Lösung der Landesprobleme ist nur möglich durch die Entwicklung eines ״palästinensischen Patriotismus“, also einer engen Verknüpfung jüdischer und arabischer Interessen uoa Aktionen. Und zweitens: Die Zivilisierung des Landes, die Einführung von Reformen, die Sicherung eines hohen Standards für den jüdisehen Arbeiter und die Basierung seiner sozialistischen Experimente ist nur möglich durch eine Ziviüsierung von JudenundArabernzugleich, durch die Reformierung auch der arabischen Wirtschaft und die Hebung des Standards des jüdischen und des arabischen Arbeiters. Mit anderen Worten, das Gedeihen der beiden Völker ist von einander abhängig und nur gemeinsamer Fortschritt ist ein Bürge für eine aussichtsreiche Zukunft. Man empfindet gegenüber diesen verschiedenen Aeußerungen, die von mancherlei Seiten kommen, mehr als je die Not- Wendigkeit, daß neben die allgemein gehaltene Diskussion der großen Linien die Ausarbeitung eines praktischen Proframras tritt, das dann in seinen Einzelheiten diskutiert weren kann. Man spürt hier im Lande deutlich, daß sich die Dinge im rasdien Fluß befinden, und daß oft noch mit Argument«! operiert wird, die von den Tatsachen bereits überholt sind. Es ist, als täten heute nicht nur neue Ideen not — die sind vermutlieh vorhanden —, sondern klare Formulierungen und eindeutige Klarstellung der Wege und Ziele. Jerusalem, 27. Dezember. (J.T. A.) ln einem Communique teilt der Waad Leumi mit, daß seine Vermittlungsaktion im Konflikt zwischen jüdischen Arbeitern und Kolonisten in der Frage der Beschäftigung von jüdischen Arbeitern bei der Orangenernte gescheitert ist. Der Waad Leumi hat sich entschlossen, die Lösung der Frage den beteiligten Parteien zu überlassen. Gen f, 21. Dezember. (J. T. A.) Der jugoslawische Außenminister Marincov ic wurde an Stelle des finnischen Außenministers Procopä, der dem Völkerbundsrat nicht mehr angehört, zum Berichterstatter über Palästina bestimmt. Genf, 26. Dezember. (J. T.A.) Auf der vom Völkerbundssekretariat soeben veröffentlichten Tagesordnung der 62. Tagung des Völkerbundsrates, die am 19. Januar 1931 in Genf eröffnet wird, figuriert die Palästina-Frage nicht als spezieller Punkt Dagegen ist die Erstattung eines Berichtes der Mandatskommission über ihre letzte Tagung vorgesehen. Da nach dem beim Völkerbundsrat üblichen Vorgang der ständige Berichterstatter der Mandatskommission den vorbereiteten Bericht mit erklärenden Bemerkungen einleitet, ist es nicht ausgeschlossen, daß der jugoslawische Außenminister Marinkovic, der bei der nächsten Tagung des Völkerbundes zum erstenmal als Berichterstatter der Mandatskommission fungieren wird, näher auf die Palästina-Frage eingehen wird. Es ist zu erwarten, daß in diesem Falle auch der britische Vertreter im Völkerbundsrat einige Bemerkungen zur Palästina-Politik machen wird. Dagegen ist nicht damit zu rechnen, daß auf der nächsten Tagung des Völkerbundsrates eine Diskussion über den Inhalt des Weißbuches stattfinden wird. Zum jüdisch - arabischen Problem Eine interessante Diskussion über die prinzipiellen Grundlagen der zionistischen Politik gegenüber denArabernist jetzt in der palästinensischen Presse wieder entbrannt. Die Auseinandersetzung knüpft an an einen Artikel von Dr. Hugo Bergmann im amerikanischen Menorah Journal, der von dort in der englischen Ausgabe des ,,Felestin“ teilweise abgedruckt wurde. Im ״H aarez“ vom 7. Dezember unterzieht Dr. M. Glücksoh n Bergmanns Artikel einer scharfen Kritik und dasselbe tut M. Beilinson im ״Dawar“ vom gleichen Tage. Im ״Haarez“ vom 11. Dezember antwortet Dr. Bergmann, ferner ist dort eine an diese Diskussion anknüpfende Notiz von Rabbi Benjamin abgedruckt, und Dr. Glücksohn selbst schreibt dazu noch ein ausführliches Schlußwort Glücksohn behauptet, aus Bergmanns Artikel gehe hervor, daß er die arabische Frage für den Kern des Zionismus hält und daß er meint, ohne Zustimmung der Araber sei keine Hoffnung und keine Möglichkeit der Verwirklichung des Zionismus, selbst mit voller Unterstützung der Engländer. Darauf sei zu sagen, daß auf diese Weise der Zionismus und das Kolonisationswerk nie entstanden waren, wenn man au! die Zustimmung der Araber gewartet hätte. Die Vorschläge von Bergmann, die im übrigen eine verdächtige Aehnlichkeit mit manchen Gedanken von Simpson haben, seien durch übermäßigen Altruismus charakterisiert; im Grunde befürworte Bergmann eine arabische Kolonisation mit jüdischen Mitteln, und er ignoriere vollständig die Möglichkeiten der Araber, sich in Transjordanien anzusiedeln. Tn diesem System verschwindet die Idee der Rettung des jüdischen Volkes aus seiner Zerstreuung; möge das jüdische Volk in den Ghettos der Welt zugrunde gehen, wenn nur die ״fortschrittlichen“ Vorschlage der arabischen Nationalbewegung bezüglich der plötzlieh als notwendig erkannten inneren Kolonisation der Araber verwirklicht werden! Dies sei keineswegs, wie Bergmann meint, eine ״liberale“ Theorie des Zionismus, sondern eine Negation des Zionismus, ja Mangel an natürlichem menschlichen Gefühl. Beilinson wirft Bergmann vor, daß er die Einwendungen, die ihm hei früheren Gelegenheiten gemacht wurden, unberücksichtigt lasse. Die arabische Presse bezeichne Bergmann als ״treuen Ratgeber“, weil er im Grunde der Meinung zustimmt, daß die Juden nur von Gnaden der Araber nach Palästina kommen sollen. Die Juden sollen für Ansiedlung der landlosen Araber, für Hebung der arabischen Schichten sorgen und alles bezahlen, ohne selbst etwas davon zu haben. Bergmann sage zwar, durch die von ihm vorgeschlagene Politik werde ״kein neues Ghetto, sondern ein autonomer lebendiger Volksorganisinus innerhalb des binationalen Palästina“ geschaffen, es bestehe aber keinerlei Bürgschaft, daß dies Wirklichkeit werden wird, wenn die Araber wirklich zur Macht kommen. Nur eine jüdischeMehrheit sichert den Juden diese Stellung. Die Einwendung, daß dann die Araber zur Minderheit werden, daher mit Recht einer solchen Umwandlung Widerstand leisten, sei darum unrichtig, weil eine arabische Minderheit den Juden keineswegs ausgeliefert wäre; davor schützt sie die Tatsache, daß Palästina von lauter arabischen Ländern umgeben ist. Anerkennung der gegenseitigen Rechte ohne jede künstliche Begrenzung sei daher das einzige Ziel, das eine Lösung der arabischen ebenso wie der jüdischen Frage bringen kann. Dr. Bergmann setzt seiner Entgegnung 1m ״Haarez* als Motto folgenden Ausspruch von Kant (aus einem Briefe an Jacoby 1789) voran: ״Der Mensch, der dir die Wippen im Meere zeigt, nicht er ist es, der sie hingesetzt hat. Und auch wenn er sagt, man könne nicht zwischen diesen Wippen mit offenen Segeln durchschiffen, so hat er damit doch nicht die MigMrfike# ״wer^»t,r f!»e*:־JttÄIÄ0«@# men.“ In meinem Artikel, führt Bergmann aus, versuchte ich zu zeigen, daß sich im letzten Jahre das arabische Problem wirklich als das Hauptproblem der zionistischen Politik erwiesen hat, ohne daß der Zionismus darauf eine Antwort gegeben hätte. Dies wurde durch Gegenüberstellung' der revisionistischen Reden und der Anschauungen der Arbeiterorganisation zu beweisen versucht. Das Hauptargument der Linken, die arabische Bewegung sei nur ein Werkzeug einiger ausbeuterischer Effcndis, könne einer Prüfung nicht standhalten. Die arabische Bewegung ist heute keineswegs in den Händen der Großgrundbesitzer, sondern wird von denselben sozialen Schichten geführt, die die nationale Bewegung anderer jüngerer Völker Europas wie der Tschechen, Polen usw. geleitet haben: städtische Intelligenz, Beamte, Advokaten, Aerzte, Kaufleute, Journalisten usw. Bergmann wirft Glücksohn vor, er habe seine Anschauungen entstellt, um leichter gegen sie polemisieren zu können. Er habe nicht gesagt, der Zionismus könne nur mit Zustimmung der Araber verwirklicht werden; vielmehr habe er gerade das Gegenteil gesagt: Der Zionismus müsse ein liberales Araberprogramm aufsiellen, obwohl er glaube, daß die Araber selbst es nicht annehmen werden. Aber nur hierdurch könne allmählich im arabischen Lager eine Opposition entstehen, die einer Verständigung mit den Juden geneigt sein wird. Auch habe er niemals gesagt, man müsse mit jüdischem Geld arabische Kolonisation betreiben, sondern nur, die Juden müßten Verständnis dafür haben, daß der palästinensische Staat als solcher sich z. B. um Bekämpfung des Analphabetentums kümmern müsse. Wenn Glücksohn aut eine Uebereinstimmung Bergmanns mit Simpson hin weise, so könne das einfach daran liegen, daß beide sich auf dieselben Tatsachen gestützt haben. Auch bezüglich Transjordaniens hat unser ununterbrochenes Geschrei die Möglichkeiten nur verdorben, denn dadurch ist der Widerstand in Transjordanien außerordentlich gewachsen. Die nationale Bewegung in Transjordanien ist, ähnlich wie die nationale arabische Bewegung in Palästina, zum großen Teil ein Werk der Juden. Bergmann bedauert, daß die verständigungsfreundliehen Aeußerungen des ״Felestin“ in unserer Presse unbeantwortet geblieben sind. Eine arabische Föderation könnte gewaltige Möglichkeiten auch für den Zionismus bieten, falls die Juden positiv an ihr mitwirken. Daß in den Kreisen des Brith Schalorn solche Gedanken vertreten werden, wird von den Gegnern des Brith Schalorn verschwiegen, damit man es leichter habe, die Mitglieder des Brith Schalorn als ״pazifistische Liquidatoren“ zu bezeichnen. Wenn Dr. Glücksohn den Brith Schalorn auffordert, in den Wahlkampf einzutreten, damit sich der Umfang seines Einflusses zeige, dann ist darauf zu erwidern, daß Stimmziffern in einer Atmosphäre derartiger parteiischer Verhetzung gar nichts beweisen. ״Unser zionistisch es Gewissen ist rein“. Glücksohn geht in seinem Schlußwort nochmals ausführlich auf Bergmanns Artikel rin. Bergmanns Einwendüngen seien nicht überzeugend. Sein Programm der Kon- Zessionen gegenüber den Arabern habe den Zweck, deren Zu- Stimmung zum Zionismus zu erkaufen, aber dieses Programm ist ein Programm der Liquidation. Man könne Frieden haben, aber den Frieden eines Kirchhofs, in dem man auf alles verzichtct. Dies ähnelt der bekannten Geschichte von dem Manne, der aus Todesfurcht Selbstmord begeht. Der Friede, den wir wünschen, muß uns Möglichkeiten einer jüdischen schöpferischen Arbeit ohne Begrenzungen und ohne Störungen sichern, dadurch die Fassungskraft des Landes für jüdische Einwanderer vergrößern, ohne die Rechte und die Interessen der arabischen Bevölkerung zu beeinträchtigen. Wir wollen, schreibt Glücksohn, einen Frieden der Kooperation, aber nicht einer Frieden der Kapitulation. Man dürfe nicjit nur die arabische Wirklichkeit sehen, sondern auch die jüdische Wirklichkeit, Ein Verzicht auf die jüdische Mehrheit in Pfr-