Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1930-12-23 · Heft 101 (23.12.1930) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 101 (23.12.1930)
Date
1930-12-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2653156-2653250--22054-2680224
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seite 684 JUtDlSCHE RUNDSCHAU Nr. 101, 23. m 1930 gerade ihre Töchter verkaufen und die Begründung־, daß man die Töchter lieber ins Bordell liefert, statt sie mit einem Andersgläubigen zu verheiraten, ist so hanebüchen, so absurd, daß es nicht lohnt, darüber zu reden. Wir fordern die ״Weltbühne“ auf, den Beweis für ihre Behauptungen anzutreten und nur einen Fall namentlich zu nennen, in dem sich etwas Derartiges abgespielt hat. Wir wissen, daß sie uns diesen Beweis schuldig■ bleiben muß. Nun stützt sich allerdings Julie Blasius auf den Völkerbundsbericht zum Kapitel ״Mädchenhandel“ und sie greift in diesem Zusammenhänge Fräulein Bertha Pappenheim an, die in ihren bekannten Schriften immer wieder verlangt hat, der Völkerbund möge endlich seine Archive öffnen. Julie Blasius hat genau so wie die anderen wenigen Bücher, die sie zitiert, auch die Schriften von Bertha Pappenheim mißverstanden. Sie unterstellt Fräulein Bertha Pappenheim, daß diese die Veröffentlichung des Berichtes der Völkerbundskommission verlangt, obwohl dieser Bericht längst öffentlich erschienen sei. Fräulein Pappenheim, deren Meinung wir in dieser schwierigen Materie sonst nicht immer teilen, verlangt aber ganz etwas anderes. Sie kennt natürlich ausgezeichnet die Veröffentlichungen der Völkerbundskommission; sie verlangt nur, daß der Völkerbund endlich einmal das Material veröffentliche, auf Grund dessen er tu seinen Behauptungen gekommen ist. Sie verlangt den Beweis für derartige ungeheuerliche Andeutungen, wie sie sich im Völkerbundsbericht befinden. Das Völkerbundssekretariat hat den Beweis bisher nicht erbracht und hiergegen richtet sich der Kampf von Fräulein Bertha Pappenheim. Indessen weiß jeder mit der Materie Vertraute, wie dieser Völkerbundsbericht zustande gekommen ist In diesen Blättern haben wir vor Jahr und Tag zum Beispiel dem ״Deutschen Komitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels“ nachgewiesen, daß es aus harmlosen Grenzüberläufern, ohne die geringste Nachprüfung und ohne den Schatten eines Beweises zu erbringen, Mädchenhlndler gemacht hat. Wir haben na hgewiesen, daß diese Behauptungen des Deutschen Komitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels von A bis Z unwahr waren. Das Material, auf das sich der Völkerbundsbericht stützt, besteht aus Erzählungen, die man nur deshalb im Einzelnen nicht widerlegen kann, weil sie nicht veröffentlicht sind, weil man sie nicht kennt Es bleibt also, daß es möglich war, in einer linksradikalen Zeitschrift einen gehässigen Vorstoß gegen Ostjuden zu unternehmen, ohne daß die Zeitschrift es dann für nötig gefunden hätte, einer Richtigstellung Raum zu gewähren. Die Arbeiteronrnlieii bi Neß-Ziona Jerusalem, 17. Dezember. (J. T.A.) Wie bereits gemeldet, wurden sechs von den im Verlaufe der Unruhen in Neß-Ziona verhafteten jüdischen Arbeiter zu je dreiWochen Gefängnis verurteilt. Die übrigen zehn Verhafteten wurden freigesprochen. In einem gemeinsamen Aufruf erklären die Exekutiven der Jewish Agency und des Waad Leumi, daß unter keinen Umständen eine Wiederholung der von einem Teil der Arbeitslosen in Neß-Ziona verübten Gewalttaten zugelassen werden dürfe. An die Oeffentlichkeit und insbesondere an die organisierte Arbeiterschaft wird der Appell gerichtet, jedem Versuch zur Gewalttätigkeit energischsten Widerstand entgegenzusetzen. In einer Proklamation der Arbeiterschaft von Neß-Ziona wird .darauf Mngewiesen, daß die Kosten des, britischen Polizei- ■51Änteer für die Kolonie ־höher •־slnd־'ai$ ־־die ־ Gesamtlobnsumme von 12 Tagen. Repressivmaßnahmen gegen die Arbeiterschaft seien nicht geeignet, den Hunger der Arbeitslosen zu stillen. Die dringende Arbeiterfrage erheische eine sofortige Lösung. Die Zwangssoantagsnilie ln AtMN London, 18. Dezember. (J. T. A.) Der neugewählte Abgeordnete von Whitechapel J a m e s H a 11 hat das vom High Commissioner für Palästina Sir John Chancellor erlassene Verbot der Sonntagsarbeit in den Steinbrüchen von Athlit zum Gegenstand folgender Anfrage im Unterhaus gemacht; Ist dem Unterstaatssekretär für die Kolonien bekannt, daß der High Commissioner für Palästina Instruktionen herausgegeben hat, wonach künftig an Sonntagen an dem Hafenbau von Haifa nicht gearbeitet werden soll? Weiche Schritte gedenkt das Kolonialministerium angesichts der Tatsache zu unternehmen, daß durch diese Verfügung Mohammedaner und Juden gezwungen sein werden, an ihren Sabbathen zu arbeiten? Unterstaatssekretär Dr. Shiels erklärte, die Herausgabe derartiger Instruktionen in Bezug auf den Hafenbau von Haifa sei ihm bisher noch nicht offiziell mitgeteilt worden. Lord Passfield habe sich in dieser Angelegenheit mit dem High Commissioner in Verbindung gesetzt, nach dessen Antwort die Frage einer gründlichen Untersuchung zugeführt werden würde. In derselben Sitzung des Unterhauses regte Major Eliiot an, daß gleichzeitig mit den Vermessungsarbeiteu für die Haifa - Bagdad-Bahn Untersuchungen über die Möglichkeit der Anlage einer Autostraße an Stelle der Bahn vorgenommen werden sollen. Dr. Shiels erwiderte, daß die Anlage einer solchen Auto- Straße nicht in Erwägung gezogen werde und der für die Vermessungsarbeiten bewilligte Betrag nicht erhöht werden könne. Die OZET-Konferenz in Moskau Moskau, IS. Dezember. (J. T. A.) Am 16. Dezember wurde die OZET-Konfereuz in Moskau geschlossen. Der Kommumstenführer Larin, der im Jahre 1925 Präsident von OZET nach der Reorganisation dieses Verbandes war, und der Sekretär von OZET Golde, traten nachdrücklich gegen die K o 1 o n i s a t i on in Biro-Bidschan ein und forderten, daß OZET sich ganz auf die Arbeit in der Krim konzentriere. Ihr dahingehender Antrag wurde nach lebhafter Debatte abgelehnt. Hingegen wurde ein Antrag auf Förderung der Ueberführung der Juden in die Großindustrie angenommen. Die Konferenz stellte fest, daß die jüdische Lanuansiedlungsbewegung durch den Fünfjahresplan in keiner Weise beeinträchtigt wurde. Die auf Grund des Fünfjahresplans durchgeführte Industrialisierung habe Tausenden von Juden Arbeit gegeben und so die ökonomische Lage der jüdischen Kleinstädte verbessert. Besonders in Charkow und anderen Industriezentren seien große Massen von Juden zur Industrie überführt worden. Bezüglich der planmäßigen jüdischen Kolonisation wurde beschlossen, dem Siedlungswerk in Biro-Bidschan und dem in der Krim gleiches Augenmerk zuzuwenden. Wie auf der Konferenz mitgeteilt wurde, sieht das Budget der Sowjetregierung für 1931 eine staatliche Beihilfe von 20 Millionen Rubel für die Arbeit in den jüdischen Kolonien vor. — ״ln Anerkennung seiner ungemein sympathischen Einstellung gegenüber den lebenswichtigen Problemen des jüdischen Volkes“ wurde der Präsident der Sowjetunion Michael Kalinin unter dem enthusiastischen Beifall der Konferenz zum Ehrenpräsidenten von OZET gewählt Die Situation des traditionellen Judentums nach den BerlinerWahlen Von Dr. Werner S i 1 b e r s t e i n. (Nachstehender Artikel geht uns aus dem Kreise des M i s r a c h i zu. — Red.) Drei Wochen sind nunmehr seit dem entscheidenden Wahltag ins Land gegangen. Freunde und Gegner, Führer und Geführte haben das Ergebnis der Wahlen in ihrem Sinne beleuchtet. Es erscheint angebracht, daß auch die traditionell Gebundenen, in der Jüdischen Volkspartei Wurzelnden ihre Ansicht über diesen Kampf kundgeben und den Weg, der künftig eingeschlagen werden soll, weisen. Gewiß, die Liberalen haben in diesem Kampfe den Sieg davongetragen, aber die Jüdische Volkspartei ist nicht besiegt worden. Es ist schon wiederholt auch in diesen Blättern darauf hingewiesen worden, daß der Zuwachs von 10000 neuen Wählerstimmen, auf den die Jüdische Volkspartei hinweisen kann, die beste und sicherste Gewähr dafür darstellt, daß die Idee, der die Volkspartci im Laufe der Jahre ihre Arbeit gewidmet hat, werbend ist und daß die Entwicklung des jüdischen Lebens in der Berliner Gemeinde in dem Sinne eines voll bewußten, in der Tradition verankerten national-religiösen Judentums verläuft. Man soll nicht mit Hilfe von Wahlarithmetik Wahlresultate umdeuten. Unser wenn auch noch so großer Zuwachs an Stimmen wird sich in den nächsten 4 Jahren nicht in dem von uns erhofften Maße auswirken können. Es ist den Liberalen gelungen, Juden, die sonst kaum je etwas von ihrem Judesein gewußt haben, mit dem Schreck vor den die Gemeinde okkupierenden Ostjuden und den noch böseren Zionisten aufzuscheuchen. Man muß annehmen, daß leider auch Kreise, die sonst die Mittelparteien gewählt haben, ebenfalls in den Bann dieser Furchtparolen geraten sind und sich diesmal für die liberale Liste entschieden haben. Anders ist der fast katastrophale und von niemandem erwartete Zusammenbruch der Mittelparteien kaum zu erklären. Wichtig für uns ist die Frage, woher der neue Zustrom zur Jüdischen Volkspartei stammt. Ich möchte glauben, daß sich unsere Arbeit in fast allen Schichten des Berliner Judentums neue Anhänger erworben hat. Der Ansporn und die Aufrüttelung, die die national-jüdische Bewegung auch in das schlafende Berliner Judentum hineingetragen hat, ist zum Teil sogar von liberaler Seite anerkannt und als Ursache für die diesmalige, noch nie dagewesene Beteiligung an den Wahlen zugegeben worden. Das ist ja auch, ä la Iongue gesehen, unser Ziel; alle Juden für jüdische Dinge und für di« Angelegenheiten der Gemeinde zu interessieren und so ein lebendiges, an den Gesamtheitsaufgaben des jüdischen Volkes mittätiges Judentum zu schaffen. In dieser Entwicklung gibt es mannigfache Stadien. Das erste mag bei vielen die Reaktion gegen diese Art von Auffassung vom Judentum sein und führt so zur liberalen Partei, die die Opposition gegen ein solches Judentum am entschiedensten vertritt. Andere haben dieses Stadium bereits hinter sich und sind zur Erkenntnis gelangt, daß nur ein selbstbewußtes, in der geschichtlichen Tradition verankertes, an den religiösen Werten festhaltendes Volks- Judentum in der Lage ist, mit Erfolg den Antisemitismus zu bekämpfen (für viele der einzige Grund, sich überhaupt um jüdische Angelegenheiten zu kümmern) und unsere Gegenwart in eine gesicherte Zukunft hinüberzuführen. Eines besonderen Wortes der Klärung bedarf der fast katastrophale, stetige Niedergang der konservativen Partei. Ist es wirklich so, daß das Interesse an den religiös-konservativen Forderungen in einer Gemeinde von der Größe und Bedeutung Berlins so sehr geschwunden ist, daß diese Partei auch ihr einziges Mandat nicht wieder hat erreichen können? ־׳NeMPCi'ÄdrWen versuchen der WrÄ-ehting' :fegenflbef mit Deutlichkeit betont werden, daß schon seit langer Zeit die religiös-konservativen Massen der Berliner Gemeinde ihre Vertretung in der Jüdischen Volkspartei erblickt haben. Die Energie und Ehrlichkeit, mit der immer wieder Führer unserer Richtung für alle wesentlichen traditionellen religiösen Forderungen eingetreten sind, hat auf die religiösen Kreise des Berliner Judentums seinen Eindruck nicht verfehlt. Es Ist hier nicht Zeit und Ort, näher darauf einzugehen, wie fast alle Fortschritte, die hierin in den letzten Jahren erreicht worden sind, nur durch die Initiative und Ausdauer unserer Vertreter in der Gemeindeverwaltung durchgeführt worden sind. Und künftighin? In der 14-köpfigen neuen Fraktion der Jüdischen Volks- Partei sitzen 7 organisierte Mitglieder des Misrachi. Es gehört schon die Verdrenungskunst des ״Israelit“ dazu, um diese Tatsache zu verbergen und sie gar noch mit einem Wort des Bedauerns auszuschmücken. Sicherlich hätte es dem ״Israelit“ mehr in seinen von Haß geleiteten politischen Kram gepaßt, wenn er auf die Mitglieder der Volkspartei-Fraktion die gleichen Termini (Poschim, Apikorsim) wie auf die Liberalen anwenden könnte. Lassen wir das. Die Wahrheit wird sich durchsetzen und die kommenden Jahre sollen zeigen, daß die religiösen Massen Berlins den rechten Männern ihr Vertrauen geschenkt haben. Für die Jüdische Volkspartei aber und insbesondere für die in ihr vertretenen Misrachisten wird es nunmehr eine doppelte Aufgabe sein, die Forderungen des traditionellen Judentums wirksam st zu vertreten. In dieser Frage gibt es in der neuen Fraktion keine dissentierende Meinung; hat doch noch jüngst in einer großen Versammlung ein Mitglied der Fraktion, das selber nicht auf dem Boden des religiösen Judentums steht, mit aller Klarheit und Wärme die Berechtigung dieses Standpunktes gerade in der jetzigen Situation anerkannt. Bei den zukünftigen Verhandlungen über Besetzung und Ressortverteilung der Vorstandsämter muß die Frage dieser Interessenvertretung durch die Jüdische Volkspartei eine ausschlaggebende Rolle spielen. Auch die Liberalen sollten einsehen, daß man dem Frieden der Gemeinde und auch modernen demokratischen Prinzipien dann am besten entspricht, wenn man den Willen der Wählermassen auch in diesen wesentliehen Forderungen zum Ausdruck bringt. Die Religiös-Konservativen haben ihr Vertrauen den Männern der Volkspartei geschenkt, also muß auch ihre Sache durch Vertreter dieser Partei geführt werden. Schwere Jahre stehen uns bevor. Im Kampf gegen eine große Majorität wird es nicht leicht sein, das Programm zionistischer Gemeindearbeit durchzuführen. Wir werden keinen Deut dieses Programms aufgeben. Mit aller Beharrlichkeit und mit der Ueberzeugung von der Wahrheit und dem endlichen Sieg unserer Idee weiden wir bereit sein, gemeinsam mit allen, konstruktive Arbeit in der Gemeinde zu leisten. Wir glauben, daß auch unsere Gegner einsehen werden, daß Forderungen, die im Namen von 28000 Wählern erhoben werden, nicht ignoriert werden können. Die amerikanische Bavkkrisc New York, 17. Dezember. (J. T. A.) Wie das Staatsamt für Bankwesen mitteilt, steht die Wiedereröffnung der ״Bank of the United States“ unmittelbar bevor. Die Depotbücher der Depositare der Bank of the United States wurden von anderen Banken mit 50 bis 75«/» belehnt, was viel dazu beitrug, die Panikstimmung unter der vorwiegend jüdischen Klientel der Bank zu beseitigen. Durch die vor einigen Tagen erfolgte Einstellung der Auszahlung seitens der United States Bank ist insbesondere die New Yorker jüdische Bekleidung*- und Pelzindustrie betroffen worden. Palästina unter dem Foreign Office? London, 18. Dezember. (J.T.A.) Der Abgeordnete der Labour-Party Lt.-Cdr. Hon. J. M. Kenworthy hat auf dem Jubiläumsfestbankett des Hebrew Board of Guardians in Hüll eine Ansprache gehalten, in der er die aufsehenerregende Mitteilung machte, es werde die Verwaltung Palästinas wahrscheinlieh demKolonialamteentzogenunddemAußenamte unterstellt werden. Er selbst habe der Regierung einen diesbezüglichen Vorschlag unterbreitet und sei überzeugt, daß er angenommen werden würde. Weiter erklärte Kenworthy, daß nur wenige Führer der Labour-Party bereit seien, der im Weißbuch über Palästina angekündigten Politik ihre Unterstützung zu leihen. (Vor kurzem hat auch Lord Erleigh erklärt, daß mit der Unterstellung der Verwaltung Palästinas unter das Außenamt zu rechnen sei.; ״England und Palästina" Unter diesem Titel erscheint dieser Tage im. Kurl V owinekel-Verlag, Berlin-Grunewald, ein Buch von. Josef Cohn als 8. Beiheft der ,Zeitschrift für Geopolitik". Das Bach (320 Seiten, hart. 6M M.) fährt den Untertitel ״Ein Beitrag zur britischen Empire-Politik‘' und enthält eine umfassende Darstellung der englischen Palästina- Politik der letzten zehn Jahre. Der Verfasser stellt uns das Torwort, das über seine Absichten Aufschluß gibt, zum Vor-Abdruck zur Verfügung. Es folgt hier. Die vorliegende Arbeit hat sich zwei ln ihrem Aspekt zwar verschiedene, jedoch in engstem Zusammenhang stehende Aufgaben gestellt. Es wird einmal versucht, über die politischen Grundlagen — also über rein quantitative Elemente — eines in seiner aktuellen Wirksamkeit gerade zehnjährigen Kolonisationswerkes, dessen Werden und Gelingen schon immer und im gegenwärtigen entscheidenden Augenblick wieder in wachsendem Maße die großen Weltmächte und ihre verantwortlichen Staatsmänner mit Interesse und Sympathie verfolgt haben, zu berichten. In allen maßgebenden Ländern haben sich führende Persönlichkeiten des politischen, wirtschaftlichen und geistigen Lebens zusammengefunden, um dieses ״große soziale Werk der Gesittung und des Friedens“, wie es Graf Bernstorff, der Präsident des deutschen Pro- Palästina-Komitees, bezeichnet hat, zu fördern. In dieser Aeußerung kommt andererseits in stärkstem Maße das qualitativ-irrationale, geistig-seelische Element, das diese Siedlungstätigkeit und die ihr zugrunde liegende Idee kennzeichnet und das auch in erster Linie die Sympathien der Welt erweckt, zum Ausdrude. Auf die Herausarbeitung dieses Qualitativen wurde ein entscheidendes Gewicht gelegt, schon aus dem Grunde, weil nur seine Kenntnis ein volles Verständnis ermöglicht. Um von der an diesem Werk am meisten engagierten Weltmacht zu sprechen, so können nur politisch Vorangenommene die — häufig gehörte — Auffassung vertreten, daß England dabei lediglich von nackten und brutalen geschäftiich-interessenmäßigen Erwägungen geleitet wird, wie sie sich aus der politischen und wirtschaftlichen Situation des Imperiums ergeben. So wirksam — vielleicht auch ausschlaggebend — dieser von uns in allen Einzelheiten charakterisierte Faktor gewiesen sein mag und angesichts der jüngsten Entwicklung das überragende Motiv geworden zu sein scheint, muß doch in aller Deutlichkeit darauf hingewiesen werden, daß ebensosehr ״in dem Gefüge des englischen Geistes und in den Traditionen der englischen Staatsmänner“ wurzelnde Elemente (wie es in einem Bericht formuliert wurde) wirksam gewesen sind. Der Aufhellung dieses Tatbestandes dient insbesondere der erste Teil der Arbeit,: der sich HtiMeB'&Vowässettiag«** der. englischen Palästinapolitifc bzw. der Balfour-Deklaration beschäftigt. ln dieser Deklaration ist eine von ganz bestimmten seelischen und geistigen Kräften gestaltete englische ״Kultur- Physiognomie“*) eingeprägt; sie ist ein Ausdruck der Vision, die das englische Volk von sich selber hat und die so umschrieben worden ist: ״Die Engländer haben seit dem unerhörten Welteroberungszug von ihrer Insel, seit Elisabeth und Cromwell einen sehr handfesten Weltbestimmungsglauben. Sie sehen sich als die vorbestimmte Menschheitsgruppe, die auf der Basis der Selbstkontrolle und Selbstverantwortung die Weltkontrolle und Weltverantwortung zu tragen hat**). Al! diese ideellen Faktoren, besonders der religiös verankerte Menschheit-Missionsglaube, gehören auch in starkem Maße zu den Voraussetzungen der Balfour-Deklaration, was nicht überzeugender als durch folgende (in einer Rede vom Jahre 1920 gesprochenen) Worte Lord Robert C e c i 1 s verdeutlicht werden kann: ״Ich glaube, daß, wenn einmal die Geschichte des Krieges ganz unparteiisch geschrieben werden wird, man die Errichtung der Jüdischen Nationalen Heimstätte und die Schaffung des Völkerbundes als seine beiden größten Ergebnisse nennen wird. Diese beiden ermangeln nicht etwa der inneren Verbindung. Sie stellen die beiden großen Ideen dar, für die wir gekämpft und durch die wir gesiegt haben — die Idee des Nationalismus und die des Internationalismus.“ In diesen Ausführungen des repräsentativen englischen Staatsmannes kommt noch jene andere so bedeutungsvolle kulturphysiognomische Tatsache zum Ausdruck, daß der englisch-angelsächsischen politischen Zielsetzung rein ideelle Mittel zugrunde liegen, daß das englische Volk ״sich immer wieder in seinem weit überwiegenden Teile von Führern tragen läßt, die durch das Medium des Geistigen wirken1“**). (Dieses Moment läßt sich in der jüngsten Zeit am stärksten an dem — ebenfalls aus rein geistig-seelischen Antrieben konzipierten — Ideensystem Wilsons aufzeigen.) Der kürzlich verstorbene Arthur James Balfour verkörperte in nahezu unerreichter Form jenen Typ des ״Scholar politician“, zu dessen erfolgreicher Tradition es gehört, stark entwickelte geistige Eiemente in das praktisch-nüchterne realpolitische Handeln eingehen zu lassen. Diese häufig als ״cant“ geringschätzig abgetane Synthese von Geist und Politik, mit der es jedoch diesem kleinen Inselvolk gelungen ist, ein Viertel der Menschheit in seinen (zum erheblichen Teil freiwillig akzeptierten) Herrschaftsbereich zu ziehen, wurde noch durch eine Analyse der (psychologischen) Axiomatik des englischen politischen Handelns, wie sie etwa durch die Begriffe der ״open door“ und ,,no-commitments“ charakterisiert wird, in besonderem Maße zu verdeutlichen gesucht. — Aber nicht nur England, sondern auch sein an diesem Kolonisationswerk aktiv beteiligter Partner — das jüdische Volk — kann nur unter Zugrundelegung solcher qualitativen geistig-seelischen Elemente voll erfaßt werden. Dies offenbart sich am stärksten bei der gemeinen Tagesarbeit, bei der praktisch-wirtschaftlichen Siedfungstätigkeit, deren Richtung und Verlauf von metaökonomisehen Faktoren, d. h. in diesem Falle von seelisch tief verwurzelten religiösen Ideen (in säkularisierter Form) entscheidend bestimmt wird. Auch hier zeigt sich wieder der Doppelcharakter dieses Fragenkomplexes, die Unterscheidung quantitativer und qualitativer Elemente, die jedoch nur Teile eines Ganzen, einer Totalität sind. *) Alfred Weber: Ideen zur Staats- und Kultursoziologie, Karlsruhe 1927, S. 15. **) Alfred Weber; Die Bedeutung der geistigen Führer in Deutschland, a. a. O., S. 119. ״**) Allred Weber: a. a. O., &. tflS.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.