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Jüdische Rundschau · 1930-12-19 · Heft 100 (19.12.1930) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 100 (19.12.1930)
Date
1930-12-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 078 JUEDISCHE RUNDSCHAU Aus den Gemeinden Wer ist der eigentliche Sieger? Die Liberalen beschäftigen sich andauernd mit der Frage ihres Sieges bei den letzten Gemeindewahlen und bezeichnen alle Erklärungen, daß sie ihren Stimmenzuwachs der Autputschung sonst jüdisch völlig uninteressierter Gemelndegfieder verdanken, die durch den aufg'.׳r! hteten Ost- Juden- und Zionistenschreck aus ihrer Lethargie hcrausgerissen wurden und auf die nationalsozialistischen Erfolge vom 14. September durch Stellungnahme gegen Ostjuden und Zlonisraus reagiert haben, als Fieberphantasien. Rein zahlenmäßig genommen, haben die Liberalen ihre Stimmen bei der letzten Wahl gegenüber dem Fahre 1925 um 80% vermehrt, während die Steigerung der volksparteilichen Sli .!men gegenüber 1926 nur 520/11 betrug. Der liberale Stimmenzuwachs stammt aus dem großen Reservoir der Indifferenten, das gerade wegen seiner Gleichgültigkeit stets als liberaler Besitzstand zu bezeichnen war. Die Liberalen haben also trotz der erhöhten Stimroenanzahl keinen einzigen neuen Anhänger gewonnen. Sie haben es lediglich verstanden, diesmal selbst solche Elemente, die sonst an keinen jüdischen An* Gelegenheiten, also natürlich auch nicht an Gemeindewahlen, Interesse haben, unter der Vorspiegelung einer drohenden Gefahr und mit Hilfe eines großen Autoparkes zur Wahlurne zu bringen. Bei der Steigerung der volksparteilichen Stimmen handelt es sich in den meisten Fällen um die Gewinnung neuer Anhänger und Parte iglnger, da für das Bekenntnis zur Volkspartei eine wirkliche innere Entscheidung erforderlich ist. Sofort nach der Wahl hat die ״Jüdische Rundschau“ in der Nummer vom 2. Dezember die Steigerung der liberalen Wähleranzahl testgestellt. Bei der Bewertung dieser Steigerung haben wir aber mit gutem Recht darauf hingewiesen, daß es sich bei uns um ein stetiges, organisches Wachstum handelt, während die Liberalen wenn auch eine große Mehrheit, so doch nur eine so- Zusagen ״technische‘‘ Mehrheit erlangt haben. Es sind. man.verzeihe den Vergleich, eigentlich Hottentotten-w a h le n gewesen. Max Naumann, der sicher* lieh kein Freund der Zionisten ist, bescheinigte das nach der Wahl mit folgenden Worten: ״Unter den Jüdischnationalen sind neben Demagogen der skrupellosesten Gattung natürlich auch ein paar ״welche Brüder“, aber die ganze Truppe ist fest in der Hand der Führer, und die Führer wissen genau, was sie wollen. Die Liberalen, die vor der Wahl in der Reprlsentantenver- Sammlung sich betätigten, haben niemals gewußt, was sie wollten und haben auch niemals wirkliche Führer gehabt.“ Wenn man die Rüpelhaftigkeit dieser Bemerkungen außer Betracht läßt, so bleibt die zweifellos richtige Feststellung, daß es sich bei den Volksparteilem um eine straffe Organisation und um eine geschlossene Ideologie handelt, während die Wählerschar der Liberalen dem Flugsand gleicht und die liberale Ideologie so nebulös und verschwommen ist, daß das Wort Ideologie für diese Assimilationsstimmung nur darum verwendet werden muß, weil kein anderes zur Verfügung steht Wir sind uns völlig darüber klar, und Kurt Blumenfeld hat es sofort präzise ausgedrückt, daß die Mehrheit des Berliner Judentums antizionistisch ist und daß diese Mehrheit nicht nur in jüdischen Dingen, sondern auch in allgemein politischen keine den Tatsachen entsprechenden Vorstellungen hat. Die letzte Repräsentanten Versammlung vom 14. Dezem- ^ert• die erste nach den Wahlkämpfen, bot «Jeri Teilnehmern 'i?et״;lehfcitdfc«sJ''Ä’Äs '.«pd(;5v*r i!*fätmägm■ ־־wtajgÜ'־'smer "Existenz־ um;; Verzeihung' ־bittendes Judentum damellt Die ״Jüdisch-liberale Zeitung“ hat zwar m Ihrem Bericht über die Sitzung nahezu völlig unterschlagen, wie die liberalen Wortführer, was wir ohne weiteres anerkennen, den Mut aufbrachten, von den Entgleisungen auf liberaler Seite gegen die Ostjuden in feierliener Form abzurücken. Es war ein durch die Macht der jüdischen Einheit erzwungenes feierliches Bekenntnis zur jüdischen Gesamtheit und eine Verurteilung der liberalen Methoden Im Wahlkampfe. Darüber läßt sich nicht streiten. Die jetzt von der ״Jüdischliberalen Zeitung“ bestrittene Ostjudenhetze ist leider in unverantwortlicher Weise getrieben worden. Wenn man in Zeiten der Gefahr einen Teil der Gemeinschaft verdächtigt, tatd sich von ihm lossagt, so hat man etwas begangen, was unvernünftig und wenig fair ist. Abschließend stellen wir test: Die Liberalen haben viele Stimmen aut ihre Liste zu vereinigen vermocht. Sie haben aber weder neue Anhänger gewonnen, noch haben sie eine Verjüngung ihrer Organisation und Ideologie erlebt. Diese Verjüngung machte sich bei den Positiv-Liberalen geltend, die leider kein Mandat zu erringen vermochten. Die Volkspartei hat nicht nur zehntausend neue Wähler bekommen, sondern hat einen Zuwachs von Tausenden neuer Anhänger zu verzeichnen, deren organisatorische Einfügung in erfreulichem Maße vor sich geht. W. W. * Die ״Jüdisch-liberale Zeitung“ vom 17. d. M. meldet: Wie wir aus dem Berliner Polizeipräsidium erfahren, kann zurzeit eine Bestätigung des Wahlergebnisses noch nicht erfolgen, da zahlreiche Proteste gegen die Gültigkeit der Wahl eingegangen sind. Diese unterliegen augenblicklich noch der Prüfung des zuständigen Sachbearbeiters. Da das Wahlergebnis aber eine völlig eindeutige Sprache spricht, ist zu hoffen, daß den Protesten nicht stattgegeben werde und daß die durch die Proteste verursachte Verzögerung nur von kurzer Dauer sein wird. Auch nach unseren Informationen sind tatsächlich eine ganze Anzahl von Protesten eingelaufen, über deren Inhalt wir jedoch nichts erfahren konnten. Es wurde uns aber mitgeteilt, daß die Nachprüfung dieser Proteste möglicherweise längere Zeit in Anspruch nehmen wird. Bis die Sachlage in dieser Beziehung geklärt ist, versagen wir uns, unserer Stellungnahme Ausdruck zu geben. * Die Fraktion der Jüdischen Volkspartei in der Reprisentantenversammlung brachte den Antrag ein, nach dem Beispiel der Essener Jüdischen Gemeinde, die mit einigen Aufklärungsvorträgen unter Anteilnahme von je 2500 Personen außerordentlich gute Erfolge gehabt hat, für Berlin einen ähnlichen Aufklärungszyklus in ganz großem Rahmen noch in diesem Winter anzuberaumen. Die Einladungen zu diesen Vorträgen sollen an weiteste nieh'jüdische Bevölfcerungskreise, u. a. an das Reichsbanner sowie die freien und christlichen Gewerkschaften gehen, darüber hinaus auch an rechtsstehende Gruppen. Zweck der Vorträge soll sein, darzulegen, daß Geheimlehren im Judentum ebensowenig bestehen wie — nach allgemein ethischen Begriffen — unmoralische Gebote des Talmud. Darüber hinaus könnte ein Grundriß der jüdischen Lehre und ihrer Auswirkungen auf die Menschheits- Kultur unter Berücksichtigung insbesondere der Wirtschaftsethik des Judentums gegeben werden. Das Chemnitzer Wahlergebnis Von unserem Berichterstatter. Wir haben 48 % aller Stimmen erreicht, bekommen aber nur 1 Verordneten, die Gegner dagegen 6. In der Ausländertiste, in welcher unser Verordnete gewählt wurde, war die Beteiligung eine sehr geringe (29%), weil es keinen Qegenkandiclaten gab. In der Inlinderliste erreichten wir bei einer Beteiligung von 63% 30% der Stimmen, aber kein einziges Mandat, weil das reaktionäre Mehrheits-Wahlrecht einer einzigen Partei sämtliche Sitze einrlumt. Demnach sind die deutschen Juden, soweit sie Gegner des jetzigen Regimes sind, noch schlechter daran, als Ausländer, weil ihre Stimmen vollständig wertlos sind. Wir hätten noch eine größere Stimmzahl aufgebracht, wenn das Ergebnis bei dem geltenden Wahlunrecht nicht von vornherein Testgestanden hätte. Eine Reihe unserer Stimmen wurden ungültig, weil sich unsere Leute bei den verschiedenen Wähler- Listen und Urnen nicht zurecht fanden. Ein Teil unserer Anhänger hat es abgelehnt, an solchen Wahlen sich überhaupt zu Beteiligen. Die Wahlen sind vorbei, der Kampf geht aber weiter. Es handelt sich hier nicht um die Austragung politischer Meinungsverschiedenheiten, um die Verwirklichung von Parteiprogrammen, sondern ura die grundsätzliche Frage von allgemein menschlichem Interesse: Sol I es in der jüdischen Gemeinde zweierlei Recht geben? Unsere Sache macht gute Fortschritte. Unsere Aufklärungsarbeit war nicht umsonst. Man kann schon fast von einer Volksbewegung gegen das Wahlunrecht sprechen. Während noch vor kurzer Zeit die Reaktion so stark war, daß man z. B. im neutralen Jugendbund einen Beschluß durchbringen konnte, demzufolge unsere Gemeinde keiner Kritik unterzogen werden durfte, ist jetzt nicht nur dieser Beschluß aufgehoben worden, sondern von den zahlreich erschienenen Gegnern wagte niemand, das bestehende Wahlrecht auch nur mit einem Worte zu verteidigen. Auch im Frauenbund stieß unsere Kritik auf keinen Widerstand. Selbst in einer geschlossenen Versammlung unserer Oemeindegewaltigen sind 2 Redner für die Beseitigung des Unrechts eingetreten. Als Haupt-Argument wurde in dieser Versammlung vorgebracht, daß die Liberalen angeblich 92% der Gemeindesteuern aufbringen und austreten würden, wenn alle gleiches Recht bekämen. Die paar Herren finden es in Ordnung, daß sie 92% des Gesamteinkommens aller Chemnitzer Juden einstecken, daß sie aber den gleichen Prozentsatz an Steuern zahlen, machen sie von der Entrechtung ihrer Brüder abhängig. Der Prozentsatz stimmt wohl nicht, aber warum soll die Anbetung des Oeldsacks gerade in einer Körperschaft, der die Pflege der r e - 1 i g i ö s e n Einrichtungen anvertraut ist, geradezu Orgien feiern? Man hat noch nichts davon gehört, daß zu den Reichs- oder Landtags-Wahlen, derjenige, der mehr Geld hat, Vorrechte genießt. Ara gleichen Tag mit der Versammlung unserer Gegner, zu der man nur mit namentlichen und numerierten Einladungen zugelassen wurde, hielten wir eine öffentliche Wählerversammlung ab, auf der Moses Waldmann mit unseren Gegnern in zweistündigem, ausgezeichneten Vortrag gründlich abgerechnet hat. Wir ziehen eine Zwischenbilanz und stellen fest, daß es uns in der ersten Phase des Kampfes gelungen ist, das Wählunrecht populär und aktuell zu machen. In der jetzt folgenden zweiten Phase muß es uns gelingen, es zu beseitigen. Dr. Jehuda Adler, Chemnitz. Die Zukunft der Os^fuden in Deutschland Am Sonntagabend, dem 7. Dezember d. J., sprach in der Zionistischen Ortsgruppe -Hannover :dar■ Führer As MIsraCbi, Rechtsanwalt Dr. Aron Bart h aus Berlin über ״Die Zukunft der Ostjuden in Deutschland“. Um es vorweg zu nehmen: Es war eine der besten und erfolgreichsten Veranstaltungen, die wir seit langer Zeit gehabt haben. Die Aula des Gemeindehauses war schon lange vor Beginn des Vortrages überfüllt. Zahlreiche Personen fanden keinen Eintritt mehr. Einleitend gab der Redner eine Definition des Begriffes ״Qstjude“ in Deutschland. Es gibt keine klare Abgrenzung. Ostjuden sind keine Partei in der Gemeinde, wiewohl es noch Gemeinden gibt, wo sie kein Wahlrecht haben. Ostjuden nennen wir die Juden von verschiedenster Herkunft und von verschiedenstem Typ, die aus den Ostländern zu uns gekommen sind und hier leben. Negativ könne man sagen, ein Ostjude höre auf, Ostjude zu sein, wenn er sich von seiner jüdischen Umgebung in Deutschland nicht mehr unterscheide. Ist es mm die Zukunft des ״üstjuden“, einmal ״Westjude“ zu werden? Das kann die Lösung für den einzelnen Ostjuden sein, es braucht aber nicht die Lösung für das Ostjudentum zu sein, denn das Ostjudentum will seine Unterscheidungsmerkmale nicht aufgeben. Diese bestehen vor allem in dem stärkeren Verwurzeltsein im Judentum überhaupt. Die Blutszufuhr aus dem Osten ist eine Notwendigkeit für das deutsche Judentum. Wie wird sich die nächste Zukunft gestalten? Staatspotitisch ist man geneigt, sehr schwarz zu sehen; aber wenn man glaubt, daß die etwa an die Macht gelangenden Nationalsozia.isten die Westjuden besser behandeln werden als die Ostjuden, irrt man sich. Der Unterschied zwischen Ostjuden und Westjuden ist zu 90% ein innerjüdischer. Die Behauptung, das Ostjudentum ist die politisehe Gefahr für das Westjudentum, existiert nur in liberalen Flugblättern. Der Kampf der Antisemiten richtet sich nicht gegen die Kleinjuden, sondern gegen die sogenannten Bank- und Börsenfürsten, gegen die sogenannte jüdische Presse usw. In den ״Weisen von Zion“ ist nicht von Ostjuden die Rede. Lud endort kämpft gegen die Juden ganz allgemein. Nicht die Grenadier- und Dragonerstraße, sondern die Tauentzien- Straße und der Grunewald sind das Ziel. Eine Ausnahmegesetzgebung würde sich in gleicher Weise gegen West- und Ostjuden richten. Kommt es nicht hierzu, sondern zu dem geringeren Grad, der Umstellung der Verwaltungspraxis, dann hat man natürlich mit den ״Zugezogenen“ leichtes Spiel. Vom politischen Standpunkt aus gesehen muß man sich damit abfinden, daß das Judentum nun seit 2000 Jahren ein Volk aut der Wanderschaft ist. Die politische Zukunft sieht für Ost- und Westjuden gleich dunkel aus. Siegt der Radikalismus von Links, so wissen wir aus Rußland, was uns droht Ganz anders liegen die Dinge in wirtschaftlicher Beziehung. Eine Anzahl von Berufen sind dem Nichtdeutschen fesperrt. In den Berufen, für die sie prädestiniert sind, haben ie Ostjuden keine Aussichten. Ohnehin geht die Tendenz in Deutschland seit 20 Jahren aut Ausschaltung des Handels, was z. T. wirtschaftlich berechtigt ist. Ursprünglich vermittelte die Karawane die Verbindung zwischen Produzenten und Konsumenten. Durch Technik und Verkehr sind beide heute nahegerückt. Was vor 10 Tagen in Amerika produziert ist, liegt heute aut unserem Teller. Wegen dieses abgekürzten Prozesses braucht der Händler nicht mehr der Finanzier des Produzenten zu sein, dieser schafft sich vielmehr selbst seine Absatzorganisation. Die Landwirtschaft scheidet aus, denn man muß ia möglicherweise weiterwandern. Der ganze Prozeß vollzieht sich natürlich nur allmählich. Aber nicht nur die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Ostjuden sind außerordentlieh schwach, auch das ״Wandern“ ist sehr erschwert. Die meisten Länder haben ihre Pforten geschlossen. Das zwingt — ob man Zionist ist oder nicht — den Blick nach Palästina. Nr. 100, 19. XII. IP30 — .—.- Die englische Regierung will wenigstens in gewissem Umfange die Einwanderung gestatten. Erez Israel hat für uns, tendenzlos gesprochen, zwei ungeheure Vorteile, einmal sind wir hier aut Grund öffentlich rechtlich verbrieften An- Spruchs kraft eigenen Rechts, was selbst das englische Weißbuch anerkennt; sodann haben die Juden hier die Möglichkeit, anders als in anderen Ländern ihre Berufe aufzubauen. Die Hindernisse für Industrie und Landwirtschaft fallen fort. Das andere wird sich gruppieren. Hier sind die Möglichkeiten gesunder Wirtschaftsentwicklung. Auch den jüdischen Händler und Finanzier wird es geben. Dort wird es uns nicht gehen wie z. B. in Deutschland, wo wir erst die elektra» technische und die chemische Industrie und die Baakwelt entwickeln, damit man uns dann einen Fußtritt gibt. Deshalb ist es unsere Aufgabe, mit allen Mitteln den politischen und wirtschaftlichen Aufbau in Palästina aoszudehnen. Der Palästinaaufbau muß für den Ostjuden, rein materiell betrachtet, zehnmal so viel bedeuten, wie für den Westjuden, hier werden seine Kinder sich möglicherweise eines Tages ihre Existenz aufbauen müssen. Was die kulturelle und religiöse Seite der Ostjudenfrage in Deutschland anlangt, so haben die deutschen Juden vor 150 Jahren denselben Prozeß durchgemacht; das plötzliche Hineintreten in die westeuropäische Zivilisation und Kultur, die die Neulinge frappierte und blendete. Wenn der Ostjude hier keine Hemmungen hat, ist er für sich und seine Kinder verloren. Die Liberalen haben sich Im Berliner Wahlkampf auf Moses Mendelssohn berufen, dabei aber zu erwähnen vergessen, daß er selbst Sohn eines eingewanderten Ostjuden war, und daß seine Nachkommenschaft dem Judentum nicht erhalten geblieben ist. Andererseits kann der nach Deutschland gekommene Ostjude nicht hoffen, daß die Er- Ziehung seiner Kinder hier ohne weiteres ebenso glückt wie in der Heimat. Schon die großen Lehrer der deutschen Orthodoxie, wie z. B. Samson Raph. Hirsch, Hirsch Hildesheimer usw., haben die Unmöglichkeit der Fiktion erkannt, die Ghettomauern seien nicht gefallen und die eigene Kultur werde sich als die stärkere erweisen. Jeder Tag stellt neue Probleme. Die Besten aller Zeiten haben sich immer mit der Kultur ihrer Zeit beschäftigt und sich mit ihr auseinandergesetzt. Hier steckt ein schweres Problem für das Ostjudentum. Der von Gott geoffenbarten Kultur des Judentums wird man nur gerecht, wenn man den Weg zu den Kulturen aller Völker herzustellen versucht. Es ist nicht Aufgabe des Ostjudentums, ein besseres oder schlechteres Westjudentum zu werden, aber gleichwohl darf sich der Ostjude nicht von der Umgebung abschließen. Auch die Kultur der anderen ist von Gott in die Welt gesetzt, damit wir die Einheit mit ihr schaffen. Dieses Ziel wird dort, wo jüdische Schulen sind, meist erreicht. Ganz falsch ist es, wenn der Ostjude etwa die Abkapselung der Westjuden mitmachen wollte, wenn er sich an seinem ״Stübel“ und seiner ״Klaus“ genug sein läßt, wenn er offen ausspricht, er wolle gar nicht mit ihnen Zusammenkommen. Das ist eine sehr gefährliche Tendenz mit schlimmen Folgen für das Westjudemum, weil es auf die Beeinflussung durch das Ostjudentum angewiesen ist. Die jüngere ostjüdische Generation neigt immer mehr zu dem Gedanken der Gemeinsamkeit. Das führt oft zu einem Gegensatz zwischen Jung und Alt. Bei allgemein jüdischen Arbetten ist die Trennung zwischen Ostjuden und Westjuden ungesund und unjüdisch. Für die gemeinsame Zukunft gibt es nur eine gemeinsame Arbeit. Der Ostjude dar! nicht sagen: Ihr gefällt mir nicht. Schon das Wort ״Ihr“ ist eine Sünde. Solch eine gemeinschaftliche Zukunftsarbeit ermöglicht in erster Linie die zionistische Organisation. Ein Mißlingen würde alle treffen, Ostjuden und West|uden, denn es ist unsere Zukunft, die dort aufgebaut wird. Man muß es als einen Akt der götti liehen Vorsehung betrachten, daß der politische Zionismus nicht aifs.'dpi ,Itaipwujtten, Orthodoxie־ ,gekomgien .ist. . Es. liegt th unserer "Hand, daß die religiösen Dinge ln Palästina sieh nach unseren Wünschen gestalten. In der zionistischen Organisation hat stets das Prinrip der Mehrheifsbildung gegolten. Alles liegt also an uns, und wir können es ändern, wenn es uns nicht gefällt. Unsere Sache ist es, noch 10 000 Menschen, die aut unserem religiösen Standpunkt stehen, in die Bewegung hineinzubringen. Wir wissen, daß unser ganzes jüdisches Dasein ein Wandern von jenem Land in jenes Land ist. Auch in der zionistischen Organisation kommt es darauf an, die Idee des Misrachi zur Geltung zu bringen. Man darf sich nicht selbst für einen Zaddik hallen, den die anderen nichts angehen. Vielmehr ist alles eine Frage des Verantwortungsgefühls. Kapselt sich das Ostjudentum ab, dann verurteilt es sich selbst zum Tode. Wir kennen die augenblicklichen Schwierigkeiten der zionistischen Organisation. England hat einen ungeheuren Treubruch begangen. In diesem Augenblick hat die Zionistische Organisation eine Kraftprobe beschlossen. Nunmehr ist es eine Lebensnotwendigkeit, mit einer erheblich gesteigerten Zahl von Anhängern beim nächsten Kongreß vor die Welt zu treten. Heute ist der Schekel eine Lebensfrage. Wir müssen der Mandatarmacht zeigen, welche Antwort wir zu geben haben, und daß unser Wille unbeugsam ist. * Die Ausführungen fanden einheitlichen und großen Belfall. Der Leiter der Versammlung־, Zahnarzt Dr. Fleischhack er, forderte die Anwesenden auf, auf der Stelle die Antwort auf die ausgezeichneten Ausführungen des Redners durch die Tat zu geben, sofort den Schekel zu kaufen und der zionistischen Ortsgrupne beizutreten, die für leistungsschv'ache Mitglieder den Monafsbeitrag auf 20 Pfg. herabgesetzt habe. In der darauffolgenden Diskussion sprach noch Rechtsanwalt Goldstein zur Frage der Berufsg'iedernng des Ostjudentums in Deutschland und zur englischen Politik. Zahnarzt Dr. Sulke betonte, daß der Sabbat die Grundlage des Judentums sei, und daß Erez Israel das Kollektivbewußtsein schaffen müsse. In seinem Schlußwort führte Dr. Barth aus. die endgültige Antwort auf die Sabbatfrage könne nur in Erez Israel gegeben werden. Die sabbattreuen luden müßten in Deutschland zur Selbsthilfe schreiten. Aufgabe des Judentums sei es, ein einheitliches Gottesvolk zu werden, das sei die Ziel- Setzung gewesen, die wir am Beginn unserer nationalen Existenz mit aut den Weg bekommen hätten. Die Versammlung nahm die Ausführungen mit solchem Interesse auf, daß man fast bis Mitternacht zusammenblieb. Die Schekelaktion brachte gute Erfolge. Es wurden etwa 40 neue Mitglieder für die Zionistische Orts- _ konnte. Ruhrort. Die hiesigen Liberalen legten noch vor drei Jahren das Mehrheitswahlrecht und damit die Entrechtung der Minderheit in der Gemeinde durch eine neue Satzung fest. Vor der diesjährigen Neuwahl riefen sie die übliche allgcmeine Wählerversammlung ein, ernannten die Kandidaten und wiesen die von ostjüdisch-zionistischer Seite gestellte Bitte um Bewilligung eines einzigen Mandates zurück. Erst als die Liberalen einsahen, daß die Minorität sich diesem Diktat nicht fügen und ihnen einen Wahlkampf nicht ersparen wollte, räumten sie der Minorität einen Sitz ein, der mit unserem Gesinnungsgenossen Jacob Hl 11 mann besetzt wurde.

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