Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 100 (19.12.1930)
- Date
- 1930-12-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 100, 10. XII 1930 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite G75 Die Victoria Hitlerensis von Palästina aus gesehen Etwas Ideologie In einer antiideologischen Zeit. Von Abraham Schwadron, Jerusalem. Der Verfasser det nachstehenden Aufsätze», durch eine Reihe eigenartiger Veröffentlichungen wie ,JUausehelpredigt eine» Fanatiken“, ״Von der Schande Eurer Namen”, ,J)at Dogma von der ewigen Galuth", sowie ah der Schöpfer der großen Autographen■ Sammlung der Nationalbibliothek Jerusalem bekannt, ersucht uns um unveränderten Abdruck seiner Amföhrungen und spricht den Wunsch am, die Redaktion möge ihren etwaigen abweichenden Standpunkt gleichzeitig zum Ausdruck bringen. Indem wir dem Wunsche des verehrten Einsenders um Abdruck — aus äußeren Gründen leider etwas verspätet — nachkommen, möchten wir doch von einer Polemik ebsehen, am den gewiß berechtigten Appell Dr. Schwadron» nicht abzmchwächen. In einem Punkt jedoch sind wir verpflichtet, an• seren Einspruch anzumelden. Es scheint uns ungerecht und unrulässig, den jüdischen Denker, der mir ״Erweckung der Herzen" auf• rief und in den trägen Seelen seines Volkes eine leidenschaftliche ,JZionsliebe“ pflanzen wollte, ah den Ideologen einer kleinbürgerliehen Selbstzufriedenheit darzmtellen. Gewiß kannte Aehad Haam das jüdische Volk besser als Herzl und er war auch im Gegensatz zu dem Romantiker Herzl Realist genug, um die Dinge zu sehen wie sie sind. Aber nicht nur ist es falsch, daß Aehad Haam ״ideologisch in den faktischen Fußtapfen der Zionisten” wandelt, sondern ebenso falsch wäre es zu sagen, daß der offizielle Zionismus in die Fußtapfen Aehad Haama getreten ist. Vielmehr glauben wir, daß der offizielle Zionismus hinter der Aehad Haamsehen Forderung weit zurückgeblieben ist und ein weiter Weg, gewaltige äußere und innere Anstrengungen der Zionisten noch harren, wenn sie Aehad Haamt Ideal erreichen wollen. Denn Aehad Haams Lehre beschränkt sich keineswegs auf die Negation des politischen Zionismus als Lösung der materiellen Judennot, sondern sie setzt ein großes positives Ideal voraus, zu dessen Erreichung Aehad Haam das jüdische Volk in seinem empirischen Zustand gar nicht für fähig hielt, um dessentwillen er zu innerer Wandlung auf ruft, damit, wie er sagt, die Zionsliebe so mächtig in allen Herzen entfacht wird, daß das Volk — ganz unabhängig von der materiellen Lage des Einzelnen — nicht ruhen und rasten kann, bevor es sein Heim in Zion, allen Schwierigkeiten trotzend, errichtet hat. Vielleicht liegt in Aehad Haams Glauben an die Möglichkeit der Ausschaltung des materiellen Egoismus des Eintelzien ein größerer Utopismus als in Herzls Konzeption einer umfassenden Lösung der Frage der Judennot, Aber Genügsamkeit, wie Dr. Schwadron meint, ist nicht das Kennzeichen Aehad Haams. Um Herzls Ansehen zu erhöhen, bedarf es nicht einer solchen — nach unserer Meinung — schiefen, wenn auch in der konventionellen zionisiisehen Ideologie sehr beliebten Antithese. Und nun geben wir unserem verehrten Mitarbeiter das Wort. R. IV. Wir haben hier während der letzten Wochen in den Zeitungen nacheinander die folgenden Telegramme und Berichte gelesen: 1.) ״Der unglaubliche Sieg Hitlers hat in der ganzen deutsehen Judenheit Bestürzung hervorgerufen.״ (.2 ״Die eng- Iischen Biätter meinen, miß infolge des Sieges der National- Sozialisten die Judenfeindschaft sich in der ganzen Welt verstärken werde*. 3.) ״Das Judentum in Deutschland hat keinen einzigen Vertreter im Reichstag“. 4.) ״Einstein sagte . . . dart keine Verzweiflung hervorrtifen . . . kein Beweis für das Erstarken des Judenhasses, sondern . . 5.) ״Viele Juden, durch den Steg Hitlers in Schrecken versetzt, übersiedeln nach Holland und der Schweiz“. 6.) Auch der Innenminister Dr. Wirth sagte ausdrücklich, ״er glaube nicht, daß alle, die für;die RS. gestimmt haben, den Jude» feindlich ' *gfeitoii♦׳ ’-sind, Hßrf aüenfans ist- ■Wr die ־Juden ■keilt 'QrUha "zur■ Bestürzung vorhanden“. 7.) ״Anläßlich . . . viele jüdische Oeschäftshäuser am Potsdamer Platz angegriffen . . . Steine . . . Fensterscheiben .. . die Polizei schoß über die Köpfe . . . Jedesmal, da in der Eröffnungssitzung ein Name aufgerufen wurde, der jüdisch klingt, brüllten 107 Stimmen ״Pfui! Jud!“ 8.) ״fm Wertheimschen Warenhaus blieb keine einzige Fensterscheibe ganz ... In der Inflationszeit . . . Grenadierstraße... jetzt aber wählten sie sich gerade nur die Westjuden zum Opfer aus. Die demokratischen und sozialistischen Kreise vermeiden es, das Wort ״Pogrom“ auszusprechen, nur die ״Rote Fahne“ . .. Und es war ein rechter Judenpogrom mit allen seinen Merkzeichen . . .“ 10.) ״Bet der Synagoge . . . am Neujahrstage Skandale . . . Juden verunglimpft, die zum Beten gingen. Die orthodoxen Rabbiner warnen die Berliner Juden ... In Frankfurt veröffentlichte die Jüdische Gemeinde eine Weisung, sich nicht in großer Zahl vor den Bethäusern . . . auch nicht in Feiertagstaat zu erscheinen“. 11.) ״In Prag fanden an beiden Rosch-Haschana-Tagen . . . gegen die Juden . . . demoliert . . . Passanten verprügelt . . . Fensterscheiben . . . der Schaden beträgt . . .“ 12.) ״ln einigen Städten Rumäniens erneuerten . . .“ 13.) ״Die ökonomische Lage der Juden in Polen ist eine so verzweifelte wie vielleicht noch nie . . . Anläßlich der Wahlvorbereitungen . . . antisemitische . . .* 14.) ״Die Judenfeindschaft grassiert jetzt in erschreckender Weise in allen Schichten des russischen Volkes . . . auch unter bewährten Parteikommunisten und Komsomolen. In letzter Zeit verlassen viele Siedler die jüdisehen Aekerbaukolonien in der Krim und Ukraine . . . denn die nichtjüdischen Bauern nehmen eine immer drohendere Hai• tung . . .“ 15.) ״In Paris überfielen französische Patrioten gewesene jüdische Frontsoldaten . . .״ (.16 ״In den verschiedenen Staaten Südamerikas ... Antisemitismus . . . Einwanderungsbeschränkungen . . .“ 17.) ״ln Südafrika ... die Hauptspitze des neuen Einwanderungsgesetzes . . . gegen die Juden . . .“ 18.) ״In Kanada . . . antisemitische Wahlparolen . . 19.) ״Der Antisemitismus gewinnt in den Vereinigten Staaten von Nordamerika immer mehr an Boden . . . Geschäftshäuser . . . Hotels . . . Klubs . . . Schulen . . . akademische Vereine . . . Zurücksetzung und Nicht- Zulassung jüdischer Professoren . . . großes Aufsehen, daß jetzt (zum erstenmal) sogar das immer zurückhaltende und beruhigende American Jewish Committee zum Antisemitismus in den Vereinigten Staaten Stellung nehmen mußte ..."- Das alles und noch vieles, vieles dergleichen war in den letzten Wochen in den Zeitungen zu lesen. Davon bleibt noch genug sehr Trauriges zurück, auch nachdem man vielleicht einen gewissen Teil als Uebertreibung In Abzug gebracht hat Die Judenfeindschaft lebt und wirkt in verschiedenen Formen fast in der ganzen Welt. Sie wird getragen nicht nur vom Mob, sondern auch seitens der Intelligenz und der Jugend, der ״Zukunft und Chance“ der Menschheit: ״In Wien, Krakau, Lemberg, Budapest . . . überfielen Studenten .. Und nicht in den Zeiten des ״finstern Mittelalters״, sondern im glorreichen Lichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Und es steigt vor einem die Frage auf, die wohl läppisch-philosophisch und weltfremd klingt: Was denkt sich bei alldem die Gesamtheit der Juden? ist das alles so ganz selbstverständlich, naturgegeben? Ist das ehern unabänderlich und hat dergestalt immer zu bleiben, oder sehen die Juden die Notwendigkeit ein, daß dies einmal aufhöre? Und ist diese Notwendigkeit vorhanden, gibt es denn auch eine Möglichkeit für eine Aenderung? Und man erinnert sich an die Zeit, wo man noch jung war und in einer kleinen Broschüre mit stockendem Atem gelesen hat: ״So ist der Jude für die Eingeborenen ein Fremder, für die Annes ein Ausbeuter und Millionär, für den Patrioten ein Vaterlandsloser, für alle Klassen ein verhaßter Konkurrent Weiche klägliche Figur machen wir doch! Unser Vaterland — die Fremde, unsere Einheit — die Zerstreuung, unsere Solidarltat — die allgemeine Anfeindung, unsere Waffe — die Demut, unsere Wehrkraft — die Flucht, unsere Originalität — die Anpassung, unsere Zukunft — der nächste Tag. Welche verächtliehe Rolle!“ Das hat Pinsker vor 48 Jahren geschrieben. Hat sich seither die Gesamtlage des jüdischen Volkes wesentlich geändert? — Und vor 34 Jahren schrieb Herzl: ״Die Notlage der Juden wird niemand leugnen. In allen Ländern, wo sie in merklicher Anzahl leben, werden sie mehr oder weniger verfolgt. Die Verfolgungen haben verschiedenen Charakter nach Ländern und Gesellschaftskreisen. In Rußland .... in Rumänien . . ., in Deutschland . . in Oesterreich . . ., in Paris ... Die Nuancen sind zahllos. Tatsache ist, daß cs überall auf dasselbe hinaus geht und es läßt sich im klassischen Berliner Rufe zusammenfassen: Juden ׳raus!“ Als Folge des Schriftchens von Pinsker erscheint in sichtbarer Breite die Chibbat-Zion auf dem jüdischen Horizont (An- Sätze hierzu waren schon früher vorhanden) und dank der Schrift Herzls, seiner unerhört hingebungsvollen Tätigkeit und seinen Opfern kam der politische Zionismus auf, als Bewegung und Organisation. Diese Bewegungen waren keine primär neuen, nur erneuerte: Die furchtbaren 2000 Galuthjahre hat unser Volk nur im Bewußtsein der Zweifellosigkeit ertragen können, daß es einst aus den Ländern der Diaspora und der Erniedrigung in ein Land der Freiheit und stolzen Unabhängigkeit hinausziehen werde. In der Heiligen Schrift wurde dem jüdischen Volk auf den Weg in die Zerstreuung die Voraussage mitgegeben: ״Und unter diesen Völkern wird keine Ruhestatt sein für den Ballen deines Fußes und der Ewige wird dir daselbst ein zitterndes Herz geben und Ohremacht der Seele; du wirst zum Gleichnis sein und zur Stachelrede unter all den Völkern, dahin dich der HERR treiben wird“. Alle messianischen Bewegungen und Kataklismen, wie die Sabbathai Zewis z. B., hatten das Ziel: Die Bündel schnüren und ausschreiten. Auch Herzl betrachtet sich in seinen Tagebüchern ausdrücklich als (ehrlicher) Sabbathai Zewi. Nur so, nicht anders, war sein Zionismus gedacht, der nur damit rechnet, was Rettung bringt, auch wenn dessen Ausführung unfaßlich schwierig ist. Es muß sein und wir haben alles auf eine Karte zu setzen: Auf! Sich eine Heimat erwerben und hinübersiedeln! ״Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen“. Wahres Leben ist Wille zu freiem Leben, nicht aber zur Resignation, es in j ed e r Form ewiglieh zu ertragen, — Wenn ihr jedoch nicht wollt? Wo kein Wille, ist kein Leben. Nun, Herzl kam als Fremder zu uns. Er kennt das Judentum nicht, sagten Ouedemann und alle deklarierten und undeklarierten Protestrabbiner. Und sie hatten recht. Zumindest i h r Judentum war ihm völlig fremd. Dieses ist ihnen ein ölend Beruhigendes, ein tröstlich Gemächliches; allenfalls etwas, das man schon durch das Fehlen in der Liste: ״Taufen und Austritte aus dem Judentum“ beweisen kann. Herzl aber wollte unter Judentum in der Galuth ein drängendes Prinzip verstanden wissen: Unruhe, Unzufriedenheit und Aufschwung zu umbauendem Leben. Herzl kennt auch die Judenheit, die Massen der jüdischen Menschen nicht, sagten die Kenner, die Praktischen, Erfahrenen. Und auch sie hatten recht. Er dachte so: Seit 70 Generationen beten sie dreimal täglich um Erlösung und nur mit der Zuversicht darauf ertrugen sie Unerträgliches, also müssen sie doch nach dieser Erlösung ein wirkliches unüberwindliches Bedürfnis haben. Der Dreyfus-Prozeß, die vereinzelten, schwachen Hepp! HeppU-Rufe in Frankreich während weniger j-Jahre:11־*tten »nf ,ihn, den von Rutin ■df^ntliä^iti^-ietroffe-; nen, so tief deprimierend gewirkfr wie muß *st vor Schmerz und Erniedrigung die Seele derjenigen zerfressen sein, die kränkender Verfolgung, direkter Beschimpfung und Bedrohung ausgesetzt sind! — Aber er kannte sie nicht. Sein Ruf wurde verlacht oder feindlich abgelehnt oder nicht beachtet, ebenso wie vorher der Pinskers. 90 von 100 Juden empfinden nicht in ihrem Herzen den Notwendigkeitszwang einer aktiven Erlösung, zumindest denken sie nicht daran, eine wirklich schmerzende Anstrengung hierfür zu machen. Weder wollten die geistig und führerisch Hervorragenden die von Herzl geplante Society of Jews gründen, noch die finanziell Großen die Jewish Company. Er war tödlich enttäuscht. Doch hoffte, wollte, strebte er weiter. Er gab sein ganzes Vermögen hin, seine ganze Kraft und Gesundheit und schließlich sein Leben. Es war so einfach gedacht: Tut alle so oder zumindest ״alle, die sich nicht assimilieren wollen oder können“, und die Juden haben eine wahre Heimat, viele Millionen ziehen hinüber und die Judenfrage ist gelöst. Als er schrieb: ״Wenn ihr wollt“, wußte er hoch nicht, daß damit Opfer und Anstrengungen verbunden sein müssen, die den späteren seinen gleichen. Aber er verrechnete sich. Nur eine kleine Schar von Pionieren brachte die nötigen Opfer. Es fand sich auch ein einziger, ganz Großer, der Baron Edmund Rothschild, der Ungeheures leistete, obgleich er persönlieh die Autoemanzipation ebensowenig nötig hatte wie Herzl. Aber das Volk geriet nicht in den Aufruhr der Selbstbefreiung, nicht dessen Mehrheit, nicht Millionen. Man gründete wohl eine Kolonie, die zweite und die dritte, einige Schulen, eine Lehrfarm usw., dazu genügten Groschen, Kopeken, 1-2-20 Mark oder Francs. Jedoch an die Realisierung des wirklichen Zionismus trat man nicht heran, desjenigen, welcher die Hoffnungen von zwei Jahrtausenden erfüllen sollte: Kibuz Galujoth (Aufhebung der Zerstreuung). Da trat ein Denker auf, welcher für diese Nichtrealisierung des Zionismus eine zionistische Ideologie schuf: Aehad Haam. Im Gegensatz zu Herzl kannte dieser das Judentum sehr gründlich und die ludenheit noch genauer. In dieser, wußte er, werde der große, alles niederreißende Erlösungssturm sich nicht erheben, die gewaltige Opferbereit- Schaft werde nicht erwachen. Die Juden werden in ihrer überwiegenden Mehrheit bei den ״Fleischtöpfen oder den Zwiebeln und dem Knoblauch Aegyptens“ und anderer Galuthländer bleiben. Also ist die Herzische Theorie nicht richtig. Herzl glich dem Ingenieur, der mit einem total umwälzenden Plan auf tritt, um irgendein Bestehendes ״auf den Kopf zu stellen“ — vorausgesetzt, daß die ״Inhaber“ es wollen, daß sie ein Bedürfnis danach haben. Aehad Haam aber war der akute Rechnungsführer, der das Inventar genau aufnimmt und, was das Wesentliche dabei ist, die ״Chefs“ besser kennt: sie haben kein Verlangen nach dem umstürzenden Neuen, Besseren, Großen und werden die Mittel dazu nicht hergeben. Also stellt er ihnen einen Plan auf, der ein ״geistiges Zentrum“ vorsieht, das man eben mit den erwähnten Groschen, Kopeken, aar Mark im Laufe einer unbestimmten Zeit in unestimmter Größe errichten kann. Im Leben des Einzelnen aber und des Volksganzen bleibe alles ewiglich recht hübsch beim Galuth-AIten. — Wenn ich nun sagen sollte, der offizielle Zionismus habe bisher in den Fußtapfen Aehad Haams gewandelt, so wäre das den Tatsachen nach ganz richtig, aber verkehrt ausgedrückt. Denn Aehad Haam hat ideologisch In den faktischen Fußtapfen der Zionisten, und der Juden überhaupt, vorausgewandelt. Er hat ihre untrüglich prädestinierten Wege im vorhinein markiert. Er schuf die Lehre, die sie brauchten, die ihnen gemäß ist. Herzls Zio nismus hatte zur Voraussetzung: ״Wenn ihr wollt“, Aehad Haams —: ״Da ihr nicht wollt.“ Das Resultat ist: Im Verlaufe von 50 Jahren Palästina-Diskussion, die wir fälschlich Palästina-Bewegung nennen, haben wir hierher (abgesehen vom alten Jischuw) etwa 80000 Juden hereingebracht, d. i. einen halben Juden auf je hundert der Judenheit. * Wenn wir heute im Lichte des Hitler-Sieges, als aligemeinen Symbols der Virtualität der Judengemeinschaft, die Grundlagen des Zionismus betrachten, so müssen wir uns vor Augen halten, daß er ja aus einer Diagnose und einer Therapie besteht: Judennot und Palästina. Lassen wir für einen Augenblick diese Therapie beiseite. Ja, nehmen wir sogar für einen kurzen Moment an, sie sei falsch, undurchfuhrbar. Aber was ist mit der Diagnose, mit der Judenfrage? Es gibt freilich eine von der zionistischen ganz verschiedene Antwort auf diese Frage: Menschheit, Aufklärung, Fortschritt, Verschwinden des Chauvinismus und Klerikalismus; die Demokratie oder der Liberalismus, der Sozialismus oder Kommunismus wird das Bestehen der Judenfrage unmöglich machen; wir sind bloß eine Religionsgemeinschaft oder Repräsentanten eines rückständigen ökonomisch-sozialen Typus, wir haben uns zu assimilieren usw. Vor etwa 150 Jahren wurde der Grund zu dieser Theorie gelegt, hernach kamen die französische Revolution, das Jahr 1848, der große Weltkrieg, dessen ״schreckliche Folgen der umnebelten Menschheit die Augen öffneten“, dann die verschiedenen Revolutionen, ״der Anfang einer neuen freiheitliehen Menschheitsgeschichte“; Wilsons ״völkerbefreiende“ Grundsätze und der Völkerbund; Deutschland wird nicht mehr von einer ״reaktionären, judenfeindlichen Hofcamarilla“ beherrscht und in Rußland gibt es fast nur lauter ״proletische Genossen, vorurteilslose Träger der Weitrevolution“; dazu die ungeheuren, ungeahnten Fortschritte der Wissenschaften und der Tech-ik, deren Hauptbestimmung angeblich darin besteht, die ״Fesseln der Menschen und der Völker zu sprengen“- und da stimmt anno Domini 1930 jeder dritte Deutsche nicht nur schlechthin gegen die Juden, sondern ungefähr für deren Vernichtung (wenn man es nur könnte); auf feinen Juden entfallen da zwölf Antisemiten; der ״Vorwärts“ teilt mit, daß auf seiner Redaktion täglich Meldungen über tätliche Angriffe auf jüdisch aussehende Passanten und Bahn-Fahr* gäste einlaufen; in Prag wieder motiviert man das Erwachen des tätigen tschechischen Antisemitismus gerade mit dem Siege Hitlers, als dessen Folge eine Verstärkung des deutschnationalen — also auch des deutsch-jüdischen! — Geistes in Prag befürchtet wird (Eine merkwürdig_ gleiche Auswirkung auf unserem Rücken von zwei gegensätzlichen Strebungen!); wir lesen täglich graue Berichte über die zunehmende Stärke des Judenhasses verschiedenster Form in beinahe allen Ländern — welche Konsequenzen denkt die Judenheit daraus zu ziehen? Worauf wartet sie denn noch eigentlich? Es gibt eine Art klüglich-Mägliche Lebensweisheit, die un* gefähr so lautet: ״Na, auch die Hitieristen, beispielweise, sind keine Menschenfresser und man ißt den Brei nicht so heiß, wie er gekocht wird“. — Wollen wir uns wirklich diese Heloten-Beruhigung für ewig zu eigen machen? Oder ist das vielleicht ein Heilmittel gegen den Antisemitismus, daß wir uns beschämenderweise auf der ganzen Erde ah die großen und kleinen Ueberfälle, die tiefen Beleidigungen, erniedrigenden Mißhandlungen und Friedhofsschindungen bereits gewöhnt haben? Freilich schrieben anläßlich jenes Sieges alle zionistisehen Blätter ungefähr so: ״Folglich müssen wir unsere Position in Palästina verstärken, dabei aber darf der Kampf für unsere vollen Rechte in allen Ländern“ üsw. Aber in wirk* lichkeit verbindet heute ein sehr schwaches Fld* chen — man lijöchte, wenn die Wortverbindung möglich m ׳lagfeir**1! fr*«־ft«¥10■ n über die allgemeine, mächtige, blühende Judenfeindschaft und den Gedanken des Zionismus. Es gilt heute in gewissen zionistischen Kreisen als unfein, banausisch, den Zionismus durch den Antisemitismus zu begründen. Dies ist ganz logisch, nachdem auch der offizielle Zionismus nur ein geistiges Zentrum in Palästina zu gründen plant; dessen Geistigkeit will also auf diversen hohen Ideen basiert sein. Aber nehmen wir an, es gibt, es gab überhaupt keinen Zionismus. Da könnte doch heute erst recht irgendeiner koramen, der in völliger Unberührtheit die hier bereits erörterte kippisdje und saure Frage stellt: ״Was denkt sich bei all dem die Gesamtheit der Juden?“ — Herr Dr. Ludwig Holländer schreit in Nr. 39 der ״C.-V.-Zeitung“ von einem sicherlich völlig u n zionistischen Standpunkt aus über die jetzige ״allgemeine Verwirrung und Mutlosigkeit“, die ״schweren Besorgnisse“ und die ״Größe der Unsicherheit“ in der deutschen Judenheit und meint, daß ״wir mit dem Pessimismus nicht weiter kommen“. Nun, wer aus dieser Betrachtung nur die Folgerung zieht, sich an den Optimismus zu halten, hat ein sehr glückliches Gemüt. Aber die subjektive Einstellung: ״Pessimismus — Optimismus“ ändert ja an der Notwendigkeit nicht, auf jene ganz objektive Schicksalsfrage eine strikte, tätige Antwort zu geben! Jetzt kehren wir zur therapeutischen Seite der zionistisehen Ideologie zurück: Palästina. Aehad Haam lehrte, Palästina könne die Juden frage nicht lösen, sondern bloß die Judentums frage. Angenommen. Wollen wir uns sogar vorstellen, die Judentumsfrage wäre bereits gelöst. Da müßte man aber doch einmal beginnen, die Juden frage zu lösen zu versuchen! Aehad Haam hat in seiner Inventarisierung natürlich auch den Umstand einkalkuliert, daß Palästina alle Juden nicht aufzunehmen vermag. Auch darin wandelt die offizielle zionistische Ideologie in seinen Fußtapfen. Aber selbst wenn diese Theorie richtig wäre, so beantwortete sie doch keineswegs die soeben gestellte Frage. Denn solange eine Judennot besteht, könnte jenes angebliche Ungenügen Palästinas höchstens gegen den Zionismus gewendet werden, nicht aber gegen das zwingende Bedürfnis nach einer Aufhebting dieser Not. Pinsker und Herzl haben bekanntlich beide ursprünglich ein Konzentrations iand für die Juden gefordert, nicht gerade Palästina. Das palästinensische Element kam in den Zionismus von der Tradition her. Und wahrlich, an kein anderes Land ist die Seele der Juden so gebunden״ für kein anderes würden sie die gleichen Aufwendungen machen wie für ihre alte Heimat. Wollen wir nun für einen Moment konzedieren, daß Palästina infolge seiner Kleinheit, des Wider- Standes der Araber, des Vatikans oder dgl., seine Bestimmung als Konzentrationsstätte von sehr vielen Millionen Juden nicht zu erfüllen vermag, so könnte man sich in der Theorie einen Konflikt vorstellen zwischen dem emigrationell-territorialen und dem palästinensisch-traditionellen Element in der zionistisehen Ideologie. Daß dieser Konflikt aber auch tatsächlich begründet ist, muß bestritten werden. Illegale arabische Einwanderung Die Polizei in Haifa hat in der letzten Woche die Papiere der arabischen Arbeiter aus dem Hauran, die hei verschiedenen privaten ׳nd CiientHchen Unternehmungen beschäftigt werden, nachgcprilft. Sie hat dabei festgestellt, daß nicht weniger als 310 solche Arbeiter ohne Erlaubnis nach Palästina gekommen sind. (Ziko.)