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Jüdische Rundschau · 1930-12-12 · Heft 98 (12.12.1930) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 98 (12.12.1930)
Date
1930-12-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 602 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. m, 12. XD. 1030 Die Palästina-Regierung an den VMKerbund Von Dr. Menasche Ben Ephraim Qcrusalem) Schluß. Infolge der aktuellen politischen Ereignisse, die mit der Veröffentlichung des Weißbuches Zusammenhängen, sowie der Gemeindewählen, mußten wir am Raumgranden den Abdruck des Schlusses der in Nr. 77/78 begonnenen kritischen Betrachtung des Berichtes der Palästina-Regierung bis heute aufschieben. Der Aufsatz unseres Mitarbeiters hat aber inzwischen weder an Aktualität noch an Interesse eingebüßt und wird zweifellos die Aufmerksamkeit unserer Leser finden. — Red. Gesetzgebung und Rechtsprechung. Wie alle Gebiete des palästinensischen Lebens, wurde auch die Gesetzgebung durch die Unruhen in Mitleidenschaft gezogen. So wurden im letzten Drittel des Berichtsjahres eine ganze Anzahl von Oesetzen in Kraft gesetzt, die Lücken in dem alten, nur noch in Palästina gültigen ottomanischen Strafesetzbuch ausfüllen oder zu milde Bestimmungen, z. B. in ezug auf illegale Versammlungen, Aufsicht über staatsgefährliehe Personen usw., schärfer fassen. Englischen Richtern wurden für die Behandlung der aus den Unruhen resultierenden Straftaten besondere Vollmachten gegeben, dem Oberkommissar ein größeres Kontrollrecht über die Munizipalitäten. Das reichlich unmoderne türkische Handelsrecht wurde, soweit es Bich auf Handelsgesellschaften und Wechselrecht bezieht, außer Kraft gesetzt und durch neue, eng an das englische Vorbild anschließende Gesetze ergänzt. Mehrere englische Orders-in- Council (betreffend Luftfahrt und Erbschaftsangelegenheiten), sowie zahlreiche Handels- und Auslieferungsabkommen zwischen Großbritannien und anderen Staaten erhielten für Palästina Gesetzeskraft. Der Anhang des Berichtes bringt eine vollständige Liste aller in Palästina und Transjordanien gültigen internationalen Abkommen. Die Rechtsschule der Regierung wurde von 118 Studenten besucht, von denen 12 Araber und 19 Juden das Abgangszeugnis erhielten. 30 Advokaten wurden neu zu den Gerichten zugelassen. Im Zusammenhang mit den Unruhen hat sich die Zahl der von den Gerichten behandelten Fälle natürlich auch vermehrt: sie betrug 1929: 114 300 (darunter 49 800 Kriminalfälle) gegenüber 1TO 350 (46 150 Kriminalfälle) im Vorjahre. 67 Prozesse wegen Straftaten, auf die die Todesstrafe steht, wurden vor dem Obergericht verhandelt (1928 nur 38); diese wurden 26mal ausgesprochen und siebenmal durchgeführt (1928: 14 und viermal). Erziehung. Den Erziehungsfragen wird ein breiter Raum in dem Jahresbericht gewidmet. Nach einer interessanten historischen Ete* leitung über das arabische und jüdische Schulsystem im Vorkriegspalästina wird die Arbeit der Regierung auf diesem Gebiete geschildert. Zweifellos ist hier viel geleistet worden, was schon aus der Steigerung des Erziehungsbudgets von £ 80000 i. J. 1920 auf £ 140 000 im Berichtsjahre hervorgeht. Bekannt* lieh sorgt die Regierung nur für arabische Schulen, deren es 309 mit rund 22 000 Kindern gibt (daneben existieren noch 75 mohammedanische Privatschulen mit 4700 Zöglingen und 162 christliche, meist missionarische, Privatschulen mit 15150 Schülern), während die 227 Schulen der Zionistischen Exekutive mit 19 500 Kindern einen Jahresbeitrag von £ 20000 erhalten. Das Budget der Zionistischen Organisation für Er- Ziehung betrug £ 160 000, wovon £ 60 000 vom Jischuw selbst aufgebracht wurden, während die arabischen Eltern nur £ 4000 für die Erziehung ihrer Kinder in den Regierungs* schulen beitrugen. Welche Schwierigkeiten noch zu überwinden stad, zeigt die Tatsache, daß wieder vier arabische Dorfschulen geschlossen werden mußten, da die Bewohner kein Interesse an ihrer Aufrechterhaltung zeigten, ln einigen Städten sind den Volksschulen Oberklassen angegliedert, die einzige höhere Schule der Regierung ist ihr Lehrerseminar, das von 84 Schü• lern besucht wird, die ihre Ausbildung teilweise an den Uni* versitäten von Beirut und London fortsetzen. Für die körperliehe Schulung sorgt ein besonderer Inspektor, auch wird das Scout-Wesen von der Regierung gefördert. Bei den Juden ist der allgemeine Schulbesuch ohne Zwang durchgeführt. Neben den zionistischen Schulen bestehen noch 98 jüdische Privat* schulen mit 9600 Kindern, so daß die Gesamtzahl der jüdischen Schulkinder 29 700 beträgt (etwa 600 Juden, die in Regierungs- oder Missionsschulen lernen, inbegriffen). Die Universität zählte 250 Studenten und Lehrer, ihr Budget betrug mehr als £ 50 000. Die finanzielle Lage des zionistischen Schulsystems hat sich ebessert, die Schulden konnten größtenteils abgedeckt, die ehrergehilter laufend bezahlt werden. So ist das Bild, besonders auf jüdischer Seite, ein im ganzen erfreuliches, doch kann bei den beschränkten Mitteln, die zur Verfügung stehen, von einer ernsthaften Bekämpfung des Analphabetismus unter den Arabern noch nicht entfernt die Rede sein. Volksgesundheit. Auch auf dem Gebiete der Volksgesundheit, wie auf dem der Erziehung, besteht eine völlige organisatorische Trennung zwischen Arabern, für die die Regierung sorgt, und Juden, deren Gesundheitsdienst von der Hadassah und Kuppat Cholim geleitet wird. Ke Regierung setzte für diesen Zweck £ 101 800 (gegenüber £ 98500 im Vorjahre) aus, während das Budget der Hadassah £ 110 000 betrug. Die einzige Unterstützung, die die Regierung dem jüdischen Gesundheitsdienst gewährt, sind £ 2000 für das Hadassahspital in Tel-Awiw. Die Zahl der epidemischen Krankheiten betrug im Berichtsjahre 9450 mit 1074 Todesfällen, gegenüber 1*2 350 Erkrankungen mit 1580 Todesfällen i. J. 1928, der Gesundheitszustand war also ein zufriedenstellender. Die Zahl der Geburten betrug 41 750 oder 51,15 pro tausend (bei Juden 5257 oder 34,06 pro tausend), die der Todesfälle 21 630 oder 26,51 pro tausend (bei Juden 1820 oder 11,79), der natürliche Bevölkerungszuwachs beträgt im ganzen Lande 24,64 pro tausend (bei Juden 22,27 pro tausend), ist also im Vergleich mit europäischen Ländern ungeheuer hoch. Die im Vergleich mit den Arabern niedrige jüdische Geburten- Ziffer wird durch ihre geringe Sterblichkeitsquote wieder ausgeglichen. Die Zahl der Bevölkerung wird, wie folgt, angegeben (ohne Beduinen, deren Zahl 1922: 103 000 betrug): Mohammedaner ..... 572 443 Christen. 80225 Andere. 9 066 Nichtjuden. 661 734 Juden. 154330 Zusammen 816 064 Doch wird die Zahl der Juden an anderer Stelle mit rund 165 000 beziffert. Oeffentliche Sicherheit. Daß die Polizei während der Unruhen versagt hat, wird selbst in dem sonst doch so regierungsfreundlichen Shaw- Report zugegeben. In dem Jahresbericht der Regierung selbst findet man eine indirekte Bestätigung dieses Urteils, indem erwähnt wird, daß Mr. Dowbiggin, der Polizeikommandant von Ceylon, Vorschläge ausgearbeitet habe, um die Polizei in dem Sinne zu reorganisieren, daß sie bei dem Ausbruch ähnlicher Unruhen imstande sei, prompter und wirkungsvoller einzugreifen. Ebenso würden Pläne für einen besseren Schutz der jüdischen Siedlungen gefaßt. Das englische Militär ist auf zwei Bataillone Infanterie, zwei Flugzeugabteilungen und eine Panzerwagenkompagnie gebracht worden. Die palästinensteche Polizei besteht aus 2320 Mann (280 Juden) und 138 Offizieren (18 Juden), das Transjordanische Grenzkorps aus 780 Mann (30 Juden) und 38 Offizieren (2 Juden). Der jüdische Anteil an den Organen der öffentlichen Sicherheit ist also verschwindend gering (13 0/0 in der Polizei und 4«/» im Grenzkorps), dabei verschlingt, wie gesagt, der Etat für öffentliche Sicherheit £ 554 000, aas sind 25 0/0 der gesamten Ausgaben. Ob die oft wiederholte Forderung nach Verstärkung der jüdiseben Polizeikräfte und nach stärkerer Judaisierung des beinahe ״judenreinen“ Orenzkorps in den Dowbigginschen Vor- Schlägen berücksichtigt worden ist, ist leider aus dem Bericht nicht zu ersehen, der sich über die zukünftige Lösung des lebenswichtigen Problems in völliges Schweigen hüllt. Der französischen Regierung in Syrien sowie dem Emir von Transjordanien wird für Hilfe bei der Bekämpfung der Unruhen (durch Sperren der Landesgrenzen) besonders gedankt. Nach den Unruhen machten noch Räuberbanden das Land unsicher, die aber erfolgreich bekämpft werden konnten. Die Zahl der von der Polizei aufgedeckten schweren Verbrechen ist von 588 i. J. 1928 auf 755 (darunter 178 Morde und 232 Mordversuche) hn Berichtsjahre gestiegen. Post. Wohl der einzige ״Kriegsgewinnler״ In Palästina ist die Post, die infolge erhöhter Anspruchnahrae während und nach den Unruhen ihre Einnahmen bedeutend steigern konnte, nämlieh auf £ 207 300 (£ 16000 mehr als im Vorjahre), denen nur ß 167 200 Ausgaben gegenüberstanden, so daß die Bilanz dieses Departements mit £ 40 100 aktiv ist. Während die Zahl der beförderten Briefe gleich geblieben ist (rund ll>/a Millionen) hat die Zahl der Telegramme um 35 ®/o, die der Telephonbespräche um 8 «/o und die Telephonanscnlüsse, deren es jetzt fast 4000 im Lande gibt, um 23«/» zugenommen. Der Bericht erwähnt mit Recht lobend, daß bei einem Umsatz von über £ 1 000 000 nur ein Fall von Veruntreuung seitens eines Beamten vorgekommen kt. Landwirtschaf.. Infolge der günstigen Regenfälle war 1929 ein« der besten landwirtschaftlichen Janre, doch blieben die Preise für die Produkte leider gedrückt. Trotz des verminderten Exportes wird die Orangensaison als günstig bezeichnet, die Zahl der mit Citrusfrücnten bepflanzten Böden wird auf 80000 Dunam geschätzt, die Ausfuhr der Saison 1929/30 wird allem Anschein nach 3 000000 Kisten ergeben. Ein von der Regierung besoldeter Spezialist sorgt für Verbesserungen auf dem Gebiete der Pflanzung und Verpackung, mit dem Empire Marketing Board besteht eine enge Zusammenarbeit. Die schlechten Ladebedingungen auf der Jaffaer Reede leitet die Orangen- und Melonenausfuhr allmählich auf den Haifaer Hafen über. Oliven und Tabak erzielten gute Ernteergebnisse. Die Frage der Be- Wässerung wird von einem besonderen Komitee studiert, das schon gewisse Vorschläge eingereicht hat. Auch «He Auf• forstung, besonders ln jüdischen Kreisen, machte betrichtliehe Fortschritte, doch wurden vielversprechende Waldanlagen in jüdischen Siedlungen während der Unruhen zerstört. Epfdemische Viehkrankhelten waren verhältnismäßig selten, ein gefährlicher Heuschreckeneinbruch in Transjordanien, der nach Palästina überzugreifen drohte, konnte dank der energischen Abwehrmaßnahmen der Regierung zurückgeschlagen werden. Wer sich an die Schrecken des Jahres 1915 und an die Ohnmacht der türkischen Regierung erinnert, wird hier der Verwaltung von Palästina besonderen Dank wissen. Das Budget des Landwirtschaftsdepartements betrug £ 76 700 (£ 4000 mehr als im Vorjahre), daneben wurden über £ 9000 für Heu- Schreckenbekämpfung ausgeworfen. Die Forschungsarbeiten der Hebräischen Universität und der landwirtschaftlichen Versuchsstation werden ebenso wie das hohe Niveau der drei hebräischen Fachblätter ״Hadar“, ״Hassadeh“ und ״Bustanai“ rühmend hervorgehoben. Die Regierung selbst hat zahlreiche Flugblätter über landwirtschaftliche Fragen herausgegeben und zur Verteilung gebracht. Oeffentliche Arbeiten. Der zweithöchste Posten im Ausgabenetat der Regierung sind, wie stets, die öffentlichen Arbeiten, für die im Jahre 1929 £ 301000 (£ 40 000 weniger ak im Vorjahre) ausgeworfen wurden. Wie der Bericht bemerkt, war es diesmal Jucht notwendig, irgendwelche besonderen Arbeiten zur Unterstützung von Arbeitslosen durchzuführen, ein Zustand also, der auf eine günstige Lage des Arbeitsmarktes schließen läßt. Die Regierung ist jetzt in erhöhtem Maße bestrebt, eigene Regierungsgebäude zu errichten, da die meisten Departements in gemieteten Räumen untergebracht sind. Im laufenden Jahre wurden so begonnen: die Hauptpost in Jaffa (Gesamtkosten £ 26 500), eine Knabenschule in Tiberias (£ 5900) und der prächtige Reglerungspalast des Oberkommissars in Jerusalem, der im ganzen £ 45 000 kosten soll. Die Pläne für den Bau von weiteren Schulen, Gerichtsgebäuden, Kasernen und Krankenhäusern in verschiedenen Städten des Landes, deren Errichtung zusammen etwa £ 200000 kosten wird, sind schon fertiggestellt. Das Straßennetz wird weiter ausgebaut, teilweise in Gemeinschaft mit den Stadtverwaltungen und jüdischen Kolonisationsinstituten. Aus besonderen Fonds (Rockefeller-Stiftung von £ 400 000) wird das Archäologische Museum errichtet sowie der Haifaer Hafen fertiggestellt, für den aus den Geldern der Anleihe £ 1 000 000 vorgesehen sind. Bekanntlich hat die Regierung diese große Arbeit nicht durch Ausschreibung vergeben, sondern führt sie in eigener Regie durch, und zwar, wie in einem Exkurs festgcstellt wird, vor allem darum, weil man von einem Privatunternehmer schlechterdings nicht habe verlangen können, auf den höheren Lebensstandard und die daraus resultierenden höheren Löhne der jüdischen Arbeiter Rücksicht zu nehmen. Diese Rücksicht auf die kapitalistische Einstellung ausländischer Firmen hat aber die Regierung nicht verhindert, selbst nur einen Tagelohn von 130 mils (RM. 2,60) zu zahlen, den sie allerdings auf 150 mils (RM. 3,—) zu erhöhen verspricht. Natürlich wird in Akkordarbeit, die besonders in den Steinbrüchen von Athlit zur Verwendung kommt, bedeutend mehr verdient. Die Zahl der Arbeiter beträgt 517, darunter 80 Juden (17 ®/o), doch wird eine Erhöhung dieses Prozentsatzes, der dem des jüdischen Bevölkerungsanteils entspricht, angekündigt. Die großen Hoffnungen auf Absorbierung einer beträchtlichen Anzahl jüdischer Arbeiter (man sprach von mehreren Hunderten) bei dem Hafenbau, haben sich jedenfalls bis jetzt noch nicht erfüllt. Die Arbeiten selbst schreiten rüstig vorwärts, die Hauptmole war bis Ende des Jahres schon 140 m ins Meer vorgetrieben. Eisenbahne.. Ke finanzielle Lage der Eisenbahn ist durchaus nicht zufriedenstellend. Zwar wurde ein buchmäßiger Gewinn von £ 29 000 herausgewirtschaftet, die aber nicht entfernt genügten, um das aus der Palästinaanleihe der Eisenbahn zur Verfügung gestellte Kapital (£ 2 350 000) zu verzinsen. Die Zins- und Amortisationsquote für 1929 betrug nicht weniger als £ 167 000. Eine viel begrüßte Neuerung war die Einführung von Dampfwagen (Wagen mit eingebauten Maschinen), die Verhältnismäßig oft verkehren und an zahlreichen Bedarfshaltestellen, vor allem an den neugegründeten jüdischen Siedlungen, halten. Diese Neueinführung sowie die zeitweise Unsicherheit auf den Autoverkchrsstraßen ließen den Personenverkehr auf 1330000 Reisende (400 000 mehr als im Vorjahre) anschwellen, doch blieben die Einnahmen aus diesem Verkehrszweig infolge der ebenfalls sehr begrüßenswerten weiteren Reduzierung der Fahrpreise in der dritten Klasse auf derselben Höhe wie 1929 (£ 210000), während andererseits die teilweise Verminderung der Gütertarife zu einer Steigerung der Einnahmen aus dem Güterverkehr führten (£ 313 000, £ 40 000 mehr als im Vorjahre). Der stets im Defizit befindliche Teil der Hedschasbahn m Trans jordanien wird von Palästina aus mitverwaltet und unterhalten. Es ist merkwürdig, für was der ״reiche" palästinensische Steuerzahler aufkommen muß. Arbeitslage und Einwanderung• Ke Feststellungen des Berichtes über die Arbeitslage Im abgelaufenen Jahre sind so interessant, daß sie hier wörtlich folgen sollen: ״Ke fortschreitende Besserung der wirtschaftlichen Lage hat die Schaffung von freien Arbeitsstellen in der Industrie, dem Bauhandwerk und der Landwirtschaft ermöglicht. Dadurch wurden fast alle Arbeitslosen des Jahres 1928 absorbiert. Die Auswanderungswelle ging zurück und die Nachfrage nach Arbeit war, trotz des durch die Unruhen verursachten Rück- Schlages, größer als das Angebot. Die Regierung genehmigte die Einwanderung von 2300 jüdischen Arbeitern und Arbeiterinnen, für deren Beschäftigung, vor alltfm in den Orangenpiantagen, die Jewish Agency die Garantie übernommen hatte. Im Jahre 1928 glichen sich jüdische Ein- und Auswanderung aus, im Jahre 1929 betrug die Höhe des Einwanderungs- Überschusses 3503.“ Ke Zahl der jüdischen Arbeitslosen betrug Ende 1929 611 und wird von der Regierung selbst als unbeträchtlich bezeichnet; die Zahl der arabischen Arbeitslosen wird für denselben Zeitpunkt auf 1400 geschätzt. Wirtschaftliche Gründe für die im Frühjahr 1930 erfolgte Einwanderungssperre können also nicht maßgebend gewesen sein, da sich auch zu dieser Zeit die ökonomische Lage in keiner Weise irgendwie verschlechtert hatte. Ke jüdische Auffassung, daß es sich bei diesem Schritt nicht um eine Maßnahme zur Sicherung der Fassungskraft des Landes, sondern um einen politischen Schlag gegen die Grundlagen des Mandates gehandelt hat, bleibt also zu Recht bestehen. Das Krankenversicherungswesen der jüdischen Arbeiter- Schaft (Kuppat Cholim) wird eingehend dargestellt und darauf hingewiesen, daß auch von arabischer Seite Versuche in dieser Richtung unternommen wurden. Eine vergleichende Tabelle der Tagelöhne zeigt, daß jüdische ungelernte Arbeiter in der Landwirtschaft 175—220 mils (RM. 3,50—4,40) und in der Industrie 200—300 mils (RM. 4—6), ungelernte Araber dagegen nur 80—120 mils (RM. 1,60—2,40), beziehungsweise 100—160 mils (RM. 2—3,20) verdienen. Die Löhne für gelernte Arbeiter sind dagegen bei Juden und Arabern beinahe gleich. Der Arbeitstag des jüdischen Industriearbeiters Ist durchschnittlich 8—9, der des Arabers 91/* Stunden lang. Die Zahl der״Einwanderer. betrug 6566, davon 5249 Juden, die der Auswanderer 1835, darunter 1746 Jüdin. Seit 1922 sind 85000 Juden in Palästina eingewandert, von denen 66 000 oder 78 0/0 aus Osteuropa, dagegen nur 4400 (5 0/0) aus Mitteleuropa kamen. Die Zahl der Touristen betrug im Berichtsjahre 60 000 gegenüber 63000 im Jahre 1928; eine leichte Abnahme ist also infolge der Unruhen und der Wirtschaftskrise in Europa und Amerika festzustellen. Hiermit sind die Hauptpunkte aus dem Bericht der Palästlnaregierung an die Mandatskommission gegeben. Sie werden, vor allem in den politischen Teilen, den Leser oft zu Widerspruch herausfordern, wie sie ja auch in Genf nicht unbestritten hingenommen worden sind. Nur zu deutlich wird auch in diesen trockenen Feststellungen die Tendenz sichtbar, die die aus dem Mandat resultierenden Verpflichtungen als hemmend auf dem ausgefahrenen Wege kolonialer Verwaltungspraxis empfindet. Es fehlt die große konstruktive Linie. Der Bericht zeigt aber auch andererseits, wieviel gute und manchmal auch vorzügliche Arbeit von der Regierung im stillen geleistet wird, eine Arbeit, die, weil sie dem ganzen Lande zugute kommt, auch zur Errichtung des Jüdischen Natlonalheimes helfend beiträgt. Wichtige Aasgrabnng in Jerusalem In der Altstadt in Jerusalem wurde vor einigen Tagen eine wichtige archäologische Entdeckung gemacht, die für die topographische Erforschung des alten Jerusalem von großer Bedeutung ist. In der Nähe des Salsallah-Tores wurden weitere Teile der Brücke ausgegraben, die einmal den Tempelberg mit der oberen Stadt verbunden hat. Ke Entdeckung erfolgte bei der Reparatur der schadhaft gewordenen Kanalisation, die noch aus türkischer Zeit stammt. Bei der Niederlegung eines Hauses, die für die Reparaturarbeiten notwendig war, entdeckte man unterhalb des Fußbodens einer benachbarten Synagoge einen Bogen, der einen Teil der Brücke bildet, die sich einmal über das Tal ‘spannte, das das alte Jerusalem in zwei Teile teilte. Der Leiter des Departments für Altertümer bei der Regierung, der die Ausgrabung sofort besichtigte, hat angeordnet, daß die Reparaturarbeiten an dieser Stelle eingestellt werden. Ke neue Entdeckung bringt die bedeutsame Ausgrabung des englischen Forschers Sir Charles Wilson in Erinnerung, der im Jahre 1866 den nach ihm benannten Wilson- Bogen entdeckte. Ke Maße dieser Brückenbogen zeichnen sich durch ihre außerordentliche Größe aus. Ke Höhe der Bogen ist 7,60 m, die Bogenspannweite 15 m, die Stärke der Pfeiler 13,4 m. Jeder einzelne Pfeiler enthielt 23 große Quadersteine, von denen jeder ca. 2—4 m lang, 1 tn breit und 1 m hoch war. Ke Fundamente dieses riesigen Bogens stammen aus der salomonischen Periode; der Bogen, der später durch die Chaldäer zerstört wurde, ist durch Herodes wieder aufgebaut worden. Englische Forscher haben vor mehreren Jahren in einer Tiefe von 15 m am südlichen Ende des Wilsonbogens die Fundamente der Mauer des Salomonischen Tempels, die in das Grundgestein eingelassen waren, gefunden, (Ziko.)

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