Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1930-12-12 · Heft 98 (12.12.1930) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 98 (12.12.1930)
Date
1930-12-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2653156-2653247--22028-2680195
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

8 entity mentions

Nr. 98, 12. XU. 1930 JÜEDISCHE RUNDSCHAU Seite 661 Literatur-Blatt Ein neues Werk von Ruppin ״Soziologie der Jaden" In diesen Tagen erscheint (im Jüdischen Verlag, Berlin) der erste Band eines Werkes, das ein Standard-Werk der modernen jüdischen Wissenschaft zu werden verspricht. Es ist eine ״Soziologie der Juden“ in zwei Bänden, entstanden aus Vorlesungen an der Hebräischen Universität Jerusalem, und der Verfasser ist der Dozent der Soziologie an dieser Universität, Dr. Arthur Ruppin. Die zionistische und jüdische Welt, die Ruppin vor allem als einen Mann der praktischen Tat, als Begründer und mehr als zwanzigjährigen Leiter des jüdischen Kolonisationswerkes in Palästina kennt, vergißt oft, daß dieser Mann zugleich der Begründer und erste Systematiker der jüdischen Gegenwarts-Wissenschaft ist. Er war 1904 Mitbegründer des Verband es für Statistik der Juden und leitete dessen Zeitschrift, 1904 erschien auch sein Werk ״Die Juden der Gegenwart“, worin er die gesamten Daten und Materialien über das zeitgenössische Judentum systematisch darstellte. Damals war Ruppin noch nicht Zionist, erst durch das immer tiefer eindringende Studium der Lage der Juden wurde er mit zwingender Logik zum Zionismus als der Konsequenz der Judenfrage hingedrängt. Ruppin ist ein Vicrteljahrhundcrt lang vielleicht der einzige soziologisch-systematische Kopf im Zionismus geblieben, nur Adolf Böhm wäre neben ihm zu nennen, dessen — bisher allein dastehender — Versuch einer systematischen Darstellung des Zionismus gleichfalls aus Vorlesungen (am Pädagogium in Wien, das damals als eine große und zentrale Stätte moderner jüdischer Wissenschaft gedacht war) hervorgegangen ist. Ruppin hat sein erstes Buch mehrfach umgearbeitet; das neue Werk aber ist keine Bearbeitung mehr, sondern ein grundlegend neues Werk. Ruppin selbst schreibt im Vorwort: ״Der erste Band, ,Die soziale Struktur der Juden‘ gibt unter Benutzung aller verfügbaren statistischen Quellen einen Querschnitt durch die sozialen Verhältnisse der Juden in der Gegenwart (Statik der Judenheit). Der zweite Band ,Der Kampf der Juden um ihre Zukunft‘ zeigt, welche geistigen Kräfte und Kämpfe durch die Aendcrungen in der Statik der Judenheit äusgelöst wurden und werden und welchen Zielen sie zustreben (Dynamik der Judenheit).“ Der vorliegende erste Band, 522 Seiten stark, mit 32 Bildtafeln, ist in drei Abschnitte gegliedert: I. Herkunft und Rasse der Juden, II. Bevölkerungsstatistik, III. Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Juden. Zu dem ersten Abschnitt, der die Rasseneigentümlichkeiten der Juden behandelt und die einzelnen jüdischen Stammtypen beschreibt, gehören die Bildtafeln, die ein großes Material charakteristischer jüdischer Typen, größtenteils in eigenen Aufnahmen des Verfassers, vergleichend nebeneinander zeigen. Das Schlußkapitel dieses Ab- Schnittes gilt der geistigen Eigenart der Juden, wobei der Verfasser, was überhaupt sein Werk auszeichnet, in den Schlußfolgerungen sehr vorsichtig ist und sich von allen pseudowissenschaftlichen Charakteristiken fernhält. in der Bevölkerungsstatistik errechnet Ruppin für das Jahr 1930 eine Gesamtzahl der Juden von 15 903 000. Ausführlich wird das Material über Verteilung der Juden auf Länder, auf Stadt und Land, Wanderungen, Personenstatistik usw. dargeboten, das letzte Kapitel spricht über die Taufe und ihre Wirkungen auf den jüdisehen Volkskörper, fm driften Abschnitt schließlich wird nach eingr geschichtlichen Einleitung eine übersichtliche und detaillierfe Berufs-Statistik der Juden gegeben; ihre Beteiligung an Landwirtschaft, Industrie, Handwerk, Handel und freien Berufen in den einzelnen Ländern wird nachgewiesen und würdigend besprochen. Es würde natürlich viel zu wöit führen, im Rahmen dieser Besprechung auf Einzelheiten einzugehen. Jedes Kapitel und jeder Abschnitt des Buches würde Material für einen besonderen Artikel liefern. Wir müssen unsere Leser auf das Buch selbst verweisen. Jeder ernste Jude, der sich mit jüdischen Angelegenheiten befaßt, müßte diesen neuen Ruppin als Handbuch und Nachschlagewerk (was durch das Sachregister dankenswert erleichtert wird) zur Hand haben. Es ist ein großer Fortschritt in der Behandlung jüdischer Dinge, der steh in Ruppins ״Soziologie“ gewissermaßen symbolisiert: Nach 35 Jahren Zionismus ist das Judentum nicht nur von seiner geistigen, sondern auch von seiner körperlichen, sozialökonomischen Seife her ein Gegenstand ernster Forschung geworden. Die jüdische Jugend hat hier ein Lehrbuch der jüdischen Gegenwart Erfreulich ist auch, daß der Jüdische Verlag dem Werk eine angemessene und würdige Ausstattung zuteil werden ließ. Wir erwarten jetzt den zweiten Band, die ״Dynamik“, der vermutlich auch der Diskussion aktueller Problematik einen Anstoß geben wird. L. Joseph Kostein: Sobbaiai Zewi ״Eine Zeit and ein Mensch begannen, lttreinander rti! za werden*. (Josef Kastein, ״Sabbatai Zewi, der Messias von Ismir“. Ernst Rowohlt-Verlag, Berlin 1930.) Wir leben in der Zeit des Spezialistentums und darum können wir kein Genügen daran finden, wenn ein einzelner es unternimmt, eine Enzyklopädie zu schreiben. Die Zeit der Polyhistoren hat aufgehört, die Epoche der Monographien ist gekommen. Das sollte auch in bezug auf die jüdische Geschichte gelten. Es fehlt uns in dieser Hinsicht an Monographitn, die imstande wären, das Interesse der Gesamtheit an den Ereignissen unserer Geschichte dermaßen zu erregen, daß diese lebendig aufersfehe und dem jüdischen Menschen das Gefühl der Verbundenheit mit der unübersehbaren Reihe seiner Ahnen gäbe. ״Ufer nur sind wir und tief in uns rinnt Blut, von Gewesenen zu Kommenden rollts, das Blut unserer Ahnen voll Unruh und Stolz.“ Dieses Gefühl zu vermitteln sollte die Aufgabe jüdisch-historischer Monographien sein. Wer es aber unternimmt, eine derartige Monographie zu schreiben, muß Bescheid wissen in der menschlichen Seele, muß mit der Gabe unmittelbarer Erkenntnis der eigenen Art begnadet sein. Das trifft bei Josef K a s t e i n za Er hat es unternommen, eine der interessantesten Erscheinungen der jüdischen Diaspora, Sabbatai Zewi aus Smyrna, dem türkischen Ismir, wieder lebendig zu machen. Und er tut es im Sinne der synthetischen Geschichtsauffassung: Zeit und Mensch reifen einander entgegen. Die zwei handelnden Faktoren, die Zeit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und Sabbatai Zewi, der Sohn des jüdischen Händlers Mardochai Zewi aus Smyrna, sind scharf konturiert, so daß man sie bei der Lektüre der Kasteinschen Monographie unmittelbar erlebt Kastein hat eine Fülle von Material durchgearbeitet, bevor er sich daran machte, sein Buch zu schreiben. Er hätte sicherlich noch mehr Quellenstudien treiben kämen, er hat es offenbar nicht getan, und das gereicht dem Buche zum Vorzug, denn so Ist es frei!״׳blieben von jedem Ballast, frei von jeder überheblichen libie, aber dafür voll von zuckendem Leben und Miterleben. Man möchte nicht überschwenglich werden. Es drängt sich aber ein Vergleich auf: Kasteins Buch ist ein kunstvoller, wunderbarer Smyrnaer Teppich, übersät von einzelnen Kleinodien. Fast auf jeder Seife blitzt eine Bemerkung auf, die in der Lektüre innehalteu macht und nachdenklich stimmt. Man läßt dann die Bemerkung als Leckerbissen in sich zergehen. Diese Apercus sind kein Ausfluß kalter Logik, sondern stärkster künstlerischer Intuition. Einige seien wiedergegeben: ״Auch andere Völker haben Märtyrer, keines aber ward das Schicksal, für zwei Jahrtausende das Martyrium zum Bestandteil ihres Lebens und ihrer Geschichte erheben zu müssen.“ ״Hier setzt der Sinn ihrer Geschichte in der Zerstreuung fort: Alles Leiden dient der Prüfung und der Läuterung, alles Leiden ist die Vorstufe ihrer endlichen Erlösung.“ ״Ihre Begabung für das Leben ist nicht geringer als die für das Sterben.“ ״Vor der Zeit, die nach einem erlösenden Menschen sucht, steht ein Mensch, der nach einer aufnahmebereiten Zeit sucht.“ ״In jedem Renegaten liegt ein unerledigter Rest von Beziehungen zu dem alten Glauben, ein unerledigtes und unerlöstes Stück Liebe zu einem Ursprung, der nicht zu Ende gelebt ist, weil er sich versagt oder weil man sich ihm versagt hat.“ . . . Man könnte die Reihe dieser Apergas, die auf jeder Seite aufblitzen, ins Endlose dehnen. Das Buch ist in 14 Kapitel eingeteilt. Jedes ein Essay, jedes in sich abgeschlossen und packend. Ucberwältigend das dritte Kapitel ״Gemetzel“, das die Zeiten Bogdari Chemclnirkys in der Ukraine schildert. Modern bis zum Exzeß das 6. Kapitel ״Der Prophet und die Dirne“; visionär das II. Kapitel ״Katastrophe“ und erschütternd die Peripetie im 12. Kapitel ״Der Renegat“. Das Buch ist voll dramatischer Spannung. Die Szene, da Nathan Halcvy (Aschkcnasi oder Gazhati), das ״Tor der sabbatianischen Bewegung weit und unwiderruflich aufreißt“, ist von gewaltiger Wirkung. Ich kenne in der jüdischen Geschichte ein — lehawdil — ähnliches Beispiel: Als Theodor Herzl nach der Niederschrift seines ״Judenstaates“ auf Einladung der Wiener ״Kadimah“ im Ronacher-Saal einen Vortrag über seine Schrift hielt, schloß er seine Ausführung mit den Worten: ״ich bin der Architekt, mögen die anderen die Baumeister sein.“ In jenem Augenblicke spielte sich eine für die Geschichte des jüdischen Volkes bedeutungsvolle Szene ab. Ein Zuhörer (er ist noch am Leben) stieg zur Estrade empor, fiel vor Herzl nieder, umklammerte und küßte seine Füße und stammelte die Worte: ״Werden Sie unser Führer!“ Im Wiener Ronacher-Saal trafen sich eine Zeit und ein Mann, die der Reife entgegengingen. (Dieser Vergleich zwischen Theodor Herzl und Sabbatai Zewi darf nicht mißdeutet werden. Die Szene, da Nathan Haievy den Sabbatai als den ersehnten Messias anruft und der Vorfall im Wiener Ronaeher- Saal, so verschieden auch die geistige Haltung und der Charakter der handelnden Personen atich sein mag, ähneln einander jedoch.) .. Kasteins Buch wird zweifellos em großer Verlag Ernst Rowohlt setzt mit diesem Buche seine Tradition fort, psychologisierende Biographien zu veröffentlichen. Emil Ludwig möge mir aber nicht grollen: Keine seiher Biographien erreicht die Wucht und künstlerische Höhe des Sabbatai Zewi von Josef Kastein. Man liest den Sabbatai Zewi mit brennenden Wangen und glühenden Augen und kann nicht aufhören, bis man die letzte Seite verschlungen hat. Es ist ein wundervolles Buch. Moses Waldmann. Die Encyclopldia Judaica (Verlag Esclikol, Berlin) hat vor kurzem ihren 6. Band herausgebracht, der von dem Stichwort ״Drama — Gabinius“ reicht. Das Werk steht bekanntlich unter der Chefredaktion von Dr. Jakob Klatzkin und Prof. Dr. J. El bogen, denen ein. großer Stab von wissenschaftlichen Redakteuren und Mitarbeitern zur Seite steht. Die Encyclopädie Judaica hat sich die wissenschaftliche Darstellung des gesamten jüdischen Wissensmaterials zur Aufgabe gestellt. Ihre besondere, für die Bedürfnisse des Nichtwissenschaftlers und einfachen Lesers wichtige Eigenart liegt darin, daß sie nicht nur über einzelne Stichwörter die entsprechenden, tatsächliche Angaben enthaltenden Artikel bringt, sondern bei Begriffen und Gegenständen allgemeineren Charakters zusammenfassende Essays mit vollständiger Uebersicht über das betreffende Gebiet liefert Diese größeren Abhandlungen werden dann entsprechend untergeteilt und durch überaus zweckmäßige Druckanordnungen besonders benutzbar gemacht. Dabei bürgen die Namen der verantworüichen Fachredakteure und wissenschaftlichen Mitarbeiter für unbedingte Zuverlässigkeit und Präzision. So ist zu erwarten, daß nach Abschluß dieses Riesenwerkes eine wirklich grundlegende Bearbeitung des gesamten Judentums vorliegen wird, die wahrscheinlich maßgebend auch für die Zukunft sein wird. Der vorliegende 6. Band weist dieselben Vorzüge aut tvie seine Vorgänger. Schon die äußere Ausstattung in Einband, Papier, Druck und vor allem auch in den Illustrationen und Bildtafeln verleiht dem Werk einen ersten Rang in der Reihe der jüdischen Bucherzeugnisse. Daß die Juden in der Buchdruckerkunst stets auf der Höhe waren, beweist der in diesem Band enthaltene Artikel ״Druckwesen“. Eine Reihe von Artikeln dieses Bandes erörtern grundlegende Rechtsbegriffe und Rechtsbeziehungen, die für die innere Struktur der jüdischen Gemeinschaft entscheidend waren, z. B. ״Eigentum“, ״Eid“, ״Ehe“, ״Ehesclradüng“, ״Erbrecht“. Aber auch das Grundproblem der äußeren Rechtsstellung der jüdischen Gemeinschaft in der modernen Welt wird gerade In diesem Band erörtert, und zwar in dem Artikel ״Emanzipation“. Wichtig ist auch der Artikel ״Emigration", obwohl man vielleicht Zweifel erheben könnte, ob der Text, der auch die Immigration notwendigerweise erörtern muß, mit Hecht unter dieses Stichwort eingereiht worden ist Es würde natürlich viel zu weit führen, hier auch nur die wichtigeren Artikel zu besprechen. Es liegt im Wesen der Encyclopädie, daß die verschiedensten Interessen darin auf ihre Kosten kommen. So finden wir einen Aufsatz über ״Finanz- und Bankwesen“, der den Anteil der Juden an der Entwicklung der modernen Wirtschaft zum Gegenstand hat, neben einem Artikel ״Eschatologie“, der in das Gebiet des jüdischen Messianismus führt, wir finden Artikel über ״England“, ״Frankreich“, ״Frankfurt a. M.“, alles wichtige Judenzentren, sowie über ״Eiephantine“, wo bekanntlich eine jüdische Soldatenkolonie im Altertum festgestellt wurde, die Darstellung des ״Frankismus“, zahlreiche Biographien usw. Insgesamt umfaßt der Band 1224 Textspalten. Albert Loodrcs: Der Ewige Jude am Ziel. Deutsch von A. Benzion, Phaidon-Verlag, Wien. Albert Londrcs reiste zu den Juden in die Gebiete ihrer Massensiedlungen nach Bessarabien, in die Bukowina,Galizien usw. Er lernte Whitechapel und die Nalcwki kennen, das Lenibcrgcr ״Hinter der Schul“ und die Wildnis des Marmaroschgehirgcs. Er sah ״die Söhne Abrahams in den Karpathen und an der Weichsel und die Söhne Theodor Herzls in Palästina׳‘. I r ging in die Häuser und Hütten der Geschundenen und Massakrierten Polens, Karpathorußlands, Rumäniens, und aus dem Erlebten, im Augenblick Beobachteten erwuchs ihm das Bild des Juden in seiner tausendfältigen Gestalt, dessen Problematik er auf einen Generalnenner bringt: ״der Ewige Jude“. Und er schreibt über diese fremde Welt der hungernden, handeltreibenden, betenden, talmudlernenden, heroisch gläubigen und hoffenden jüdischen Menschen des Ostens. Wohin er auch kommt, ist es das Ghetto, das er sieht, das er studiert und analysiert, immer geht geht er nur zu den Annen, zu den ״jüdischen Juden“, deren ökonomisches und moralisches Fundament sich seit Jahrhunderten nicht geändert hat. In die Landschaft verwoben, tritt ihm überall der Ewige Jude entgegen, aus tausend Wunden blutend, nach einer Heimat verlangend. Er kommt dann nach Palästina, begegnet in Tel-Awiw Juden mit elastischem Gang und leuchtenden Augen. ״Hier,“ ruft er, ״ist der Jude am Ziel.“ Drei Monate später fährt er in das Palästina vom August 1929. Er verfolgt mit Interesse das arabische Leben, um daraus Schlüsse für die jüdische Zukunft zu ziehen, erhebt Anklage gegen England; seine Sympathien sind bei den schaffenden Juden. Bewunderungswürdig, mit welcher Hingabe i.ondres, der Franzose, sich den Details des jüdischen Lebens in aller Welt widmet, in wie weitem Maße er die Gabe des Miterlebens und Verstehens hat. Gewiß erlangt er nicht die Größe des Berichterstatters John Reed. der hinter der geringfügigsten Tatsadiedas Walten einer geschichtlich bestimmten Kraft spürt, gewiß erlebt er die Juden und ihre Welt nicht in ihrer ganzen Schwere wie pöblin (in seinem Ostjudenbuch). Aber dieser Franzose ist einer der wenigen Europäer, die ein Herz für die Juden und ihre Probleme haben. ״Der Ewige Jude am Ziel“ ist ein Buch, das mit der den Franzosen eigenen geistigen Klarheit und Schönheit des Stils den jüdischen Alltag der ganzen Welt eingefangen hat und das deshalb jeder zur Hand nehmen sollte. a. a. Kinderbücher. Wenn Qianukkah herannaht, dann muß man wieder an die herrlichen Kinderbücher der so tragisch aus dem Leben geschiedenen jüdischen Künstlerin Tom Seidmann-Freud erinnern, die wie kein zweiter verstanden hat, für die KinderseeJe das Richtige zu treffen und in entsprechendem Ton und Bild auszudrücken. Sie war von schier unerschöpflichem Erfindungsreichtum und weit entfernt von jener Banalitat, die sich gerade bei Kinderbüchern so leicht einschleicht. Das neueste, soeben (so wie alle andern im Verlag Herbert S t u f f e r, Berlin) erschienene Buch ist wohl ein nachgelassenes Werk, wahrscheinlich also aus einer Zeit, wo die Künstlerin schon von schweren seelischen und körperlichen Qualen bedrängt war; keine Spur dieses Zustands ist an dem Buch zu merken, es ist frisch, lustig, vielseitig und anregungsreich wie nur irgendeines. Diese Spielfibel, die den Namen trägt: ״Hurra wir lesen! H urrawir schreiben!“ (3,20 M.), würde man jedem Sechsjährigen wünschen. Soviel Freude hat wohl noch nie ein Lehrer mit den ersten Schritten des Lernens verbunden. — Für etwas ältere Mädchen bringt derselbe Verlagj: ^Herbert Stuffert neu eine FörtSettmüg Von Kaff« Michaelis' entzückenden Bibi-Büchern. Wer einen dieser Bände kennt und gesehen hat, wie Mädchen von 8—12 Jahren (und Jungen ebenso!) diese Bücher verschlingen, wird wohl automatisch die weiteren Bände erwerben, ln vollendeter Form zeigt hier eine Dichterin, wie das Material der Erwachsenen- Welt sich in dem jugendlich erwachenden Kopf spiegelt. Die kleine Dänin Bibi beschreibt meist ihre Reisen; der neue Band, ״Bibi und Oie“ (6,50 M.), bringt die Heldin in dieTscheeho- Slowakei, und sie beschreibt ihrem Vater u. a. den alten Prager Judenfriedhof, erzählt vom Golem und von den Prager Juden. Sie besucht auch Bakule (Kinderkolonie), Bata (Schuhfabrik), Karlsbad, Pistyan, Preßburg, die Hohe Tatra usw. Bibi zeigt in ihren Briefen etwas, was der heutigen Jugend nottut: Auf# geschiossenheit für fremde Völker und Sitten, ohne engherzige nationale Ueberhebung. Ganz angepaßt dem Geist des Buches sind die vortrefflichen acht farbigen Bilder und 100 Zeichnun• gen von Hedwig Coli in. Von Andre M a u r o i s , den! jüdisch-französischen Schrift steiler, dessen Biographien (vor allem die Disraeü-Biographid] sehr bekannt geworden sind, ist eine reizende, humorvoll« Traumgeschichte ״Das Land der 36000 Wünsche“ Lt guter deutscher Uebersetzung und guter Ausstattung im Verlag Gustav Weise, Stuttgart, herausgekommen (4,50 M.). Diese an mutige Geschichte von klein Lisbeths Begegnung mit Pharac wird allen Kindern Freude machen und kann mit gutem Gewissen empfohlen werden. — Für Knaben von etwa 12 Jahrei bringt das ״Goldene Knabenbuch“, herausgegeben vor Erich Georgi (Verlag Levy und Müller, Stuttgart, 4,— M.), vie des Interessanten; Erzählungen stehen hier neben gut erklären den Aufsätzen über technische Probleme unseres Zeitalters Mehr für Mädchen ist das ״Goldene Geschichtcnbuch“ desselbet Verlags gedacht, das eine Autorin der vorigen Generation, Fridi Schanz, zur Verfasserin hat. Beioc Bücher haben auch ein gutes äußeres Aussehen. — Zum Schluß sei nochmals auf den ״J ii d i ■ sehen Jugendkalende r“, herausgegeben von Dr. Emi! Bernard Cohn (Jüd. Verlag, Berlin) verwiesen, der auch zi: Chanukkah noch nicht ״veraltet“ ist. Er enthält eine Fülle vor jüdisch belehrenden und unterhaltenden Beiträgen und wird ar Beliebtheit bei der Jugend seinen besten Vorgängern nicht nachstehen. o. Ein neues Buch von Emst Toller. Auf dem Umschlag blatt des neuen Buches (״Quer durch“, Rcisebildcr und Reden Gustav Kiepenheuer Verlag, Berlin) ist der Steckbrief wieder gegeben, den das Münchener Standgericht am 13. Mai 191# gegen Ernst Toller wegen Hochverrats erlassen hat. Die Zei; von damals bis heute zieht an dfem Leser vorüber, der das Buck, aufschlägt. Toller hat hier eine Reihe charakteristischer Aeußo, rungen aus seiner Tätigkeit in der Revolution zusammengestelij mit Serien kleiner Impressionen aus Amerika und Rußland. Ir, schnellem Wechsel ziehen diese anspruchslosen Bilder vorüber Eindrücke und Einblicke hinterlassend, von denen ein starke! Gefühl für Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Brüderlichkeit aus strömt. Nietzsches Werke gibt der Verlag Alfred Kröncr (Leipzig] jetzt in einer Auswahl-Ausgabe von zwei guten Leinen bände!1 (zus. ca. 1200 S.) zu dem bütigen Preis von 5,70 M. heraus Die Auswahl, besorgt und eingeleitet von Professor August Messer, ist ein wahrer ״Volks-Nietzsche“, die den für die Gestaltung des modernen Geistes so entscheidenden Denker in breite Kreise tragen wird. Dem Verlag, der bekanntlich eint ganze Anzahl guter Nietzsche-Ausgaben hervorgebracht hat, gebührt daher der Dank aller Nietzsche-Freunde.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.