Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 98 (12.12.1930)
- Date
- 1930-12-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 98, 12. XII. 1930 Seite 660 Zum Problem der jüdisch* arabischen Verständigung 1. Die palästinensische Tageszeitung ״Dawar“ veröffentlicht am 23. November den Bericht des arabischen ״Felestin“ über eine Unterredung, die der Bodeneinkäufer der P.LD.C und des Nationalfonds, Chankin, mit dem Redakteur des ״Feli'stin“, l s s a e 1 Issa, gehabt hat. Wir geben, nachstehend die Mitteilung des ״Felestin“ gemäß ״Dawar“ wieder: Die Unterredung fand in dem Hause eines Arabers statt, wohin der Redakteur des ״Felestin“ eingeladen worden war, ohne daß er wußte, daß er dort Chankin treffen wird. El Issa kannte bisher Chankin nicht und beschreibt ihn jetzt den Lesern des ״Felestin“: Er sehe aus wie Jesus aut russischen Heiligenbildern, vielleicht wollte er es auch Simson nachtun und hat darum sein Haupthaar wachsen lassen, bis er den größeren Teil der Böden des Landes erworben hat. Die Unterredung begann damit, daß Chankin sich über die im ״Felestin“ veröffentlichten entstellten Nachrichten über seine Tätigkeit beklagte. Er erklärte sich bereit, schwarz auf weiß zu beweisen, daß cs sich um Lügen und Verleumdungen handelt, die erfunden wurden, um sein Leben in Gefahr zu bringen. El Issa weigerte sich aber, in die Dokumente Einblick zu nehmen, in der Furcht, ״der Augenschein könnte ihn in seiner guten Meinnng von einigen seiner Volksgenossen erschüttern“. Er ant* wortete: Du fürchtest dich um dein Leben und die Regierung hat dir darum gestattet, Waffen zu tragen; auch ich fürchte mich vor den Juden, und trotz meiner Bemühung wurde mir das Waffentragen nicht gestattet. Schließlich kam man zu dem Hauptgegenstand des Gespräches. Chankin: Ich zweifle nicht an Deiner Liebe zu Deinem Lande, und ich will, daß auch Du glaubst, daß meine Liebe zum Lande nicht geringer ist als die Deine. Wenn dem so ist, warum sollen wir nicht Zusammenarbeiten können? El I ssa: Es ist ein weiter Abstand zwischen diesen beiden Arten der Liebe zum Lande, denn jedes der beiden Völker hat andere Ziele. Die Araber wollen eine arabische Föderation und die Selbständigkeit ihres Landes, die Juden jedoch wollen, daß das Land nur Ihre Heimat sei. Chankin: Lassen wir die Phantasien und reden wir über Tatsachen. Du hast in einem Deiner Artikel gesagt: ״Die Araber können die Juden nicht ins Meer werfen, und die Juden können die Araber nicht einen Schritt aus ihrem Lande verdrängen.“ Diese Worte mögen uns also als Grundlage einer Verständigung für die Zukunft dienen. El Issa: Einverstanden, aber zunächst höre meinen Vorschlag. Die Juden müssen den Gedanken aufgeben, das Land i!1 ihr politisches Nationalheim zu verwandeln. Sie sollen in den Arabern die Herren des Landes sehen. Die Moslems, Christen und Juden im Lande sind wie eilte Aktiengesellschaft, bei der jeder Teil gemäß seiner zahlenmäßigen Stärke Aktien innchat. Auf dieser Grundlage soll eine verfassungsmäßige Regierung und ein gewähltes Parlament eingerichtet werden. Jeder Teil wird bei der Zusammensetzung die ihm zukommende Proportion erhalten, die sich im Laufe der Jahre nicht ändern soll. Chankin: Nach meiner Meinung werden die Juden diesen Vorschlag nicht annehmen. Höre jetzt meinen Vorschlag: Die Juden haben gegenwärtig 10000 Familien in der Landwirtschalt. Wir wollen noch 500(» Familien herbringen. Hierzu sind 3V3 Millionen Dunam erforderlich. Wenn wir diesen Plan durchgeführt haben, werden wir aufhören, Boden zu kaufen und neue Einwanderer hereinzubringen. El Issa: Gemäß Simpson gibt es im Lande im ganzen 6544000 Dunam, upd wenn die Juden (einschließlich der ihnen scjion »hjeute.£ehÖjtMden..,X4«d<;reJenj.,14'^)0..(M)ft ׳Dupfip ,haben, werden, bleiben für die Araber noch* 1844Ü0Ö Dunam; die•. Araber brauchen aber noch 8 Millionen, außer den ihnen gehörigen Ländereien und ohne Berücksichtigung der kommenden Generationen. Chankin: Beachte nicht Simpsons Angaben. Niemand kennt die Böden Palästinas so wie ich. Im Gebiet von Berscheba, im Jordantal und im Gebirgsland gibt es noch Millionen von Dunam, und dies wird für Araber und Juden genügen. EI Issa: Ich muß sagen, ich wundere mich, zum erstenmal von einem Juden, und noch dazu von einem so maßgebenden wie Du, zu hören, daß Ihr das Nationalheim auf einer begrenzten Fläche und mit einer festgesetzten Anzahl von Familien gründen wollt. Bisher habe ich nichts derartiges gehört. Chankin: Ich versichere Dir, daß ich meine Worte wohl überlege und wenn Chankin etwas gesagt hat, dann werden die Juden seinen Worten glauben können. Du weißt ja, daß ich es bin, der den Juden den Boden verschafft hat, den sie jetzt besitzen. El Issa versuchte, auch politische Fragen zu erörtern; darauf antwortete Chankin: Ich bin kein Politiker und meine Rolle beschränkt sich lediglich auf Bodenkauf. Ich habe Dir gesagt, was diesbezüglich die Grundlage einer Verständigung sein könnte. Die Politik überlasse ich anderen. Aber ich bin überzeugt, daß die Juden keiner anderen Lösung zustimmen werden als der einer völligen politischen Gleichberech* tigung mit der arabischen Mehrheit. Sie werden also keinem Parlament zustimmen, wenn nicht die Zahl der jüdischen Abgeordneten der Zahl der arabischen gleich sein wird. Eilssa: Und wenn die Moslems, die Christen und die Juden je ein Drittel bilden, werdet Ihr dann zustimmen r Chankin: Nein, denn dann hätten die Araber zwei Drittel im Parlament. Damit war das Gespräch beendet. Der Redakteur des ״Felestin“ behält sich vor, nochmals darauf zurückzukommen. II. Wir erhalten aus Jerusalem nachstehenden Bericht: Am 26. November hielt Mr. Mohammed Roshdan A k 111 a r vor den Mitgliedern des Brith Schalom einen Vortrag über das jüdisch-arabische Problem in Palästina. Mr. Akiitar, ein Inder von Geburt, hat mehrere Jahre am Hofe des Königs Ibn Saud in Mekka geweilt und ist seit U/3 Jahren der Redakteur der englischen Wochenausgabe des Organs der arabischen Nationalbewegung ״Felestin“. Mr. Akhtar sprach nicht in irgendeiner offiziellen Eigenschaft, sondern als Privatmann. Er legte in seinem Vortrage das Hauptgewicht darauf, daß die Juden, die nach Palästina zurückkehren, erfüllt seien von westlicher Mentalität und dies sei der Grund dafür, daß sie auf starken Widerstand in Palästina stießen. Aus dieser Mentalität heraus stammt die Verachtung, mit der die Einwanderer die I andesbevölkerung behandelten, indem sie ihren kulturellen Standard mit den europäischen Maßen der Hygiene, des Schulwesens usw. maßen, ohne für die orientalische Eigenart Verständnis zu haben. Die Zionisten hätten in allen Sprachen ihre Idee verbreitet und begründet, mit einziger Ausnahme der arabischen., Mr. Akhtar beschuldigte den Zionismus einer opportunistischen Eins teil u n g gegenüber der arabischen Frage. Während in Resolutionen die Zusammenarbeit mit den Arabern als Programm hingestellt wurde, wurde nichts davon verwirklicht. Dazu sei die Einstellung der Juden gegen die Gesetzgebende Versammlung gekommen. Die Juden sagten, sie opponierten nur, weil diese Versammlung ihr Recht auf Einwanderung und Landkauf beschränken könnte. Aber diese Frage hätte durch Verhandlungen ®wischen Juden und Arabern leicht beigelegt werden können. Es war nur eine sekundäre Frage in bezug auf die Existenz des Parlaments, das für die Araber ein Symbol ihrer Freiheit ist. Die zwei Hauptfragen für die Juden seien Land und Kultur. Simpson sagt, es sei kein Land mehr, welches besiedelt werden könne, ohne Araber umzusiedeln. Der jüdische Sachverständige Chankin sagt, es seien noch 100000 Dunam. Die ganze Meinungsdifferenz zwischen Simpson und den Juden betrage also 100000 Dunam, also so gut wie nichts. Nach Auffassung Akhtars sei die Haupttriebfeder des Zionismus die Rettung vor den Verfolgungen. Aber selbst die wildesten Schätzungen der Möglichkeiten Palästinas, ja selbst, wenn die Araber nicht da wären, reichen nicht aus, um dieses Problem zu lösen. Die Zionisten müssen etwas finden, was mehr ist als Palästina. Akhtar sieht die Lösung des Problems In der ara blsehen Föderation. Die Juden bringen den Arabern ihr Rassengenie, ihre europäische Erfahrung und ihren finanziellen Genius. In der arabischen Föderation sei Platz für Miffionen. Akhtar verwies darauf, daß die Lage der armenischen Minorität in Syrien trotz des alten Hasses, der davon stammt, daß die Armenier immer auf seiten der europäischen Mächte gegen die Türken und Araber gestanden seien, eine durchaus befriedigende sei. Nach Syrien kamen während der letzten zehn Jahre mehr Armenier als Juden nach Palästina. Im Irak habe die kurdische Minorität in einigen Provinzen, wo sie die Majorität bildete, die kurdische Amtssprache erhalten. Den Juden stehe für Ihre Kolonisierung das ganze großarabische Gebiet zwischen Basra und Haifa zur Verfügung, wenn sie sich ihrerseits für die arabische Föderation einsetzen werden. Durch Einsetzung für die arabische Föderation würden die Juden aus Feinden der Araber ihre Freunde werden. Mr. Akhtar verwies darauf, daß sich in den letzten Wochen Zeichen einer Besserung der Situation zwischen Juden und Arabern gezeigt hätten. Die jüdischen und die arabischen Journalisten naben Fühlung genommen, um ihre Standes- Interessen gemeinsam gegen die Regierung zu verteidigen. Jüdische und arabische Handwerker vereinigten sich zum gemeinsamen Kampf gegen die ausländische Konkurrenz. Dazu komme die Tatsache, daß ein vom jüdischen Sachverständigen für Bodenfragen, Herrn Chankin, ausgearbeiteter Siedlungsplan dem Redakteur des arabischen ״Feiestin“ Issa ei issa vorgelegt worden sei, der diesen in seiner Tageszeitung abdruckte, so daß der Plan Gegenstand einer gemeinsamen Diskussion werden könnte. Mr. Akhtar sprach seine Ueberzeugung aus, daß der ökonomischen und politischen Kooperation der Juden und Araber eine soziale Kooperation vorhergehen müsse, welche das bestehende Mißtrauen zwischen den Führem der beiden Völker durch persönliche Begegnungabbauenmüsse. ln dieser Richtung sollten die Juden als die kulturell Ueberlegenen die initiative ergreifen. An den Vortrag schloß sich eine lebhafte Diskussion der Mitglieder des Brith Schalom, die sich hauptsächlich um die Frage bewegte, welche Sonderrechte und welche Autonomie Palästina im Rahmen einer arabischen Föderation für sich beanspruchen könnte. An der Diskussion nahm auch der als Gast anwesende führende ägyptische Journalist Mahmud Äzmi Bey teil, der sich mit warmen Worten für eine jüdischarabische Kooneration sowohl im Rahmen Palästinas als in dem großen Rahmen einer künftigen arabischen Föderation einsetzte. Kurt Blumenfeld Im Rundfunk. Am Donnerstag, dem 4. Dezember, nachmittags, hielt Herr Kurt Blumenf eld im w1itra־f־:’,ttber*;,WiSSffnar '=-•■׳e!n<rw־erdende Weit“. In sehr Informativer und umfassender Weise vermittelte der Referent ein anschauliches Bild der Entwicklung des iiidischen Aufbauwerkes. Palästina, bis vor kurzer Zeit für die europäische Welt nur ein Land von historischem Interesse, wurde als Siedlungsland erst durch die zionistische Bewegung von Bedeutung. Seit Kriegsende sind 100 000 luden neu ins Land eingewandert, in dem heute 180000 Juden leben. Der Referent gibt einen ausführlichen Ueberblick über die landwirtschaftliche und industrielle Tätigkeit dieser neuen Einwanderer. die unter schwierigsten Bedingungen durch eigene Arbeit eine außerordentliche kolonisatorische Leistung vollbracht und den Charakter des Landes vollständig verändert haben. Ein sichtbares Zeichen für die Erneuerung des jüdischen nationalen Lebens ist die hebräische Sprache, die sich überraschend schnell durchgesetzt hat und das der hebräischen Kultur dienende Sehulwerk. Auch das geistige Leben ist von bedeutsamer Einheitlichkeit. Das wichtigste aber, was geschaffen wurde, ist der neu e M 6nsch , der diesen Aufbau trägt. Die Verbindung von freiem Willen und Not hat ein Geschlecht entstehen lassen, das sich jedem Kampfe gewachsen fühlt. Blumenfeld kam im Verlaufe seiner Ausführungen auch auf die Frage der jüdisch-arabischen Verständigung zu sprechen. Trotz mancher Konflikte besteht durchaus die Möglichkeit, einen modus vivendi zwischen Juden und Arabern zu schaffen. Der Referent schildert ferner die einzelnen Phasen der englischen Politik in Palästina und betont am Schluß seiner Ausführungen nochmals, daß die Juden nach Palästina gehen, wo sie ihr Volksleben neu entwickeln wollen, frei von jeder nationalistischen Tendenz und frei von jedem Wunsche, die Rechte irgendeiner anderen nationalen oder religiösen Gemeinschaft zu kränken oder zu beeinflussen. ״Jüdischer Selbsthatt“. Zu diesem, vor kurzem im Jüdischen Verlag (Berlin) erschienenen Buch von Professor Theodor Lessing nahm der bekannte Individualpsychologe Dr. N e u e r in einem von der Westgruppe der Frauen- Arbeitsgeme inschaft für Palästina veranstalteten und sehr gut besuchten Diskussionsabend Stellung. Er wandte sich gegen die Grundthese der Lessingschen Lebensphilosophie, die den Geist als ein vom Leben Gesondertes abspaltet, in" ihm etwas Lebensfeindliches, Lebenzerstörendes erblickt und in seinem Ueberwuchem beim entwurzelten Menschen die Ur- Sache des pathologischen jüdischen Selbsthasses sieht, den er an mehreren extremen Fällen von jüdischen Antisemiten in dem obenerwähnten Buch illustriert. Demgegenüber erklärt der Individualphychologe die Tatsache des jüdischen Selbsthasses aus der Minderwertigkeitsposition des jüdischen Menschen, die ähnlich wie die Minderwertigkeitsposition der Frau, einen objektiv unbegründeten Inferioritätskomplex zu erzeugen vermag, der zur neurotischen Haltung einer Flucht aus der eigenen Gemeinschaft und Ihrer Bekämpfung führen kann. Dadurch aber, durch diesen scheinbar beouetnen, aber feigen Weg verrennt er sich nur ln eine neue Neurose, die bis zur Selbstaufhebung, bis zum Selbstmord, bis zur Vernichtung des Gehaßten in sich treiben kann. Nur im Weg zur Gemeinschaft, nur in der Verbundenheit mit der Gemeinschaft sieht die I. Ps. den Weg der Norm. Solange aber die wahre jüdische Gemeinschaft in Palästina noch nicht geschaffen ist, r'bt es Etappen dazu, Teilgemeinschaften, wie die jüdische c h u I e eine darstellt, ln der Diskussion wurde u. a. die These des Inferioritätenkomplexes für den ostjüdischen Mensehen negiert, worauf Dr. N. feststellte, daß hier oft der Fall einer Ueoerkompensation durch zu großes Selbstbewußtsein vorliege, was aber wieder auf einen wenn auch unbewußten Inferioritätskomplex hinweise. N, St C.-V. und polnische Judenfrage Ein Beilrag zur Psychologie der Assimilation Im Einklang mit der in Deutschland jüngst betriebenen Agitation gegen die Unterdrückung der deutschen Minderheit in Polen hat, natürlich, auch der ״Central-Verein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ seine Stimme erhoben. In einer Notiz der ״C. - V. Zeitung“ wurde die Unterdrück ungspolitik des Pilsudski-Blocks gegen die nationalen Minderheiten mit Recht gebrandmarkt. Von dieser Unterdrückungspolitik sind alle Minoritäten bei den Wahlen betroffen gewesen. Eine der beträchtlichsten nationalen Minderheiten in Polen Ist bekanntlich die j üdlsch e. Trotz des Terrors gelang es, eine Anzahl Abgeordnete auf den selbständigen jüdischen Listen durchzubringen, wenn auch ihre Zahl unter den gegebenen Umständen natürlich ebenso wie die der deutschen Abgeordneten stark vermindert wurde. Die ״C.-V.-Zeitung“, die nicht nur ein Blatt für Deutschtum, sondern ״für Deutschtum und Judentum“ ist, sieht sich nun bemüßigt, nachdem sie der deutschen Minderheit ״einen Verständnisvollen Gruß entboten“ hat, auch über die jüdische Frage in Polen etwas zu sagen. Vihe tut sie es? Sie bringt in ihrer Nr. 49 in dickem Fettdruck ein Interview mit einem orthodoxen Rabbiner Horowitz aus Rzeszow, den sie zu ״einem der Führer der Juden Polens“ ernennt und der beim C.-V. war, um, wie es euphemistisch heißt, ״die Beziehungen der gesetzestreuen Kräfte Osteuropas zu den großen jüdischen Hilfsorganisationen zu festigen“ (!). In diesem Interview wird* zunächst von den anderen jetzt im schweren Kampfe um ihre nationalen Lebensrechte stehenden nationalen Minderheiten mit schöner Offenheit abgerückt Es heißt dann weiter, daß ״kein Teil der Bevölkerung Polens einen gesunden Staat mit einer festen Regierung so nötig hat, wie die Juden in Polen. Der überwiegende Teil der Juden ln Polen hält es deshalb für gefähriieh, von den jüdischen nationalen Minderheitsreehten Gebrauch zu machen. Sie riehen es vor, mit dem polnischen Volke für den Aufbau des Staates zusammenzuarbeiten.“ Herr Rabbiner Horowitz behauptet also implizite, daß die Bestrebungen der nationalen Minoritäten, z. B. der Deutschen in Polen, einem gesunden polnischen Staate und einer festen Reperung zuwider laufen. Wese Behauptung wird bisher nur von polnischen Nationalisten vertreten, von allen Vertretern einer freiheitlichen Politik dagegen, sowie vor allem von den Vertretern der nationalen Minderheiten selbst auf das nachdrücklichste bestritten. Deutschland verlangt mit Recht, daß in Polen die Friedensverträge durchgeführt und den nationalen Minderheiten die Rechte zugebilligt werden, auf die sie Anspruch haben. Mit Recht betont die deutsche Politik — im Gegensatz zur ״C.-V.-Zeitung“ — daß ein gesunder Staat und eine gute Regierung nur möglich sind, wenn die Bedürfnisse der nationalen Minderheiten befriedigt werden. Wie kommt es, daß der C.-V. seine eigene frühere Stellungnahme in dieser Weise desavouiert, die deutschen ״nationalen Belange“ preisgibt und der minderheitsfeindlichen Politik Pilsudskis ein Loblied singt? Die Erklärung liegt auf der Hand: Die gemeinsame AbneigunggegendasNationaljudentumistso stark, daß sie diese seltsame Einheitsfront des Hüters deutscher Gesinnung mit dem Anhänger des deutschenfeindlichen Pilsudski- Mannes zustandebringt Natürlich geschieht dies nicht be- ־w tffrt •und ־nicht'in klartr Erkenntnis; Der C,*V. bemerkt sicher , gar nicht die fnkonsistenz seiner Haltung;. Wir wollen ihn auch gar nicht darum angreifen, denn es enthüllt sich hier ja nur ein Vorgang, der uns Nationaljuden nicht neu ist: In Wahrheit wird — wenn auch unbewußt — die Haltung von Juden, sogar von C.-V.-Juden, von jüdischen Motiven bestimmt, seien es nun positive oder negative jüdische Motive. Die Beurteilung der Minderheitenfrage ist zwiespältig, je nachdem, ob von deutsehen oder jüdischen Minderheiten die Rede ist. Aber das jüdische Motiv überwiegt: es ist dem C.-V. noch lieber, wenn Polen überhaupt keine Minderheitsrechte (also auch keine deutschen) gibt, als daß es Minderheitsrechte auch den Juden gäbe. Obwohl unter der — heute vielfach desavouierten — Führung von Eugen Fuchs der C.-V. vor mehr als zehn Jahren selbst dafür eingetreten ist, daß die Juden Polens ihre Lebensrechte als nationale Minderheit erhalten. Nach unserer Meinung hat die ״C.-V.-Zeltung“ mit dieser Darstellung der polnischen Fragen ihrer eigenen Sache einen schlechten Dienst erwiesen. Es ist unnötig, gerade jetzt in einem deutschen Organ der Pilsudski-Regierung ein Loblied singen zu lassen, wenn es auch gewiß falsch ist, diese Regierang einseitig im Lichte der deutschen Propaganda zu betrachten. Aber in den vergangenen zehn Jahren haben deutsche und jüdische nationale Minderheit in Polen oft zusammengearbeitet, sie hatten das gleiche Interesse an der Durchführung der Minderheiten-Politik der Friedensverträge. Die ״C.-V.- Zeitung“, die sich doch an die deutsche Oeffentlichkeit wendet, hätte hier eine Gelegenheit gehabt, auf Parallelen hinzuweisen, die gerade die deutsche Ostjudenhetze von einem höheren deutsch-politischen Gesichtspunkt aus als verwerflich und dumm erscheinen lassen. Sie hat es vorgezogen, ihren Lesern ein gefärbtes Bild der polnischen Verhältnisse vorzuführen; was Wun• der, daß sie über den — unstreitig auch bei den Nationaljuden vorhandenen — ״polnischen Patriotismus“ der Juden so begeistert ist, daß sie ihren Vertrauensmann im Namen des Ministers Zaleskl sogar erklären läßt, ״daß dank der guten Be- Ziehungen der Regierung zu den Juden der Antisemitsmus auch aus der Gesellschaft allmählich schwindet". Es gibt sicher Leser, die nunmehr mit Befriedigung feststellen werden, daß die Nachrichten, die die gesamte Weltpresse über die schauerliehe Lage der Juden in Polen bringt, offenbar falsch sind, da dies doch von Herrn Rabbiner Horowitz in einem jüdischen Organ versichert wird. Sicherlich wird Zaleskl auf Befragen auch versichern, daß die Lage der Deutschen in Polen nichts zu wünschen übrig läßt. Es ist schließlich sein Amt, solche Versicherungen abzugeben. Ob es aber Aufgabe einer Zeitung ״für Deutschtum und Judentum“ ist, solche Darstellungen zu verbreiten, müssen wir bezweifeln. Das Verhalten der C.-V.-Zeltung liefert einen guten Beitrag zur Psychologie der Assimilation. Es ist im Prinzip das gleiche Verhalten wie wenn der deutsche Faschismus dem italienischen über Südtirol hinweg die Hand reicht. Das ״Assimilanten aller Länder vereinigt euch“ ist ein Paradox, da ja die Assitnilanfen verschiedener Länder sich verschiedenen Nationen zurechnen, also keine gemeinsame Interessengrandlage haben, DieBejahung des Judentums allein kann Juden verschiedener Länder verbinden. Nur die Ablehnung des Nationaljudentums wäre ein zu schwaches Bindemittel. Zu welchen Trugschlüssen diese Inkon- Sequenz führt, zeigt das vorliegende Beispiel