Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 98 (12.12.1930)
- Date
- 1930-12-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite «58 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 98, 12. XTl 1030 jedoch von seinem Wert und seiner Realisierbarkeit ist dieser Plan ein interessantes Symptom dafür, daß heute auch von einzelnen Persönlichkeiten unter den Arabern versucht wird, von neuem an die palästinensische Frage heranzugehen und neue Wege zu ihrer Lösung zu suchen. Freilich ist von diesen tas;endcn Anfängen bis zu. organisierten Verhandlungen noch ein weiter Weg, besonders da die Geister auf beiden Seiten nicht genügend für neue Projekte vorbereitet sind. * Der Beginn der Orangenernte ist jedes Jahr eine kritische Periode für die sozialen Beziehungen im Jischuw. Das Pflücken der Orangen ist ein Arbeitszweig, in dem in den Kolonien bis in die jüngste Zeit in weitem Ausmaße arabische Arbeit herrschte. Der Grund dafür war bis vor kurzem vor allem In der Tradition zu suchen, die Frucht auf dem Baume zu verkaufen und die Ernte, Verpackung und Verschickung den Händlern zu überlassen. Da bis vor wenigen Jahren der Orangenhandel meist in arabischen Händen konzentriert war, lag es nahe, daß diese Kauflcute Araber beschäftigtcn, was unweigerlich zu Protesten der jüdischen Arbeiter führte. Im Laufe der letzten Jahre haben die Pflanzer aus verschiedenen Gründen, zum Teil unter dem Drucke der Arbeiter und der öffentlichen Meinung, Aenderungen im Ver• kaufe eingeführt. Es wurden in die Verträge Klauseln eingesetzt, die die Beschäftigung eines bestimmten Prozentsatzes jüdischer Arbeiter gewährleisteten. Auch übernahm ein Teil der Pflanzer selbst die Ernte und beschäftigte Juden im Akkord, was eine Teillösung bedeutete. Trotz aller Versuche ist aber in den letzten Jahren keine Orangenernte ohne größere oder kleinere Konflikte verlaufen, die gelegentlich große Schärfe annahmen. Die Dinge werden kompliziert dadurch, daß die Orangensaison die ״tote Saison“ in den Kolonien abschließt. Sie folgt auf Monate, wo Arbeitsmöglichkeiten rar sind und die Arbeiter daher in der Hoffnung auf die kommende Ernte sich Wochen und manchmal Monate hindurch auf diese und jene Weise durchschlagen müssen. In diesem Jahre kommt ein weiterer Faktor dazu. Die Neupflanzungen, die eine beträchtliche Anzahl von Leuten erfordern, haben zum großen Teil noch keinen Ertrag; sie bieten also auch keine Erntearbeit. Hier werden daher in dieser Zeit weitere Arbeitergruppen frei, die auf den Arbeitsmarkt drücken. Das gilt für die Teile der alten Kolonien, die in den letzten Jahren vergrößert und neu gepflanzt wurden und für einen Teil der Plantagen des Scharon. Man hatte zuerst geglaubt, daß es in diesem wie im vorigen Jahre gelingen würde, mit den Pflanzern Verträge für Akkordarbeit abzuschließen. Bei dieser Arbeitsform ist der Lohn meist gegen 20 Piaster, entspricht also dem sonst jetzt üblichen Kolonielohn. Viele Pflanzer lehnten jedoch diesen Modus ab mit der Begründung, daß sie sich dann auf hundert Prozent jüdischer Arbeit einstellen müßten, was sie nicht beabsichtigen. Viele von ihnen erklären, daß sie dieses Jahr in einer schweren Lage sind. Man fürchtet niedrigere Preise für die Frucht zu erhalten als sonst und muß gewärtigt sein, den Ausfall selbst tragen zu müssen. Denn die arabischen Händler, gewitzigt durch die großen Verluste, die sie Im vorigen Jahre durch falsche Spekulation bei den Orangen erlitten, kaufen dieses Jahr meist Weht die Frilchf arti Bätin, auäi tfleht pfö ICfete, sohdehi funktionieren nur als Kommissionäre, so daß der eventuelle Verlust vom Pflanzer getragen wird. Außerdem hat sich ein Teil der Kolonisten durch Neupflanzungen stark mit Kapital engagiert und ist heute, wo die Kredite eingeschränkt werden, darauf aus, soviel wie möglich zu sparen. Von den Neuanlagen kommt zwar dieses Jahr ein gewisser Teil zum Ertrag, jedoch wird diese Mehrernte nur auf gegen 100000 Kisten geschätzt, was gegenüber der Gesamtzahl nicht stark ins Gewicht fällt So werden eine Reihe von wirtschaftlichen Gründen von verschiedenen Pflanzern angeführt, die die Weigerung, höhere Löhne für Juden zu zahlen, begründen sollen. Und trotz aller Bemühungen und Proteste der Arbeiter sind heute bei der Ernte eine große Zahl von Arabern beschäftigt, die verschiedenen Nachrichten zufolge von weit her aus dem Lande geholt werden, während die Juden am Orte keine Beschäftigung finden können. Es ist leicht zu verstehen, daß dieser Zustand unter den Arbeitern eine große Erregung geschaffen hat, die noch durch die besonderen politischen Verhältnisse, die allgemein gespannte Stimmung und die schweren Erfahrungen der letzten Monate gesteigert wird. Man hat damit begonnen zu protestieren, Versammlungen abzuhalten, einen Druck auf die Kolonisten auszuüben. Der Waad Leumi hat* zu vermitteln versucht, die Verhandlungen ergaben jedoch kein Resultat Die Kolonisten verlangten zuerst einmal eine Herabsetzung der Löhne, wollten sich jedoch nicht für ein bestimmtes Maß jüdischer Arbeit als Gegenleistung verpflichten. Die Arbeiter haben schließlich an verschiedenen Stellen angefangen, gruppenweise zu den Pflanzern zu gehen und Arbeit zu fordern. Bei solchen Gelegenheiten ist es bereits in Ness-Zionah zu Verhaftungen gekommen und man bereitet sich auf neue Schwierigkeiten vor. Wenn diese Arbeitsdispute schon :11׳ normalen Zeiten eine Quelle der Komplikationen darstellten, so sind sie unter den gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen Bedingungen als gefährlich zu bezeichnen. Und bis heute ist eine Lösung nicht abzusehen. In der ״C. - V. - Z e i t u n g“ vom 5. Dezember bespricht Dr. Ludwig Holländer unter der Ueberschrift ״Sieg des C. - V. - G e d a n k e n s" die Ergebnisse der Berliner Gemeindewählen. Er stellt fest, daß cs sich um einen Kampf zwischen Zionisten und Antizionisten gehandelt habe, und der Sieg der Liberalen sei als ein Sieg der Antizionisten, daher als ״Sieg des C.-V.-Gedankens“ zu werten. Der Verfasser setzt sich sodann ausführlich mit dem in der ״Jüdischen Rundschau“ am 2. Dezember erschienenen Aufsatz von Kurt Blumenfeld auseinander. Wir verzichten darauf, heute auf die Ausführungen Dr. Holländers näher einzugehen, weil wir Herrn Blumenfeld nicht vorgreifen wollen, der selbst demnächst in dieser Sache das Wort ergreifen wird. Der neue russische Botschafter für Berlin, Leo Chintschuk, wurde 1868 als Kind jüdischer Elfern in Poltawa geboren. Als Juden waren ihm die russischen Hochschulen verschlossen. Er studierte in der Schweiz. Erst nach der Revolution trat er der kommunistischen Partei bei. Er gilt als einer der besten Wirtschaftler der Partei. In seiner letzten Sitzung hat der Waad Leumi beschlossen, die Wahlen zur Assefath Niwcharim vom 15. Dezember auf den 15. Januar 1931 zu verlegen. Zeitschriften - Schau Zur cnglisdicn Palästina-Politik Im ״M ercure de France“ (Dezemberheft) bespricht Kadmi-Cohen die ״Krise des Zionismus“ und tritt für die Veranstaltung eines Alljüdischen Kongresses ein, der die jüdischen Rechte in bezug auf Palästina wahrnehmen soll. Der Verfasser wirft zunächst einen kritischen Rückblick auf die letzten zehn Jahre politischer Entwicklung, in denen die englische Politik eine ununterbrochene Kette von Enttäuschungen gebracht hat. Auch den Gegensatz zwischen Juden und Arabern führt der Autor ini wesentlichen aut englischen Einfluß zurück. England habe den Zionismus nur dazu benützt, um Frankreich aus Palästina zu verdrängen. Jetzt sei die engtische Karte verspielt; der Zionismus habe seine internationale Unabhängigkeit wieder gewonnen und müsse neue Wege suchen. Zwar steht fest, daß das Endziel der zionistischen Politik eine Alliance mit England sein muß, inzwi* sehen aber muß ein energischer politischer Kampf geführt werden. Zuerst müsse eine völlige jüdische Einheitsfront hergestellt werden, was der Autor als durchführbar nach zuweisen sucht, dann müsse an die Organisierung des alljüdischen Kongresses geschritten werden, der aus der heutigen unrealen Jewish Agency eine wirklich aktive Körperschaft macht. Es müsse eine wirkliche konstituierende Versammlung sein, die die Politik der Juden festsetzt und die hierzu erforderlichen Instifutionen und Instrumente schafft. Für das politische Programm und die Institutionen hat der Autor selbst ausführliche Vorschläge in seinem gleichzeitig erschienenen Buch ״L’Etat d ’ I s r a e I“!Edition Kra, Paris) gemacht. Er erhebt also keine geringe Prätension, wenn er dem Buch denselben Namen gibt, den einst Herzl seiner ersten zionistischen Broschüre gab: ״Der Judenstaat“. Nach Kadmi-Cohen müsse klar proklamiert werden, daß das Ziel des Zionismus dieLösungdcrJudenfrage auf der ganzen Welt ist, denn nur bei Aufstellung eines so großen Zieles können die erforderlichen Mittel aufgebracht werden. Freilich müßten nicht alle Juden nach Palästina zurückkehren, aber die zurückbleibenden Teile des Judentums würden von der Last der jüdischen Solidarität befreit werden; durch deren Assimilation würden die jüdischen Minoritäten in den Ländern verschwinden und dadurch würde auch den inneren Kämpfen, die heute durch den Antisemitismus erzeugt werden, ein Ende gemacht werden. Da ein so großes Ziel aber nur auf einem großen Territorium erreichbar ist, müsse der Judenstaat vom Roten Meer bis an den Euphrat reichen, nicht nur das heutige Palästina, sondern auch Transjordanien, die Wüste Sinai, einen Teil des heutigen Syrien und des heutigen Irak umfassen. Da dieses Gebiet aber von Arabern bevölkert ist, muß von vornherein das Prinzip der völligen Gleichheit der beiden Nationen aufgestellt und durch einen dauernden Bundmitdenumgebendenarabischen Ländern gesichert werden. Diese Gedanken wer* den in Kadmi-Cohens Buch des näheren ausgeführt, auch ein Entwurf für eine Konstitution Palästinas wird dort gegeben. — Ohne hier In die Diskussion von Einzelheiten einzutreten, scheint uns ein bemerkenswertes Symptom, daß der Gedanke einer jüdisch-arabischen Föderation in verschiedensten Formen die jüdische Oeffentlichkeit beschäftigt. Es bricht sich die nach unserer Meinung richtige Erkenntnis Balm, daß eine Erleichterung der Judenfrage nur dann möglich ist, wenn für die Juden ein größeres Kolonisations- und Arbeitsgebiet im Vorderen Orient erschlossen wird, und daß ein solches Ziel jedenfalls nur im Einvernehmen und in Verbindung mit dem arabischen Volk erreichbar ist. . - - «, L'ö«f%.y \ .. ״Ein Dezennium Palästinamandat“ in der Von Friedrich Wilhelm Foerster herausgegebenen Halbmonatsschrift ״Die Zeit“ (Zeitbücher-Verlag, Berlin-Baumschulenweg), Erstes Dezember- Heft. Der Verfasser betont, daß England sich ausschließlich von seinen eigenen strategischen und imperialistischen Interessen leiten lasse. Palästina sei vor allem wichtig als Operationsbasis in einem Krieg gegen Rußland, sowie zur Sicherung des Suezkanals. Der Verfasser meint, daß konservative engtische4 Politiker sich mit dem Gedanken tragen, sich von den Lasten des Mandates zu befreien und Palästina einem größeren arabischen Reich einzugliedem, das einen Vasallenstaat Englands bildet und mit dem England freie Militärbündnisse schließen könnte, ohne der Kontrolle der Mandatskommission des Völkerbundes zu unterliegen. Auch Moskau habe die Bedeutung Palästinas erkannt und versucht, das Land als bolschewistisenes Einfallstor zu benützen. Diese Tendenzen haben bei Juden und Arabern Unzufriedenheit hervorgerufen, es entstand ein Zustand der Verwirrung und Stagnation, der das Entstehen von ״Streit um politische Nichtigkeiten“ begünstigte (Klagemauer). England habe völlig versagt in der Aufgabe, Palästina zu einem Versuchslande wirklicher VolkerbundspoTitik zu machen. Weder das Problem der Sprengung enger nationaler Begrenzungen, noch das von den Juden mit solchem Elan in Angriff genommene Problem der sozialen Neuschöpfung wurde ernsthaft behandelt. So kommt es, daß heute auch bei Arabern und Juden das Streben nach Macht und Kampfbereitschaft viel stärker ist als der Wunsch zu gemeinsamer Arbeit. Ebenso wie Loewy erhebt auch Hermann Kranold ln den ״Sozialistischen Monatsheften“ (November- Heft, ״Die Palästina-Politik der britischen Arbeiter-Regierung“) gegen die Engländer den Vorwurf, daß sie es in Palästina mit dem Grundsatz ״Teile und herrsche“ versucht haben. England habe das den Juden gegebene Wort in aller Form gebrochen und brutal ein Werk gestört, ״das ihm offenbar ganz gleichgültig ist, obwohl der Ministerpräsident selbst diesem jüdischen werk ein begeistertes Buch gewidmet hat, in dem er den jüdisehen Aufbau in Palästina als eine direkte Forderung des internationalen Sozialismus hinsteilt: was sich ln der Tat für jede« wirklichen Sozialisten, der dem Schaffenspostulat folgt, von selbst verstehen sollte“. Wenn Kranold hinzufügt, man werde Wedgwood wegen seiner prozionistischen Haltung wohl aus der Arbeiterpartei ausschließen, so scheint er uns freilich in der Beurteilung der Sachlage viel zu weit zu gehen. — Auf die weitere Kritik Kranolds an der britischen Arbeiterpartei, die ״an unseren sozialistischen Ideen gemessen durchaus keine sozialistische Partei ist“, haben wir an dieser Stelle nicht einzugehen. * Der ״Economist“ — eine der ältesten und geachtetsten englischen Wochenschriften — schreibt zur Unterhausdebatte: Die Rede Herbert Samuels verdiene höchstes Lob und die von der Regierung angekündigte Landentwicklungsanleihe sei als ein greifbares Zeichen guten Willens zu begrüßen, das bei dem jetzigen mißlichen Kassenstände besonders hoch zu veranschlagen sei und hoffentlich audi Juden und Araber zu neuen Versuchen fruchtbarer Zusammenarbeit ermutigen werde. * Der Londoner ״Spectator“ drückt seine Befriedigung über die verhältnismäßig ruhige Atmosphäre der Unterhausdebatte über Palästina aus und tadelt nur Lloyd George wegen seiner ungezügelten Ausdrucksweise; im übrigen imierstiit/t d 1s Blatt, wie bisher, weitgehend die Regierung. * Die Londoner linksstehende Wochenschrift ״The New Statesman“ schreibt zur Unterhausdebatte, die Regierung habe nur scheinbar ihr Weißbuch verteidigt, es in Wahrheit aber so stark modifiziert, daß nur die unversöhnlichsten Zionisten den Unterschied verkennen könnten. Unvermeidlicherweise sei aus dem Weißbuch Parteikapital geschlagen worden und das werde auch fernerhin gesehenen, bis die natürlichen jüdischen Befürchtungen zerstreut sein würden. Aber hoffentlieh werde dieser Zustand nicht andauern, da sowohl für England wie für die Juden daraus nur Schaden erwachsen könnte, insbesondere sollten d'.c Juden nicht etwa glauben, die Arbeiterpartei sei für dje Araber und die Konservativen für die Juden. Die Paläsiinapoiitik müsse überparteilich und kontinuierlich geführt werden, wenn das Mandat nicht zur tragischen Farce werden solle. Jede denkbare englische Regierung werde am Mandat festhalien; fraglich sei es allerdings, ob die jetzige Regierung das Majidat auch so durchführen werde, wie es die Zionisten mit Recht erwarten könnten. Aber versuciien würde sie es wohl. Was die geplante Landentwicklungsanleihe angehe, so hätten viele Leute den Kopf darüber geschüttelt, daß der britische Steuerzahler dafür aufkommen solle, und jedenfalls verdienten die Vorschläge Sir Herbert Samuels sorgfältigste Beachtung. Zweifellos zeige aber das Projekt das ernsth afte Bemühen der Regierung. Daß die Anleihe in erster Reihe zugunsten der Araber verwendet werden solle, sei kein berechtigter Einwand dagegen. Im Gegenteil, je gebildeter, gesünder und glücklicher die Araber seien, desto größer werde auch der Kredit der Jüdisehen Nationalen Heimstätte sein. Der Fehler des Weißbuchs liege nidit darin, daß es zu großen Nachdruck auf Besserung des Loses der Araber lege, sondern in der Annahme, daß Werzu eine Zurückdrängung der Juden notwendig sei. Der ״New Statesman“ wendet sich dann gegen den Pessimismus hinsichtlich des Mandats und hält die Schätzungen Herbert Samuels, daß Palästina in naher Zukunft zwei und etwa einer Generation drei Millionen Menschen ernähren könne, für wahrscheinlich richtig; auch dürfe man das stark untervölk erte Transjordanien nicht ver- Raum zu betrachten sei, in den niemand einwandern dürfe. Die wirkliche Schwierigkeit für die Regierung liege darin, daß sie das Vertrauen der Juden erst wieaergewlnnen müsse. Es sei zu hoffen, daß die im Gang befindlichen Besprechungen mit den Zionisten zum guten Erfolg führten, und daß die Zionisten vernünftig genug wären, sich nicht so sehr an das Weißbuch zu halten, aus an die ״Erklärungen und Er- Weiterungen“ aus der Unterhausdebatte. Wenn die Reden der Regierungsvertreter im Unterhaus nicht bloßer Schwindel seien, so müsse die sogenannte ״neue Politik“ äbgebogen werden, — zwar nicht, was die Förderung der Araber beträfe, wohl aber, was die zuerst beabsichtigte und jetzt hoffentlich aufgegebene Zurückdrängung der Juden anginge. Wenn mit dieser ״neuen Politik“ Araber und Juden zufrieden seien, so seien die Zukunftsaussichten Palästinas rosig. * Die New Yorker Wochenschrift ״TheNew Republic“ veröffentlicht einen ausführlichen Aufsatz des Zionisten Harold L o e b ״Zion für die Araber“, in dem betont wird, Baifour sei sich keineswegs über den Begriff der Nationalen Heimstätte im Unklaren gewesen; habe er doch die Hoffnung ausgedrückt, daß die Araber, die den Engländern die Befreiung von der Türkenherrschaft und die Unabhängigkeit des Hedschas verdankten, nicht über den kleinen Einschnitt in die jetzt arabischen Länder murren würden, den man den Juden gegeben habe. Ebenso deutlich habe sich Lord Robert ausgearückt und nicht zuletzt habe, auch -MacDajutld, damals freilich als Führer •der Oppo- Sitioni, f9S2 geschrieben: ״Wir ermutigten damals die Juden, uns zu helfen, durch das Versprechen, ihnen Palästina zur An- Siedlung und zur Regierung (for settleraent and government) zur Verfügung zu steilen.“ — Aus Loebs Polemik gegen das Weißbuch verdient besonders der Hinweis Jteachtung, daß es widersinnig sei, die starke arabische Vermehrung als Argument gegen die jüdische Einwanderung zu benutzen, weil ja die arabische Sterblichkeit erst durch die von aen Juden selbst eingeführte Hygiene so stark sinke! — Das Weißbuch verschließe nicht nur Palästina den Juden, sondern es belaste sie sogar mit der Aufgabe״ ein fremdes und ihnen feindliches Volk auf ihr eigenes Niveau emporzuheben! Das Mandat sei ursprünglich ein Versprechen an die jüdische Rass e mit einem Vorbeh alt zugunsten der bürgerliehen und religiösen Rechte der Araber gewesen; daraus habe die jetzige Regierung eine allgemeine Verant- Wörtlichkeit für die ökonomischen und sozialen Zustände der jetzigen palästinensischen Bevölkerung gemacht! — Loeb w׳eist dann ausführlich nach, wieviel Palästina den Juden bedeute und wieviel auch für die Kultur der Welt von einem jüdischen Palästina zu erhoffen sei, während es im höchsten Grade unwahrscheinlich sei, daß eine materielle Hebung des palästinensischen Fellachen zu einer Renaissance der arabischen Kultur führen würde. — Das Schlimmste sei aber, daß durch die Haltung des Colonial Office der Satz Norman Angells, daß Kriege sich nicht bezahlt machten, widerlegt worden sei; denn für die Araber machten sich die Massaker von 1929 bezahlt, — und zwar leider unter der Herrschaft diner Arbeiterregierang. * Dagegen nennt die ״Saturday Review“ Lord Passfields Ansicht, daß man die Araber auf das Niveau der Juden emporheben könne, ״wunderlich“, und bedauert wiederum die Ungeschicklichkeit Passfields, durch die Dr. Weizmann — der geachtetste Zionist der ganzen Judenheit — zum Rücktritt veranlaßt worden sei. Die Unterhausdebatte habe das Mysterium über den Sinn des Weißbuchs nur noch vergrößert. Die Anklage, daß das Weißbuch dem Geist der Balfour-Deklaration und dem Wortlaut des Mandates zuwiderlaufe, habe man ignoriert und habe so getan, als sei das neue Weißbuch nur eine Bestätigung des alten von 1922, obwohl es diesem tatsächlich nach Ansicht aller Unbefangenen widerspreche. Interessant ist die Stellungnahme der Wochenschrift ״N a - tion and Athenaeum“. Die Unterhausdebatte sei nicht geeignet, die durch das Weißbuch verursachte Unruhe zu beseifigen. Fast allgemein halte man das Weißbuch für u n v e r - einbar mit dem Mandat, und keine nachträgliche Ab- Schwächung der Ausdrücke durch Interpretation könne den Schaden wieder mitmachen. Es sei bedauerlich, daß die Regierung davor zurückschrecke, entweder ihre Politik noch einmal klarzustcllen, oder aber das Weißbuch der Mandatskommission zu unterbreiten. Inbetreff der praktischen Fragen (Ansiedlung und Einwanderung) seien die Ausführungen von Dr. Shicls zum großen Teil überzeugend gewesen, und seine Feststellung, daß die Araber die Beteiligung an einer Konferenz am runden Tisch mehrfach abgelehnt hätten, entkräfte einen der Hauptvorwürfe gegen die Regierung. Vielleicht seien die Differenzen zwischen Juden und Arabern unversÖhnbar, und das Mandat könne nur verwirklicht werden, wenn man in separaten Aktionen einmal dem einen und ein andermal dem anderen Teil beispringe. Aber Herbert Samuel habe ganz recht mit dem Hinweis auf die (leUhren einer solchen oscillierendcn Politik, und es sei dringend zu hoffe::, daß die Regierung sich seinen Ruf nach einer Politik des Gleichgewichts, d. h. nach gemeinsamer Entwicklung, zu Herzen nehme.