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Jüdische Rundschau · 1930-12-09 · Heft 97 (9.12.1930) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 97 (9.12.1930)
Date
1930-12-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 6*4 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 97, 9. XII 1930 Tatsachen, die nicht weggeleugnet werden können. Es wird Pflicht und Aufgabe der liberalen Führer sein, ihre übereifrigen Hetzer zurückzupfeifen. Es darf nicht mehr Vorkommen, daß Unterschiede zwischen Juden und Juden gemacht werden. Wir werden mit allem Nachdruck und mit der größten Entschlossenheit dafür sorgen, daß die Gemeindeverwaltung frei bleibe auch von leisesten Spuren jüdischen Selbsthasses. * Wir haben in der ״J. R.“ ein Protokoll veröffentlicht, in welchem zwei Teilnehmer einer liberalen Versammlung in den Sophiensälen ihre Erlebnisse in dieser Versammlung sowie die Leiden, die sie dort erlitten und die Schläge, die sie dort erhalten haben, schilderten. In jenem Protokoll war auch angegeben, daß der liberale Saalschutz sieh aus Reichsbanner-Leuten, darunter nichtjüdiscfien, zusammensetzte. Herrn Martin Schneider, liberalem Kandidaten und einem der Referenten in jener Versammlung, wurden im erwähnten Protokoll Ausrufe in den Mund gelegt, die Herr Schneider dann in einem Briefe an uns bestritt. Ferner verwahrte sich Herr Schneider gegen eine Bemerkung in der ״J. R.“, der zufolge er angeblich seiner Verwunderung Ausdruck gegeben haben sollte, wie man als fortschrittlicher Jude im 20. Jahrhundert noch Interesse für die Jüdische Gemeinde haben könne, lnhalt und Ton des Schreibens von Herrn Schneider halten sich in durchaus anerkennenswerten Grenzen, ferner stellt Herr Schneider mit Nachdruck fest, daß er immer jüdisch außerordentlich interessiert war, was er gern auch der Oeffentlichkeit, die durch die ״J. R.“ in anderem Sinne informiert wurde, zur Kenntnis bringen wolle. Herr Schneider fügte seinem Schreiben auch eine Liste der in jener liberalen Ver- Sammlung tätigen liberalen Ordner bei, aus der hervorgeht, daß nur Juden als Ordner verwendet wurden. Demgegenüber erhalten wir aber einen Brief seitens eines unserer Freunde, der sich in dieser Angelegenheit an den Bundesvorstand des Reichsbanners in Magdebürg gewandt hatte. Der Bundesvorstand beantwortete das Schreiben unseres Freundes mit folgenden Worten: ״Auf Ihr Schreiben vom 24. November d. J. erwidern wir, daß wir zunächst den Gauvorstand in Berlin wegen der in der ״Jüdischen Rundschau“ erwähnten Vorkommnisse zum Bericht aufgefordert haben. Wir sind schon von anderer Seite darauf aufmerksam gemacht worden, daß das Reichsbanner nicht den Versammlungsschutz hätte steilen dürfen, mußten aber auf die Schwierigkeiten hinweisen, die für uns entstehen, wenn eine jüdische Organisation, der überwiegend oder ausschließlich Republikaner angehören, um Stellung des Saalschutzes bittet, wir das ablehnen sollen. Unsere nichtjüdischen Kameraden sind natürlich über die internen Verhältnisse der jüdischen Verbände nicht genau orientiert und wir nehmen bestimmt ati, daß es unseren Berliner Kameraden nicht bewußt war, daß dort Juden gegen Juden geschützt werden sollten. Wir bedauern das Berliner Vorkommnis auf das tiefste und hoffen baldigst auf die Angelegenheit zurückkommen zu können und verbleiben Mit Genugtuung bringen wir unseren Lesern die Meinung des Bundesvorstandes des Reichsbanners zur Kenntnis. Es war für uns von vornherein Idar, daß in der Verwendung des Reichsbanners und besonders nichtjüdischer Mitglieder dieser Organisation zum Saalschutz in einer rein jüdischen Versammlung ein Mißbrauch des Reichsbanners gelegen war. Immerhin gibt der Bundesvorstand zu, daß er ״von anderer Seite“ dahin informiert wurde, daß auch nichtjüdische Mitglieder des Reichsbanners als Ordner in Anspruch genommen wurden. Die Liste des Herrn Schneider bezieht sich wohl nur auf die jüdischen Ordner in jener Versammlung; die Liste der nichtjüdischen Ordner steht noch aus. Aufrichtig gesagt, wir legen keinen Wert darauf, die einzelnen Namen zu kennen. Uns genügt, daß jene jungen Leute ihre Aufgabe gemäß dem ln Versammlungen in Deutschland geübten Brauch erfüllt haben. Hierbei sind jüdische Knochen zu Schaden gekommen. Und das hätte nicht Vorkommen sollen. * Ein ernstes Wort an den Verband der Ostjuden! Die letzte Nummer der ״Jüdischen Welt“ vom 1. Dezember teilt mit, daß die Exekutive des Verbandes im Berliner Wahlkampf Neutralität beschlossen und es den im Verbände vereinigten Gruppen überlassen habe, zu den Wahlen Stellung zu nehmen. Zunächst eine Feststellung: dieHaltungderExekutive des Verbandes der Ostjuden hat in keiner Weise den Ausfall der Wahlen beeinflußt. Oie Ostjuden haben zum allergrößten Teile, abgesehen von den wenigen hundert Stimmen, die für die Konservativen, den Klal Jisroel und den Demokratischen Block abgegeben wurden, für die Volkspartei gestimmt. Mit allem Nachdruck stellen wir noch einmal fest: Wir kennen weder Ostnoch Westjaden, sondern nur Juden! Wir verstehen sehr gut, daß die Ostjuden zur Wahrung ihrer Interessen einen Ostjuden- Verband geschaffen haben, müssen es aber entschieden ablehnen, daß die Ostjuden in einer Körperschaft, die alle Juden umfaßt, wie in der Gemeinde, als Ostjuden auftreten. Wir bekämpfen mit allem Elan jede deutsche Liste, jede überflüssige Hervorkehrung des Deutschtums in jüdischen Körperschaften und müssen uns mit ähnlicher Entschiedenheit dagegen wehren, daß die öffentlichen Körperschaften Tribünen von Gruppen werden, die ihren besonderen Standpunkt auf Grund ihrer Herkunft hervorkehren! Ost Jude ist kein Ideal, Westj u d e ist kein ideal! Dieser Grundsatz sollte für alle bewußten Juden ohne Ausnahme gelten. Daß während der Oemeindewahlen durch Unstimmigkeiten innerhalb des Osfjuden- Verbandes leider nicht die Exekutive des Ostjuden-Vcrbandes alleinige Wortführerin zur Wahrnehmung der ostjüdischen Ansprüche innerhalb der Volkspartei war, bedauern wir auf das lebhafteste, müssen aber nach unserer Kenntnis die Verantwortung für diese Entwicklung von der Volkspartei abwälzen. In diesem Zusammenhänge noch ein Wort: Die Führer der Reichsexekutive des Ostjuden-Vcrbandes haben durch ihr Verhalten knapp vor dem Wahlkämpfe bewiesen, daß sie Männer höchster Verantwortung gegenüber dem jüdischen Gesamtwohl sind. Dies festzustellen erscheint uns als ein Gebot der Anständigkeit. Die volksbewußte Art, mit der die Reichsexekutive eine immerhin verfahrene Situation zu kurieren half, verdient uneingeschränktes Lob! * ״ Der ״W a h 1 e r f 01 g“ des Demokratischen Blocks ist nicht erheblich gewesen. Allerdings können die Führer des Blockes als Grund des völligen Mißerfolges angeben, daß sic vor der Wahl folgende Kundgebung an ihre imaginären Wähler erlassen haben: ״Achtung! Zum Zeichen des Protestes gegen die Schikanen und Ungerechtigkeiten, die wir von seiten der Vertreter der Jüdischen Volkspartei im Gemeindevorstand erfuhren und deren letzte die Streichung unseres Spitzenkandidaten war, beschloß der jüdisch-demokratische Block, sieh von der heutigen Gemeindewahl zurückzuziehen. Freunde und Feindei Der jüdisch-demokratische Block wird nun mit verstärkter Kraft an seine zielbewußte, systematische kulturelle und organisatorische Arbeit Herangehen“ Spitzenkandidat soll heißen Dr. A. Singalowsky. Zu diesem Block und zu Herrn Singalowsky muß ein ernstes Wort gesagt werden. Dr. Singalowsky, dessen persönliche Qualitäten allgemein bekannt sind, ist einer jener russisch-jüdischen Führer, die nach dem Zusammenbruch des russischen Reichs und dem Siege des Bolschewismus sozusagen Hirten ohne Herde geblieben sind. Man versteht, daß für Führer, die einst eine große Rolle gespielt haben, der Zustand, unter veränderten Bedingungen ohne jüdische Massen Führer bleiben zu wollen, mit vielen seelischen und auch äußeren Enttäuschungen verknüpft sein muß. Immerhin ist festzuhalten, daß Singalowsky und seine Freunde im ehemaligen Rußland jüdisch-national gewesen sin d und behaupten, es auch bis auf den heutigen Tag zu sein. Schließlich leitet Singalowsky den ORT, eine wohl neutrale, überparteiliche Organisation, die aber in den Ländern ihrer eigentlichen Betätigung nichts unternehmen könnte, wenn sie nicht auf dem Boden des jüdischen Volkstums stehen würde. Daß der ORT in Deutschland bei assimilierten Juden Unter- Stützung findet, ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß diese assimilierten Juden in der Organisation des ORT ein willkommenes Werkzeug erblicken, gegen die bösen Zionisten zu kämpfen. Es ist begreiflich, daß Dr. Singalowsky bei der Wahrnehmung der ORT-Interessen sich weniger um den Animus seiner Förderer kümmert, als um die Vorteile, die für seine Organisation durch diese Förderung erfolgen. Die Aufstellung einer eigenen jüdischen Liste bei den Berliner Gemeindewahlen ist jedoch mehr als eine Duldung des bösen Animus seiner Förderer; das ist bereits eine direkte Unterstützung der Assinrilation gegen volksbewußtes Judentum, und das hätte Dr. Singalowsky in Anbetracht seiner Vergangenheit nicht tun dürfen, Schließlich haben wir menschliches Verständnis für alte Ressentiments, die aus ehemaligen Kämpfen zwischen Zionisten und Antizionisten in russisch-polnischen Städtchen erwuchsen. Wenn man aber derartige Ressentiments auf die Spitze treibt, so macht man sich lächerlich und unmöglich. Und das ist seitens Dr. Singalowskys geschehen. Seine engeren Freunde und Anhänger sind der gleichen Ansicht. Wenn sie das auch nicht öffentlich schreiben, so sagen sie das bei jeder Gelegenheit. s. n. Meinershagen in Whitechapel in einer jüdischen Massenversammlung in Whitechapel am 1. Dezember unter dem Vorsitz yon Rev. Perl zweig sprach der ehemalige politische Offizier der Palästinaregierung Col. Meinertznagen über die Palästina-Politik der englischen Regierung. Meinertzhagen begründete ausführlich die Anschauungen, die er bereits in seinem Briefe an die ״Times“ vom 21. November ausgesprochen habe, den wir in Nr. 93 der ״J. R.“ wiedergegeben haben. In diesem Briefe hatte er bekanntlkh einen Ausspruch Balfours zitiert, die Juden müßten in Palästina als ״meistbegünstigte Nation“ behandelt werden. In seiner Rede führte Meinertzhagen aus, im Sinne des Staatsrechts bedeute ״meistbegünstigt“ keineswegs eine privilegierte Vorzugsstellung, sondern es sei damit gesagt, daß die betreffende Nation alle Vorteile genieße, die einer anderen in dem betreffenden Lande zugestanden werden. Dies sei aber in Palästina nicht der Fall gewesen, denn man könne nicht sagen, daß die Juden von der britischen Politik dieselben Vorteile gehabt haben, wie die Araber. Im zweiten Teil seiner Rede erging sich der Redner in heftigen Angriffen gegen die Arbeiterregierung und Lord Passfield und forderte schließlich die Versammlung auf, gegen die Arbeiterpartei zu stimmen. Auch in einer Reihe anderer Versammlungen vor der .Wahl in Whitechapel wurde die Palästinapolitik ausführlich diskutiert, u. a. in einer Rede Amerys, der für den Konservativen, und in einer Rede LI o y d G e 0 r g e s , der für den Liberalen cintrat. In unserem Bericht über das Wahlergebnis in der vorigen Nummer der ״J. R.“ hat sich ein unliebsamer Druckfehler eingeschlichen, den aufmerksame Leser freilich selbst kontrollieren konnten: Die Stimmenzahl des Konservativen betrug nicht 7335, sondern 3735 (gegenüber 3417 bei der letzten Wahl). Eine Rede Snells Im Anglo Palestine Club in London hielt Harry Sn eil einen Vortrag über das Mandat, worin er zunächst darauf hinwies, daß in England am wenigsten Antisemitismus besteht und England gegenüber den Juden stets vorurteilslos war. Manche führende Juden Englands aber haben jetzt versucht, aus der schwierigen internationalen Frage Palästinas Parteikapital zu schlagen, wodurch leider die auf der anderen Seite stehenden Leute aufgereizt werden. Snell befaßte sich dann ausführlich mit dem Begriff des Jüdischen Nationalheims gemäß Weißbuch von 1922 und kritisiert dann die gegenwärtige Palästinapolitik. Das Nationalheim könne nicht fn sechs Tagen aufgebaut werden, sondern müsse organisch wachsen und erfordere Geduld und Disziplin. Die Juden haben in den letzten zehn Jahren außerordentliche Fortschritte gemacht und sie müßten die Sympathie der Völker, die die staatsmännische Kunst ihrer Führer ihnen gewonnen hat, richtig auszunützen verstehen. Er schließt mit der Ver- Sicherung, daß das britische Volk seinen Verpflichtungen gegenüber den Juden gerecht werden wird. * In einer Versammlung in Manchester sprach der bekannte liberale englische Journalist H. D. Nevinson über die Weißbuch-Politik. Er sagte, es gäbe zwei Stellen in dem Weißbuch, die einfach fürchterlich sind: Die eine, daß jüdisehe Einwanderung verboten werden soll, wenn man glaubthaft machen könne, sie verursache Arbeitslosigkeit unter den Arabern, und die andere, daß bei freigemachten Böden der ״landlose Araber“ das erste Anrecht habe. Aber abgesehen von diesen beiden schlimmsten Stellen sei der ganze Ton des Weißbuches ausgesprochen antijüdisch. Prof. Samuel Alexander, der den Vorsitz führte, erklärte, das ganze englische Volk ohne Rücksicht auf die Parteistellung müsse in Palästina gleiches Recht für alle und Durchführung des Mandates verlangen. Ussischkin ist am 4. Dezember in New York ein-;etraffen, um die Keren Kajemeth-Kampagne zu leiten. Er latte einen begeisterten Empfang. Waad Leumi zur politischen Lage Ein Referat Kischs über die Verhandlungen. Jerusalem, 3. Dezember (J. T. A.) Der Waad Leumi hat in einer achtstündigen Sitzung unter dem Vorsitz von Pinchas Ruthenberg über die politische Situation beraten und insbesondere zu den Verhandlungen zwischen Regierung und Jewish Agency Stellung genommen. Colonel Kisch erstattete einen Bericht über die politischen Vorfälle in London im Laufe des verflossenen Monats. Er erklärte, im Verlauf der Verhandlungen der Regierung mit der Jewish Agency zum Zwecke der Erzielung eines Uebereinkommens sei die Politik des Weißbuches nicht diskutiert worden. Die Nachricht, daß Felix Warburg dafür eingetreten sei, daß das Weißbuch zur Grundlage der Verhandlungen gemacht werde, sei unrichtig. Die Tatsache scheint paradox, daß Wcizmanns politische Führung niemals so kraftvoll gewesen sei wie in der Zeit seiner Demission. Die Veröffentlichung des Communiques MacDonalds über die Einberufung der Verständigungskonferenz sei hauptsächlich auf den Eindruck der Kritik des Weißbuches durch Lord Hailsham und Sir John Simon zurückzuführen. Die Jewish Agency habe im Verlaufe der Verhandlungen ei n gesehen, daß die Regierung nicht in der Lage sei, ihr Dokument zurückzuziehen, versuche aber trotzdem, die Regierung von der Unvereinbarkeit der Bestimmungen des Weißbuchs mit dem Mandat zu überzeugen. Eine Voraussage darüber, ob eine Verständigung erreicht werden wird, wäre verfrüht. Colonel Kisch sprach Lloyd George und dem ehemaligen Kolonienminister Amery für ihre Reden in der Palästina-Debatte, durch die die Regierung und einflußreiche Unterhausmitglieder aller Parteien in zionistenfreundlichem Sinne beeinflußt wurden, den Dank des Waad Leumi aus. Er hob ferner den starken Eindruck der Rede Sir Herbert Samuels hervor und erwähnte die bemerkenswerte Anregung von Sir Walter Elliot, die Verwaltung Palästinas der Kontrolle des Kolonialamtes zu entziehen und dem Außenministerium zu unterstellen. Kisch richtete an den Waad Leumi den Appell, sich geschlossen hinter Weiztnann zu stellen, wie es dessen alter Gegner, Julian W. Mack, gefordert habe. Schließlich erklärte Kisch, es sei kein Grund vorhanden, die Kooperation mit England nicht weiter fortzusetzen. Wenn England erkläre, es wolle die Rechte und Interessen der Araber gegenüber den Juden schützen, so müsse darauf hingewiesen werden, daß auch die Juden mit ihrem Aufbauwerk keinerlei Ungerechtigkeit gegen irgend jemand verbinden wollen. Ueber die Tagung des Aktions-Comites berichteten Dizengoff, Remtz und Professor Mossinson. Da die erwartete Antwort der Regierung auf die Ausführungen Weizmanns in der Verständigungskonferenz bis zum Schlüsse der Sitzung nicht eingetroffen war, wurde einstimmig bcschlossen, daß der Präsident des Waad Leumi, Pinchas Ruthenberg, sich nach London begeben solle, um sobald als möglich an den Verhandlungen der Jewish Agency und der englischen Regierung teilzunehmen. Ruthenberg zeigte sich nur mit Widerstreben und unter der Voraussetzung, daß die Antwort der Regierung günstig ausfällt und die amerikanisehen Delegierten, Prof. Frankfurter und Flexne r, ebenfalls nach London kommen, hierzu bereit. Die Stellungnähme der Mitglieder des Waad Leumi zur yerständigungskonferenz war geteilt. Während die allgemeinen Zionisten, der Misrachi und die Vertreter der Kolonisten sich gegen Verhandlungen aussprachen, solange das Weißbuch in Kraft sei, setzten sich die Vertreter der Arbeiterpartei nachdrücklich für die Entsendung Ruthenbergs ein. Nach der Erklärung Ruthenbergs, daß er bereit sei, nach London zu fahren, verließen die Vertreter der Revisionisten demonstrativ die Sitzung. Jerusalem, 3. Dezember. (J. T. A.) Im Hinblick aut die Verzögerung der Abreise seines Vorsitzenden Pinchas Ruthenberg nach London hat der Waad Leumi vor einiger Zeit die in London weilenden palästinensischen Arbeiterführer Dr. Chaim Arlosoroff und Berl Katzenelson provisorisch mit der Wahrung seiner Interessen bei den Verhandlungen zwischen Regierung und Jewish Agency betraut. Nunmehr hat Ruthenberg die Vertreter des Waad Leumi angewiesen, an den Verhandlungen nicht weiter teilzunehmen. Lord Melchett Lord Melchett hat der English Zionist Federation mitgeteilt, daß er aus Gesundheitsrücksichten den Vorsitz der E. Z. F. niederlegen müsse. Er hat diesen Entschluß bereits am 12. Dezember 1929 mitgeteilt, jedoch auf Bitten der englischen Zionisten den Rücktritt um ein Jahr aufgeschoben. Nunmehr hätten ihm aber seine ärztlichen Ratgeber die größtmögliche Einschränkung seiner öffentlichen Tätigkeit befohlen. Gerade in dieser schwierigen Zeit müsse der Präsident der English Zionist Federation eine aktive Kraft sein, und daher sei es nötig, einen anderen zu wählen. Lord Melchett spricht den Wunsch aus, daß dieser sein Brief publiziert wird, um nicht falschen Gerüchten über die Gründe seines Rücktritts Nahrung zu geben. (Die Präsidentschaft Melchetts in der English Zionist Federation war ohnedies nur nominell. Er hat keineswegs die Geschäfte der Landesorganisation in dem Sinne geführt, wie es gewöhnlich die Aufgabe eines Präsidenten eines Landesverbandes ist. — A. d. R.) Reorganisation der Immigrations-Kontrolle? Im Zusammenhang mit den Vorschlägen des Simpson-Bcriehtes soll, wie die palästinensische Presse berichtet, eine Reorganisierung des lmmigrationsdepartments der Regierung erfolgen. Zunächst soll das Department von der Polizeiverwaltung, mit der es bisher zusaminenhing, abgetrennt werden. Dem Department sollen künftig die Grenzüberwachungsstationen an den verschiedenen Grenz- Übergängen unterstellt werden. Außerdem soll eine besondere Abteilung errichtet werden, die sieh mit den Fragen des A r - beitsmarktes beschäftigt und die Tätigkeit der Regierungs-Arbeitsnachweise überwacht, die ebenfalls von Simpson vorgeschlagen worden sind. Innerhalb des polnischen Zionismus ist nach den letzten Sejmwahlen ein heftiger innerer Streit ausgebrochen, da in Kongreßpolen nur zwei zionistische Mandate errungen wurden, und zwar die von Grünbaum (Warschau) und Rosenblatt (Lodz). Nun behauptet der Misrachi-Führer Farbstein, auf Grund bestehender Abmachungen müsse ihm eines der beiden Mandate zufallen, daher müsse einer der beiden Gewählten zu Farbsteins Gunsten zurücktreten. Aber sowohl die Warschauer als auch die Lodzer Zionisten haben gegen den Rücktritt ihres Abgeordneten Steilung genommen. Da Farbstein trotz mehrfacher an ihn gerichteten Bitten seinen Anspruch aufrecht erhält, ist der interne Konflikt bisher keineswegs bdgelegt.

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