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Jüdische Rundschau · 1930-12-05 · Heft 96 (5.12.1930) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 96 (5.12.1930)
Date
1930-12-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 98, 5. XTI.!930 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 849 Schalom Asch Zu »einem 50. Geburtstag Von Sch, Qore 1 ik. Für das europäische ebenso wie für das west jüdische Leserpublikum ist Schalom Asch der Weitaus bekannteste Reprisentant der jiddischen Literatur. Kein anderer Schriftsteller unserer zweisprachigen Literatur ist so viel übersetzt worden wie er. Zwar trat nach dem Kriege hierin eine längere Pause ein, aber durch die jüngst erfolgte Ausgabe seiner Trilogie: Petersburg- Warschau-Moskau (Verlag Paul Zsolnay) wurde Asch wieder einem breiteren europäischen Leserkreis zugeführt. Die schriftstellerische Produktivität Schalom Aschs Ist, besonders in den letzten Jahren, von beachtenswerter Mannigfaltigkeit. Durch seine Romane, Dramen und Novellen soll der Vorwurf entkräftet werden, daß der jiddischen Literatur, was das Stoffliche, die Thematik anbetrifft, eine gewisse Monotonie eigen sei. Asch versuchte, die Grenzen zu sprengen und wagte sich an immer größere Aufgaben. Er, der eigentlich nur Romantiker, Idylliker, ja Sentimentalist ist, wollte auch Problematiker und Großstadtschilderer sein. Für die Mängel, die die moderne jiddische Literatur aufweist, fühlte sich Asch sozusagen verantwörtlich, und so versuchte er, diese Mängel aus der Welt zu schaffen, indem er seinen Fleiß verdoppelte und eine erstaunliche geistige Regsamkeit entfaltete. Erließ die Kritik den Ruf: ״Lest Graetz“, d. h. kümmert euch in eurer Kunst weniger um das Gestern eures Städtchens, taucht lieber unter in die jüdische Vergangenheit, dann bekundete Schalom Asch sofort seine Bereitschaft dazu, und es folgten Bücher wie: ״Ein Glaubensmartyrium" und ״Die Zauberin von Kastilien“. Führte man Klage darüber, daß der groß angelegte Roman, der Oesellschaftsroman sozusagen, fehlte —, Schalom Asch machte sich mit Eifer daran, diese Lücke in der jiddischen Literatur aus zufüllen. Die schon erwähnte Trilogie legt Zeugnis von diesem seinem Eifer ab. Beschweren sich Nörgler und verwöhnte Leser über die merkwürdige Tatsache, daß ein jiddisches Buch tneistens ein ״stummes Buch“ sei, in dem Sinne nämlich, daß fast niemals ein jüdischer Held zu Worte kommt (wo doch Juden zu reden lieben), nun, Schalom Asch nimmt die Beschwerde entgegen. Er schafft Hilfe und sorgt in seinen letzten Büchern für eine ziemlich ausgiebige Konversation. Sie verläuft nicht so wie in den Romanen von Proust, Gide, Huxley. Aber wieviele gibt es denn, die sich so umfassender Bildung und Schärfe des Geistes wie diese Meister sie besitzen, rühmen können? So produktiv der Wille Schalom Aschs ist, die Bezirke der jiddischen Literatur zu erweitern, so ist doch die Quelle seiner Popularität im jüdischen Volke eine andere. Schalom Asch ist und bleibt ein Idylliker, er ist der Gestalter jener frommen und patriarchalischen Welt, die in den Schöpfungen ״A Stadt!“ und ״Schloime Nogid“ ihren Ausdruck fanden. Diese Bücher sind es vor allem, die Schalom Asch einen dauernden Ruhm sichern, und an sie wird der jüdische Leser hauptsächlich denken, wenn er dem Dichter zu seinem 50. Geburtstag die gebührende und verdiente Huldigung zuteil werden läßt Es muß auch bei dieser Gelegenheit noch seiner außerliterarischen Wirksamkeit gedacht werden. Schalom Asch ist ein Mann des jüdischen Volkes und alle Volksangelegenheiten sind seinem Herzen nahe. Er, der selbst Palästina besucht und dort mit Bialik den ,,Sprachfriedea't zwischen Hebräisch *und , Jiddisch anzubahnen unternommen hat, ist ein begeisterter Freund unseres Palästinawerkes. Bei der Gründung der Jewish Agency und wiederholt in diesem schweren Jahre hat er seine Stimme erhoben, um den jüdischen Massen, die auf ihn hören, Mut zur Fortsetzung des großen Werkes zu geben. Ein aus der Volkskraft schöpfender Künstler, ist er den Nöten des Volkes verbunden und das Volk dankt es ihm auch an dem Tage, da er auf der Höhe seiner Schaffenskraft als Fünfzigjähriger Gegenstand von Ehrungen der gesamten literarischen Welt ist. Ehrungen Ifir Schalom Asch Anläßlich des 50. Geburtstages von Schalom Asch veranstaltete der Wiener Pen-Club ein Festbankett, an dem Schalom Asch selbst, Vertreter der österreichischen Behörden und des diplomatischen Korps, sowie zahlreiche Persönlichkeiten aus literarischen und Kunstkreisen teilnahmen. Den Trinkspruch auf Schalom Asch brachte Franz Werfel aus. Führende Mitglieder des Wiener Burgtheaters lasen aus Aschs Werken. — Der jiddische Pen-Club in Polen hat die letzte Dekade Dezember ais Jubiläumsdekade zu Ehren von Schalom Asch proklamiert Zu dieser Zeit werden in ganz Polen Jubiläumsfeiern, Festvorstellungen In den Theatern, Vorlesungen aus den Werken Schalom Aschs und andere Veranstaltungen stattfinden. Das Direktorium des Keren Hajessod hat an Schalom Asch folgendes Glückwunschtelegramm gesandt: ״Dem Meister der jüdischen Literatur, dem klassischen Schiklerer der jüdisehen Not, dem stolzen Juden, dem bewährten Freunde Erez- Israels senden zum 50. Geburtstag die herzlichsten Glückwünsche (gez.) Arthur Hantke Leib Jaffe.“ Die Statistik der deutschen Juden. Soeben erschien im Akademie-Verlag das erste Werk ihrer Sektion für Statistik, ״Die Bevölkerungs- und Berufsverhältnisse der Juden im Deutschen Reiche, 1. Freistaat Preußen“, von Professor Dr. Heinrich Silber gleit, Direktor a. D. des statistischen Amtes der Stadt Berlin und Mitglied des Internationalen Statistischen Instituts. Die amtlichen Materialien des Preußischen Statistischen Landesamtes liegen dem Werke zugrunde. Der Preußische Landesverband Jüdischer Gemeinden, die Gemeinde Berlin und andere Großgemeinden haben erhebliche Opfer für die Zusammenstellung dieser Materialien gebracht, die größten allerdings die Akademie selbst mit der redaktionellen und publizistischen Leistung. Silbergleits Werk zerfällt in Text- und Tabellenteil. Der erste bringt Grundlegendes Über die geschichtliche Ent- Wicklung und die räumliche Verteilung der jüdischen Bevölkerung in Preußen seit 1812, über die Entwicklung seit der letzten Friedensvolkszählung und über die jüdischen Reichsausländer. Es behandelt Geschlecht und Altersgruppen, Alter und Familienstand auf Grund der letzten Volkszählung von 1925 und endlich die berufliche Gliederung unter Berücksichtigung der großen Berufsgruppen und der Einzelberufsschichten, der Selbständigen, der Angestellten, Arbeiter, mithelfenden Fami- Henangehörigen und Hausangestellten. In den Textteil sind drei farbige Tafeln und 45 Uebersichtstabellen eingefügt. Das eigentliche Tabellenwerk bringt in Zahlen: Die Jüdische Wohnbevölkerung am 16. Juni 1925 nach Altersjahren und Familien* stand im Freistaat Preußen, in den einzelnen Provinzen, den einzelnen Großstädten und den Großstädten zusammen; ferner die jüdischen Erwerbstätigen nach Wirtschaftsgruppen und Berufen im Freistaat Preußen und in der Stadt Berlin. — Das fundamentale Werk wird von der Akademie weiter fortgeführt Nach einem Jahre wird Band II, ״Die irichtpreußJscfen Länder“, erscheinen. Brief aus Stuttgart Von unserem Berichterstatter. Der Auftakt zu den jüdischen Veranstaltungen dieses Winters stand unter dem Zeichen von Erez-Jisroei. Der Landesausschuß für das jüdische Palästinawerk hatte am 18. Oktober zu einem Vortragsabend eingeladen, auf dem ein Nichtzionist, Dr. EduardStrauß, Frankfurt, und ein Zionist, Dr. A d 01 f Friede mann, Amsterdam, gemeinsam in fesselnden Reden erörterten, was ״die deutschen Juden und der Pa - lästina-Aufbau“ miteinander zu tun haben. Der Ruf der Redner hatte eine zahlreiche Zuhörerschaft herbeigezogen. Der ebenso warmherzige als geistvolle, bekenntnishafte Bericht, den Ed. Strauß von seiner eigenen Entwicklung gab, wie ihm Palästina im Lauf der Jahrzehnte aus einem Denkproblem zur lebendigen, Entscheidung fordernden Wirklichkeit geworden, wurde durch die kluge, die doppelte Bindung des Juden an Vaterland und Mutterboden deutlich machende Rede Friedemanns glücklich ergänzt. Ed. Strauß ließ seine Worte ausklingen m den Hinweis auf die Verantwortung unserer Generation, die einmal vor dem Forum der Geschichte werde Rechen- Schaft ablegen müssen, ob sie das Gebot der Stunde erfaßt habe oder nicht. Der starke Emst solcher Worte blieb nicht ohne Widerhall in den Herzen seiner Hörer. Auf der anderen Seite machte eine scharfsinnige Bemerkung Ad. Friedemanns über den Sinn von Apologetik und Abwehr einerseits, Aufbau und Arbeit im eigenen Hause andererseits, starken Eindruck: in der moralischen Buchführung der Umwelt komme alles Positive, was ein Jude für die Kultur der Völker leiste, ins Haben der Völker, nicht etwa der Juden. Einstein ist der deutsche Gelehrte, andere sind deutsche, französische, italienische, englische Künstler, Erfinder, Staatsmänner — als Juden bucht sie nur der Jude in seiner Privatrechnung. Geschieht aber irgendwo etwas Tadelnswertes oder Aergerliclies durch einen Juden, so ist es nicht das Volk seiner Umwelt, sondern stets und überall das Judentum, zu dessen Lasten dieser Sollposten verbucht wird. Palästina ist der einzige Ort der Erde, wo alles jüdische Tun oder Unterlassen ohne Rest ins Schicksaisbuch des Judentums eingeschrieben wird. (Welche Folgerungen sich aus diesem Argument nicht nur für den Aufbau als Problem für den Außenstehenden, sondern fast mehr noch für die wirkliehe Palästina-Arbeit in politischer und sozialer Hinsicht erfeben, blieb an jenem Vortragsabend unerörtert und sei auch ier nur angedeutet.) Ueber den nicht unbefriedigenden Erfolg der unmittelbar darauf, unter dem frischen Eindruck der Veröffentlichung des Weißbuches der englischen Regierung durchgeführten Sammlung wurde von anderer Seite bereits berichtet. Das Lehrhaus hatte im Rahmen seiner Vortragsreihe über das Judentum und die Welt der Gegenwart Dr. Hans Kohn, Jerusalem, zu einem Vortrag ״Der neue Orient und das Judentum“ berufen, der das gespannte Interesse der zahlreichen Zuhörerschaft fand, und mit Recht als eine der wertvollsten Veranstaltungen des Lehrhauses bezeichnet worden ist. An Hand eines Vergleiches mit der für jeden nachprüfbaren, raschen Entwicklung des Judentums, in dem das Mittelalter seine Geschichtszeit jahrjundertelang überdauerte, zur Individualisierung zur Säkularisierung und schließlich zum Nationalismus, machte er die gewaltigen Wandlungen deutlich, in denen wir gegenwärtig die ganze Welt des Orients schicksalhaft verstrickt sehen. — In einer am gleichen Tag abgehaltenen Veranstaltung des Jugendrings zeichnete Hans Kohn ein anschauliches Bild der neuen religiösen Strömung unserer Zelt. Auch der zweite Vortragsabend des Lehrhauses, zu dem Dr. J. S t e i n b e r g, Berlin, berufen wurde, und der d i e Lage und die Perspektive der jüdischen Massea jn Sa wief rußland zum Gegenstand hatte,, wart «ne vorzügliche Leistung und fesselte die zahlreiche Zuhörerschaft bis zum letzten Wort. Die sachlichen Ausführungen gaben ein lebendiges Bild von der zwangsläufigen Entwicklung jeder Revolution von der begeisternden Wucht der Idee bis zum Erstarren in der logischen Unerbittlichkeit der Doktrin, die des Terrors nicht mehr entraten kann. Erschütternd das Bild des Elends der entwurzelten, in die Staatsmaschine nicht eingereihten jüdisehen Massen, die fast ein Drittel des russischen Judentums überhaupt ausmachen. Hervorzuheben aus der Fülle des Berichteten: keine sozialistische Gegenströmung konnte sich vor dem siegreichen Bolschewismus im Inland behaupten, nur die jüdisch-zionistische führt ein zwar verfolgtes, unterirdisches, aber nicht zu unterdrückendes Dasein. Endlich sei noch des neuen Jugendrings Erwähnung getan, der alle jüdischen Jugend vereine außer einigen orthoaoxer Richtung zunächst als Organisation, demnächst aber auch in einem gemeinsamen Jugendheim zusammenfassen will, und so für das jüdische Leben der Heranwachsenden Generation Gutes erhoffen läßt. M. . Die Wirtschaftskrise in Australien Folgen für die Juden Melbourne, 30. November. (J.T. A.) Die in Australien gegenwärtig herrschende Wirtschaftskrise trifft auch die jüdische Bevölkerung hart und legt der Arbeit der jüdischen Gemeinden und Wohlfahrtsinstitutionen bedeutende Hindernisse in den Weg. Zahlreiche Gemeinden sind nicht mehr in der Lage, ihre Rabbiner zu besolden, so daß diese genötigt sind, das Land zu verlassen. Unter anderen reist der Rabbiner der jüdischen Gemeinde von Ost-Melbourne, Rabbi Mestel, der früher Rabbiner der Gemeinde von Nottingham war, mit seiner Familie anfangs Dezember nach England ab. Die Rabbi Mestel von der Melbourner Jüdischen Gemeinde bewilligte Abfindungssumme von 1100 Pfund kann nur durch Aufnahme einer Hypothek auf das Synagogengebäude aufgebracht werden. Auch Rev. David Hirsen, der Rabbiner der Gemeinde von Adelaide, mußte sein Amt im vergangenen August niederlegen, weil die Gemeinde außerstande war, sein Gehalt zu bezahlen. In Brisbane hat die Gemeinde eine Kürzung des Gehalts ihres Rabbiners verfügt. Da dieser jedoch in die Gehaltsreduktion nicht einwilligte, wird eine gerichtliche Entscheidung notwendig werden. Zahlreiche andere australische Rabbiner mußten eine einschneidende Kürzung ihrer Bezüge hinnehmen. Die wirtschaftliche Situation in Australien ist so verzweifelt, daß der Zionistische Verband telegraphisch die Zu- Stimmung der Londoner Zionistischen Exekutive zu einer Erraißigung des australischen Schekelpreises auf einen Schilling eingeholt hat, da zu befürchten war, daß im Falle eines höheren Schekelpreises keine nennenswerte Anzahl von Schekolim zum nächsten Zionistenkongreß hätte abgesetzt werden können. Der australische Obstbau ist infolge von Ueberproduktion in eine so schwierige Lage geraten, daß die jüdische landwirtschaftliche Siedlung von Shepparton, die vorwiegend auf der Grundlage der Obstkultur autgebaut ist, in ihrem Bestände gefährdet erscheint Die australischen Obst- Vorräte sind so groß, daß sie den Bedarf des kommenden Jahres vollkommen decken könnten, und die Preise sind so gesunken, daß die Höhe der Produktionskosten die Obsternte unrentabel macht Ungeheure Mengen von Obst wurden auf den Bäumen gelassen und verderben. Hans Herzls Freitod Es werden jetzt Einzelheiten über den Freitod von Hans Herzl bekannt. Die vor einigen Tagen erschienene Oktober- Nummer der französischen Zeitschnft ״Menorah“ gibt den Brief eines Freundes der Familie Herzl, M. W. Stoipner, einer angesehenen und geschätzten Persönlichkeit in Bordeaux (er ist nicht russischer Konsul, wie einzelne Zeitungen behauptet haben) an Frau Trude Neumann, die zweite Tochter von Theodor Herzl, wieder, der sich über die ganze Ange- Iegenheit ausführlich ausläßt — Der Brief lautet in dortscher Uebersetzimg wie folgt: Ihr Bruder war hier gut angekommen; wir haben ihn an der Bahn erwartet, um ihn nach dem Krankenhaus zu bringen, damit er der Einsargtmg seiner verstorbenen Schwester beiwohnen sollte. Während dieser Zeit hat ein Depeschen- Wechsel meinerseits und des hiesigen österreichischen Konsuis mit London stattgefunden. Wir wollten Informationen aus London haben, ob die verstorbene Frau Pauline Hift- Herzl in Bordeaux beigesetzt oder nach Wien überführt werden sollte. Nach den aus London erhaltenen Weisungen fand die provisorische Beisetzung von Frau Hift am 16. Sentember, nachmittags 3 Uhr, hier statt. Unterdessen kam Ihr Bruder Hans öfter zu mir und hat mir unzusammenhängende Vorschläge unterbreitet. Er hatte den dringenden Wunsch, seine Schwester wieder lebendig zu machen. Er erzählte, daß er von einem katholischen Priester ein wundertätiges Bildmedaillon erhalten hätte, dieses wolle er auf den Körper seiner Schwester legen; er sei sicher, daß seine Schwester nicht tot sei, die Medaille würde sie bestimmt wieder zum Leben erwecken. Angesichts solcher Reden habe ich versucht, ihn zu beruhigen, indem ich ihm versicherte, daß seine Schwester wirklich tot sei, daß mehrere Aerzte den Tod amtlich konstatiert hätten, ebenso der Polizeikommissar, der der Einsargtmg beigewohnt habe. Leider war ihm seine Idee nicht auszureden. Er fuhr zur Staatsanwaltschaft und verlangte dort, daß man den Sarg seiner Schwester öffne. Die Staatsanwaltschaft hat ihn an das Polizeikommissariat verwiesen, dieses wiederum sagte ihm, er solle zum österretchischen Konsulat gehen. Sie entnehmen hieraus, daß sich niemand mit seinen anormalen Forderungen beschäftigen wollte. Sonnabend mittag war er noch einmal bei mir und sagte, daß er von seinem Projekt nunmehr Abstand genommen hätte. Da die Banken am Sonnabend nachmittags geschlossen hatten, konnte er seine englischen Pfunde nicht mehr in französisches Geld Umtauschen und so bat er mich, ihm 100 Pres, zu leihen, damit er sich einen schwarzen Hut kaufen könne. Ich habe ihm das Geld gegeben und er ging wieder weg. Später läutete er bei mir an und fragte, ob er den Großrabbiner von Bordeaux besuchen könne. Ich habe ihm gesagt, daß er das ohne Bedenken tun solle. Bis Mittwoch, den 16. September, 1 l!/a Uhr, hatte ich ihn nicht wieder gesehen und ich fing an, mich zu beunruhigen, telephonierte den österreichischen Konsul an, der ihn auch nicht gesehen hatte. Am selben Tage, 12V« Uhr nachmittags, sandte das Polizeikommissariat einen Schutzmann zu mir, der einen Brief brachte, von dem ich eine Abschrift hier beilege, in welchem Ihr Bruder mitteilte, daß er freiwillig aus dem Leben scheiden würde. In der Tat, am 15. September, abends, hat er sich in seinem Hotel durch einen RevoiverschuB getötet. Der Brief, den er an mich gerichtet hat, lautet wie folgt: Lieber Herr Stoipner! Ich fühle mich schuldig an dem Tod meiner Schwester und kann nicht weiterleben. Ich bitte Sie, meinen Leichnam in den Sarg meiner Schwester zu legen. Es ist darin noch Platz genug. Dann lassen Sie den Sarg nach Wien trgnsportieren. Wenn ,man aber nicht wffl, daß wir neben unsefem Vater auf dem Friedhof in Wien ruhen sollen, dann wäre vielleicht jetzt der Moment gegeben, den Sarg meines Vaters nach Palästina zu überführen. Mir scheint das eine ganz einfache Lösung zu sein. — Ich habe einen meiner Freunde gebeten, hierher zu kommen und wenn er kommt, soll man ihm die Regelung meiner Angelegenheiten übertragen. Die Kosten meiner Einsargung werden nur sehr gering sein. Ich habe meinem Freund auch wegen der 109 Frcs. geschrieben, welche ich Ihnen schuldig bin; er wird sie Ihnen zurückerstatten. Ihr ganz ergebener Hans Herzl. P. S. Wenn ich sterbe, so ist das meine eigene Schuld und ich habe niemanden anzuklagen. Mein Fall ist einer von denen, von welchen man sagt: wen die Oötter vernichten wollen, den machen säe erst wahnsinnig. — Ihnen selbst, mein Herr, werden bei der Korrektheit, mit welcher Sie Ihr Leben führen, solche Katastrophen erspart bleiben. (Deutsche Uebersetzung von Max Wolist ein er.) Eli FBiQifaitsplu Ifir |ttd!sche1 Wleieranflm Moskau. 1. Dezember. (J. T. A.) Die ökonomischstatistische Kommission von OZET hat einen neuen Fünfjahresplan für den sozialen Wiederaufbauder jüdisehen Bevölkerung in Sowjetrußland ausgearbeitet. Während die Zahl der selbsttätigen Juden vor zwei Jahren 1 098 000 betrug, beträgt sie heute 1 200030 und soll im Verlaufe der nächsten zwei Jahre auf 1 300000 gebracht werden. Nach den Berechnungen der Kommission wird im Jahre 1933 Sowjetrußland eine jüdische Gesamtbevölkerung von 2 853 000 Seelen aufweisen. Nationaler Sozialismus. Die ״Sozialistischen Mon ais hefte“ hatten vor kurzem die Vertreter aller Parteien zu einer Diskussion über natiqnalen Sozialismas in den Reichswirtschaftsrat geladen. Schon lange vor Versammlung*- beginn waren die Eitdaßtüren wegen Ueberfüliung geschlossen, ein Beweis, wie brennend das allgemeine Interesse für diese Frage ist. Der Sozialdemokrat Dr. K r a n o I d hielt das einleitende Referat, in dem er jedoch mit keinem Wort auf das zur Debatte stehende Problem hin wies, so daß die Frage des Chefredakteurs der ״Berlin am Morgen“, Dr. Frey, sehr berechtigt schien und vom Auditorium mit Heiterkeit und Zu- Stimmung aufgenommen wurde: ״Ich frage Sie, wie stellen Sie sich zum Nationalsozialismus?“ Die Antwort daraut gab Prof. Heller, wenn auch keineswegs eindeutig. Dagegen war sein öffentliches stolzes Bekenntnis zum Judentum sympathisch und unzweideutig. Auch polemisierte er mit Vehemenz und Logik gegen den Irrwahn des rassischen ״gottgewollten“, ״naturgegebenen* Schicksals und das ״mystische“ Dunkel des Nationalsozialisten Otto Strasser. Dieser bemühte sich, die Weltanschauung des Nationalsozialismus darzustelien. Was dabei herauskam, waren Gemeinplätze wie: Alles was vorhanden ist, gibt es“ (wörtlich) und wird von ihm bejaht. Strassers Rede war ein Ragout von Spengler, Nietzsche und Jugendbewegung. Was Nationalsozialismus ist, brachte Leo Lania klar zum Ausdruck, indem er das soziologische Fundament der nationalsozialistischen Bewegung darlegte, wo sich die Schicht des in den letzten Jahren enttäuschten Kleinbürgertums staut und durch falsche Versprechungen irregeführt wird. A. A.,

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