Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 93 (24.11.1930)
- Date
- 1930-11-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 93, 25. XI. 1930 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 027 Ein Hiob-Roman (״Hiob“ von Joseph Roth, Gustav Kiepenheuer-Verlag, Berlin) Von Sch. Oorelik. I. Ein Roman, der den Titel ״Hiob“ trägt, enthüllt von vornherein die Absicht des Autors und bereitet den Leser auf Dinge vor, die seine tiefste Anteilnahme erfordern. Man weiß, woran man ist, man weiß, daß die Häufung von Schicksalsschlägen eine Revolte des durch sie Betroffenen egen Gott und die Welt hervorrufen wird, und daß die allzu arte Prüfung letzten Endes durch eine entsprechende Vergütung, durch eine großzügige Satisfaktion abgelöst werden wird, damit der Revoltierende seinen Frieden wiedererlangt. Joseph Roths ״Hiob“ hat noch den Untertitel ״Der Roman eines einfachen Mannes“, was besagen will, daß wir es hier mit einem Manne zu tun haben, der weder an Besitz noch an Dialektik reich ist, ein Umstand, der geeignet ist, unser Mitgefühl nur noch zu steigern. Es handelt sich um den Melamed für kleine Kinder, Mendel Singer aus Zuchnow, auf den das Schicksal es besonders abgesehen hat. Das erste Zeichen davon, daß er auserkoren worden ist, Schläge zu empfangen, wurde mit der Geburt des vierten Kindes, des Sohnes Menuhim, gegeben. Menuliim wuchs heran, ohne die Fähig• keit zum Sprechen zu erlangen, und auch sonst war er ein Krüppel. Der Rabbi, an den sich Deborah, die Frau des Melamcds, um Beistand wandte, vertröstet auf die Zukunft, inzwischen sind die beiden älteren Söhne, Jonas und Sehemarjah, herangewachsen und tauglich für den Soldatendienst erklärt worden. Jonas, den es zu den Pferden, zum Stall, zur groben Arbeit zieht, geht mit Freude, dem Zaren zu dienen. Schemarjah aber flieht über die Grenze und wird in nicht allzu langer Zeit in einen erfolgreichen ״Sam“ in New York verwandelt. Bald muß auch Mendel Singer mit seiner Familie nach Amerika auswandem. Er muß es nicht, dem Gesetze jüdischer Soziologie folgend, nicht weil er dort einen Sohn Sam hat, sondern um seine Tochter Mirjam zu retten, denn Mirjam geht zu viel mit den Kosaken spazieren, die in dem Städtchen Zuchnow Quartier haben. So reisen sie denn nach Amerika, ohne Menuhim. Der bleibt bei Nachbarn, weil Krüppel in das glückliche Land nicht hinein dürfen. In Amerika aber lebt und gedeiht ein guter, fürsorglicher Sohn Schemarjah-Sam, der die Neuangekommenen tröstet, einordnet und versucht, sie an die neue Heimat zu gewöhnen. Da bricht der Weltkrieg aus. Sam, aus Dankbarkeit für das neue Vaterland meidet sich! als Freiwilliger. Er kehrt nicht mehr zurück. Die Nachricht, daß Sam gefallen ist, bewirkt den lötzlichen Tod Deborahs. Bald danach ist auch Mirjam unrettar verloren. Dies ist in kurzen Worten der Leidensweg des Kinder- Melameds Mendel Singer aus Zuchnow. Joseph Roth berichtet darüber in einer ruhigen, durch vornehme Gefaßtheit bemer* kenswerten Art. Der Roman eines ״einfachen Mannes“ verträgt auch keine Pathetik, und je stiller der Vortrag ist, desto ergriffener werden wir. Der Verfasser versteht es, den Leser 1m Banne des schlichten, bedauernswerten Helden zu halten und er erreicht dieses Ziel dadurch, indem er den Leser keinen Augenblick durch Schilderungen ablenkt, die nicht in direktem Zusammenhang mit dem Schicksal des Helden stehen. Auf diese Weise wird ein künstlerisches Asketentum erreicht, wie es nur selten zu treffen ist. Es gibt keine einzige Schilderung des jüdischen Städtchens Zuchnow, keine einzige Figur der dortigen Juden wird gestaltet. Es lernen bei Mendel Singer jüdische Kinder. Wo sind ihre Eltern? Wie leben sie? Mendel Singer feiert mit seiner Familie den Sabbat, und ' es ist so, als gäbe es keine Sabbat-Lichter auch in anaeren jüdischen Häusern. Dasselbe, wenn vom Leben und Leiden des Melameds In New York erzählt wird. Es wird nur so viel estreift und angedeutet, als es gerade notwendig ist, um über ie Leiden des Haupthelden zu berichten. Im Rahmen dieser gewollten künstlerischen Knappheit gelingt unserem Autor vieles, was tiefen Eindruck macht. Die Szene z. B., wenn Mendel Singer und seine Frau Deborah von ihrem Sohn Menuhim, dem Krüppel, der nicht mit nach Amerika darf, Abschied nehmen,, ist wahrhaft erschütternd; und ausgezeichnet, mit wenigen Strichen hingeworfen, der Irländer Mak, der Freund und Sozius Sams. seine Satisfaktion, es wird ihm eine angemessene Vergütung gegeben, und die Aussöhnung mit Gott ist erfolgt. Durch diesen Schluß wird das schöne Buch von Joseph Roth stark beeinträchtigt. Freilich, cs mußte wohl zwangsläufig so kommen, weil Roth seinem Roman den Namen ״Hiob“ gab und sich somit auf ein bestimmtes Programm in drei Akten festlegte. Frilz Sondheimer Vor einigen Tagen starb plötzlich in Frankfurt a. M. im Alter von 52 Jahren unser Gesinnungsgenosse Fritz Sondheim er. Der Verstorbene, der zu den angesehensten Juden Frankfurts gehörte, war einer der ersten, die sich in Deutschland der zionistischen Bewegung anschlossen. Jahrelang gehörte er dem Zentralkomitee der Z. V. f. D. an. Er war ferner Mitglied des Präsidiums des Keren Hajessod für Deutschland seit seiner Gründung. Noch am vergangenen Dienstag hat Sondheimer in Berlin an der Sitzung des Initiativ-Komitees der Jewish Agency teilgenommen. Kurz nach seiner Rückkehr nach Frankfurt ereilte ihn der Tod. Sondheimer gehörte auch als zionistisches Mitglied dem Vorstand der Frankfurter Jüdischen Gemeinde an. Die zionistische Bewegung verliert in ihm einen treuen und wertvollen Mitarbeiter und Weggenossen, dessen Andenken in Ehren bewahrt werden wird. Wir sprechen den Angehörigen des Verstorbenen unser aufrichtiges Beileid aus. Die Führung des Administrative Committee New York, 21. November. (J. T. A.) Die amerikanischen Mitglieder der Jewish Agency haben im Hinblick auf die Demission Felix Warburgs als Präsident des Administrative Committee der Jewish Agency ein provisorisches K01 Ie - giu m zur Leitung des Administrative Committee eingesetzt Das Kollegium besteht aus Cyrus Adler, Robert Szold, Morris Rothenberg und Bernhard F1 e x n e r. (Diese Nachrieht ist erstaunlich, denn das Administrative Committee ist doch keine Institution der amerikanischen Mitglieder der Agency, sondern der gesamten Agency, und der Vorsitz könnte daher nur vom ganzen Administrativ^ Committee neu geregelt werden. — Anm. d. ״J. R.“) Judendebatte in Budapest Im ungarischen Parlament fand in der vergangenen Woche eine große Judendebatte statt. Der jüdischassimilatorische Abgeordnete» S a nd or interpellierte die Regierung wegen einer Rede des Honvedministers Gömbös, der die Praxis des sogenannten ungarischen Helden-Ordens, keine Juden aufzunehmen, verteidigt hat. Die Abgeordneten D e s i und S a n d o r hielten im Parlament lange Reden, worin sie den ungarischen Patriotismus der ungarisehen Juden betonten. Bethlen sagte in seiner Antwort, daß er die Erklärungen des Honvedministers nicht unterschreibe, diese seien jedoch privat und nicht in amtlicher Eigenschaft gemacht worden, so daß er nicht eingreifen könne. Zur Sache selbst sagte Bethlen, er sei für absolute Gleichberechtigung der Juden, könne aber dem Helden-Orden nicht v orsch red b e n, wen er ais M itgiietf an f iteh m en will und wen nicht. Offenbar sei der Helden-Orden beeinflußt durch die Tatsache, daß an der boischewistisehen Revolution gewisse Schichten der Judenheit stärker tei!genommen haben als die übrigen Bürger des Landes. (Widerspruch bei den jüdischen Abgeordneten.) Im übrigen begreife er, daß ״der patriotische Teil der Judenschaft“ durch die Rede des Honvedministers verletzt Ist und bedauere daher diese Rede. Abgeordneter Sandor erklärte sich durch die Antwort des Ministerpräsidenten nicht befriedigt, das Parlament nahm jedoch die Antwort zur Kenntnis. II. Solange Joseph Roth über den Leidensweg seines Helden berichtet, verdient seine Kunst des Erzählens Und seine Darstellungsweise uneingeschränktes Lob. Aber das Buch heißt nun einmal ״Hiob“ und das will bedeuten, daß ein bestimmtes Programm ausgeführt werden muß. Ein Programm in drei Akten. Die Leidenschronik war nur der erste Akt, es müssen noch zwei andere folgen: die Auflehnung gegen Gott und als Schluß die Aussöhnung, die Befriedung, ״aas gute Ende“ mit einem Wort. Im realen Leben ist es meist anders, es bleibt bei den Leiden. Deshalb wird auch von dem klassischen ״Hiob“ aus dem Lande Uz gesagt, daß man es dort nicht mit einem wirklichen Lebensbild zu tun habe, sondern mit einem Gleichnis, mit einem Symbol. ״liow 10 hojo welo niwro elo moschol hojo“. Nur ein Moschol also. Joseph Roth aber schrieb keine Legende, sondern einen realistischen Roman, und indem er ihm den Namen ״Hiob“ gab, mußte er sich sagen, daß das ganze Programm, besonders was das gute Ende betrifft, nicht ohne Kitsch zu bewältigen sein würde. — In der Tat stößt inan im Verlauf der Erzählung auf manche Ungereimtheiten, ja auf Geschmacklosigkeiten. Mendel Singer, über dessen Haupt soviel Unglück hereinbrach, lehnt sich gegen seinen Gott aut, er nennt ihn ״den großen, grausamen Isprawnik“ (Kreishauptmann im zaristischen Rußland). Er hört zu beten auf, besucht das italienische Viertel, um dort trefe zu essen; aber daß Mendel, der Niedergebrochene, Aufrührerische und mit Gott in sehr primitiver Weise durch Anwendung hilfloser Dialektik Ringende, seine Gebetriemen, die er aus Protest nicht mehr gebraucht, für ein kleines Entgelt verleiht, das ist iebensunwahr und muß als unverständliche Geschmacklosigkeit bezeichnet werden. Besonders kinomäßig artet der Schluß des Romans aus, jener Schluß, der die Wiedergutmachung, die Aussöhnung mit Gott und der Welt darstellen soll. Mendel Singer empfängt Almosen und haust in einer finsteren Kammer im Gramm»■ phonladen des einstiges Nachbarn Skworonek. Woher soll diesem Verlassenen Hilfe kommen? Aber hat er nicht in Rußland einen Sohn, einen Krüppel, der Menuhim heißt? Nun, Menuhim, nicht mir, daß er gesund wird, fibersteht auch alle Gefahren, alle Pogrome der Kriegs- und Nachkriegsjahre, und der ehemalige Krüppel verwandelt sich in einen erfolgreichen Komponisten. In New York, wo er unter anderem Namen ein mitgebrachtes Orchester dirigiert, löst er in der jüdischen Bevölkerung durch seine Konzerte jüdischer Volksmusik unglaubliche Begeisterung aus. Er sucht und fragt nach einem gewissen Mendel Singer aus dem Städtchen Zuchnow. Am Sederabend bei den Skworoneks, wo auch der geschlagene, vereinsamte Mendel Singer eingeladen ist, klopft es plötzlich, es klopft gerade in dem Moment, wenn aer Becher für den Propheten Elijahu bereitgestellt ist. Totenstille. Herein kommt der gefeierte Komponist, der sich zuerst als ferner Verwandter Deborahs, der verstorbenen Frau Mendels, ausgibt. Mendel erkennt seinen Sohn natürlich nicht, aber als der Musiker gefragt wird, ob er etwas von Menuhim weiß, antwortet er: Ich bin Menuhim. Natürlich bringt er seinen Vater sofort mit einem bereitstehenden Auto in das Hotel Astor. Mendel Singer bekommt für das erlittene Leid Kandidatenliste der Poale Zion Zur Repräsentantenversammlung: Dr. Oskar Cohn, Rechtsanwalt Dr. Georg Lubinski, Assessor Samuel Ofschitz, Beamter Joseph Wahl, Angestellter Marcel Lew, Angestellter Dr. Grete Landsberger, Lehrerin Dr. O. Potschter, Bankangestellter Wilhelm Sand, Kaufmann Kurt Rosenbaum, Buchhändler Dr. Ernst Bloch, Lehrer. Zum Landesverband: Dr. Oskar Cohn, Rechtsanwalt S. Adler-Rudel, Beamter der Jüdischen Gemeinde Josef Wahl, Angestellter Dr. Georg Lubinski, Assessor Samuel Lifschltz, Beamter Dr. Grete Landsberger, Lehrerin Wilhelm Sand, Kaufmann Kurt Rosenbaum, Buchhändler Dr. Ernst Bloch, Lehrer. Von befreundeter Seite werden wir gebeten festzustellen, daß der auf der ״Deutschen Liste“ der Naumann-Partei unterschriebene Dr. Franz O p p e n h c i m c r mit Prof. Dr. Franz Oppenheimer, dem alten Palästina-Freunde, weder idetitisch noch verwandt ist. Briefkasten der Redaktion Berliner Leser. Die Sensations-Nachricht in der ״Vossisehen Zeitung“ vom 14. November ist natürlich nicht ernst zu nehmen. Es wurde offenbar eine telegraphische Meldung des Jerusalemer Korrespondenten der Zeitung mißverstanden. Wahrscheinlich geht die Meldung auf einen Artikel des wurde, man sollte ein Juden und Indern im Kampf gegen England erwägen. Eine solche Interessen- Gemeinschaft besteht in Wahrheit nicht, da die Inder für die asiatischen Besitzungen Englands Unabhängigkeit fordern, während die Juden in Palästina keinesw׳egs damit einverstanden sind, daß Palästina die Unabhängigkeit erhält. Es handelt sich also im besten Falle um journalistische Kombinationen, wie deren _ in erregter Zeit mehrere angestellt zu werden pflegen, keineswegs aber um ernste Vorgänge, von denen die ״Vossische Zeitung“ sogar annahm, sie würden in der Unternaus-Debatte eine Rolle spielen. Es ist hier nur ein krasses Beispiel für viele, das die Desorientierung der öffentlichen Meinung zeigt, die leider auch innerhalb des Zionismus die Bildung eines klaren politischen Urteils sehr erschwert. ״Dawar“ zurück, worin ausgeführt ,usammenoehen zwischen Ortsgruppen Görlitz. Am 8. November behandelte Herr Rechtsanwalt Sommer vor den Mitgliedern der Ortsgruppe die durch die Veröffentlichung des zweiten englischen Weißbuches geschaffeile Situation des Zionismus. Unter dem Thema ״England und wir“ gab der Referent eine itt ihrem Aufbau und in ihrer Form fesselnde Darstellung der Entwicklung unserer Stellung zur Mandatarmacht seit den Tagen der Balfour-Deklaratlon. ln besonders klarer Weise gelang es Herrn Sommer, sowohl die im Mandat und ersten Weißbuch gesteckten Ziele und Aufgaben zu kontrastieren mit dem von England in Palästina •tatsächlich Geleisteten und den aufbauhindernden und das Ziel verkennenden Vorschlägen des zweiten Weißbuches, also auch die Sch wierigkeiten einer Arbeiterregierung bei der Durchführung einer mit doppelten Versprechungen belasteten englischen Orientpolitik darzustellen. An der folgenden Diskussion beteiligten sich die Herren Dr. Schwarz, Glaser, Dr. Warsciijjpki und l>r. Friedländer. An Stelle jedes papierenen ProtcaB» brachte die Versammlung eine Sonder Umlage von 250 M|J(12 Zeichner) für den Keren Hajessod auf, um damit auszudrücken, daß an der Vorwärtsführung des Zionismus die Opferwilligkeit und Zuverlässigkeit des einzelnen Zionisten einen Haiiptanteil haben muß. Leipzig. Am 16. November fand der traditionelle Teeabend des Keren Hajessod in Leipzig statt. Die Veranstaltung war überaus gut besucht, etwa 250 Teilnehmer hatten sich eingefunden. Auch von auswärts waren zahlreiche Freunde erschienen. Besonders erfreulich und anziehend aber war es, daß mit dem Leiter der Keren Hajessod-Arbeit, Herrn Dr. Martin Roscnblüth, die Herren Salman Schocken und Ministerialdirektor Dr. Badt sich der Leipziger Keren Hajessod-Aktion dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hatten. Nach Begrüßung*- Worten des Vorsitzenden, Herrn Dr. Loebenstein, und des Keren Hajcssod-Sekretärs, Herrn Dr. Kontorszc/yk, begründete Herr Dr. Badt in fesselnder, zwangloser Weise vom deutsch-jüdisehen Standpunkt aus die Judenfrage und zeigte an Hand von vielen Erlebnissen und Beispielen der deutsch-jüdischen Umwelt die Notwendigkeit, sich heute in dieser aufgelockerten und erschlitterten jüdischen Situation neu zu orientieren. Mit Folgerichtigkeit wies er dann auf unsere Schicksalsverbundenheit mit Erez-Israel hin, auf das Land, aus dem unsere Wiedergeburt mit unserer Arbeit kommt und in dem der größte Teil der Judcnheit der ganzen Welt sein Zentrum erblickt. Nach einem Appell von seiten des Herrn Tumpowsky, der auf die doppelte Verpflichtung aufmerksam machte, gerade in der jetzigen schweren Situation sich für den Keren Hajessod einzusetzen, wurden in der Pause für den Keren Hajessod 293(1) M. gezeichnet. Auf die eigentliche zionistische Situation der Jetztzeit ging dann Herr Schocken in klaren und sehr weitsichtigen Ausführungen ein, die fast ausschließlich von wirtschaftlicher Warte aus gehalten waren. Beginnend mit der Darlegung der Schwierigkeiten, vor die England sich bei der Erfüllung des Mandats in Palästina, gestellt sieht, betonte er aber entschieden unseren unbeugsamen Willen, gegen dieses jetzt veröffentlichte Weißbuch mit Energie anzukämpfen. Schon heute sei durch unsere geschlossene Ahwehr, in der sich Nichtzionisten und Zionisten zusammenfinden, das eine erreicht, daß die englische Regierung in Beratungen mit der Jewish Agency eintrete, um Abänderungen für das Weißbuch vorzunehmen. Mit dem Hinweis, daß auf lange Jahre hinaus noch für eine umfangreiche und angestrengte Aktion der zionistischen Institutionen Arbeit und Möglichkeit in Palästina vorliegen, schloß Herr Schocken seine Rede, die von nachhaltigern Eindruck bei der gespannt lauschenden Zuhörerschaft begleitet war. — Nach einem Schlußwort des VbrsitzttMeif ''und Gesang der Hatikwah fand die sehr gut verlaufene Kerert Hajessod-Versammlung ihr Ende. Oberhausen. Die Zionistische Ortsgruppe Oberhausen hatte aus Anlaß der englischen Regierungserklärung eine Protestkundgebung auf den 11. November 1930 berufen, zu der als Referent Herr Oberregierungsrat Dr. Marcus, Düsseldorf, vorgesehen war. Außer Herrn Dr. Marcus erschien auch noch Herr Redakteur Moses Waldmann, der sich gerade auf der Durchreise in Oberhausen befand. In den mit allgemeiner Zustimmung aufgenommenen Referaten der beiden Herren kam zum Ausdruck, daß das Verhalten der englischen Regierung zwar sehr zu bedauern ist, aber im Grunde unseren Aufbauwillen nicht beeiltträchtigen kann. Eine in der Versammlung durchgeführte Sammlung für die Balfour-Aktion ergab den Betrag von 75 M. Außerdem wurde einstimmig eine Profestresolution angenommen. — Die Verwaltung der hiesigen Jüdischen Gemeinde hat einen Beitrag von 30 M. für den Keren Hajessod bewilligt. Wenn wir auch mit der Höhe dieses Betrages in keiner Weise zufrieden sind, so glauben wir doch diesen Beschluß deswegen als Erfolg buchen zu können, weil dadurch prinzipiell die Not- Wendigkeit der Unterstützung anerkannt ist. Wir werden bcmüht sein, dahin zu wirken, daß der Betrag in den nächste!! Jahren erhöht wird. Saarbrücken. Die Zionistische Ortsgruppe Saarbrücken eröffnete die Reihe ihrer Veranstaltungen im Winterhalbjahr 1930 am 22. Oktober mit einem Vortrag, für den Frau Anitta Mii Iler-Cohen, Luxemburg, gewonnen worden war. Das Thema lautete ״Gegenwartsprobleme in Palästina“. Die Rednerin wandte sich zunächst mit scharfen Worten gegen das Weißbuch der englischen Regierung, dessen Wirkung verdoppelte Arbeit entgegengesetzt werden müsse. Dann berichtete sie in fesselnder Weise über Lage und Leistung des Jisehuw in Palästina, unter besonderer Berücksichtigung der Frauenarbeit. Ihre mit großer Wärme tmd starkem Temperament vorgetragenen Ausführungen fanden den stärksten Beifall der sehr zahlreichen Anwesenden. Im Anschluß an den Vortrag fand eine lebhafte Aussprache statt, an die sich eine kurze politische Kundgebung gegen die im Weißbuch angekiindigten Maßnahmen anreihte. Die Versammlung schloß mit dem Gesang der Hatikwah. — Am 15. November gelang es der Ortsgruppe, iin Anschluß an ein Gastspiel der Habinta, die Mitglieder der Habima zu einem Beisammensein mit den Ortsgruppenmitgliedern zu gewinnen. Herr Dr. Isserlin begrüßte die Mitglieder der Habima in herzlicher Ansprache in deutscher, Herr Dr. Löwenherz in hebräischer Sprache. Liga für das arbeitende Palästina. Vergangene Woche fand in Berlin ein Vortragsabend der Liga für das arbeitende Palästina statt, bei dein außer dem Vorsitzenden Dr. Oscar Cohn Ministerialdirektor Dr. Badt über ״Die Bedeu'.ung der jüdischen Arbeiterschaft für den Palästinaaufbau“ sprach und sich mit Entschiedenheit gegen die englische Weißbuch-Politik wandte. Nach einer Vorlesung des Schriftstellers Armin T. Wegner ergriff dann noch die Reichstagsabgeordnete Toni Sender das Wort, die ausführte, sie glaube nicht, daß die Labour-Party die Absicht habe, die den Juden gemachten Zusagen zu brechen. Es müsse Aufgabe der jüdischen Sozialisten sein, eine Verständigung mit den Arabern unter Berücksichiigung der unter ihnen herrschenden Arbeitslosigkeit zu er* reichen. Europa könne von Palästina viel lernen, denn Paläsfina habe den Beweis erbracht, daß Freude an gemeinsamer Arbeit auch ohne den von den bürgerlichen Wirtschaftsthearetikern für unentbehrlich gehaltenen Profitanreiz eine blühende Gemeinwirtschaft zu schaffen fähig sei.