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Jüdische Rundschau · 1930-11-21 · Heft 92 (21.11.1930) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 92 (21.11.1930)
Date
1930-11-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 616 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 92, 21. 3a 1930 gestehen, daß er mich immer mehr an die Geschichte von Fiorence Montgomery erinnert, über die ich in meiner Jugend oft geweint habe und die den Titel hat ״Mißverstanden'1, Die Regierung sei mißverstanden worden. Man muß sagen, ohne sich ungebührlicher Parteilichkeit schuldig zu machen, daß dieses Mißverstehen unvermeidlich war und, wenn ich einen lieblingsansdruck des gegenwärtigen Kolonial- Sekretärs anwenden darf, daß es ein Beispiel für die ״Unvermeidbarkeit von Taktlosigkeit“ ist. Ich möchte die Schlußbemerkungen der Rede Dr. Shiels wiederholen. Gewiß, wir haben beiden Teilen der Bevölkerung Palästinas eine faire und ehrliche Behandlung zuteil werden m lassen. Dessen war sich die britische Regierung, die zuerst die Balfour-Üekbration bc* stätigte, voll bewußt. Die Position der Araber, das anze Problem, das sich seither ergeben hat, wurde wonatc• ang von der Regierung diskutiert, und das ganze Jahr 1917 war erfüllt von Diskussionen über eben dieses Pro- Wem, Wenn ich ein Wort zu der Rede Mr. Lloyd Georges hinzufügen darf, so waren es nicht lediglich Kriegserwägungen, die zur Formulierung der Deklaration geführt haben. Ständig wurde die Entwicklung und Wohlfahrt des Landes erwogen, für das wir aus strategischen, mit dem Suez-Kanal verbundenen Gründen die Verantwortung zu übernehmen gezwungen waren. Es herrschte der Glaube, daß die Befriedigung dieses generationenlangen Traums des jüdischen Volkes nicht nur ihm selbst Nutzen bringe, sondern auch eine neue Berührung, ein neues Licht, eine neue Konzeption des Geistes jener Gebiete des Orients bringen würde, aus denen unsere ganze Zivilisation stammt, die jedoch tausend Jahre lang vernachlässigt worden waren, zu deren Weiterentwicklung beizutragen wir in England eine gewisse Pflicht haben. Alle diese Erwägungen waren uns nicht nur im Jahre 1917, sondern auch in den folgenden Jahren gegenwärtig. Bevor wir das Mandat, wie unbestimmt auch manches darin nach den Worten Dr. Shiels gewesen sein mag, annahmen, haben wir der Weit unsere Interpretation dargetan In dem Weißbuch von 1922, das der Annahme des Mandats vorausging. Es wurde der Weit erklärt, und sie verstand durchaus den Sinn, in dem wir es annahmen. In diesem Weißbuch haben wir absolut klar gemacht, daß wir nicht das Mandat annehmen mit der Perspektive, einen nationalen jüdischen Staat in Palästina auf Rechnung der Araber aufzurichten; ebenso wenig unterstützten wir jene Art intoleranten, exklusiven, völkischen Nationalismus, der an den Mißgeschicken Europas in der letzten Generation schuld war. Wonach wir in jenem Weißbuch strebten und was wir in ihm deutlich erlclärten, war, daß wir Arabern und Juden die Möglichkeit zu geben wünschten, in jenem Lande im wahrsten Sinne des Wortes ihr Nationalheim zu entwickeln und dieses mit einein gemeinsamen Patriotismus für den pa• lästinensischen Staat zu verbinden, ebenso wie die Französisch und die Englisch sprechenden Einwohner Kanadas ihr Nationalheim in Kanada haben und es mit einem gemeinsamen Kanada-Patriotismus verbinden. Unter diesem Gesichtspunkt waren wir verpflichtet, darauf zu bestehen, daß die Entwicklung des Jüdischen Nationalheims in Palästina auf einem Recht beruhte und daß dieses Recht nicht der Entscheidung eines widerstreitenden arabischen Nationalismus anheim gegeben würde. Wir machten klar, daß, während wir im Interesse der gesamten Gemeinschaft zur Ueberwachung der Einwand er u n g verpflichtet waren, die einzigen Begrenzungen infolge dieser Ueberwachung die seien, die sich im allgemeinen aus der WirtschaftHchen Lage ergäben. Diese Politik wurde von vier aufeinander folgenden Regierungen verschiedefter politischer Anschauungen mit bemerkenswertem Erfolge sieben Jahre lang ausgeführt. Das Wesen des Appells, den ich heute an alle Teile dieses Hauses richten möchte, besteht darin, daß, welche Schwierigkeiten einer solchen Politik auch bestehen mögen, diese nur durch BestSndigkelt, durch eine gemeinsame Zustimmung aller Teile dieses Hauses befriedigend durchgeführt werden kann und daß jede Unbeständigkeit oder Schwankung nicht nur Mißstimmung in Palästina, sondern zwischen Mohammedanern und Juden in der ganzen Weit hervorruft und die Gefühle beider gegen England richtet. Diese Interpretation war zweifellos unbefriedigend für die extreme Gruppe der Zionisten. Die Zionistische Exekutive akzeptierte sie unter der Führung Dr. Welzmanns mit unbeirrter Loyalität. Ich hatte in den vergangenen Jahren bei mehr als einer Gelegenheit Anlaß, die Unzufriedenheit Dr. Weiztnanns hervorzurufen und ihn aufzuklären, daß Dinge, die er getan wissen wollte, in jener Zeit unausführbar waren. Aber ich habe immer gefunden, daß er, obgleich er ein begeisterter Enthusiast der Sache, der er sein Leben hlngeg daß er bereit rung anzuerkennen und die außerordentliche Unpopularität auf sich zu nehmen, die ihm manchmal dann bei den Vorhandlungen mit seinen eigenen Leuten zuteil wurde. Er hat jahrelang mit uns kooperiert, und ich hoffe aufrichtig, daß die Regierung noch in der Lage sein möge, einen weg zu finden, die Situation so aufzuklären, daß er diese für uns so wertvolle Kooperation wieder aufnehmen kann. Die ersten drei dieser Jahre waren Jahre des Gedeihens. Die Zeit von 1926 bis 1928 war ohne Zweifel eine Zeit der Depression. Was die allgemeine Situation in Palästina betrifft, so rührte die Depression 1926 von der Dürre, 1927 vom Erdbeben, 1928 von der Heuschreckenplage her. Soweit es die luden betrifft, rührte sie zweifellos in beträchtlichem Maße her %׳on allzu großem Optimismus hinsichtlich der Immigration und der Baubewegung iu den vorausgehenden Jahren. Aber es gibt kaum einen Beweis für die Annahme, daß die jüdische Arbeitslosigkeit, deren Last hauptsächlich die Juden selbst trugen, In der Tat einen Einfluß auf die allgemeine Depression unter den Arabern — mehr als in der Welse wie jede Unterbrechung großer Ausgaben das ganze Land natürlich berührt — ausgeübt hätte. Soviel über die wirtschaftliche Seite. Von größerem Interesse ist die Tatsache, daß in diesen Jahren tiefer Frieden in Palästina herrschte. Während unsere französischen Nachbarn mit Mühe ihre Position hielten, mit einer 40 000 Mann starken Militärmacht im Lande, bauten wir schrittweise die Armee ab und hatten schließlich nur noch eine einzige Schwadron der Lufttruppe, die zwischen Palästina und Transjordanien aufgeteilt war. Während zweifellos die politische Bewegung der Araber nicht bereit war, das Mandat anzunehmen und in der von uns angebotenen Verfassung zu kooperieren, entstand eine bemerkenswertc Beruhigung und sodann Kooperation innerhalb der breiten arabischen Bevölkerung, und die Munizipaleinrichtungen boten eine glückliche Aussicht auf Zusammenarbeit zwisehen den beiden Bevölkerungsteilen. Unter diesen Umständen habe ich mich in dem Bestreben, dem Schatzkanzler zu helfen (jeder Minister war natürlich verpflichtet zu versuchen, ihm zu helfen) und zu zeigen, daß Palästina sich schon selbst ohne Beihilfe des britischen Schatzkanzlers erhalten könne, bereit gefunden, nach Beratung mit Mr. Thomas und Lord Plumer, die rein britische unabhängige Gendarmerie von einer Kopfzahl von 500 auf die haltie Stärke zu reduzieren und diese Macht auf die allgemeine palästinensische Polizei zu verteilen. Dies hat sich nach meiner Meinung als durchaus erfolgreich und angebracht für länger als drei Jahre erwiesen. Aber ich hat, ist. Vernunftgründen zugänglich war, , die Schwierigkeiten der britischen Regieeben hat, ist, war, möchte dem Hause doch sagen, daß es «in Fehler war. Ein Fehler war das Nichtvorhandensein einer rein britischen unparteiischen Polizeimacht von genügender Stärke, um zu verhüten, daß, was sonst lediglich lokale Unruhen hätten sein können, sich zu Massakern und Ausbrüchen ausdehnte, die vor einem Jahre stattgefunden haben. Wenn jemand hierfür verantwortlich war, so bin ich dies, und ich würde es für eine Pflichtversäumnis halten, wenn Ich dies dem Hause nicht ganz klar aussprechen wollte. Nach Jahren des Friedens mit dieser absoluten Minimal- Vorsorge an Polizei brach die Klagemauer-Affire plötzlich aus und führte zu Unruhen und Massaker. Ich will nicht auf die Einzelheiten dieser Sache eingehen. Nach sorgfaltigstem Studium kann ich sie nur als einen rein reifgiösen Ausbruch betrachten, der in der Nähe eines religiösen Mittelpunktes entstand, wobei nichts, weder der Charakter der Ueberfallenden, noch der Charakter der Opfer, die Vermutung rechtfertigt, daß es sich um eine Agrarrevolic landloser und unbeschäftigter Araber handelte. Es war ein Refigionskonflikt altbekannter Art, mit Große Frauea-Uersaoimlin anläßlich der Jüdisch, aemelitdiwahien unberufen von der Frausn-Ameitsgemelnschatt für Palästina und dar Jüdischen uolhspartei 1. Sonntag, den 23. November, Nachmittags 4 Uhr, in der Aula der Schule Kaiserstr. 29. Redner: Frau Lina Wagner-Tauber, Repräsentantin der Jild. Gemeinde. Herr Moses Wald mann, Redakteur der ״Jiid. Rundschau“. IL Mittwoch, den 26. November, 8y» Uhr abends, im Logenhaus, W 15, Kle iststr. 10. Redner: Frau Anitta MOller-Cohen, ir. Wiener Gemeinderätin, über: ״Die gegenwärtige politische Lage und die Frauen“. Rabb. Dr. Prinz, über: ״Die Grundlagen der Jüd. Kulturarbeit“. der die indische Verwaltung nur zu sehr vertraut ist. Die Shaw-Kommission, naturgemäß beeinflußt durch alle die Vorstellungen von arabischer Seite zwecks Entschuldigung ihrer Glaubensbrüder, hat bei entschiedener Verurteilung der Ueberfälle die Meinung angenommen, daß ein Substrat politlscher und ökonomischer Beschwerden zugründe gelegen habe. Die Regierung war natürlich verpflichtet, die Meinung der Kommission ernsthaft in Erwägung zu ziehen, und ich glaube, daß sie recht daran getan hat, eine Forschungskommission auszusenden. Ich bin nicht in der Lage, zu sagen, ob es besser gewesen wäre, eine aus mehreren Personen bestehende Kommission zu senden. Es ist sicher, daß die gewählte Persönlichkeit, Sir John Hope Simpson, ein Mann von großer Erfahrung und hoher Fähigkeit ist und daß sein Bericht ein äußerst fähiges, lichtvolles und wertvolles Dokument darstellt. Ein Moment dominiert in dem ganzen Berieht, nämlich die wiederholt vorgebrachte Ueberzeugung, daß — ich zitiere seine eigenen Worte — ״der einzige Weg zur Ausführung des Mandats in der intensiven Entwicklung der palästinensischen Landwirtschaft besteht“. Er erklärt noch viele andere interessante und sehr wichtige Dinge. Eine von ihm im Interesse der Araber vorgebrachte Angelegenheit möchte ich ernstlich unterstützen und die besondere Aufmerksamkeit der Regierung darauf richten. Seit Jahren sind wir von allen Teilen der Bevölkerung gedrängt worden, den alten türkischen Zehent mit seinen Mißständen und Ungerechtigkeiten in eine feste Steuer umzuwandein. Dies taten wir, und ich glaube, diese Umwandlung ist etwa im letzten Jahre zu Ende geführt worden. Unglücklicherweise haben wir Preise zur Grundlage genommen, die durch den Weitpreissturz des letzten Jahres gänzlich heruntergegangen sind. Dies hat zweifellos die Bälde der heute von dem arabischen Landbebauer zu tragenden Besteuerung erhöht, und der wichtigste Schritt zum Wohle der gesamten arabischen Bevölkerung Palästinas ist die unverzügliche Nachprüfung der Preisbasis des Zehent. Und wenn hierfür keine Geldmittel sonst zur Verfügung stehen, müssen sie aus den ordentlichen Einkünften der nächsten Zeit unter Verwendung einer der vorgeschlagenen Anleihen genommen werden. Sir John Hope Simpsons Bericht ist zu einer Zeit erschienen, wo die Landwirtschaft der ganzen Welt unter einer schweren Depression leidet, und das Bild, das er von der Lage des arabischen Landbebauers in der jetzigen Zeit gibt, konnte nur pessimistisch sein und seinem Bericht einen gewissen negativen Charakter verleihen. Ein anderes Moment, das mir in seinem Bericht aufgefallen ist, war der Umstand, daß er Palästina nicht vor dem Kriege gekannt haben kann. Ich hatte die Möglichkeit, verschiedene Teile des türkischen Reiches vor dem Kriege zu bereisen. Vor vier oder fünf Jahren habe ich nun Palästina gesehen, und keiner wird mir sagen können, daß es einem Lande unter türkischer Regierung oder irgend etwas einer türkischen Regierung ähnlichem vergleichbar wäre. In einem immensen Ausmaß wurde fruchtbares, schöpferisches Werk zum Nutzen der Araber sowohl wie der Juden vollführt. Der Unterstaatssekretär hat dem kaum Gerechtigkeit widerfahren lassen, was wir für arabische Erziehung, für arabische landwirtschaftliche Ausbildung, für die Verbreitung besserer Pflänzlinge und besserer Saaten getan haben. AU dies hat beigetragen zu der äußerst bemerkenswerten wirtschaftlichen Ent- Wicklung, wie sie in keinem Territorium, das seit dem Kriege die Herrschaft gewechselt hat, stattgefunden hat. Sir John Hope Simpson hat gewisse kritische Bemerkungen über die Wirkung der Immigration auf die Arbeitslosigkeit gemacht. Hierzu will ich etwas sagen, wenn ich zum Weißbuch komme. Hier will ich sagen, daß seine Kritik wohl ausgeglichen ist, er sah das Für und Gegen der Situation und kam zu dem allgemeinen Schluß, daß, wenn man den direkten und indirekten Einfluß jüdischer Immigration auf die Vermehrung der ArbeitsmögUÄkelten berücksichtigt, er wahrscheinlich mehr als einen Ausgleich für jede vorstellbare, durch die tatsächliche jüdische Einwanderung hervorgerufene Arbeitslosigkeit bedeutet. Gleichwohl überdenkt er die Situation hinsichtlich der Arbeitslosigkeit mit Ernst, und es verlohnt, die jetzigen Ziffern anzusehen. Die von der Palästina- Regierung gegebene Ziffer 4er arabischen Arbeitslosigkeit bcträgt 2600. Er glaubt, sie müsse höher sein,* Anderseits lehnt er die Schätzung des arabischen Rates von 30000 bis 35 000 ab. Nehmen wir einmal die mittlere Ziffer von 15 000. auf eine Bevölkerung von fast 800000, Araber, Juden, Moslems und Christen gerechnet, so sind dies etwa 2 »/« Arbeitslose, weniger als die Hälfte der Arbeitslosigkeit in England. Man muß hierbei bedenken, daß dies die Arbeitslosigkeit in einer Periode schwerer Depression darstcllt, unter Berücksichtigung der Tat- Sache, daß die arabische Bevölkerung Palästinas in den letzten acht Jahren um 112000 zugenommen hat, vergleichbar einer Zunahme von 7 Millionen in England. Sicherlich muß angesichts einer solchen Vermehrung der Bevölkerung eine große Vermehrung der Beschaftigungsmoglichkeiten für die arabische Bevölkerung stattgefunden haben. Ohne Zweifel ist die bedeutende Vermehrung den von uns ergriffenen Maßnahmen zuzuschreiben, bei denen die Juden mitgewirkt haben, um die Gesundheit des Landes zu verbessern. Und sie muß und kann nur ermöglicht worden sein dadurch, daß die Verbesserung der Landwirtschaft die Araber in Stand gesetzt hat, die Qualität ihrer Ernten zu verbessern und daß die Anlage von Straßen, für die Sir Herbert Samuel verantwortlich war, ihnen die Möglichkeit gegeben hat, ihre Ernten auf den Markt zu bringen. Man kann nicht sagen, daß diese immense Entwicklung, die keine Parallele in irgendeinem anderen Land hat, trotz der jüdischen Immigration stattfand. Sie muß offenkundig eng mit dieser Immigration verbunden gewesen sein. Es ist durchaus richtig, daß Simpsons Bericht in großem Maße eine gewisse Enttäuschung ln zionistischen Kreisen hervorrufen mußte; die Zionisten waren verpflichtet, ihn mit Ernst zur Kenntnis zu nehmen. Sie sind durchaus bereit dazu und haben deutlich erklärt, daß sie nur darauf warten, den Bericht mit der Regierung zu studieren und in ihm eine gemeinsame Grundlage, auf der eine Kooperation möglich ist, zu finden. Es ist sicher, wenn die Stellung der Jewtsh Agency nach den Bestimmungen des Mandats eine Bedeutung hat, so besteht sie darin, daß bei allen die zukünftige Durchführung des Mandats betreffenden Fragen die Jewish Agency zur Bcratung herangezogen werden soll, und dasselbe gilt gewiß für die Araber; aber Dr. Weizmann hat noch vor der Veröffentlichung des Weißbuches vergeblich um die Einberufung einer Round Table-Konferenz, um alle Parteien zusammenzubringen, gebeten. Worin aber bestand die Handlungsweise Lord Passficlds? Anstatt sich mit irgend jemand zu beraten, hat er plötzlich dieses Weißbuch herausgegeben. In sich betrachtet, ist es ein einigermaßen merkwürdig konstruiertes Dokument. Es besteht aus zwct Abteilungen. Der erste Teil ist eine Wiederholung gewisser Abschnitte des Weißbuchesvon 1922, m i t d en en wir alle übereinstimmen und die wir akzeptieren. Sogar die Zionistische Exekutive akzeptierte cs als Leitlinie für die gesamte Führung unserer Geschäfte in Palästina. Der zweite Teil besteht mehr oder weniger aus einer Wiedergabe gewisser Abschnitte des Hope Simpson-Berichts. Dr. Shiels hat ganz richtig bemerkt, daß der größte Teil des Weißbuches aus dem Hope Simpson-Bericht stammt. Jawohl, aber das Charakteristisehe ist, daß nur die negativen Abschnitte extrahiert worden sind; alle sie ausgleichenden Abschnitte sind sorgfältig ausgelassen. Nach den umfassenden Reden von Lloyd George und dem Unterstaatssekrefär will ich nicht ausführlich bei diesem Punkte verweilen, ich habe jedoch das Weißbuch und den Hope Simpson-Report sehr sorgfältig analysiert und die Abschnitte, die aus dem Bericht genommen unä die ausgelassen worden sind, miteinander verglichen. Nehmen wir das eine oder das andere Beispiel. Ueber das allgemeine Ansiedlungsproblem sagt der Hope Simpson-Report ganz deutlich und eindrucksvoll, daß in der vor sich gehenden Entwicklung Raum für nicht weniger als 20 000 Siedlerfamilien, die neu hinzukommen, gegeben ist. Kein Leser des Weißbuches würde im Traum daran denken, daß etwas derartiges jemals in Palästina Vorkommen könnte. Anderseits schließt er aus seiner Schätzung der anbaufähigen Fläche Palästinas den ganzen Beerscheba-Bezirk aus, er sagt jedoch sehr nachdrücklich: ״Wenn die Möglichkeit der Bewässerung besteht, gibt es eine praktisch unerschöpfliche Reserve kultivierbaren Landes im Beerscheba-Bezirk... Wenn eine solche Wasserversorgung nachgewiesen wird, wird das Problem der Versorgung der palästinensischen Bevölkerung mit landwirtschaftfichem Boden und in der Tat auch einer großen Zahl einwandernder Siedler leicht zu lösen sein.״ Keine derartigen Möglichkeiten werden im Weißbuch erwähnt. In der Einwanderungsfrage wiederum nimmt der Hope Simpson-Bericht an, daß eine übermäßige jüdische Einwanoerung der arabischen Position schaden könnte und behandelt in einem äußerst interessanten Abschnitt die von Sir John Hope Simpson so genannte ״indirekte Verbesserung“, die die jüdische Immigration auch dann hervorruft, wenn das Geld gänzlich zur Beschäftigung jüdischer Arbeiter verwandt wird, weil das Kapital, das diese Arbeiter beschäftigt, mit ihnen in das Land kommt. Es wird allgemein festgestellt werden, daß ständige Arbeit dem Wohle der gesamten Bevölkerung dient Derartiges wird in dem Weißbuch nicht erwähnt. Nehmen wir einen anderen Punkt, in dem das Weißbuch in einer kuriosen Art die Kritik des Simpson-Berichts vermehrt. Der Simpson-Bericht kritisiert, daß die jüdische Arbeiterorganisation und die jüdisehe Bodenkaufs-Institution nur Juden auf dem Boden, den sie sich gesichert haben, zu beschäftigen wünschen. Möglicherweise ist diese Politik zu streng durchgeführt worden. Aber daß eine Rechtfertigung für sie besteht, wird niemand bestreiten, der einmal in einem Lande wie Südafrika gewesen ist, wo zwei Völker mit ursprünglich verschiedenem Standard der Lebensführung und der Lohne Zusammenleben. Wenn man nicht von Anbeginn darauf besteht, daß das Volk mit dem höheren Lebensstandard bereit sein muß, jede Arbeit von der niedrigsten ab zu übernehmen, dann schaffen sie schnell eine Tradition, nach der das eine Volk die Holzfäller und Wasserschöpfer und die andere die Kapitalisten und die Facharbeiter werden. Ist es nicht, wenn man die ständigen Interessen der arabischen Bevölkerung im Auge hat und versucht, den arabischen Lohnstandard zu erhöhen, gewiß ein gutes Werk, daß in Palästina, jedenfalls aber auf dem Stück Boden, das der Jüdische Nationalfonds erwirbt, eine Bevölkerung a r - beitender Juden kolonisiert wird, die nicht nur einen hohen Grad der Leistungsfähigkeit, sondern auch eine vernünftige Höhe der Lebensführung begründet? Glauben Sie, wir hätten, wenn diese Entwicklung nicht stattgefunden hätte, eine Arbeiter- Unfallentschädigungs-Gesetzgebung wie wir sie heute in Palästina haben? Das Vorhandensein einer jüdischen Arbeiter• Masse ist ein sehr wesentliches Element, um den Standard der ganzen Bevölkerung zu heben, aber alles, was das Weißbuch hierüber zu sagen hat, besteht darin, weit über den Hope Simpson-Bericht hinauszugehen und es als dem Geiste des Mandates entgegenstehend zu behandeln, wie eine Sache, die ein Volk beleidigt, wie eine Angelegenheit, die unvereinbar ist mit dem ausgesprochenen Wunsch der Juden, mit den Arabern in Be- Ziehungen der Freundschaft und der gegenseitigen Achtung zu leben. Sicherlich kann jeder Leser des Weißbuches und jeder Kenner seiner Vorgeschichte es nicht anders betrachten, als daß es von einem Ton beseelt ist, der gänzlich verschieden von dem׳ ist, der jede öffentliche Aeußerung von Staatsmännern aller Parteien bisher beseelt hat. Mehr als dies. Nach der Meinung hoher juristischer Autoritäten, wie Lord Hailsham und Sir John Simon, besteht die Frage, ob nicht das Weißbuch Dinge enthält, die in direktem Widerspruch mit ausdrück-

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