Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 92 (21.11.1930)
- Date
- 1930-11-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 92, 21. XI. 1930 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 015 der Gründe, die es notwendig machen, in diesem Moment eine Uebersicht aufzustellen, liegt ln der von Lloyd George erwähnten Diskrepanz zwischen der früheren von der Palästinaregierung angenommenen Bodenschätzung — die von den jüdischen Behörden gegebenen Ziffern sind sogar noch höher — und der Schätzung Simpsons. Es zeigt sich eine Diskrepanz von über 4 Millionen metrischen Dunams, und dies macht das Problem dringlicher als wir dachten. Wie immer man über die Zuver'.assigkeit dieser Ziffern urteilen mag, wir müssen sie in Anbetracht der Quelle, aus der sie stammen, berücksichtigen. Es bleibt freilich noch die große Fläche von Berseba, die bei all den Berechnungen außer Betracht blieb. Die Möglichkeit, dort Wasser zu finden, wird jetzt erforscht, und die von dem Vorredner angeregten Bohrungen sind bereits im Gange. Das Weißbuch kündigt ein Landentwicklungsprojekt an, und ich bin jetzt in der Lage, diesbezüglich einige weitere Informationen zu geben. Unter Berücksichtigung aller Elemente des Problems ist die Regierung zu dem Schluß gekommen, daß die Erreichung des gesteckten Zieles eine Ausgabe von nicht mehr als 250» 000 Pfund erforderlich macht. Ein großer Teil davon wird für produktive Arbeiten ausgegeben werden, nämlich Bewässerung, Entwässerung und andere der Erhöhung der allgemeinen Produktivität des Landes dienende Projekte. Dadurch würde die Ansiedlung von etwa 10000 Familien möglich werden, ln Anbetracht der gegenwärtigen Finanzlage Palästinas ist der einzige Weg, eine Summe von dieser Größe zu beschaffen, der einer Anleihe unter Garantie der englischen Regierung. Während der ersten Jahre der Durchführung des Projektes wird es nötig sein, aus der britischen Staatskasse die Beträge zur Verfügung zu stellen, die zur Verzinsung und Amortisierung der Anleihe erforderlich sind. Man wird zugeben, daß es zwecklos wäre, ein Landent- Wicklungsprojekt in Angriff zu nehmen, wofern dies nicht in einem Ausmaß geschieht, das beträchtliche Vorteile für die Palästinabevölkerung möglich macht und zugleich die Aussicht bietet, daß ein großer Teil des verausgabten Geldes infolge der vergrößerten Produktivität des Bodens zurückgezahlt wird. Wir haben die Absicht, nach Weihnachten einen Gesetzentwurf im Parlament einzubringen, der die Staatskasse ermächtigt, die notwendige Garantie für die Aufbringung dieser Anleihe zu geben. Dies wird für das Haus eine volle Gelegenheit der Besprechung des P r o j e k t e s vor seiner Verwirklichung bieten. Das Projekt soll in erster Linie .für diejenigen landlosen Araber sorgen, die beweisen können, daß sie infolge des Ueberganges von Boden in jüdische Hände besitzlos geworden sind; der Rest wird für jüdische und arabische Ansiedlung verfügbar sein. Dieses Landentwicklungsprojekt 1 st sicherlich ein Beweis, daß die Regierung sich nicht nur um die Bedürfnisse der landlosen Araber kümmert, sondern auch neue Möglichkeiten für jüdische Landansiedlung schafft Aus diesem und aus anderen Gründfen ist es offenkundig, daß die Annahme, diese Regierung wolle das Jüdische Nationalheim in seiner jetzigen Gestalt kristallisieren, ohne den Schatten einer Berechtigung ist. Sir Herbert Samuel: Darf ich eine Frage stellen? Bezüglich der Finanzierung dieses Projektes hat Dr. Shiels gesagt, die Verzinsung und Amortisierung müsse in den ersten Jahren aus dem britischen Budget erfolgen. Wird das eine neue Ausgabe sein oder wird es einen Teil der bereits aus der Anleihe beschafften Gelder bilden? Dr. Shiels: Wie ich es verstehe, wird es teilweise eine Neuausgabe sein, aber ich gebe ja hier nur die allgemeinen Riehtlinien des Planes, und wenn die Sache selbst vor das Parlament kommt, werden natürlich diese Details־ genauer dargelegt werden. Ich möchte jetzt etwas über Immigration sagen, weil diesbezüglich sehr scharfe Kritik an uns geübt worden ist. Man hat behauptet, es sollten Regulierungen eingeführt werden, die neue Hindernisse dem Kommen von mehr Juden nach Palästina in den Weg legen. Das Weißbuch gab an, daß eine Prüfung gewisse Schwächen des jetzigen Systems enthüllt hat Als Beispiel wird angeführt, daß während der letzten drei Jahre 7800 Personen, die nur Aufenthaltserlaubnis für beschränkte Zeit hatten, ohne Erlaubnis im Lande geblieben sind. Die Politik des Weißbuches von 1922 war, dnfi die Immigration nach Palästina im Einklang mit der wirtschaftlichen Fassungskraft des Landes stehen soll. Die Palästinaregierung ist dafür verantwortlich, daß diese Politik durchgeführt wird. Es ist klar, daß sie diese ihre Verpflichtung nicht befriedigend ausführen kann, wenn sie nicht durch entsprechende Bestimmungen vollständige Kontrolle über die Immigration besitzt. Diese Be- Stimmungen können wirksam sein, ohne dabei unrechtmäßige oder unbegründete Beschränkungen aufzuerlegen. Dies ist unsere Absicht Ferner hat der Zusammenhang zwischen Einwanderung und arabischer Arbeitslosigkeit Anstoß erregt und zu vielen falschen Darstellungen Anlaß gegeben. Man sagt, kein Jude solle nach Palästina gelassen werden, solange ein einziger Araber arbeitslos ist usw. Die Vorschläge der Regierung in diesem ebenso wie in anderen kritisierten Punkten beruhen auf den Empfehlungen des Simnson-Berichtes. Es ist merkwürdig, daß trotz der vielen am Weißbuch geübten Kritik sehr wenig des Simpson-Berichtes Erwähnung getan wird. In Wahrheit besteht unser Weißbuch im großen Ausmaß aus Zitaten des Weißbuches von 1922 nebst dem Ausdruck unserer Absicht, die darin d9r׳Te’e״te Politik beimbehalten, und aus Empfehlungen und Zitaten aus dem Simpson- Bericht. Mir ist es klar, daß viele Kritiker des Weißbuches den Simpson-Bericht niemals gelesen haben. Er ist ein umfangreiches und gewichtiges Dokument und in be7u׳r auf viele Fragen, wegen deren wir kritisiert worden sind, enthält er sowohl Informationen als auch eine volle Auseinandersetzung, und viele Argumente werden dort angeführt, die nicht voll im Weißbuch wiedergegeben werden konnten. Das Weißbuch sagt, daß die Fähigkeit des Landes, neue Immigranten aufzunehmen, unter Berücksichtigung der Lage Palästinas als Ganzes in bezug auf Arbeitslosigkeit und In bezug auf die nur als zeitweilig zu betrachtende Arbeit beurteilt werden muß. Das bedeutet nicht, wie man unterstellt hat, daß, solange irgendwelche Araber arbeitslos sind, keine Juden hereingelassen werden. Jede derartige Bestimmung, so müssen wir voraussetzen, wird mit Billigkeit durchgeführt werden; andernfalls ist es doch klar, daß die Dinge leicht so arrangiert werden können, daß überhaupt keine jüdischen Einwanderer hereingelassen werden. Wir erkennen auch voll an, daß eine Menge jüdischen Kapitals in Unternehmungen investiert wird, um für Juden Beschäftigung zu schaffen, und daß es andernfalls überhaupt nicht investiert werden würde. Die Arbeitneh inerliste für die nächsten 6 Monate, die soeben bekanntgegeben wurde, ist unter Berücksichtigung dieser Tatsache zusammengestellt worden und die mitgeteilte Ziffer von 1480 umschließt eine Anzahl dieser Kategorie. Ich hoffe daher, es ist klar, daß die in diesem Zusammenhang ausgesprochenen Befürchtungen unbegründet sind. Ferner muß daran erinnert werden, daß das Hereinkommen der anderen Klassen jüdischer Immigranten, abgesehen von den Arbeitnehmern, niemals aufgehalten wurde und diese weiter hereingelassen werden. Lloyd George hat sich etwas humoristisch geäußert über unsere angebliche Haltung gegenüber der allgemeinen jüdischen Arbeiter- Organisation. Tatsache ist, daß Unwille darüber laut geworden ist, daß in dem Weißbuch gewisse Meinungen von Sir John Hope Simpson über manche Aspekte der Tätigkeit der allgemeinen jüdisehen Arbeiterorganisation wiedergegeben wurden. Ich glaube nicht, daß in dem Weißbuch eine spezielle Kritik gegen die allgemeine jüdische Arbeiterorganisation selbst nachweisbar ist. Man hat unterstellt, daß die Arbeiterregierung den Zielen und Zwecken der jüdischen Arbeiterorganisation ohne Sympathie gegenüberstehe. Das würde bedeuten, daß die Arbeiterregierung ihren Grundsätzen untreu ist, was sicherlich niemand annehmen kann. Ich habe die meisten der Mitglieder der Exekutive dieser Arbeiterorganisation in London und auch in Palästina begegnet Ich habe viele von ihnen in Palästina gesehen. Wie jeder, der mit ihnen in Berührung kommt, war auch ich stark beeindruckt von ihrem Eifer uncf ihrer Energie, von der Klarheit ihrer Ziele und von ihren bemerkenswerten Leistungen in Palästina. Die Tatsache, daß sie für eine neue soziale Ordnung eintreten, erweckt natürlich die Sympathie und den Respekt meiner Kollegen und meiner selbst. Lloyd George: Im Weißbuch heißt es nicht so. Dr. Shiels: Der geehrte Gentleman hat das Weißbuch nicht verstanden. Was ich in Palästina besonders einschätzte, war die von ihnen geleistete Arbeit, die Regierung auf die Wichtigkeit einer industriellen und sozialen Gesetzgebung, die höchst notwendig ist, hinzudrängen. Ich wünsche oft, wir könnten die politischen Fragen in• den Hintergrund drängen und die Arbeit, die wirklich erforderlich ist, weiterführen. Gleichzeitig habe ich in bezug auf den speziellen Punkt der Politik der Arbeiterorganisation, mit dem sich das Weißbuch befaßt, selbst schon früher dargelegt, daß ich glaube, es liegt eine Gefahr in dem Grundsatz, die Beschäftigung in jüdischen Unternehmungen auf jüdische Arbeiter zu beschränken. Zweifellos ist die diesem Grundsatz primär zugrunde liegende Idee, daß jeder Mensch für sich selbst arbeiten soll, eine gute, aber ob es möglich sein wird, ein solches System für immer aufrechtzuerhalten, ist zweifelhaft; und es ist eine Erwägung von einem gewissen Ernst, wenn sich herausstellt, daß kein arabischer Arbeiter jemals Beschäftigung auf irgendfinem Stück des palästinensischen Bodens, das unter jüdische Herrschaft geriet, erlangen kann. Ich besuchte eine Anzahl der älteren Pica-Kolonien, wo dieses Prinzip nicht durchgeführt wird, und in einer dieser Kolonien war bei dem Empfang eine beträchtliche Zahl von Arabern anwesend, und die Reden wurden ins Hebräische und Arabische übersetzt. Man mußte zur Ansicht gelangen, daß solche Vereinigung zur Erzeugung guter Beziehungen zwischen den Völkern hilfreich sein muß, und ich glaube, es wäre klug von der Arbeiterorgan i s a t i o n , falls sie wirklich für dieses Prinzip verantwortlieh ist, sich zu überlegen, ob es nicht mit weniger Strenge angewandt werden könnte. Es gibt noch einen anderen Punkt der Kritik, auf den Mr. Balawin und zwei andere Mitglieder seiner früheren Regierung In einem von ihnen veröffentlichten Briefe Bezug genommen haben. Dies ist die Frage einer Round Table- Konferenz. Es wurde behauptet, daß der Regierung eine Round Table-Konfcrenz vorgeschlagen worden war und daß die Regierung keine Sympathie mit dem Bestreben der jüdisehen Führer, in bessere Beziehungen mit den Arabern zu kommen, gezeigt hat. Soviel ich weiß, bezog sich die Anregung aut eine spezielle Konferenz über die Frage des Gesetzgebenden Rates, obwohl zweifellos diese sich zu etwas mehr erweitert haben würde. Weit entfernt davon, ohne Sympathie zu dieser Sache zu stehen, ist sie vielmehr wiederholt von der Palästinaregierung untersucht worden. Nichts wäre uns angehehmer als die WRSgliChkeit einer solche« Roünä Table-Konferenz. Der Primeminister erinnert mich, daß, als die arabische Delegation hier war, ein Versuch gemacht wurde, aber er erwies sich als unmöglich. (Zwischenruf Kenworthy: Warum?) Weil wir die Parteien nicht zu einer Zusammenkunft bewegen konnten. (Zwischenruf Ken worthy: Welche Parteien?) Einmal war es die eine und ein andermal die andere. Ormsby Gore: Haben die Juden es jemals abgelehnt? Lloyd George: Da der Redner aus dieser Sache so einen wichtigen Punkt macht, ist es wirklich wichtig, daß wir wissen, wer dafür verantwortlich ist, daß der Einladung nicht Folge geleistet wurde. Waren es die Araber oder die Juden? Dr. Shiels: Ich weiß nicht, ob es einen Fall gab, wo die Juden ablehnten. Ich machte klar, daß die Araber nicht gewillt waren. Ich erwähnte diesen Punkt nicht, um der einen oder der anderen Seite Lob oder Tadel zu erteilen. Ich erwähnte ihn, um dem Haus eine Vorstellung zu geben von der wirklichen Lage der Dinge in Palästina und den wirklichen Problemen. Ein gutes Beispiel ist gerade jetzt die Angelegenheit des Klagemauerstreites. Diese Sache ist sehr ernst und ihre Beilegung wäre ein gewaltiger Schritt vorwärts zu Frieden und Ordnung. Der Gegenstand ist zwar wie gesagt sehr wichtig, aber doch umschrieben; trotzdem fand der High Commissioner es notwendig, bei der Führung von Verhandlungen mit jeder Partei separat zu sprechen. Wen immer der Tadel trifft, mein Hinweis soll nur besagen, daß eine solche Sachläge eine Bedeutung hat, die das Haus zur Kenntnis nehme. Ich habe nicht die Absicht, mich noch weiter mit der am Weißbuch geübten Kritik zu befassen. Ich glaube, daß sie in hohem Maße, wenn nicht gänzlich beantwortet wird durch das, was ich schon sagte, nämlich daß Beratungen mit beiden Seiten stattfinden werden, bevor detaillierte Vorschlage in Kraft gesetzt werden. Die zionistische Bewegung ist eine Bewegung von Idealisten, welche ihre Ideale in einer sehr wirksamen und sachgemäßen Weise anwenden. Niemand, der wie ich die glücklichen und gesunden Gesichter in den verschiedenen Kolonien und Gemeinden Palästinas gesehen hat, kann etwas anderes als Bewunderung haben für die Vision und die Realität, welche sie verkünden. Die zweckmäßige Ausnützung des Bodens durch moderne und intensive Methoden, die gewaltige Entwicklung der Geflügelzucht, die blühenden Weingärten und Orangenpflanzungen beweisen das Wachstum der Produktivität und des Reichtums des Landes, das diese Siedler erzeugen. Wir alle stimmen überein in der Bewertung dieser Leistungen. Die jüdische Stadt Tel-Awiw ist nicht nur anziehend, sondern sie ist auch ein Zentrum der Energie und des Fortschritts. Auch die Hebräische Universität in Jerusalem war für mich überraschend. Sie ist herrlich gelegen und ist wissenschaftlich gut ausgestattet und entwickelt sich nach ganz modernen Richtlinien. Sie hat einen bewundernswerten Kanzler. Dem Verdienst all dieser Dinge muß jeder zustimmen, der das Land kennt. Ich sagte schon, die Zionisten sind Idealisten. Die Schwierigkeit des Idealisten ist die, daß er im allgemeinen ungeduldig ist und eifrige Zionisten sind in ihrem Eifer für den Fortschritt des Jüdischen Nationalheims ungeduldig gegenüber irgendwelchen Einschränkungen. Wir haben ja Erfahrangen mit Idealisten in unseren eigenen Parteien. Es ist natürlich, daß Enthusiasten kurze Schritte wünschen, aber der längere Weg ist oft im Effekt der schnellere. Ich möchte übrigens darauf hinweisen, daß in bezug auf das Jüdische Nationalheim wirklich ein bemerkenswerter Fortschritt gemacht wurde. Meine Ziffern sind nicht so hoch wie die meines Vorredners. Er sagte, es sei ein Ueberschuß von 100000. Meine Ziffern zeigen, daß, seit England die Verantwortung für Palästina trägt, über 100000 Juden hereingelassen wurden und der Nettoüberschuß über 80000 jüdische Immigranten beträgt, die zur Bevölkerung Palästinas hinzugekommen sind. Lloyd George: Seit wann? Dr. Shiels: Seit die Mandatarmächte ihre Tätigkeit begönnen haben. Lloyd George: Die Differenz liegt darin, daß ich die Ziffer seit 1918 gab. Dr. Shiels: Sie besagen also dasselbe. Das Interessante an der Sache ist, daß praktisch jeder Einzelne dieser Immif' nur in der Zeit der jetzigen Regierung, sondern auch zur Zeit der konservativen Regierung und vielleicht sogar der Koalitionsregierung, einfach passiv zugeschaut hat, während die Juden nach Palästina kamen, und daß alles, was sie getan hat, darin bestand, sie von Zeit zu Zeit am Kommen zu verhindern oder ihre Zahl zu verringern. Jeder in diesem Hause weiß, da die Sache oft besprochen wurde, wie schwierig es ist, eine einwandernde Bevölkerung in einem neuen Land anzusiedeln. Wir alle wissen, was diese Frage in Kanada und Australien bedeutet. Die angeführten Ziffern zeigen also Resultate, die Verhältnismäßig in keinem anderen Teil der Welt ein Beispiel haben. Während zweifellos das Hauptverdienst daran dem jüdischen Volk selbst zufällt, kann doch die Mandatarmacht nicht ganz so passiv und inaktiv gewesen sein, wie man behauptet. Diese Regierung und sicherlich jede britische Regierung wird alle Erleichterungen für die Entwicklung des Jüdischen Nationalheims gewähren, welche mit ihren ebenso heiligen Verpflichtungen bezüglich der anderen Seite des Mandates vereinbar sind. Denn, obwohl mein Vorredner nicht viel darüber sagte, gibt es noch eine andere Seite des Mandates. Ich habe mich fast ausschließlich mit der auf die Entwichlung des Jüdischen Nationallieims bezüglichen Kritik befaßt. Ich würde aber meiner Pflicht gegenüber dem Haus nicht genügen, wenn ich nicht daran erinnerte, daß wir als Mandatarmacht auch andere Rücksichten zu üben haben. Die Mitglieder dieses Hauses hören sehr viel von der jüdischen Seite dieses umstrittenen Gegenstandes, aber so gut wie gar nichts von der anderen. Der Oberkommissär aber steht der Tatsache gegenüber, daß vier Fünftel der Bevölkerung Palästinas Araber sind und daß sie — besonders seitdem diese Agitation begann - Befürchtungen für ihre Zukunft und für ihr Land hegen. Mein Vorredner hat gefragt, warum der Araber in Palästina nicht nach Transjordanien gehen sollte. Lloyd George: Nein; im Gegenteil, ich sagte zunächst, daß in Palästina selbst die doppelte Anzahl von Arabern unterbringen könnte, wenn eine richtige Laudentwicklung betrieben würde, und ich sagte, daß immer noch Transjordanien da ist, wohin ein etwaiger Ueberschuß, falls ein solcher sich ergeben sollte, geschickt werden könnte, weil Transjordanien aus dem Bereich des Jüdischen Nationalheims ausgeschlossen ist. Aber ich befaßte mich zunächst mit den Möglichkeiten Palästinas und erwähnte Transjordanien nur für den Fall eines Ueber- Schusses. Dr. Shiels: Das Haus wird verstehen, daß ich nicht die leiseste Absicht habe, die Anschauungen des verehrten Gentleman falsch darzustellen. Jedenfalls wurde etwas Derartiges von anderen gesagt. Es wird oft betont, daß Palästina ein Heiliges Land der Juden ist; es ist auch ein Heiliges Land der Christen, von denen etwa 90 000 in Palästina leben, meistens Araber. Es wird jedoch oft vergessen, daß Palästina auch ein Heiliges Land der moslemischen Araber in Palästina und für die Moslems in der ganzen Welt ist. Ich las heute in einer, jüdischen Veröffentlichung, Palästina sei nur ein kleiner Zipfel des arabischen Königreiches und von keinem besonderen Interesse für die Araber im allgemeinen. Das ist nicht wahr. Jerusalem hat Zusammenhänge mit dem Stifter des Islam und ist zusammen mit Medina nach Mekka die heiligste aller moslemischen Stätten. Das Land ist also für die Araber und die Moslems mehr als ein bloß geographischer Landstrich. Es gibt zwei Gründe, warum wir nicht unsere Verpflichtungen gegenüber den nichtjüdischen Bewohnern Palästinas vergessen dürfen. Der erste ist, daß unsere nationale Ehre und unsere internationalen Verpflichtungen uns in derselben Weise hierin verpflichten, wie wir gegenüber dem jüdischen Volk verpflichtet sind. Zweitens — ich lege hierauf großen Nachdruck — begreifen auch die klügsten und besonnensten Führer des Zionismus, daß ohne eine befriedigte arabische Bevölkerung der volle Erfolg des Jüdischen Nationalheims nicht gesichert werden kann und daß daher alles, was wir tun, um unsere Mandatspflichten gegenüber den Arabern zu erfüllen, zu gleicher Zelt ein Beitrag zum Erfolg des Jüdischen Nationalheims ist. Während meines letzten Besuches in Palästina machte es Eindruck auf mich, eine Anzahl vernünft iger Minner auf beiden Seiten zu finden. Ich hoffe, sie werden eine Chance bekommen. Nach meiner Meinung werden alle Regeln und Bestimmungen, alle Maschinen, Regierungen und Mandate versagen, wenn wir nicht eine bessere Stimmung zwischen den beiden Völkern bekommen. Ich sagte vorhin, wie bedauerlich es ist, daß sowohl die Palästina-Regierung als auch unsere eigene so oft in der Stellung eines Schiedsrichters zu handeln haben, statt die für Palästina so notwendige konstruktive Arbeit fortzuführen. Die Kosten der verstärkten militärischen Kräfte im Lande sind groß und wir könnten dieses Geld für bessere Zwecke verwenden. Ich betone die Notwendigkeit von wenigstens Toleranz. Eine der Hauptschwierigkeiten, die mein Vorredner erwähnte und über die noch viel zu sagen wäre, ist die Tatsache, daß das Schicksal Palästinas in so hohem Maße von Faktoren außerhalb des Landes beeinflußt wird. Es ist wichtig, daß die, welche Einfluß in Palästina ausüben, ebenso wie die Bevölkerung Palästinas, jüdische und arabische, die Versicherung erhalten, daß die britische Regierung und alle britischen Regierungen beiden Seiten ein ehrliches Vorgehen zuteil werden lassen und stets in Ehren und in gutem Glauben handeln wird. Ich bin überzeugt, daß das, was ich gesagt habe, dem Hause die Versicherung gibt, daß dies unser Entschluß ist Amery für bfnaHonales Palästina Amery (konservativ, ehemaliger Kolonialminister): Wir alle beglückwünschen Dr. Shiels herzlich zu seiner Rückkehr ins Unterhaus (nach seiner Krankheit), um! ich denke, ich kann ihn ebenso sehr beglückwünschen wegen der Kraft und Fähigkeit, mit der er die Vorgänge verteidigt hat, für die er selbst nicht am wenigsten verantwortlich war und von denen viele Angehörige aller Parteien in diesem Hause fühlen, daß sie unnötig gewesen sind. Natürlich begrüßen wir die Zusieherungen, die gegeben wurden, daß keine Absicht besteht, in der vollständigen Ausführung des Mandats zurückzuweichen in der Richtung, die Entwicklung des Jüdischen Nationalheims in seiner gegenwärtigen Form zu kristallisieren. Das Unterhaus wird selbstverständlich dem von ihm dargelegten Plan der Landentwicklung wohlwollende und, wenn es nötig ist, sorgfaltige Erwägung widmen. Ich glaube nicht, mich in diesem Augenblick hiermit befassen zu müssen. Es müßte sicherlieh viel mehr dazu geäußert werden als es nach den Informationeri, die wir von Dr. Shiels erhalten haben, geschehen kann. Was den übrigen Teil seiner Rede betrifft, so muß ich