Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 92 (21.11.1930)
- Date
- 1930-11-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2653156-2653241--21973-2680134- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 812 JUEDISCRE RUNDSCHAU Nr. 92, 21. XL 1930 nisten geführt wurde, die in ihrer Person den Anforderungen aller zionistischen Arbeitsgebiete bestens gerecht wurden. Daß das Stadium unzureichenden Kontaktes mit den In der Oemeindearbcit wirkenden Gesinnungsgenossen überwunden wurde, erwies sich für beide Teile als ungemein wertvoll. Die Entwicklung der zionistischen Bewegung führte in immer stärkerem Maße zu der Notwendigkeit, die jüdischen Gemeinden für den Palästina-Aufbau als aktive Förderer zu gewinnen. Und in den Gemeinden wuchs mehr und mehr die Erkenntnis, um wieviel reicher das Gemeind eieben wurde, je mehr unter dem Einfluß der Zionisten der Zusammenhang mit der Weltjudenheit — nicht bloß auf dem Gebiet des Palästina-Aufbaus — gestärkt wurde. IV• Dies ist, in großen Strichen, die Situation, in der wir in diese Gemeindewahlen hineingehen: Unsere Gesinnungsgenossen haben in der Berliner Jüdisehen Gemeinde, die nicht nur die größte Gemeinde Deutschlands, sondern eine der wichtigsten Gemeinden der Welt ist, eine Arbeit geleistet, die höchstes Lob verdient. Sie verdient dies Lob ebenso sehr vom zionistischen Standpunkt wie vom Standpunkt der Mitglieder der Berliner Jüdischen Gemeinde. Denn die Berliner Jüdische Gemeinde verdankt es der hingebenden Arbeit unserer Freunde, daß sie heute auf zwei grundverschiedenen Gebieten als vorbildlich gelten darf: die unter dem maßgeblichen Einfluß der jüdischen Volkspartei stehende Leitung der Gemeinde hat die Gemeinde zugleich mustergültig zu verwalten und mH lebendigem jüdischen Geiste zu erfüllen gewußt. Diese Leistung erkennen wir Zionisten um ihrer selbst willen an. Wir betrachten es als eine erfreuliche, aber im Grunde selbstverständliche Folge der Stellung und Haltung, die unsere Freunde der Berliner Jüdischen Gemeinde zu verschaffen gewußt haben, daß die Gemeinde durch ihren Eintritt in die Jewish Agency sich in den Dienst des Palästina- Aufbaues gestellt hat Der voll bestehende Kontakt zwischen der zionistischen Gemeindearbeit und der sonstigen zionistischen Arbeit findet bei diesen Wahlen seinen sinnfälligen Ausdruck darin, daß eine Anzahl Zionisten, die bisher sich auf intensive Mitarbeit in der eigentlichen zionistischen Arbeit beschränkten, jetzt als tätige Mitarbeiter ln die Gemeindearbeit hineingehen. Die Ent- Wicklung hat es mit sich gebracht, daß es nicht mehr einen grundsätzlichen Unterschied zwischen palästino-zentrischem Zionismus und galuthorientiertem Zionismus geben darf und gibt. Wir wissen längst, daß der Kampf um Palästina zu einem großen Teil im Gaiuth ausgefochten wird, und wir schätzen auch sonst die ungeheure Bedeutung der Galutharbeit riehtig ein. Bei dieser Wahl wird entschieden, ob der jüdischen Volkspartei weiterhin die Möglichkeit gegeben sein wird, in zionistischem Sinne, d. h. in dem Sinne einer Verlebendigung der jüdischen Arbeit, in der Gemeinde zu wirken und die Jüdische Gemeinde Berlin weiter auf den Weg positiven jüdisehen Aufbaus zu führen. Die Grundsätze unserer zionistisehen Auffassung über jüdisches Leben im Gaiuth stehen zur Afeihl ■ü-■ deshalb Sind die Wahlen'"Mr Jüdischen Gemeinde ih Berlin dn danistisch« Ertignis. Der jüdische Wahlkampf in Berlin Wir haben bereits in der vorigen Nummer auf das Flug- Watt hingewiesen, das die Liberale Partei, die sich rühmt, über 300000 M. WahigeWer zu verfügen, an die jüdischen Wähler verschickt hat. ln jenem Flugblatt, in welchem Hugo P r e u ß, der für Deutschland als Schöpfer der Weimarer Verfassung von großer Bedeutung ist, sich aber Zeit seines Lebens um jüdische Dinge nie gekümmert hat, als Kronzeuge für die Entjudungstendenzen der Liberalen geführt wird, in jenem Flugblatt, in dem Moses Mendelssohn zitiert wird, in dem aber verschwiegen wird, daß Moses Mendelssohn ein unbedingter Vertreter eines vollbewußten, jeder unjüdischen Reform abholden Judentums gewesen ist, in jenem Flugblatt befinden sich einige Behauptungen, die den Stempel der Un- Wahrheit auf der Stirne tragen. In einem offenen Briefe an Direktor Klee mann, den wir demnächst veröffentliehen werden, wird aut diese Entstellungen und Verdrehungen eingegangen und nachgewiesen, daß hinter diesen Behauptungen geradezu bewußte Verfälschung der Wahrheit liegt. Das Flugblatt der Liberalen behauptet überdies, daß die jüdischen Gemeindesteuern von Berlin für zionistische Experimente verwendet werden und daß Gelder aus dem Steuereinkommen der Gemeinde für jüdischnationale Zwecke ins Ausland fließen. Diese Behauptung ist eine Ungeheuerlichkeit schlimmster Art. In dem ungefähr 12 Millionen Mark betragenden Etat der Berliner Jüdischen Gemeinde sind insgesamt 15000 M. für Palästinazwecke, nämlieh für den Lehrstuhl an der Hebräischen Universität, vorgesehen. Außerdem betragen die Subventionen an ״ausländische Institutionen2000 ״ M. Allerdings kommen noch die Subventionen für den ״Ort“ hinzu. All diese Ausgaben sind mit Zustimmung der Liberalen gemacht worden. Den Liberalen war die Subvention für den ״Ort“, der doch im ״Ausland“ nationale Arbeit im besten Sinne des Wortes leistet und den sie in Deutschland als Kampforganisation gegen den Zionismus verwenden, nicht genügend. Ihre Forderungen für diesen Zweck waren weit höher als die Gemeindefinanzen es vertragen konnten. Zuerst in der Repräsentanten Versammlung für all diese Ausgaben stimmen, die lächerlich gering sind und kaum das Gefühl der Verbundenheit mit den Juden in der ganzen Welt zum Ausdruck bringen, und hinterdrein bei den Wahlen unglaubliche, durch nichts motivierte Behauptungen aufstellen, das ist unfair, das ist unanständig! Das liberale Flugblatt verlangt, daß Ersparnisse gemacht werden, damit die Steuern gesenkt und die Ausgaben für die Wohlfahrtseinrichtungen erhöht werden können. Wenn man diese erwähnten 17 000 M. für ״ausländische Zwecke“ einsparen wollte, so würde man die Steuern jedes jüdischen Zensiten in Berlin um ungeflhr einen Groschen senken. Wenn man auf Überaler Seite eine Erhöhung der Wohlfahrtsausgaben ernstlich gewünscht hätte, so hätten die Liberalen nicht auf der Errichtung des Prunkbaues in der Prinzregentenstraß e bestehen sollen. Die Kosten jenes Gebäudes, das das ganze liebe Jahr leer steht und nicht einmal an den Hohen Feiertagen besetzt war, hätten ausgereicht, zehn Jahre lang den Etat für Wohlfahrt um je 150000 M. jährlich zu erhöhen. Wohl haben wir, wenn auch schweren Herzens, diesem Bau zugestimmt, aus Gerechtigkeitsgründen; wir gestehen aber ein, daß die formale Gerechtigkeit in diesem Falle eine Ungerechtigkeit war. In weiteren Flugblättern der liberalen Partei wird der Vorwurf gemacht, daß die jüdische Gemeinde rin Ledigenheim mit 90 Betten um den Betrag von 800000 M. errichten will und daß sie jüdische Sportplätze schafft. Die liberalen Behauptungen bezüglich des Ledigenheims sind zumindest eine dreiste Entstellung. Erstens soll das Ledigenheim 120 Betten haben, zweitens soll es nur 400000 M. kosten und drittens haben die Liberalen der Errichtung dieses Ledigenheims ihr Plazet gegeben. Das gleiche gilt für die Sportplätze. Wenn ln der Repräsentanteimrsammlung die volksparteilichen Vertreter Rothenberg oder Wald mann im Laufe der Jahre wegen des Sportplatzes interpellierten, so pflegten sich flugs die liberalen Reprisentanten Fleischer und London zu erheben, um auch Ihrerselts dringend den Sportplatz zu verlangen. Nunmehr aber heißt es, daß die Errichtung der Sportplätze eine Gefährdung des Zusammenlebens von Juden mit den Nichtjuden ist und daß darin die Schaffung des dreimal verfluchten ״jüdischen Milieus“ liege. Das ist eine Politik des doppelten Bodens! Wenn die Liberalen so sehr gegen das ״jüdische Milieu“ sind, wozu dann der jüdische Handwerkerverein unter Führung der liberalen Repräsentanten Marcus und Wolff? Wozu der Frauen verein, in dem die liberale Spitzenkandidat in Frau Falckenberg eine so große Rolle spielt? — Sind sich die Liberalen nicht dessen bewußt, wie unwahr, wie innerlich haltlos ihre Behauptungen sind? Das allerschlimmste aber ist, daß die Liberalen die jüdisehen Wähler in ihren Versammlungen um! ln ihren Veröffentlichungen zur Wahl dauernd darauf hinweisen, daß man die Rassen- und Pseudo-Rassengegensätze und die Konfessionsgegensätze aus der Welt schatten müsse, wozu die Liberalen sich als die Geeignetsten der Wählerschaft empfehlen. Derartige Behauptungen, in Deutschland im Jahre 1930 angesichts der nationalsozialistischen Erfolge aufgestellt, sind nichts als eine dreiste Verleumdung der jüdischen Gemeinschaft. Nach diesen Behauptungen sieht es so aus, als ob die Juden die Rassengegensätze vertiefen, als ob die Juden den Antisemitismus machen, als ob es die Juden bisher unterlassen hätten, im Frieden mit der Umweit zu leben. Wir pflegen nicht seitwärts auf den ״Vöfkischen Beobachter“ m schielen und uns darum zu kümmern, was dieses Organ schreibt. Aber die Liberalen richten doch unbewußt (ihr Epigone Naumann bewußt) ihr Benehmen dapadb e|% utf ״Gjtade vor den Apgen d» ״VftWsch^ Beobachters“ zu finden (im übrigen ein durchaus aussichtsloses Unternehmen, denn dem; ״Völkischen Beobachter“ wäre nur eine einzige jüdische Handlung, nämlich der jüdische Selbstmord, recht). In ihrem verbohrten Haß gegen den Zionismus vergessen die Liberalen an ihre Hauptsorge, nämlich dem ״Völkischen Beobachter“ keinen Anlaß zu Angriffen zu geben und stellen Behauptungen auf, daß jüdischerseits der Rassengegensatz verstärkt wird. Das allerschlimmste aber, was sich in den letzten Wochen abspielt, ist die schrankenlose Hetze, nicht in Versammlungen und nicht in den Flugblätlern, aber von Mann zu Mann, gegen die Ostjuden. In den Versammlungen heißt es, daß in der Gemeinde jetzt nur Galizianer Aussicht auf Anstellung haben, in privaten Gesprächen aber wird die Ver- Stärkung der antisemitischen Welle in Deutschland als die Schuld der Ostjuden bezeichnet. Dieses ruchlose, abgrundtief dumme Verhalten sollte von jedem Juden, einerlei welcher Richtung er angehört, mit Abscheu zurückgewiesen werden. Ruchlos, weil es in jeder Beziehung unwahr ist, abgrundtief dumm, weil man auf diese Weise glaubt, durch Auslieferung da־ Ostjuden an die antisemitischen Instinkte sich selbst salvieren zu können. Als ob Hitler und Goebbels Appetit auf den mageren Ostjuden und nicht auf die fetten liberalen Geldjüden hätten! Die Liberalen unterschätzen den Appetit der Nationalsozialisten, Es tut uns in der Seele weh, daß wir uns gezwungen sehen, derart scharf gegen die liberalen Wahlpraktiken zu polemisieren. Wir hätten es yorgezogen, daß die Wahl nicht in einen Wahlkampf ausarte, aber angesichts der unverantwortliehen Verleumdungen, angesichts des jedem Gefühl für Sauberkeit Hohn sprechenden Kampfes gegen die Ostjuden, angesichts der Provokationen in den liberalen Versammlungen geht einem die Galle über. Ein Beispiel für derartige Provokationen war die Versammlung in den Sophiensälen, über die wir in unserer vorigen Nummer berichtet haben. Da wurde wieder das Märchen von den vergeudeten Steuergeldem aufgetischt, da wurde wieder in sadistischem Vergnügen äh jiidischera Antisemitismus gegen die ״Galizier“ gehetzt, und dann bestellte man sich einen bezahlten Saalschutz uhd rief das Ueberfallkommando herbei. Hinterher kann man dann behaupten, die bösen Zionisten seien unanständig gewesen. Es gibt nichts Widerwärtigeres als kaltschnäuzige Provokation. Diese ist von den Liberalen in mehreren ihrer Versammlungen getrieben worden. Wenn auf ihrer Seite echte Entrüstung, glühende Begeisterung, gläubiger Fanatismus vorhanden wären, so könnte man ihre Wahlexzesse noch irgendwie begreifen und sie als Ausfluß überschüssiger jüdischer Energien erklären. Das alles aber ist nicht vorhanden. Nichts als Wahlmache, gespeist von reichen Geldsäcken! Die Wähler werden am 30. November zu entscheiden haben, ob sie den Wortführern der Liberalen wiederum zu entscheidendem En- I fluß in der Berliner Jüdischen Gemeinde verhelfen wollen. ן s. n. Die Versammlung In den Sophien-Sälen Ein vielsagendes Protokoll. Es erscheinen im Büro der Jüdischen Volkspartei unaufgefordert Frau Johanna Steller, Lottumstr. 10, mit ihrem Sohn Kurt Steller, ebenfalls Lottumstr. 10 wohnhaft. Sie erklären: ״Wir sind Mitglieder der Reformgemeinde und besuchten am Montag, dem 17. d. M., die liberale Wählerversantmlung in der Sophienstraße, um uns über die Ziele der Liberalen Partei und deren Arbeit in der Jüdischen Gemeinde zu orientieren. Während der Ver- Sammlung wurden von verschiedenen Seiten Zwischenrufe laut, die jedoen über den Rahmen des ln politischen Versammlungen, insbesondere in Wählerversammlungen üblichen nicht hinausgingen. Erst bei besonders scharfen Angriffen seitens der Mehrzahl der Referenten gegen die Zionisten wurden in den vordersten Reihen — wir saßen in der vierten Reihe — Rufe wie: ״Galizianer heraus“ und ähnliche laut. Hierbei bemächtigte sich der überwiegend aus Ostjuden besetzten Versammlung eine unseres Erachtens durchaus berechtigte Unruhe, was die sehr zahlreich vertretenen christlichen Mitglieder des Reichsbanners veranlaßte, sich auf einige Besucher, von denen sie glaubten, daß sie, Zwischenrufer waren, zu stürmen und auf sie einzuschlagen. Wir saßen neben einem zionistischen Ehepaar, mit dem ich, der Erschienene zu 2, in eine Diskussion kam. Der Zionist gestikulierte sehr heftig. Ich versuchte ihn zu beschwichtigen, trotzdem wies mich einer der Reichsbannerleute zur Ruhe; weil er glaubte, ich sei der Urheber der Unruhe. Er packte mich beim Kragen und wollte mich aus dem Saal werfen. Mehrere andere Reichsbannerleute kamen hinzu und schlugen mich. Meine Mutter wollte mir beispringen, da kam der Referent, Herr Martin Schneider, von der Rednertribüne, packte sie beim Kragen, stieß sie ins Kreuz und rief ihr zu: ״Du polnisches Aas, du mußt raus!“ Er schleifte sie bis zur Treppe, eine Reihe Reichsbannerleute, die dort standen, schlugen auf uns ein. Mir wurde dabei ein Stoß gegen das Auge versetzt, bei dem meine Brille zerbrach. Meine Mutter wurde zu Boden geworfen und erhielt einen Fußtritt gegen ihren Nabelbruch. In unserer Angst riefen wir: ״Wir sind Liberale,“ erst dann ließ man von uns ab. Wir beiden werden von Herrn Dr. Abraham S t e i n e r t behandelt, die ärztlichen Zeugnisse liegen dem Protokoll bei. Zwei junge Herren, die uns an der Saaltür zu Hilfe kamen, die, wie wir jetzt erfahren, dem Bar Kochba-Hakoah angehören, wurden von den R eich b a n n er i e u t e n in unglaublicher Weise verprügelt, ihnen Kragen und Schlips abgerissen und von den Reichsbannerleuten der Polizei übergeben. Für diese Maßnahmen war der einzige Grund, daß sie mir, da ich am Boden lag, beispringen wollten. AU:_Zeugen_bf»en$e'ich;• Max Schmerz, LWeastr. : י•-.. Heinrich Leiner, Elsässer Str. 24, Rabbiner Dr. Freier, Neue Friedrichstr. 4, Herr Latener, Meyerbeerstr. 7, Julia Groß, Mulackstr. 20, Frau Anna Bronner, Alte Schönhauser Str. 4. gezeichnet: KurtSteller. Berlin, den 18. November 1930. ־*•'■■ Der Referent in der Versammlung, Martin Schneider, ist Kandidat der Liberalen Partei und der von ihm proklomierte Kriegsruf ״Sieg über die Grenadierstraße“ scheint die Ausplauderung eines in den liberalen Seelen schlummernden, sonst ängstlich verschwiegenen Wunsches durch diesen temperamentvollen kampfgierigen Kandidaten zu sein. Von durchaus glaubwürdiger Seite wird uns versichert, daß Martin Schneider in der letzten Zeit sehr oft voller Verachtung gesagt hat; es sei eines fortschrittlichen Juden im 20. Jahrhunde rt unwürdig, sichnochumeine jüdische Gemeinde zu kümmern. Diese jüdische Einstellung Schneiders verhinderte jedoch die Liberalen nicht, ihn zu einem Vormann ihrer Ideen zu erküren. Martin Schneider und seine Gesinnungsfreunde werden eine große Enttäuschnng erleben: es wird ihnen nicht gelingen, die Grenadier- Straße zu besiegen, ebenso wenig wie es den Nationalsozialisten gelingen wird, den Kurfürstendamm zu zerschmettern. Interessant ist es immerhin, daß der von den Nationalsozialisten auf die vornehmen Judenviertel geübte Druck von den jüdischliberalen Insassen dieser vornehmen Viertel prompt auf die armseligen Judenquartiere abgewälzt wird. Insolange die Liberalen ihren Kandidaten Martin Schneider nicht von ihrer Kahdidatenliste streichen und ihn in aller Form desavouieren, werden wir dessen Parole ״Sieg über die Grenadierstraße“ als die Parole der Liberalen betrachten and ans demgemäß, verhalten, *' Außer Liberalen und Jüdischer Volkspartei ist bisher von einer Versammlungstätigkeit der anderen im Waldkampf auftretenden Richtungen wenig zu merken gewesen. Die Ueberpartei, welche die ehemaligen Tendenzen und die Methoden der Mittelpartei übernommen hat, beschränkt sich auf die Proklamierung ihrer überparteilichen Grundsätze, während die Mittelpartei, trotzdem der allgemein geschätzte, der Jewish Agency angehörende Kommerzienrat Gereon Simon ihr Spitzenkandidat ist (während Frau Esc.helb a Cher in den Hintergrund gedrängt wurde, Rabbiner Dr. Weiße gar keinen Anteil mehr an der Mittelpartei nimmt und nicht einmal auf den Aufrufen dieser Partei figuriert und auch Geheimrat Julius Stern, der bisherige Vorsitzende der Repräsentantenversammlung, sich gegenüber der Mittelpartei sehr reserviert verhält) in eine Richtung abgleitet, die man nicht mehr als ausgleichend und parteienverbindend bezeichnen kann. Die Jungliberalen haben ein Flugblatt herausgegeben, das in Ton und Inhalt sympathisch berührt Von den anderen Richtungen ist, wie gesagt, im Wahlkampfe wenig zu merken. Besucht die wahierversammiunoen der Jüdischen VolKspartel!