Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 91 (18.11.1930)
- Date
- 1930-11-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 01, 18. XL 1930 JÜEDISCHE ,RÜNDSCHXO MMMF uCUC ÖÜ7 Die zionisiisdie Winterarbeit (Auszug aus dem am 12. Oktober in der Sitzung des Landesvor- Standes der Z. V. f. D. gehaltenen Referat.) Die jüdische und zionistische Welt ist durch die Ereignisse der letzten Monate aufgerüttelt und irritiert worden. ■Nach den August-Unruhen des vorigen Jahres empfanden wir diese Mischung von Unsicherheit und Hoffnung, die sich heute wiederholt. Viele Zionisten sind durch den Ausgang der Reichstagswahlen in ihrer zionistischen Haltung berührt worden und verlangen neue Parolen für die Orientierung gegenüber der deutschen Politik. Die Beurteilung der gegenwärtigen Situation wird dem leichter, der sich an ähnliche Konstellationen früherer Jahre erinnert. 1918 hielt ich in einer Zeit, in der die Juden von dem Gefühl großer Unsicherheit erfüllt waren und ihre Stellung zum Staat und zur politischen Gegenwart in neuer Form festfegen wollten, einen Vortrag über den Antisemitismus und seine Uebenvindung. Es handelte sich damals um dasselbe Problem, vor dem wir heute stehen. Die sogenannte Gegenwartspolitik war in den Mittelpunkt der zionistischen Auseinandersetzung gerückt worden, wichtiger als Palästina erschien da$_ Galuth- Leben. Damals kam cs wie heute darauf an, die Zionisten zur richtigen Bewertung ihrer Arbeitsgebiete zu führen. Gegenüber der Meinung, daß die Palästina-Lösung qantitativ unerheblieh sei angesichts der Nöte der Weltjudenheit und daß man dieser Erkenntnis zionistisch Rechnung tragen müsse, betonte ich damals, daß die zionistische Grundauffassung bei richtiger Erkenntnis unverändert bestehen bleibt. Gewiß müßte alles geschehen, tun die Stellung der Juden in günstigem Sinne zu beeinflassen, aber wir müßten klaren Auges die!Möglichkeiten und Grenzen unserer Arbeit auf diesem Gebiet erkennen und uns dävor hüten, mit diesen Arbeiten Erwartungen zu verknüpfen, die wir bei der nichtzionistischen Welt immer als irrig erkannt haben. Heute haben wir es mit einer ähnlichen, wenn auch viel ernsteren Lage zu tun. Der C.-V. hat in all diesen Jahren in gleicher weise gearbeitet. Was er tat und tut, ist — abgesehen von der Arbeit für den Rechtsschutz — politisch großenteils eine Selbsttäuschung, über die er sich selbst kaum Rechenschaft zu geben vermag. Wenn wir aber gegen sein System auftreten, müssen wir uns davor hüten, ein politisches System aufzustellen, das sich gleichfalls als unfundiert erweisen wird und dürfen die Wirkung unserer Methoden gegenüber der antisemitischen Bewegung nicht überschätzen. Wir wissen bekanntlieh, daß unsere Bekämpfung des Antisemitismus im wesentliehen darin liegt, daß wir die durch die judenfeindliche Bewegung uns drohenden Gefahren durch jüdische Entwicklung, durch Organisierung und Gewinnung der judenheit für jüdische Ziele überwinden. Uns war die innere Sicherheit wichtig, die den Juden in früheren Zeiten ihrer Geschichte die Kraft gab, sich als Juden zu behaupten. In Zeiten schwerster Bedrohung fanden sie im Bewußtsein der Bedeutung ihres Judentu ms den Rückhalt für das Ertragen eines bedrohten Lebens. Ueber diese Erkenntnis werden wir auch heute nicht hinauskommen. Die Maßnahmen, die wir verlangen, sind ernst und wichtig, aber sie müssen von uns ohne die Prätention eines radlkalen Heilmittels vorgetragen werden. Unsere Stärke liegt darin, daß wir den Selbstbetrug ausschalten. Wir müssen verstehen, daß der C.-V. seiner Natur nach die Hoffnung auf eine s i e g r Ci c: h e Bekämpfung des Antisemitismus nicht aufgeben kt'nn;' ־־ ■ Jüdische Assimilation und jüdischnationale Bewegung sind geschichtlich gesehen die beiden notwendigen Tendenzen jiidischer Entwicklung. Beide Tendenzen gab es immer und wird es immer geben. Der C.-V. wird immer als die Organisation der Juden, deren oberstes Ziel die reibungslose Einfügung in die Umwelt ist, in erster Linie auf eine Aenderung der Gesinnung der Umwelt hoffen müssen. Er kann die Verbesserung des jüdischen Lebens in erster Linie immer nur von außen her erwarten. Seine Stellungnahme wird durch die Aeußerungen und das Verhalten der Nichtjuden bedingt und seine jüdische Haltung bewußt danach eingerichtet. Danach kann es zwischen uns und ihm nicht einmal eine Gemeinsamkeit in der Apologetik geben. Die Apologetik des C.-V. muß auch in Zukunft in einer Rechtfertigung vermeintlicher oder wirklicher Unzulänglichkeiten des jüdischen Wesens oder des jüdischen Lebens bestehen: Die Juden sind keine schlechteren Patrioten, Beweis: die Statistik der Gefallenen: die Juden haben nicht das große Geld und werden sogar immer ärmer, Beweis: Berufsstatistiken; die Juden sind an Vergehen und Verbrechen nicht übermäßig stark beteiligt; die ,,Werte“ der jüdischen Religion können sich neben dem besten Extrakt anderer Religionen sehen lassen usw. Durch alle diese Darlegungen soll bewiesen werden, daß die Juden dem moralischen, wirtschaftlichen und geistigen Durchschnittder Nichtjuden im wesentlichen entsprechen. Soweit es sich um die jüdische Seite handelt, sollen diese Juden der Gefahr des Antisemitismus dadurch entgehen, daß sie von den anderen als gute Durch schnittsbürger und nicht als Söhne des gebrandmarkten ״auserwählten Volkes“ empfunden werden. Selbst der gutwilligste Repräsentant dieser C.-V.-Welt, der aus Gründen des inneren Friedens mit uns kooperieren will, kann auf die gewohnten Argumentationen nicht verzichten. Was würde ihn sonst vom Zionismus trennen, wenn er mit uns sagte, daß die Judenheit in tatsächlicher und bewußter Distanz gegenüber dem Leben der nichtjüdischen Gruppen und Gemeinschaftcn ihren Platz in der Welt hat und ihn bewußt einnehmen will. Unsere Apologetik kann immer nur in der Dar- Stellung der Kräfte und Aufgaben der jüdischen Gesamtheit bestehen und die Bedeutung des jüdischen Lebens und der jüdisehen Ziele der Welt vor Augen führen. Die Apologetik des C.-V. ist die Begleiterin der sich eintügenden Tendenzen, die Apologetik des Zionismus eine Ausdruckstorin des nation<älen Willens, der für die eigene Entwicklung des jüdischen Volkes eintritt. Das Urteil wird heute dem Zionisten oft dadurch getrübt, daß gewisse und vertraute Begriffe auch von der anderen Seite verwandt werden. Man muß dabei wissen, daß die Schwere von Worten und Formeln von der Zeit abhängt, in der sie gesprechen werden. Es war einmal eine Leistung, ״jüdisches Selbstbewußtsein“ zu sagen, als es sich vor Jahrzehnten um eioep innerlich erkämpften Begriff handelte. Heute ist diese Formel durch langen Gebrauch glatt und inhaltlos geworden. Sie wirkt. als reine Vokabel. Die Diskussion wird erschwert und Undeutlich, weil auch Zionisten oft glauben, daß Vokabeln aus der zionistischen Terminologie im Munde des Gegners Anzeichen für eine veränderte Grundhaltung sind. Die Welt des C.-V. ist kein zufälliger Gegensatz, den wir durch Taktik beseitigen können. Ir! ihr lebt der notwendige Gegenspieler des Zionismus. Es ist begreiflich, daß die Behandlung־ dieser Frage ein gewisses Angstgefühl bei Zionisten erzeugt, die fürchten, im aktuellen Kampf sich nur behaupten zu können, wenn sie der falschen Patentlösung־ des C.-V. eine nicht minder falsche, aber schlagkräftige zionistische Augenblicks-Antwort für alle Gegenwartsfragen entgegenstellen. Auch Zionisten, die meine Auffassuug teilen, glauben heute, daß sie für die jüdische Masse wirksame Versprechungen für die Verbesserung ihres wirtschädlichen und politischen Lebens brauchen. Wie unreligiöse Intellektuelle dem Volk die Religion erhalten wollen, so wollen diese Zionisten ein ziomstisches Allheilmittel in Aus« Von Kurt Blumenfeld sicht stellen, weil sic fürchten, sonst auch mit ihrer zionistisehen Forderung nicht gehört zu werden. Diese Gedanken sind kurzsichtig, und gerade heute könnten ,wir der wahren Aufklärung־ der Juden den größten Dienst leisten, wenn wir uns bei allen Gefahren des Augenblicks Klarheit und ruhige Sicherheit bewahren. Kein ernster Beurteiler zweifelt daran, daß die Entwichlung des deutsch-politischer! Lebens durch ganz andere Fakforen bedingt ist als durch die vom C.-V. versuchten Malinahmen. Wir können den Juden mit Erfolg klar machen, daß für ihre Stellung entscheidend die allgemeinen Eqtwicklwigsfendenzen sind und daß wir Zionisten uns deshalb Palästina zugewandt haben, weil wir dort in grundsätzlich neuer Form ir! die Gestaltung unseres eigenen Lebens eingreifen; und da wir erkannt haben, daß wir nur dort Herren unseres Geschicks sind, wo wir in natürlicher Schichtung und durch eigene Kraft an der Gestaltung der allgemeinen Verhältnisse arbeiten, können wir hier nur (zwar wichtige, aber in ihrer Wirkung heschränkte) positive Maßnahmen zur Verbesserung unserer Lebensverhältnisse verlangen und durchführen: Solidarisiert! 11g der Juden für Politik und Wirtschaft, Schaffung einer legitimierten Instanz für die Vertretung der Rechte der Juden (Reichsverband), Gründung von Darlehnskassen, Büros für Stellenvermittlung, bei alledem Ablehnung jeder Ueberschät/ung der JÜDISCHE VOLKSPARTEI Wählerversammlungen Donnerstag, den 20. November 1930, abends 8 Uhr Andreds-FestsSIe, Andreasstraße 21 Wählt die Partei des Aufbaus JUdisdie Volksparte; Liste 2 * Referenten: Dr. Alfred Klee, Direktor Georg Kareski, Dr. Hermann Leiewer, Alfred Berger. Albrechtshof, Steglitz, Albrechtstraße la ״jonische winscnaftsnot und asmeindewaiir Referent: Ministerialrat Hans Goslar. einzelnen von uns verwandten Mittel, aber Eingliederung aller Maßnahmen in den großen palästinozentrischen Zionismus. Wir müssen der Gefahr aus dein Wege gehen, die oft zu unserem Unglück versuchte Antithese Zionismus und Lamlespolifik noch einmal in Deutschland zu probieren. Die zionistische Landes- Politik durchkreuzte immer, wenn sie sich in den Vordergrund schob, die palästinensischen Aufgaben. Wir müssen daher mit aller Kraft alle erforderlichen Maßnahmen für das jüdische!.eben im Galuth, insbesondere auch unsere erzieherischen und kulturollen Aufgaben, dem auf die Verwirklichung des Baseler Programins gerichteten Zionismus c i n g I i e d e r n. Was den W a h 1 k a m p f 1' n d e 11 G e m e i 11 d e 11 betrifft, so kann nicht ohne weiteres gesagt werden, daß ein entschiedener Zionismus zugleich auch mit der Wahlkampfparole verblinden sein muß. Es gibt sogar die Möglichkeit, daß man aus radikal-zionistischen Erwägungen einen Wahlkampf ablehnt, in dem es nach den bisherigen Erfahrungen weniger um grundsätzliche Auseinandersetzungen als um lokale Aktualitäten gegangen ist. Im Mittelpunkt stehen allzu oft Personenfragen und Spezialfragen des Gemeindelebens und nicht die letzten Ent- Scheidungen. Es gibt übrigens auch Zionisten, die lieber einen Wahlkampf in der Gemeinde führen als den harten Anforderungen der zionistischen Bewegung־ in ihrer Tagesarbeit zu genügen. Es kommt also bei einem Wahlkampf nicht darauf an,״ob man ihn führt, sondern wie man ihn führt. Ein sehender und denkender Zionist, der weiß, daß wir niemals auf Hilfe von außen bauen können und daß alles von uns selbst abhängt, der ferner weiß, daß wir nicht unbegrenzte Zeit haben und in einigen Jahrzehnten eine nicht mehr zu erschülternde Grundlage für das Nationale Heim gefunden haben müssen, wird gerade im gegenwärtigen Augenblick zu einer letzten Kraftanstrengung bereit sein. Unsere Arbeit in den kommenden Monaten ist von allerhöchster Bedeutung. Und es kann nicht schwer sein, wenn wir richtig arbeiten, Zionisten dazu zu bringen, alles Tun mit einer Aktion für die Verwirklichung des Zionismus zu verbinden. Dazu kommt als neue Chance die Wirkung der Zeit auf die deutsche. Judenheit. Die Seelen der deutschen Juden sind aufgelockert (ähnlich wie 1918). Sie zweifeln an den Grundlagen der bisherigen Orientierung und für uns gibt es keine wichtigere Aufgabe als die Schaffung eines Forums, das uns die Möglichkeit gibt, mit den Juden zu reden. Ein Einbruch in uns bisher verschlossene Kreise und Gruppen ist heute möglich, und ich bin überzeugt, daß der Gemeinde- Die KongreR-scnekeisammiung Die Schekelbioeks für die Kongrcß-Schekelsaininlung sind allen Ortsgruppen und Schekclvertrauensleuten zugegangen• Die Gruppen werden auch auf diesem Wege dringend dazu aulgelordert, uns über alle Maßnahmen, die sie für die Schekel- Sammlung getroffen haben, sofort zu informieren und uns auch die Zusammensetzung der Orlsschckelkommission bekanntzugeben. Für die Schekelsammlung stehen kaum noch 6 Wochen zur Verfügung; bei Berücksichtigung der für derartige Aktionen ungünstigen Zeit um die Weihnaehtstagc herum nur noeh 4 Wochen. Wir richten daher den dringenden Appell an alle Mitarbei- 1er der Sehekelsammlung, sich dieser dringenden zionistischen Arbeit mit der grüßten Energie zu widmen. Der Schekel beträgt auch für 3691 ׳wieder 1,3(1 M. Zionistische Vereinigung für Deutschland Postscheckamt Berlin 80Ö1. Bankkonto: Volksbank I\ ria. Berlin \V 8. Französische Str, ß. Wahlkampf' eine grolle Gelegenheit für die Verbreitung de* zionistischen Gedankens werden kann. Ueberall, ln allen Orte«, soll zionistische Propaganda einsetzen, für die es heute eine ziemlich einheitliche Form des Auftretens gibt. Meine Erfahrungen der letzten Wochen geben mir Mut zu einer neuen großen Aktion, tfie unsere Kräfte aufs äußerste anspannt. Leicht׳ geht es an Orten, in denen der Zionismus überhaupt noch nicht Fuß gefaßt hat: schwer ist es dort, wo die zionistische Entwichlung erstarrt ist und das zionistische Leben sich im wesentliehen in innerpolitisehen Auseinandersetzungen zeigt. Wir haben heute mehr und besseres zu sagen als in früheren Zeiten, uns steht eine wohlfundierte Kritik der jüdischen Entwicklung im Galuth und eine ebensogut begründete Schilderung der großen Leistlingen jüdischen Lebens in Palästina zur Seite. Bis zum 30. November dieses Jahres wird also vermutlich ein erheblicher Teil unserer Propagandatätigkeit mit den Wablen verbunden sein. Diese Propaganda soll nicht wie früher nur einem Teil von Zionisten, die sich besonders mit Gemeindeangelegenheitcn beschäftigen, überlassen bleiben; sondern gerade diejenigen, die gewohnt sind, den Zionismus losgelöst von allen Nöten der Gegenwart überzeugend zu vertreten, sollen in den Wahlversammlungen werbend auftreten. In diesen Ver- Sammlungen und auch in den zionistischen Propagandaversamra* hingen, die wir jetzt und nach der Wahl abhalten werden, sollen die Redner von der Lage der Juden ausgehen und in ihrer Darstellung die Unzulänglichkeit der Galuthsituation und die Bedeutung des jüdischen Palästina in innerer Verknüpfung dar« stellen. Dabei soll die Quantität des Palästinawerks in keiner Weise übertrieben werden; aber man kann Juden klar machen, daß die zionistische Antwort auf ein Galuth von zweitausend Jahren noch schnell genug gegeben wird, wenn sie mehrere Jahrzehnte in Anspruch nimmt. Klar ist, daß die sogenannte inaetpolitische Diskussion in den Hintergrund treten muß, wenn wir überhaupt an eine einheitliche und wirksame Propaganda denken wollen. Kein Nichtzionist wird Zionist durch wiederholtes Anhören der Polimik zwischen den verschiedenen zionistischen Gruppen. Gewiß kann man die Politik aus den Reden nicht ausschmten und gewisse politische Grundlagen müssen feststehen! Es muß ausgesprochen werden, daß wir in Palästina ein nationales Leben in voller Freiheit erstreben, in dem die Entwicklung des jüdischen Volkes auf keinem Gebiet des Lebens eine Einengung erfährt. Mit Deutlichkeit ist zu sagen, daß wir mit einem palästinensischen Gemeinwesen rechnen, In dem es zwei staatsbildende Völker gibt, und daß wir jede Ordnung ablehnen, die uns der Majorisierung durch andere aussetzt Wenn ich vorher darauf hinwies, daß unsere Arbeit midi in diesem Jahre entscheidend palästinozentrisch sein muß, so sei nochmals liervorgehoben.daß diese Art des Auftreten• keine Bagatellisierung der Galuth-Tätigkelt bedeutet, sondern nur eine Einordnung dieser Tätigkeit ta die gesamte zionistische Arbeit. Es darf nicht zugelassen werden, daß die Palästina-Arbeit zur Nebenaufgabe wird, während sie in Wahrheit die treibende Kraft für alles ist Wir werden uns gerade in einem Augenblick der Hemmung und künstlichen Verlangsamung des Palästinaaufbaus davor zu hüten haben, Symptome für positive jüdische Entwicklung im Galuth zu überschätzen; die Formel, wir müßten uns bei der langen Dauer zionistischer Arbeit ״unterwegs einrichten“, birgt ©ine große Gefahr. Nur wenn wir allen Verlockungen bequemerer Arbeit•- möglichkeit widerstehen, wird uns die Neubelebung des Mute• und der Zuversicht der Zionisten gelingen. Das Hauptmittel für die Propaganda soll die große öffentliche Versammlung sein. 111 ihr können Zionisten immer aufs neue ihre Sicherheit und die Kraft zum zionistischen Pathos finden. Einen mir; auf rationalen Erwägungen beruhenden Zionismus kann ich mir schwer verstellen; unsere zionistische Erkenntnis kommt ohne eine sic ergänzende zionistische Leidenschaft nicht aus. Man kann den Zionismus nur ״beweisen“, wenn wir viele Argumente durch Vorstellung und Willen zu ergänz« vermögen. Zionistische Hoffnung und zionistischer Glaube sind unentbehrliche Komplementärerscheinungen der zionistischen Erkenntnis. Wir haben die Bedeutung der öffentlichen Ver- Sammlung oft unterschätzt und sollten jetzt prüfen, Inwieweit die anonyme Masse durch ihre Reaktion den Argumenten des Redners erst die Fülle gibt. Unmittelbare Wirkung und direkte Aktion kann und soll dort erfolgen. Ich weiß aus Erfalirung, daß eine große Zahl ausgezeichneter Zionisten in früherer Zeit in solchen Versammlungen gewonnen worden sind, und ich weiß ferner, daß alle Versuche, durch indirekte Aktionen in Logen, Vereinen und Zirkeln eine zionistische Spannung zu erzeugen, nur in den seltensten Fällen zu einem uns befriedigenden Ergebnis geführt haben. Dort wird nicht die Atmosphäre erzeugt, die Menschen zwingt, sich für den Zionismus zu entscheiden. Bestenfalls erreichen wir ein gev isses Wohlwollen, das unserer K. H.-Arbeit günstig ist Diese öffentliche Versammlung muß also als eine neue Aufgabe vor uns stehen. Sie hat nur Sinn, wenn sie von den Zionisten als eine wichtige und verpflichtende Angelegenheit empfunden wird, jedesmal als eine neue Aufgabe," bei der der Zuhörer nicht weniger mit wirkt als der Redner. (Auch unser Publikum wird immer die Redner haben, die es verdient) Mit dieser Auffassung muß Vorarbeit und Nacharbeit verbunden sein und eine verbesserte und /u erlernende Technik, die den guten Willen, alle erreichbaren Menschen zu bearbeiten, unterstützt Was die Reden unserer Propagandisten betrifft, SO sind sie wahrscheinlich nicht schlechter geworden als früher, aber sie müssen heute viel besser sein, uni den Gegenwirkungen gewachsen zu sein. Es war leicht, mit den alten liberalen Assimilanten m kämpfen, sie vertraten Ansichten und Wahrheiten von gestern, wir kämpften für die Freiheit der Nationen, damals die Wahrheit eines neuen Morgen. Heute ist die Welfsfimmung gegen uns. Die Gedanken von der Befreiung der kleinen Nationen, vom Recht der Minderheiten, haben heute einen schlechten Kurs. Wir schwimmen gegen den Strom und kämpfen mit Bewegungen, die sich uns gegenüber für modern und fortschrittlich halten. Der Kampf ist Schwerer, dafür auch schöner und interessanter, und wir sind, wie Sie aus der Erfahrung wissen, in der Lage, ihn gegenüber jeder Form der Assimilation, gegenüber der kommunistischen imd faschistischen, siegreich durchzuführen. Der Veisuch einer großen Propagandaaktiott kam! nur gelingen, wenn wir nicht nur die geistigen, sondern auch die organisatorischen Arbeiten durchzuführen vermögen. Massen* Wirkungen sind nur zu erzielen, wenn sehr viele Zionisten bereit sind, kleine und unbedeutende Funktionen zu übernehmen; Der Erfolg wird nicht dadurch erzeugt, daß Eta- /eine der Front weit voraus ei len, sondern nur dadurch, daß —־ welche Funktion der Einzelne auch ausübt —, die Vorstellung beherrschend wirkt, daß in allen Zionisten der gleiche Wunsch lebt, dem gleichen Ziele m dienen, und daß nur nicht alle zum vollen Ausdruck ihrer inneren Bedürfnisse kommen. Der so oft geforderte zionistische Radikalismus besteht bekanntlich nicht in Proklamationen, sondern in Erfüllung von Anfarderungen, die der Zionist an sich selbst steift und in der Selbstverständlichkeit, mit der er jede dem Zionismus dienende Arbeit leistet.