Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 89 (11.11.1930)
- Date
- 1930-11-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2653156-2653238--21951-2680109- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 89, 11. XI. 1930 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 593 Aus den Gemeinden Die Wahlbewegung Donnerstag, den 6. d. M., fand die zweite große Vcrsammlung der Jüdischen Volkspartei im Tiergartenhof statt. Wiewohl man erst am Anfang der Wahlbewegung steht, zeigt sich beim Publikum ein großes Interesse für die Probleme, welche im Zusammenhang mit den Qemeindewahlcn in den Ver- Sammlungen behandelt werden. Die Redner der Volkspartei, Dr. Klee, Dir. Kareski, Alfred Berger und Dr. Aron Sandler beschränkten sich, in strenger Befolgung des oft betonten Priiizipes, die Wahibewegung nicht mit einem Wahlkampf mit Angriffen gegen Wahlgegner zu verbinden, auf die Darlegung positiver Grundsätze. Es muß festgestellt werden, daß das Publikum den sachlichen, positiven Darlegungen der Redner mit innerer Anteilnahme folgte; insbesondere in all denjenigen Teilender Referate, in welchen von den sozialen Aufgaben der Gemeinde, von den Fragen der Erziehung und der Verbundenheit mit der jüdischen Gesamtheit in der ganzen Welt sowie von Palästina die Rede war, unterbrach oft stürmischer Beifall die Ausführungen der Kandidaten. Das Publikum ließ unmißverständlich erkennen, daß es für die veralteten Parolen der Liberalen Partei, wie sie in den zahlreichen programmatischen Darlegungen dieser Partei bis kurz vor den Wahle.n zum Ausdruck kamen (knapp vor den Wahlen übernehmen die Liberalen viele Forderungen der Volkspartei), nicht viel übrig habe. Es kommt bei diesen Darlegungen nicht so sehr auf die Programmpunkte als auf die seelische Haltung der Wählerschaft an, und diese ist in den letzten Jahren bewußt jüdisch geworden und will nichts mehr von Lauheit und Halbheit in jüdischen Dingen wissen. Schließlich weiß jeder Wähler, daß Programme von Personen getragen und verwirklicht werden, und bei den Persönlichkeiten seines Vertrauens will der Wähler das Bewußtsein haben, daß ihnen Betätigung in jüdischen Dingen Primat und nicht nur eine Angelegenheit neben anderen Interessen ist. Und aus diesem Grunde ist zu erklären, daß in den Versammlungen der Volkspartei nach kurzer Zeit das Fluidum der Verbundenheit zwischen Redner und Publikum und jüdische Begeisterung sich einstellen. In der Versammlung im Tiergartenhof versuchte ein liberaler Schreier, der sicherlich nicht als Störer von den Liberalen entsandt worden ist, und mit dessen Verhalten die Liberalen sicherlieh nicht einverstanden gewesen wären, wenn sie sein Vorhaben gekannt hätten, durch Pfiffe und Zwischenrufe die Versammlung zu stören. Derartige Ungezogenheiten sollten doch in einer jüdischen Versammlung nicht möglich sein. Tatsächlich wandte sich das Publikum von diesem Störenfried mit Entrüstung ab. Zu den jüdischen Wahlen in Berlin nimmt Justizrat Brodnitz in der letzten Nummer der C.-V.-Zeitung Stellung. Dieser in allen Kreisen geachtete Mann hat sich einen schlechten Dienst erwiesen, als er sich von seinen Parteifreunden bewegen ließ, in einer Form zur Frage der jüdischen Wahlen Stellung zu nehmen, die auch bei wohlwollendster Beurteilung^ nicht gebilligt werden kann. Justizrat Dr. Brod nitz meint, es wäre möglich, den Kampf ohne Hereinziehung des Central-Vercins zu führen, wozu nur guter Wille erforderlich ist. Es ist aber schwer, seinem Wunsche nachzukommen, wenn er selbst als der repräsentativste Mann des Central-Vereins Sätze niederschreibt wie z. B. folgende: ״Der Central-Verein hält es für selbstverständlich, daß seine Mitglieder und Freunde und alle, die ihm gesinnangsmäßig nahe stehen, sich an den Wahlen beteiligen und nur solche Parteien unterstützen, die nicht jüdisch-national eingestellt sind.“ ״Wer die weltanschaulichen Grundlagen des Central-Vereins kennt, wird sich keine Minute Im Unklaren darüber sein, daß der Central-Verein klare Forderungen in solchen Fragen erhebt und erheben innß. An ihnen findet die Neutralität des Central-Vereins, wenn man dieses Bedenkliche Schlagwort gebrauchen will, ihre natürliche Grenz e.“ Von der Neutralität des Central-Vereins im Wahlkämpfe schreibt Justizrat Brodnitz: ״Man hört und liest von unberufener Seite soviel von der Neutralisierung des Centralvereins im bevorstehenden Wahlkampfe.“ Schließlich droht Justizrat Brodnitz, nachdem er, wenn auch in vornehmerWeise, für alle Parteien, nur nicht für die Volkspartei, liebe Worte gefunden hat, in nachstehender Weise: ״Wird jedoch der Kampf zu einem Kampfe gegen den Central-Verein benutzt, so werden wir uns zu wehren wissen.“ Bleibt die Frage, ob der Central-Verein abwarten will, bis sich die Not- Wendigkeit, sich zu wehren, ergibt. Unseres bescheidenen Erachtens hat derC.-V. mit diesem Aufsatz des Dr. Brodnitz bereits einen schweren Angriff gegen uns gerichtet, und wir wollen die Worte des Justizrat Brodnitz wiederholen: ״Wird dieser Wahlkampf zu einem Kampf gegen uns als bürgerlich zuverlässige Angehörige und Einwohner Deutschlands 7u Verdächtigungen unserer Eignung als Träger von staatsbürgerlichen Rechten und Pflichten und zu einem Kampf gegen das Palästinawerk als solches aus arten, dann werdenwirunsauch zu wehren wisse n Die Situation der Liberalen scheint wenig erfreulich zu sein. Schließlich sind Mittelpartei, Ueberpartei und die J ungliberaleGruppe doch nichts anderes als ein Zeichen der Zerbröckelung der sogenannten liberalen Anschauungen. Während auf unserer Seite hinsichtlich des bewußten Judentums völlige Einigkeit zwischen allen Gruppen besteht, ist auf der liberalen Seite der Zusammenhalt nur sehr schwach gekittet. Auf liberaler Seite beugt man sich, im Grunde, in der letzten Zeit dem Terror eines schwachen radikalen Flügels, repräsentiert durch Woyda und Genossen. Wenn es wahr ist, daß die Liberalen nur religiös sind (Justizrat Brodnitz behauptet, die Liberalen seien nicht politisch, indes die ״Jüdische Volkspartei“ Politik in die Gemeindestube hineingetragen habe), dann sind sie ein jüdisches Gegenstück einer ganz eigenartigen ecclesia militanz. Eine Spielart, die uns Juden wenig ansteht. Aber die Liberalen tun ja nur so. Sie sind weit davon entfernt, eine ecclesia sein zu wollen. Sie treiben Politik und versuchen das zu bemänte]n. Allerdings die schlechte jüdische Politik von anno dazumal, B. A. Kein Wahlkampf In Breslau. Zur Vermeidung eines Wahlkampfes bei den auf den 30. Nov. angesetzten Wahlen zur Gemeindevertretung und zum Verbandstag des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden haben die jüdischen Parteien in Breslau eine Vereinbarung getroffen, die in der Hauptsache auf folgendes hinausgeht: Die Zahl aer Gemeindevertreter wird von 21 auf 23 erhöht, hiervon entfallen auf Liberalen, Jüd. Volkspartei 4, Konservative 3, Mittelpartei 2, Wirtschaftspartei des jüdischen Mittel- Standes 2, Arbeitsgemeinschaft ostjüdischer Organisationen 1. 111 den Vorstand sollen gewählt werden: Liberale 6. Volkspartei 2, Konservative 2, Mittelpartei 1, Wirtschaftspartei 1. Die Liberalen stellen sowohl den Vorsitzenden der Gemeindevertretung als auch des Gemcindevorstandes, die übrigen Parteien stellen stellvertretende Vorsitzende. Die Liberale Partei erklärt sich bereit, einen angemessenen Betrag für den Religionsunterricht an den höheren jüdischen Schulen aus Gemeindemitteln zu bewilligen und die Uebernahme der jüdischen Schule durch die Stadt zu fördern, behalte sich aber die Prüfung unter pädagogischen, schultechnischen und finanziellen Gesichtspunkten vor. Anträge auf Unterstützung palästinensischer Zwecke gehen an den Ausschuß, welcher den Namen ״Ausschuß zur Prüfung von Anträgen betreffend Aufwendungen für Palästina“ führen soll. Diesem Ausschuß gehören von den Liberalen ebenso viele Gemeindevertreter an, wie von allen übrigen Parteien zusammen. Der Anspruch der ostjüdischen Organisation tuf Berücksichtigung bei der Zusammensetzung der Ausschüsse ,wird von allen Parteien anerkannt. Die Vereinbarung hat Geltung bis zum 31. Dezember 1031. Als Abgeordnete zum Verbandstag des Preußischen Landesverbandes werden gewählt: Liberale 4, Volkspartei 2, Konservative 1, Mittelpartei 1. Nach Redaktionsschluß erhalten wir die Nachricht, daß es für die Landesverbandswahlen im Bezirk Ober- und Niederschlesien zu einem Kompromiß gekommen ist. Näheres wird in der nächsten Nummer der ״J. R.“ bekanntgegeben werden. Einigungsverhandlungen in Köln. Die Vertreter der verschiedenen Parteien haben in den letzten Tagen eingehende Verhandlungen über die Möglich- Reiten eines Kompromisses für die Repräsentantenwählen geführt. Wie die ״Jüdisch-liberale Zeitung“ hört, wird es auf folgender Grundlage zustande kommen: Es erhalten die Liberalen 10 Hauptsitze und 3 Vertreter, die Volkspartei 7 Hauptsitze und 2 Vertreter, die Konservativen 3 Hauptsitze und 2 Vertreter, die Mittelpartei 1 Hauptsitz und 1 Ver* treten Die Verhandlungen über ein Kompromiß, betreffend den Preußischen Landesverband, sind noch nicht abgeschlossen. Einheitsliste im Wahlkreis Hannover-Schleswig-Holstein. Im Wahlkreis Hannover-Schleswig-Holstein wurde auf Grund eines Kompromisses zwischen den Parteien die nachfolgende Einheitsliste für die Preußische Landesversammlung aufgestellt: Dr. Mäller-Altona (konservativ), Frau Hanna Cohn- Hannover (liberal), Dr. Victor-Wandsbeck (Volkspartei), Dr. Cohn-Hildesheim (liberal), Herr Pollack-Emden (konservativ), Herr Schneeweiß-Hannover (Volkspartei). Einheitsliste In Kassel und Wiesbaden. Nach langen und zum Teil recht schwierigen Verhand- Iungen ist es gelungen, eine Einheitsliste des 10. Wahlkreises (Kassel und Wiesbaden) für die Wahlen zum Preußisehen Landesverband jüdischer Gemeinden aufzustellen. Als gewählt gelten: 1. Bankier BaHin (liberal), 2. Fabrikant Julius Löwenthal (konservativ), 3. Lehrer W. Bacher (Jüd. Volkspartei), 4. Rabbiner Dr. Lazarus, Wiesbaden (liberal), 5. Kaufmann Bamberger, Homburg (konservativ). Die Jüdische Volkspartei Chemnitz hatte für den 9. November eine große Volksversammlung einberufen, in der über ״Das reaktionäre Wahlrecht in der jüdischen Gemeinde“ gesprochen wurde. Hauptreferent war der Vorsitzende der Jüdischen Volkspartei Sachsens Dr. Schornstein, Dresden, Außerdem sprachen Delegierte aus allen größeren sächsischen Gemeinden. Die Verlftnmiung nahm einen großartigen Verlauf. Der Versammlung ging ein interessanter Briefwechsel zwischen Jüdischer Volkspartei und dem Vorstand der Jüdischen Reliionsgemeinde Chemnitz voraus. Die Volkspartet verlangte, aß aas bestehende Zweiklassen-Wahlrecht sowie die anderen reaktionären Bestimmungen (Chemnitz hat das reaktionärste jüdische Gemeindestatut in Deutsch- 1 a n d) im Wege von Vereinbarungen beseitigt werden. Der Vorstand der Gemeinde gebrauchte Ausflüchte, stellte sich auf den Boden der bestehenden Ordnung und lehnte die Anregung der Volkspartei ab. Das Programm und das Leben Zur Frage des Ausländer-Wahlrechte. Rechtsanwalt Heinrich Stern, Vorsitzender der Vereinigung für das liberale Judentum, auf der 6. Verbandstagung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, 30. März 1930: Die Vereinigung für das liberale Judentum hatte in ihren Richtlinien bereits 1921 das gleiche Wahlrecht für Ausländer und Inländer in den Gemeinden festgelegt. J.-R. Dr. Brodnitz, Mitglied der liberalen Fraktion des Preußischen Landesverbandes, erster Vorsitzender des C.-V., ebenda: Ich kenne selbstverständlich die Beschlüsse, die unser verehrter Herr Präsident in der Diskussionsrede zitierte. Ich verweise darauf, daß diese Beschlüsse auch nicht von einer mechanischen Gleichmacherei ausgehen, sondern gewisse Reservate aufweisen. — Derselbe (Rute: ״Sind Sie nu!1 fir gleiches Wahlrecht oder nicht?“): Das ist, wenn Sie so wollen, kein gleiches Wahlrecht. Generalsekretär der Vereinigung für das liberale Judentum George Götz am 18. April 1929 in Wiesbaden: Den Ausländem ist das Wahlrecht erst nach einer Karenzzeit zu gewähren. — Derselbe ebenso in Duisburg am 6. Januar, in Düsseldorf am 7. März 1930. Statutender״Gemeinschaft“Köln vom 17. FeBr. 1929: Nur deutsche Juden können Mitglied sein. (Jüd. lib. Ztg. vom 2. Juli 1930: ״Köln im Reich voran“; das Ziel des liberalen Judentums überhaupt: das religiöse Leber! auf Grund der Anerkennung des Prinzips der Entwicklung mit der Geisteshaltung des modernen Menschen in Einklang zu bringen.) Liberale Gemeinden, in denen noch jetzt Ostjuden von der Gemeindemitgliedschaft oder der Gleichberechtigung ausgeschlossen sind: Aachen, Augsburg, Bamberg, Braunschweig, Chemnitz, Eydtkuhnen, Gotha, Göttingen, Hagen, Hannover, Jena, Koblenz, Kolberg, Leipzig, Lüdenscheid, Mainz, Plauen, Quedlinburg, Ratibor, Regensburg, Rostock, Stralsund, Stuttgart, Tilsit, Wattenscheid, Wolfenbuttel, Worms, Würzbürg, Zwickau. Jüdische Trauer Beim Alsdorfer Bergwerksunglück. SonderBericht für das Israelitische Familienblatt, 30. Oktober 1930 (mit Bild: Rabbiner Dr. Schönberger in der Reihe der Geistlichen der anderen Konfessionen). Hochansehnliehe Trauerversammlung!... Mögen alle Menschenbrüder die Hand sich reichen zur Arbeit am Ganzen, Arme und Reiche, Männer des Geistes und Männer der Tat, Männer der verschiedenen Konfessionen und der verschiedenen Nationen. Das Schicksal zwingt uns, zu erkennen: Wir sind ja doch nur alle Menschen! — Justizrat Dr. Franken, der Vorsitzende der Gemeinde Aachen, feierte den Verunglückten (der Name, Jankew Slivinsky aus Sosnowiee, wird in dem Bericht nicht erwähnt) nicht nur als Helden der Arbeit, sondern auch als einen, der Dienst am Judentum dadurch geleistet habe, daß er die Legende zerstören half, daß Juden nicht fähig und willens seien, Schwerarbeit zu verrichten. — Satzung der Synagogengemeindc zu Aachen, § 17 Satz 1: .... wählbar, welche.... der Gemeinde, .... sofern sie nicht Reichsangehörige sind, mindestens sechs Jahre angehören. Juden und Deutsche Die von uns bereits mehrmals gerühmte Zeitschrift ״E 11 - r o p ä i s c 11 c Revue“ (Berlin SW 68) veröffentlicht in Ihrem zehnten Heft des laufenden Jahrgangs, das in der Hauptsache der Besprechung der deutschen Wahlen vom 14. September gewidmet ist, einen Aufsatz des bekannten Historikers Erich von Kahler ״Juden und Deutsehe“. Der Verfasser, ein aus Prag stammender Jude, der dem George-Kreis angehört und auch früher schon gelegentlieh zu jüdischen Fragen sich geäußert hat (vergl. seinen Beitrag im Sanimelbuch des Prager Bar Kochba, ״Vom Judentum“ 1913), wendet sich in seinem Aufsatz mit großer Entschiedenheit gegen die Assimilation und vertritt einen religiös-mctaphysischen jüdischen Nationalismus, den er freilich auch gegen den landläufigen politischen jüdischen Nationalismus abgrenzt. Er bejaht zwar die Nationale Heimstüi;•■ h Palästina, sieht aber darin nicht ״die letzte Erfüllung des Pilgervolkes", das vielmehr als Volk zu einer höheren Stufe der Menschheit vorzudringen hat. Die Lektüre dieses in kultiviertester Sprache geschriebenen Aufsatzes wird auch für diejenigen wertvoll sein, die nicht in allen Nuancen mit Kahler übereinstimmen. Aus seinen Worten spricht so starkes und mitreißendes Bekenntnis zu einem positiven Judentum, daß die Kraft dieser Gesinnung im praktischen politischen Leben wohl zu Kon- Sequenzen führen muß, die wir bejahen können. Bezüglich der Stellung der Juden im deutschen Staat schreibt Kahler, man müsse den Deutschen sagen; ״sie sollen doch in ihre Dienste und Aemter die richtigen Juden vorziehen, diejenigen, die Juden bleiben, die erklärte, bewußte, ihre Blut- und Wesensart voll vertretende Juden und trotzdem, bei aller dieser scharfen und freudigen Rechenschaft über sich selbst, mit dem Gefühl und dem Bewußtsein von dem, was sie an Für und Wider mitbringen, dennoch aus Herzenszug und kraft langen und tiefen Mitlebens Deutsche sind. Solcher Juden gibt es mehr als man denkt, und wenn einmal solche Juden für das Deutschtum dazusein sich entschlossen haben, da sind sie bessere und verantwortlichere Deutsche als die Assimilanten schlechthin, welche in ihrem Bestreben, den Judengrund in sich auszutilgen, zu verwischen, zu übertäuben, ihn zu einer bloßen ablegbaren ״Konfession“ umzufälsehen, entweder deutschtümlicher werden als die Deutschen, sich an eine verlogene Liebedienerei vor jenen Selbstgerechtigkeiten und Gelüsten verlieren, die in jedem Volk, in jedem einzelnen Menschen aufstehen, wenn ihnen freier Lauf gelassen wird; oder umgekehrt, da sie die Bedingnis einer besonderen Volks- und Wesensart zu empfinden verlernt haben, unmittelbar den anationalen artlosen Allerweltsmenschen in sich und anderen zu befördern trachten — beides übrigens Tendenzen, die sie mit schwachen Teilen der ,Deutschen selbst gemein haben.“ — Das Judentum sei ein ״Slam m", dies ist anders und mehr als Nation und gar ״Konfession“. Sein Sinn liegt, so legt Kahler (etwa im Sinne von Bubers erster Rede über das Judentum) dar, in der physischen und metaphysisehen Kraft des ״Blute s“, einer Bindung ״jenseits von Glauben und Nichtglauben“. Die Besonderheit des Judentums macht es möglich, daß der Jude ohne Verrat an zwei Lebensgemeinschaften teilhaben kann, an der des Blutes und der der Umwelt, an der jüdischen und der deutschen. Von diesem Ausgangspunkt wendet sich Kahler gegen die Irrlehre des völkischen Antisemitismus und plädiert für ein tieferes Verständnis der jüdischen Situation. Bild der Zeit. (Ein neuer Holzschnitt von Joseph Bu d ko.) Mit diesem eindrucksvollen, kürzlich entstandenen Werk spricht Budko, der in seinen Gemälden und Graphiken die Welt jüdischen Leidens und Duldens darstellt, eine (schon in dem Holzschnitt ״Ein Mensch wie ich flieht nicht“ angeschlagene) neue Sprache. Es ist ein Bild, das uns gerade in diesen Tagen, da man jüdische Hoffnung und Tatkraft von neuem zu unterdrücken sucht, besonders angeht: es ist ein mit einfachsten knappsten Formen und dabei innerer Ueberzeugungslust gestaltetes Manifest starken jüdischen Willens und Glaubens. Immer noch hinter dem Zaune, immer noch abgesperrt von der Erfüllung steht das Volk, aber mit entschlossener Bereitschaft und gespanntem Tatwillen sieht es hinüber in das Land der Freiheit, in dem das Prophetenwort Jeremias׳ sich trotz alledem erfüllen wird: "״עוד 5?זעי קך?!ים גיל׳רי ש$רוי {?זעו ($.עים ןווללו ״ —Und du wirst wiederum Weinberge pflanzen an den Bergen Samarja; was die Pflanzer pflanzen werden, das werden sie auch ernten.“ — Die klare und straffe Budkosche Technik sowie sein Kompositions- und Formtalent kommen dem Motiv zugute und wissen die sachlhlistrengen Konturen der Energie mit den großen zarten Linien der Zukunfts- Verkündung, mit der trostvollen Erscheinung des Propheten zu verbinden. So gelang hier eine im technischen wie im gedanklichen prägnante Formung jüdischen Bekenntnisses, eine überzeugende künstlerische Gestaltung unseres von keiner Zeitentäuschung auszulöschenden Zukunftsglaubens. Will Pies s. Eine Reise nach dem Orient, Aegypten, Palästina und Syrien, die eine neue Art der Gesellschaftsreisen darstellt, veranstaltet der Palestine & Orient Lloyd vom 16. Dezember bis 14. Januar. Es ist längst die Erfahrung gemacht worden, daß, wer sich zu einer Orientreise entschließt, nicht nur E r h o lung, sondern zugleich Anregung sucht. Entspannung ist nicht gleichbedeutend mit Nichtdenken, sondern mit dem Empfangen neuer Eindrücke. Es genügt nicht, eine Orientreise bequem und luxuriös zu gestalten, das geschieht selbstverständlich. Sie soll auch Land und Leute, das bunte Leben der Moscheen und Basare und nicht zuletzt die großen Kunstwerke kennenlehren. Das ist der Grund, weshalb für diese Reise die Mitwirkung des bekannten Kunsthistorikers Dr. Ernst Cohn -Wiener gewonnen wurde, dessen Reisen in Innerasien ihm eine besonders gute Kenntnis des Orients verschafft haben. Der Reiseplan umfaß: längeren Aufenthalt in Kairo, Ausflüge zu den Pyramiden und S a k k a r a , Weiterreise nach Luxor und Karnak, Besuch der riesigen Tempel, des Grabes des Tutanchamun und der anderen Könige und Nilfahrt nach Assuan, ln Palästina werden Jerusalem, Jericho und Bethlehem, das Tote Meer, sowie jüdische Siedlungen der Gegenwart besucht, in Syrien: Damaskus, die Tempelruinen* von Baalbek und Beirut. Die Dampfer, Hotels und Verpflegung sind ersten Ranges. Prospekte durch Palestine & Orient Lloyd, Berlin N 24, Friedrichstr. 12t. Tel.: Dl, Norden 2455/2456. Der jüdische Student Meschulira W e n k e r, der bei einem Zusammenstoß anläßlich des Fackelzuges der Wiener Heimwehr schwer verletzt wurde, ist ein Führer der österreichischen Chaluzim. Ein Heimwehrmann hatte Wenker die brennende Fackel ins Gesicht gestoßen, weil dieser die Annahme eines Heimvvehrflugblattes verweigerte. Wenker wird walirschenlich das Augenlicht verlieren. Die Polizei konnte bisher des Täters nicht habhaft werden.