Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 89 (11.11.1930)
- Date
- 1930-11-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 590 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 89, 11. XL 1930 Palästina •angesiedelt wurden. Der Zionismus stünde vor einer völlig anderen Situation, wenn das Kolonisationstempo ein schnelleres gewesen wäre. Bcrl Kaznelson wies darauf hin, daß auch die früheren Palästina-Verwaltungen dem Zionismus nicht freundlich gegeniiberstanden. Das Schwergewicht der zionistischen Politik sei künftig auf die Schaffung von Machtpositionen in Palästina zu legen. Als letzter Diskussionsredner erklärte Dr. Nahum Gold mann (radikal), niein and denke an einen Bruch mit England, doch müsse auf die Gefahr hingewiesen werden, die daraus erwachsen könnte, wenn man sich mit geringen Zugeständnissen der Regierung zufrieden gäbe. Es müsse ein Kampf um die vollständige Verwerfung des Weißbuches geführt werden. Die politische Arbeit müsse von einer machtvollen planmäßigen Kolonisationsarbeit im kommenden Winter begleitet werden. Eine provisorische Exekutive sei zu ernennen, damit die Wintermonate, die durch positive Arbeit in Palästina ausgenützt werden müssen, nicht durch politische Kämpfe, die sich unvermeidlich cinstellen würden, wenn die bisherige Exekutive im Amt bleiben sollte, verloren gehen. Namens der Exekutive erklärte Harry Sadher: So sehr er ursprünglich entschlossen gewesen sei, sein Amt niederzulegen, so sehr sei er jetzt entschlossen, dies nicht zu tu 11. Die Exekutive könne nicht zurücktreten, solange sie nicht wisse, wer ihr im Amte folgen werde und welchen Arbeitsplan ihre Nachfolger durchzuführen beabsichtigen. Keine Exekutive darf sich von einem anderen Prinzip als dem der Verantwortung leiten lassen. Es kann nicht die Aufgabe der Exekutive sein, den Emotionen der Massen entgegenzukommen, die in einem augenblicklichen Zustand der Erregung die Demission der Exekutive wünschen. In einer nur gefühlsmäßigen Beurteilung der Situation liege eine große Gefahr. Die Monate bis zum Zionistenkongreß sind eine schicksalsschwere Zeit für den Zionismus. In diesen Monaten wird die Entscheidung darüber fallen, ob das englische Weißbuch in seiner gegenwärtigen Form aufrechterhalten wird oder nicht. Als Männer, die sich nicht nur den Mitgliedern der Zionistischen Organisation gegenüber, sondern auch für die Zukunft des Zionismus verantwortlich fühlen, müssen wir uijs fragen, wem wir die Fortführung unserer Arbeit anvertrauen können. Die Opposition entbehre einer politischen Einfühlung und eines klaren Programms. Das gegenwärtige Problem ist mehr außenpolitischer als innerpolitischer Natur, und der Eindruck, den ein Wechsel in der Leitung erwecken würde, könnte für unsere zukünftige Politik v e r - hängnisvoll werden. Weizmanns Demission war nicht eine Demonstration nach innen, sondern eine solche nach außen: gegen die Politik des Weißbuchs; sie hat eine nachhaltige politische Wirkung hervorgerufen. Glauben Sie, fragte Harry Sacher gegen die Opposition gewendet, daß sich die gleichen politischen Wirkungen nach außen einstellen würden, wenn Sie die Demission Weizmanns fordern? Keine verantwortliche Exekutive wird die Stellung der gegenwärtigen Exekutive einnehmen wollen, bevor es feststeht, wer Dr. Weizmanns Nachfolger sein wird. Wir dürfen die Schwierigkeiten nicht zu einer Katastrophe steigern. Welchen Männern sollen Mir die Leitung der zionistischen Arbeit anvertrauen? Wir müssen auch die andere Seite nicht aus dem Auge lassen, nämlich die britische Regierung, die zu einer Aenderung ihres politischen Kurses bewogen werden muß. Es wäre ein Fehler, Dr. Weizmann aufzufordern, seine Demission zurückzuziehen, aber eine noch größere Gefahr wäre es, seine Demission von *einem innerzionistischen Standpunkt aus gutzuheißen. Am Schluß der Sitzung wurden die Kommissionen gewählt Judge Made gegen Weizmanns Rücktritt Am 5. November wurde für 10 Uhr abends eine Nacht- Sitzung anberaumt, um Richter Julian W. Mack, der als Gast mit beratender Stimme an der Aktions-Comite-Sitr.ung teilnimmt, Gelegenheit zu geben, vor seiner Abreise nach Amerika seine Stellungnahme zur gegenwärtigen politischen Situation zu präzisieren. Mack erklärte, er wolle nicht behaupten, daß Dr. Weizmann für die augenblickliche Lage verantwortlich zu machen sei. Vielleicht, sagte Mack, trifft die Schuld uns alle, weil wir den Palästina-Aufbau nicht genug energisch durchgeführt haben. Wie Sie wissen, war ich seit 1919 20 Gegner Dr. Weizmanns. Ich habe gegen seine Tätigkeit viel einzuwenden. Meine Freunde und ich waren gegen die Erweiterung der Jewish Agency. Andererseits haben viele Teilnehmer dieser Versammlung Dr. Weizmanns Politik gestützt. Aber ich möchte heute nicht über Vergangenes sprechen. Es erscheint mir in diesem Augenblick gleichgültig, ob Weizmann Fehler begangen hat und in welchem Grad״. Ich befasse mich bloß mit der gegenwärtigen Situation und mit der Zukunft. Personen kommen hier nicht in Frage. Wir haben uns bloß zu fragen: Wie können wir unsere Arbeit fortführen? Wie können wir unsere Ideale verwirklichen? Ich spreche nicht über den Kongreß und das, was auf den Kongreß folgen wird, sondern nur darüber, urie die gegenw ä r t i g e Situation beschälten ist und welche die besten Methoden für die Fortsetzung unserer Arbeit bis zum Kongreß sind. Auf diese Frage haben meine amerikanischen Freunde, Zionisten und Nichtzionisten, wiewohl sie untereinander durchaus nicht einig sind, und ich selbst nur eine Antwort. Präsident Lincoln hat einmal gesagt: ״Mitten im Sturm wechselt man nicht die Pferde“, und so sage ich, daß mitten in der augenblicklichen tragischen Lage keine Rede von einem Wechsel des Präsidiums sein kann. Wie werden wir vor der Welt dastehen, wenn wir Dr. Welzmanns Demission annehmen? In diesem ernsten Augenblick müssen wir geschlossen vorgehen. Wir mögen unsere persönlichen Anschauungen aufrechterhalten und unseren inneren Kampf fortführen, nach außen hin aber müssen wir geeint sein und eine geschlossene Front bilden. Wir würden uns selbst schlagen, wenn wir Weizmanns Demission annehmen. Nicht den Juden hat Dr. Weizmann erklärt, er könne sie nicht länger führen; er hat England erklärt, daß er es unter den gegebenen Umständen ablehnen müsse, die Führung weiterhin innezuhaben. Mack fuhr fort: Gestern abends sprach ich telephonisch mit dem Präsidenten der Zionistischen Organisation Amerikas, Robert S z o 1 d. Sic können sich nicht vorstellen, wie empört die amerikanischen Zionisten über das Weißbuch sind, ln irgendeiner Form wird dieses Dokument aus der Welt geschafft werden müssen. In diesem Bestreben ist Dr. Weizmann mit uns einig lind wir müssen, auch wenn er nicht länger unser Führer zu sein wünscht, i!1n veranlassen, zu bleiben. Es mag seltsam erscheinen, mich so über Dr. Weizmann sprechen zu hören, aber ich wiederhole, daß mich die Personenfrage nicht interessiert. Was glauben Sie, wird geschehen, wenn wir Dr. Weizmann gehen lassen? Alle unsere Freunde in den Reihen der Konservativen, der Liberalen und der Labour-Party werden wir verlieren. Eine einflußreiche Labour-Gruppe hat heute bereits durchblicken lassen, daß sie ihre BeziehungenzurZionistisehe ^Organisation lösen werde, wenn Dr. Weizmann nicht weiter an der Spitze der Organisation stehen sollte. Mit wem wollen Sie dann die Arbeit weiterführen? Uebrigens hat nach dem Statut der Administrative Counciider Jewish A g e n c y in dieser Sache das letzte Wort zu sprechen und es wäre sehr unangenehm, wenn der Administrative Council einen Beschluß des Aktions-Comites umstoßen müßte. Schließlieh wandte sich Mack scharf gegen die Drohungen der Revisionisten, nicht weiter teilzunehmen, wenn ihre Forderungen abgelehnt werden. Kolonisation«- und Finanzfragen Die Nachmittagssitzung des 6. November war der Diskussion über die Finanzberichte, sowie der Erörterung von Einwanderungs- und Kolonisationsfragen gewidmet. Im Vordergrund der Debatte stand die Frage der Mittelstandsans i e d 1 u n g. Von mehreren Rednern wurde darauf hingewiesen, daß die beschleunigte Ansiedlung von Juden mit kleinem eigenen Kapital auf Nationalfondsboden sich nach zwei Seiten hin günstig auswirken würde. Einerseits würde dadurch die Mittel- Standseinwanderung und die Kultivierung des in jüdischen Händen befindlichen Bodens gefördert, andererseits mehr Geld ins Land gebracht werden. Colonel Kisch erklärte, es sei zu erwarten, daß das Kolonialamt eine bedeutendere Anzahl von Arbeiterzertifikaten, wenn auch nicht in dem von der Exekutive der Jewish Agency vorgeschlagenen Ausmaß, bewilligen werde. Er beklagte es, daß im Budget der erweiterten Jewish Agency ein so geringer Betrag für die Land ent- Wicklung in Palästina ausgeworfen worden sei und gab der Hoffnung Ausdruck, daß die zu Beginn des nächsten Jahres in Amerika durchzuführende Kampagne für den Keren H a j e s s o d die gegenwärtige Bereitschaftderameririkanischen Juden zu verstärkten Leistungen für den Palästina-Aufbau entsprechend auswerten werde. Es wurde der Vorschlag gemacht, die Kampagne für den Keren Hajessod in Amerika in Verbindung mit der für den Keren Kajemeth durchzuführen. Die Finanzexperten des Keren Hajessod wiesen darauf hin, daß eine Einberufung des Kongresses mitten im Winter die Kampagne für den Keren Hajessod schädigen würde, doch betonten alle Redner die Notwendigkeit, den Kongreß nicht später als Ende Januar einzuberufen. Budget der Palastinik - Exekutive ln seinem am Donnerstag, dent 6. November, abends, erstatteten Finanzbericht konnte Colonel Kisch bereits die Mitteilung machen, daß das Kolonialamt 1500 von den durch die Exekutive der Jewish Agency angeforderten 2100 Zertifikate für Arbeitereinwanderung bewilligen werde. Nun sei die Finanzlage der Jewish Agency eine sehr schwierige und es wäre eine bittere Ironie, wenn nicht genügend Mittel zur Finanzierung dieser Chaluzim vorhanden wären. Es war richtig, von verstärkter Arbeit zu sprechen — dies war die einzige Möglichkeit einer Antwort aut das Weißbuch — aber ohne Geld gibt es keine Arbeit. Die Exekutive der Jewish Agency in Palästina war genötigt, mit einem Maximalbudget von 400 000 Pfund zu arbeiten, welches, da es keine neuen konstruktiven Aufgaben vorsah, von vornherein ungenügen d war. Es war daher unumgänglich notwendig, nicht nur für die Deckung dieses Minimal- Budgets, sondern auch für ein ergänzendes Kolonisationsbudget Sorge zu tragen. Die Exekutive erwarte vom Drive in den Vereinigten Staaten gute Ergebnisse, doch könne dieser aus verschiedenen Gründen erst mit dem neuen Jahre beginnen und inzwischen müsse ein erheblicher Betrag zur Fortführung der Arbeiten bis zum Jahresende aufgebracht werden. Dr. Hantke wies darauf hin, daß der Keren Hajessod zum Jahresende größeren Verpfliehtungen nachzukommen habe. Die Weltwirtschafts־ Krise habe die Sammlungen ungünstig beeinflußt. Doch habe die politische Lage die Entschlossenheit des jüdischen Volkes, die Arbeit in und für Palästina energischer als je fortzusetzen, gefestigt. Die zionistischen Kräfte dürften aber nicht durch Sondersammlungen zersplittert, sondern müßten auf den Keren Hajessod konzentriert werden. Die Abhaltung des Kongresses mitten im Winter würde die Sammlungen für den Keren Hajessod ungünstig beeinflussen, deshalb möge der Kongreß spätestens Ende Januar einberufen werden. Dr. Hantke setzte sich im weiteren Verlauf seines Referates für die Förderung der Mittelstandssiedlung ein und gab in seinen Schlußworten seiner Zuversicht Ausdruck, daß der Zionismus die augenblickliehen Schwierigkeiten ebenso überwinden werde wie frühere. Anwesenheitsliste An der A.-C.-Sitzung nahmen teil: Der Präsident der Zionistischen Organisation: Dr. Chaim Weizmann. Präsident der Exekutive: N. Sokolow. Mitglieder der Exekutive: L. Barth, Prof. S. Brodetsky, S. Kaplansky, F. Rosenbli'rth, Colonel F. H. Kisch, H. Sacher und J. Sprinzak. Mitglieder des Aktions-Comites: L. Motzkin (Vorsitzender), H. Farbstein und R. Lichtheim (stellvertretende Vorsitzende), Dr. S. Levin (Haifa), Rcv. J. K. Goldbloom (London), Dr. A. Goldstein (Jerusalem), L. Levite (Warschau), Dr. B. Mossinson (Tel-Awiw), I. Naiditsch (Paris), J. Suprasky (Tel-Avviw), Rabbi J. L. Fisclimann (Jerusalem), Rabbi M. Nurok (Riga), Rabbi A. Teitelbaum (Jerusalem), Dr. Ch. Arlosoroff (Tel-Awiw), Dr. N. Melzer (Lemberg), Dr. A. Tartakower (Lodz), A. Harzfeld (Tel-Awiw), A. Reiß (Warschau), D. Remez (Tel-Awiw), M. Großmann (London), Dr. A. Hantke (Jerusalem), M. Eiizengoff (Tel-Awiw). Ersatzmitglieder des Aktions-Comites: Dr. B. Feiwel (London), Dr. M. Hindes (Warschau), J. Neiger (Tarnow), Dr. 1. Olsvanger (London), L. Levin-Epstein (Warschau), Dr. J. Hellmann (Riga), Prof. Lasersons (Riga), Dov Hos (London), B. Katznelson (Tel-Awiw), Dr. N. Goldmann (Berlin), L. Jaffe (Jerusalem), J. Baratz (Daganiah). Vorsitzender des Kongreß-Gerichtes: Dr. S. Gronemann. Kongreß-Anwalt: Dr. A. Barth. Als Gäste: Judge Julian W. Mack (New York), Dr. Bernhard Kahn (Berlin); ferner seit der 2. Sitzung: Mitglieder des Aktions-Comites: 1. M. Sieff, S. Marks (London). Als Gast: Dr. M. B. Hext er (New York-Jerusalem); und seit der 3. Sitzung: Mitglieder des Aktions-Comites: Dr. M. Bileski (Berlin), Kurt Blumenfeld (Berlin). Ersatzmitglieder; Dr. Martin Rosenbluth (Berlin), Ob Victor laoabeoa {Karitf. Kein Reditsbrudi? Lord Passfleld antwortet Lord Hailsham und Sir John Simon. In der letzten Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ haben wir den Brief wiedergegeben, den zwei der bedeutendsten Juristen Englands, Lord Hailsham und Sir John Simon, am 4. November in der ״Times“ veröffentlicht haben, worin sie gegen das englische Weißbuch den Vorwurf erheben, es enthalte unmittelbare Rechtsverletzungen gegenüber dem Mandat. Die beiden Briefschreiber regen an, daß ein Gutachten des Haager Internationalen Gerichtshofes über diese Fragen eingeholt werden soll. Eine solche Kundgebung ist ein auch für England außergewöhnliches Ereignis, und ebenso ungewöhnlich ist es, daß der angegriffene Minister, Lord Pas s f i eId , nun selbst ln den Spalten der ״Times“ auf die erhobenen Anklagen antwortet. Da der Frage, ob das englische Weißbuch nicht nur p 01 iti sc h zu bewerten ist, sondern auch juristisch angreifbar wäre, zweifellos eine große Bedeutung zukommt, geben wir Lord Passfields Antwort nachstehend im vollen Wortlaut wieder. Lord Passfield schreibt: >;Es ist beruhigend, aus dem Briefe so bedeutender Autoritäten wie Lord Hailsham und Sir John Simon zu ersehen, daß sie in dem Weißbuch nichts finden, was mit Balfour- Deklaration und Mandat unvereinbar wäre, außer daß sie aus den §§ 15, 19—23, 28 drei Schlüsse ziehen, von denen keiner berechtigt ist. Diese Schlüsse werden nur durch eine ungenaue Wiedergabe der erwähnten Paragraphen, von denen kein einziger wörtlich zitiert ist, plausibel gemacht. 1. Der erste Schluß wird aus § 15 des Weißbuches gezogen, von dem behauptet wird, er bedeute, ״daß auch in Fällen, wo Staatslandereien unbesiedelt sind, diese nicht für jüdische Siedlung verfügbar gemacht werden können in Anbetracht der Wichtigkeit, zusätzliches Land für landlose Araber verfügbar zu machen“. Niemand würde meines Erachtens aus den hier zitierten Worten entnehmen, daß im § 15 der einzige Hinweis auf unbesiedeltc Strecken von Regierungsböden der ist, daß das Ausmaß solcher Ländereien ganz geringfügig ist. Es steht dort keine wie immer geartete Erklärung, daß es nicht möglich sei, diese Böden für jüdische Siedlung verfügbar zu machen, noch rechtfertigt der Wortlaut eine solche Schlußfolgerung. 2. Der zweite Schluß bezieht sich auf §§ 19—23 des Weißbuches. Die Briefschreiber interpretieren diese Paragraphen dahin, daß sie besagen, daß die Praxis der Jewish Agency, in ihren Unternehmungen jüdische Arbeiter zu beschäftigen und in ihren Verträgen die Verpflichtung für jüdische Arbeit festzusetzen, ״aufhören müsse“. Die betreffenden Paragraphen erithalten keine derartigen Worte und keine solche Absicht. Alles, was dort geschieht, ist: die Aufmerksamkeit auf diese Praxis zu lenken, sie gegenüberzustellen der den guten Willen gegenüber den Arabern ausdrückenden Deklaration des Zionistenkongresses von 1921, die eigene Begründung der jüdischen Führer für diese Politik zu geben, und darauf hinzuweisen, daß diese Politik und die sie stützenden Argumente nicht die Verpflichtung des Art. 6 des Mandates berücksichtigen, wonach die Rechte und die Lage anderer Teile der Bevölkerung nicht beeinträchtigt werden sollen. 3. Der dritte Schluß bezieht sich auf § 28 des Weißbuches, der dahin interpretiert wird, daß ,,keine weitere jüdische Immigration erlaubt werden kann, so lange sie irgendeinen Araber an der Erlangung von Beschäftigung verhindern könnte“.. Der wirkliche׳ Wortlaut des Paragraphen ist: ״Wenn jüdlsche. Immigration zur Folge' hat, daß• die?arabische Beyölkcv rung die für ihren Unterhält notwendig#Arbeit nicht erlangen kann, oder wenn die jüdische Arbeitslosigkeit die allgemeine Arbeitslage ungünstig beeinflußt, dann ist es die klare Pflicht der Mandatarmacht, gemäß dem Mandat die Immigration einzuschränken oder, wenn nötig, zu unterbrechen, bis der arbeitslose Teil der anderen Bevölkerungsgruppen in der Lage ist, Arbeit zu finden.“ Die Absicht des Weißbuches, welche nach meiner Meinung ganz klar war, war es, die Möglichkeit einer Unterbrechung der jüdischen Einwanderung abhängig zu machen von Arbeitslosigkeit in solchem Ausmaß, daß ihre ernsthafte Folge die Verhinderung der arabischen Bevölkerung, die für ihren Unterhalt notwendige Beschäftigung zu erlangen, wäre. Es war aber natürlich nicht die Absicht, vorzuschlagen, daß die Immigration unterbrochen werden müsse, solange ״irgendein Araber“ ohne Beschäftigung bleibt. Zum Schluß möchte ich noch einige allgemeine Bemerk ungen machen. Es besteht nicht die Absicht, noch der Vorschlag, daß Staats- oder andere Ländereien in Palästina, die durch Bewässerung oder auf andere Weise für Ansiedlung verfügbar gemacht werden können, ausschließlich für Araber reserviert sein sollen. Im Gegenteil, es bestellt die Hoffnung, daß ein beträchtliches Ausmaß von Land — wieviel kann nicht vorhergesagt werden — schließlich für jüdische Sied- 1 e r verfügbar wird. Ferner ist ausdrücklich in dem Weißbuch erklärt, daß auf der großen Reserve bisher unbesiedelten und unentwickelten jüdischen Bodens die Kolonisationstätigkcit ״ohne Unterbrechung“ weltergehen kann. Noch mehr: Es steht darin nicht ein einziges Wort über Verhinderung oder Einstellung der Einwanderung irgendeiner der neun offizielten Einwanderungskategorien. Nur eine einzige dieser Kategorien wird in dem Weißbuch erwähnt, nämlich die der Arbeitnehmer, welche jedes halbe Jahr im Einklang mit der jeweiligen ״Absorptionsfähigkeit des Landes“ festgesetzt wird. Die Maschinerie für präzisere Abschätzung dieser Absorptionsfähigkeit soll verbessert werden. Inzwischen wird gerade jetzt die Liste der Arbeitnehmer-Einwanderung für das laufende Halbjahr festgesetzt, wobei zwar die notwendige Rücksicht auf die bestehende Arbeitslosigkeit genommen wird, aber auch die zukünftigen Möglichkeiten infolge der Vergrößerung der Unternehmungen voll in Rechnung gestellt werden. Aus dem Vorstehenden wird, so hoffe ich, klar werden, daß die von Lord Hailsham und Sir John Simon gezogenen Schlußfolgerungen unbegründet und auf einer falschen Auffassung der erklärten Absichten der Regierung beruhen.:׳ Rabindranath Tagore erklärte in New York in einem Interview, er stehe den zionistischen Bestrebungen mit voller Sympathie gegenüber. Er rate den Juden, sich mit den Arabern Palästinas ge gen England zu vereinigen, um das palästinensische Problem einer befriedigenden Lösung zuzuführen. Die Juden seien stets die großen Lehrmeister der Welt gewesen. Sie mögen daher jetzt nicht bei England um ihr Recht betteln, sondern die Araber zu dem Verständnis der Tatsache erziehen, daß durch die jüdische Ein- Wanderung das materielle und kulturelle Niveau der Araber Palästinas gehoben wird. Die Liga für das Arbeitende Palästina bereitet eine Massenpetition an die britische und internationale Arbeiterschaft gegen die letzte Regierungserklärung vor. Der Text des Aufrufes drückt die Zuversicht aus, daß es dem arbeitenden Palästina gelingen werde, trotz aller Hindernisse den Weg der jüdischen und sozialen Befreiung fortzusetzen.