Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 89 (11.11.1930)
- Date
- 1930-11-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Lord Passfteld antwortet! Kein Reditsbrudh JÜDISCHE Einzebmmmer 0,35 Goldmark RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. 'VusI.ndwibolUKmumtt werden in der Wihnine der oior-elnen Linder berechnet. \nxetaenpreis: « teep NanpereOleiefle 030 O-M. Stellsneentich# 0.2S G-M, Redaktion Verlag und Anzeigen -Verwaltung:?üdische Rundschau G.m-b.H-, Berlin W15, Meinekestr.lO Telephon: J 1 Bismarck 7165 70־. Postscheck Konten: Berlin!7392, Base) V 9355, Belgrad 68032, Brüssel 394 33. Budapest 596 93, Danzig 1973, Haag 140470, Prag 594 10 Riga 4155» Strasaburg 164 30, Warschau 190104, Wies 156030, Bank.Konten: Darmatidter und Nationalbank, Depositen Kusse Berlin, Kurfümendamm 52; Banca de Hat, Cernauti (Rumänien); Anglo Palestin« Co. in Haifa, Terusalem. Tel Aviv Nummer 89 | Berlin, 11. XL 1930 Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. כ׳ מר חשה תרצ״א | xxxv. Jahr*. Per Zlonltmu» erstrebt tOr das jOdlsche VoIRdieSchaffung einer Öffentlich. rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm■״ Zionisten־ Kongreß Anfang Februar Die Exekutive bleibt - Wahl einer politischen Kommission Zur politischen Lage Berlin, 10. November. Noch ist kein entschiedener Fortschritt in der politisehen Lage zu verzeichnen, aber langsam scheint sich eine Klärung anzubahnen. Die letzten Kundgebungen Lord Passfields legen großen Wert darauf zu betonen, daß die Regierung nicht die Absicht habe,, den Kurs der Palästinapolitik zu ändern oder die Verpflichtungen des Mandates zu verletzen. Wieder wird das Wort gebraucht, das im letzten Jahre an jedem kritischen Wendepunkt in der Regierungssprache aufgetaucht ist: es liege ein ״Miß- Verständnis“ vor. Sollte dies der Fall sein, so müßte zumindest gesagt werden, daß dieses Mißverständnis von der Regierung verschuldet ist. Die Oeffentlichkeit, der die Regierungsdokumente vorgesetzt wurden, glaubte, daß deren Sprache unmißverständlich sei. Was das letzte Weißbuch betrifft, so stehen darin einige Sätze, die ein so zurückhaltender Kritiker wie J. L. Garvin im ״Observer“ als ״schnoddrig“ und ״unstaatsmännig“ gekennzeichnet hat. Es ist also nicht zu verwundern, wenn schon diese Empörung und Protest hervorgerufen haben, ganz abgesehen von den Grundsätzen, die im Weißbuch für die Palästinapolitik aufgestellt werden. In manchen sachliehen Fragen, die für das jüdische Palästinawerk entscheidend sind, ist freilich das Weißbuch noch etwas unklar. Wen» di© Regierung jetzt behauptet, sie wolle der jüdtidie»'Arbeit keine Äfenlsse in Jil Wef teilBT und s!6h darauf beruft, daß auch das Weißbuch von ungestörter Fortsetzung d|r Kolonisation auf den in jüdischem Besitz befjndlichen Ländereien spricht und bezüglich der Einwanderer nur bei der Kategorie der Arbeitnehmer Einschränkungen macht, mit anderen Worten: daß sich so gut wie nichts geändert habe, so muß dem entgegengehalten werden, daß diese Auffassung jedenfalls weder von der jüdischen Oeffentlichkeit, noch von einem großen Teil der englischen Kritiker der Regierung geteilt wird. Unter dem Drucke der Protestkundgebungen hat die Regierung einen Kommentar zu dem Weißbuch angekündigt, und es darf wohl angenommen werden, daß sich dieser Kommentar, der kurioserweise noch den Spezialzweck einer Beruhigung der Wählerschaft von Whitechapel erfüllen .soll, ungefähr in den Linien bewegen wird, wie Lord Passfields letzte Kundgebungen, nämlich diejenigen Partien des Weißbuches, die von der Fortsetzung der jüdischen Aufbauarbeit sprechen, stärker unterstreichen wird. Ob auch bereits über den von Simpson in seinem Bericht vorgeschlagenen großen Kolonisationsplan, der die Ansied* lung von 20000 jüdischen Familien vorsieht, etwas näheres gesagt werden wird, ist zweifelhaft, weil wohl die Finanzierung eines so großen Projektes bisher noch nicht geregelt werden konnte. Die Erteilung von 1500 Zertifikaten kann jedenfalls gleichfalls als ein Symptom für die politische Lage bewertet werden; man wird nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daß die Regierung die Bewilligung dieser Zertifikate beschleunigt hat, um den Gerüchten, sie beabsichtige die Immigration zu sperren, wirksam entgegenzutreten. Trotz dieser entgegenkommenden Geste der Regierung wird der jüdische Kampf gegen die neue Politik Englands mit aller Macht fortgesetzt. Die Jewish Agency hat alle ihr verfügbaren politischen Kräfte eingesetzt, um die angegriffenen jüdischen Rechte gegenüber der Regierung zu verteidigen. Wenn in dieser Hinsicht gewisse Erfolge zu verzeichnen sind, so ist dies zweifellos vor allem der Führung Dr. Weizmanns und seinem gewaltigen Einfluß zu verdanken. Es scheint, daß auch das Aktions-Comite, dessen Mitglieder freilich zum großen Teil mit vorgefaßten Meinungen zu den Sitzungen zu kommen pflegen, sich dem Eindruck der Tatsachen nicht ganz entziehen konnte. Denn obwohl nicht nur von der offiziellen Opposition (Revisionisten und Radikale), sondern auch von anderen großen Gruppen, wie Misrachi und einem großen Teil der Allgemeinen Zionisten der Rücktritt Weizmanns und der ganzen Exekutive gefordert wurde, hat die Sitzung doch kein derartiges Resultat gezeitigt. Die Demission Weizmanns, die als Protest gegen die englische Politik erfolgt ist, bleibt zwar bestehen, doch führt er die politischen Geschäfte weiter, und die Exekutive bleibt im Amt. Es wurde lediglich ein ״p o 1 i t i s c h e s K o m i t e e“ zur Zusammenarbeit mit der Exekutive eingesetzt, über dessen genaue Funktionen hier noch nichts bestimmtes bekannt ist Es wäre jedoch sehr zu begrüßen, wenn durch eine möglichst intensive Zusammenarbeit Vertretern verschiedener zionistischer Gruppen — besonders erfreulich ist es, daß auch die oppositionellen Radikalen beteiligt sind — Gelegenheit gegeben würde, in die konkreten Tatsachen der praktischen Politik Einblick zu nehmen. Es könnte daraus eine günstige Rückwirkung auf die vielfach desorientierten Anhänger dieser Gruppen resultieren, die jetzt durch ihren eigenen Vertrauensmann über die wirklichen politischen Realitäten aufgeklärt werden können. Im übrigen handelt es sich wohl um ein Provisorium von drei Monaten, denn der für Februarangekündigte Kongreß wird zweifellos vor neuen außenpolitischen und innerzionistischen Situationen stehen. Der Schlug der A.-C.״Sitzung London, 10. November. (J. T. A.) Die Tagung des Aktlons-Comitis wurde am Sonntag, dem 9. November, abends beendet. Es wurde beschlossen, den XVII. Zionistenkongreß für Anfang Februar einzuberufen, ein Kongreßort jedoch würde noch nicht bestimmt. Es wird auch erwogen, den Kongreß nach Amerika einzuberufen. Für die Zeit bis zum Kongreß wurde eine aus fünf Mitgliedern bestehende politische Kommission gewählt, die die Bestimmung hat, Welzmann und die Exekutive be! politischen Aktionen zu beraten und zu unterstützen. Zu Mitgliedern dieser Kommission wurden Dr. M. E d e r, Leo Motzktn und Dr, Nihit»:•!!»Id« ant» gewählt, je «In Sitz wurde 11# einen VwtWtel'־Ä־Wili'I»«hl und det amerikanischen Zionisten reserviert. Von den angenommenen Resolutionen find zu erwähnen: Das Aktions-Comitd erhebt Protest gegen das neue Weiß- 1500 Zertifikate freigegeben London, 8. November. (J. T. A.) Wie das Kolonialamt in London mitteilt, hat die britisehe Regierang den High Commissioner Ifir Palästina Sir John Chancellor ermächtigt, 1500 Einwanderungszertifikate tür jüdische Arbeiter (Chaluzim) freizugeben. * Das konservative Sonntagsblatt ״ObServer״ schreibt am 9. November zu der Bewilligung der Zertifikate: Der Bann auf die jüdische Immigration, der im Mai ausgesprochen wurde und dessen Weiterbestehen die Ursache sämtlicher jüdischer Proteste war, ist nun zurückgezogen. In dem kürzlich veröfffentlichten Weißbuch wurde gesagt, daß ernsthafte Arbeits-!osigkeit unter Juden und Arabern besteht und daher jede übereilte Entscheidung bezüglich neuer iüdbeher Einwanderung vermieden werden muß. Daraus wurde der Schluß gezogen, daß die Immigration jetzt nicht erneuert werden soll, und dies hat bittere Enttäuschung hervorgerufen; darum wurde die Nachricht von dem jetzigen Beschluß der Regierung in zionistischen Kreisen mit Befriedigung aufgenommen. Offiziell ist jedoch gestern (d- 1• am 8. November) erklärt worden, daß die Regierung niemals die Absicht hatte, die Immigration einzustellen, sondern nur Sicherungen zu sdiaffen, daß die Immigration nicht die Fassungskraft des Landes überschreite. Berliner Zionistische Vereinigung Nach den Sitzungen des Aktlons-ComltOs und der Politischen Kommission spricht mh Mittwoch, den 12. November, abends 82/י Uhr im großen Saal der Loge, Kleis tstraße 10 Kurt Blumenfeld: Der Augenblick Hauptfragen zionistischer und jüdischer Entwicklung. — Die Sitzung des Aktions-Comites und der Politischen Kommission der Jewish Agency. — Das heutige falästipa. — Das nidbtzionistisdie Judentum. — Die Berliner Gemeindewahlen Karten Mk-1.— (Jugendliche Mk. 0.50) im Büro der B. Z. V. Meinekestraße 10 (Bismarck 7165) und an der Abendkasse buch der englischen Regierung und billigt den Beschluß des Waad Leumi über Nichtbeteiligung am Legislative Council. Das Aktions-Comite spricht sich für die Forderung der Mittelstandssiedlung auf Nationalfondsboden aus. Die Einsetzung einer politischen Kommission zur Unter- Stützung der Exekutive ist das Ergebnis langwieriger Verhandlungen. Die Krise der Leitung hatte am Freitag, dem 7. November, nachmittags, den Höhepunkt erreicht, da sich die Opposition nachdrücklich weigerte, einer Fortführung der Geschäfte durch Weizmann bis zum Kongreß ohne Mitwirkung der poli• tischen Kommission zuzustimmen. * Verhandlungsbericht Nachstehend geben wir einen Bericht über den Verlauf der Tagung, soweit er uns bis zum Schluß der Redaktion zugegangen ist. Ueber die erste Sitzung (4. November vormittag) mit Weizmanns Referat brachten wir den Bericht bereits in der vorigen Nummer. In der zweiten Sitzung, 4. November nachmittag, gab zunächst Col. Kisch eine ausführliche Darstellung der Situation in Pa- I ä s t i n a. Vor Veröffentlichung des Weißbuches sei die allgemeine Lage in Palästina zufriedenstellend gewesen, der Jischuw war auf dem besten Wege, sich von den Folgen der August-Unruhen von 1929 zu erholen. Man habe zwar in Palästina erwartet, daß der Inhalt des Weißbuchs für die Juden nicht zufriedenstellend sein werde, doch habe der f ei n4> e! i g e G (Hs t dieses Dokuments., .und die darin, ausgesprochene fundamentale Aenderang der Pälistma-Polltlk überrascht. Der Jischuw hat die Veröffentlichung des Weißbuches mit Selbstbeherrschung und Würde atifgenommen. Der Jischuw ist entschlössen, auf seinem Posten auszuharren und seine Arbeit mit erhöhter Kraft und verstärktem Opfermut fortzusetzen. Doch sei er auf die materielle und moralische Stützung durch die Diaspora angewiesen. — Colonel Kisch befaßte sich u. a. mit dem Klagemauerkonflikt, der trotz aller Anstrengungen bisher nicht durch ein freiwilliges Uebereinkommen beigelegt werden konnte. Nach Kisch gab noch Prof. Brodctsky Ergänzungen zu den politischen Referaten. Er betonte, daß die Haltung des Kolonialamtes seit der Sitzung der Mandatskommission alles eher als freundlich gewesen sei. Im allgemeinen habe man den Eindruck, daß die Regierung einsehe, sie sei zu weit gegangen, und daß sie sich bemühe, irgendwelche Amendements zu machen. Dr. Brodetsky besprach die Hauptprobleme der momentanen politischen Situation und ging dann auf die innere jüdische Lage über. Seiner persönlichen Ueberzeugung nach würden die letzten politischen Niederlagen auch ihre guten Folgen haben. Voraussetzung aber sei innere Einigkeit, gewissenhafte und offene Erörterung aller Probleme, eine intensive Kampagne zur Verstärkung des praktischen Aufbaus in Palästina und Gestaltung des Kongresses zu einer möglichst großen und machtvollen Kundgebung. Es werde Aufgabe des Kongresses und des Council der Jewish Agency sein, über die künftige Politik und die künftige Führung zu entscheiden. Sokolow brachte eine Resolution ein, in der sich das Aktions- Comite mit den Motiven, die Weizmann zu seiner Resignation veranlaßt haben, solidarisch erklärt. Die Zionistische Exekutive, erklärte Sokolow, habe den Schritt Dr. Weizmanns gebilligt und sei nur deshalb nicht sofort zurückgetreten, um ein Chaos in der Zionistischen Organ*- sation für die Zeit bis zum Kongreß zu vermeiden. Am 5. November wurde die Generaldebatte durchgeführt. Es sprachen Suprasky, Farbstein, Mossi n sohn , Dizengoff, Naiditsch, Dr. Hindes, die sämtlich die Haltung Englands und das Weißbuch scharf kritisierten, den Rücktritt Dr. Weizmanns billigten und die Einsetzung eines politischen Komitees zur Führung der Geschäfte forderten. Kurt Blumenfeld erklärte, der Kongreß müsse einberufen werden als Antwort auf Weizmanns Demission. Es sei unrichtig, daß die Sammeltätigkeit der Fonds durch die Kongreßvorbereitungen leiden müßte. Die bisherige Politik Dr. Weizmanns, die auf Stärkung und Festigung des Jischuw abzielte, war richtig. Auch jetzt muß die praktische Palästina- Arbeit ohne Unterbrechung weitergehen, neben der politischen Arbeit, Die starke Resonanz, der Weizmannschen Demission sei auf die großen Leistungen in Palästina zurückzuführen, die seiner Politik zu danken sind. Meier Groß mann (Revisionist) suchte das von Dr. Weizmann kritisierte Vorgehen der Revisionisten bei verfrühter Veröffentlichung des Communiques über das Weißbuch zu rechtfertigen und stellte eine Reihe von Forderungen, die auf sofortige Demission der ganzen Exekutive hinauslaufen. Namens des Arbeiterflügels bedauerte es Dr. Ch. Ar- Iosoroff, daß im Verlaufe der letzten zwölf Jahre nicht eine Viertel Million, sondern nur hunderttausend Juden in