Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 87 (4.11.1930)
- Date
- 1930-11-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 574 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 87, 4. XI. 1930 Stimmen der Presse 111 seiner letzten Ausgabe (vom 30. Oktober) veröffentlichte ״N e a r E a s t“ einen ausführlichen Leitartikel unter dem Titel ״Das britische Mandat für Palästina‘‘, der in entschiedenster Weise für die neue Politik der englischen Regierung Stellung nimmt und offen dem politischen Zionismus eine Absage erteilt. Da ״Near East‘‘ als ein Blatt gilt, das in enger Be- Ziehung zum Kolonialamt stellt, dürfte dieser Aufsatz einen Einblick in die Stimmung geben, wie sie in den Kreisen des Kolonialamtes herrscht und ist .'111׳er von besonderem Interesse. Es heilit in ihm: In der Regierungserklärung über die Palästina-Politik, über die wir in der letzten Woche nur kurz berichten konnten, wird an einer Stelle gesagt: ״Palästina hat einen kritischen Moment in seiner Entwicklung errc;״ht. Es kann gesagt werden, daß in der Vergangenheit die egierung die wirtschaftlichen und sozialen Kräfte mit einem ,.!inimum von äußerer Einmischung oder Kontrolle sich hat auswirken lassen.“ Die britische Regierung, die in diesem Augenblicke außerordentlich schart dafür angegriffen wird, daß sie aus den ihr vorliegenden Fakten die einzigen möglichen Schlüsse gezogen hat, kann unserer Meinung nach aber mit Recht nur in diesem einen Punkt angegriffen werden, daß sie in der Vergangenheit in gewissen Fragen den Dingen freien Lauf ließ. Es ist im wesentlichen eine Folge der laissez-faire-Haltung in der Vergangenheit, dieser Weigerung, die Existenz eines realen Problems anzuerkennen, daß die rücksichtslose Offenheit, durch welche die Regierungserklärung charakterisiert ist, zu einer so dringenden Notwendigkeit wurde. Mit einer Kii nheit, die in einem erfrischenden Gegensatz zu früheren Hauungen steht, hat die britische Regierung die Wahrheit gesagt: Kein unvoreingenommener Leser des Simpson-Berichtes kann das leugnen. Die Behauptung, die neue Erklärung bedeute eine Zurückziehung der Balfour-Deklaration, ist eine wilde Behauptung; denn gerade diese Deklaration wird ausdrücklich beibehalten. Was getan wurde, ist das einzig mögliche, was eine Regierung tun konnte, die dem Palästinaproblem an die Wurzel zu gehen entschlossen war. Die Erklärung kann nur angegriffen werden, wenn auch die im Simpson-Bericht enthaltenen Tatsachen, auf denen sie im wesentliehen beruht, angegriffen werden können. Beide Dokumente sind von einem Stück — eine Tatsache, die unglücklicherweise von gewissen interessierten Parteien übersehen worden ist, die in die Frage in einer als unwürdig zu bezeichneden Weise eingegriffen haben, um, wie wir fürchten, aus ihr Parteikapital zu schlagen. Wir betonen diesen Punkt und behaupten ausdrücklieh: Niemand, der fair gesonnen ist, kann den Simpson-Bericht studieren und dann die Dinge so darstellen, als würde die Regierungserklärung nicht unausbleiblich aus ihm folgen. Daß die Regierung, die diesen Experten (der, wie wir bemerken möchten, wegen seines großartigen Werks in Verbindung mit der Ansiedlung der griechischen Flüchtlinge beim Völkerbund ein hohes Ansehen genießt) bestellt hat, über den Simpson-Bericht hinweg hätte gehen sollen, war nicht anzunehmen; nahm sie ihn aber an, dann konnte sie nichts anderes tun, als sie tat. Das Ergebnis ist, daß wohl zum erstenmal seit der Erteilung des Mandates das Palästina-Problem im vollen Licht der Wirk- Iichkeit erscheint und was wir bei dieser Beleuchtung sehen, ist, um einen schwachen Ausdruck zu gebrauchen, peinlich. Man könnte wahrhaftig sagen, daß England Palästina nie vorher nackt gesehen hat; nun aber, da die Schleier von unseren Augen gefallen sind, ist unsere nationale Verpflichtung offenbar. Wir haben hier keinen Raum, den Inhalt der Erklärung zusammenzufassen. Als ihre wichtigsten Punkte möchten wir in der Reihenfolge ihrer Veröffentlichung in dem Weißbuch an erster Stelle den darin ausgesprochenen Grundsatz für die Regelung der Einwanderung zitieren, daß ״bei der Würdigung der Absorptionsfähigkeit Palästina jederzeit sowohl die arabische wie auch die jüdische Arbeitslosigkeit in Betracht genommen werden soll, wenn der Umfang der zu gestattenden Einwanderung festgesetzt wird“; zweitens, daß ״die besondere Stellung der Jewish Agency, die sie zur Beratung und Zusammenarbeit berechtigt, der Agency als solcher nicht das Recht gibt, an der Regierung des Landes teilzunehmen“; drittens, daß ״die Regierung sich bei der Bestimmung der Natur in Zusammensetzung der Sicherheitstruppen von ihren sachverständigen Beratern leiten lassen muß“; viertens ״der Entschluß, in Palästina einen gesetzgebenden Rat zu schaffen und schließlich die Entscheidung, daß die Erleichterung der Errichtung eines Jüdischen״ Nationalheims in Uebereinstimmung mit Artikel 6 des Mandates keine Präjudizierung der Rechte und Stellung anderer (nichfjüdischer) Teiie der Bevölkerung“ mit sich bringen darf. Im Effekt drücken die konstruküven Vorhaben der britischen Regierung den Entschluß aus, daß das Mandat von England durchgeführt, von England interpretiert und. da es von England verteidigt werden muß, Palästina in Uebereinstimmung mit den britischen Vorstellungen von Gerecht!״- keit entwickelt werden muß und daß es in erster Reihe die Interessen Palästinas als eines Ganzen sein sollen, die die Handlungsweise der Mandatarmacht bestimmen sollen. Die Entscheidüng ist zeitgerecht, und sie ist richtig. Es ist viel grausamer, unmögliche Hoffnungen sich ausbreiten zu lassen, als ihre Fruchtbarkeit zu beschneiden, auch wenn dies mittels einer scharfen Methode geschehen muß. Es ,ist nichts mehr als selbstverständlich, daß in weiten jüdischen Kreisen jetzt Bestürzung besteht und kein kluger Mensch ' 011 Gefühl wird in diesem Augenblick der Niedergeschlagenheit etwas sagen, um die Gefühle der Juden noch weiter zu reizen. Das zionistische Ideal war ein attraktives Ideal, und den Idealisten, die es getragen haben, gebührt in diesem Augenblick seiner Modifikation alle Sympathie. Wie aber Dr.Weizm a n n kürzlich in Berlin gesagt hat, ist Palästina kein leeres Land; mit anderen Worten, die Verwirklichung des zionistischen Ideals muß den Tatsächlichkeiten angepaßt werden. Ueber diese Tat- Sachen hat es bisher s.nr viele Mißverständnisse gegeben, obwohl nicht vergessen werden soll, daß es — abgesehen von denen, die, wie der verstorbene Edwin Montagu von Anbeginn an Gegner der Balfour-Deklaration waren — schon immer Juden gegeben hat, die eine Konzentration auf die geistigen und kulturellen Aspekte des Zionismus befürworteten und seine Reinigung von den politischen Elementen forderten. Auf diese Art von Juden werden sich die wesentlichen Hoffnungen der jüdischen Entwicklung in Palästina in Zukunft stützen müssen. Ob damit wirklich dem Zionismus ein Ende gesetzt ist, diese Frage beinhaltet nur ein Problem von Worten, denn sofern wir wissen, hat niemand noch definiert, auf welchem Wegabschnitt eines jüdischen Staates in Palästina von einem ״Jüdischen National; ein: gesagt werden kann, daß es Existenz hat. Es gibt ein hebräisches Bewußtsein, eine hebräische Sprache, eine hebräische Universität in Palästina, für diese, um nur einige Seiten des ״Heims“ zu nennen, gibt es unbegrenzte Entwicklungsmöglichkeiten. Auch soll die Entwicklung ues Jüdischen Nationalheims, wie die Regierungserklärung deutlieh feststellt, an diesem Punkte nicht abgedrosselt werden. Das Wachstum soll kontinuierlich fortschreiten unter der einen Bedingung, daß die Interessen Palästinas als eines Ganzen im Vordergrutid der Erwägungen stehen sollen. Eine ״Kristallisation“ des Nationalheims kann mir durch einen Umstand allein verursacht werden: Durch das Ausbleiben ausländischer jüdischer Unter- Stützung. Denjenigen, die der Meinung huldigten, die Entwichlung eines Jüdischen Nationalheims sei die primäre Aufgabe des Palästina-Mandats, scheint dieses Beharren auf den Interessen des heiligen Landes als eines Ganzen einen Schock verursacht zw haben, aber theoretisch und praktisch mußte dies Herbert Samnel 60 Jahre In diesen Tagen wird Herbert Samuel 60 Jahre alt. Was Herbert Samuel für das Palästinawerk bedeutet und welchen Einfluß er auf die Entwicklung der britischen Palästinapolitik genommen hat, braucht in diesen Blättern nicht ausführlich dargelegt zu werden. Eine abschließende Beurteilung über die Bedeutung des Wirkens von Herbert Samuel für das Jüdische Nationalheim wird wohl erst endgültig die Geschichte vornehmen können. Heute ist diese Wirksamkeit noch allzu sehr von der Parteien Gunst und Haß verwirrt. In diesen Tagen der heftigsten Erregung der zionistischen und jüdischcn Welt über das neue Weißbuch der englischen Regierung ist nicht genügend Muße vorhanden, um sich in aller Ruhe über die Rolle Herbert Samuels in der Geschichte des Jüdischen Nationalheims zu äußern, Samuels letzte Erklärung zur Palästinapolitik (s. vorliegende Nummer der J. R.) beweist aber, wie stark er seelisch mit dem Palästinawerk und dem Jüdischen Nationalhcim verbunden ist. Herbert Samuel soll als Nachfolger Lord Irvins Vizekönig von Indien werden. Seine Rolle in der englischen Politik ist noch lange nicht abgeschlossen und sein Ruf als Staatsmann ist allgemein anerkannt. Lady Samuel, Herbert Samuels Gattin, ist in der ganzen jüdischen Welt als ergebene Zionistin bekannt. Hervorgehoben sei, daß Herbert Samuels Familienbeziehungen (durch die Heirat seines Sohnes) ihn in starker Weise an den Jischuw binden. (Das Bild ist dem soeben erschienenen 5. Band des jüdischen Lexikons, jüdischer Verlag Berlin, entnommen.) iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiHiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiMiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiimiiiiimiiiimmimuimiuiimmiiiiimmiiiiiii immer der leitende Grundsatz der Mandatarmacht sein. Wenn dem faktisch nicht so war, dann ist diese Mandatarmacht dafür zu beschuldigen, daß sie Illusionen dieser Art zugelassen hat, obwohl sie ihre Existenz kannte. Diese Hypothese aber bekräftigt weiterhin, daß die britische Regierung richtig handelt, wenn sie gegenwärtig entschlossen ist, die Existenz von Phantasicgcbilden in Palästina nicht weiter zu gestatten. Alles in allem sind wir überzeugt, daß die britische Regierung durchaus korrekt gehandelt hat, indem sie ihre Erklärung erließ. Wir ijiöchten gern annehmen, daß diejenigen Juden, die bisher leidenschaftlich dem Glauben ergeben waren, daß in Palästina noch Wunder geschehen können — wobei wir die wenigen außer Betracht lassen, die die britische Regierung zur Anwendung ungerechter Grundsätze verleiten wollten — nach einer ruhigen Prüfung der tatsächlichen Situation, einer Prüfung, von der man nicht sagen kann, daß sie sie angestellt haben, solange sie den Simpson-Bericht nicht gelesen haben, klugen Rat annehmen und sich klar machen werden, daß Judenfeindlichkeit nicht das Merkmal kultivierter Regierungen ist. Sie werden dann begreifen, daß Gerechtigkeit nicht Vorzugsbchandlung bedeutet und daran denken, daß es gut ist, sich selbst zu helfen, aber besser, gleichzeitig seinen Nebenmcnschen zu helfen. Bei der Wiedcraufrichtung Palästinas haben die Juden noch eine vornehme Rolle zu spielen. Die ״G e r m a n i a“ (Berlin) weist auf die Notwendigkeit hin, anläßlich der Proteste der Zionisten aller Länder gegen die im englischen Palästina-Weißbuch angekündigten Maßnahmen auch die Stellung der palästinensischen Christen gegenüber den Mohammedanern und der englischen Mandatsregierung zu untersuchen, und bringt Ausführungen eines Kenners der Palästina-Verhältnisse, in denen darüber geklagt wird, daß die palästinensische Verwaltung mit einer geradezu Übermenschliehen Nachsicht dem Treiben jener Drahtzieher zusieht, die unter der Flagge des arabischen Nationalismus, in Wirklichkeit aber im Dienste einiger machthungriger Persönlichkeiten, auf die religiösen und frcmdenfeindlichen Instinkte der Massen spekulieren. Von Jerusalem her ist unter der Leitung eines aus Nablus gebürtigen Abenteurers Zueytan eine Bewegung zur Bildung einer sogenannten arabischen Legion im Gange, die unter der bäuerlichen Bevölkerung Sturmtrupps nach dem Vorbild der von den nationalistischen Extrem isten Europas ins Leben gerufenen Kampfverbände organisiert. Ihre Losung ist der Kampfruf des Propheten in def militantesten Zeit des Islam: ״Die Religion Mohammeds ruht auf der Spitze des Schwertes.“ Bisher hat die englische Polizei kein anderes Mittel gegen diese unverhüllte Aufreizung zum Glaubenskrieg gefunden, als Zueytan seine Vaterstadt zum Zwangsaufenthalt anzuweisen. Es heißt, daß verschiedene maßgebende englische Persönlichkeiten mit dem Glücksritter im Dunkeln politische Geschäfte gemacht haben und ihn darum Berliner Zionistische Bereinigung Mittwoch, den 13. November, abends 8^2 Uhr im großen Saal der Loge, Kleiststraße 10 Vortragsabend Kurt Blumenfelcl mtt attdeitiMitl Hauptfragen zionistischer und jüdischer Entwicklung Die Sitzung des Aktion! •Comltis und der politischen Kommission der 3ew!sh Agency. Des heutige Palästina. Das nichtzionistische Sudentum. Die Berliner Gemeindewahlen Karten Mk. 1.— (Jugendliche Mk. 0.50) im Büro der B. Z. V. Meinekestraße 10 (Bismarck 7165) schonen. Wenn nicht sehr bald von britischer Seite aktiver gehandelt wird, muß das schwelende Feuer durch den nächstbesten Windstoß entfacht werden, obwohl man es jetzt noch unschädlich machen kann. Die christliche Minderheit Palästinas ist auch durch die Absichten Englands, ein Pariament zu schaffen, beunruhigt. Katholiken wie Protestanten befürchten, daß die mohammedanische Mehrheit sich des neuen Machtmittels bedienen wird, um ihre Position auf dem Umwege über die Demokratie in den Augen Europas zu rechtfertigen. In der Stellung der palästinensischen Christen hat sich nach dem Zusammenbruch der Türkei eine sichtbare Wendüng zu ihren Ungunsten vollzogen, sie sind nicht mehr die Schützlinge europäischer Staaten, die Einfluß im Orient hatten. Der Versuch, Anschluß an die national-arabische Bewegung zu suchen, ist mißglückt; die Politik des Großmufti bcsclileunigte die Scheidung der Geister. Als nach den Haifaer Krawallen eine Abordnung der christlichen Gemeinschaften bei der Palästina-Regierung wegen der Gewährung der staatsrechtlichen Sonderstellung für die Christen als englische Schutzbefohlene vorstellig wurden, wurde ihnen eine bindende Erklärung nicht gegeben. Die Zeiten sind vorbei, in denen ein Gladstone durch den Entrüstungsschrei über die artnenian atrocities ganz England aufhorchen machte. England ist schon lange nicht mehr der Heerrufer für die christliche Sache, denn seine Interessen im Orient werden namentlich in Indien durch die Beziehungen zu den Mohammedanern bestimmt. * Der ״Manchester Guardia ri“, über dessen frühere AeuOerung wir bereits berichtet haben, veröffentlicht am 27. Oktober einen neuen ausführlichen Artikel über die Zukunft Palästinas, der von der starken jüdischen Oeffentlichkeit ausgeht. Inzwischen müssen die Erklärungen der Führer der Liberalen und Konservativen und die Befürchtungen, die Smuts, einer der Verfasser der Balfour-Deklaration, ausgesprochen hat, die Re-;rierung mit einem Zweifel an der Weisheit ihrer Politik erfüllen, besonders da das Labour Government seiner eigenen Parteigenossen keinesfalls sicher sein darf. Das Telegramm von MacDon ald und Smuts scheint ein Beweis dafür zu sein, daß die Regierung versuchen will, den angerichteten Schaden wieder gutzumachen. Er spricht darin aus, daß die Regierung nicht beabsichtigt, die jüdische Kolonisation in ihrem gegenwärtigen Zustande erstarren zu lassen. Aber wenn morgen das Parlament und nächste Woche die Mandatskommissioii Zusammentritt, wird etwas Detaillierteres darüber zu sagen sein; denn beide Körperschaften müssen davon überzeugt werden, daß England eine Versprechung voti sowohl nationalem wie internationalem Charakter nicht brechen wird. Unsere Verpflichtung, den Juden beim Aufbau ihrer Nationalen Heimstätte zu helfen, müssen wir einhalten. Die ökonomische Entwicklung Palästinas hängt von Geld ab. Die Juden haben ihr Geld in einer Weise verwendet, das vom rein finanziellen Standpunkt aus anderswo hätte besser arbeiten können. Der Plan zur Unterstützung der arabischen Kolonisation wäre ähnlich; deshalb ist für die Araber in den letzten zehn Jahren nichts geschehen und die Juden werden jetzt angewiesen, beim Aufbau der Nationalen Heimstätte langsamer vorzugehen. Die Regierung geht weiter und tadelt die Juden, daß sie ihr Geld nicht dazu verwendet haben, arabische Arbeit zu finanzieren. Das ist zuviel verlangt Sie waren altruistisch genug, ihr Geld überhaupt in Palästina zu investieren, es aber zugunsten der Araber anzuwenden, wäre heldenhafte Tugend gewesen. Aber die Juden können auf der anderen Seite fordern, daß wir für die Araber etwas tun, wie es unsere Pflicht aus dem Mandat ist. Die schwachen Punkte des Regierungsprogramms liegen darin, daß, da Palästina sich selbst erhalten muß, entweder die Juden in Palästina aus ihren Steuern für die Ausführung des Planes zahlen müßten oder daß dieser eben nicht ausgefünrt werden kann. Wenn aber diese Reform unternommen wird, hätten die Juden noch einen Grund zur Unzufriedenheit, weil der Erfolg der Bodenreform nicht zur Vergrößerung ihrer Einwanderung führen würde. Rechnet man mit der natürlichen Vermehrung der Araber, so würde dann kein Land mehr frei sein für die Juden. Bei der Durchführung des Planes kann man uns vorwerfen, daß wir nicht ein Jüdisches Nationalheim, sondern ein arabisches Paradies schaffen wollen. Nur wenn der Siedlungsplan begleitet wird von ein.gr Aktion, neues Land für Juden freizumachen, kann man sagen, daß das Weißbuch die Grundlage für eine gesunde Palästinapolitik sein kann. Im Zusammenhang mit der Bodenreserve der Juden, die Hope Simpson erwähnt, und neuer Käufe kann für Palästina ein ״F ü n f - J a h r e - P1 a n“ ausgearbeitet werden, Lord Passfield, der einstmals Sydney Webb gewesen ist, sollte ihn ausarbeiten. Das Weißbuch ist ein so unerfreuliches Dokument wegen seines antijüdischen Tones und der Unbestimmtheit in bezug auf kontrete Pläne. Das eine sollte ausgemerzt, das andere ergänzt werden. C.-V.-Zeitung and Tagebnch Die letzten Nummern der ״C.-V.- Zeitung“ und des ״Tagebuch“ nehmen in größeren Aufsätzen zum neuen Weißbuch Stellung, ln der C.-V.-Zeitung schreibt Dr. Alfred Wiener über diese Frage unter dem Titel ״Die unlösbare Aufgabe“ und im Tagebuch sind die Ausführungen in einer Leitnotiz (Autor Leopold Schwarzschild?) gleichfalls auf den Ton gestimmt, daß der Zionismus nicht ״machbar“ ist. Wir wollen zugeben, daß beide Aufsätze, was bei den in Frage kommenden Autoren nicht anders sein kann, im Tone durchaus entgegenkommend und für die zionistische Sache verständnisvoll sind. Auffallend ist jedoch, daß beide Autoren, wenn auch nicht in Worten und in den Argumenten, aber in ihrem Bewußtsein einander gleichen. Sie stellen sozusagen mit Bedauern fest, daß sich ein großer Teil der Judenheit unter Führung der Zionisten in eine Sache verrannt hat, die eine große Illusion ist. Es ist auffallend, daß produktive, phantasiebegabte Menschen, wie Dr. Alfred Wiener und der Schreiber im Tagebuch, die bei Fehlschlägen in ihrer Politik immer neue Auswege zu finden wissen, gerade in der Sache Palästinas plötzlich phantasiearm werden. Das eben ist Was Merkmal, welches Zionisten von Nichtzionisten scheidet. Die Zionisten sind in jüdischen Dingen, wenn man 90 sagen darf, von schöpferisch - piiantasievoller Realistik, die Nichtzionisten aber ziehen sich, wo jüdische Probleme in Frage kommen, sofort auf angeblich unersehütterliehe statistische und andere Angaben zurück und erklären bedauernd: ״Es geht nicht.“ Wer die Entwicklung der zionistisehen Pläne seit 30 Jahren kennt, weiß, daß der Zionismus mindestens dreimal vor Situationen gestanden hat, wo alle klugen und nüchternen, objektiv sein wollenden Nichtzionisten festgestellt haben, ״nun ist das Ende des Zionismus gekommen“. Und trotzdem ist das Werk der Zionisten gewachsen. Und trotzdem haben es die Zionisten verstanden, die Judenfrage in den Bereich der Weltinteressen zu rucken. Denn schließlich und endlich fließt alles aus der schöpferischen Liebe. Wo die״; fehlt, da stellen sich überkluge Bctraclüu.־!- gen ein, welche das Kennzeichen der Geschichtsschreiber sind. Wir Zionisten aber sind nicht die Geschichtsschreiber des jüdisehen Volkes, sondern diejenigen, die seine Geschichte mit den׳ Aufgebote aller Energien zu machen gewillt sind. j. r.