Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 87 (4.11.1930)
- Date
- 1930-11-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 87. 4. XL 1930 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 573 Eingreifen Amerikas? Die ״United Preß“ meldet aus Washington am 31. Oktober: Im Zusammenhang mit dem britischen Weißbuch über Palästina, das bekanntlich in zionistischen Kreisen eine Reihe von Protestkundgebungen hervorgerufen hat, wird von seiten der amerikanischen Regierung die Erhebung von Vor- Stellungen in London erwogen. Zu diesem Zwecke wird zurzeit im Staatsdepartement das britisch-amerikanische Palästinaabkommen einer eingehenden Prüfung unterzogen, um festzustcllen, ob die amerikanische Regierung auf Grund dieses Abkommens berechtigt ist, in Anbetracht der großen Erregung unter den amerikanischen Juden über die Haltung der britischen Regierung einen Schritt in London zu unternehmen. Das fragliehe Abkommen enthält einen Passus, wonach zu ״grundlegenden Aenderungen in der Verwaltung und Regierung des Mandatsgebiets in Palästina die Zustimmung der Vereinigten Staaten“ erforderlich ist. Aus Washington berichtet der Korrespondent der ״Time s“ am 30. Oktober: Heute morgen wurde verlautbar, daß die Frage der britischen Palästina-Politik von Staatssekretär Stirnson genau geprüft werde. Eine offizielle Aeußerung sei so lange nicht zu erwarten, als der vollständige Text des Weißbuches hier nicht eintrifft und nicht darauf untersucht sein wird, in welchem Verhältnis er zu dem 1924 zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten abgeschlossenen und ein Jahr später ratifizierten Vertrag über Palästina steht. * Alt 7 des in Frage stehenden Abkommens zwischen den Vereinigten Staaten und Großbritannien, betreffend Rechte in Palästina, lautet: Nichts, was in dem gegenwärtigen Abkommen enthalten Ist, soll Beeinträchtigung erleiden durch irgendwelche Modifikationen, die die Bestimmungen des Mandates erfahren, wie solches obenstehend ausgeführt ist, es sei denn, die Vereinigten Staaten hätten soleher Modifikation zugestimmt. * Auch die ״Frankfurter Zeitung“ glaubt, daß die Mandatskommission des Völkerbundes sich erst in der Frühjahrssession mit der Palästinafrage befassen und, wenn es einmal so weit ist, zum Ausdruck bringen wird, daß die britische Palästina-Politik mit den Richtlinien des Mandats ohne Zweitel nicht übereinstimmt. ״Man nimmt sogar an,“ schreibt die ״Frankf. Ztg.“ weiter, ״daß sich die Beratungen der Mandats- Kommission bis zu der Frage einer Revision des Mandatsverträges erstrecken könnten. Denn, auch das ist anzunehmen, daß die Mitglieder der Kommission sich nicht genieren werden, ihre Meinung offen auszusprechen. Es steht freilich dahin, ob das zu praktischen Konsequenzen führen werde, denn die Regierungskunst der Engländer hat es oft schon verstanden, die Dinge so zu drehen, wie es ihren Wünschen entspricht.“ Die ״Neue Züricher Zeitung“ vom 26. Oktober läßt sich aus Genf u. a. melden:.... Doch scheint aus einer Nachprüfung der Erklärung, die der britische Außenminister in der Sitzung des Völkerbundsrates vom 8. September abgegeben hat, hervorzugehen, daß die Ueberweisung des Berichts des Sachverständigen Sir John Hope Simpson an den Völkerbundsrat abgewartet werden muß, bevor sich die Mandatskommission mit der Frage befassen kann. Da der Völkerbundsrat sich erst im Januar wieder versammelt, kann sich die Mandatskommission nicht vor ihrer nächstjährigen Erühjabrlsefesioh damit befässen. Daß die Palästinaftage durch diese Wendung in eine neue Phase eintritt, mit welcher sich sowohl der Völkerbundsrat als die Mandatskommission eingehend zu befassen haben werden, scheint außer Zweifel zu stehen. In den Artikeln 2, 6 und 11 des Palistina-Mandatsvertrages ist festgelegt, daß die Mandatsmacht, ״unter Wahrung der Zivil- und religiösen Rechte aller Einwohner des Landes“ die Verantwortung für eine politische, administrative und wirtschaftliche Entwicklung übernehme, durch welche die Schaffung des Jüdischen Nationalheims gesichert werde; ferner, daß die Verwaltung Palästinas unter Vermeidung jeglicher Verletzung der Rechte anderer Bevölkenmgsteile die jüdische Einwanderung unter annehmbaren Bedingungen erleichtern und die Ansiedlung der Juden auf dem Lande begünstigen solle, um eine lancfwirtschaftliche Entwicklung zu erzielen, die den Bedürfnissen des Landes zu genügen vermöge, wobei u. a. auch die Vorteile zu berücksichtigen seien, die aus einer dichteren Kolonisierung und einer intensiveren Bodenkultur hervorgehen. In den langen Beratung;.der Mandatskommission vom letzten Juni war dem Vertreter der englischen Regierung, Unterstaatssekretär Shiels, sehr deutlich gesagt worden, daß die britische Verwaltung bisher sehr passav gewesen sei und für die Verwirklichung der vorgenannten Bestimmungen des Mandatsvertrages recht wenig oder nichts getan habe. Den Juden gegenüber habe sich die britische Verwaltung im wesentliehen darauf beschränkt, das zu tun, was die jüdischen Einwanderungs- und Siedlungs-Organisationen (mit bedeutender eigener Kapitalbeschaffung) vorbereiteten und ausführten. Für die Beschaffung neuen Bodens für die Fellachen, die zum größten Teil Pächter des von den arabischen Großgrund- Besitzern an die Juden verkauften Bodens sind, sei von der britischen Verwaltung auch nichts getan worden. Jn Uebereinstimmung mit der Auffassung der Mandatskommission ist auch vom Berichterstatter des Völkerbundsrates, dem finnländischen Außenminister Procope, nachdrücklich gesagt worden, daß die im letzten Frühjahr vorgenommene starke Herab- Setzung der jüdischen Einwanderung nur eine vorübergehende Maßnahme sei und keineswegs zu einer Kristallisierung des Jüdischen Nationalheims in seinem heutigen Entwicklungsstand führen dürfe. Dem allem scheinen nun aber die neuen Richtlinien der britischen Regierung über ihre zukünftige Politik in Palästina, soweit sie aus den Presseberichten über den Jnhalt des Weißbuches zu erkennen sind, stark zu widerlaufen, weshalb es durchaus nicht übertrieben erscheint, wenn man annimmt, daß die nächsten Beratungen der Mandatskommission sich sogar bis zur Frage einer Revision des Mandatsvertrages erstrecken könnten. Denn man darf von den Mitgliedern der Mandatskommission ziemlich sicher erwarten, daß sie gründlich prüfen werden, ob der Mandatsvertrag von der britischen Regierung noch eingehalten wird. Damit würden denn — im Völkerbundsrat — auch die letzten und größten politischen Streitfragen, die seit zehn Jahren über dem Palästinamandat schweben, kaum mehr zu Umgehen sein, einerseits die Forderung der sogenannten jüdischen Revisionisten, deren Auslegung der Baifour-Deklaration und des Mandats- Vertrages über die Schaffung des Jüdisch«! Nationalheims dahin geht, Palästina zu einem Staat mit jüdischer Mehrheitsbevölkerung zu machen und andererseits die hartnäckige Abwehrstellung der Araber, welche die Rechtmäßigkeit der Balfour-Erklärung überhaupt anfechten und deren gänzliche Aufhebung verlangen. Doch ist beim Versuch einer Fixierung dieser möglichen und logischen Entwicklungsfolge nicht außer acht zu lassen, daß die praktische Regierungskunst der Eng-!ander schon so oft die Dinge anders zu machen wußte, als die Wahrscheinlichkeitsrechnungen lauteten, daß sie auch in diesem Falle irgendwie den weg Finden dürfte, bevor der Bogen — bei den Arabern oder den fuden — wieder zu stark gespannt sein wird. Oscar Wassermann antwortet Heinrich Stern Wir haben in unserer vorigen Nummer den Inhalt eines ״Offenen Briefes“ Heinrich St e r n s an Oscar Wassermann veröffentlicht. Zum besseren Verständnis der Antwort lassen wir Heinrich Sterns Brief diesmal vollinhaltlich folgen. Heinrich Sterns Brief ״Hochgeehrter Herr Direktor! Sie haben im Anschluß an die Verlautbarungen der englischen Regierung über ihre Palästinapolitik der jüdischen und nichtjüdischen Ocffcntlichkeit eine Erklärung übermittelt, die mich zu einer Erwiderung veranlaßt, ja aus dreifachen Gründen verpflichtet. Einmal deshalb, weil Sie in Ihren von echt-jüdischem Optimismus getragenen Ausführungen wiederholt Anschauungen, Hoffnungen und Versprechungen Ausdruck geben namens ,der Juden‘. Sie wissen, wie sehr ich für jüdisches Gemeinschaftswollen und handeln einfrete, ja von ihm alle Quellenströme meiner jüdisehen Arbeit herleite, aber der Ernst der Stunde zwingt mich zu erklären: Sollte wirklich bei den nichtzionistischen Palästinafreunden die einzige Lehre des erschütternden Londoner Dokuments die sein, nichts ändern zu wollen an ihrer bisherigen Tätigkeit, so dürfen sie so wenig glauben, im Namen ,der Juden‘ zu sprechen, wie sie schon einmal diese Art der Arbeit an und für Palästina zu Unrecht als ein Werk aller Juden bezeichnet und dadurch den Zwiespalt in unseren Reihen nur verschärft haben. Zweitens: Mit vollem Recht — und das ist mir das Erfreuliehe an Ihrer Erklärung — haben Sie, der Führer der Nichtzionisten in der Jewish Agencv, sagen dürfen und sagen müssen, daß die jetzige Auslegung der Balfour-Deklaration über den Begriff des ,national home‘ Sie und Ihre Freunde nicht in fhrer Arbeit hemmen könne. Palästina soll, so sagt das englische Weißbuch, für alle Juden ein — nicht das — Zentrum sein, an welchem die Judenheit als Ganzes ,aus Gründen der Religion und der Abstammung ein Interesse nehmen und auf das sie stolz sein kann‘. Das ist eine Auslegung, die derjenigen nicht unähnlich ist, die wir bei den Verhandlungen über den Eintritt der Vereinigung für das liberale Judentum in die Jewish Agency selbst gegeben haben, die aber von zionistischer Seite als Grundlage der Mitarbeit selbst von Nichtzionisten in der Agency als nicht ausreichend abgelehnt wurde. Werden sonach und heute durch die authentische Interpretation der englischen Regierung die ideellen Hindernisse an wirklich gemeinjüdischer Arbeit in Palästina wesentlich herabgemindert, so erscheint es mir unbegreiflich, daß ein führender Wirtschaftler von Ihrer Bedeutung nicht zugibt, daß die tatsächliche Möglichkeit einer Heimstätte in Palästina gerade für die Juden, auf die es ankommt, für mittellose oder schwachbemittelte Juden, insbesondere jüdische Arbeiter, für absehbare Zeit auf ein Nichts zusammengeschmolzen ist. Das Weißbuch schließt gerade diese Juden von weiterer Immigration aus, und Sie selbst sprechen ja in Ihren Ausführungen nur von solchen Einwanderern, die sich auf eine erhebliche finanzielle Grundlage stützen können. Soll aber für diese weitergearbeitet, und sollen allein für sie gewaltige Geldmittel unserer Brüder gesammelt und geopfert werden wie bisher? Und damit komme ich zum dritten, wichtigsten 1 Man kann es gewiß den Zionisten nachfühlen, daß sie den Kampf für ihr Jüdisches Nationalheim auch gegen England nicht aufgeben, wollen sie sich nicht selbst aufgeben. Aber uns Nichtzionisten drängt sich, wir müßten denn nicht sehen wollen, eine andere Schlußfolgerung aus den letzten Geschehnissen unabweisbar auf. Für 20000 Familien, für 100 000 Juden, bietet Palästina bestenfalls noch Platz. In Osteuropa kämpfen 8 Millionen Juden ihren letzten Kampf, den Kampf um ihre geistige, religiöse und wirtschaftliche Existenz. Können wir es da verantworten, können Sie es verantworten, alle ideellen und materiellen Kräfte oder auch nur die überwiegenden, der Juden für die 100000 Juden aufzuwenden, die in naher oder ferner Zukunft Palästina besiedeln werden? Nein, jetzt oder nie ist der Zeitmmkt gekommen zu erkennen, daß die Kolonisation nur ein Glied in der Kette brüderlicher Gemeinschaftsarbeit sein darf, die wir Nichtzionisten — und, wie ich meine, erst recht auch die Zionisten — für die entwurzelten, geknechteten, mit dem seelischen und materiellen Untergang ringenden Brüder und Schwestern zu leisten verpflichtet sind. Jetzt ist der Augenblick da, alle zersplitterten Kräfte für diese große Aufgabe zu sammeln. Für sie rufen Sie — Sie sind der Mann dazu, alle jüdischen Kräfte auf! Wer nur noch einen Funken jüdischen Gemeinschaftsbewußtseins hat, wird Ihnen folgen. Wir wollen Palästina nicht aufgeben, wir gewiß nicht, aus deren Mitte heraus ein Paul Nathan, ein Carl Netter seit Jahrzehnten praktische Palästinaarbeit geleistet haben. Aber die Arbeit muß in den Grenzen des Wirtschaftlich Möglichen und ideell allen Gemeinsamen bleiben, und sie muß sich eingliedern in die große Kette, die uns nicht nur verbindet mit dem Hunderttausend der Juden Palästinas, sondern mit den Millionen, die gleiche Not leiden. Stellen Sie sich an die Spitze dieser großen Gemeinschaftsarbeit, eines wahren wirksamen, weitreichenden Aufbauwerkes, und dann werden Sie gewiß sein dürfen, für alle Juden zu sprechen und zu handeln! Folgen Sie dem Ruf der Stunde, damit auch für die jetzt Enttäuschten und Bestürzten unter unseren Brüdern der großartige Ruf des jüdischen Höffens und Ausharrens sich durchsetze: ,Garn su letauwoh!‘ Ihr sehr ergebener Heinrich Stern.“ Oscar Wassermanns Antwort Hochgeehrter Herr Rechtsanwalt! Sie haben als Außenstehender und daher kaum richtig Informierter durch Ihren Brief in ein Verfahren eingegriffen, das bisher nur in erster Instanz entschieden ist. Die Verhandlungen im englischen Parlament stehen noch aus, und die Verordnungen der Palästina-Regierung sind noch nicht erlassen. Ich wollte Ihnen daher nicht, wenigstens jetzt nicht, in der Oeffentlichkeit antworten. Da die Rücksicht auf Ihre Person eine Antwort auf Ihren Brief aber in jedem Falle erforderte, habe ich Ihnen den Grund einer öffentlichen Nichtbeantwortung mitgeteilt. Inzwischen mehren sich auch aus meinen Freundeskreisen die Stimmen, die eine öffentliche Erwiderung von mir verlangen, und so sehe ich mich sehr gegen meinen Wunsch veranlaßt, sachlich auf Ihr Schreiben zu antworten, noch ehe ich Abschließendes zu sagen vermag. Zunächst beschweren Sie sich darüber, daß ich unbefugt, wie schon früher einmal, im Namen ״der Juden“ gesprochen habe. Ich könnte mich auf d^n sehr weisen Baron Edmond de Rothschild berufen, der gerade jetzt in einem Briefe an Prof. Weizmann schreibt: ״Die Juden der ganzen Welt sind in einem Zustande der Bestürzung, und ich teile ihren Schmerz “ Soweit bin ich gar nicht gegangen. Ich habe in meiner Erklärung die der Jewish Agency nicht aiigesclilossenen Juden dreimal erwähnt. Erstens glaubte ich, sagen zu dürfen, daß sie von der Verlautbarung der englischen Regierung sehr enttäuscht seien; zweitens habt ich behauptet, daß sie sich von einem (selbstverständlich im Bewußtsein, das Richtige zu tun) gefaßten Vorsatz durch Schwierigkeiten, die man ihnen in den Weg legt, nicht abbringen lassen wollen, und drittens, daß das neue Weißbuch auch bei ihnen nicht ohne Widerhall bleiben wird. Die Richtigkeit dieser letzten Annahme haben Sie ja durch Ihren Brief erwiesen. Wünschen Sie nun von mir eine Berichtigung dahingehend, daß es Juden gibt, für die die Erklärung der englischen Regierung nicht enttäuschend ist, und die sich durch Schwierigkeiten von reiflich erwogenen Vorsätzen abbringen lassen wollen? Würde das englische Weißbuch sich auf die Feststellung beschränken, daß Palästina für alle Juden ein Zentrum sein solle, an welchem die Judenheit als Ganzes aus Gründen der Religion und der Abstammung ein Interesse nehmen und auf das sie stolz sein kann, so hätte dieses Weißbuch sicherlich bei niemand Entrüstung ausgelöst. Sein übriger Inhalt ist es, der nicht nur bei Juden, sondern auch bei den namhaftesten englischen politischen Führern, wie: Baldwin, Chamberlain, Churchill, Amery, Lloyd George, Smuts und anderen Widersprach findet, die es gegen den Geist der Baifour-Deklaration und des Mandats verstoßend ansehen, daß die gegenwärtige englische Regierung den jüdischen Aufbau in Palästina von einem Unternehmen internationaler Bedeutung zu einem lokalen Problem licrabwürdigen will. Hier liegt der entscheidende Punkt. Der Bericht Sir John Hope Simpsons behauptet nicht, daß Palästina bestenfalls noch für 20 000 Familien, also 100000 Juden, Platz bietet, sondern meint, und das ist nur eine Schätzung, zu der er auf Grund der gegenwärtigen Verhältnisse, also ohne Berücksichtigung י• n Bewässerungsmöglichkeiten und anderen technischen Fortschritten kommt, daß noch 100 000 Juden in der Landwirtschaft Betätigung finden können. Da bei einer normalen Berufsschichtung die landwirtschaftliche Bevölkerutig nur ein Viertel bis höchstens ein Drittel ausmacht, bietet das Land auch, wenn man die Simpsonsche Schätzung zugrunde legen will, noch für hunderttausende jüdische Einwanderer Platz. Das stimmt aber vollkommen überein mit der Ziffer, die ich selbst in öffentlicher Erklärung (Unser Werk drei Viertel von 1930) als Maximum der im Laufe einiger Dezennien möglichen jüdischen Einwanderung geschätzt habe. Es ist also richtig, wenn ich feststellte, daß auch, soweit die Nichtzionisten in der Agency in Frage kommen, das Weißbuch unsere Palästina- Arbeit nicht ändern wird. Daß das aber nicht gleichbedeutend ist mit ״nichts ändern zu wollen an der bisherigen Tätigkeit“, möchte ich nur nebenbei bemerken. Die Art der Tätigkeit wird sich, wie auch in der Vergangenheit, den jeweiligen Verhältnissen anzupassen haben. Wenn wir für Palästina Geldmittel sammeln und trotz der widrigen Wirtschaftsverhältnisse, den Nöten unseres Vaterlandes und der besonderen Not der deutschen Juden zu noch größeren Opfern aufrufen, als sie bisher gebracht worden sind, so geschieht das, weil Palästina für die Juden eine ganz besondere Bedeutung hat, die nicht dadurch gemindert wird, daß man in Berlin jede Erwähnung der mit Palästina und Jerusalem verbundenen jüdischen Hoffnungen aus der Liturgie der Synagogen verbannt. Und ich glaube, daß das Wiedererwachen der hebräischen Sprache, die Erneuerung der jüdischen Kultur und Wissenschaft und die Verbindung jüdischer Religion mit jüdischem Leben, wie sie sich heute schon in Palästina vollziehen, die Liebe zu Palästina bei den Juden immer mehr zu einer Palästina- Verbundenheit gestalten wird. So wichtig uns Palästina ist, so wichtig es jedem Juden sein sollte, die Liebe zu Palästina darf nicht dazu führen, wie Sie schreiben, alle ״ideellen und materiellen“ Kräfte auf Palästina zu konzentrieren. Alle Juden sind füreinander verantwortlich, und so müssen wir für jede Not im eigenen Lande und insbeson-! dere für die Millionen unserer Brüder im Osten, entwurzelte, geknechtete, mit dem seelischen und materiellen Untergange ringende Juden, offenes Herz und offene Hand haben. In jedem, der seelisch oder materiell darbt und leidet, lieben wir den Bruder und Menschen. Dem Palästinasiedler aber gilt unsere Liebe nicht nur als Mensch, sondern auch um Palästina willen und um unserer selbst und unserer Kinder willen. Er arbeitet an der Zukunft des Judentums, also an unserer eigenen Zukunft. Bezeichnend dafür ist, daß gerade aus dem Osten, aus Polen und Rumänien, wo die jüdische Not doch so unbeschreiblich groß ist, die Einnahmen des Keren Hajessod, be* stehend aus unzähligen kleinen und kleinsten Einzelbeträgen, in starker kontinuierlicher Steigerung sind. Bei solcher Verschiedenheit der Grundlagen ist vielleicht eine gemeinschaftliche Sammeltätigkeit möglich, wie sie kürzlich ja in Amerika, allerdings mit ungünstigem Erfolg für alle Teile, versucht worden ist. Für eine wirkliche Gemeinschaftsarbeit fehlen bei der vollkommenen Verschiedenheit der Verhältnisse aber alle Voraussetzungen. Dagegen natürlich, daß auch in Deutschland ein und dieselbe Person an der Spitze des Palästinawerks und der Hilfstätigkeit für die Juden im Osten stehen würde, hätte ich grundsätzlich nichts einzuwenden. Selbstverständliche, Bedingung dabei ist nur, daß die Person, die sich diesen beiden Aufgaben widmet, für jede von ihnen genügend Zeit aufwenden kann. Ich könnte dieser Bedingung, selbst wenn ich sonst Eignung dafür hätte, was ich bezweifele, nicht genügen. Ihr sehr ergebener Oscar Wassermann. Letzte Nachrichten Anrufung des Haager Gerichtshofes? Der J.T.A.-Vertreter im Haag meldet am 3. d. M., daß ln den Kreisen des Internationalen Gerichtshofes die Frage erwogen wird, ob die Jewish Agency beim Internationalen Gerichtshof elnschreiten werde wegen einer konsultativen Beurteilung, ob das neue Weißbuch der britischen Regierung den Bestimmungen des Mandates widerspreche. Die Mehrheit der Richter neigt der Ansicht zu, daß der Jewish Agency eine aktive Klagelegitimation zusteht. Ferner meint man, daß MacDonald, der stets für die Erweiterung der Befugnisse des Internationalen Gerichtshofes eingetreten ist, sich einer Behandlung des Streitgegenstandes durch diesen Gerichtshof nicht widersetzen werde. Nach einer J. T. A.-Meldung ist für den Distrikt Jerusal em auf die Dauer von drei Monaten das Flaggen von Fahnen und Enblemen wegen Gefährdung der öfTentliehen Ordnung verboten worden. Ein gleiches Verbot für ganz Palästina wird erwartet. Anlaß zu diesem Verbot soll die Entfaltung einer zionistischen Fahne bei den Demonstrationen in Tei-Awiw gegeben haben. Geplante Feiern anläßlich des 50. Geburtstages von Jabotinsky sind von den Behörden verboten worden. Auf eine Anfrage teilten die Behörden mit, daß kein Widerruf des Einreiseverbotes für Jabotinsky erwogen werde.