Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1930-10-28 · Heft 85 (28.10.1930) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 85 (28.10.1930)
Date
1930-10-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2653156-2653234--21911-2680065
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 85, 28. X. 1930 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 557 Missionsarbeit Von Helene Hanna Thon. In Palästina hat man mit Besorgnis von der Kürzung des Schulbudgets für das kommende Jahr Kenntnis genommen. Abgesehen von anderen bedenklichen Folgen, die eine Verminderung unserer Erziehungsarbeit im Lande mit sich bringt, kennen wir als eines ihrer unerfreulichsten Resultate eine Zunähme der Missionsarbeit im Lande. in demselben Maße, in dem wir die Erziehungsarbeit für die jüdische Jugend in Palästina einschränken, vergrößert die Mission die Zahl und Wirksamkeit ihrer Institute. Es ist erstaunlich, daß sich die jüdische OeffentUchkdt in Palästina und im Auslande so wenig für das Wirken der Missionen interessiert, denn es besteht kein Zweifel darüber, daß als Ergebnis dieses Wirkens alljährlich eine erhebliche Zahl von Menschen dem Judentum verloren geht. Spricht man von dieser beunruhigenden und beschämenden Erscheinung (um so beschämender als sie sich mitten im Lande unserer jüdischen Wiedergeburt zeigt), so erhält man häufig die Antwort, daß Leute, die sich inHPalästina taufen lassen, keinen moralischen Verlust für uns bedeuten. Diese Antwort ist ungeheuer leichtsinnig und beruht aut vollständiger Verkennung der Tatsachen. Unter den Missionaren in Palästina haben früher dk katholischen Mönchs- und Nonnenorden eine hervorragende Rolle gespielt. Die französische Klosterschule war die Bildungsstätte vieler arabischer und mancher jüdischer Kinder,!mieteten Jahrzehnt ist an die Stelle der katholischen — französischen, italienischen, deutschen — mehr und mehr die evangelische — englisch-amerikanische — Mission getreten. Mit reichen Mitteln ausgestattet, hat sie ein ganzes System von Fürsorge-, Erziehung*־, öesuadheitsinstituten geschaffen. Dieses System beginnt — und das ist in Hinsicht auf ihre Wirkungen die für uns wichtigste und verhängnisvollste Kategorie — mM den Säuglingskrippen. Leider naben wir in Palästina jahraus jahrein eine erhebliehe Anzahl von verlassenen jüdischen Säuglingen. Vor allem sind es die unehelichen Kinder, die in (jefahr stehen, von ihren Müttern verlassen zu werden. Von diesen Kindern geht — hier wie überall — ein erheblicher Teil aus Mangel an Pflege zu gründe, ein weiterer, recht erheblicher Teil wird den Missionen freiwillig abgegeben oder — ira Falle ausgesetzter Kinder ohne ausdrückliche Zustimmung der Mutter übernommen Leider hat die Praxis, " '' .. zu übernehmen, sich so milien — und zwar nicht nur“ solche aus orientalischen Lindem, sondern auch aschkenasisehe Mitglieder des neuen fischuw — dies als ein ganz reguläres Mittel betrachten, den taushalt von einigen lästigen Essern zu befreien. In der sozialen Arbeit hört man tagaus tagein von Leuten, deren Forderun gen man nicht so vollständig oder so schnell erfüllen kann wie sie es wünschen: ״Dann Dringen wir eben die Kinder zur Mission“. Tatsächlich geschieht das in mehr Fällen als unsere noch unzulängliche Distriktsfürsorge auch nur feststellen kann. Erklärlicherweise ist es den Leuten leichter, sich von den ganz jungen als von den größeren Kindern zu trennen. Di« folgenden Fälle, denen sich eine große Reihe ähnlicher hinzufügeu ließe, stammen sämtlich aus den letzten Wochen und sollen als Illustration für die Art der Missionstätigkeit dienen: Fall 1. Ein neugeborener Knabe wird frühmorgens in der Jerusalemer Jaffastraßc gefunden; er wird ins Regierungsospital gebracht und von dort an Missionare zur Pflege ab gegeben. Fall 2. Ein aschkenasisches Ehepaar, der Mann wenig arbeitslustig, die Frau mit zerstörten Nerven, die Ehe zerrüttet. Zwei kleine Kinder werden der MM» abgegeben. Fall 3. in einem Hospital der Jerusalemer Altstadt wird ein״ Mädchen azehottB, ׳: des« rMnttfp-^ieä יי (fcw.:.€kbwt ,»•tirbt. Die Frau hat bisher den Mann —- einen -kranken, arbeitslosen Schneider — und vier Kinder mit ihrer Arbeit ernährt. Das Kind wird dem Vater nach Hause geschickt, der es — auch mit gelegentlicher Hilfe von Nachbarinnen — nicht pflegen kann. Die Nachbarinnen bringen nach einigen Tagen das Kind zur Mission. Fall 4. Eine sephardische Mutter mit drei Kindern, vom Manne verlassen. Sie gibt das jüngste — kranke — Kind zur Mission, um für die anderen Kinder arbeiten zu können Zur teilweisen Entschuldigung der Mütter oder Eltern, die ihre Kinder der Mission überlassen, muß man sich klarmachen, daß dies häufig unter der Voraussetzung geschieht, daß man die Kinder bei besseren materiellen Verhältnissen zurücknehmen kann; diese Voraussetzung erfüllt sich meistens nicht^ entweder weil die Verhältnisse sich nicht bessern oder weti die Missionen in dem Augenblick, in dem sie Kinder herausgeben sollen, mit unerfüllbaren Forderungen kommen. Oft sind diese Forderungen schon bei der Aufnahme der Kinder für den Fall ihrer Zurücknahme aufgestellt, aber von den Eltern nicht beachtet oder nicht ernst genommen worden. So scheiterte in einem mir bekannten Falle die Rückgabe eines Kindes daran, daß man von der Mutter — einer armen Hausgehilfin — 25 £ als Unterhaltungskosten des Kindes während seiner zwei ersten Lebensjahre in einer englischen MlssionsanstaJt nachträglich forderte. In einem anderen Falle drohte die Missionarin der Mutter, die — wie ihr bereits bei der Aufnahme des Kindes bekannt gewesen war — keine reguläre Aufnahmeerlaubnis besaß, mit Anzeige bei der Einwanderungsbehörde Einen Teil dieser Fälle übernimmt das Säuglingsheim der Histadruth Naschim Ibrioth und Wizo, doch kann dieses mit einem Budget für 34 Kinder — nicht im Entferntesten alle verlassenen, notleidenden Säuglinge aufnehmen Das zweite Stadium der Missfonjstätigkeit, bei dem bereits mit der Unvollständigkeit unseres Erziehungswesens gerechnet wird, ist die Aufnahme jüdischer Kinder in Missions-Kindergärten. Wer es erlebt hat, ein Kind, das aus einem jüdischen Kindergarten verwiesen wurde, weil es das geringe Schulgeld nicht bezahlen konnte, und das dann tagelang weinend auf der Schwelle des Kindergartens saß, schließlich in der bei den Missionen üblichen Kinderuniform im Garten eines Missionsinstitutes wiederzusehen (es handelt sich hier nicht etwa um einen Ausnahmefall), der versteht die Schwierigkeiten unserer Erziehungsbehörde. Vor einer Verurteilung der Eltern, zu der man so schnell bereit ist, mache man sich klar, daß es sich in solchen Fälleq oft um Kinder aus Familien han• delt, deren Vater krank und erwerbslos ist, während die Mutter keine Möglichkeit besitzt, für den Unterhalt der Familie zu sorgen, wenn sie sich nicht tagsüber von den Kindern befreit, Daß natürlcb vielen arbeitsscheuen Leuten der. Missions- Kindergarten als eine Ausrede dient, um die paar Schillinge für den jüdischen Kindergarten zu sparen, unterliegt keinem Zweifel — sobald überhaupt jüdische Kinder in ein Mission»־ institut gegeben werden können, ohne daß die Eitern der allgemeinen Aeehtung verfallen, wirkt eben das verderblich« Bei• spiel auf die Nachbarn. ■ Die dritte Stufe im System der Missionsarbeit bilden die Schulen. Einige Worte zur Erklärung der wachsenden Be* iiebtheit, deren sich die Missionsschulen beim jüdischen PubH■ kum erfreuen: Wohl Ist der Besuch unser« Schulen.für nn bemittelte Schüler kostenlos, so daß also nicht die Frage des Schulgeldes ausschlaggebend ist, aber die Missionsschulen geben außerdem den Schülern Bücher, Hefte und sonstiges Material kostenlos, geben ihnen Mahlzeiten, Kiddung und andere Ver* günstigungen (z. B. wöchentlich eine Verteilung von Lebensmittein an die Eltern). Das ist die Verführung füf die ganz Armen. In den Missionsschulen aber {indes sich viele Kinder von besser gestellten, ja von ausgesprochen wohlhabenden Leuten. Hierfür gibt es verschiedene Gründe: hei gewissen »latincnsischen Kreisen besteht, die Meinung, es sei für das 5ortkommen der Kinder günstiger, wenn sie in einer englischen oder amerikanischen Missionsschule erzogen werden, in der sie fließend Englisch lernen und ״englischen Schliff“ erhalten. Das englische College erscheint als Sprungbrett für den heiß־ ersehnten kleinen oder größeren Regierungsposten. Außerdem haben wir die eigenartige Erscheinung, daß Agudath Jisraei- Kreise Ihrer Kinder lieber in die Missionsals in die Waad Hachinuch- oder Misrachl-Schule schicken, offenbar weil sie gftuben, daß der Einfluß der Missionare leichter abzuschütteln ist als derjenige der ״modernen״, zionistischen Glaubensgenossen. So gehen z. B. nach einer kürzlich gemachten Schätzung allein in der Jerusalemer Altstadt zirka 120 Mädchen In Missionsschulen, in ganz Jerusalem sind annähernd 500 Schüler in christlichen Schulen, in änderet» Orten, wie z. B. Tiberias, etwa ein Drittel der jüdischen Schülerinnen der Stadt. Die Zahl der Schüler, die durch den Besuch einer Missionsschule zur Taufe gebracht werden, ist verhältnismäßig gering, aber die Beeinflussung des Kindes durch die Missionsschule freie )fldlsctie Volhshoriiscmilc An Sonstig dem 2. November 1930» vormittags 11'/״ Uhr, sprüht in der Kaiser- Friedridwchule, Knesebeckstr. 24, im Rahmen des Zyklus Jüdische Tagesfragen Kurt Blumenfeld über ״Tagesfragen zionistischer Politik“ Einzelkarte M. 0.50 macht sich in anderer, peinlicher Weise geltend: zwischen dem jüdischen Kinde, das täglich zwei- oder dreimal am Gebet und Kirchgang der christlichen Schüler teilnimmt, dessen Umgangsspräche Englisch ist, das gewöhnt wurde, Bischöfen und Kardinälen die Hand zu küssen, und den jüdischen Kindern, die in der freien Atmosphäre hebräischer Schulen aufwuchsen, besteht eine tiefe geistige Kluft, ein gegenseitiges Mißtrauen. Die Unfreiheit der Missionsschule züchtet eine unfreie, streberische, die Hand zum Nehmen ausstreckende Mentalität. Schoo aus diesem Grunde sind die Missionsschulen «in Unglück für uns. Auf der vierten Stufe des Missionswerkes stehen die Fortbildungskurse für junge Leute, die leider in unserem Erziehungswerk fast vollständig fehlen. Man geht in die Kurse für englische Sprache, Maschineschreiben und Buchführung, Haushaltsführung, Schneiderei, die von den Missionen nicht nur kostenlos angeböten werden, sondern bei denen häufig den Lehrlingen für Ihre Lehrlingsarbeit gleich etwas bezahlt wird und von denen aus ihnen Stellungen vermittelt werden. Wenn man die Zahl der jüdischen Kinder, die durch die genannten Arten von Instituten von der Mission abhängig werden» auf zirka 1000 im Lände schätzt, so dürfte diese Zahl durch weiche die Mission sich Einfluß auf Juden zu verschal fen sucht; Hospitäler, Hausärzte, Jugendklubs, Bibliotheken — lauter Institutionen, die zwar auch von jüdischer Seite bestehen, aber weniger Vorteile bieten (z. B. geben die christlichen Hospitäler umsonst Medizinen, die Jugendklubs veranstalten umsonst Tees und Ausflüge, die Bibliotheken verschenken Bücher). Die Methoden, durch welche die Missionen auf die Besucher ihrer Institute Einfluß zu gewinnen suchen, sind mitunter sehr subtil, dennoch braucht man die Zahl der Erwachsenen, die sich taufen lassen, nicht hoch anzuschiagen. Dagegen beträgt die Zahl der Säuglinge und Kleinkinder, die auf dem Weg über Krippe und Kindergarten am Taufbecken der Mission landen, sicherlich mehrere Hunderte im Jahr. Rechnet man hinzu den entnationaiisierenden Einfluß der christlichen Schul«! aut jüdische Kinder, so ist unsere Einbuße an Volkskraft durch das Missionswesen recht groß, und unser Erziehungswesen müßte alle Anstrengungen machen, um sich gegen diesen Verlust zu schützen. Und was das Bedenklichste ist: die, weiche einst als kleine Kinder von ihren Müttern ausgesetzt oder aus dem Eiternhause in die Mission verwiesen wurden, werden eines Tages dem Volke, dem sie entstammen, gegenüberstehen als Rächer. Hasser und Vernichter. Aus den Gemeinden Am 24. d. M. haben die Liberalen dem Wahlkommistar der Berliner Jüdischen Gemeinde Ihre Kandidatenliste für die Reprlsentantenwahlen am 30. November überreicht. Spitzen- Kandidaten der Liberalen sind Direktor Wilhelm Kleemann und R.-A. Heinrich Stern. Durch die Ueberreichung der Liberalen Kandidatenliste scheint der Wahlkampf für die Repräsentantenversammiung der Berliner Jüdischen Gemeinde eröffnet zu sein. Die Ueberreichung der Liste wird von liberaler Seite möglicherweise als eine Präventivmaßnahme bezeichnet werden. Aber aus der allgemeinen Geschichte der letzten Jahre wissen wir, daß Kriegshandlungen immer mit Worten wie ״vorsorgliche Mobilisierung“. ״Verteidigungsmaßnahme“, ״Präventivaktion“ usw. bezeichnet wurden. Die Folge ist dann der Krieg gewesen, den hinterher niemand gewollt hat. Wir erklären ausdrücklich, daß wir stets zu einem Uebereinkommen geneigt waren. Wenn es aber auf der gegnerischen Seite an diesem ernsten und guten Willen fehlt — die übereilte Ueberreichung der Kandidatenliste kann leider nicht anders gedeutet werden —, dann werden wir den Wahlkampf führen, und es sei gleich vorweggenommen, mit aller Entschiedenheit aber auch mit größter Rücksicht auf die allgemeine Lage in Deutschland und besonders auf die Situation der deutschen Juden. Wahl bedeutet für uns nicht Wahlk a m p f, worauf wir schon mehrmals hingewiesen haben. Wenn es zu einer jüdischen Wahlbewegung in Berlin kommen wird, so werden wir in sie mit gutem Gewissen, mit guten Argumenten und gut ausgerüstet eingrrifen. Wir empfinden die erhöhte Verpflichtung der jüdischen Körperschaften öffentlichen Rechts, in dieser Zeit die Interessen der Juden, insbesondere auf sozialem und wirtschaftlichem Gebiete, soweit das in den Kräften der Jüdischen Gemeinde liegt, wahrzunehmen, die Führung in allen Fragen des Schutzes der jüdischen Bevölkerung Innernhaben, für eine bewußte jüdische Erziehung zu sorgen, den Zusammenhang zwischen den Juden im Reiche und der Judenheit in der ganzen Welt auszubauen, an allen zentralen Aufgaben des jüdischen Volkes als Gebende und Empfangende teilzunehmen. — Das ist die Plattform, auf der wir ruhigen Oe- Wissens vor die Wählerschaft treten können. Hierbei wird es sicherlich keine untergeordnete Rolle spielen (wiewohl das, was unsere Exponenten in den letzten drei Jahren in der Gemeinde- Verwaltung geleistet haben, nur eine Selbstverständlichkeit war), daß wir auf eine Wirksamkeit hinweisen können, die sich sehen lassen kann. Gerade in diesem Augenblick, in welchem Prüfungen schwerster Art über die Judenlieit in der ganzen Welt und auch über die deutschen Juden hereingebrochen sind, ist unsere Energie vervielfacht, unser Wille durchzuhalten un gebrochener denn je und unsere Bereitschaft, in allen Angelegenbeiten des jüdischen Lebens die Führung zu übernehmen, unerschüttert. Wir wissen, daß insbesondere die Jugend aut unserer Seite steht. Unsere jüdischen Ziele weisen in die Zukunft. Urtd wer nach vorwärts blickt, hat stets die besseren Chancen gehabt, zu gewinnen und zu siegen. s. n. Die Wahlen in Polen Aus Warschau in Danzig eingetroffene glaubwürdige Personen teilen mit, daß die polnischen Behörden die Wahlpropaganda des unter Führung von Deputierten J. Grünbaum stehenden zionistischen Wahlblocks in jeder erdenklichen Weise behindern. Die Abhaltung zionistischer Versammlungen und insbesondere von Wahlmeetings wird durch die fokalin Verwaltungsbehörden unter verschiedenen Vorwänden verhindert. Von den in letzter Zeit verböte nen jüdischen Tagungen und Versammlungen sind insbesondere die polnische Reichskonferenz des Haschomer Ha za fr und des Hechaluz, ein Vortrag des Abgeordneten J. Grünbaum über die gegenwärtige politische Lage im Zionismus, drei Wählerversammlungen in Bialystok u. a. zu nennen. Unter diesen Verhältnissen sieht sich der zionistische Wahlblock gezwungen, auf die Einberufung weiterer Wählefversammlungen zu verzieh t e n. Die Warschauer Gewährsleute des Danziger J. T. A.- Vertreters teilten weiter mit, daß sogar gegen Versammlungen, in denen rein zionistische Themata behandelt werden sollen, behördliche Maßnahmen getroffen werden, was nicht als Kampf der Regierung gegen den Zionismus, sondern als Unterdrückung der Propaganda des zionistischen Wahlblocke aufzufassen sei, da die Regierung befürchtet, daß auch im Rahmen von zionistischen Versammlungen allgemeinen Charakters Wahlaufklärungsarbeit geleistet werden könnte. In gleicher Weise gehen die Behörden gegen den jüdischen sozialistischen Block vor, dessen Wahlaufrufe konfisziert wurden und dem gleichfalls die Abhaltung von Wählerversammlungen unmöglich gemacht wird. Es ist für die feindliche Einstellung der Regierung gegenüber den nationaljüdischen Parteien bezeichnend, daß die Wahlkampagne der Agudah ohne Jede Behinderung seitens der Behörden geführt werden kann. Die von den polnischen Behörden abgegebene Erklärung, daß die Meldungen über ein Verbot zionistischer Versammlungen unrichtig seien, sei nach der Auffassung der Gewährsleute des Dänziger J.T. A.-Vertreters dahin zu verstehen, daß eine diesbezügliche Verordnung nicht offiziell erlassen wurde. Am 19. Oktober fand in Berlin die Hauptvorstandssitzung des Central» Ver ei D® deutscher Staatsbürger , jid)״ cheB''Qlä«be1»;¥ätfcnDBf« andere« nahm der Waupvorstind tellöng zu den jüdischen Wahlen in Preußen. Rechtsanwalt Heinrich Stern (Berlin) und Rechtsanwalt Kurt Alexander (Krefeld) gaben ein Bild der Lage im Hinblick auf di« Ende November stattfindenden jüdischen Wahlen. Heinrich Stern wies besonders auf die richtunggebenden Verhältnisse in der Berliner Gemeinde hin. Dr. Alexander beschäftigte . sich mit den Verhältnissen in ganz Preußen. Beide Redner äußerten, von der Versammlung einmütig und lebhaft unterstützt, den dringenden Wunsch, jüdische Wahlen in der Gegenwart unbedingt zu vermeiden. Die deutsche Sorge sei so groß, daß inneriiküsche Fragen im Augenblick zurückzutreten hätten. Der Hauptvorstand faßte einstimmig einen dahingehenden Beschluß. — Dr, Ismar Freund und Justizrat Dr. Julius Brodnitz behandelten die Frage ״Gemeinden und Abwehr“. Dr. Ismar Freund legte zu diesem Punkte interessante und wertvolle Richtlinien vor. Justizrat Brodnitz teilte den Stand der Verhandlungen und der Zusammenarbeit mit. Einmütig wurde sein Standpunkt gebilligt, daß man sich dauernd in Fühlung mit den interessierten Organisationen halten und in jede dargebotene Hand gern einschlagen müsse. Die Freundschen Richtlinien wurden allgemein als wertvoll anerkannt, aber, als den Ereignissen vorauseilend, nicht angenommen. — Ergebnisse der Tagung, der eine Arbeitsaussehußsitzung des Hauptvorstandes folgte, waren eine Ueberprüfung und Verbesserung der alten Arbeitsmethoden und die Erkenntnis, daß umfassende Aufklärung über Juden und Judentum in verstärktem Maße erfolgen müsse. So bleibt afs Gesamteindruck der feste Wille, keine Beieidigungen und Verkennungen des Judentums hinzunehmen und alles bis zum letzten für die Ehre des Judentums einzusetzen, ohne sich aber in diesen ernsten Zeiten in seinem deutschen Gefühl erschüttern zu lassen. Der italienische Minis terrat hat den Entwurf zu einer königlichen Verordnung über die Organisation der jüdisenen Gemeinden in Italien, sowie die Vereinheitiiehung und Modifizierung der auf die Juden Bezug habenden gesetzlichen Bestimmungen angenommen. Manche dieser Gesetze und Verordnungen gehen noch auf die Zeit vor Gründung des Königreichs Italien zurück und wurden von den Königen von Sardinien, den Erzherzogen von Toscana, dem Kaiser von Oesterreich und anderen Beherrschern der Gebiete erlassen, die nunmehr zum italienischen Königreich gehören. Die neue Verordnung sieht einen Zwangsverband der jüdischen Gemeinden vor, welcher als einziger berufener Vertreter der jüdischen Interessen gelten wird. Der Verband wird, wie ein Communiquö des Ministerrats mitteilt, unter der Kontrolle der Regierung stehen, entsprechend jener ,.Richtung des modernen öffentlichen Recnts, die alle Tätigkeitsformeln, besonders solche auf kollektiver Grundlage, zwecks entsprechender Ueberwachtlng der Staatsautorität unterstellt wissen will“. Dem Bund der Gemeinden wird ein Rabbinerkollegium zur Seite stehen, das jedoch nur beratende Funktionen zu erfüllen haben und nicht einmal eine Disziplinargewalt über die Rabbiner der einzelnen Gemeinden besitzen wird. Der Beschluß der italienischen Regierung, eine einheitliche Organisation der italienischen Juden zu schatten, geht auf die neue Religionspolitik zurück, welche durch das ifn Jahre 1929 mit dem Vatikan beschlossene Konkordat inauguriert wurde. Mit dem Entwurf eines jüdisehen Gemeindegesetzes war eine sechsgliedrige Spezialkommission betraut worden, in der der Oberrabbiner von Roiji, Dr. Sacerdoti, der Präsident des jüdischen Gemeindeverbandes Advokat Sereni und der Professor des kanonischen Rechts-an der Mailänder Universität, Professor Mario Falco, als Vertreter der Juden fungierten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.