Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 85 (28.10.1930)
- Date
- 1930-10-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2651273-2653156-2653234--21909-2680063- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 85. 28. X. 1030 JUEDISCHE RUNDSCHAU 1 Seite 555 zitiert. Der Bericht selbst dagegen nur ganz kurz unter der llebcrschrift, daß kein freies Land mehr für Jfiden vorhanden sei. Den bedauerlichen Rücktritt Weizmanns, schreibt das Blatt, müssen wir hinnehmen, da die Regierung festgestellt hat, daß das gegenwärtig im jüdischen Besitz befindliche Terrain für die Bedürfnisse der jüdischen Siedler ausreicht und daß im Hinblick auf die Arbeitslosigkeit auch die Ansiedhmg von städtlsehen Siedlern abgelehnt werden muß und endlich weil den Palästinensern, Juden und Arabern die Anfänge konstitutloneller Selbstverwaltung zugestanden werden, wenn die Zlo* nisten einsehen werden, daß sie nicht gegen Lord Passfield, sondern gegen Tatsachen kämpfen, werden sie ruhiger werden. Die ״MorningPos t“, unser alter Gegner, stellt in einem ironisch ״Das Heilige Land“ überschriebenen Aufsatz ihre ständige Gegnerschaft zu dem Mandat fest und bewundert die Gerechtigkeit und den Mut, mit der die Regierung ihren Willen zu unparteiischer Verwaltung Palästinas ausgesprochen hat. Sie verweist den Ton des Weizmannsehen Briefes und behauptet zu wissen, daß eine mächtige Propaganda bereits am Werke ist, um die britische Verwaltung zu zwingen, den zionistischen Forderungen nachzugeben. Die Arroganz der Einwanderer, die Palästina schon als ihr Eigentum betrachtet haben, die Beschäfti• gung ausschließlich jüdischer Arbeiter, die Zänkereien wegen der Klagemauer, die revolutionären Anschauungen mancher der neuen Einwanderer haben an und für sich schon eine Gefahr dargestellt, und das Problem wird völlig hoffnungslos durch die Feststellung, daß das Land, wo einst Milch und Honig floß, nun ein armes und wenig fruchtbares Land ist. Niemand wird die englische Regierung des Antisemitismus beschuldigen, und wenn nunmehr durch einen offiziellen Bericht die unvoreingenommenen Anschauungen der Verwaltungsbeamten bestätigt werden, so zeigt das, daß sie mit den Fakten und einer gerechten Auffassung des Problems in Ein• klang stehen. Einen scharf antizionistischen Aufsatz veröffentlicht die seit jeher antizionistische Zeitung ״Daily Mail“ unter dem Titel ״Wir haben das seit zehn Jahren gesagt“. In dem Aufsatz heißt es: Die Erklärung der Regierung über ihre Absichten in Palästina ist überall willkommen gAeißen worden, außer in den extremistischen zionistischen Kreisen. Faktisch hat sich jetzt also die Regierung die vom ״Daily Mail“ seit länger als zehn Jahren vertretene Politik zu eigen gemacht. Sie hat sich von der fatalen Verwicklung der alfour-Deklaration losgemacht, die der arabischen Bevölkerung soviel Unrecht verursachte und den Frieden so sehr gefährdete. Die Deklaration, mit der der Errichtung eines ״Jüdischen Nationalheims“ in Palästina Unterstützung zugesichert wurde, war von allem Anfang an undurchführbar. Die klügsten und fähigsten Angehörigen der jüdischen Gemeinschaft Englands widersprachen ihr. So warnten der verstorbene D. L. Alexander und Claude G. Montefiore ausdrücklich irn Jahre 1917 ihre Glaubensgenossen vor der Deklaration, weil sie ״sich als wahre Kalamität für die gesamte Judenheit auswirken“ und ״sie in bitterste Fehden mit ihren Nachbarn anderer Rasse und anderen Glaubens verwickeln“ werde. Die Ereignisse haben diese Vorhersagen nur zu schmerzhaft bestätigt. Die gefährlichen Ausschreitungen von 1929 hatten ihren Grund m der Furcht der Araber, sie würden durch die Zionisten verdrängt werden. Das ״Nationalheim“, insofern es heute existiert, ist nicht für die palästinensischen Juden geplant, sondern für eine zusammengewürfelte Gesellschaft von — vielfach unerwünschten — Einwanderem aus Osteuropa und Rußland. Diese Einwanderer sind um so unwillkommener, weil es für sie in einem kleinen und ungewöhnlich armen Land, wie dem Palästina Unserer Tage, weder* Raum »och Beschäftigungpmöglichfceite« gibt, und ihre ' Anwesenheit ו eine Windige Ursäöhe für Reibungen abgibk Die Durchführung des Palästinamandats verursacht jetzt schon erhebliche Kosten und diese Kosten werden noch größer werden, jetzt, wo stärkere militärische Streitkräfte ltn Lande stationiert werden sollen. Der unglückselige britische Steuerzahler soll nun also noch mit dieser neuen Verpflichtung belastet werden. Er soll offenbar auch zur Aufbringung von Geldmitteln für die Entwicklung der palästinensischen Landwirtschaft herangezogen werden, gerade ln dem Augenblick, wo die Landeswirtschaft Großbritanniens durch die übermäßigen Steuern und die Verweigerung aller offiziellen Hilfe in die Verzweiflung getrieben wird. Der ״Daily Telegraph“ überschreibt seine Betrachtung ,,Selbstverwaltung für Palästina‘4 und beschreibt als die hauptsächliche Maßnahme, die die Regierung für die Lösung der praktischen Fragen vorschlägt, dem Volke ein größeres Maß von Selbstverwaltung zu geben. Das Blatt stellt fest, daß das Ideal der Jüdischen Nationalen Heimstätte, wie es von Juden und anderen während der letzten acht Jahre verstanden um! akzeptiert wurde, eine ernsthafte Niederlage erlitten hat. Formell hält das Statement eine genaue Unparteilichkeit zwischen jüdischen und arabischen Interessen aufrecht. Es wird darauf verwiesen, daß die Definition des Jewish National Home gekennzeichnet wurde als das eines Zentrums, an dem das jüdisehe Volk als Ganzes aus religiösen und nationalen Gründen Interesse nehmen und auf das es mit Stolz blicken sollte. Auch in gemäßigteren Kundgebungen hat sich aber die zionistische öffentliche Meinung mit dieser Interpretation nicht zufrieden gegeben und nur die staatsmannische Kunst Dr. Weizmanns hat die Politik ohne Reibungen führen können. Heute wird Dr. Weizmanns Rücktritt angezeigt. Er erklärt, daß die neue Deklaration die Basis des Vertrauens zerstört hat, auf Grund dessen er bisher seine Verhandlungen geführt hat. Mit anderen Worten, er sieht die Dinge so an, daß die Regierung Stellung genommen hat gegen sein Volk. Da man weiß, daß der zionistische Führer ein erprobter Freund dieses Landes ist und daß er immer für Verständigung mit den Arabern gearbeitet hat, daß endlich sein Vorgehen die Stimmung der Juden überall stark beeinflussen wird, muß dieser Schrift mit Sorge angesehen werden. Das Blatt bringt den Brief an Passfield in vollem Wortlaut und aus der Pressekonferenz die Ansicht Weizmanns, daß möglicherweise die Zentrale der Organisation von London wegverlegt würde. Auch die ״Daily Ne Ws“ gehen von der Tatsache aus, daß das neue Weißbuch in der festen Ueberzeugung verlaßt worden ist, daß die gegenwärtige Situation untragbar ist und Schritte getan werden müssen, um die verschiedenen Elemente der Bevölkerung zu einer Zusammenarbeit zu allgemeinem Wohl zu bringen. Als Grund für Weizmanns Rücktritt wird lediglich die Schaffung des Legislative Council angegeben, von der das Blatt im Gegensatz zu dem zionistischen Führer nicht der Ansicht ist, daß es im Widerspruch mit der Nationalen Heimstätte für die Juden ist. Alle Gruppen sollten überstürzte Schritte vermeiden, durch die jeder zu verlieren, keiner zu gewinnen hat. Der ״Daily Expreß“ bringt nur einen kurzen Auszug aus dem Weißbuch unter der Ueberschrift ״Keine Ländereien mehr für Juden“. Der bekannte •Londoner Verlag Gollancz teilt mit, daß Dr. Weizmann mit der Abfassung ׳seiner Memoiren beschäftigt sei, die im genannten Verlage erscheinen werden. Die ״FrankfurterZt g.“ (23. Okt.) schreibt an leitender Stelle unter dem Titel ״England in Palästina“: Im Mal dieses Jahres hat sich ein Vorgang abgespielt, der im Kerne bereits das enthielt, was jetzt als Krise des Zionismus zutage tritt. Am 12. Mai teilte die britische Behörde in Palästina offiziell mit, daß sie ermächtigt worden sei, 3300 Zertifikate für jüdische Einwanderer zu gewähren. Am folgenden Tage wurden Verhandlungen, die die englische Regierung mit einer Delegation der Araber in London gepflogen hatte, erfolglos abebrochen. Wiederum am nächsten Tage, am 14. Mai, wurde er Exekutive der Jewish Agency mitgeteilt, daß der High Cotnmissioner auf Anweisung des Staatssekretärs für die Kolonien die Zertifikate suspendiert habe, bis Sir john Hope Simpson die Ergebnisse seiner Untersuchung vorgefegt habe. Es war ohne weiteres deutlich, daß dies eine politische Maßregel gewesen ist, eine Maßregel, die offenbar im Zusammenhang stand mit dem, was die arabische Delegation in London vorgebracht hatte. Sie forderte insbesondere dreierlei: Erstens, daß die Ein- Wanderung nach Palästina eingestellt werde, zweitens, daß der Boden, der sich im Besitze der Araber in Palästina befinde, angesichts seiner Knappheit als unveräußerlich erklärt werde, und drittens, daß eine demokratische Regierung jn Palästina eingesetzt werden solle, an der alle Bewohner des Landes entsprechend ihrer Zahl Anteil hätten. Die englische Regierung erklärte, daß sie diese Forderungen ablehnen müsse, weil sie im Widerspruch zu dem Mandat stünden. In der Tat, die engtische Regierung könnte diesen Forderungen nicht einfach zustimmen, ohne einen Wortbruch zu begehen, der allzu deutlich wäre. Sie hat aber sicherlich schon damals die Absicht gefaßt, den Arabern sehr weit entgegenzukommen. Das Ergebnis liegt nun vor. Die Erklärungen, die die britische Regierung in dem Weißbuche abgegeben hat, das in diesen Tagen herausgekommen ist, bedeuten: von den Forderungen der Araber werden etliche Prozente abgezogen, im übrigen abe* sind sie erfüllt. Die britische Regierung ist jetzt, weil es in ihre Politik aßt, auf einen Gedanken gekommen, der ihr schon früher ätte einfalfen müssen, wenn sie ernsthaft beabsichtigt hätte, die Errichtung eines Jüdischen Nationalhelms in Palästina zu fördern. In einer Nummer der ״Jüdischen Rundschau“, dem zionistischen Organ, lesen wir: ״In dem Moment, wo England Palästina Übernahm und es deutlich wurde, daß das Land für eine jüdische Einwanderung vorbereitet werden mußte, hätte die Administration der Bodenfrage ihre Aufmerksamkeit zuwenden müssen. Es mußte ganz klar sein, daß der einzige Weg, große Fliehen für Besiedlung freizumachen, darin lag, die gesamte Landwirtschaft durch verschiedene Maßnahmen, sei es Tnstruktion, Bewfiaserungsprojekte, Anleihen oder anderes zu heben und zu Intensivieren.“ Zu intensivieren. Das ist vom zlonlstisehen Standpunkte aus vollständig richtig. Nur fehlte praktisch die Hauptsache: England hatte ja gar nicht den Willen, sich für die jüdische Einwanderung in Eifer zu stürzen. Jetzt, erst jezt taucht der Gesichtspunkt auf. Bei den gegenwärtigen Methoden der arabischen Bodenkultur, so heißt es in dem Weißbuch, ist kein Land zur Verfügung für neue Einwanderer, abgesehen von dem Boden, den die jüdischen Körperschaften schon in Händen haben. Die Lebensverhältnisse der Fellachen ließen viel zu wünschen übrig, und es müsse daher, um diese Verhältrisse zu bessern, eine Politik der Bodenentwicklung eingeschlagen werden. Solange das der Fall ist, würden Landverkaufe nur insofern erlaubt sein, als sie die Pläne der Verwaltung Palästinas nicht durchkreuzten. Eine schnelle Ent- Scheidung für eine ungehemmtere jüdische Einwanderung müsse also entschieden mißbilligt werden. Man sieht, die Forderungen der arabischen Delegation sind in hohem Grade erfüllt. Die jüdische Einwanderung ist zwar nicht überhaupt eingestellt, aber heute und bis auf weiteres. Der arabische Boden ist zwar nicht schlechthin unveräußerlich, aber die Möglichkeit seines Kaufes liegt wie alles andere durchaus an dem Gutdünken der befcemiÄfc P4llPtia|k««cfe * ein Parlamentchen, das unter dem schönen Titel ״Selbstverwaltung“ erscheint, obgleich es nicht viel zu sagen haben wird. Die britische Regierung ist in der Lage, darauf hinweisen zu können, daß in Palästina Arbeitslosigkeit herrsche. Aber wenn es sich nur darum handelte, dies zu berücksichtigen, hätten Herr Dr. Weizmann und andere Führer des Zionismus nicht ihren Rücktritt erklärt. Sie protestieren und, das müssen wir sagen, von ihrem Standpunkte aus mit Recht. Dr. Weizmann fiat in einem Schreiben an Lord Passfield, den Minister der Kolonien, erklärt, daß er keine Möglichkeit der Zusammenarbeit mehr sehe, nachdem die Regierung das Werk des Zionismus getadelt *habe und ihm sehr ernste Hindernisse entgegensteile. Er hat in einem Interview, das er dem ״Daily Telegraph“ gab, insbesondere auch darauf hingewiesen, daß Mac Donald Jetzt nicht mehr vom ״jüdischen Volke“, sondern von den Einwohnern Palästinas, also von den individuellen luden spreche, die zufällig gerade in Palästina seien. Wir sind, wie bekannt, Gegner der zionistischen Ideologie, aber alles, was Recht ist: die Zionisten habe» wirklich Grund, enttäuscht und entrüstet zu sein. Wenn man die Schlüsse, zu denen das Weißbuch kommt, einiger schöner Phrasen entkleidet, so bleibt folgendes übrig: Die britische Regierung spricht von arabischen und jüdischen Einwohnern Palästinas; da die arabische Bevölkerung rasch gewachsen sei und gleichzeitig Boden an die Juden verloren habe, müsse sie gefördert werden; die jüdische Einwanderung und die Bodenpolitik wird dem angepaßt. Das aber ist eine Politik, in der die Idee des Jüdischen Natlonalheims keine wesentliche Rolle mehr spielt. Die objektiven Schwierigkeiten des Augenblicks würden zwar eine gewisse Zurück- Haltung rechtfertigen, aber man darf die Sache, um sie richtig zu sehen, nicht bloß unter diesem Gesichtspunkte betrachten. Die Engländer sind klug, aber die Zionisten sind auch nicht auf den Kopf gefallen. Und man braucht nicht einmal Zionist zu sein, um zu bemerken, daß England, das sich niemals für das Jüdische Nationalheim erhitz! hat, nun ganz kühl geworden ist. Es macht das, was es immer tut: eine Politik, die lediglich englisch ist. Die Zionisten sind enttäuscht. Wir nicht. Nicht etwa bloß deshalb, weil wir keine Zionisten sind, sondern weil wir gar nichts anderes erwartet haben. Wir haben es auch immer wieder gesagt. Es ist eine alte Geschichte, daß Unternehmungen, die einen hochherzigen Charakter zu haben scheinen, unter dem englischen Himmel immer auch die Form annehmen, daß sie die englischen Interessen in vorzüglicher Weise fördern. Dank dem Cant, der dort zu Hause ist, mag Balfour wirklich gemeint haben, daß er mit seiner berühmten Deklaration eine welthistorische Tat vollbringe. Welthistorisch ist sie freilich, aber innerhalb der Geschichte der britischen Welt. England kann Palästina gut brauchen, gegenüber Aegypten, als Basis für das Oel «sw. Es kann auch den Zionismus gut verwenden, weil er viel Geld, Insbesondere amerikanisches, nach Palästina bringt, das sich wesentlich damit selbst erhält, worauf England großen Wert legt. Im übrigen denkt es gar nicht daran, sich selber Schwierigkeiten zu machen. Große Schwierigkeiten kämen von den Arabern, die heute entschlossener als je sind, nicht zu weichen. Wer immer nach Palästina kommt und mit ihren Führern spricht, kann es hören, daß es keine Ruhe geben werde, solange die Balfour-Deklaration gelte. Die britische Regierung kann diese Deklaration nicht aufheben, aber sie in! einem Grade unwirksam machen, daß zwar die Zionisten empört sind, aber die Araber vielleicht beruhigt werden. Hier Ist der Angelpunkt der Politik, die das Weißbuch verkündet. Herr Baldwin läßt es sich natürlich nicht nehmen, in Verbindung mit den früheren Ministern Chamberlain und Amery sein Bedauern und die Befürchtung auszusprechen, die Wirkung des Weißbuches werde sein, daß man in den guten Willen Großbritanniens, der sein wertvollster Besitz in seiner imperialen Politik sei, Zweifel setzen werde. Das ist das mindeste, was Herr Baldwin heute tun kann. Er hätte aber viel mehr, sehr viel mehr für die Ausführung seiner Deklaration tun können, als er selber Ministerpräsident war. Er hätte es tun können, wenn er, wenn England gewollt hätte. Cant. 1 Die Zionisten und die Jewish Agency protestieren, wollen ihre Arbeit aber weiterführen, sogar mit Zuversicht. Die 70000 Hektar unbesiedeltes Land, die das Palästina-Komitee in Händen hat, reichen für diese Zuversicht wohl nicht aus, wie man sich leicht ausrechnen kann. Sie erhoffen also Erfolge an anderer Stelle, vielleicht vor dem Völkerbund. Nun, das ist ihre Sorge. Wir wollten lediglich darlegen, daß England heute in Palästina genau das tut, was man erwarten konnte, daß es immer nur das tun wird, was seinen Interessen entspricht. Und es wird das immer sehr schon 711 begründen wissen. * Der Berliner ״Vorwärts“ vom 24. Oktober schreibt: Ob die britische Regierung die panisiamische Bewegung und all das, was man ״Das Erwachen des Orients“ nennt, als eine ernste Gefahr für das britische Weltreich bereits einschätzt, weiß man nicht; jedenfalls macht ihre Erklärung über ihre Palästina-!)olitik stark den Eindruck, daß sie damit der arabischen Agiation Wind aus den Segeln nehmen will. Mit dieser Agitation in Palästina ist es eine besondere Sache. Die arabischen Großgrundbesitzer, die Effendis, haben dem zionistischen Siedlungswerk unkultivierten Boden zu Preisen verkauft, wie sie selbst in großen Teilen Europas weder gefordert noch bezahlt werden; daß so mancher dieser Effendis das Geld durchgebracht hat, ist seine Sache. Arabische Kleinbauern sind durch die bisher geschehene Ansiediung von rund 6000 jüdischen Familien in der Höchstzahl von 9CKJ um ihr Land gekommen, natürlich auch nicht ohne Entschäd’gung; sie sind Arbeiter geworden. Aber auch die Fellachen, die ihren Boden noch haben, nehmen Arbeit an, wenn sie sich ihnen bietet, und lassen ihr Land von den Frauen und Kindern bearbeiten. Diese Landarbeit wird extensiv, ohne Bewässerung^ ohne mo* dernes Werkzeug betrieben und bringt daher nur Erträge, die bei intensiver Landwirtschaft auf einem Teil der gleichen Fliehe hervorgebracht werden. Intensive Landwirtschaft treiben aber die ״Chaluzim״, die jüdischen Pioniere, und die schon länger angesiedelten jüdischen Kolonisten; bei ihnen und bei Straßenbauten «sw. finden die Fellachen Arbeit, in diesen ,Kolonien setzen die Fellachen ihre Agrarprodukte ab, da der jüdische Ackerbau den Eigenbedarf noch nicht deckt, vielfach zwar Orangen und andere Exportfrüdite baut, aber nicht Getreide. Paläsunakenner berichten weiter, daß die Araberdörfer in der Nachbarschaft der Judensiediungen schon viel kultivierter aussehen, viel mehr von moderner Technik usw. aufweisen als die Fellachendörfer weiter weg von ihnen. Ob bei diesem Stand der Dinge die europäischen Begriffe von Arbeitslosigkeit auf die Fellachen angewandt werden können und darauf die von der britischen Regierung angekündigte zeitweise Einwanderungssperre begründet werden kann, erscheint zweifelhaft. Es wird nämlich die Einwanderung auch jetzt hut in dem Maß gestattet, als nach den Feststellungen der Mandatsregierung (High Commissioner) die Existenzmöglichkeit gesichert ist; immer nur ein Teil der von der Zionistenzentrale beantragten Erlaubnisse wird erteilt. Die Zionistische Organisation hat natürlich gar kein Interesse daran, die Ein- Wanderung so zu steigern, daß die Einwanderer für das Massenelend in Polen, Rumänien, Litauen usw. ein ebensolches Elend in ״Erez-lsrael“ eintauschen. ' Die jüdische Besiedlung, die dem Lande bereits 30 Millionen Pfund eingebracht hat, ist noch in der Türkenzeit unter unsägliehen Schwierigkeiten und trotz ausdrücklichem Verbot jüdi־ scher Einwanderung und jüdischen Grunderwerbs, sozusagen •*«ater• ״■wie, ■Bote»• Deklaration von t917, wenn auch mit aus kriegspeffltisaien Gründen hervorgegangen, der Friedensschluß mit der Türkei, der Mandatsvertrag und verschiedene Völkerbundsbeschlüsse sind die international anerkannte Rechtsgrundlage für Errichtung und Bestehen der Jüdischen Heimstätte in Palästina. Wenn nun die britische Regierung die bekannte Erklärung veröffentlicht hat, so glaubt der Zionismus den Hauptgrund zu diesem alle Welt überraschenden Schritt in der antizionisti־ sehen Stimmung der britischen Beamten in Palästina zu finden. Man erzählt, diese Beamten kämen fast alle aus britischen Kolonien, wo sie patriarchalisch oder diktatorisch über Farbige geherrscht hatten. In Palästina haben sie es, außer mit den Arabern, mit Weißen zu tun, die aus Ländern mit stark entwickelten demokratischen, auch sozialistischen Ideen und Bewegungen kommen. Es handelt sich um Menschen von großer Intelligenz, die sich nun auf ihrem Boden fühlen und nicht bevätert, auch nicht von oben regiert sein wollen, sondern aut ihrem Recht bestehen. Also Beamten, die aus ganz anderen Verhältnissen kommen, machen das Leben nicht gerade angenehm. Diese Stimmung verpflanzt sich auch ins britische Kolonialamt, dessen Leiter, Lord Passfield, zwar ebenso wie der Außenminister Henderson und eigentlich die ganze Arbeiter- Partei dem jüdischen Siedlungswerk aufrichtig freundlich gesinnt Ist — aber der Einfluß und die Macht der Bürokratie sind niemals zu unterschätzen. Nun hagelt es Proteste, aber nicht nur von den Zionisten, sondern auch von den Führern der Konservativen Partei Englands, die sich an die feierliche Zusage ihres verstorbenen großen Mannes Arthur Balfour um so mehr gebunden fühlt, als doch die Mandatszuteilung für Palästina an England, offiziell wenigstens, erfolgt ist, damit die Balfour-Deklaration erfüllt werde. Die Konservativen stehen sowieso in Opposition gegen die Arbeiterregierung, aber die Liberalen braucht diese zur Mehrheit, ohne die es in England kein Regieren gibt. Gerade der liberale Führer Lloyd George war Premierminister, als Balfour seine Deklaration erließ, und Lloyd George ist bisher immer der stärkste Parteigänger des Zionismus gewesen; von ihm Hegt eine Stellungnahme zur Regierungserklärung noch nicht vor. Allerdings ist schon sehr lange eine britische Regierung über eine außenpolitische Frage nicht gefallen. Es ist deshalb auch kaum zu erwarten, daß es diesmal eintreten würde. * Das ״Acht-Uhr-Abendblatt“ (Berlin) vom 23. Oktober schreibt unter den Schlagzeilen: ״Ein glatter Verrat: England gibt den Zionismus preis! Aber ist das das Ende des jüdischen Palästina? Nein!“ u. a.: Die historische Balfour- Deklaration vom 2. November 1917, die Palästina zu einer Heimstätte des jüdischen Volkes unter britischem Schutz erklärte, existiert nicht mehr. Aus einer feierlichen Garantieurkunde, die von der Judenheit aller Linder als die Verheißung des Wiedererstehe ns eines jüdischen Palästina, als die Verwirklichung eines uralten Sehnsuchtstraumes, mit Jubel begrüßt wurde, ist ein Fetzen Papier geworden. Und es ist dasselbe England, das jetzt bewußt von einer zionistenfreundlichen Politik sich abkehrt, die es selbst inauguriert hat. Eine grenzenlose Enttäuschung über die Wandlung der englUchen Palästina-Politik geht durch die jüdische Welt Aus dem biblischen Lande selbst, aus Amerika flutet eine Welle heißer Empörung nach London, das, so sagen die jüdischen Massen, den Zionismus um der Araber willen verraten hat. Die englische Arbeiterregierung sieht sich jetzt vor einer geschlossenen Front des Judentums, des zionistischen wie des nichtzionistischen. Sie wird Mühe haben, die ungeheure Erregung, die die Veröffentlichung des englischen Weißbuchs über Palästina und des Be- ■I; :וי