Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 84 (24.10.1930)
- Date
- 1930-10-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2651273-2653156-2653233--21898-2680051- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 84. 24. X. 1930 Seite 545 Der ״Manchester Guardian“ vom 21. Oktober veröffentlicht einen Aufsatz unter dem Titel ״Britannien und das Nationalheim“, in dem es u. a. heißt: Die Regierungserklärung über die zukünftige Politik in Palästina ist ein charakteristisches Dokument der Verzagtheit. Es nimmt seine Zuflucht zu der zwiefältigen Natur der Großbritannien durch das Mandat auferlegten Aufgabe. Das Mandat stellte unsere von niemandem bestrittene Pflicht fest, die Interessen der vorhandenen Bewohner Palästinas zu beschützen und zugleich die Errichtung eines Jüdischen Nationalheims in jenem Lande zu fördern. Die Regierung verkündet mit großem Nachdruck, daß es falsch wäre, auf die letzte Verpflichtung mehr Gewicht zu legen als auf die erste und hebt hervor, daß die beiden Aufgaben von gleicher Wichtigkeit sind. Wir stimmen dem zu. Liest man aber die ״Erklärung über die Politik“, dann ist es unmöglich, sich des Gefühls zu erwehren, daß die britische Regierung praktisch die Errichtung des Nationalheims den Interessen der ortsansässigen Bevölkerung untergeordnet hat. Sie ist dem Irrtum verfallen, der dem von ihr so lebhaft betonten entgegengesetzt ist. Die Araber, die arm und unorganisiert sind, sollen Gegenstand der besonderen Sorge Großbritanniens sein. Den Juden, die reich und gewappnet sind, soll es überlassen bleiben, selbst für ihr Heil zu arbeiten, vorausgesetzt, daß wir es für richtig halten, ihnen die Erlaubnis dazu zu geben. Im gegenwärtigen Augenblick scheint nun klar zu sein, daß die Regierung jede weitere Entwicklung des Jüdischen Nationalheims für unratsam hält. Es gibt, so sagt man uns, keinen erreichbaren Vorrat an Böden mehr, und die Arbeitslosigkeit, besonders unter den Arabern, ist ernster Natur; daher, so kann man zusammenfassen, ist eine weitere jüdische Einwanderung für den Augenblick unangebracht. Die jüdischen Siedlungen haben sich rapide entwickelt, weil die Juden Arbeitskraft und Kapital für ihre Entwicklung aufgewandt haben. Das arabische Leben ist stagnierend geblieben, weil die arabischen Bauern arm und ungebildet sind. Nun schickt sich die britische Regierung an, sehr bescheiden die Rolle der sorgenden, gütigen Mutter für die Araber zu spielen — aber, wie es scheint, nicht auf Kosten der britischen Finanzen. Solange, bis die Araber auf die gleiche Ebene mit dem jüdischen Konkurrenten gelangt sind, sollen die Zionisten ihrer Arbeit Einhalt tun. Dies scheint also unsere Politik in Palästina sein zu sollen. So deuten wenigstens die Zionisten die Regierungspolitik. Der Führer, der mehr als irgendein Mensch sonst für die Realisierung des jüdischen Traumes getan hat, ist zurückgetreten, weil er empfindet, daß die britische Regierung von ihrer früheren Politik abgegangen ist. ln Dr. Weizmann verliert England einen warmen Freund an der Spitze der Zionistischen Organisation. Seine staatsmännischen Fähigkeiten haben viele ernste Schwierigkeiten hinweggeräumt. Das jüdische Experiment in Palästina ist immer eine internationale Angelegenheit gewesen. Das Kapital, auf dem es beruhte, kam zum überwiegenden Teil von den wohlhabenderen Juden des Westens; die Menschen, die ihr Leben daran setzen, Palästina wieder zu dem fruchtbaren Lande der jüdischen Geschichte zu machen, stammen überwiegend aus Osteuropa, wo den Juden in der Vergangenheit eine schamlose Behandlung zuteil geworden ist. Die Regierung, die die Aufgabe übernommen hat, das Land ״unter solche politische, administrative und wirtschaftliche Bedingungen zu setzen, die die Errichtung eines Jüdischen Nationalheims sichern“, ist die britische Regierung, die besser vertraut ist mit der Behandlung von Arabern als mit der Behandlung von Juden. Es war keine leichte Aufgabe, diesen drei verschiedenen Teilen eine wirksame gemeinsame Arbeit zu er״ möglichen. Offenbar war kein lebender Mensch für diese Auf- .gäbe besser geeignet als Dr. Weizmann, der in einem gegen-, Hirffg zu Lm& PBÖfenieh GeBfefe gebörett Ist, länge der britischen Judenheit angehörte und dem wegen seiner hervorragenden Verdienste in der Kriegszeit alle britischen Staatsmänner zu Dank verbunden waren. Wir werden kaum sobald einen gleich befähigten Mitarbdter an der Aufgabe finden, zu deren Erfüllung wir doch feierlich unsere Hand geboten haben. Obwohl nun aber, was das Nationalheim anlangt, die Drosselung der Entwicklung zur Tagesordnung erhoben werden soll, hat sich die Regierung zu fragwürdigen Experimenten aut dem konstitutionellen Gebiete entschlossen. Hier ist die Losung: ״Zurück zu der Konstitution, die 1922 nicht funktionierte!“ In jenem Jahre wurde die Errichtung dnes Gesetzgebenden Rates mit einer Majorität von Nichtbeamten verordnet. Jetzt soll eine ähnliche Körperschaft dngesetzt werden. Der Wahl- Vorgang soll den beiden Minoritätsgruppen Sitze sichern, den Juden und den Christen, die in den Fragen des Nationalheims sich zur Seite der Moslems zu schlagen pflegen. Als dieser Plan vor acht Jahren zum ersten Male verwirklicht werden sollte, mußte er zurückgezogen werden, weil er den Arabern nicht weit genug ging, werden sie jetzt noch weiter in Opposition verharren, angesichts des ausdrücklich verkündeten Ent- Schlusses der Regierung, den Plan mit ihrer Zustimmung oder gegen sie durchzuführen? Ein Grund für ihre Gegnerschaft ist jedenfalls nicht ersichtlich, da doch, abgesehen von der Anerkennung der Existenz der jüdischen Siedler, der Entwurf den Arabern alles zu gewähren scheint, was sie vernünftigerweise tordern können. Sie werden unter den zwölf gewählten Mitgliedern eine sichere Mehrheit haben, und sie haben gute Gründe für die Erwartung, daß sie bei den zehn nominierten Mitgliedern, welche die Leiter der verschiedenen Departements sein sollen, eine gewisse Unterstützung finden werden. Natürlich können sie nicht auf diese Unterstützung seitens der Beamten rechnen, wo es sich um ihre extremen Wünsche handelt, aber in den Schlüsselfragen des Boden- und Einwanderungsproblems können sie jetzt teststellen, daß die britische Regierung, deren Diener die zu ernennenden Mitglieder sind, eine ihren Forderungen außerordentlich günstige Haltung einnhnmt. Sie werden sich ferner in dem Bewußtsein stark fühlen, daß die neue Regierungserklärung über die Palästina-Politik ein Ergebnis der arabischen Ausschreitungen vom August 1929, ist, obwohl es nicht leicht fallen dürfte, dies aus dem Ton dieses Dokumentes zu erkennen. Ohne diese Unruhen würde es keinen Shaw-Berieht, keine Unterbrechung der Einwanderung und, Voraussichtlieh, keine neue Erklärung über die Politik gegeben haben. Als Resultat jener unliebsamen Tage, in denen die Araber sich gegen die Juden erhoben, hat die Regierung ihre Politik in der weise dargelegt, daß sie nun den Arabern den größeren Teil ihrer nicht extremistischen Wünsche erfüllt. Das ist eine Lektion, die unter den Völkern des Ostens nicht so bald vergessen werden wird. * Unter dem Titel ״Drohende Palästinakrise“ nimmt ״Manehester Guardian“ in einem zweiten Aufsatz zur Regierungserklärung Stellung. Sie führt aus: Die heutige Veröffentlichung eines bedeutsamen Weißbuches, in dem die Palästina-Politik der Regierung dargelegt wird, wird wahrscheinlich eine kritische Situation nach sich ziehen. Ein unmittelbares Ergebnis war der Rücktritt Dr. Weizmanns von seinen Aemtern als Präsident der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency als Protest gegen eine Politik, die als Einschränkung der Entwicklungsmöglichkeiten der jüdisehen Kolonisation in Palästina aufgefaßt werden muß und, wie er sich in einem Schreiben an den Kolonialminister ausdrückt, als ״eine Verurteilung unseres bisherigen Werkes“. Die Ein- Wendungen beziehen sich auf die Regierungserklärung und nicht auf den Bericht Sir John Hope Simpsons über Ein- Wanderung, Landbcsiedlung und Entwicklung, auf dem die Regierungserklärung beruht. Der Kongreß und der Council der JUEDISCHE RUNDSCHAU beiden jüdischen Organisationen sollen einberufen werden, um die Situation zu prüfen. * Der ״Frankfurter Zeitung“ wird am 21. Oktober aus London u. a. telegraphiert: Die Erklärungen der britischen Regierung über ihre neue Politik in Palästina finden durchaus nicht den ungeteilten Beifall der öffentlichen Meinung in England. Einmal wird in allen Lagern auf das lebhafteste bedauert, daß Dr. Weizmann von seinen Aemtern zurückgetreten sei, da er nicht nur ein Freund Englands gewesen sei, sondern auch staatsmännische Gaben besessen habe, die es der englischen Regierung überhaupt zu einem erheblichen Teil ermöglicht hätten, ihren Mandatsauftrag durchzuführen. Aber auch die einzelnen Punkte der neuen Politik selbst werden durchgängig kritisiert. Eigentlich ist nur die ״Time s“ mit der Erklärung der Regierung in großen Zügen einverstanden. Ein Blatt, wie der ״Daily Telegraph“ erklärt, daß die neue Politik ein schwerer Sc 111ag iür den Gedanken des Jüdischen Nationalheims sei und daß die geplante Land- und Ein- Wanderungspolitik, also vor allem die vorläufige Sperrung der Einwanderung zugunsten der Wirtschaftslage des arabischen Volksteils, diesem Gedanken sogar strikt widerspreche, wenigstens wenn er ernst aufgefaßt würde. Da der Bericht Sir 11 o p e Simpsons über Einwanderung und Siedlung gleichzeitig mit dem Weißbuch der Regierung veröffentlicht wird, so findet diese Seite der Frage heute eine besondere Beachtung, und das mit Recht, denn die britische Haltung gegenüber weiterer jüdischer Einwanderung ist der Kern des Konflikts und führt ohne weiteres auf den sowohl weltanschaulichen wie politischen Unterschied zwischen der Auffassung Dr. Weizmanns und der Arbeiterregierung. Es wird allgemein anerkannt, daß dieser Unterschied nunmehr klar hervortrete und daß die englische Regierung eine endgültige Wahl zugunsten einer Auffassung getroffen habe, die Palästina als den gemeinsamen Heimatboden für die nun einmal dort lebenden jüdischen und arabischen Elemente auffasse. Einen gefährlichen Standpunkt nimmt die ״M o r n i n g Post“ ein, wenn sie den Inhalt des Mandatsauftrags selbst, der auf Errichtung des Jüdischen Nationalheims in Palästina laute, als gefährlich, unbefriedigend und unausführbar kritisiert. Denn Dr. Weizmann wirft den Engländern ja gerade vor, daß sie nicht nur die Balfour-Erklärung und sonstige frühere Regieningsäußerungen verletzen, sondern vor allem auch den Mandatsauftrag, ein Vorwurf, gegen den sich die englische Regierung schon im voraus dadurch verteidigt hat, daß sie erklärte, die Entwicklung der Jüdischen Heimstätte dürfe im Sinne des Mandatsgedankens unter keinen Umständen auf Kosten der arabischen Bevölkerung erfolgen. Presse »Empfang der Z. Vf. D. In den Räumen der Z. V. f. D. fand am 22. d. M. ein Empfang für die Vertreter der Berliner und auswärtigen Presse statt. Dr. Nahum Goldmann gab namens der Organisation ungefähr folgende Erklärungen ab: In der Erklärung der englischen Regierung über ihre zukünftige Palästinapolitik kommt eine Tendenz zur Einschränkung des jüdischen Aufbauwerks und damit zur Aushöhlung de9 Mandats und der Balfour-Dektaration zum Ausdruck, die in manchen Kreisen der englischen Politik, insbesondere der englischen Verwaltung in Palästina schon seit geraumer Zeit besteht, die aber erst nach den August-Unruhen ׳dtÄFfe«e#rt' und sichtbarem Ausdruck gekommen ist. Die Ursachen dieser Tendenz sind teils politischer Natur (z. B. Schwierigkeiten der englischen Politik in Indien und an anderere Stellen), teils psychologischer Natur (Animosität eines großen Teils der Kolonialbeamten . gegen die schwierigen Aufgaben, die ihnen das jüdische Siealungswerk und die wachsende jüdische Bevölkerung in Palästina bieten, im Vergleich zu ihren gewohnten Methoden der Verwaltung der ״Eingeborenen“-Bevölkerung in den Kolonien). Ueberraschend und schmerzlich ist die Tatsache, daß die britische Arbeiterregierung, auf deren Sympathien wir auf Grund langjähriger Erklärungen und Resolutionen aller maßgebenden Instanzen der Labour Party mit Bestimmtheit rechnen durften, sich diese rückschrittlichen antizionistischen Tendenzen, wenigstens im Augenblick, zu eigen gemacht hat. Die sachlichen Begründungen für die neue Politik der englischen Regierung sind für jeden Kenner der Verhältnisse alles andere als irgendwie überzeugend. Ist es doch beinahe zynisch, behaupten zu wollen, daß die Lage der Araber in Palästina heute schlechter sei als zur Türkenzeit vor dem Kriege, also vor dem eigentlichen Beginn des jüdischen Aufbauwerks. Die Experten der Jewish Agency haben bereits vor der Shaw-Kommission mit unwiderlegtcn Ziffern bewiesen, daß Juden in den Jahrzehnten nach dem Kriege etwa 30 Millionen Pfund nach Palästina gebracht haben, von denen naturgemäß ein großer, wenn nicht der größere Teil — beispielsweise durch die Bodenkäufe — der arabischen Wirtschaft zugute gekommen ist und die praktische Grundlage für eine friedliche Koordinierung der jüdischen und der arabischen Interessen gelegt haben. Forderungen aber wie beispielsweise die eine, die in der englischen Regierungserklärung aufgestellt wird, daß selbst Unternehmungen, die Juden mit eigenem Kapital aufbauen, um das Jüdische Nationale Heim zu fördern, sich nicht damit begnügen dürfen, jüdische Arbeiter zu beschäftigen, zeugen deutlich von einer Tendenz, die, ohne durch sachliche, wirtschaftliche oder soziale Begründung gedeckt zu sein, aus Voreingenommenheit das jüdische Aufbauwerk einschränken und verkleinern will. Es ist selbstverständlich, daß die Zionistische Organisation und ebenso die Nichtzionisten, die mit ihr in der Jewish Agency Zusammenarbeiten, mit aller Energie den Kampf gegen diesen neuen politischen Kurs der englischen Regierung aufnehmen. Weser Kampf wird auch jetzt kein Kampf gegen England sein. Wir sind überzeugt, daß auch heute, nicht nur in weiten Kreisen des englischen Volkes, sondern auch in führenden Kreisen der englischen Politik überzeugte und treue Freunde des Zionismus und der Politik vorhanden sind, die zur Balfour-Deklaration geführt hat. Der letzte Bericht der Ständigen Mandatskommission des Völkerbundes, der in unzweideutiger Weise die Haltung der englischen Verwaltung in Palästina während der Unruhen und die gesamte englische Politik in Palästina in den letzten Jahren als dem Geiste des Mandats widersprechend kritisiert hat und die einstimmige Annahme dieses Berichtes durch den Völkerbundsrat trotz der vorher bekundeten heftigen Unzufriedenheit des Colonial Office mit diesem Bericht beweisen, daß weit über England hinaus im Völkerbund und in der politischen OeffentHchkeit vieler Staaten das große jüdische Aufbauwerk in Palästina mit Sympathie begleitet und politisch gefördert wird. Eine wichtige Aufgabe wird es jetzt sein, alle Freunde des Zionismus sowohl in Europa wie vor allem auch in Amerika zu mobilisieren und durch eine verstärkte Aufklärung innerhalb der internationalen Oeffentlichkeit und auch in England selbst, aller Welt zu Bewußtsein zu bringen, wie ungerecht, wie sehr in absolutem Widerspruch zum Mandat stehend und wie letzthin auch ergebnislos die neue englische Politik in Palästina sein würde. Regierungen sind nicht ewig und politische Konjunkturen wechseln sehr schnell. Die Erklärung der englischen Regierung bedeutet nicht, daß England die im Mandat verankerte Politik der Baifour-Dcklaration preisgibt. Wir glauben nicht, daß die jetzige Regierungserklärung die wahre Stimmung und politische Haitung Englands ausdrückt. Sie ist der Ausdruck der politisehen Tendenzen der englischen Beamtenschaft, der sich allerdings die jetzige Regierung angeschlossen hat. Die zionistische Arbeit, die politische und insbesondere die ökonomische in Palästina selbst, wird unverändert fortgesetzt werden. Wir haben, auch wenn man zunächst weitere Bodenkäufe unsererseits hindern wird, ausreichende Boden flächen, um Tausende jüdischer Familien in Palästina anmsiedeln und die Zahl der Juden auf dem Lande noch zu verdoppeln. Wir haben, selbst wenn man eine Weile kein!' neue Immigration einlassen wird, im Lande selbst genügend geeignetes Menschenmatcrial für diese Erweiterung unseres Kolonisationswerks. Die glänzenden Resultate der industriellen Entwicklung des Landes, die fast gänzlich der Initiative de־ einwandernden Juden zu verdanken ist, beweisen, welche großen industriellen Aufbaumöglichkeiten wir außerdem in Palästina haben. Die ungeheure Erregung, die die englische Regierungserklärung in allen jüdischen Kreisen auslöst, wird sich daher in einer verdoppelten Energie der politischen Aktion und der Aufbringung der Geldmittel für die Fortsetzung unseres Siediungs- Werkes auswirken. Die Stimmung in Palästina selbst ist, wie ich mich in den letzten Wochen überzeugen konnte, fest und trotz allem zuversichtlich. Die ökonomische Lage im Lande ist relativ günstiger als in fast allen europäischen Ländern. Und wenn auch die Zahl der Juden in Palästina bisher nur 180000 beträgt, so fühlen sich diese Menschen doch als durchaus verwurzelt in diesem Lande, dessen Physiognomie sie bereits heute in entscheidender Weise gestaltet haben. Es gibt keinen Zionisten, der glaubt, daß irgendwelche politischen Schwierigkeiten imstande sind, das jüdische Volk in seinem Entschluß, sein nationales Heim in Palästina zu errichten, wankend zu machen. Denn in diesem Aufbauwerk sehen wir die einzige Lösung der Judenfrage, deren Existenz wir gerade in Deutschland wieder in einer brutalen Sichtbarkeit erleben. Worin die Maßnahmen der Leitung der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency im einzelnen jetzt bestehen werden, wird nach dem Zusammentritt der entscheidenden Instanzen der Bewegung in den nächsten Wochen geklärt werden. Das Echo, das die englische Regierungserklärung bei allen jüdischer! am Palästina-Aufbau interessierten Kreisen Europas und Arnerikas gefunden hat, berechtigt zu der Ueberzeugung, daß wir auch die Mittel und Energien haben werden, die Arbeit verstärkt durchzuführen und so eine neue Konjunktur zu schaffen und die englische Politik zu der Erkenntnis des folgenschweren Fehlers zu bringen, den sie durch ihren neuen Kurs begangen hat, und eine Revision dieser Politik in absehbarer Zeit herbeizuführen. Dr. Georg Landauer, der die Pressekonferenz leitete, gab hierauf Erklärungen zu dem den Journalisten überreichten Material. Nach Beantwortung einiger Fragen ־aus dem Kreise der Journalisten durch Dr. Gold mann wurde die Pressebesprechung geschlossen. Initiativkomitee der Agency Wie wir hören, beabsichtigt Herr Direktor Oscar Wassermann das Initiativkomitee für die Erweiterung der Jewish Agency in Deutschland an einem noch nicht fegtgesetzten Tag des Monats November nach Berlin einzuberufen. * Am 26. Oktober findet in Frankfurt a. M. eine Bezirkstagung der Jewish Agency unter Vorsitz von Justizrat Dr. Blau statt. Das Hauptreferat hat Direktor Oscar Wassermann übernommen. Jewish Agency-Kandgebang in Stuttgart Verstärkung des Arbeitswillens In Deutschland In einer ausgezeichnet besuchten Veranstaltung der Jewish Agency am 18. Oktober, sprachen die Herren Dr. Eduard Strauß (Frankfurt a. M.) und Dr. Adolf Friedemann (Amsterdam) über ״das deutsche Judentum und der Palästina- Aufbau“. Ihre Referate fanden stürmischen Beifall und bildeten den Auftakt für eine Werbeaktion zugunsten des Keren Hajessod, die zurzeit noch durchgeführt wird. Ueber den Fortgang der Arbeit erhielt das Zentralbüro des Deutschen Keren Hajessod vom Jewish Agency-Komitee in Stuttgart einen Bericht, dem wir den folgenden für die psychologische Rückwirkung der neuen Situation außerordentlich charakteristischen Passus entnehmen: ״Bei unserer Werbetätigkeit ist besonders bemerkenswert, daß die englische Regierungserklärung über Palästina nicht nur nicht lähmend, sondern sogar anfeuernd und befördernd einwirkte... Es war sehr interessant, von verschiedenen Seiten zu hören, daß man sich' durch die Regierungserklärung in keiner Weise in den Erwartungen für den Palästina-Aufbau beirren ließ. Diese Tatsache ist psychologisch sehr wichtig und wird Sie sicher interessieren.“ Die Wahlen in Polen Warsc h au, 17. Oktober. (J. T. A.) Die staatliche Wahlkommission hat 13 eingebrachte Wahllisten bestätigt. Unter diesen sind 5 jüdische Listen, 6 polnische, eine Liste der ukrainischen und weißrussischen Minoritäten und eine deutsche Liste. In Ostgalizien standen sich zwei zionistische Listen gegenüber, die offizielle der Landesexekutive mit Dr. Osias Thon, Dr. Rosmarin und Dr. Schreiber an der Spitze und eine zweite, die von den Anhängern der Warschauer Grünbaum-Richtung eingebracht worden war. Die Liste der Landesexekutive ist auf Grund von Verhandlungen zwischen allgemeinen Zionisten, Hitachduth und Misrachi zustande gekommen und sieht Kandidaturen von Vertretern aller dieser Fraktionen in einzelnen Wahlkreisen vor. Nach neuesten Meldüngen hat sich Grünbaum entschlossen, die Liste seines Blocks in Ostgalizien zurückzuziehen. Warschau, 19. Oktober. (J.T.A.) Der aus Agudah, Folkisten und kaufmännischen Organisationen gebildete sögenannte jüdische nationale Wirtschartsblock ist infolge von Differenzen zwischen Agudisten und Folkisten gesprengt worden. Knapp vor Ablauf der Anmeldefrist für Wahlvorschläge haben nun die Folkisten gemeinsam mit den Wirtschaftsorganisationen in den Wahlkreisen Warschau und Lodz eigene Kandidatenlisten unter dem Namen ״Block zur Verteidigung der jüdischen wirtschaftlichen Rechte“ eingebracht.