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Jüdische Rundschau · 1930-10-21 · Heft 83 (21.10.1930) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 83 (21.10.1930)
Date
1930-10-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 536 jUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 83, 21. X. 1930 suche von Shicls aktuell erscheint — auf einer wichtigen Etappe ihres Weges befindet. ln diesen Tagen wird der Regierung der Vorschlag für die Ausgabe der Zertifikate im nächsten Halbjahr überreicht. Die Eingabe hat nach den Ereignissen des letzten Jahres — Kampf gegen die Sperrung der Einwanderung — eine besondere Bedeutung. Mit der Ausarbeitung des Vorschlages war dieses Mal, wie in den letzten Jahren üblich, eine Prüfung der jüdischen Wirtschaft verbunden, um festzustellen, welche Möglichkeiten sich für den Import neuer Arbeitskräfte bieten. Die allgemeine Arbeiterorganisation hat jetzt der Jewish Agency einen Voranschlag übergeben, in dem festgestellt wird, daß im nächsten Halbjahr etwa 2700 Arbeiter Aufnahme finden können. Die Möglichkeiten, die sich bieten, sind andere als im Vorjahre. Während des Winters 1920/1930 absorbierten die Kolonien den Großteil der Ankömmlinge. Die sich stark entwickelnde Plantagenwirtschaft, die aus privaten Kapitalien gespeist wurde, war ein bedeutendes Aufttahmebccken für die einströmende Arbeitskraft. Dieses Jahr scheint sich das Bild zu ändern. Die Arbeitskräfte werden vor allem für Bauunternehmungen gcfordert, und zwar für Werke, die in erster Reihe durch nationale Fonds — Keren Haesrah, Keren Hajessod usw. — erhalten werden. Einen gewissen Einfluß wird auch die Ansiedlung von vierhundert Kolonisten 1n der Orangen- Zone haben, da sie alte Arbeitsplätze frei macht. Schließlieh spielen die Unternehmungen der Regierung eine Rolle. Die Kolonien sind selbstverständlich aus der Rechnung nicht ausgeschaltet, denn die Arbeit ist nur verlangsamt, nicht aber gestoppt worden. Es sind für diesen Winter ungefähr 5000 Dunam Neupflanzungen geplant, was an und für sich nicht wenig ist, jedoch, an den 14000 Dunam des Vorjahres gemessen, einen Rückschritt bedeutet. Man erkennt an diesen Zahlen am besten die Hemmung, die die politischen Verhältnisse für die Betätigung des Privatkapitals bedeuten. Und es ist charakteristisch, daß im Moment, wo eine Verlangsaraung des Kapitaleinflusses beginnt, den nationalen Fonds wieder erhöhte Bedeutung als Arbeitsquelle zukommt. Der Vorschlag der Histadruth wird zurzeit von der Exekutive der Jewish Agency geprüft und wird — eventuell mit Aenderungen — der Regierung vorgelegt werden. Nach Bewilligung der Zertifikate würde dann der Kampf am die Immigration, der für das letzte Halbjahr charakteristisch war, seinen Absehlaß finden. * Jerusalem, 10. Oktober. (J.T. A.) Colonel Kisch hat von Dr. S h I e 1 s einen Brief erhalten, in welchem dieser der jiidischen Tatkraft, die überall auf den Gebieten der Landwirtschaft und der Industrie große Erfolge erzielt habe, seine vollsteAnerkennung ausspricht. Die Wahlen in Oesterreich Von unseren* w. st.-Korrespondenten. Wien, Mitte Oktober 1930.. Der Parteirat der österreichischen Zionisten als entscheidende Instanz hat in seiner Ätzung am 9. Oktober mit überwältigender Mehrheit — bei Stimmenenthaltung der Radikalen — t den Beschluß geftißt, bei den «m 9. Novembef sfattfindenden' Wahlen in den Nationalrat von der Aufstellung eines zionistisehen Kandidaten Abstand zu nehmen. In dieser gleichen Sitzung erklärte Oberbaurat Stricker namens seiner Oruppe, sich nicht durch diesen Beschluß als gebunden zu betrachten. Tatsächlich wurde denn auch unmittelbar nachher eine ״Jüdische Liste‘‘ auf gestellt, als deren Listenführer Oberbaurat Stricker fungiert. Dieser Vorgang hat begreiflicherweise eine längere Vorgeschichte. Dem im vergangenen Winter gewählten Landeskomitee war es nach langen Bemühungen gelungen, bei den eigenen Anhängern beinahe restlos alle Bedingungen durchzusetzen, die die Radikalen für den Wiedereintritt in die Landes- Organisation gestellt hatten. Der Wiedereintritt wurde zwar daraufhin vollzogen; aber zunächst nur in der Weise, daß man nicht an der Leitung teilnahm, sondern damit auf den in Aussicht stehenden Dclegiertentag wartete. Um nun den Nichtzionisten nicht das Schauspiel eines Bruderkampfes zu geben, bot das im Amt befindliche Landeskomitee den Radikalen Verhandlungen über die Zusammensetzung der künftigen Leitung an. Dieses Angebot wurde mit der Begründung zurückgewiesen, daß gerade ein Wahlkampf anläßlich des Delegiertentages von hohem Wert für die Belebung der Zionistischen Organisation sei. So erlebte man denn in dem schwer zerrütteten zionistisehen Leben Oesterreichs einen erbitterten Wahtkampf, der die Hoffnungen der Radikalen, die sich bei jeder Gelegenheit rühmten, eigentlich die Majorität zu repräsentieren, schwer enttäuschte, da die allgemeinen Zionisten die sichere Mehrheit aller Delegiertenmandate erlangten. Auf dem Delegiertentag erhoben die Radikalen neuerdings eine Forderung, von deren sofortiger Erfüllung sie den Eintritt in die Leitung abhängig machten. Sie verlangten, daß dieser Delegiertentag entscheide, ob die österreichische Organisation sich weiterhin als politische Partei betrachte und die daraus sich ergebenden Konsequenzen zu ziehen gewillt sei. Darunter verstanden sie Bekenntnis zur aktiven Landespolitik und sofortigen Aus- Schluß aller in einer anderen — soll heißen: Sozialdemokrat!- sehen — Partei organisierten Anhänger. Obwohl die allgemeinen Zionisten die grundsätzliche Berechtigung dieser Forderungen durchaus anerkannten, beschlossen sie doch und mit ihnen die Majorität des Delegiertentages, die Frage zu prüfen, für die zahlreichen Gesinnungsgenossen einen Ausweg zu •finden, die sich aus den verschiedensten Gründen der Sozialdemokratie angeschlossen hatten. Die Lösung, eine eigene politische Partei zu schaffen, lag nahe; doch hatten die Radikalen erklärt, ein Aufgeben der politischen Funktion durch die Landesorganisation bedeute auch den Verzicht auf Beteiligung an Wahlen in die Kultusgemeinde, was begreiflicherweise reiflicher erwogen werden mußte. Der Dclegiertentag, der im Juni versammelt war, übertrug daher die Entscheidung dem im September einzuberufenden Parteirat. Alle diese Erörterungen standen unter der Voraussetzung einer bereits in Beratung befindlichen Aenderung des österreichischen Wahlrechtes zugunsten der kielneren Parteien, so daß bei einer künftigen Wahl doch einigermaßen auf einen Erfolg gerechnet werden konnte. Gerade diese Wahlreform war wohl neben den stürmischen Erfolgen der Nationalsozialisten in Deutschland und rein persönlichen Motiven ein starker Antrieb für Seipel und Vaugoin, durch den Sturz Schobers eine Nationalratswahl vor der Aenderung des Wahlrechts so rasch durchzuführen, daß alle Nichtvorbereiteten durch die Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit überrannt würden. Diese Uebermmpelung ist denn auch größtenteils geglückt. Besonders wir Zionisten, für die die Landespolitik ja doch angesichts der schwierigen Situation unserer Bewegung von sekundärer Bedeutung ist, standen in doppelter Hinricht vor einer Entscheidung. Einmal war die prinzipielle Anerkennung oder Ablehnung der Laudespolitik noch nicht ausgesprochen, andererseits aber mußte über die aktuelle Fr^ge der Beteiligung an dem bevorstehenden Wahlkampf entschieden werden. Die zunächst unter den allgemeinen Zionisten geführten Diskussionen ergaben einmütig, daß bei dem bestehenden Wahlrecht ein Erfolg ausgeschlossen sei, denn die zionistischen Stimmen in den übrigen Wahlkreisen müßten sicli mindestens verdreifachen, um das erste Mandat in dem judenreichsten Wahlkreis zu erlangen, durch das dann die Stimmen in den übrigen Wahlkreisen zur Geltung kommen könnten. Obwohl sich in der letzten Zeit auch eine deutliche Ernüchterung unter den jüdischen Wählern gezeigt hatte, ist doch unter der drohenden Putschgefahr durch Heimwehren und Hakenkreuzler diesmal kaum schon eine Abwanderung von der Sozialdemokratie zu erwarten, während gerade in dem entscheidenden Wahlkreis die Zahl der ״demokratischen“ Wähler sehr gering ist, aut die man bei der charakterlosen Haltung der ״demokratischen Mittelpartei“ bei der Bildung des Schoberblocks möglicherweise hätte rechnen können. Die maßgebenden zionistischen Instanzen wollten vor allem wegen dieser völligen Aussichtslosigkeit einer Wahlbewerbung nach den Mißerfolgen der früheren Nationalratswahlen das Ansehen der Bewegung nicht neuerdings auts Spiel setzen; ohne sich aber der Möglichkeit zu begeben, im gegenwärtigen Zeitpunkt etwa durch Unterhandlungen Politik zu treiben, die doch nicht immer nur Wahlpolitik sein muß. Diesen Erwägungen waren die Radikalen unter Führung von Stricker nicht zugänglich. Sie sprachen in der Sitzung am 9. Oktober dem Parteirat das Recht eines Beschlusses über die Beteiligung am Wahlkampf ab, da er auch von Leuten gewählt sei, die durch ihre Zugehörigkeit zur sozialdemokratischen Partei nicht objektiv bleiben könnten. Ganz unbekümmert um Erfolg oder Mißerfolg soll die Kandidatur Stricker als Demontration gelten. Dabei ist es zweifellos klar, daß sich die Juden Oesterreichs, die nicht eingeschworene Sozialdemokraten sind, in einem schweren Dilemma befinden, da die engen Beziehungen der Christlichsozialen zur Heimwehr, besonders ihre letzten reaktionären Husarenstückchen, es unmöglich machen, sie zu wäh> kn. Der Schober-Block aber hat sich durch seine offenkundig antisemitische Einstellung erledigt, da er trotz Schobers gutem Willen die demütig winselnden ״Demokraten“ nicht nur nicht aufnahm, sondern selbst einen ihnen nahestehenden arisehen Kandidaten ablehnte, obwohl gerade die demokratische Presse die Idee des Schober-Blocks erfunden hatte und ihn die Wirtscliaftsführer, worunter sich natürlich Juden befinden, finanzieren. Noch ist die Parole vom zionistischen Landeskomitee nicht ausgegeben, denn die Kandidatur Strickers durch die Radikalen ist als Sonderaktion aufzufassen, für die die gewählte und verantwortliche Leitung die Verantwortung ablehnt und dies auch öffentlich feststellt. Das Wahlkomitee für die ״J ü d i s c h e Liste“ in Wien (Listenführer Robert Stricker) veröffentlicht einen Aufruf, in welchem es u. a. heißt: ״Aus der Erkenntnis heraus, daß das in seiner Sicherheit und Ehre bedrohte Judentum Oesterreichs nicht stumm bleiben darf und die Möglichkeit haben muß, vor dem österreichischen Volke und vor der ganzen Welt seine Stimme, die unverfälscht jüdische Stimme, zu erheben, hat sich eine Vereinigung jüdischer Männer und Frauen dazu entschlossen, mit einer jüdischen Liste in den Wahlkampf einzutreten. Keine der bisher im Parlamente vertretenen ■und keine der jetzt wahlwerbenden Parteien will und kann Vertreterin bedrohter jüdischer Interessen, ״Judenschutztruppe“, sein.“ Die jüdische Wahlfront in Polen .. .. ..Von unserem Korrespondenten. ... - g. Warschau, 18. Oktober 1930. Die erste Phase der Wahlvorbereitungen in Polen Ist nun zu Ende, und es ist erst jetzt, nach Einreichen der Wahllisteni, möglich, die gesamte Situation, soweit sie die Juden betrifft, zu übersehen. Es waren sehr komplizierte, langwierige und spannungsvolle Verhandlungen während der letzten Wochen. Trotz alledem siegte die erste Grundeinstellung der_ Mehrzahl der Zionisten Kongreßpokns: diesmalhaben die Zionisten inder gesamten Republik keinen Block mit irgendeiner anderen politischen Partei, weder nichtjüdischen noch jüdischen, geschlossen. Also weder ein Minoritätenblock (mit Ausnahme einiger Wahlbezirke 1n der Lodzer und Warschauer Wojewodschaft, wo eine örtliche Verständigung mit den Deutschen zustande kam), noch ein allgemein-jüdischer Block. Diesen erstrebten zwar prinzipiell die Zionisten, hielten es aber für unmöglich, sich mit der reaktionären Agudah zu alliieren. Diese Auffassung siegte auch endlich, trotz des Schwankens, in Kleinpolen, und so ist es zum ersten Male in Polen (bzw. in Kongreßpolen) geschehen, daß zu den Parlamentswahlen eine selbständige zionistische. Liste (umfassend alle Fraktionen) auftritt. Wären die allgemeinen Bedingungen hier normal, könnte man die bevorstehende Wahlschlacht als Prüfstein und Gradmesser für die Stärke der zionistischen Bewegung in Polen betrachten. Jedenfalls bedeutet dieser Schritt eine große zionistische Verantwortung und erfordert von samtliehen Zionisten in Polen das Aufgebot aller Kräfte, um trotz der ungünstigen äußeren Bedingungen dem Zionismus einen Sieg zu sichern. Leider konnte ein einheitliches Auftreten der Zionisten samtlieber Landesteile nicht erreicht werden. Schon war man dessen sicher, nachdem die allgemeinen Zionisten Ostgaliziens (die Föderationen, Misrachi und Hitachduth traten geschlossen in ganz Polen auf) auch eine Verbindung mit der Agudah ablehnten und eine Verständigung mit den Zionisten Kongreßpolens, erzielten. Im letzten Augenblick zogen sich aber die allgemeinen Zionisten Ostgaliziens mit einander widersprechenden Motivierungen teils prinzipieller, teils taktischer Natur zurück. Dieser Beschluß hat in den Kreisen der Mehrheit der Zionisten Kongreßpolens und bei den Föderationen starke Erregung hervorgerufen, wiederum prallten die alten Gegensätze zusammen, und kurze Zeit schien es, daß in Galizienzwei zionistische Listen konkurrierend auf treten werden. Dank den Bemühungen verschiedener Kreise ist nun solch trauriges Schauspiel vermieden worden, doch gelang es nicht.mehr, eine einheitliche zionistische Front herzusteUen. Beide zionistischen Listen (in Kongreß- und in Kleinpolen) umfassen •sämtliche aonistischen Föderationen, treten in den Wahlkampf mit derselben Losung ,.Kampf für die Rechte des jüdischen Vo 1־ kes in Polen“ ein, marschieren jedoch getrennt zum selben Ziel. (Die eine Reichsliste führt Grün bäum, die andere Dr. Thon.) Die Agudah in Polen, welche bei den letzten Sejmwahlen keinen einzigen Abgeordneten selbständig durchzusetzen vermochte, und nur dank der Regierungspartei einen aus der Regierungsliste hervorgegangeneii Kandidaten geschenkt bekam, wiederholt jetzt wiederum dasselbe Spiel. Einerseits ״assekurieren“ sich die Agudahführer auf den Reichslisten der Regierungspartei, und gleichzeitig stellen sie in den Wahlbezirken! eigene Listen auf. Zu ihnen gesellen sich manche Führer der wirtschaftlichen jüdischen Verbände, die jedoch nur einen Teil der Kaufmannschaft und des Handwerkertums vertreten, da der Großteil wohl die zionistischen Listen unterstützen wird. Die kleine Gruppe der ״Folkisten“, die fast ohne Einfluß sind, hatte sich <J.•: Agudah angesclilossen, aber im letzten Augenblick zeigten sich starke Reibungen persönlicher Natur, und die Verbindung kam nicht zustande. Eine jüdische sozialistische Front gibt cs auch nicht. ״Bund“ und Linke Poale Zion treten gesondert auf. Dagegen hielten die Rechte Poale Zion cs diesmal. für angebracht, einen Wahlblock mit dem ״Bund“ zu schließen. Bei den letzten Sejmwahlcn forderte die Rechte Poale Zion ihre Parteianhänger auf, die — polnischen Sozialisten zu unterstützen. Auch diesmal hielten sie cs für unmöglich, sich der rein zionistischen Liste anzuschließen und zogen es vor, mit dem größten Feind des Zionismus in Polen, der jetzt schon allerdings mit ihnen derselben sozialistischen internationale angehört, eine Verbindung einzugehen. Es muß bemerkt werden, daß dabei wohl keine opportunistischen Gründe ausschlaggebend waren, da nicht nur die Poale Zion, aber auch der ״Bund“ keine Aussicht haben, auch nur ein Mandat zu erober!!. Die Rechte Poale Zion gibt an, vom ״Bund“ eine Erklärnng erhalten zu haben, wonach er die Einheitlichkeit des produktiven jüdischen Proletariats in der ganzen Welt (also auch in Palästina) anerkennt, und daß der ״Bund“ sich verpflichtet habe, wahrend des Wahlkampfes gegen den Arbeitszionisimis nicht aufzutreten. Es gibt nun in den zionistischen Reihen solche, die meinen, daß wenn dies den wahren Tatsachen entspräche, das Vorgehen der Rechten Poale Zion vom zionistischen Standpunkt nicht verurteilt werden könne. Die überwiegende Mehrheit der Zionisten in Polen hat aber diesen Schritt der Poale Zion mit großem Befremden aufgenommen. Der richtige Wahlkampf beginnt erst jetzt in Polen. Die Lage der Juden ist in jeder Beziehung so traurig, daß Pessimisnnis und Apathie noch immer vorherrschen. Von den Zionisten hängt es ab, daß die jüdischen Massen aufgerüttelt und zum Kampfe aufgerufen werden. Zeitschriften - Schau Ernst Ludwig Pinner preist in der ״Deutschen Allgemeinen Zeitung“ vom 15. Oktober Konstantin Brunners Buch ״Von den Pflichten der Juden und von den Pflichten des Staates“ (von uns seinerzeit ausführlich besprochen) in einer längeren Betrachtung an. Es heißt darin: ״Nicht minder wichtig ist aber, daß die Juden der ihnen durch die Emanzipation auferlegten Pflicht sich erinnern und sie erfüllen. Bedrängt durch den Judenhaß, gleiten sie in ihre alte Schuld zurück, die Absonderung. Die sinnlose Hoffnung, ihnen werde ,ihr‘, jetzt von andern Menschen bewohntes Land zurüokgegeben werden, lebt wieder auf und verführt zu der Fiktion von der jüdischen Nation. Das schattenhafte Volk-Nichtvolk erwacht zu neuem Scheinleben und entreißt auch viele deutschen Juden dem lebendigen Zusammenhang mit ihrer wirklichen, der deutschen Nation. Nichts hat Religion mit der Staatsregierung und der nationalen Einheit zu schaffen. Die Deutschen jüdischer Abstammung sind Deutsche, aber sie müssen ihr Deutschtum auch wissen und wollen, ,unzwistigen Herzens‘. Es darf für sie keine Sonderhoffnung geben, wie der Zionismus sie proklamiert und die Nichtzionisten sie unterstützen oder dulden. Als Gegengift gegen das Gift der Separation will Brunner die Juden infizieren mit seiner leidenschaftlichen Liebe zu Deutschland und dem ״Deutschtum“. Für einen ehemaligen Zionisten sind Stil und Ton eine ״respektable“ Leistung. Pinner merkt nicht einmal, daß er mit seiner zionistischen Gesinnung offenbar auch jedes Verständnis für fortschrittliche Auffassungen von Staat, Volk und Freiheit der Persönlichkeit, der individuellen und kollektiven, eingebüßt hat. hficht umsonst wird er von Kreisen als Kronzeuge gegen den Zionismus m Anspruch genommen, die jttdtefch una mensefilieh in einer Zeit wurzeln, welche sich in Selbstbetrug gefiel und der ernsten Auseinandersetzung mit den Tatsachen aus dem Wege ging. Der ״Völkische Beobachter“ brachte vor einigen Tagen Auszüge aus einem von Jacques M a I e h verfaßteii Artikel der in französischer Sprache geschriebenen angeblich jüdischen^Zeitung ״L’Aurore“ in Cair0f in welchem davon die Rede ist, daß eine wirtschaftliche Pression gegen ein Hitler- Deutschland gefordert wird, um den angeblich drohenden Pogrom zu verhindern. Der ״Völkische Beobachter“ überschreibt seine Mitteilung mit: ״Die jüdische Volksgemeinschaft aller Länder wird aufgefordert, das deutsche Volk zugrunde zu riehten und auszuhungem“, und beginnt seinen Kommentar mit dem Satze: ״Alljuda hat also die Katze aus dem Sack gelassen“. In der j,G-V.-Zeitung“ bemerkt hierzu Dr. A. Hirschberg: ״. . . Ein unbekannter Jacques Maleh soll nicht nur seine wenigen Abonnenten in Cairo, sondern sogar die ,Weltjudenheit‘, ,Alljuda‘, vertreten und ihnen Direktiven geben können. Ek>ch Jacques Maleh hin — Jacques Maleh her. Wir deutschen Juden verbitten uns grundsätzlich Einmischungen unberufener Elemente in innerdeutsche Geschehn i s s e. Wir kennen keine jüdischen Sonderbestrebungen in Deutschland, sondern, wie wir stets betont haben, nur einen . Deutschen. Und gegen jede Bestrebung, die diesen Druck verstärken will, werden wir uns mit allen anderen Deutschen für das gemeinsame Vaterland zur Wehr setzen.“ (So ähnlich haben auch die ungarischen und türkischen Juden geschrieben, als sich die ausländischen Juden zu den antisemitischen Vorkommnissen in Ungarn und in der Türkei äußerten. Allerdings waren die Regierungen der genannten Länder antisemitisch, während in Deutschland Reichsregierung und preußische Staatsregierung unbedingt auf dem Standpunkte völliger Gleichberechtigung der Juden stehen. — Red.) Die ״Politische Wochenschrift“, ein Organ der Volkskonservativen, bringt in ihrer Nummer vom 27. September einen Aufsatz von Voßwinkel über ״Die Dummen von Zion“, der sich zwar in der Gesinnung von dem hetzerischen Antisemitismus der Hakenkreuzler unterscheidet, aber dafür leider von einer geradezu unglaublichen journalistischen Leichtfertigkeit und Verantwortungslosigkeit zeugt. Die ״Dummen von Zion“ sind die palästinensischen Juden, die sich ausnützen und eventuell totschlagen lassen, sowie ihre sentimental-dummen Geldgeber, — während nicht nur England mit jüdischem Gelde seine imperialistischen Zwecke durchsetze, sondern auch gewisse ״Drahtzieher“ des Zionismus, wie — Chaim Weizmann, Herbert Samuel und Lord Melchett (den Voßwinkel, mit unfehlbarer Genauigkeit, immer ״Melstett“ nennt) in Oel spekulierten und glänzend verdienten... Es genügt wohl, das Geschwätz, das leider in einer sonst ernsten Zeitschrift erschienen ist, niedriger zu hängen. * Die ״Deutsche Allgem eine Zeitung“ brachte am 5. Oktober einen Aufsatz von Elise von Hoffgarten über״ Frauenfragen in Palästina“, worin die ״aus Europa eingevvanderte, zum Teil mit dem erlesensten Rüstzeug moderner praktischer und wissenschaftlicher Kenntnisse ausgestattete Zionistin“ ebenso gerühmt wird wie die hebräische Mädchenerziehung in Palästina. A.P.

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