Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 81-82 (17.10.1930)
- Date
- 1930-10-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 530 ]UED!SCHI RUNDSCHAU Nr. 81/82. 17. X. 1930 Eya Reichmann-Jungmann, die Qrundlagen und Ziele des Nationaldeutschen Judentums Max Naumann. Mit dem religiösen Problem beschäftigt sich nur Leo Baecfc in einem Aufsatz über ״Die jüdische Religion in der Gegenwart“ und Josef Hof mi 11 er (Rosenheim) in einer Betrachtung der jüdischen Bräuche und des jüdischen Gottesdienstes und den Analogien hierzu bei anderen Religionen, weil es sich, wie der Herausgeber schreibt, aus der Anlage des Heftes ergibt, daß weniger das religiöse Problem, als das Problem des Zusammenlebens mit Nicntjuden im Blickpunkt des Interesses der Mitarbeiter stand. Auf die Argumentation der jüdischen Richtungen ein zugehen oder sie wiederzugeben, erscheint mir nicht am Platze; weit wichtiger ist es dagegen, die Acußerungen des nichtjüdischen Teiles der Mitarbeiter kennenzulemen. Carl Maria Kaufmann (Frankfurt a, M.) beweist in seiner Arbeit ״Katholizismus und Judentum“, daß der Katholik als solcher kein Antisemit ist und den Juden weder als Angehörigen einer Nation, einer Rasse, einer Blutgemeinschaft, noch als Bekenner der mosaisch-talmudischen Religion bekämpft, ihm tegenüber also religiöse (politische und persönliche, nicht ogmatische) Toleranz übt. Unter dem Titel ״Evangelische Kirche und völkische Bewegung“ zeigt Emst M o e r i n g (Breslau), daß die evangeüsche Kirche aus der Erkenntnis der Unhaltbarkeit judenfeinalicher Argumente den Antisemitismus ablehnen müsse, aus Rücksicht auf ihre Stellung in Deutschland aber gezwungen ist, eine indifferente Haltung einzunehmen. Die innerhalb der evangelischen Kirche zuweilen auftretenden Sympathieerklärungen gegenüber der völkischen Bewegung resultieren nicht aus dem Wesen und der Ueberzeugung der Kirche, sondern beruhen einzig und allein auf ihrer soziologischen Struktur. Ueber ״Nationalismus und Judenfrage'‘ schreibt Ernst Jünger (Berlin). Für die wirksamste Waffe gegen die Juden, ״die Meister aller Masken“ hält er, sie zu sehen, was er dadurch zu erreichen vorgibt, daß das deutsche Volk sich seiner Eigenart bewußt wird. ״Die Erkenntnis und Verwirklichung der eigentümlichen deutschen Gestalt“, schreibt er, ״scheidet die Gestalt des Juden ebenso sichtbar und deutlich von sich ab, wie das klare und unbewegte Wasser das Oel als eine besondere Schicht sichtbar macht... Dann wird für den Juden auch der leiseste Wahn, in Deutschland Deutscher sein zu können, unvollziehbar werden, und er wird sich vor seiner letzten Alternative sehen, die lautet: in Deutschland entweder Jude zu sein oder nicht zu sein.“ Graf Ernst Reventlow bemüht sich, in der Gegenüberstellung ״Deutsche — Juden“ mit allen ihm zur Verfügung stehenden flachen Argumenten, einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Deutschen und Juden nachzuweisen. Flachheit ist noch verzeihlich, wenn aber im vollen Bewußtsein der eigenen Unehrlichkeit Pfeile wütenden Hasses abgeschossen werden, so erscheint die Sache bedenklich. Dann läßt man die Finger davon und verachtet auf eine Auseinandersetzung. Nachstehend einige Beispiele, die auf die Mentalität des Verfassern schließen lassen: ״Wenn jemand erklärt, er sei gegen Ein- Wanderung von Mongolen und Negern, so wird kein Jude und Judenfreund etwas dagegen einwenden.... In Deutschland gibt es nichts, vom pazifistischen Internationalismus bis zum rilm und Schmutz und Schund, was nicht von den Juden benutzt und beherrscht und psychologisch berechnet, angewandt würde, um das, was wir Deutschtum nennen, zu zersetzen, zu vernichten und zu verfälschen. Man erklärt unser deutsches Ideal für lächerlich, kulturwidrig und bestrebt sich, jüdische Ziele und die jüdischen Auffassungen dem Deutschen unter allen möglichen Masken und Verschleierungen einzuimpfen.“ Bei Theodor Fritsch, der noch speziell die Geschiente der antisemitischen Bewegung behandelt, paart sich bewußte Unehrlichkeit mit naiver Angst und Unwissenheit. Geniale Aussprüche nachstehender Art zeugen davon: ״Die jüdischen Leiwen begnügen sich nicht mit der Gleichberechtigung: sie fordern Vorrechte für die Juden.... Me Juden bilden einen Bund für wirtschaftliche und politische Interessen.... Henry Ford mußte unter den wirtschaftlichen und leiblichen Bedrohungen des Judentums sein Buch zurückziehen.... Der Cu-clux-Clan war anscheinend auf Anstiften der Juden zur Irreführung und Lahmlegung der Geister ins Werk gesetzt. Me Haltung, die der Faschismus in Italien dem Judentum gegenüber einnimmt, bespricht Kurt Kornicker (Rom). Als die drei wichtigsten Gründe für die Freiheit, welche die Juden in Italien genießen, sieht er an: 1. Me geringe Zahl der Juden 1m heutigen Italien (zirka öOOOO, d. h. 1V1 %0 der Gesamtbevölkerung). Z Me Aehnlichkeit der Juden und Italiener im Aeußeren. 3. Me nationale Gesinnung der Juden, die aus der gewährten Oleich- Stellung entsprungen ist. Theodor Seibert (Hamburg) verwirft bei der Behandlung des Themas ״Das Judentum im Sowjetstaat“ auf das entschiedenste die irrige Annahme von der bolschewistischen Judenherrschaft. Er weist nach, daß vielmehr die Juden Rußlands seit der Herrschaft Stalins und den Verfolgungen der Opposition (der bezeichnenderweise fast die gesamte führende Schicht unter den Juden angenört), den ärgsten Unterdrückungen und niedrigsten Beschimpfungen ausgesetzt waren, ja, daß man nicht zuviel sagt, wenn man behauptet, daß es den Juden kaum irgendwo so schlecht geht, wie in Sowjetrußland. Die Sonderstellung, die die Juden ln der sowjetistisenen Siedlungspolitik einnehmen, ist nicht etwa entstanden aus dem Willen zur Lösung der Judenfrage, sondern beruht allein auf einer schlauen Politik, die sich einerseits damit gegen England wendet, gleichzeitig aber in Amerika Eindruck macht und Sympathien erobert. Das Heft ist lesenswert! Auch für diejenigen, die, eingeschworen auf ihre Partei, sich erhaben fühlen über jede fremde Anschauung. Leibo Eichhorn. Zur Frage der wirischaftlidien Neuorientierung Von Berthold Steinberg. Mit dietem Aufsats selten wir die Diskaision aber Wirtschafts- und Berufsfragen der Juden fort. Red. In seiner Artikelfolge ״Wirtschaftliche Neuorientierung“ hat Herr Max Tischler sich mit der wirtschaftlichen Situation der Juden in Deutschland beschäftigt. In der Schilderung der historischen Entwicklung bewegt sich Tischler In Gedankenfingen, die Ich in meinem Aufsatz ״Wirtschaftskrise und Uttelstandspolitik“ im ״Israelitischen Familienblatt״ vom 7. August 1030 entwickelt habe, und auch in seiner Schlußfolgerung der Notwendigkeit einer Berufsumschichtung decken sich seine Anschauungen zum Teil mit den Ausführungen in meinem Aufsatz über ״Berufsumschichtung als jüdische Sozialpolltik“ im ״Israelitischen Familienblatt“ vom 28. August 1030. Wenn ich zu seinem Aufsatz hier Stellung nehme, so geschieht dies ln erster Linie deshalb, weil es mir scheint, daß Tischler die Auswirkungen der Wirtschaftsnot der Juden in Deutschland auf die allgemeine zionistische Lage nicht gen&gend beachtet und daß ihm die Tragweite dieses Wirtschaftliehen Niedergangs in bezug auf die zionistische Gesamtpolitik noch nicht klar zum Bewußtsein gekommen ist. Die von Tischler richtig geschilderte Wirtschaftsnot hat in erster Linie zur Folge, daß der wirtschaftliche Anteil der Juden ln Deutschland am Aufbau Palästinas auf ein Minimum reduziert wird. Meses Faktum, welches in früheren Jahren durch eine verstärkte wirtschaftliche Beteiligung der englischen und amerikanischen Juden hätte kompensiert werden können, Der neue Reldisfag «ml das deuhdie Judenium Am 15. d. Mts. berief die Zionistische Vereinigung für Deutschland und die Berliner Zionistische Vereinigung in die Berliner Spichernsäle dne öffentliche Versammlung ein, in der zu den politischen Ereignissen in Deutschland, besonders unter dein Gesichtswinkel ihrer Rückwirkung auf die Lage der Juden, Stellung genommen wurde. Mese Versammlung war als Auftakt einet Reihe von Veranstaltungen gedacht, welche die Z. V. f. D. im ganzen Reiche organisieren wird, um gerade in dieser bewegten Zeit die deutsche Judenheit über ihre wahre Lage aufzuklären und ihr Erkenntnisse über die sie bewegenden Fragen und die Tendenzen der Entwicklung des jüdischen Lebens zu vermitteln. Die Versammlung in den Spichernsälen war gut besucht und nahm einen sehr guten Verlauf. Der Leiter der Versammlung, der Vorsitzende der B. Z. V., Dr. Willy Schön, erteilte zunächst das Wort Herrn Alfred Berger Meser wies auf das Echo hin, welches die Ergebnisse der Rcichstagswahlen in der jüdischen Presse gefunden haben. Allgemein zeigte sich Bestürzung. Man ging an die Untersuchung der Frage, ob die Methoden der Abwehrarbeit des Central-Vereins wirksam waren oder nicht. Man muß feststellen, daß Im allgemeinen sich die Erkenntnis Bahn bricht, daß die Abwehrarbeit, wie sie bisher, dem Geiste und den Methoden nach, geführt wurde, vollständig versagt hat. Nur eine einzige Stimme, Dr. Ludwig Freund im ״Schild", dem Organ des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, ist der bizarren Ansicht, daß die Abwenrarbeit große Erfolge zu verzeichnen hat. Diese Abwehrarbeit hat aber das Erkennen der wahren Situation verhütet. Und wenn heute von einer notwendigen Einheit gesprochen wird, so muß man sich dagegen entschieden wehren, wenn damit die Absicht verbunden ward, unter dem Deckmantel der Einheit Methoden fortzusetzen, die kostspielig' und völlig nutzlos gewesen sind. Plakate und Broschüren, die von denen, an die sie sich wenden, gar nicht zur Kenntnis genommen werden, sind Selbstbetrug. Redner wandte sich dann gegen die Brunnenvergiftung, wie sie in manchen jüdischen Zeitungen getrieben wird, indem man einen Teil der Juden als unzuverlässig gegenüber anderen im Staatsleben zuverlässigen Teilen der Juden ausspielt. Es gibt eine spezifische wirtschaftliche Judennot, die Arbeitslosigkeit der jüdischen Angestellten übersteigt um 30 0/0 die allgemeine Angestelltenarbeitslosigkeit Der Redner verlangt den stärksten Ausbau der jüdischen Selbstfiilfe, besonders auf soziaTpoMsghem Gebiete. Darlehenskassen, Arbeitsnachweise, Berufsberatung — alf das muß in den Arbeitskreis der jüdischen Gemeinden in umfassendstem Maße einbezogen werden. Die Führung des Schutzes der jüdischen Gesamtheit gegenüber der Umwelt kann am wirksamsten und alleinig nur von den jüdischen Körperschaften öffentlichen Rechts wahrgenommen werden. Redner verlangt die baldigste Schaffung des demokratischen Reichsverbandes der deutschen Juden. Der zweite Redner Fritz Naftali legt dar, daß sich Deutschland gegenwärtig in einer Krise der Demokratie befindet. Die Verfassung von Weimar habe nicht voraussehen können, daß cs einmal ein Parlament mit antiparlamentarischer Mehrheit geben werde. Der Antisemitismus ist eine Oberflächenerscheinung der großen sozialen Gärung in Deutschland. Wir müssen zu den Ereignissen nicht nur vom Standpunkte der Abwehr des Antisemitismus Stellung nehmen, sondern diese auch unter dem Gesichtswinkel der Einordnung in den politisch-sozialen Prozeß betrachten. Redner fordert, daß sich die Juden je nach ihrer wirtschaftlichen Einstellung mit ihrer ganzen Persönlichkeit für alle die Richtungen einsetzen, denen sie sich verbunden fühlen. Er bezeichnet es als feststehend, daß ein großer Teil der deutschen Juden infolge ihrer sozialen und ökonomischen Schichtung dem demokratisehen fortschrittlichen Gedanken anhingen. Redner anerkennt die besonderen jüdischen Interessen, die wir als Volksgemein־ schaft in Palästina besitzen. Er warnt die Juden davor, bei dem großen sozialpolitischen Prozeß, der sich in Deutschland abspielt, als Zuschauer dabei zu stehen. Es ist das Schicksal der Juden, überall, wo sie sind, mit aller Kraft all diese Ueberzeugungen zu vertreten, die sie haben, wobei die gleichzeitige Wahrnehmung der eigenen Volksinteressen der Stellungnahme innerhalb der Länder, in denen sie leben, in keiner Weise zuwiderläuft. Als letzter Redner sprach Kurt Blumenfeld, der das Thema des Abends unter dem Gesichtspunkt der סםlitischen Entwicklung des deutschen Judentums behandelte. Seine Ausführungen dürften für die Behandlung dieser Frage in allen Ortsgruppen erheblich sein; wir werden den Inhalt der Rede in einer der nächsten Nummern bringen. iiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiitiiiiiiiitiiiiiMtiHMriiiiitiiiiiiiiiiitiiiiiHtiiiniiwiiiiiiiiiiMiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiitiiiiiiiiiiifHtiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiitiiiiimiiiiiiiiiiifiwiiiiiiwuniiniiiiiiHminiiwmnin wirkt sich heute in einer die wirtschaftliche Schlagkraft der zionistischen Bewegung stark beeinträchtigenden Weise aus, nachdem die langanhaltende Weltwirtschaftskrise die Lage der Juden in England und Amerika ebenfalls ungünstig beeinfiußt hat. Wenn man, wie Tischler und ich, in dieser Ent- Wicklung nicht eine konjunkturelle Erscheinung sieht, sondern sie als Folge einer strukturellen Veränderung der verschiedenen Wirtschaftsorganismen auffaßt, welche mit innerer Logik die wesentlich in den Berufen des Handels- und Zwischenhandeis tätigen Juden unerbittlich aus dem Wirtschaftsprozeß ausschaltet, so ist die Konsequenz hieraus, daß auch bei Eintreten einer konjunkturellen Besserung die Lage dieser aus dem Wirtschaftsprozeß hinausgedrängten Juden sich nicht wesentlich verbessern wird, wrtm es nicht gelingt, sie in den Wirtschaftsprozeß wieder einzugliedern. Diese Umstellung der jüdischen Arbeit in eine Richtung, welche im Sinne des heutigen Wirtschaftsprozesses produktiv ist, ist aber nur dann zu leisten, wenn über den Gang der wirtschaftlichen Ent- Wicklung völlige Klarheit herrscht. Es bedarf hierzu eines wissenschaftlichen Unterbaues durch systematische Untersuchung aller Wirtschaftsfaktoren und einehender Ueberlegung, wie die Masse der Juden in das äderwerk der Wirtschaft als notwendiger Bestandteil eingefügt werden kann. Es bedarf ferner einer weitgehenden Aufklärung der jüdischen öffentlichen Meinung, die auch heute noch nicht erkennt, daß nur eine Aenderung der Wirtschaftliehen Grundeinstellung, das Aufgeben sozialer Vorurteile und die Unterordnung des Willens des Einzelnen unter höhere wirtschaftliche Gesichtspunkte aus der gegenwärtigen Not herausführen können. Es ist heute keine Frage mehr, daß der Aufbau Palästinas enormer materieller Energien bedarf, die nur von einem Wirt* schaftlich gesunden Diasporajudentum aufgebracht werden können. Es hat sich erwiesen, daß die bisherige Sammet- Politik der Fonds weder in ihren Erfolgen ausreichend ist, noch daß sie es vermag, die Juden der Welt an den Wirtschaftliehen Arbeiten Palästinas genügend zu interessieren und teilnehmen zu lassen. Die Notwendigkeit aber, sowoht die der Oesamtheit dienenden Fonds zu stärken, als auch Mittel in kleinerem und größerem Umfange in privatwirtscfiaftliche Unternehmungen zu investieren und dadurch dem jüdischen Arbeiter Gelegenheit zur Arbeit zu geben, die die Wirtschaftliehe Voraussetzung einer Einwanderung ist, setzt ein Masporajudentum voraus, welches im Kampfe um seine Wirtschaftsexistenz nicht gefährdet ist. Dieses Problem aber ist vom Standpunkt des Zionismus aus ein eminent p oll* tisch es. Da der Aufbau Palästinas das Einsetzen überaus starker wirtschaftlicher Kräfte zur Voraussetzung hat und diese Kräfte nur dann gesammelt werden können, wenn die ganze jüdische Welt sich aktiv an dieser Aufbringung beteiligt, ist es heute ein dringendes Erfordernis der zionistischen Bewegung, sich mit der wirtschaftlichen Situation der Juden in der Welt zu beschäftigen, und die Frage der Produktivierung der jüdischen Arbeit zu einem Bestandteil der zionistischen Politik zu machen. Die Erkenntnis, daß irgend etwas geschehen müsse, hat bereits dazu geführt, daß aie Z. V. f. D. einen Ausschuß eingesetzt hat, der sich mit der wirtschaftlichen Lage der Juden in Deutschland befassen soll. Von der Arbeit dieser Kommission ist bisher nichts in die Oeffentlichkeit gedrungen. Bei der großen Bedeutung, die den zu behandelnden Fragen zukommt, ist zu fordern, daß die Arbeit dieser Kommission in vollster Oeffentlichkeit vor sich geht, damit die jüdische öffentliche Meinung sich mit dem wirtschaftlichen Problem laufend vertraut machen und durch Anregung und Kritik wertvolle Mitarbeit leisten kann. Ich mochte meinerseits dieser Kommission einen Vorschlag unterbreiten, den ich in meinem Aufsatz über ״Berufsumschichtung“ zur Mskussion gestellt habe. In diesem Aufsatz habe ich die Schaffung eines jüdischen Institutes für Wirtschaftsforschung vorgeschlagen, welchem die Aufgabe zufällt, die Struktur der deutschen Wirtschaft genauestens zu durchleuchten und zu untersuchen, welche ‘ Berufe für die in Deutschland lebenden Juden als Existenz gewährend für jetzt und die voraussehbare Zukunft zu betrachten sind. Meses Institut hat die wissenschaftliche Grundlage abzugeben für die vorhandenen und zu schaffenden Berufsberatungsstellen, die, nach wissenschaftlich fundierten Grundlagen arbeitend und eine Politik auf lange Sicht be* treibend, dann wirklich wertvolle Arbeit leisten können. In meinem erwähnten Aufsatz habe ich angeführt, daß die jüdi* sehen Gemeinden an einer Berufsumschichtung, die geeignet ist, als wesentlicher Teil der sozialen Arbeit die Wonlfanrtsetats der Gemeinden zu entlasten, sehr stark interessiert sind. Als Träger dieses Institutes für Wirtschaftsforschung, welches der jüdischen Gemeinschaft zu dienen hat, kommen daher in erster Linie die Gemeinden als Vertreter der Gemeinschaft in Frage. Diese Interessengemeinschaft zwischen Zionistischer Organisation und jüdischen Gemeinden auf dem Gebiete der sozialen Arbeit kann und muß zur gemeinsamen Arbeit führen. Es wird eine Aufgabe der zionistischen Instanzen sein, gemeinsam mit den Gemeinden an die Schaffung eines solchen Institutes heranzugehen. Als weiteren Bestandteil der zionistischen Politik in Deutschland in wirtschaftlicher Hinsicht betrachte ich die regelmäßige und sachgemäße Information der jüdischen Oeffentliehkeit Iba־ alle Wirtschaftsfragen; soweit diese Palästina und Deutschland betreffen. Es bwlingt dies eine Erweiterung der Redaktion der ״Jüdischen Rundschau“ auf das Wirtschaftsgebiet und die Schaffung der regelmäßigen Beilage einer ״Jüdischen Wirtschaftsrundschau“, welche nicht nur gelegentliehe Informationen und Zuschriften bringt, sondern selbst an der Untersuchung der wirtschaftlichen Lage der jüdischen Welt mitarbeitet und die Resultate dieser Arbeit zur öffentliehen Mskussion stellt. Diese ״Jüdische Wirtschaftsrundschau“ hätte die Aufgabe, die jüdische Oeffentlichkeit über die Entwicklung des wirtschaftlichen Aufbaues Palästinas zu unterrichten und dadurch das Verständnis der Diaspora für die wirtschaftlichen Erfordernisse Palästinas zu fördern. Mese Aufklärungsarbeit hätte sich gleichermaßen mit der großen Linie des Aufbaues — wobei ich hoffe, ,daß eine solche aufezeigt werden kann — wie mit der Entwicklung der einzelnen onds und Privatunternehmungen zu befassen. Die große Masse der Juden, einschließlich der Zionisten, besitzt neute keinerlei konkreten Einblick in die Wirtschaftsverhältnisse Palästinas. Aber auch gerade mit Bezug auf die Verhältnisse ln Deutschland muß von dieser Stelle aus der Hebel angesetzt werden, der die psychologischen Voraussetzungen für die Berufsumschlchtung schafft. Es wird langer, intensiver und systematischer Arbeit bedürfen, bis das Bewußtsein für die Notwendigkeit einer Abkehr von der jetzigen Methode und das Beschreiten neuer Wege geweckt wird. Diese Zeilen sollen lediglich als Anregung zu einer Politik dienen, die dem derzeitigen unerträglichen Zustand ein Ende bereiten kann. Es geht nicht an, daß die zionistische Leitung einerseits, die Gemeinden andererseits und gar erst die jüdische Oeffentlichkeit die Dinge treiben lassen, wie sie ehen. Aber auch die Auffassung Tischlers, als ob mit einer örderung der Auswanderung nach Palästina und mit der Einschichtung der in Deutschland verbleibenden Juden in einige wenige Berufe das Wesentlichste geleistet sei, ist nicht richtig;. Die bestvorbereitetsten Einwanderer für Palästina, wobei auch diese Vorbereitung finanziell fundiert werden muß, werden dort nur dann zum vollen Einsatz ihrer Kräfte kommen können, wenn eine wirtschaftliche gesunde Diasporajudenheit hinter ihnen steht und die Mittel investiert, die zu einer Kolonisation in dem von uns erstrebten Umfange benötigt werden. Ich glaube, wenn diese hier angeschnittenen Fragen zu einer Angelegenheit werden, welcher die gesamte Oeffentlichkeit inr Interesse ebenso zuwendet, wie der allgemeinen Politik, dann werden wir bei dem wirtschaftlichen Verstandnis, welches wir in unseren Reihen voraussetzen können, den Weg zur Ueberwindung der Wirtschaftskrise finden. Jerusalem, 10. Oktober. (J.T.A.) Ein Mitglied der Familie Hussein!, das an der Beiruter Universität promoviert hat, setzt nun seine arabistischen Studien an der Hebräisehen Universität in Jerusalem fort. Mes ist der e r s t e F a 11 der Inskription eines Arabers ander Jerusalemer Universität. P r a g, 9. Oktober. (J. T. A.) Am Vorabend des verflössenen Peßachfestes haben in der kleinen Gemeinde U j s z e m e, Karpathorußland, zwei christliche Mädchen im Spiele sich gegenseitig verletzt. Jetzt erst wird bekannt, daß in dieser Angelegenheit beim Bezirksgericht in Velka Berezna eine Strafsache gegen den jüdischen Hausier«• Moritz Steinberger anhängig ist Der ruthenische Lehrer Polyak und einige Ortsbewohner sagten aus, daß der Hausierer den Kindern den Arm aufschnitt, ihnen Blut entzog und in eine Flasche füllte. Ein im Orte wohnender Arzt erklärte, daß eine Blutentnahme erfolgt sei.