Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 81-82 (17.10.1930)
- Date
- 1930-10-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 81/82, 17.X. 1930 JÜEDISCHE RUNDSCHAU Seite 527 Wochenschau Die eingeschlagenen Fensterscheiben in den großen jüdischen oder als jüdisch angesehenen Geschäften (wie Wertheim und Cords) in der Leipziger Straße waren der sinnfällige Beweis dafür, daß die Nationalsozialisten nicht nur drohen und fackeln, sondern daß sie gern bereit sind, durch antisemitische Taten wenigstens einen Teil ihres Programms zu verwirklichen. Allerdings ist festzustellen, daß vielleicht in diesem Falle die Zentrale der nationalsozialistischen Partei die Ausschreitungen ihrer jungen Adepten nicht gern gesehen hat, weil durch diese ״geringfügige“ Aktion die Oeffentlichkeit in einem Momente unliebsam auf den Troß der Nationalsozialisten aufmerksam gemacht wird, in welchem sie sich bemühen, auf legalem Wege zur Macht zu gelangen. In diesem Bestreben werden die Nationalsozialisten vom Bürgertum bis weit in die Kreise der deutschen Volkspartei hinein unterstützt. Wir haben viele Monate vor den Reichstagswahlen darauf hingewiesen, daß selbst die sich liberal nennenden bürgerlichen Parteien Deutschlands im gegebenen Augenblick gern die Bundesgenossenschaft der Nationalsozialisten suchen werden, ohne sich an deren judenhetzerischem Programm zu stoßen. Dieser Fall ist nunmehr voll und ganz eingetreten. Die zerbrochenen Scheiben in der Leipziger Straße sind nicht die einzige antisemitische Heldentat der Nationalsozialisten in den letzten Tagen. Anrempelungen in der Untergrundbahn, Ueberfälle auf jüdische Passanten, verstärkte antisemitische Agitation in der nationalsozialistischen Parteipresse kennzeichnen das durch den Sieg bei den Reichstagswahlen noch übermütiger gewordene Vorgehen der zweitstärksten Partei im deutschen Reichstag. Allerdings gibt sich insbesondere die preußische Staatsregierung die ehrlichste Mühe, diesem Treiben der Nationalsozialisten entgegenzutreten. Aber die Frage, wie lange die gegenwärtige preußische Regierung am Ruder bleiben wird, ist schwer zu beantworten. Man hat ausgerechnet, daß der von den National- Sozialisten geplante Volksentscheid, betreffend die Auflösung des preußischen Landtages, durch Unterstützung der Deutschnationalen, der Wirtschaftspartei, weiter Teile der Volkspartei und anderer Gruppen die Aussicht hat, die Mehrheit der preußischen Wähler für sich za gewinnen. Allerdings hat die preußische Staatsregierung die formale Möglichkeit, durch Einhaltung der gesetzlichen Fristen die Abstimmung bis zum Mai des Jahres 1931 zu verzögern. Was dann werden wird, kann niemand Voraussagen. Unwahrscheinlich ist cs, daß es im Falle des Fortbestehens wirklich parlamentarischer oder scheinparlamentarischer Verhältnisse zu einer gesetzlichen Minderung der jüdischen Gleichberechtigung kommen könnte. Hingegen muß man im Falle des Eintrittes der Nationalsozialisten in eine Kombination einer neuen preußischen Regierung, selbst wenn der Innenminister kein Nationalsozialist, sondern ein Deutschnationaler oder ein Wirtschaftsparteiler werden sollte, damit rechnen, daß dann schwere Bedrückungen der ausländischen Juden, besonders der Ostjuden, die Folge sein werden. Selbst wenn man sich sagt, daß die Heimatländer der gefährdeten Ostjuden Protest einlegen und mit Repressalien gegenüber deutschen Staatsangehörigen in den betreffenden Ländern antworten werden, so dürfte diese Erkenntnis bei den Nationalsozialisten wenig verfangen. Wir haben schon mehrfach darauf hingewiesen, daß die Nationalsozialisten zwangsläufig die antisemitische Phrase und auch antisemitische Aktionen beibehalten werden, weil ihnen auf den anderen Gebieten, in der Außenpolitik und in der Wirtschafts- Politik, Erfolge versagt bleiben müssen. ♦ Die Entwicklung der politischen Verhältnisse In Oesterreich zeigt, daß auch dort die Judenfrage das Symbol für die parteipolitische Einstellung des gesamten Bürgertums ist. Alle Versuche, das Bürgertum, welches weder klerikalfaschistisch noch sozialistisch ist, irgendwie zusammenzufassen und einen Block der Mitte zu schaffen, sind restlos gescheitert, denn die Großdeutschen lehnten es entschieden ab, obwohl der frühere Bundeskanzler Schober sich an die Spitze des zu schaffenden Blockes stellen wollte, mit Juden in irgendeine Kombination einzutreten. Interessant ist, daß sowohl die Berichte der Wiener demokratischen Presse wie auch der gleichgesinnten Zeitungen im Reiche bei Besprechung dieser österreichischen Verhältnisse geradezu einen Eiertanz aufführen. Da heißt es ״bürgerliche Mittelpartei“, ״Linksbürgerliche, Demokratisch-Fortschrittliche“ usw. Hinter all diesen Bezeichnungen verbergen sich die österreichischen Juden, die durch die Entwicklung in Oesterreich genau dort stehen, wo sich die große Masse der deutschen Juden befindet, die jahrzehntelang im Schlepptau des C.-V. gewesen ist: n ä m - lieh gegenüber der Tatsache, daß es eine bürgerliche nicht jüdischeDemokratienichtmehr gibt. Aus jüdischen Gründen ist ein großer Teil der Juden sehr oft, entgegen den wirtschaftlichen Interessen, links eingestellt. Diese Veranlassung liegt jedoch für die sozial gleichgeschichteten nichtjüdischen Kreise nicht vor. Ihre rechtliche Stellung wird durch eine Reaktion nicht gefährdet, sie machen darum aus ihrem Herzen keine Mördergrube und wandeln ungeniert die Bahn des Rückschrittes. Zwischen dem Antisemitismus des deutschen Bürgertums und des österreichischen Bürgertums ist im Grunde genommen kein Unterschied. Doch hat der großdeutsche Antisemitismus in Oesterreich eine eigene Note: er stellt für die betreffenden Kreise sozusagen eine Herzensangelegenheit dar. Er ist der Ausdruck des großdeutschen Seelenaufschwungs in Oesterreich. Die Zersplitterung des österreichischen Bürgertums, die ausgesprochen judenfeindlichen Parolen aller bürgerlichen Parfeien, sowie die Tatsache, daß auch die Sozialdemokratie unter dem Einfluß der allgemeinen antijüdischen Psychose bemüht ist, ihre infolge Erreichung der Altersgrenze ausscheidenden jüdischen Pariamentarier durch Nichtjuden zu ersetzen, erhöhtdieW«ahl- Chancen des einzigen jüdischen Kandidaten Oberbaurat Robert Stricker. Es ist wahrscheinlich, daß ein großer Teil der durch den Block der Mitte brüskierten demokratischen Partei für Stricker eintreten wird. * Wir pflegen uns im allgemeinen mit Ausführungen der ״J üdisch-liberalen Zeitung“ nicht zu beschäftigen. In der letzten Zeit hat diese Zeitung in jeder Nummer in Anbetracht der für den 30. November d. J. ausgeschriebenen Wahlen für die Berliner Jüdische Gemeinde immer ״Nachdenkliches zu den Gemeindewahlen“ veröffentlicht. In diesen Nachdenklichkeiten wurde längst abgestandener Kolli aufgewärmt und aufs neue serviert, A**cb die Nummer vom §» Oktober befaßt sieb mit den jüdischen Gemeindewahlen. Diesmal im Leitartikel. Der Leitartikler Bruno Woyda, im Privatberuf Generalsekretär der Reformgemeinde, vertritt seinen bekannten Standpunkt, als ob die Jüdische Gemeinde in Berlin in erster Linie dazu berufen sei, deutsche Belange wahrzunehmen und so nebenbei auch jüdische Angelegenheiten zu erledigen. Er wendet sich also gegen die Forderung, daß die Jüdische Gemeinde als die einzige jüdische Körperschaft öffentlichen Rechts die Führung in allen den Schutz der Juden im Staate betreffenden Fragen übernehmen solle. Hierbei zitiert er einen Abschnitt aus einem in der ״Jüdischen Rundschau“ erschienenen Artikel, in dem die Meinung ausgedrückt wurde, daß der Kampf um die Gleichberechtigung der Juden auf die objektive Basis des Staatsbürgertums gestellt und nicht mehr von irgendeiner Gesinnung, die naturgemäß nicht gesetzlich formuliert werden kann, abhängig gemacht werde. Dabei leistet sich Bruno Woyda die Bemerkung, daß der Schreiber des Aufsatzes in der ״Jüdischen Rundschau“, Moses Wald mann, Repräsentant der Berliner Jüdischen Gemeinde, weder Ganznoch Halb-, noch Viertel- Deutscher sei. Die jüdisch-liberale Fraktion in der Gemeinde hat es in vielfachen Erklärungen weit von sich gewiesen, die Zuverlässigkeit einzelner Juden, einerlei welcher innerjüdischen Richtung sie angehören, in staatsbürgerlicher Beziehung in Zweifei zu ziehen. Herr Woyda scheint sich im Organ der liberalen Vereinigung an diese Zusicherung nicht halten zu wollen. Als Repräsentant der Jüdischen Gemeinde muß man seine jüdische Zuverlässigkeit beweisen. Die anderen Zuverlässigkeiten spielen in diesem Zusammenhänge keine Rolle. Wenn sie unberechtigterweise in Zweifel gezogen werden, so liegt darin ein anrüchiges Beginnen, das hiermit niedriger gehängt sei. * Wir wurden oft gefragt, warum wir es unterlassen, auf Aeußerungen des Verbandes der Nationaldeutschen Juden, insbesondere auf die Artikel von Max Naumann einzugehen, die er in der Verbandszeitschrift und auch in der allgemeinen Presse zur Judenfrage veröffentlicht. Wir pflegen immer zu antworten, daß man sich nicht gern mit Belanglosigkeiten beschäftigt Naumann und seine Gruppe stellen ideologisch und auch zahlenmäßig innerhalb des deutschen Judentums einen Kreis dar, der von den anderen Juden und auch von Nichtjuden, auf deren Meinung es ankommt, nicht ernst genommen wird. Naumann und sein Verband sind schon schwer dadurch gestraft, daß sie zwecks Betätigung ihres unverhüllten jüdischen Antisemitismus sich auf Grundlage ihrer objektiven Zugehörigkeit zum Judentum organisieren müssen. Heute wollen wir von unserem Brauche, Herrn Naumann links liegen zu lassen, absehen und aus seinen letzten Artikeln ein paar Zitate ohne Kommentar veröffentlichen. Unsere Leser können sich auf diese Naumannsehen Leistungen allein einen Reim machen. Im Aufsatz ״Deutsche trotz allem“ (erschienen 1m Abendblatt der ״Deutschen Allgemeinen Zeitung“ vom 3. Okt. 1930) heißt es mit Bezug auf die jüdischen Organe, die sich mit dem Erfolg der Nationalsozialisten beschäftigt haben: ,,Die Form, in der dies regelmäßig geschieht, läßt keinen Zweifel darüber, daß bei den jüdischen Lesern vor allem die jüdischen Saiten der Seele zum Schwingen gebrächt werden sollen. Zu noch klarerem Ausdruck kam dies in den vor der Wahl von dem Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gemeinsam mit der Zionistischen Organisation ver- 1 anstalteten Versammlungen (ist nicht wahr! Red.) und in den aus den Kreisen beider Vereinigungen versandten Werbedruck- Sachen, mit denen die jüdischen Wähler Tag für Tag überschwemmt werden. Hier wurde ganz unverblümt für gewisse Parteien und für bestimmte jüdische Kandidaten agitiert mit dem Hinweis: ״der Jude“ darf nur solche Parteien wählen, die sich scharf gegen jeden Antisemitismus wenden. Die Juden müssen unbedingt den jüdischen Kandidaten X. Y. durchbringen, weil er am besten die ״jüdischen Interessen“ im Reichstag vertreten wird.“. . . ״Gibt aber dann einmal ein Nichtjude dieser seiner veränderten Ueberzeugung ehrlichen Ausdruck, so fällt sofort ein Schwarm jüdischer Artikelschreiber, Regierungszionisten, Vereinsdirektoren und Koscherzettelverleiher über ihn her mit dem vorwurfsvollen■ Geschrei, jetzt haben die Antisemiten auch aus dem bisher ganz vernünftigen Z. einen Antisemiten gemacht. Keiner dieser gekränkten Staatsbürger jüdischen laubens kommt auf den Gedanken, daß sein eigenes Verhalten das Wesentliche dafür getan hat, den bisher vorurteilsfreien Nichtjuden zum Antisemiten zu machen. Es muß mit allem Nachdruck ausgesprochen, gerade von deufschfühlenden Juden ausgesprochen werden, daß diese jeder Selbstkritik baren Antisemitenbekämpfer und Antisemitenriecher nicht die berufenen Vertreter des deutschen Judentums sind, als die sie sich aufspielen.“ ״Unser Volk ist das deutsche Volk, nur das deutsche Volk und daran wird sich nichts ändern, weil in dieser erregten Zeit ein Teil dieses Volkes in uns Juden selbst den Symboltypus alles Bösen zu erblicken meint. Wir werden unser Deutschtum weiter lieben, selbst wenn einmal seine Regierung für Zeit nicht eine Regierung der Vernunft, sondern des Nationalsozialismus sein sollte.“ Im Aufsatz ״Objektivität“ der Oktobernummer des ״Nationaldeutschen Juden“ druckt Naumann folgende Worte eines deutschnationalen Nichtjuden ab: ״Das, was Ihr von Eurem Standpunkt aus — von dem Standpunkte Deutscher, die Juden sind — tun müßt, ist dies: Protestieren, mit aller Schärfe, aller Energie und aller Lungenkraft gegen Leute Eurer Abstammung, die gegen deutschen Freiheitswillen deshalb ihre tückischen Verbindungen spielen lassen, ihre Börsenargumente in die Welt gellen und zischeln, weil viele Träger dieses Freiheitswillens Antisemiten sind.“ Im Aufsatz ״Karlchen Mießnäck-Tertianer“ (gemeint sind die jüdischen Gemeindeliberalen und der C.-V.) von Max Naumann heißt es mit Bezug auf die bevorstehenden Gemeindewählen: ״In diesem Wahlkampf und in der Gemeindearbeit, die ihm folgen wird, müssen die Jüdischnationalen als das behandelt werden, was sie sind, als die Feinde unseres Deutschtums, nicht als freundliche Kollegen, mit denen man gewisse Meinungsverschiedenheiten hat.“ ... ״Man kann nicht mit ihnen (den Jüdischnationalen) über das Deutschtum reden, von dem sie nichts verstehen und das sie nichts angeht, wie uns ihre jüdischnationalen Interessen, ihre Illusionspolitik in Palästina, ihr ״jüdisches Brudergefühl“ für afrikanische Fallachas, portugiesische Marrannen und ostjüdische Halbasiaten (der Ausdruck stammt von dem Juden Karl Emil Franzos!) nichts angehen.“ .. . ״Man lasse sie (die Jüdischnationalen) reden, soweit es die Geschäftsordnung erlaubt und gehe dann über ihr Gerede zur Tagesordnung über. Man lehne jeden ihrer Anträge ab, der unmittelbar oder mittelbar auf die Vergeudung deutscher Steuerfelder für Deutschfremde oder dem Deutschtum schädliche wecke hinausläuft. Mögen sie sich ihr Ghetto selbst ganz nach ihrem eigenen Geschmack errichten, aber sie mögen nicht verlangen, daß wir unsere Kinder in ihr Ghetto einpferchen lassen und daß wir mit unserem Gelde den Bau ihrer Ghettomauern bezahlen.“ Diese Proben genügen wohl. j. r. Brief aus Rumänien (Von unserem Korrespondenten.) Der Regierungswechsel in Rumänien. —׳ Warum mußte eine neue Regierung kommen. — Die endgültige Liquidierung hochgespannter Erwartungen. — Keine Hoffnung auf Besserung in der nächsten Zeit. — Ussischkin in Bukarest. —h. Bukarest, den 10. Oktober 1930. Die Regierung M a n i u hat ihre Demission gegeben. Mit der Bildung des neuen Kabinetts ist der frühere Außen* minister Mironescu vom König betraut worden. Mironescu, der viele Sympathien besitzt, ist jedenfalls nicht der Mann der starken Hand, wie es Maniu war, so daß zu erwarten ist, daß ihm die Oppositionsparteien weniger Schwierigkeiten machen werden, als seinem Vorgänger. Aus der Tat- Sache, daß nicht eine andere Partei mit der Regierungsbildung betraut wurde, sondern dieselbe Partei, aus der die Regierung Maniu hervorgegangen ist, kann man schließen, daß es sich hei dem gegenwärtigen Regierungswechsel nicht um eine Aenderung des Systems, sondern nur um einen Austausch von Personen handelt. Von der Notwendigkeit einer Regierungs- Umbildung hat man in der rumänischen Oeffentlichkeit bereits seit vielen Monaten gesprochen. Diese war ganz besonders dadurch notwendig geworden, weil die Stellung des Innenministers Vaida-Voevod eine völlig unhaltbare geworden war. Vaida Vucvod hatte sich durch offene Förderung der antisemitischen Unruhen, sowie durch seine Handlungen, welche eine wahre Anarchie in der administrativen Verwaltung zur Folge hatten, so schwer kompromitiert, daß er nicht länger Innenminister bleiben durfte Der Minister* Präsident Maniu war aber nicht imstande, sich seines Innenministers, mit dem er durch Bande jahrelanger Freundschaft verknüpft war, zu entledigen, so daß er die von der gesamten öffentlichen Meinung sowie auch vom König geforderte Er* Setzung des Innenministers nicht durchführen konnte. Die Regierung Maniu bedeutete für uns Juden in Ruminien eine einzige große Enttäuschung. Man hatte von der national-zaranistischen Partei, welche in Alba Julia das denkbar demokratischste Programm angenommen hatte, eine neue Aera gegenseitiger Duldung und gegenseitigen Verständnisses erwartet. Es kam anders als man es allgemein erhofft hatte, da die Regierung nicht nur keinerlei Fortschritten zugänglich war, sondern auch systematisch alles versuchte, um die bisherigen Rechte der jüdischen Minderheit zu verkleinern. Ihre letzte Regierungshandlung■, die Aussetzung von lächerlich geringen Entschadigungssummen für die Opfer der antisemitischen Aus* schreitungen in Belaceana und Borscha, haben einen neuerlichen Beweis für die Einstellung dieser Regierung egeniiber der jüdischen Bevölkerung geliefert. Die jüdische evölkerung hat also sicherlich keinen Grund, der Regierung Maniu eine Träne nachzuweinen. Wie die neue Regierung auch immer sein wird, sie kann für die Juden nicht schlechter sein als die erste national-zaranistische Regierung, welche gerade durch die jüdische Bevölkerung mit so großen Hoff* nungen begrüßt wurde. An eine durchgreifende Besserung der Verhältnisse ist aber für die nächste Zeit nicht zu denken. Ehe Regierung Mironescu macht nicht den Eindruck, als wenn ihr eine längere Regierungszeit beschieden wäre. Wenn auch der neue Innenminister viel bessere Intentionen haben mag als sein Vorgänger, wird er dennoch nicht imstande sein, eine grundlegende Besserung ■Aet Verhältnisse zu schaffen. Nicht nur, daß er nicht den entsprechenden Rückhalt in der eigenen Regierung finden wird, die gesamte ökonomische Lage ist derart schwer, daß die Regierung alle ihre Anstrengungen darauf wird konzentrieren müssen, wenigstens durch Palliativ* mittel das Land vor ernsten sozialen Unruhen zu bewahren. * Die jüdische Bevölkerung von Bukarest hatte Gejegenheit, während der ersten Sukkothfeiertage Ussischkin in ihrer Mitte begrüßen zu können, der infolge Verschiebung seiner Amerikareise über Konstanza nach Palästina zurückgekehrt ist. Der enthusiastische Empfang, welcher Ussischkin auf dem Bahnhof und bei den verschiedenen Veranstaltungen bereitet wurde, beweist, welche Verehrung Ussischkin in der Bukarester Judenschaft genießt und wieviel es für die jüdische Bevölkerung bedeutet, aus seinem Munde grundlegende Ansichten über die zionistische Aufbauarbeit zu hören. Die An- Wesenheit von Ussischkin in Bukarest fiel gerade in eine Zeit, wo das Bukarester Judentum von einer gewissen Depression erfaßt war. Trotzdem die Tischri-Aktion des* Keren Kajemeth ein verhältnismäßig gutes Resultat ergeben hatte, gab es doch ewisse zionistische Kreise, die von einer großen Mutlosigeit erfaßt waren und die sich immer wieder fragten, ob es sich lohne, bei den gegebenen politischen Verhältnissen noch außerordentliche Anstrengungen für das jüdische Siedlungswerk zu machen. Das Auftreten Ussischkins, dessen Worte von großem Optimismus und von unerschütterlichem Glauben an den endgültigen Erfolg durchsetzt waren, hat nun diese defaitistische Stimmung fast vollständig behoben. Diejenigen Kreise, welche Gelegenheit hatten, Ussischkin zu hören, sind wieder von Optimismus und Arbeitsfreudigkeit erfüllt und werden sicherlich auch in Zukunft bei der täglichen zionistisehen Arbeit zu finden sein. Die Anwesenheit Ussischkin in Bukarest hatte somit nicht nur für den jüdischen Nationalfonds eine ganz besondere Bedeutung, sondern war auch ein guter Auftakt für die bevorstehende zionistische Wintera r b e i t. Prag, 12. Oktober. (J.T.A.) Außenminister Dr. Ben e s c h hat am 9. Oktober in der Senatskommission für auswärtige Angelegenheiten die Erklärung abgegeben, daß das Problem der Staatenlosen in der Tschechoslowakei einer großzügigen Lösung zugeführt werden soll. Bisher hat der Minister des Innern 20000 Staatenlosen die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft verliehen. Die jüdischen Abgeordneten sehen in der Erklärung des Außenministers Dr. Benesch die Ankündigung der Einbürgerung von tausenden jüdischer Staatenloser, die vorwiegend in der Slowakei und in Kaipathorußland ansässig sind, und erwarten, daß gleichzeitig auch die Naturalisation jener zahlreichen jüdischen Kriegsflüchtlinge aus Polen und Rußland, die seit Kriegsende in der Tschechoslowakei leben, erfolgen wird. Im Jahre 1928 hat die Völkerbundsliga der deutschen, jüdischen und ungarischen Minoritäten in der Tschechoslowakei anläßlich des Zehnjahrejubiläums der Republik dem Präsidenten Professor Masaryk eine Petition überreicht, in der um Verleihung der Staatsbürgerschaft an alle seit zehn Jahreft in der Republik ansässigen Staatenlosen gebeten wurde; bisher erfolgte jedoch keine vollständige Lösung des Staatenlosenproblems. NewYork,12. Oktober. (J. T. A.) Auf der in Dorchester abgehaltcncn Convention der Federation of American Labour trat der Sekretär der Labour Federation, Davis, für eine ״selektive Einwanderung“ ein. Es sollen in Zukunft nur solche Einwanderer zugelassen werden, nach welchen im Lande gerade Nachfrage henäck.