Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 79-80 (10.10.1930)
- Date
- 1930-10-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 520 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 79/80,!0. X. 1930 Problem der kleinen Gemeinden ein, die den Großgemeinden an Menschen und jüdischen Werten unsagbar viel gegeben hatten, jetzt aber leider im Absterben begriffen sind. Rabbiner Dr. Emil Levy hielt eine Fcstpredigt. Der feierliche Akt wurde vqn Sologesängen des Oberkantors A h 1 b e c k eingerahmt. * Der Verband Bayer. Isr. Gemeinden erließ folgende Bekanntmachung über Versorgung mit rituellem Fleisch. ״Das bayerische Gesetz über das Schlachten von Tieren vom 17. Mai 1930 trat am 1. Oktober 1930 in Kraft. Das Gesetz schreibt die ausnahmslose Betäubung aller Schlachttiere vor. Da keine der bekannten Betäubungsmethoden als rituell zulässig anerkannt ist, kommt die gesetzliche Bestimmung praktisch einem Verbot des Schächtcns gleich. Es mußte darum ab 1. Oktober das Schächten von Viehstücken in Bayern unterbleiben. Der Bezug von rituellem Fleisch aus den Nachbarländern ist sichergestellt. Wir legen auch jetzt Verwahrungein gegen die durch das Gesetz bewirkte Beeinträchtigung der Gewissensfreiheit unserer religiösen Gemeinschaft. Wir hoffen, daß es gelingen wird, die freie Religionsausübung künftig wieder zur Anerkennung zu bringen, und haben das Vertrauen, daß bis dahin unsere jüdische Bevölkerung einmütig und treu zusammenstellen wird.“ München, 29. September. (J. T. A.) In Ko bürg, wo die Nationalsozialisten bekanntlich die absolute Mehrheit im Stadtverordnetenkollegium besitzen, war der Beschluß angenommen worden, die israelitischen Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses als nicht gewählt zu betrachten. Auf die Beschwerde der israelitischen Kultusgemeinde hat die bayerische Regierung den Stadtratsbeschluß als ungesetzlich kassiert. * Saloniki, 5. Oktober. (J. T. A.) Der griechische Unterrichtsminister hat in Ueberemstimmung mit der jüdischen Gemeinde von Saloniki die Errichtung von fünf Volksschulen in dieser Stadt, die ausschließlich für jüdische Schüler bestimmt sein sollen, angeordnet. Im Lehrplan sind 10 Stunden in der Woche für Unterricht in hebräischer Sprache und in jüdischen Fächern vorgesehen. Die Lehrer für diese Fächer werden wie die übrigen Lehrer vom Staat entlohnt, aber von der Jüdischen Gemeinde ernannt und kontrolliert werden. Von dem Jahresbudget dieser Schulen in Höhe von 2500000 Dinar sind 400 000 Dinar für die Kosten des Unterrichts in jüdischen Fächern bestimmt. Die fünf neuen jüdisehen Staatsschulen werden jene 1603 jüdischen Schüler aufnehmen, die bisher Schulen ausländischer Gesellschaften, vor allem solche der französischen Laienmission und italienische Schulen besucht haben. Griechischen Untertanen wird der Besuch der Elementarklassen fremder Schulen künftig untersagt sein. Die Schulen der Alliance Israelite aber, die nicht als ausländische, sondern als Schulen der Jüdischen Gemeinde betrachtet werden, werden uneingeschränkt auf* recht erhalten. * Gemäß dem In Mexiko in Kraft getretenen Gesetz, betreffend die Trennung von Staat und Kirche, ist auch das Vermögen aller Sy na go ge n ge m einde n beschlagnahmt worden. Der Vertreter der J. T. A. hatte in dieser Angelegenheit eine Unterredung mit dem mexikanischen Minister des Innern, der ihm bei dieser Gelegenheit mitteilte, daß Mexiko die Einwanderung von Juden und Chinesen einschränken werde. Die neuen Einwanderungsbeschränkungen sind nach den Ausführungen des Innenministers auf die schwere wirtschaftliche Lage Mexikos zurückzuführen. Im Verlag Carl Reißner, Dresden, Ist vor einigen Tagen erschienen: Emil Vandervelde, ״Schaffendes Palästina“. Der jüdische Aufbau heute und morgen. Von einem Sozialisten. Mit seltenen Bildtafeln. Geheftet 4,50 RM., Ganzleinen 6,50 RM. 1. bis 10. Tausend. Der Verlag führt die Neuerscheinung, aut die wir schon mehrfach ausführlich Bezug genommen haben, mit folgenden Worten ein: ״Dies‘berühmte Buch des belgischen Außenministers und Führers der Internationalen Sozialdemokratie, des geistigen Vaters des Locarno-Vertrages, hat bereits in der ganzen Welt Aufsehen erregt und wird nun auch in deutscher Sprache den gleichen großen Erfolg finden. Die hohe menschliche Warte dieses europäischen Staatsmannes und Sozialistenführers begründet die Eigenart des Werkes und den Wert seines Urteils. Mit keinem anderen Palästina-Buch läßt cs sich vergleichen: es stammt von einem Nichtjuden, einem Außenstehenden, der die Dinge deshalb ungleich schärfer, objektiver und interessanter zu erfassen und in Lebendigkeit und Farbigkeit darzustellen vermag. Wir sehen ״neue Menschen auf alter Erde“; wir sehen, wie die Zionisten härteste Arbeit und Armut und Gefahren auf sich nehmen, durchdrungen von der Idee einer neuen freien Menschengemeinschaft auf freiem Boden, von glühendem Glauben an die Zukunft und die Wiedereburt eines Volkes. Das Buch eines Heldentums von heute, as als Quelle erst recht für den Gegner wichtig ist. Das Land der Bibel erwacht zu neuer Zukunft, nach tausendjähriger Verbannung geschieht das Wunder der Rückkehr zur Heimat, zum eigenen Volksleben. Sinn und Wesen des jüdischen Geistes gewinnen Gestalt. Ein Buch für die jüdische Welt wie ein Buch des Sozialismus: wir sehen die treibende Kraft in einer geistigen Arbeiterelite mit neuen sozialistischen Zielen. Ein mensch- Hches Dokument, das über jeder Partei, Konfession und Nation steht. Man muß es kennen, wenn man an den Triebkräften der Zeit Anteil nimmt.“ Die Judenfrage. Unter diesem Schlagwort gaben die ״S ü ddeutschen Monatshefte“ eine Sondernummer (September 1930) heraus. In dieser Nummer befinden sich Beiträge von Prof. Ismar El bogen (Wanderungen der Juden), Israel Cohen, London (Die zionistische Bewegung), Dr. Gerhard Holdheim (Der Zionismus in Deutschland), Dr. Eva Reichmann-Jungmann (Der Central-Verein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens), Dr. Max Naumann (Nationaldeutsches Judentum), Leo Baeck (Die jüdische Religion in der Gegenwart), Dr. Josef Hof mHier (Von jüdischen Bräuchen und jüdischem Gottesdienst), Dr. Karl Maria Kaufmann (Katholizismus und Judentum), Lic. Dr. Ernst Moering (Evangelische Kirche und völkische Bewegung), Ejnst Jünger (Nationalismus und Judenfrage), Graf R e v e n 110 w (Deutsche — Juden), Theodor Fritsch (Zur Geschichte der antisemitischen Bewegung), Kurt Kornicker, Rom (Faschismus und Judentum), Dr. Theodor Seifer (Das Judentum im Sowjetstaat). Die ״Süddeutschen Monatshefte“ haben bisher schon einige Male Sonderhefte über jüdische Probleme herausgegeben. Die Absicht des Verlages mag sehr gut sein, die Durchführung muß aber naturnotwendig unbefriedigend werden, weil das System der Sonderhefte ein Problem niemals gründlich zu erschöpfen vermag. Vielmehr wird durch die wähllose Zusammenstellung von Aufsätzen heterogenster Art eher Verwirrung erzeugt als Klärung hergestellt. Wir wissen die Objektivität des Verlages zu schätzen, welcher Vertreter verschiedenster Ansichten zu Worte kommen läßt. Unseres Erachtens kann aber die Objektivität nicht so weit gehen, daß auch Theodor Fritsch als ein ernster und ernst zu nehmender Referent betrachtet wird. Wir machen unsere Leser besonders auf den Aufsatz von Dr. H o 1 d h e i m aufmerksam. Der 70. Geburtstag von Professor Simon Dnbnow Anläßlich des 70. Geburtstags von Prof. Simon Dubnow hielt das Jiddische Wissenschaftliche Institut am 5. Oktober eine Festsitzung im goßen Saale des Logenhauses zu Berlin ab, an der Hunderte hervorragender Persönlichkeiten der Gelehrten weit und Vertreter fast aller großen jüdischen Organisationen teilnahmen. Die Sitzung wurde von E. Tscheri* k o w e r vom Jiddischen Wissenschaftlichen Institut eröffnet, welcher seinem Bedauern darüber Ausdruck gab, daß Dubnow aus prinzipiellen Gründen und infolge einer Bescheidenheit, die den Grundzug seines Wesens bildet, der Festversammlung ferngeblieben ist. Tscherikower feierte sodann Dubnow nicht nur als Historiker, Systematiker der jüdischen Geschichte und Organisator der jüdischen Wissenschaft, sondern auch in seiner für die russischen Juden besonders bedeutungsvollen Eigenschäften als Theoretiker des nationalen Gedankens, als Kämpfer für Gleichberechtigung und nationalen Rechts. Direktor Georg Kareski hob den Anteil des Ostjudentums an der Verlebendigung der Berliner Judengemeinde hervor. Die Gemeinde sei nicht nur darauf stolz, Dubnow seit 8 Jahren zu ihren Mitbürgern zu zählen, sondern versuche auch, das ganze Ostjudentum in Liebe an sich zu ziehen. Im Namen des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden sprach dessen Präsident, Kammergerichtsrat Leo Woiff: Eduard Bernstein sprach im Zusammenhang mit dem historischen Werk Dubnows über seine persönlichen Beziehungen zu Heinrich Graetz, dessen Mitarbeiterin Bernsteins Frau war. Professor El bogen von der Akademie für die Wissenschaft des Judentums nannte Dubnow den großen Architekten der jüdischen Geschichte. Die Revolution habe fast alle wissenschaftlichen Werte in Rußland zerstört, aber die Menschen, die von Dubnow angeregt wurden, leben und wirken weiter. Professor Gotthold Weil von der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums erklärte, seine Gesellschaft habe als bescheidene Sammlerin objektiven Materials Bausteine für die subjektiven Gestalter der jüdischen Geschichte herbeizutragen, von denen Dubnow einer der kühnsten sei. Dr. Alfred Klee wies auf die besondere Bedeutung des Autonomismus hin, der sich in Deutschland im Ausbau der Gemeinden und Gemeindeverbände manifestieren müsse. Dubnow sei der Wegweiser im Erhaltungskampf des jüdischen Volkes. Direktor Joachimsohn vom Hilfsverein der deutschen Juden bezeichnet es als besonderes Verdienst Dubnows, auf die traurige Lage der Ostjuden hingewiesen zu haben. Prof. F i n k e 1 überbrachte die Glückwünsche der Großloge Berlin des U. O. B. B. Dr. Brantson von der Gesellschaft ״ORT“ hob die Berücksichtigung der wirtschaftlichen Momente in Dubnows Geschichtsschreibung und sein Eintreten für die Ökonomische Umschichtung des jüdischen Volkes hervor. Weitere Begrüßungsansprachen hielten Dr. Kahn für den Verband der russischen Juden in Deutschland, Dr. Rawidowitsch für das Beth-Am, Dr. Taubes für den Verband der Ostjüdischen Organisationen, Dr. Rabi nowitsch für den Verein jüdischer Studenten und Dr. Brutzkus für die Gesellschaft ״OSE“, worauf Dr. Mark Wischnitzer einen Vortrag über die Bedeutung Dubnows als Organisator der jüdisehen Geschichtswissenschaft hielt. Latzky-Bertholdy (Riga) wies darauf hin, daß Dubnows Kindheit und Jugend in die 60er und 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts fällt, in denen im Osten die Assimilationsideologie und die Tendenz, die Ostjuden zu Westjuden zu machen, vorherrschte. Als letzter sprach Jacob Lestschinsky über Dubnows Bedeutung als Demokrat und seine Voranstellung des Judenheitsproblems vor die durch Achad Haam aufgeworfene Judentumsfrage. _ Der Spracheasireit T e I - A w I w, 29. September. (J. T. A.) Bei der Aufführung des Tonfilms in jiddischer Sprache, betitelt ״Die jüdische Mutter“, an einem der großen Filmtheater von Tel-Awiw kam es, wie wir bereits gemeldet haben, zu sehr schweren Ausschreitungen seitens jugendlicher Kreise, die gegen Jiddisch und für Hebräisch eintreten. Die Demonstranten, die sich meist aus Jugendlichen zusammensetzten, schleuderten Tintenfässer und Stinkbomben gegen die Leinwand, brachen in Zischen und Pfeifen aus, sobald jiddische Textworte von der Leinwand ertönten. Auf Ersuchen des Vizebürgermeisters von Tel-Awiw, Rokeach, hat die Polizei der Ruhe halber die weiteren Vorführungen des Films verboten.!Die britische Polizei halt den lokalen Behörden bei der Herstellung der Ordnung. Mehrere der Ruhestörer, die während der Skandale von der Polizei verhaftet wurden, sind auf Grund einer persönlichen Garantie des Vizebürgermeisters Rokeach wieder aus der Haft entlassen worden. — Der revisionistische ״Doar Hayom“ billigt das Vorgehen der ״Verteidiger der hebräischen Sprache gegen die Unverschämtheit einer Jargon-Vorführung“. Die Arbeitertageszeitung ״D a w a r“ wendet sich gegen den Fanatismus gewisser Hebraistenkreise. Jerusalem, 30. September. (J. T. A.) Beduinenscheichs, die Eigentumsrecht auf den Berg Nebo beanspruchen, haben den Bergesgipfcl den Franziskaner-Mönchen für einen Betrag von 1500 Pfund angebpten. Angeblich haben die Franziskaner das Angebot abgelehnt. Letzte Nachrichten Dr. Shieis in Palästina erkrankt Jerusalem, 8. Oktober. (J. T. A.) Dr. Shieis hat in Jerusalem di« Klagemauer, die Grabeskirche und die Omarmoschee besucht. Dr. Shieis erklärte, daß ihn keine Spezialaufgabe nach Palästina führe, sondern daß er nur beabsichtige, die Landesverhältnisse aus eigener Anschauung kennenzulernen und mit offiziellen und nicht-offiziellen Führern und Persönlichkeiten zu informativen Zwecken zusammenzukommen, ln Ueberemstimmung mit den Grundsätzen der eng- Ilschen Politik versuche er, einen engeren Kontakt zwischen dem Kolonialamt und den Übersee!- sehen Regierungen herzustellen. Er wolle die schwierien Probleme des Landes an Ort und Stelle studieren. Shieis atte beabsichtigt, drei Tage im Distrikt von Haifa und zwei Tage in Transjordanien zu verbringen. Er wollte bei dieser Gelegenheit die Ebene Jesreel, die Kolonien der Pica, Samaria, die Ruthenbergwerke und die Werke der Toten Meer-Konzession besichtigen. Er hatte ferner eine Konferenz mit den Vertretern der Jewish Agency und des Waad Leumi und inoffizielle Besprechungen mit der Exekutive der Histadruth ins Auge gefaßt. Inzwischen ist Dr. Shieis plötzlich erkrankt. Sein Zustand ist nicht besorgniserregend, doch muß er auf An- Ordnung des Arztes einige Tage lang das Bett hüten und kann daher das Besuchsprogramm nicht ausführen. Er konnte auch nicht an dem am 5. Oktober zu seinen Ehren von Sir John Chancellor gegebenen Lunch, zu dem u. a. Dr. Morris B. H e x t e r und Dr. J. L. M a g n e s geladen waren, teilnehmen. Colonel Kish, der eine einstündige Unterredung mit Dr. Shieis an dessen Krankenbeft hatte, erklärte, daß der Verlauf der Aussprache ihn sehrbefriedig+habe. Usslschklo in Prag (Von unserem Sonderberichterstatter) Der Prager Aufenthalt Ussischkins gestaltete sich zu einer eindrucksvollen Kundgebung für den Zionismus im allgeineinen und die Idee der ״Erlösung des Bodens“ im besonderen. In einer Aussprache mit den Pressevertretern gab Ussischkin Aufklärungen und Informationen über die gegenwärtige Lage in Palästina und die wichtigsten Aufhauprobieme, die in Berichten und Artikeln der deutschen und tschechischen Tages- Zeitungen teils sehr ausführliche Wiedergabe und Würdigung fanden. Am Sablmth-Abend fand iin großen I’eslsuul des Bctli Haam eine öffentliche Kundgebung statt, zu der mehr als 1000 Personen erschienen waren. Stadtrat Dr. Angeln Goldstein begrüßte Ussischkin in herzlichen Worten und feierte ihn als die starke, symbolische Verkörperung der Hegriffe von Land und Freiheit im entstehenden jüdischen Palästina. Abgeordneter Dr. Ludwig Singer schilderte in einer eindrucksvollen Rede die gegenwärtige politische Situation in der Bewegung. Das Referat Ussischkin gab, vom brennenden Problem des Bodens ausgehend, ein Bild der Situation Palästinas seit den August-Unruhen. Die Versammlung bereitete Ussischkin stürmische Ovationen. Am Sonntag, dem 28. September, fand eine aus allen Teilen der Republik stark beschickte Landeskonferenz des Keren Kajemeth statt, die unter der Leitung des Vorsitzenden des Zionistischen Zentralverbandes, Dr. Josef Hufeisen, den ganzen Tag dauerte. Neben den Rechenschaftsberichten über das abgelaufane Jahr, das dem Keren Kajemeth. die höchsten Einnahmen seit seinem Bestehen in der Tschechoslowakei gebracht hat, erstattete Ussischkin ein Referat über die gegenwärtigen und künftigen Aufgaben der Bodenpolitik, das wir in einer folgenden Nummer ausführlich wiedergeben werden. Das Referat gipfelte in einem Antrag, der von der Konferenz einstimmig und enthusiastisch angenommen wurde, wonach der Keren Kajemeth in der Tschechoslowakei sich verpflichtete, für die Auslösung einer bestimmten und äußerst wichtigen Bodenfläche in den nächsten vier Jahren den Betrag von 40000 ,C netto aufzubringen. Die 1 lälftc dieser Summe soll auf dem Anleihewege in den nächsten Monaten flüssig gemacht werden. Sofort nach den Beratungen der Konferenz, an denen sich die führenden. Zionisten der Tschechoslowakei beteiligten, trat eine aus den verantwortlichen und leitenden Gesinnung»• genossen bestehende Kommission zusammen, die die Durchfüll• rung des Anleiheprojekts übernahm. Den Abschluß der Veranstaltungen anläßlich Ussischkins Anwesenheit bildet ein glänzendes Bankett, das Sonntagabend im Festsaal des Beth Haam stattfand. Eine Reihe von Rednern, darunter auch der Konsul der Tschechoslowakischen Republik in Palästina, Dr. Fric, würdigten die Verdienste Ussischkins um unser Werk. In einer von interessanten, persönlichen Reminiszenzen erfüllten Rede dankte Ussischkin. Die Konferenz hat dem zionistischen Leben der Tschecho- Slowakei sicher einen starken Impuls gegeben. Der im Grunde fruchtlosen politischen Diskussion müde, hat man mit Freude die neue große praktische Aufgabe ergriffen, an der jeder einzelne Zionist mitarbeiten kann und wird. Das neue Jahr wird so durch den KKL. im Zeichen einer starken unmittelbaren Palästina-Propaganda stehen, die unzweifelhaft auch alle anderen Zweige der zionistischen Arbeit varvvärlstreiben wird. Professor Patrick Abercrombie, der berühmte englische Städtebauer, der kürzlich Palästina besucht hat, hielt in London einen Vortrag, worin er Palästinas Bedeutung als Verfcehrszentrum des künftigen Nahen Orients hervorhob. Palästina wird nicht nur für den Landweg von Konstantinopel nach Kairo und für die Straße von Persien zum Mittelmeer, sondern vor allem auch für den Luftverkehr von immer steigender Bedeutung werden und hat in Zukunft erhebliche, heute noch gar nicht ermeßbare Möglichkeiten. An der Diskussion beteiligte sich 11. a. Edvin Samuel (der Sohn Sir Herberts, der Beamter der Palästina-Regierung ist). Warschau, 6. Oktober. (J. T. A.) Die polnische Regierung hat wie im Vorjahre so auch in diesem Jahr die gesamte Taba kernte von Obergaliläa zur Verwertung durch die amtliche Tabakregie erworben. Der Kaufpreis beträgt 41) pence.pro Kilo gegen 38,8 im vergangenen Jahre. Der Präsident des Syndikats der jüdischen Tabakzüchter Palästinas, Brasi Iai, sagte dem JTA.-Vertreter, daß auch der erhöhte Verkaufspreis hinter dem wirklichen Wert des hochqualifizierten Tabaks zurückbleibt, daß er aber hofft, im kommenden Jahre einen höheren Preis zu erzielen. Amsterdam, 6. Oktober. (J.T. A.) Die permanente Kommission der jüdischen Gemeinden Hollands und der Rat der portugiesischen Gemeinde Hollands haben den Senator S. van den Berg zum Mitglied und den Richter B e n e d i t i zum stellvertretenden Mitglied für Holland in den Council der Jewish Agency gewählt. Alfred Adler in Berlin. ״Was rennt das Volk?“ so mochte mancher fragen, der in den letzten Tagen am Schöneberger Rathaus vorbeikain. Dort tagte in voriger Woche der Kongreß für Individualpsychologie; und nichts bekundete so lebhaft das brennende Interesse, das heute viele Männer und noch mehr Frauen den Fragen dieser neuen Wissenschaft entgegenbringen, wie die flutenden Menschenmassen, die jeden Tag in der Frühe dorthin pilgerten und den weiten Bürgersaal bis in die letzten Reihen füllten. Vor anderem galt ihr Verlangen wohl Alfred Adler, der ohne seines Meisters Freud geniale Einseitigkeit es in seinen Büchern seit Jahren unternimmt, Brücken zu schlagen zwischen den Entdeckungen der neuen Wesensschau und dem Leben der Menschen. Am ersten Kongreßtage berichtete Adler über sein besonderes Forschungsgebiet, die Zwangsneurose, die vielfältig schillernden Versuche des nervösen Menschen vor den Bajonetten des Lebens sich ־zu sichern. Während dieser Bericht besonders den psychiatrisch oder psychotherapeutisch interessierten Hörer durch die Fülle seines Materials und die Kühnheit seiner Folgerungen anziehen mußte, versuchte es Adler am Vortage des Kongresses und weiterhin öfters, die Masse der Laien für seine Probleme zu gewinnen; die lieberfülle der Hörer zeigte, wie sehr ihm das gelang... oder wie verhungert nach neuer Anregung das Großstadtpublikuni ihm entgegenströmte. ״Der Sinn des Lebens“ nannte er einen Vortrag, den er im Laufe des Donnerstags zweimal vor überfülltem Saale hielt. Mangel au Kontakt mit der Gemeinschaft — das ist ihm die Urstinde der Erziehung und der erste Grund neurotischer Erkrankungen; jene Art des verzärtelten Kindes, die immer fragt ״was gibt das Leben mir?“ ohne zu erwägen ״was gebe ich den anderen?!“ Von hier aus läßt sich alles Krankhafte, Gehemmte, Minderwertige bestimmen; dies Gemeinschaftsgefühl zu fördern und damit Leistungen für die Mitmenschen zu erzeugen, muß der Weg aller Heilung oder Erziehung sein. Denn nur im Wirken für die Mitmenschen, für die Erhaltung der Menschheit sieht er den Sinn des Lebens und den Weg zur geistigen Gesundung des Einzelnen. ״So ungefähr sagts der Rabbiner auch, nur mit wenig anderen Worten!“ mochte mancher meinen, der nach allen Predigten dieser festlichen Tage auch diese Weltanscliauungs- Predigt Alfred Adlers in sich aufnahm... —rau—.