Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 79-80 (10.10.1930)
- Date
- 1930-10-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 516 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 79/80, 10. X. 1930 Der Kongreß für das mw, Berlin, 9. Oktober 1930. Nach äußerst lebhaften anstrengenden Sitzungen ging der Kongreß für das arbeitende Palästina am Mittwoch, dem l.Oktober, zu Ende. Wir haben über die ersten Sitzungen ausführlieh berichtet und tragen nachstehend die Berichte über die letzten Sitzungen, sowie das vom Kongreß beschlossene Mani* fest an die jüdische Arbeiterschaft in der ganzen Welt nach. Der Kongreß bedeutete nicht nur für die Sache des arbeitenden Palästina, sondern auch für die gesamte zionistische Bewegung einen großen Erfolg, der zunächst stimmungsmäßig zum Ausdruck kam. Die Arbeiterzionisten sind auf einem guten ]Wege, die jüdischen Arbeiter in der ganzen Welt sozusagen zu einer Jewish Agency der jüdischen Arbeiterschaft für Palästina zusammenzufassen. Gewiß gibt es noch beträchtliche Schattierungen innerhalb der jüdischen Arbeiterschaft, die sich von der Sache des arbeitenden Palästina fernhalten, ebenso wie es manche Richtungen im jüdischen Bürgertum gibt,welche es noch ablehnen, sich der Jewish Agency for Palestine anzuschließen. Ueberdies bedeutete der Kongreß außenpolitisch einen beachtenswerten Erfolg für die zionistische Arbeit. Die Vertreter der internationalen Sozialdemokratie, die auf dem Kongreß zu Worte kamen, Insbesondere Huysmans und Prerard und der Franzose Jean Longuet (von Colonel Malone zu schweigen), bewiesen durch ihre Ausführungen, daß sie ein wirklich tiefes Verständnis für die zionistischen Ziele und die mit dem Palästina- Aufbau zusammenhängenden Probleme besitzen. Diese Männer sind nicht nur Menschen voll guten Willens und voller Sympathie für das Palästinawerk, sondern Kenner aller Schwierigkeiten, aber auch ehrliche Bewunderer des bisher in Palästina Erreichten und vor allem des vom jüdischen Volke und der Arbeiterschaft in Erez-Israel Erstrebten. Trotz der Opposition der Linken Poale Zion, trotz mancher Schwierigkeiten, die sich bei diesem ersten Kongreß für das arbeitende Palästina In der Zusammenfassung und Koordinierung aller Teilnehmer ergaben, war der Kongreß auch äußerlich außerordentlich wirksam und repräsentativ. Er wird den Teilnehmern ab ein großes Erlebnis in der Erinnerung haften. * Die Sitzung von Montag vormittag. ln der Sitzung vom Montag, dem 29. September, vormittags, erschienen, vom Vorsitzenden und den Kongreßmitgliedern!herzlich begrüßt, das Mitglied des britischen Unterhauses Colonel Cecil Malone und Frau Malone im Saale. Saltnan Rubaschow erstattete sein Referat über ״Die jüdische Arbeiterbewegung in allen Undem“. 1 Die jüdische Arbeiterbewegung ist kaum mehr als 30 Jahre alt. In Ihren Anfängen war sie im wesentlichen auf Rußland beschränkt und stand Palästina vollkommen ablehnend gegenüber. Die dritte Konferenz des ״B u n d“ im Sommer 1900 in B i a 1 y s t o k beschloß den Ausschluß aller Mitglieder, welche Palästina bejahen, aus Partei und Gewerkschaft. In 30 Jahren hat die jüdische Arbeiterbewegung eine Umgestaltung ihrer OrundJagen und eine Ausbreitung über die ganze Welt erjgtaaChafcfti heut* «ys Lohnarbeitern, die kraft ihrer Zähl und politischen Energie berufen sind, eine entscheidende Rolle in der Schicksalsgestaltung des jüdischen Volkes zu spielen. Das Gefühl der Verbundenheit mit Erez-Israel wurde in dieser Zeit ebenfalls ge* stärkt und es liegt diesem Kongresse die Aufgabe ob, den Kampf zwischen Palästina bejahenden und palästinagegnerischen Arbeitem zu beenden. Die drei Hauptkräfte der europäischen Ar* beiterbewegung, nändich 1. der organisierte Gewerkschafts• kampf als Ausdruck der persönlichen und Klasseninteressen, 2. die Partei als Ausdruck des Willens der Arbeiterschaft zur Macht und 3. der Missionsgedanke der Arbeiterschaft als Be* freierin der Menschheit haben in der jüdischen Arbeiterbewe* gütig ihre besonderen Ausdrucksformen, deren Organisierung sehr schwierig war. Der Kampf um die Existenz führte zu einer Spaltung der früher trotz verschiedenartiger Kämpfe immerhin einheitlich gewesenen jüdischen Gemeinde in Klassen. Es war sehr schwer, trotz dieser klassenmäßigen Scheidung die natio* nale Einheit aufrechtzuerhalten. Die Errichtung politischer Machtpositionen war der jüdischen Arbeiterschaft nur in beschränkten! Umfang möglich. Sie konnte sich wohl dort, wo sie in größeren Mengen konzentriert war, also in den Städten, maßgebenden Einfluß in den Verwaltungskörpern sichern, der Zugang zur Macht Im Staate war ihr aber naturgemäß ver* Schlossen. Notgedrungen nahm sich daher das Machtstreben der jüdischen Arbeiterschaft die Hegemonie in der jüdischen Nation zum Ziel. Damit wurde einerseits die Lösung vom jüdischen Volkskörper, die seinerzeit den Gegenstand der berühmten Diskussion zwischen Smolenski und Uebermann gebildet hatte, vermieden und andererseits die spezifisch-jüdische Form der dritten sozialistischen Hauptkraft, der Kraft des erlösenden Ideals, durch Verknüpfung mit der Palästina-Idee gefunden. Die kommunistische Spaltung, von der die gesamte Arbeiterbewegung betroffen wurde, hat auch die jüdische Arbeiterbewegung nicht verschont. Ein Teil der aktivsten und revolutionärsten Elemente der Bewegung steht heute unter der Führung der Jewsekzija im Lager des Kommunismus. Es ist bedauerlich, daß dieser Teil der jüdischen Arbeiterbewegung, der sich vom lebendigen Volksorganismus Tosgelöst hat, trotz seiner Aktivität und zahlenmäßigen Größe notwendig ohne Bedeutung für das Volksganze bleiben muß. Berl Katzenelson gibt in seinem Referate über ״Das jüdische Arbeiterwerk in Palästina“ eine Darstellung der revolutionären Motive der Arbeiterkolonisaiion, welche eine Revolte war gegen die Galuth, gegen das Leben von Händlern und Luftmenschen, aber auch eine Revolte gegen einen Zionismus, der keine Gelegenheit zu persönlicher Tat geben konnte, sowie eine Revolte sogar gegen die sozialistisch-zionistischen Parteien, insofern ihre Tätigkeit eine bloß politische und theoretische war. In 25 Jahren konstruktiver Arbeit hat die palästinensische Arbeiterbewegung bei den Juden die Fähigkeit zu selbständigem kolonisatorischen Aufbau entwickelt und einen Kampf um das Recht auf Arbeit geführt. Ohne jüdische Arbeiterschaft wäre das Araberproblem heute noch viel schärfer, denn dann würde der Gegensatz zwischen Juden und Arabern sich decken mit dem Gegensatz zwischen arbeitender und ausbeutender Klasse und eine Versöhnung der beiden Bevölkerungselemente wäre unmöglich geworden. Die kommunalen und landwirtschaftlichen Kooperativen, die sich die Arbeiterbewegung geschaffen hat, sind heute nicht mehr Experimente, sondern eine Massenbewegung. Es ist eine revolutionäre Tat, daß in Palästina der jüdische Arbeiter, welcher in allen anderen Kolonisationszentren, in Cherson, in der Krim, in der Ukraine, in der Rothsehildschen Kolonisation bloß Objekt der Kolonisationstätigkeit war, sich in Palästina zu ihrem Herrn gemacht hat. Auch in Palästina bestand eine Zeitlang die Gefahr, daß die Arbeiterschaft ohne Einfluß auf die Ge- Stiftung der Siedlung bleiben werde. *Wese Gefahr wurde durch arbeitende Palästina den ersten Streik gegen das Palästina-Amt gebannt. Heute sitzen die beiden Gegner im damaligen Kampfe, Dr. Ruppin und er, Katzenelson, im ,gleichen Beratungssaal. Besondere Bedeutung für die Ermöglichung einer sozialistischen Kobnisar tion haben die Finanzinstitute des Zionismus.In der blauen Büchse des Nationalfonds liegt ein Stück Befreiung der Arbeiterschaft. Die Arbeiterschaft hat für die Reinhaltung der ursprünglichen Nationalfondsprinzipien gekämpft. Ohne Nationalfonds wäre aber auch die Entstehung spezifischer Formen der Arbeitersiedlung unmöglich gewesen. Der Keren Hajessod ist nach einem Ausdruck Syrkins dazu bestimmt, das sozialistische Budget für Palästina zu werden. Vergleicht man schon heute das Budget des Keren Hajessod mit irgendwelchen Regierungsbudgets, auch mit solchen von Arbeiterregierungen, so wird man finden, daß es viel weniger bourgeoisen Charakter trägt als jene. Wichtiger als das Erreichte ist die Frage der Möglichkeiten weiterer Entwicklung. Diese finden wir in den über 200 000 Dunam großen Bodeareserven des Nationalfonds, im Ausbau der Elektrokonzession, der Toten-Meer-Kon- Zession und der kleineren Konzessionen, in den Möglichkeiten, die der Bau des Hafens von Haifa und der Haifa-Bagdad-Bahn eröffnen. Zu lösen sind noch die Fragen, wie die bisherige Kolonisation von Individuen zu einer Massenkolbmsätion, wie sie leichter, billiger und einfacher zu machen ist, ferner wie die Umwandlung bisheriger Nichtarbeitcr in arbeitende Massen rasch und großzügig durchgeführt werden kann. Es wird uns manchmal vorgeworfen, daß wir dem Galuth-Judentum moralische und materielle Kräfte entziehen. Eine vergleichende Rechnung wird ergeben, daß im Gegenteil wir es sind, die durch die Schaffung eines neuen Menschenschlages die Galuth bereichert haben. Auch wären die Kolonisierungsarbeiten in Rußland, die Entstehung zahlreicher Kooperativen in Osteuropa ohne das palästinensische Beispiel wohl nicht möglich gewesen. ln der Nachmittagssitzung vom Montag hielt Joseph S p r i n z a k sein Referat über ״Die zionistische Bewegung und die jüdische Arbeiterschaft“. Die Beteiligung der jüdischen Arbeiterschaft an der zionistisehen Organisation sei nicht eine Koalition mit der Bourgeoisie, sondern eine Verbindung mit dem gesamten jüdischen Volk. Wese Verbindung sei nicht auf Gefühlsmomente zurückzuführen, sondern auf gegenseitiges Interes9e. Die Arbeiterschaft als Trägerin der Kolonisation werde die nächste Generation des jüdischen Volkes in sich aufnehmen. Der Erfolg der letzten 20 Jahre sei auf ctie treibende Kraft der Arbeiterschaft zurückzuführen, weiche sich im Bewußtsein dessen, daß Palästina ein arbeitendes Palästina werden muß, mit dem gesamten jüdischen Volk verbunden hat. (Auf einen Zwischenruf von den Bänken der Linken Poale Zion, dies sei nicht Wahrung von Arbeiterinteressen, sondern Verrat, entgegnete Sprinzak, wenn der Aufbau von Daganiah und Nahalaf und den übrigen jüdischen Positionen im Lande Verrat bedeute, dann rufe er den gesamten Kongreß dazu auf, an diesem Verrat teilzunehmen.) Stürmisch begrüßt ergriff sodann Colonel Cecil Malone, Mitglied des englischen Unterhauses, das Wort: Ich begrüße, sagte er, den Kongreß im Namen der englischen Arbeiterschaft. Die Jugend, welche im Saal so zahlreich vertreten Ist, bietet die Gewähr für das Gelingen Eures Werkes. Die Arbeiter aller Länder hoffen, daß Ihr einen Arbeiterstaat bauen werdet. Der Aufbau Palästinas ist eine gemeinsame Aufgabe Englands und der Juden. Wir Engländer sind für die Durchführung des Mandates verantwortlich bis zu dem Zeitpunkt, in dem die beiden Völker eine gemeinsame Selbstverwaltung im Lande errichten werden. Die Bourgeoisie weist mitunter auf das Interesse hin, das England an Palästina wegen dessen strategischer Bedeutung als Luftflottenstützpunkt und Schutzwall des Suezkanals haben müsse. Wir englischen Sozialisten interessieren uns für Palästina nicht aus diesem Grunde, sondern, weil wir in der Errichtung eines Jüdischen Nationalheims die Verwirklichung eines Menschheitsideals sehen. Das jüdische Volk hat An- Spruch auf nationale Befreiung, denn ohne diese gibt es keine wirtschaftliche Befreiung. Die bedauerlichen Ereignisse vom August 1929 haben das öffentliche Gewissen aufgerüttelt. Ich teile vollkommen die Ansichten, welche Harry Sn eil in seinen Bemerkungen zum Shaw-Bericht ausgesprochen hat, ebenso bin ich mit der Kritik der Mandatskommission des Völkerbundes »1 der palästinensischen Verwaltung einverstanden. Die arabischen Führer sind zweifellos im Shaw-Bericht zu glimpflich behandelt worden. Regierung und Administration müssen den Palästina- Aufbau aktiv unterstützen. Die Suspendierung der 2300 Arbeiter- Zertifikate ist deshalb so einschneidend, weil aut die Einwanderung nicht wenige Tausende, sondern Hunderttausend« warten. Wir, die wir uns als Judenfreunde erklären, sind darum nicht Arabergegner, mögen auch die Araberfreunde in der Regel Judengegner sein. Die bisherige Arbeit der Histadruth erfüllt uns mit Befriedigung und wir hoffen, daß England, welches eine der besten Sozialgesetzgebungen der Welt hat, als Mandatarmacht dafür sorgen wird, daß auch in Palästina eine solche Gesetzgebung getroffen wird. Möget Ihr, wenn Ihr von hier in Eure Heimat zurückkehrt, Euch der Sympathien nicht nur Eurer jüdischen Klassengenossen, sondern aller Sozialisten für den Palästina-Aufbau versichert haben. Ben Gurion dankte Malone und erklärte, das Zutrauen der jüdischen Arbeiterschaft zur englischen und internationalen Arbeiterbewegung sei trotz der Fehler der englischen Arbeiterregierung nicht erschüttert. In Erfüllung der Aufgabe, eine Brücke zwischen Ost und West zu bilden, wird die jüdische Arbeiterschaft Palästinas mit ihren schwachen Kräften mithelfen, das englische Imperium in ein Reich freier Völker umzuwandeln. Ing. S. Kaplansky führte in seinem Referat über ״Die Aufnahmefähigkeit Palästinas“ aus, daß diese Frage, die lange Zeit Gegenstand einer innerjüdischen Diskussion gewesen ist, nunmehr vor dem Internatio* nalen Forum erörtert wurde. Die Shaw-Kommission kam bekanntlich zu dem Schlüsse, daß Palästina hinreichend besetzt sei. Nur in einer Nebenbemerkung wurde darauf hingewiesen, daß ohne vollständige Umwälzung der dortigen Wirtschaft eine größere Aufnahmefähigkeit nicht erreicht werden könne. Nun ist aber gerade die Europäisierung der palästinensischen Wirtschaff eine unmittelbare Folge der jüdischen Einwanderung. Das Mandatsgebiet besteht aus dem von der Mandatsregierung ctirekt verwalteten Westpalästina und dem Ostjordantana, dessen Verwaltung durch einen besonderen Vertrag dem Emir Abdullah übertragen wurde. Doch sichert das Mandat den Juden auch in diesem Gebiet die Freiheit wirtschaftlicher und kolonisatorischer Betätigung. Von den in Westpalästina gegenwärtig vorhandenen 121/2 Millionen Dunam anbaufähigen Bodens sind 21/2 Millionen nicht bebaut, 9 Millionen in arabischen Händen, davon aber nur 6 Millionen bebaut, während 3 Millionen Brachland sind; eine Million ist In jüdischem Besitz, aber nur zur Hälfte besiedelt. West- und Ostpalästina zusammen haben eine nutzbare landwirtschaftliche Bodenfläche von 2150000 Hektar. Berechnet man die Aufnahmefähigkeit dieser Fläche für landwirtschaftliche Siedlung unter Zugrundelegung der ״Arbeitsnorm“, d. h. jenes durchschnittlichen Minimums von Boden, welches zur Erhaltung einer Bauernfamilie nötig ist und gleichzeitig das Maximum dessen darstellt, was eine Baucrnfamilie ohne Hilfskräfte zu bestellen vermag (nach Oppenheimer und gemäß praktischen Erfahrungen 1n Europa und Palästina zirka 5 ha), so kommen wir zu einer Ziffer von 437 000 Bauernfamilien oder 2 150000 Seelen, das bedeutet eine Verdreifachung der heutigen landwirtschaftlichen Bevölkerung. Legen wir der Berechnung die heute schon bestehenden Wirtschaftstypen Palästinas zugrunde, das sind 2 ha in der bewässerbaren Zone, 10 ha in der nicht bewässerbaren und 30 ha im ״Negel“, dem südpalästinensischen Uebergangsgebiet zur Steppe, so können wir feststellen, daß sich ohne weitere Intensivierung der palästinensischen Wirtschaft schon heute die landwirtschaftliche Bevölkerung auf 275 000 bis 280000 Familien, also auf das Doppelte der jetzigen Familienzahl, bringen läßt. Wie grob die städtische Bevölkerung sein wird, welche dieser ländlichen Bewohnerzalti entspricht, läßt sich nicht bestimmt Voraussagen. Es ist aber anzunehmen, daß sie unter Berücksichtigung der günstigen Lage Palästinas und der besonderen Eignung der Juden für Handel und Industrie so groß sein wird, daß man mit der Möglichkeit einer Gesamteinwohnerzahl von 5 bis 7 Millionen in Palästina rechnen kann. Uns jüdische Sozialisten läßt der Streit um das Endziel des Zionismus, um die Frage ״Kulturzentrum oder Judenstaat״, kalt. In Varüerung des Wortes Eduard Bernsteins: ״Das Ziel ist nichts, die Bewegung alles“, möchte ich sagen, daß wir unsere Aufgabe nicht in der Diskussion um das Endziel des Zionismus, sondern in der Ausnutzung der gegebenen ökonomischen Mögfichkeiten erblicken. Dienstag-Vormittagssitzung. ln der am Dienstag, dem 30. September, begonnenen Generaldebatte sprach als Erster der Fraktionsvorsitzende der Linken Poale Zion, Nir. Er führte ungefähr aus: Der Vorstand der Histadruth hat der Zentralregierung jener Mandatarmacht, die wir Okkupationsmacht nennen, keinerlei Schuld an den Ereignissen vom August 1929 beigemessen, sondern nur der Palästina-Administration; dies, obwohl die gesamte palästinensische Arbeiterschaft ganz anders dachte. Englands Interessen in Palästina sind: Schutz des Suezkanals, sonstige militärische und wirtschaftliche Interessen, da Palästina das Uebergangsgebiet nach den Oelfeldem von Mossul ist; Aufbau des jüdischen Nationalheims ist nur Vorwand. Wäre es anders, so hätte der Hafen statt in Haifa, dem Ausgangspunkt der Bahn nach Bagdad und der Oefieitung, in Jaffa gebaut werden müssen, von wo der jüdische Grangenexpart ausgeht. Wie in Indien and Aegypten sät England auch in Palästina Zwietracht zwisehen den einzelnen Teilen der Bevölkerung, und alle Kornmissionen nach Palästina sind entsendet worden, um den Gegensatz zwischen Juden und Arabern zu verewigen. Es wird keine Verständigung mit den Arabern geben, solange die Okkupation andauert. Wir wenden uns gegen die von Brith Schalom gesuchte Verständigung mit den Arabern als Gesamtheit. Das arabische Volk ist nicht einheitlich, es besteht aus Klassen. Die Leitung der Histadruth ist aber dem Verständigungswillen der arabischen Arbeiterschaft nicht entgegengekommen. Organisierung von jüdischen und arabischen Arbeitern in zwei besonderen Sektionen ist eine Farce, weil die Araber nicht imstande sind, sich allein zu organisieren. Die palästinensischen Arbeiterfragen müssen mit Hilfe der außerpalästinensischen jüdischen Arbeiterschaft gelöst werden. Palästina wird durch Privatkapital aufgebaut, daher muß der Ktassenkampt dort ebenso geführt werden wie in allen anderen Ländern. Ben Gurion hielt ein Referat über ״Unsere Beziehungen zum arabischen Volk und zur Mandatarmacht“. Mit dem Zionismus beginnt zum erstenmal nach der Zerstörung des jüdischen Reiches eine jüdische Staatspolitik, die den Erfolg gehabt hat, daß das jüdische Volk afs Einheit und sein Anspruch auf Palästina völkäTeehtlteb anerkannt wurden. Die Möglichkeiten des Mandats sind noch nicht vollkommen praktisch ausgewertet, das Resultat von zehn Jahren ist aber immerhin die Einwanderung eines vollen Achtels der heutigen palästinensischen Bevölkerung. Für die zukünftige Entwicklung des Landes besitzen wir zwei Schlüsselstellungen: die Elektro- und Wasserkraft-Konzession und die Tote-Meer-Konzession. In Palästina gibt es eine Judenfrage, weil die Juden dort als Minorität denselben Gefahren ausgesetzt sind wie in allen anderen Ländern. Es gibt aber auch eine Araberfrage, weil wir nach Palästina mit einer historischen Perspektive kommen. Die Bestrebungen eines Teiles des Brith Schalom sind utopisch, wenn sie den Veracht auf unsere Aspirationen, ein möglichst großer Jischuw zu werden, aussprechen. Einen solchen Schritt des Brith Schalom wird das jüdische Volk stets desavouieren. Wir müssen den Arabern sagen, daß 17 Millionen Juden freie Einwanderung nach Palästina für ihre Volksgenossen fordern. Wir müssen aber auch den Juden sagen, daß sie mit den 700 000 Arabern Palästinas rechnen müssen. Aus nationalen und internationalsozialistischen Gründen bestreiten wir das Recht der gegenwärtigen Bevölkerung Palästinas, rieh gegen die übrige Welt abzusperren. Selbstbestimmungsrecht ist nicht identisch mit der Anmaßung der Herrschaft über den gesamten Boden eines Landes, wir fordern, daß die seit unvordenklicher Zeit unausgenützten Bodenflächen Palästinas der jüdischen Einwanderung zugänglich gemacht werden, damit sie zu Quellen der Wohlfahrt ausgestaltet werden können. Es ist notwendig, daß die freie Ein- Wanderung der Juden durch einen außerpalästinenrischen Machtfaktor, den Mandatar des Völkerbundes, geschützt wird. Ein kleiner Jischuw würde die Galuth-MentaKtät mit nach Palästina verpflanzen. Eine große Einwanderung aber gewährleistet freie nationale Entwicklung. Die gesonderte Organisierung von jüdisehen und arabischen Arbeitern ist notwendig, damit beide Elemente sich ihrer Eigenart entsprechend ausleben können. Kaliski begrüßt die Bejahung des jüdischen Lebenswillens in der Rede Ben Gurions und erklärt es als Pflicht aller jüdischen Sozialisten, für die Befreiung des jüdischen Volkes in Palästina einzutreten. Ing. Reiß sieht in dem Kongreß rin Anzeichen dafür, daß die jüdische Arbeiterschaft sich aut dem Wege zur Realisierung ihrer Einheit befinde. Es sei notwendig, die gegebenen Mög- Bchkeiten auszunützen, durch welche wir in die Lage versetzt werden, die Zahl der jüdischen Arbeiter in Palästina zu vergroßem. Auch die Linke werde einsehen müssen, daß der Grad des Einflusses der jüdischen Arbeiterschaft eine Funktion ihrer Zahl sei. Es sprachen noch Tartakower (Hitachduth) und der Sozialrevolutionär Dr. J. St ei nb erg, welcher mit Bezug auf die Feststellung Ruppins und Erems, daß Palästina nur einen kleinen Teil des jüdischen Volkes in sich aufnehmen könne, aut die Notwendigkeit kolonisatorischer Betätigung auch in anderen Gebieten, z. B. Rußland, hinwies. Die jüdische Arbeiterschaft Palästinas dürfe nicht mit den gegenwärtigen politischen Verhältnissen in der Welt, sondern sie müsse mit der Zukunft rechnen. Vor einem befreiten arabischen Volk der Zukunft dürfe sie nicht als ehemaliger Verbündeter des Unterdrückers England erscheinen. Er hoffe, daß dieser Kongreß nur der Vorläufer eines größeren, alle Teile der jüdischen Arbeiterschaft umfassenden Kongresses sei. Die Dienstag-Nachmittagssitzung. Am Dienstag, dem 30. September, nachmittags, sprachen u. a. Morris Myer, London, die Amerikaner Brown und Shlosberg und der Linke-Poale-Zionist Abramowitsch. Der Linken, die sich gegen jede Zusammenarbeit mit bürgerliehen Schichten der zionistischen Bewegung ausgesprochen hat, wurde vargehafcten, daß selbst in Sowjetrußland auf eine Inter־