Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 77-78 (1.10.1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 510 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 77/78, i. X. 1930 Das Gastspiel der Habima Die Uriel Acosta > Aufführung Von Sch. Qorelik. In einer eingehenden Betrachtung über das jiddische Moskauer Künstler-Theater Granowskys, die die ״Jüdische Rundschau“ vor mehr als zwei Jahren brachte, war der Wunsch geäußert worden, einmal auf einer jüdischen Bühne Uriel Acosta aufgeführt zu sehen. Es hieß dort 11. a.: ״Sie vorstehen wohl, es wäre etwas ganz anderes mit dem Uriel Acosta auf einer jüdischen Bühne; hier hätte man nicht nur daran gedacht, daß Gutzkow mit seinem Werk gegen Intoleranz kämpfen wollte, sondern einen Abschnitt wirklicher jüdischer Geschichte, das jüdische Amsterdam des 16. Jahr* nunderts hätte man sehen und erleben können. ״Habima“ wird sich vielleicht dieser Aufgabe einmal widmen.“ Nun, Habima hat sich dieser Aufgabe gewidmet, sie hat den Uriel Acosta aufgeführt. Aber diese Aufführung, um es gleich zu sagen, ist zu stark revuemäßig verlaufen. Die Hauptsorge wurde auf das Sehen und nicht auf das Erleben verwendet. Die Pracht der Kostüme, die Tänze, mit großer Anmut vorgeführt, entzückten das Auge des Zuschauers, aber seine Seele blieb unerschüttert, denn jene dramatische Begebenheit, die sich unter den damaligen Juden Amsterdams abspielte, kam nicht zur Geltung. Auf dieser Uriel Acosta- Aufführung kennten wir wahrnehmen, daß es den Amsterdamer Juden im 1b. Jahrhundert sehr gut ging und daß sie ihre Frauen und Töchter in kostbare Brokatstoffe kleideten. Sie gaben der holländischen Schwerfälligkeit und Monotonie eine leidenschaftliche Note. "Wenn im Hause des Manasse ein Fest gegeben wird, so herrscht dort eine edle Eleganz, die uns daran erinnert, daß die Juden Spaniens und Portugals zwar Grausames erduldet haben, daß sie aber dort nicht erniedrigt wurden durch Tragen häßlicher Kleider und Namen. Und als sie nach Holland flüchteten, brachten sie auch etwas von spanischer Grandezza mit Der blühende Handel mit der ganzen Welt trug wesentlich dazu bei, das Leben der Juden glanzvoll zu gestalten. Es war mit einem Wort ein angenehmer Golus. Diese äußere, stilvolle Seite des Lebetis als zierende Begleitniomente hervorzuheben und zu betonen, wäre eindrucksvoll, wenn nicht die Habima-Aufführting des Uriel Acosta hierin den Flauptzwcck gesehen hätte. Der eigentliehe dramatische Vorgang, die leidenschaftliche Ausein־ andersetzung Acostas mit seiner Umwelt wird in der freien Bearbeitung von L i w s c 11 i t z und der Regie Granowskys in den Hintergrund gedrängt und durch Dekorationskunst, prächtige Gewänder und Menuette überschattet. Selbst die Synagoge ist das Modell einer Prachtsynagoge. (Seht, welche schöne Synagoge die Amsterdamer Juden haben!) Das, was in dieser Synagoge vorgeht, wird zu Nebensächlichem degradiert und bleibt wirkungslos. Wirkungslos die fanatischen Reden und Flüche der Rabbiner gegen den Freidenker Uriel Acosta. Nachdem uns Habima Hunderte von Malen Ghetto- Juden in Lumpen und Fetzen, aber mit glühenden Seelen gezeigt hat, kann sie sich jetzt nicht genug tun in Glanz und äußerer Pracht. Wie prunkvoll dekorativ die Amsterdamer Rabbiner sind! Sollen das Rembrandt-Rabbiner sein? Schwerlieh, sie erinnern aber an armenische Popen, manchmal sogar an die Priester aus der Oper Aida; und als de Santos mit donnernder Stimme seine grausamen Flüche ausstieß, vermeinte ich nicht ״Arur“ zu hören, sondern ״Radames, Radames“. Nur das seelenvolle Spiel der Rowina (Judith), die sich zu einer echten Tragödin entwickelt, erweckte manchmal in dem Zuschauer den Gedanken an ein Trauerspiel, denn der durch Liwschitz und Granovsky dezimierte Uriel Acosta, noch dazu dargestellt von dem für diese Rolle äuljepst ungeeigneten Warschawer, konnte uns nicht erschüttern. Es ging alles harmlos und vergnügt zu. Aus dem würdevollen, aufgeklärten Arzt da Sylva ist ein zappelnder, geschwätziger alter Herr geworden, der unmöglich den Eindruck erwecken konnte, daß er der Lehrer Acostas war, und die muntere Redseligkeit, die der gütige Greis Rabbi Ben Akiba entfaltet, erscheint auch mit seiner hohen Würde ganz unvereinbar. Noch unerträglicher ist das Tanzen Rabbi Ben Akibas auf der Hochzeit. So sind viele Hoffnungen, die an die Aufführung des Uriel Acosta in der ״Habima“ geknüpft waren, nicht in Erfüllung fegangen. Die Freunde der ״Habima“ glaubten, das hebräische heater würde dieses Trauerspiel zum Anlaß nehmen, das Schicksal eines einzelnen Menschen, seine Kämpfe, seine Leiden darzustellen, ln diesem Falle aber hätte Uriel Acosta die zentrale Figur bleiben müssen, wie Gutzkow sie gezeichnet hat. FHe größten Tragöden der europäischen Theater haben einst ihre schönsten Triumphe mit diesem Helden des Gutzkowschen Trauerspiels gefeiert. Generationen haben an den leidenschaftlichen Monologen Uriel Acostas den tiefsten seelischen Anteil genommen. Wenn die ״Habima“ den ernsten Versuch machen wollte, vom folkloristischen zum dramatischen Theater, zum individuellen Drama überzugehen, dann durfte sie nicht zulassen, daß man auf diese Art und Weise frei mit Gutzkow umging. Herr Liwschitz, der sich die Freiheit nahm, Gutzkow zu demolieren, mußte sich sagen, daß die Gestalt Uriel Acostas nicht bloß der Phantasie eines pathetischen, freiheitsliebenden, aber mittelmäßigen Dichters entstammt, sondern daß dieser unglückliche Romantiker und Denker Uriel Acosta wirklich lebte, kämpfte, litt und an diesen Leiden zugrunde ging. Das tragische Geschick dieses Mannes, wie die Wut, mit welcher er verfolgt wurde, bildete ein der spannendsten Momente im jüdischen Lehen Amsterdams. Die portugiesischen und spanischen Juden, die nach Holland auswanderten, brachten nämlich dorthin nicht nur kostbare Degen und Stoffe, sondern auch einen glühenden Glauben, glühend wegen der ausgestandenen Grausamkeiten in ihrer früheren Heimat. Aus dieser Atmosphäre heraus nur ist die religiöse Leidenschaft und Unduldsamkeit eines de Santos zu begreifen. Diese Leidenschaft mußte auf einer jüdischen Bühne zur Geltung kommen, hier mußte inan den religiösen Atem zu spüren bekommen. Jene opernhafte Gestalt aber, die wir auf der ,,Habima“-Bühnc sehen, konnte uns diesen Eindruck nicht vermitteln, noch weniger konnte es der Uriel Acosta des Herrn Warschawer. Der schmächtige junge Mann, der mit den Händen fuchtelt, und Schreie ausstößt, kann nicht als Uriel Acosta hingenommen werden. Man versteht nicht, warum in der Amsterdamer Jüdischen Gemeinde seinetwegen überhaupt Aufregung herrschte. Ist es glaubhaft, daß dieser Mann philosophisch-theologische Abhandlungen schrieb, oder ist es zu begreifen, wieso Judith zu dem Acosta, den die ״Habima“ uns präsentiert, eine so starke Liebe emofinden konnte, eine Liebe, die sie zum Giftbecher trieb? Fragt mau aber, worin dennoch der künstlerische Gewinn dieser Acosta-Auffülmmg für die ״Habima“ besteht, so ist darauf folgendes zu antworten: Nicht in der Stärke der dramatischen Gestaltung, sondern iin Szenisch-Dekorativen, im Graziösen. Es war immerhin ein hoher Genuß, die Chassiditn, die Batlonirn aus dem Dybuk in so graziöser Weise sich auf der Bühne bewegen ־zu sehen. Bewundernswert ist die Wandlungsfähigkeit der ״Habima“-Leutc, die auch in Shakespeares ״Was ihr wollt'‘ so überraschend wirkte. Diese Schauspieler können sich fortan auch auf andere Gebiete wagen. Sie sind nicht unbedingt an das Ghetto-Milieu gebunden. Das festzustellen war wichtig. Aber noch eins ist festzustellen, nämlich, daß die wHabima“-Schau$pider nur in Begleitung von Tanz und Musik ihre schauspielerische Kunst entfalten können. Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, bietet das letzte Gastspiel der ״Habima“, so erfreulich die Bereicherung des Repertoires an und für sich ist, nicht wesentlich Neues. Man ist wohl einige Schritte weitergegangen, aber auf dem gleichen Wege, und dieser Weg wählt die Komödie und nicht das Drama. Es besteht sogar die Gefahr, daß sich in der ״Habima“ eine Tendenz des happy-ends entwickeln wird. Man rühmt sich schon, hauptsächlich wegen des sprudelnden Temperaments, wegen der ausgelassenen Fröhlichkeit, die in ihrem Spiel herrscht. Man erwartet von der ״Habima“ keinen Hamlet, keinen König Lear und verzeiht ihr sogar, dafl sie aus Shakespeares ״Was ihr wollt“ alles entfernte, was an trübe Nachdenklichkeit erinnert, und nur das Possenhafte hervorgehoben hat. Einst war man von dem Dybuk-Mysterium ergriffen, man sprach von der ostjüdischen Seele, von jüdischer Mystik, jetzt heißt es: Bei der ״Habima“ kann man einige fröhliche Stunden verbringen, und es fehlt nicht viel, daß man auch auf sie die Worte anwenden wird: ״Die Tiroler aus Tarnopol oder Tel-Awiw“ Wegen der sprudelnden Frohlichkeit. Indes die ״Habima“ befindet sich noch in der fruchtbaren Periode des Suchens und der Entwicklung. Neue künstlerische Kräfte werden noch heranwachsen und hinzukommen, dann wird auch die Kunst der ״Habima“ sich mannigfacher gestalten können. Antisemitische Demonstrationen in Prag ln Prag kam es im Zusammenhang mit der von der tschechischen Rechtspresse geschürten Kampagne gegen die deutschen Tonfilme auch zu schweren antisemitischen Ausschreitungen. Die Demonstrationen nahmen ihren Anfang vor dem Kino ״Avion“ auf dem Wenzelsplatz, wo eine erregte Menge gegen den Tonfilm ״Der ewige Lump“ demonstrierte und dabei Schmährute gegen die Juden ausstieß, wie ״Nieder mit den Juden“, ״Hier ist ein tschechisches Kino und keine Judenschule“ ״Pfui über die Juden“ usw. Das Kino wurde demoliert. Die Polizei sah untätig zu und nahm erst später einige Verhaftungen vor. Die Demonstranten zogen zumBeth- A m (Jüdisches Volkshaus) in der Langegasse, in welchem sich das Kino ״Roxy“ befindet. Das Kino wurde demoliert Sämtliche Fensterscheiben des im Beth-Am befindlichen Kaffeehauses wurden eingeworten. Auch hier wurden Schmährufe gegen die Juden ausgestoßen. Die Demonstranten zogen schließlich auf die Nationalstraße, wo sie riefen ״Prag den Tschechen, Palästina den Juden“. Die Demonstrationen sind nicht nur auf die Hetze der Rechtspresse, vor allem der ״Narodny Listy“ zurückzuführen, sondern auch auf nationalsozialistischen und kommunistischen Einfluß. Die Polizei hat vollständig versagt. Auf dem Graben wurde der Sohn des Prager Polizemräsidenten, Karl Malek, unter Rufen ״Haut die Juden“, verprügelt. Malek ist kein Jude. Die Erregung in der Prager Judenschaft ist überaus groß. Man nimmt an, daß die Demonstrationen eine parlamentarische Anfrage von jüdischer Seite zur Folge haben werden. Um Mitternacht zogen starke Gruppen von Demonstranten in die Gassen der Josefsstadt, wo sie mit Zaunlatten gegen jüdische Firmenschilder und Schaufenster vorgingen und auch sonst vandalisch hausten. Am 25. September abends wiederholten sich die antideutschen wie die antijüdischen Demonstrationen. Nachdem die Demonstranten an das von Gendarmerie geschützte ״Deutsche Haus“ nicht heran konnten, zogen sie gegen 11 Uhr abends in die Melantrich-Gasse und zerstörten unter dem Ruf ״Nieder mit den Juden!“ die jüdisehen Geschäftsläden dieser Gasse vollkommen. Die Polizei, die ganz in der Nähe postiert war, erschien aber erst, als das Zerstörungswerk beendet war.und die Demonstranten sieh entfernt hatten. Dann sperrte sie das Terrain für Neu* gierige ab. Die ״Selbstwehr“ bemerkt zu den Demonstrationen: Auf ״Zwei Herzen im Dreivierteltakt“ reagieren die Prager Demonstranten mit dem Rufe ״Zide do Paiestiny“ (Juden nach Palästina). Daß unter den 305000 Besuchern der deutschen Tonfilme nicht lauter Juden waren, ja kaum mehr als ein verschwindender Prozentsatz, ist aus den Bevölkerungsziffern leicht zu berechnen. Dennoch nahmen die Demonstrationen sofort antisemitischen Charakter an. Die Frage des deutschen Tonfilms ist kein jüdisches Problem, wenn die tschechische Bevölkerung den deutschen Tonfilm wünscht und die Theater wochenlang füllt, so ist es eine rein tschechische Angelegenheit, die das tschechische Volk in sich selbst zu bereinigen hat. Es hat nicht einmal viel mit dem Deutschtum zu tun, noch weniger aber mit dem Judentum. Daß hier so gründlich und ungestört gegen jüdisches Eigentum gewütet werden konnte, ist ein Verschulden der Behörden. Es wäre ein Armutszeugnis vor der gesitteten Welt, wenn sich das tschechische Volk in dem Dilemma, ob es den deutschen Tonfilm besuchen soll oder nicht, nur durch antisemitische Ausschreitungen helfen könnte,“ Der Abgeordnete der Jüdischen Partei, Dr. Ludwig Sing e r, sprach nach den ersten Demonstrationen (in der Nacht zum 25. September), am Morgen des 25. September, im Präsidium des Innenministeriums vor. Er wies auf die tiefe Beunruhigung hin, die sich der jüdischen Bevölkerung bemächtigt hat, und machte auf die andauernde Verhetzungskampagne aufmerksam. Er verlangte sofortige Vorkehrungen zum Schutze der jüdischen Bürger und jüdischen Eigentums. Der Präsidiums- Vorsteher, Sektionschef Dr. Sobotka, gab die Erklärung ab, daß die Regierung entschlossen sei, unter allen Umständen Ordnung 7u schaffen und keine weiteren Ruhestörungen zuzulassen. Trotzdem haben sich die antisemitischen Demonstrationen und Zerstörungen in der Nacht zum 26. September fortgesetzt. Alfred van der Walde gestorben. Im blühenden Alter von 24 Jahren starb vor einigen Tagen in Wien an Typhus Alfred van der Walde, der nach anderthalbjähriger Arbeit im Kibbuz Cheruth des Jungjüdischen Wanderbundes zu einem Besuche nach Europa gekommen war. Alfred van der Walde stammte aus Emden, schloß sich im Kindesalter den Blau-Weißen an, um dann im Brith Haofim (J. J. W. B.) und im Hechafuz eine führende Stellung einzunehmen. Der Verstorbene gehörte zu den beliebtesten Mitgliedern des deutschen Hechaluz, in welchem er lange Zeit führend tätig war. Sein Tod ruft nicht nur bei seinen Arbeitsgenossen, engeren Gesinnungsfreunden und im gesamten Hechaluz, sondem bei allen Zionisten tiefstes Mitgefühl und Trauer hervor. Ehre diesem tapferen, stolzen und lieben Menschen, der den Weg der Ueberzeugung unentwegt verfolgte! Der dieswöctientliche KKL-Ausweis entfällt wegen der Feiertagei Die Aktion dauert den ganzen Monat T I S C H R I! Justizrat Dr. Schauer gestorben. Am zweiten Rosch Haschanah-Tage verstarb in einem Sanatorium in der Nähe von Mainz justizrat Dr. Richard Schauer, einer der ersten deutschen Zionisten. Der Verstorbene nahm am ersten Zionistenkongreß in Basel teil und betätigte sich in jener Zeit eifrig bei der Schaffung der Zionistischen Organisation in Deutschland. Später trat er in den Hintergrund, obwohl er stets mit lebhaftestem Interesse die Entwicklung der zionistisehen Bewegung verfolgte. Zuletzt nahm er im Jahre 1927 als Gast am Zionistenkongreß in Basel teil, ln der Sammelschrift ״Warum gingen wir zum ersten Zionistenkongreß“ schrieb Dr. Schauer im Jahre 1922: ״Ich bin zum Kongreß . __ weil ich Trost für das jüdische Gegenwartselend nur aus der Erwartungen glaube ich nicht enttäuscht worden zu sein.“ Das Andenken Richard Schauers wird im deutschen Zionismus immer hochgehalten werden. Helmuth Paaschen, seit 14 Jahren Expedient und Bürodiener in unserem Hause, ist am 30. September nach kurzer Krankheit im Alter von 61 Jahren gestorben. Helmuth Paaschen war ein ernster, treuer und pflichteifriger Mitarbeiter, der sich bei allen, die mit ihm zusammenwirkten, großer Beliebtheit erfreute. Vor kurzer Zeit erlitt Paaschen einen schmerzlichen Verlust durch den Tod einer Tochter. Seit diesem Unglücksfall war der sonst lebenstüchtige Mann innerlich gebrochen. Jedoch kam keine Klage aus seinem Munde. Nun ist dieser ruhige, tapfere Mensch seiner Tochter ins Grab gefolgt. Ehre seinem Andenken! Eine Gedenkfeier für Dr. Carl Lewin. Um das Andenken Dr. Carl L e w i n s zu ehren, hatte sich eine Reihe persönlieber Freunde, denen sich maßgebende geistige Führer des Berliner Judentums und eine Reihe Umversitätsprofessoren gesellt hatten, zu einer stimmungsvollen Erinnerungsfeier versammelt. Geheimrat Professor Dr. Blum ent ha l gab in lebendigen Ausführungen ein Bild der wissenschaftlichen Leistung Carl Lewins, insbesondere auf dem Gebiete der Krebsforschung, wies auf die Anerkennung hin, die der damals noch junge Gelehrte schon durch den berühmten Kliniker Professor Dr. v. Leyden erfahren hatte, und auf die Anerkennung, die seine Krebsübertragungsexperimente u. a. m. durch Geheimrat Ehrlich gefunden hatten. Er erläuterte die verdienstvollen wissenschaftlichen Publikationen Carl Lewins, der der Forschung neue Wege gewiesen hat. Die Ergebnisse der Lewinschcn Forschung seien aus der Wissenschaft der Krebsforschung nicht fortzudenken, auf seinen Arbeiten beruhen die Studien vieler jüngerer Gelehrter bis auf die neueste Zeit. Ueber den Menschen Carl Lewin, den f" dem Verewigten seit der Heidelberger Studienzeit *eine jahrzehntelange Freundschaft verbunden hat Er würdigte die Leistungen Carl Lewins als Arzt der Berliner Gemeinde, vor allem sein Wirken als Zionist, dessen Leben von Hingebung für den Palästina-Gedanken erfüllt war. Der Landtagsabgeordnete Prof. Dr. C h a j e s, der in den letzten Jahren besonders auf dem Gebiete sozialer Fürsorge für die in gewissen gesundheitsgefährlichen Betrieben Erkrankten mit Prof. Lewin zusammen gearbeitet hatte, rühmte seine wissenschaftliche Tiefe, sein soziales Verständnis und seine mutig humane Art. Der Vorsitzende der Versammlung, Rechtsanwalt Dr. Löwenberg, schloß mit dem treuen Gelöbnis, das Andenken des gütigen bedeutenden Menschen allezeit zu bewahren. A11r den Gemeinden Eine überparteiliche Vereinigung Nachdem schon seit Monaten Bestrebungen zur Schaffung eines überparteilichen Zusammenschlusses im Gange waren, hat sich — wie der J. T. A. mitgeteilt wird — am 15. September für Berlin und ganz Deutschland die Ueberparteiliche Vereinigung für die Gesamtinteressen und die Einheit des Judentums konstituiert Sie tritt mit dem folgenden Programm an die jüdische Oeffentlichkeit: ״Die überparteiliche Vereinigung für die Gesamtinteressen und die Einheit des Judentums bezweckt den Zusammen- Schluß aller derjenigen, die, auf welchem Standpunkt immer sie persönlich stehen' mögen, das Ueberhandnehmen des Parteiwesens in unserem öffentlichen jüdischen Leben als ein Unglück empfinden, weil sie in der dadurch bedingten Verschärfung der Gegensätze eine Gefahr für den Bestand der Gemeinden und, in einer Zeit höchster wirtschaftlicher und politischer Not, eine selbstmörderische Untergrabung unserer Widerstandskraft erblicken. Sie erstrebt eine Entgiftung des öffentlichen jüdischen Lebens durch Verwirklichung des Grundsatzes, daß in der jüdischen Arbeit nicht das Sonderinteresse der Parteien, sondern das Wohl des Ganzen den Maßstab der Dinge zu bilden habe und nicht durch Herausarbeitung des Trennenden die Gegensätze verschärft, sondern durch Betonung und Pflege des Gemeinsamen die Grundlagen für eine Verständigung geschaffen werden müssen. Sie will dieses Ziel dadurch erreichen, daß sie in die Vertretung der Gemeinden und Verbände Persönlichkeiten entsendet, die unbeschadet ihrer eigenen Einstellung, in ihrer öffentlichen jüdischen Tätigkeit sich nur als Vertreter der Gesamtheit fühlen und von der Ueberzeugung leiten lassen, daß nicht durch Radikalismus und extreme Forderungen von der einen oder der anderen Seite, sondern nur durch eine Politik, die eine Verständigung sucht, der Frieden und die Einheit der Gemeinden und des Judentums erhalten werden können. Sie will dadurch gleichzeitig wertvolle Persönlichkeiten der jüdischen Arbeit gewinnen, die, abgestoßen von der Verwilderung der Sitten und nicht gewillt, sich von einem Parteidiktat Norm und Wegziel weisen zu lassen, bisher von ihr ferngehalten haben, und sie erwartet davon eine gerade, in der Gegenwart doppelt notwendige Bereicherung unseres öffentlichen jüdischen Lebens.“ Hierzu wird der J. T. A. weiter mitgeteilt: Aus den überaus zahlreichen Zustimmungserklärungen, die aus dem ganzen Lande eingelauten sind und die ersehen lassen, daß in weitesten Kreisen, namentlich unter dem Eindruck der letzten politischen Entwicklung, der Schritt als das Gebot der Stunde und geradezu als erlösende Tat empfunden wird, seien diejenigen hervorragender Berliner Persönlichkeiten genannt; wie: Ministerialrat A. Abramowitz, Prof. Dr. Max Apt, Generaldirektor Felix Benjamin, Prof. Dr. Cora Berliner, Prof. Georg Bernhard, Geheimrat Prof. Dr. Ferdinand Blumenthal, Bankier Otto Carsch, Justizrat Max Chodziesner, Prof. Dr. Albert Einstein, Sanitätsrat Dr. Leopold Feilchenfeld, Dr. Ismar Freund, Prof. Dr. Gläßner, Chefredakteur Fritz Götz, Univ.- Prof. Dr. Halberstädter, Dr. h. c. Aron Hirsch, Dr. med. Joseph Hirsch, Staatssekretär Prof. Dr. Julius Hirsch, Dr. Herbert Kann, Frau־ Dr. Erna Magnus, Stadtrat und stellvertretender Bürgermeister Dr. Rieß, Reichsbankdirektor Martin Rosenfeld, Geheimrat Prof. Dr. Rosin, Justizrat Dr. Ph. Salomon, Dr. Hans Schaffer, Geheimer Justizrat Berthold Timendorfer, Stadtrat Dr, Treitel, Syndikus Dr. Leon Zeitlin (M. d. L. und R. W. R.). Me Vereinigung hat auch in namhaften Kreisen der Jugend begeisterte Zustimmung gefunden, die neben dem großen Aktionsausschuß der Vereinigung einen besonderen Ausschuß zur Durchsetzung der Idee gebildet hat.