Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 77-78 (1.10.1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 508 jUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 77/78, 1. X, 1930 nach den Mai-Unruhen von 1921 eingeführt wurde, wieder in Kraft tritt, und daß die versiegelten Waffcnlager diesen Siedhingen wieder zugestellt werden, um für die Selbstverteidigung 11 er jüdischen Siedlungen in dem Zeitraum Vorsorge zu treffen, der unvermeidlich bis zum Eintreffen regulärer Truppen oder Polizei im Falle eines Angriffs vergeht. Besondere Not polizei in den jüdischen Kolonien und Vorstädten. Eine ausreichende Zahl von Einwohnern der jüdischen landwirtschaftlichen und städtischen Siedlungen müssen als Konstabler vereidigt und für den Dienst in der palästinensischen Polizei in Notfällen registriert werden. Dies würde der jüdischen Bevölkerung ermöglichen, sich in Irritisehen Situationen in organisierter Form und unter der Leitung der für die Aufrechterhaltung der Ordnung verantwortlichen Stellen selbst zu verteidigen. Reguläre britische militärische Einheiten. Es wird der Vorschlag gemacht, daß die Royal Air Force-Einheiten (Flugzeuge und IUnzerautos), die bisher in Palästina stationiert waren, durch ein Bataillon Infanterie ergänzt werden. If. Einwanderung. Grundbedingung für die Errichtung der Jüdischen Nationalen Heimstätte ist eine jüdische Einwanderung nach Palästina, die keiner Einschränkung auf Grund der nationalen Zugehörigkeit der Einwanderer unterliegt. Der Sinn des Mandats ist vor allem der, daß die Juden das Recht haben sollen, als Einheimische, die in ihr Heimatland zurückkehren, nach Palästina zu gehen, nicht aber als Fremde, die Einlaß begehren. Es soll ihnen frei stehen, als organisierte Gemeinschüft, deren Wunsch nach Wiederherstellung ihrer Nationalen Heimstätte internationale Anerkennung und Schutz gefunden hat, ins Land zu kommen. Weder aus politischen Erwägungen, noch aus Rücksicht auf innere oder äußere politische Gegnerschaft dürfen demnach die Tore Palästinas vor den Arbeit und Ansiedlung suchenden jüdischen Massen vorschlossen werden. Artikel 6 des Mandats macht es der Palästina-Verwaltung zur Pflicht, ״unter der Voraussetzung, daß die Rechte und die Lage der anderen Teile der Bevölkerung nicht beeinträchtigt werden, die jüdische Einwanderung unter angemessenen Bedingungen zu erleichtern“. Der Sinn dieser Bestimmung ist in Uebereinstimmung mit dem Weißbuch vom Jahre 1922 dahin interpretiert worden, daß der Umfang der jüdischen Einwanderung die jeweilige wirtschaftliche Aufnahmefähigkeit des Landes für neue Ankömmlinge nicht überschreiten darf. Die Fähigkeit Palästinas zur wirtschaftlichen Absorption einer größeren als der gegenwärtigen Bevölkerung wird immer von der Entwicklung seiner Hilfsquellen abhängig sein. Aber ebenso richtig ist es, daß die Entwicklung der Wirtschaftliehen Möglichkeiten des Landes ihrerseits vor allem von dem Zustrom jüdischer Menschen und Kapitalien abhängt. Diese Möglichkeiten Palästinas sind gegenwärtig durch die Einführang moderner landwirtschaftlicher Methoden, den wachsenden Anbau und Export von Früchten, die Gründung neuer Industrien, die Vergrößerung des inneren Absatzes (als Folge der Ankunft neuer Siedler mit höherem Lebensstandard) sowie durch viele andere Faktoren, deren Wirkung erst jetzt sichtbar zu werden beginnt, in raschem Wachstum begriffen. Fast alles, was bisher in dieser Richtung geschehen ist, kommt auf Rechnung jüdischen Unternehm ungsgeistes, jüdischer Arbeit und jüdischen Vorbildes. Daher behaupten wir, daß die Lösung des Problems der wirfschaftlichen Aufnahmefähigkeit in hohem Maße von dem Wachstum der jüdischen Bevölkerung abhangt. Auf viele Jahre hinaus wird die Einwanderung die Reichtümer Palästinas zur Entwicklung bringen, anstatt sie zu erschöpfen; ihre jeweilige Regulierung muß unter Berücksichtigung dieses Prin* zip;ertölg«1. Eiiii weiötticht BedMfung fit dftH "EtfWf‘‘ der jüdischen Bestrebungen besteht darin, daß die Regulierung der jüdischen Einwanderung durch die in erster Linie für die jüdische Ansiedlung verantwortliche Institution — die Jewish Agency für Palästina — erfolgt. Das augenblickliche System ist nicht frei von Quellen für Differenzen zwischen der Regierung und der Jewish Agency. An der Kontrolle der Einwanderung unabhängiger bemittelter Personen ist die Jewish Agency in keiner Weise beteiligt. Hinsichtlich der Arbeitereinwanderung wird die Jewish Agency von der Verwaltung Palästinas als eine Art Unterstützungs- Institution anerkannt. Wir beantragen, daß die Verantwortung für die Kontrolle der jüdischen Einwanderung von der Regieru n g auf die Jewish Agency übertragen wird. Dies wäre naturgemäß dahin zu verstehen, daß die Jewish Agencv ihre Funktionen im Rahmen der von der Palästina- Vervvaltung erlassenen Einwanderungsgesetze und -verordnungen auszuüben hat, und daß der Regierung das Recht vorbehalten bleibt, zu kontrollieren, ob diese Gesetze und Vprordnungen in jedem einzelnen Falle befolgt werden. Dafegen verbliebe die Verantwortung für die Gesamtzahl der zuzulassenden Einwanderer der verschiedenen Kategorien bei der Jewish Agency für Palästina. Gleichzeitig würde die Jewish Agency die volle Verantwortung dafür übernehmen, daß die Einwanderer nicht den öffentlichen Mitteln Palästinas zur Last fallen. (Es folgt eine eingehende Darstellung der Gründe, die für eine Uebertragung der gesamten Einwanderungskontrolle an die Jewish Agency sprechen, sowie eine Widerlegung der von den Arabern gegenüber der Shaw-Kommission gegen die Einwanderung vorgebrachten Argumente.) Inzwischen hat die Regierung die im Jahre 1926 eingeüihrten Beschränkungen den am 2. April 1930 veröffentlichten abgeänderten Einwanderungsbestimmungen eingefügt. Wir bedauern, daß dies vor der allgemeinen Prüfung der gesamten Fragen der Palästinapolitik seitens der britischen Regierung ־!,׳folgt ist, noch dazu in einem Zeitpunkte, der mit der Auf- Stellung der Forderung nach neuen Beschränkungen der jüdisehen Einwanderung seitens arabischer Politiker zusammenfällt. Es folgt eine Zusammenfassung der Einwendungen der Jewish Agency gegen die wesentlichsten Eigentümlichkeiten der neuen Verordnung. Es wird dann die Forderung nach Aufhebung der Visumsgebühr und Kopfsteuer für Chaluzim und nach Erweiterung des Begriffs ״abhängige Personen“ zugunsten der freien Einwanderung von Verlobten, Schwestern und anderen weiblichen Angehörigen der Palästina-Einwohner erhoben. Schließlich wird eine Revision der Rechte des High Commissioners zur Ausweisung nichteingebiirgerter Einwanderer, sowie zur Widerrufung bewilligter Einbürgerungszertifikate gefordert. Jerusalem, 26. September. (J. T. A.) Nach einer Meldung des ״AI Hayat“ hat die Palestine Jewish Colonisation Association (P. J. C.A.) ein Areal von 4500 Dunam im Dorfe B a r a k a (Jaffa-Distrikt) aus dem Besitz eines schwer verschuldeten arabischen Kaufmanns erworben. Das Blatt verzeichnet mit Bedauern, daß von jüdischer Seite eine weitere Erwerbung von 35 000 Dunam im Süden des Landes geplant sei. Jerusalem, 26. September. (J. T. A.) Der Dozent für jüdische Philosophie am judaistischen Institut der Universität Jerusalem, Dr. Zwi Diesendruck, wird im Laufe des kommenden Winters einer Berufung an das Hebrew Union College in Cincinnati Folge leisten, wo er als Professor für jüdische Philosophie wirken wird. Die Tragödie des Hauses Herzl Von Dr. Adolf F riedemann. Vor kurzem ist Theodor Herzls älteste Tochter Pauline, kaum 40jährig, wie die Blätter melden, in einem Sanatorium in Bordeaux verschieden, und am Tage ihres Begräbnisses ist ihr Bruder Hans, Herzls einziger Sohn und sein größter Stolz, ihr freiwillig in die Ewigkeit gefolgt. Kein fühlender Mensch wird ohne Erschütterung an dem tragischen Schicksal vorübergehen, dessen Schlußakt wir hier miterleben. Wieviel weniger ich, der nach des großen Begründers des Zionismus Tode und bis zum Ableben Julie Herzls einer der nächsten Freunde von Mutter und Kindern war und diesen seltsamen und doch so reizvollen Menschen von ganzem Herzen nahe stand. In ihrer Kindheit von denkbar größter Fürsorge und Liebe umgeben, aufwaebsend in Wohlstand und in einem der kultiviertesten Kreise ihrer Zeit, alle überaus begabt und lebendig, Träger eines durch die ganze Welt glänzenden Namens, der ihnen eine leuchtende Zukunft zu sichern schien, schieden Hans und Pauline, noch jünger als ihr großer Vater, aus dem Kreise der Lebenden. Sie verlöschen ohne die Leistungen, die sie der Menschheit zu versprechen schienen, nachdem sie unruhig und ohne Freude am geistigen Leben der Zeit oder materiellen Dingen in einer Welt herumgewandort, die sie nicht verstehen und die sie nicht begreift, verzweifelnd an sich und dem Weltall und dem Leben. Von den Größten in der Weltgeschichte haben sehr viele ihren Stamm nicht fortgesetzt. Moses und Buddha, Alexander, Cäsar und Pompcius, Oliver Cromwell, Wilhelm IIL, Ludwig XIV. und Napoleon haben keine Söhne und Töchter, oder verlieren sie in jugendlichem Aller. Ihre Familie erlischt, als ob das Schicksal nicht wolle, daß der große Name durch unbedeutendere Nachkommen profaniert werde. Aber vielleicht waltet liier auch ein uns noch unbekanntes biologisches Gesetz, wonach alle Kräfte des Geschlechts sich in einer besonders reichen Blüte erschöpfen, wonach der Stamm an Kraftlosigkeit zugrunde geht. Vielleicht erklärt sich so die Angst schwacher Kinder vor den Ansprüchen, die man an sie als die Träger des Namens großer Väter stellt, das Zurückweichen vor der zu schweren Verantwortlichkeit, die sie zu erdrücken scheint. Diese Angst treibt den einzigen Sohn Wolfgang Goethes in den Tod, und sie hat wohl auch an Hans Herzls tragischem Schicksal ausschlaggebenden Anteil gehabt. Theodor Herzl selbst war, wiewohl eine in der Oeffentlichkeit überaus beherrschte Natur, doch ein Mann von sehr empfindlichem Nervensystem. Erregungen schüttelten ihn schwer und er hat sich an ihnen in wenigen Jahren verbraucht. In erhöhtem Maße gilt diese nervöse Veranlagung für seine ebenfalls intelligente und kulturell sehr hochstehende Gattin und deren Familie. Diese Eigenschaften übertrugen sich auf die Kinder, deren Erziehung schwerlich geeignet war, sie für ernste Kämpfe mit dem Leben zu stählen und zu stärken. Gewiß wurde für sie bei Herzls Lebzeiten und später seitens der Vormünder alles angewandt, um eine vollendete Ausbildung der geistigen und moralischen Eigenschaften herbeizuführen. Aber jede rauhe Berührung der Außenwelt wurde seitens der Eltern sorgfältig ferngehalten, um nicht einmal die Begriffe des Häßlichen, Rohen, Harten, wie sie uns doch im Leben dauernd begegnen, zum Bewußtsein dieser ängstlich gehüteten jungen Seelen gelangen zu lassen. Sie lebten, daheim unterrichtet von den besten Lehrern, fern der Schule und anderen Kindern, das Leben empfindlicher Mimosen, junge Prinzen, die herangebildet werden, um in unangefochtenem Ansehen auf den Höhen, der Menschheit zu schreiten. Ich erinnere mich, daß Pauline mich einst in Wiesbaden bat, mit ihnen in den Wald zu fahren, und als ich einen Wagen heranrufen wollte, sich leidenschaftlich dagegen verwahrte. Sie hatte sich auf die Straßenbahn gefreut, weil sie mit ihren damals 14 oder 15 Jahren noch niemals darin hatte fahren dürfen. Ehrgeiz und Liebe zur Arbeit, Gefühl für Moral und Verpflichtung wurden geweckt. Aber das Weltbild, das die Erziehung schuf, existierte nirgends in der Wirklichkeit. Ich möchte sehr bezweifeln, ob es den nach dem Tode der Eltern berufenen Leitern dieser jungen Menschen je geglückt ist, diese unglückliche Tatsache zu korrigieren. Später haben Verwöhnung, mangelndes Verständnis für die Kompliziertheit des Empfindungslebens und manche andere Tatsache vieles verschuldet. Die Eltern starben zu früh, und die Welt streckte ihre Arme aus nach Naturen, die ihr unfertig und ohne festen Halt gegenüberstanden. So erklärt sich wohl auch Hans Herzls Uebertritt zum Katholizismus und sein Scheitern in allem, was er erstrebte und unternahm. Ich erinnere mich seiner als eines sehr fein empfindenden, besonders klugen und ziemlich romantisch veranlagten jungen Menschen, der von glühendem Eifer beseelt war. Die durch das Testament seines Vaters angeordnete Erziehung in England und die Trennung von der Familie empfand er schwer; fremden, unkulturelleren, stand er äußerlieh freundlich und innerlich ablehnend gegenüber. Seine Laufbahn auf der Schule und der Universität war glänzend und vielversprechend. Aber viel zu früh versuchte man, ihn aut seine Pflichten als Sohn des großen Vaters hinzuweisen. Pfliehten, denen er sich nicht gewachsen fühlte und die man ihm nicht seelisch nahezubringen vermochte. Seine doch vom Vater ererbte romantische Anlage wurde kaum genutzt und blieb unverstanden. Er hatte, wenigstens im Anfang, einen zu starken materiellen Rückhalt, um konkreten Zielen schnell zustreben zu müssen, und war doch weder reich noch unabhängig. Er studierte und kam nicht zu Ergebnissen, war der Welt gegenüber fremd und von ihr unverstanden, zog sich immer mehr in sich selbst zurück und strebte doch nach Befriedigung eines natürlichen Anlehnungsbedürfnisses und nach Schönheit. Das Drängen in die Wege seines Vaters entfremdete ihm dessen Andenken und bewirkte die bei solchen Naturen verständliche Gegnerschaft gegen sein Milieu. Und dann kam der Pater Schlesinger, aus Herzls altem Kreis, zum Katholizismus iibergetretener Jude, und erschloß ihm scheinbar eine bessere Welt des Gefühls, des Glanzes und der Schönheit. So ging er den Weg, den schon so viele vor ihm gegangen sind, in der Begier, lang entbehrte Innigkeit und Befriedigung in der Hingabe an das Mysterium der großen Opferung zu finden. Ging ihn bis zum Ende bitterer Enttäuschung, deckte mit seinem großen Namen suggerierte Ausfiihrungen über die angeblichen Irrwege der zionistischen Bewegung, verfocht (in Wort und Schrift) päpstliche Ansprüche auf Palästina, wurde dann an seinen eigenen Ueberzeugungen irre, lebte weltverschlossen in kleinen Verhältnissen in Wien und griff schließlich, selbst völlig in die Irre gegangen, an sich und der Welt zweifelnd, zu dem letzten Mittel der um jeden Preis nach Ruhe Dürstenden. Alles verstehen, heißt alles verzeihen. Der Genius senkt hier seine Fackel an dem Grabe eines, dessen Leben glänzend begann und arm und unvollendet endete, und den er sicher tief beklagt. London, 26. September. (J. T. A.) Lord P a ß f i e 1 d hat das Ersuchen der J. T. A., eine Rosch Haschanah- Botschaft an die judenheit zu erlassen, mit folgenden Worten abgelehnt: ״Im Hinblick darauf, daß eine Erklärung der britischen Regierung über ihre künftige Politik in Palästina gegenwärtig Gegenstand von Beratungen ist, bedauere ich, Ihrem Ersuchen nicht Folge leisten zu können.“ Feier des 70. Geburtstages Prof. S. Dubnows Mittwoch, den 24. September, feierte Professor Dr. S. Dubnow im engsten Freundeskreis seinen 70. Geburtstag. Der Jubilar hatte sich jede offizielle Ehrung verbeten. So hatte mau sich notgedrungen darauf beschränkt, Dubnow zwei Luxusexemplare des ihm gewidmeten Sammelbuches zu übersenden, von denen eines mit einem besonderen Widmung:;- aufdruck der Jüdischen Gemeinde Berlin versehen war. Hunderte von Glückwunschtelegrammen und Begrüßungsschreiben waren eingelangt, darunter solche von Albert Einstein, Sigmund Freud, Cyrus Adler, der Londoner Historischen Gesellschaft, dem Jiddischen Wissenschaftlichen Institut, der Gemeinde Berlin und schließlich dem Verband der hebräischen Schriftsteller in Palästina, Zweig Jerusalem, aus dessen Glück- Wunschtelegramm die folgenden, besonders markanten Sätze angeführt seien: ״Durch Ihre unschätzbare Arbeit als Historiker und Schöpfer einer besonderen nationalstaatlichen Strötnung, als Publizist und literarischer Forscher, sind Sie schon längst ein Fürst der Nation. Das ganze Judentum wurde durch Ihre Kulturarbeit beeinflußt. Ihr grandioser Kampf um die jüdische Nationalität hat ihren Stempel dem vergehenden und dem kommenden Geschlecht gleichmäßig aufgedrückt. Wir wünschen, daß Sie noch von unserem wissenschaftlichen Tempel auf dem Skopusberg in unserem Heiligen Lande aus Ihre Wissenschaft durch viele, viele Jahre verkünden mögen.“ — Aus Warschau war die Nachricht eingelangt, daß der Jüdische PEN-Club Dubnow zu seinem Ehrenmitglied gewählt hat. Die jüdische und allgemeine Presse hatte die Geburtstagsfeier zum Anlaß einer ausführlichen Würdigung von Dubnows Wirken und Schaffen genommen. Die ״Literarischen Blätter“ in Warschau, ״Frimorgn“ in Riga und ״Folksblat“ in Kowno hatten Sonderausgaben veranstaltet. Der Abend vereinigte die nächsten Freunde Dubnows zu einem gemütlichen Beisammensein in seinem Hause. Als erster ergriff das Wort E. Tscherikower, der das Einzigartige dieses Jubiläums betonte, bei dem die Ost- und Westjudenheit sich gemeinsam um eine Persönlichkeit verehrend scharen. Seine Ausführungen ergänzte Jakob Lests c h i n s k i, der die Einigkeit der Parteien in der Verehrung Dubnows unterstrich, wie es die zahlreichen, von Gruppen und Persönlichkeiten aller Lager eingelaufenen Begrüßungen beweisen. Salman Rubaschow schilderte die Rolle Dubnows als lebendigen Wissenschaftlers und Erziehers der russisch-jüdischen Intellektuellen und wünschte dem Jubilar, im Lande der jüdischen Geschichte par exellence, in Palästina, Geschichte zu lehren. Baruch Krupnik erinnerte an die Tatsache, daß der 70jährige Meister, der 50 Jahre lang hauptsächlich russisch schrieb, nunmehr das erste Buch einer von ihm selbst hebräisch geschriebenen Geschichte des Chassidismus veröffentlichte; wir seien somit die Zeugen der Geburt eines neuen hebräischen Schriftstellers, der uns vielleicht auch noch manches objektive publizistische Wort zu sagen haben wird, das in unserer vom Parteienhader zerklüfteten Zeit dringend not tut. Dr. Aron Steinberg erzählte, wie er, der die ״Weltgeschichte des jüdischen Volkes“ ins Deutsche übertrug, Gelegenheit hatte, den Verfasser so- Zusagen durch Jahrtausende zu begleiten und dabei seine Leistung bewundernd mitzuerleben. Dr. Josef M e i s I gab seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß Dubnow der letzte Historiker ist, der als einzelner Mensch die gesamte jüdische Geschichte darzustellen vermochte, von nun ab werden nur noch Kollegien jüdische Universalgeschichte schreiben können. Es sprachen ferner Herr Landmann, der Erinnerungen von der ödessaer Zeit Dubnows erzählte und Benzion Dubnow aus Jerusalem, der die Grüße der palästinensischen Jugend überbrachte. Prof. Dubnow appellierte in seiner Erwiderung an alle Parteien und Strömungen, sich immer auf den Historismus zu besinnen. Es gäbe keinen anderen Ausweg aus dem Labyrinth der Zeitprobleme als denjenigen, den der Ariadnefaden der Geschichte zeigt, ln diesem Sinne ist auch zu erhoffen, daß die trübe mittelalterliche Welle, die jetzt heranbrandet, zurückfluten und nur Episode bleiben wird. * Das Jiddische Wissenschaftliche Institut begeht den 70. Geburtstag Prof. Simon Dubnows durch eine Fest- Sitzung, die am Sonntag, dem 5. Oktober, im Großen Saale des Logenhauses, Kleiststraße 10, stattfindet. Es werden Begrüßungsansprachen und wissenschaftliche Vorträge gehalten. Referenten: W. Latzky, J. Lestschinsky, S. Rubaschow, Dr. A. Steinberg, E. Tscherikower, Prof. Dr. Gotthold Weil, Dr. Mark Wischnitzcr. Ferner Begrüßungen von Vertretern jüdischer wissenschaftlicher und gemeinnütziger Organisationen. Beginn präzise 101/2 Uhr. Eintritt frei. Der Sprachenstreit Die Tel.-Union meldet aus T el-Awiw, daß dort Kundgebungen gegen die Aufführung eines Films mit Zwischentexten in jiddischer Sprache stattfanden. Von den Demonstranten sollen Stinkbomben geworfen worden sein. Die Polizei sah sich zur Räumung der Straßen veranlaßt und der Bürgermeister hat die Aufführung des Films verboten. Sollte sich die Nachricht in dieser Form bewahrheiten, so wäre das nur ein Zeichen, daß die Unvernunft der Gegner des Jiddischen ebenso groß ist, wie die Unvernunft der Jiddischisten, welche aut dem Kongreß für das arbeitende Palästina gegen die hebräische Begrüßungsansprache Ben Gurions protestierten. In der Berliner Kundgebung am 29. September in den Spichcrnsälen rügte der Belgier Pierard mit Recht diese Lust an Differenzierungen und mahnte zu einer Einheit der Herzen, auch wenn Unterschiede der Gehirne vorhanden sind. Das sollten sich die Fanatiker bei den Jiddischisten und bei den Hebraisten gesagt sein lassen. Es ist ein unmöglicher Zustand, daß man sich über die Dummheiten der tschechischen Chauvinisten in Prag, w׳elche gegen deutsche Tonfilme protestiert haben, wendet und dann im eigenen Hause die gleichen Dummheiten macht. Jerusalem, 19. September. (J.T.A.) ״Ei Hajat“ meldet, daß Omar Saleh, der Gründer der unabhängigen arabischen Partei, deren Ziel die Anullierung des Palästina-Mandates ist, einer der drei Sekretäre der Arabischen Exekutive, sich gegen die Anklage, der Polizei jene Proklamation zur Verfügung gestellt zu haben, deretwegen Subhi Khadra verurteilt wurde, vor einem DiszipHnarrat der Arabischen Exekutive zu verantworten haben wird. Wie die JTA. aus verläßlicher Quelle erfährt, wird auch der christliche Sekretär der Exekutive, M o gh an a n , beschuldigt, geheime Dokumente der Arabischen Exekutive der Polizei ausgeliefert zu haben. Nach dem Bericht des Erziehungsdepartments der Regierung betrug die Zahl der Schüler in den 104 Schulen der christlichen Missionen in Palästina im Jahre 1929 10502. An erster Stelle stehen die französischen Missionsschulen mit 38 Anstalten und 4693 Schülern, an zweiter Stelle 20 englische Anstalten mit 2017 Schülern, dann folgen 21 deutsche Missionsschulen mit 1733 Schülern, 13 italienische mit 1344 Schülern, 9 amerikanische mit 449 Schülern, 2 Jesuitenschulen mit 69 und 1 schwedische Schule mit 152 Zoglingen,