Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 77-78 (1.10.1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 500 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 77/78, 1. X. 1930 Innerzionistische Diskussion Stimme eines Unpolitischen | Von Margarete Moses. Ohne ließ wir uns die im nachstehenden Aufsatz ausgesprochenen Ansichten ganz;11 eigen machen würden, veröffentlichen wir den Artikel van Frau Moses, der von ihr ah Ausgangspunkt für die im Rahmen, der Zionistischen Frauengruppe geplante Jugendarbeit gedacht ist. Red. Die jüdische Not steigt: Prüfung aller Art sucht uns heim. Aus Südafrika und Amerika starren Einwanderungsverbote; in Rumänien wüten Pogrome, — seihst Palästina ist uns zeitweilig verschlossen. Wo anders wäre der Sinn all dieses Unglücks zu finden, wenn nicht in ernstester Einkehr — in strengster Ucberprüfung unseres jüdischen Lehens, unserer Haltung, unserer Gerichtetheit? Waren alle Fehlschläge dieses Jahres nur böses Geschick oder haben wir durch unsere Methoden dieses Geschick herbeigeführt? Durften wir Zionisten, die wir eine Erneuerung des Judentums anstreben, dem innersten Kern dieses Judentums in der Weise untreu werden wie es geschehen ist? Ich meine damit dieses: daß wir, die wir nur der Zukunft des reinen jüdischen Geistes und seinem ewigen Gehalt zu dienen hatten, uns gehängt haben an Gebilde, die vom Ungeist — der Macht — geschaffen und diktiert waren. Wir haben uns an den jeweils herrschenden Ideen von Staat, Macht, Gewalt, Politik orientiert, die mit dem innersten Wesen unserer Sache nichts zu tun hatten, noch haben können. Wir waren einem furchtbaren Irrtum verfallen und er hat sich furchtbar gerächt. Wenn Herzl vom ״Judenstaat“ träumte, so war dieser Traum aus der Staatsform der Umwelt geboren. Er sah diesen Staat eben als die damals einzige Möglichkeit zur rechtlieh gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk. Inzwischen hat sich das Angesicht der Welt um ein Weniges verändert. Dürfen wir es für Reife halten, was uns daraus jetzt entgegensicht? Herzl, der Führer aber war tot, und wir hielten seiner Idee die Treue. In allen seinen wahrhaft revolutionären Gestalten ist der reine Geist mit seinem absoluten Willen zur Unbedingtheit zum Ausbruch gekommen. Dieses Besinnen ist uns immer wieder versunken. Und je breiter der Strom des zionistischen Gedankens wurde, um so mehr war dieser Wille zur Unbedingtheit überflutet von den jeweils eingeschliffenen Methoden. Einmal stand da noch ein mahnender Fels: — Achad Haam — der uns zurief: Gedenket des Geistes! Aber der Strom floß schon zu stark und bequem im Bett des gewohnten politischen Getriebes, als daß man ihn grundlegend hätte umleiten können. Durch die Staatsidee in Palästina, der sie starr und unverwandelt anhingen, gaben die Zionisten das Ewige, den innersten, unantastbaren Kern ihrer Idee preis. Hierin! sehe ich den Irrweg. Man kann nicht Gott dienen und dem Staat. Das will heißen — man kann nicht dem Geist und einer entgeisteten Staatsform zugleich zugewendet sein. ״Der Staatsgedanke ist ein dem Judentum fremder Ge- .,d#nke“ (nach Franz Rosenzweig). Daß wir ihn mit unserer Sache verquickt haben, war m. E. die Ursache zu dem, was uns jetzt widerfahren ist. Dieser Gedanke hat uns blind gemacht für die Realität um uns, für die Möglichkeiten des Augenblicks. Die Schwäche des Judentums, die doch im Grund die Größe und das Einmalige seines volkhaften Daseins bedeutete, lag in der Tatsache, daß es niemals eine politische, juristische oder sonstwie weltliche Wissenschaft als ein vom Religiösen losgelöstes Gebiet hervorgebracht hat. Und das hat zweifellos seinen tiefen Sinn. Ein Nationalismus, der abgetrennt war vom gesamten jüdisch-religiösen Leben, hatte stets einen Zusammenbruch zur Folge. Und dabei besaßen wir damals das L§ni! Unser heutiger Nationalismus aber ist abgetrennt von jtidischein Ethos und unsere Politik gebärdete sich, als besäßen wir das Land — noch — oder schon wieder. Mußte es sein —• ja, durfte es sein, daß wir von Rednertribünen herab Erklärungen in die Welt sandten, die den Anschein erwecken konnten, wir fühlten uns als die Herrn in Palästina? Wir — die wir um Zertifikate bitten mußten? Ist es im Augenblick erlaubt oder auch nur klug, öffentlieh auszusprechen, daß wir aut eine Mehrheit im Lande hoffen? Kommt es denn wirklich in dieser Zeit der Vorbereitung so sehr auf die Zahl an? Käme es nicht zuerst auf den Geist au, den es zu erneuern gilt, in uns, im Land, durch das Land? Wäre es nicht unbedingt wichtig, diesen Geist den Arabern verständlich zu machen? Die Idee als Grundlage zu rein geistiger Erlösung ist allzu sehr ein Nebenbei geworden. Die Gegenwart in ihrem doktrinären Parteigeist, in ihrer Zerrissenheit, in ihrer Losgelöstheit von den urjüdischen Ideen hat uns das Unglück gebracht, das schwere Depression > und Verzweiflung erklärlich macht. Wer aber den Glauben an die geistige Erlösung in sich trägt, kann dieser Verzweiflung nicht erliegen. ״Wir müssen unsere Ziele niedriger stecken“, heißt’s jetzt allerorts. Ich möchte eher sagen: wir müssen sie umlagern; vom Reich des Außen ins Bereich des Innern — vom Politischen ins Geistige — von der Idee des realen Staatswesens zur überstaatlichen, menschheitsverbindenden Idee des jüdischreligiösen Ethos sie erheben. Wenn wir diese Idee propagieren wollten (sie ist zu still und zu hoch, um Propaganda in der Art wie sie bisher meist gepflegt wurde, zu ertragen), wenn wir sie in einer stillen und stetigen Weise gelebt hätten und lebten, so könnten die Araber uns nicht als Feinde betrachten. Es gilt nicht, das Ziel niedriger zu stecken — es zu vertiefen, gilt es! Nicht um ein neues Staatsgebilde nach europäischem Muster kann es gehen! Es geht um das jüdische Volk als geistige Hoffnung! Um die Verwirklichung dieser Hoffnung, aut der Basis eines eigenen, gesunden, unserer Wesensart entsprechenden Gemeinwesens auf dem Boden der Väter geht es. Und — da das Volk aus Menschen besteht, geht es um den jüdischen Menschen! Der muß immer mehr sich besinnen auf seinen Ursprung; der muß versuchen, alles, was die Jahrtausende des Galuth in ihm gezüchtet haben — Zwangsweise — an Verzerrtem und Unechtem, abzuwerfen, gleich krankem Schorf, unter dem die gesunde Haut ans Licht will. Sind wir denn noch Juden, gemessen an den Gestalten großer jüdischer Menschen? Sind wir nicht Europäer geworden, untertan all ihrem Gehabe in Parlament und Sitte? Haben wir denn noch ein klares, unverzerrtes eigenes Gesicht? Und — das wichtigste — haben wir noch eine glühende Jugend, die hinter uns steht, die uns folgt? Wir können diese Fragen kaum mit ״Ja" beantworten und das beleuchtet unsere Situation. Letzten Endes muß es um unsere Jugend gehen! Sie gilt es zu bilden an den unendlichen Reichtümern der jüdisehen Lehre, der jüdischen Geschichte, des jüdischen Ethos. Nicht aber ~~ ich sage es, bewußt den Entrüstungssturm ringsum erwartend — nicht aber an den politischen Methoden brüchiger und kranker Kulturen. Solches muß ihre herrliche junge Bereitschaft enttäuschen und einengen. Jugend will nicht fertige Programme, will nicht den gebahnten Weg! Sie will das Ziel schauen oder ahnen und den Weg selbst finden. Sie wird die elastische, biegsame Kraft haben, den neuen, ihren Weg zu finden (und dann wird es der jüdische Weg sein), solange der iüdisclie Geist in ihr lebt und sich in ihr erneut. Der aber wird und wächst in der Stille — nicht im Tumult und Gedränge der Parteien. Es scheint noch nicht die Zeit gekommen, die uns den wahrhaft großen, ganz geistigen Führer bringt. Aber wenn unsere Jugend in der Stille sich zu wirklich jüdischen Menschen formt, so ist vielleicht der Boden bereitet. Und vielleicht bedeutet das mehr, als Deklarationen einer Regierung, die uns gestenhaft etwas bewilligen oder versagen, wozu wir in der Seele noch nicht reif waren. Wenn wir an die Kraft des jüdischen Geistes glauben, und allein die Kraft des Geistes formt das Schicksal eines Volkes, so können wir nicht verzweifeln an unserem Ziel. Aber es ist hohe Zeit, daß wir uns besinnen auf diese Kraft und daß wir sic in der Jugend nicht einengen, sondern sie lösen von allem Fremden, von der Versklavung europäischer Systeme und sie erlösen zur Einheit des befreiten jüdischen Ethos. Als Niditrevisionisi auf der Prager Konferenz Von Hans Lichtwitz, Prag. Einige Tage konnte man die Revisionisten in ihrem Heime beobachten. Eine Bewegung gibt sich, wie ein Mensch, zu Hause viel offener, natürlicher; man hat da eine bessere Ge- Iegenheit, sie kennenzulernen. So erging es auch den Nichtrevisionisten auf der Prager Konferenz der revisionistischen Union. Einige dieser Beobachtungen seien hier vermerkt. Zunächst eine Feststellung, die an und für sich bei der grundsätzliehen Auseinandersetzung mit dem Revisionismus keine Bedeutung besitzt, aber wiedergegeben werden soll, um darzulegen, daß dem banalen Satz vom Kritisieren, das leichter ist, als etwas gutzumachen, auch im revisionistischen Haushalte seine Geltung zukommt. Die revisionistische Konferenz hatte in Prag eine äußerst schlechte Presse. Der Großteil der tschechischen Blätter nahm von ihr überhaupt keine Notiz, 1\ur ein Prager Boulevardblatt, das in politischen Kreisen nicht ernst genommen wird, brachte täglich eine Sensation, die ihm von unverantwortlicher Seite zugesteckt wurde. Die großen deutschen Zeitungen nahmen die Konferenz sehr kühl auf. Warum es aber hier erwähnt wird? Weil man'immer wieder gerade von revisionistischer Seite den Vorwurf vernimmt, die Exekutive in London verstehe es nicht, die Presse zu beein- Russen, die Revisionisten dagegen . . . Hier war einmal Rhodus und kein Sprung war zu sehen. Dem Revisionismus wird häufig auch von nichtrevisionistischer Seite ein hohes Maß .10 g j s c h er A rgu m £ nt a t i on zugesprochen. Die Prager Konferenz bot reichliche Gelegetiheit, sich vom Gegenteil jenes guten Rufes der revisionistischen Gedankenfiihrung zu überzeugen. Es sind hier nicht die Wider- Sprüche der Debattenredner dritter und vierter Garnitur gemeint, die hier, wie überall auf unseren Tagungen, freudig jede Gelegenheit ergriffen, um zu Worte zu kommen. Und es war wohl nur ein wenig unbescheiden von Lichtheim, wenn er mit besonderem Stolze in der ״J. R.“ das hohe Niveau dieser Tagung, der jene Rednerkategorien das eigentliche Gepräge gaben, herausstrich und sie gar vor alle Kongresse stellte. Mag sein, daß dies für die Kommissionen zutrifft, deren Tätigkeit und Niveau für die Oeffentlichkeit unkontrollierbar sind — im Pienum hatte man nur sehr spärlich Gelegenheit, Lichtheims Freude zu teilen. Um so mehr drängten sich dagegen immer wieder bei den Reden der Führer Vergleiche mit anderen Stellen ihrer Acußcrungcn auf. Widersprüche bei Führern, die nicht wie bei so manchen Debattenrednern auf das Konto gedanklieber und rednerischer Unbeholfenheit zurückgeführt werden können, geben zu denken. Auf der Prager Konferenz jedoch ging man über sie hinweg. Zum Beispiel Jabotinsky versuchte in seiner großen Eröffnungsrede darzulegen, daß alles Gerede von einer nationalen arabischen Bewegu 11 g stark übertrieben sei. Die Zusammenhänge zwischen den einzelnen arabischen Völkern seien nur ganz lose oder überhaupt nicht vorhanden. Beweis; das Fiasko des arabischen Hilfsfonds. Und dann etwas später: Wie sollen wir unseren Anspruch auf Palästina erheben? Dieses Land stellt den 170. Teil des Landbesitzes des arabischen Volkes dar. Wir fordern, cs für uns und mit gutem Recht: ein Mensch, der 170 Millionen Besitz hat, bleibt immer noch Multimillionär, auch wenn er eine Million abgibt. Also — jetzt bilden alle arabischen Völker eine Einheit, und zwar eine sehr starke, da man doch den palästinensischen Araber mit seinem noch immer unermeßlichen Besitze jenseits der jialästinensischen Grenzen vertröstet. Wer hat Recht — Jabotinsky oder Jabotinsky? Gerechtigkeit, Einhaltung des moralischen Prinzips auch in der Politik sind Voraussetzungen, um selbst dem Schwachen zu seinem Rechte zu verhelfen. In seiner so langen Diasporagcschichtc hat das jüdische Volk diese Faktoren richtig einzuschätzen gelernt. Ertönte der Ruf nach ihnen wann auch immer draußen in der großen Welt, dann erfüllte sein mächtiges Echo die jüdische Gasse mit unbeschreibbarer Freude und Hoffnung. Im Kampfe um die Verwirklichung der zionistischcn Idee waren sie die festeste Stütze, auf der wir unsere Forderungen aufbauten. Auch heute — und wahrscheinlich sogar auf lange Zeit noch hinaus — hat diese unsere Waffe, der Appell an das sittliche Gewissen der Kultur- Völker, ihre Schärte beibehalten. So schwingt Jabotinsky auch sie am Ende seiner großen Eröffnungsrede. ״Trotz allem, was wir erlebt haben, rechnen wir in unserem Kampfe auf die Unterstützung des menschlichen Gewissens, weil wir an die Menschheit glauben. Wir glauben an die Uebermacht des moralischen Prinzips. Wir glauben, daß die Menschheit diesen Weg mit uns gehen wird. Im Zeichen dieses Glaubens sind wir hier versammelt, im Zeichen dieses Glaubens wird das jüdische Volk bis zum letzten Buchstaben des Herzischen Zionismus siegen.“ Langer, langer Beifall. Ich gehe mit einem Revisionisten aus der Versamm- Iung. ״. . . und dann soll noch jemand sagen, wir wären Militaristen, Faschisten! Eine höhere Stufe des sittlichen, friedfertigen Bekenntnisses kann wohl nimmer erklommen werden!“ Einen Tag später hält Lichtheim sein Referat. Er verliest zur besseren Unterstreichung seiner Gedankengänge markante Stellen aus dem Aufsatze Grabowskys über den Zionismus in der ״Zeitschrift für Politik״, der überdies noch den Teilnehmern der Konferenz als Sonderdruck überreicht wurde. Bei der Stelle ״Palästina kann nur gewonnen werden durch Eroberung, die gerade dann nicht gewaltsam zu sein braucht, wenn der Jude von vornherein mit dem Anspruch, das Herrenvolk zu sein, in Palästina aufgefreten wäre, die aber auch vor Blut und Opfern nicht zurückscheuen darf“, dröhnt der Saal vor Beifall. Man spürt, hier wurde aus der Seele gesprochen. Auch Jabotinsky klatscht Beifall. . . . Mit freudigem Stolze weist Jabotinsky auf die j ii d i s c h e n Leistungen in Palästina hin, zieht als Vergleich die englische Kolonisation in Rhodesia herbei und kommt zu dem Schlüsse: Wir Juden haben unsere Pflicht getan; wir haben gezeigt, was wir zu leisten imstande sind, selbst wenn eine staatliche Administration uns mißgünstig ist. Und er zählt all unsere Schöpfungen zur Bekräftigung auf. Soskin, der revisionistische Wirtschaftsfachmann, ist allerdings anderer Ansicht. Er erinnert.an den Ausspruch Wcizmanns, daß wir uns in einer ähnlichen Situation wie vor San Remo befinden. Nein, viel ärger sind wir daran, meint Soskin, wir haben in der Zwischenzeit den Beweis erbracht, daß wir nicht wirtschaften können, nichts von der Aufbauarbeit verstehen, überall mit Defizit arbeiten und so fort. Er findet Beifall. Diese Selbstanklage mündet nämlich in einen Angriff auf die zionistische Leitung. Um Ruppin anzuschwärzen, für dessen Beseitigung er ebenso leidenschaftlich kämpft wie Jabotinsky für die Entfernung Weiztnanns, muß er die bisherige Leistung in Grund und Boden verdammen und erzielt die gleiche Zustimmung wie Jabotinsky, der kurz vordem dieselbe Leistung in den Himmel gehoben hatte, um Englands Pflichtverletzung besser hervorzukehren. Lichtheim ist bekehrt worden und kehrt reuig in die Reihen der unbedingten Agency-Gegner zurück. In seiner klugen Rede sucht er den Fehltritt von Zürich gutzumachen und häuft nun Argument auf Argument gegen die bestehende Jewish Agency. Unter anderem führt er die Verstimmung im Londoner Colonial Office der zionistischen Bewegung gegenüber auf die Gründung der Jewish Agency zurück, in der nichtbritische Kreise einen so großen Einfluß besitzen. Er will sich nicht weiter zu diesem Punkte äußern. Aber in der Rangfolge nahm diese Feststellung innerhalb seiner Rede den Platz unter den Vorwürfen gegen die Zionistische Exekutive ein. Es muß also ein Fehler gewesen sein, auch durch Amerikaner einen Druck auf die britische Regierung ausgeübt zu haben. Großman wiederum empfahl, diese unsere stärkste Waffe in Zukunft viel häufiger in Anwendung zu bringen. Auch bei ihm klingt ein Vorwurf gegen die Exekutive mit, inhaltlich entgegengesetzter Art zu dem Lichtheims. Die Konferenz schluckte beide Meinungen und ist also voll überzeugt, daß die Agency schlecht ist, weil in ihr zuviel Nichtengländer sitzen, daß es Schuld der Zionistischen Exekutive war, wenn man sich zu ihr im Colonial Office unfreundlich benahm — die Engländer wollen sich doch nicht von Amerikanern schulmeistern lassen — und daß die Exekutive nicht auf der Höhe stand, als es galt durch Nichtengländer, die doch viel weniger Rücksicht nehmen müssen, als die meisten Mitglieder der Exekutive, die englische Staatsbürger sind, einen Druck auf die Regierung auszuüben. Guten Appetit! Und die Konferenz hatte ihn. Die Agency ist natürlich noch aus einem anderen Grunde unbedingt zu verwerfen: sie ist undemokratisch. Und wir sind doch Hüter der Demokratie. Z. B. wenn der nächste Kongreß, auf dem wir nach der Schätzung Lichtheims 50 Delegierte haben werden — Bonnfeld wäre schon mit 35 zufrieden — nicht , alle revisionistischen. Forderungen annehmen wird, also sieh 150—200 Delegierte nicht dem Diktate der 35 -50 ROvi* sionisten unterwerfen werden, dann treten wir selbstverständlieh aus der Zionistischen Organisation aus. Wir sind nämlich Demokraten. * Die Revisionisten haben sich eine ziemlich starke Jugend• Organisation geschaffen, die vornehmlich in den östlichen Ländern floriert. Auf der Tagung überwiegt fast das jugendliehe Element. Der Brith Trumpeldor, den viele von uns vor wenigen Jahren für nicht allzu lebensfähig hielten, hat sich also durehgesetzt. Wenn die Zahlen, die bei der Konferenz angeführt wurden, stimmen, dann haben wir heute bereits 18 000 zionistische Jugendliche, die nicht nur militärisch organisiert, sondern auch militaristisch erzogen werden. Vielleicht werden nun weitere Kreise, die bisher der Entwicklung des Brith Trumpeldor gleichgültig oder wohlwollend zusahen, darüber nachzudenken beginnen, ob der ästhetische Genuß, den ihnen das Wachstum einer so straff organisierten und uniformierten Jugend zweifelsohne bereitet, auch das Resultat dieser Entwicklung verlohnt. Man soll doch nicht gar so leicht alle Maßstabe vergessen, die man durch Jahrzehnte an hiesige Verhältnisse angelegt hat, w׳enn es einmal gilt, sie bei sich zu Hause in Anwendung zu bringen. Eine Jugend hierzulande, die das Dreieinigkeitsprinzin ״militärische Organisation, militärische Hierarchie und militärischer Geist“ auf ihre Banner geschrieben hätte, wie es Jabotinsky in der Jugenddebatte für den ,Befar“ (Brith Trumpeldor) verkündete, würde man bestimmt als ״reaktionär“ ablennen. Lichtheim findet es bei einer zionistischen lugend für recht harmlos und verteidigt seinen Erziehungswert. Wir sind anderer Meinung. Das Erziehungsideal, das von allen Propagatorep des wehrhaften ״Betar“ angeführt wird, der stolze, selbstbewußte und unerschrockene jüdische Mensch, ist auch oder vornehmlich aus anderen Erziehungsmethoden hervorgegangen. Der palästinensische Chaluz, der fast zur Gänze einem Milieu entstammt, wo niemals auch nur mit dem Gedanken einer militärischen Erziehung gespielt wurde, kommt wohl jenem Erziehungsideale am nächsten. Er hat es bei den mannigfaltigsten Gelegenheiten, in friedlichen und kämpferisehen Zeiten bewiesen. Es liegt uns ferne, in eine geschmacklose Beweihräucherung cles Chaluz zu verfallen. Aber es soll nicht unwidersprochen bleiben, wenn man mit großer Geste die Erziehungsmethoden, die einen solchen Typus hervorbrachten, verwirft. Es befürchtet natürlich niemand, daß sich nun im Zionismus ein Militarismus im Sinne des preußischen Kasernenhofes breitmachen würde, dazu fehlen wirklich alle Grundlagen — aber hinter all den so stark betonten Aeußerlichkeiten, Paraden, Militärspielen usw., wie sie in einem Propagandafilm des ״Betar“ in Prag vorgeführt wurden, lauert doch eine andere Gefahr: die Ausschaltung jugendlicher schöpferischer Kräfte, ein Unterbinden der Auseinandersetzung des jungen Menschen mit den geistigen und politischen Kräften der heutigen Welt, ein Einzwängen seines Gestaltungswillens in eine national übertünchte Zwangsjacke. Der entproblematisierte jüdische junge Mensch — das Ideal Jabotinskys — ist gewiß ein gefügiges Werkzeug für ein« Parteimaschinerie, für den Regenerationsprozeß eines Volkes, der, soll er gelingen, auf der Höhe seiner Zeit stehen muß, jedoch von sehr zweifeihaftem Werte, Wir haben bereits die Erfahrung gemacht, wohin eine solche Erziehung ausartet: Der ״Bücherwurm“ wird an den Pranger gestellt, Geistigkeit als ״Ghettomentalität“ verschrien, die Generation um Buber und er selbst als ״nackte Könige“ verhöhnt, die ״unfähig sind, einen präzisen Gedanken zu formulieren“, inan ״pfeift auf alle Missionen“ usw. Mit einer einzigen Geste setzt man sich nicht bloß über politische Situationen und Gegebenheiten hinweg, nein auch über geistige. Für die Mentalität einer solchen Jugend ist ein Lied des ״Betar“ bezeichnend, das in Prag immer und immer wieder gesungen wurde und u. a. die beiden Strophen enthält: