Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 77-78 (1.10.1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 504 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr.n/78, l.X. 1030 der heutige Staat erst als das erkannt sein wird, was er eigentlieh ist, eine Zwangsorganisation von Staatsbürgern und nicht eine freiwillige Zusammenfassung von Volksgenossen, dann kann es auch in ihm Platz für Gruppen geben, die vom Standpunkt des Volkstums ihm gesehen, nicht restlos zur Mehrheit gehören. Martin Huber sagte einmal, daß die Juden in stßrkcretn Maße als andere Gruppen eine ״Mischung“ darstellen. Es handelt sich darum, daß die Juden Herren und nicht Sklaven dieser Mischung sind. Solange die Juden als Ziel ihres Kampfes gegen den Judenhaß in Deutschland die vollständige Ancrkennung als ״deutsche Volksgenossen“ onsehen, solange wird ihr Kampf aussichtslos bleiben. Erst wenn sie sich au! den Standpunkt stellen, daß sie restlose Gleichberechtigung im Staalsleben fordern, einerlei ob sie sich als Ganz-, Halb- oder Viertel-Deutsche im volklichen Sinne fühlen, erst dann ist eine brauchbare Basis für einen aussichtsreichen Kampf um Gleich- Stellung gegeben. Aber jenseits all dieser Betrachtungen steht die momentane Gefährdung durch die verstärkt« Propaganda der National- Sozialisten, In jüdischen Kreisen herrscht begreifliche Erre• gung und angesichts der zahlreichen Exzesse der Haken* krauzler gegen einzelne Juden sind viele Juden besonders in der Provinz geradezu von einer panischen Angst ergriffen. Daß Derartiges in der deutschen Republik im Jahre 1930 möglich ist, sollte jedem halbwegs zurechnungsfähigen Nicht- Juden zu denken gehen. Nichtjuden mit einem bißchen Phantasie werden hierdurch aufgefordert, sich einmal in die Rolle eines jüdischen Krämers in Buxtehude oder Tuntenhausen zu versetzen. Und sie mögen dann beurteilen, wie peinlich, mehr als das, wie widerwärtig häßlich die Lage ist, in der sich Mensehen jüdischer Abstammung gegenwärtig in Deutschland befinden. Daß diese Situation schmachvoller für die Nichtjuden, als für die Juden ist, vermag die bedrohten, isoliert lebenden Juden in der Provinz kaum zu trösten. Heinz Liepmann gibt das einzig richtige Mittel an, das die Juden verwenden sollten: Selbsthilfe und Selbstwehr. Praktisch kommt dies jedoch nur in den Großstädten in Frage. Wie aber sollen sich die Juden in Glauchau oder in einem ostpreußischen Nest, in einer Ortanisation zusammengefaßt, zur Wehr setzen? Solange die taatsgewalt nicht in den Händen der Nationalsozialisten ist, kann von einer unmittelbaren Pogromgefahr größeren Aus* maßes keine Rede sein. Wenn jedoch die Nationalsozialisten, was leicht möglich ist (das Beispiel Thüringens schreckt) auch in anderen Ländern Deutschlands die Innenministerien be* setzen werden, dann kann durch Passivität der Polizei manch* mal die Lage kritischer werden. So paradox es klingt, die Gefährdung der Juden durch Brachialgewalt seitens der Nationalsozialisten wird solange dauern, bis diese zahlenmäßig in den Vertretungskörpern ent* scheidend geworden sind. Dann natürlich werden sie im Wege der Gesetzgebung versuchen, die Juden auf kaltem Wege zu pogromieren. Gegenüber den kleinen und armseligen jüdisehen Existenzen werden sie sicherlich Erfolge erzielen. Mit den großen und reichen Juden jedoch werden sie früher oder später, so oder so ihren Frieden machen. Das ist leider ein altes Kapitel in der jüdischen Geschichte. Die momentane Pogromgefahr in Deutschland ist nur ein Beweis, daß die Judenfrage stets wirksam, und daß ihre restlose Lösung nur eine Vorstellung gedanklicher Spekulation, aber leider nicht eine Wahrscheinlichkeit des Lebens ist. Die Minderheiten - Debatte in Cent Genf, 24. September. Im Verlauf der Schlußdebatte in der pojitifchen. Kpjnniission des Völkerbundes über das MimierliejtßOprÄeni erinnerte d«^gr|echisebe-Delegie'rtt״,;pb, Michalaköpoulds daran, daß die Bestimmungen über Schutz der Minderheiten seinerzeit vor allem in Berücksichtigung der Lage der Juden in Polen formuliert worden seien. Rpndesrat M 011 a legte seinen Bericht an die Völkerbundsversammlung vor, der, ohne eine abschließende Resolution zu enthalten, einen Ueberblick über die in der Kommission zutage getretenen Anschauungen gibt: die einmutige Feststellung der Bedeutung des Minderheitenproblems für den Weltfrieden, die Anerkennung des Rechtes der Völkerbundsversflmmlung, aut Grund von Artikel 3 des Völkerbunds- Paktes Minderheitenfragen zu diskutieren, die Notwendigkeit, das in Kraft stehende Verfahren in einer alle seine Möglichkeiten erschöpfenden Weise anzuwenden, Anerkennung moralischer Verpflichtungen, die sich aus dem Geist der Minder» heitenverträge auch dort ergeben, wo rechtliche Verpflichtungen nicht bestehen, Und schließlich Notwendigkeit einer Lösung des Minderheitenproblems durch verständnisvolle Zusammenarbeit zwischen Mehrheit und Minderheiten innerhalb der einzelnen Staaten. Voraussetzung hierfür sei Großmut bei der Mehrheit, Loyalität bei den Minderheiten Und fortgesetzte Bemühungen der Regierungen, gegenseitiges Ver» ständnis und Vertrauen zwischen Mehrheit und Minderheit zu fördern. Der rumänische Außenminister Mironescu bezeichnete diesen Bericht als das Höchstmaß dessen, dem seine Regierung ln dieser Frage zustimmen könne. Curtius entgegnete hierauf, die Entwicklung stehe nicht still, auch in künftigen Jahren werde man wie seinerzeit in Madrid Verbesserungen des Verfahrens erwägen müssen. Briand bezeichnete den im Bericht zum Ausdruck gebrachten Veraligemeinerungsgedanken des Minderheitenschutzes als Hypothese. Frankreich würde einer Ausdehnung des Minderheitenschutzes auf alle Staaten, zu der der Völkerbund nicht berechtigt sei, im gegebenen Falle entschlossenen Widerstand leisten. Schließlich wurde Mottas Bericht einstimmig genehmigt. PalästtnabeschluB in Gen! G e n f, 28. September. (J. T. A.) Die gegenwärtig in Gent tagende Sechste (politische) Kommission des Völkerbundes hat eine Resolution zwecks Weiterleitung an die demnächst zusammentretende Vollversammlung des Völkerbundes angenommen, in der der Befriedigung über die Wiedereinkehr von Friede upd Ordnung in Palästina Ausdruck gegeben wird. Der Berichterstatter Dalvanne erklärte, die Kommission könne nicht daran denken, auf die Positionen der verschiedenen Mandatsterritorien im einzelnen einzugehen; sie hebe nur einige Punkte von besonderer Bedeutung hervor. Mit großer Genugtuung habe sie von der Besserung der Lage in Palästina Kenntnis genommen. Sie verfolge mit Befriedigung die von der Mandatarmacht gemachten Anstrengungen zur Wiederherstellung einer Atmosphäre der Ruhe, sowie die von der Mandatarmach: ergriffenen Maßnahmen zur Verhütung der Wiederkehr so tragischer Ereignisse, wie sie die Völkerbundversammlung im vergangenen Jahre beklagt hat. Die von Dalvanne unterbreitete und von der Sechsten Kommission angenommene Resolution betreffend Palästina lautet: ״Die Versammlung des Völkerbundes spricht ihre Befriedigung aus über die Wiederherstellung von Ordnung und Frieden in Palästina und vertraut darauf, daß die von der Mandatarmacht ergriffenen Maßnahmen die Wiederkehr solcher Ereignisse, wie sie sich im Jahre 1929 begeben haben, verhindern werden.“ Dalvanne wurde ermächtigt, diesen Beschluß der Plenarsitzung des Völkerbundes zu unterbreiten, ln dem gleichzeitig angenommenen Bericht wird der Arbeit des Völkerbundes und der Mandatskommission, die taktvoll und unparteiisch geführt wurde, Anerkennung gezollt. Delegiertentag des deutschen Misrachi Der Delegiertentag des deutschen Misrachi fand am 28. September in Berlin im Gemeindehaus, Rosenstr. 2, statt. Es beteiligten sich an ihm 41 Delegierte aus den deutschen Gruppen, sowie 7 Mitglieder der Landeszentrale. Nach der Wahl des aus den Herren Hermann Struck, Haifa, Dr. R a b i n , Breslau, und Dr. Rudolf Möller, Hamburg, zusammengesetzten Präsidiums wurden Referate gehalten über die misrachislische Arbeit der letzten zwei Jahre von Alexander Adler, über die Waad Ilaroschi-Sitzung in Wien von Dr. Arnold Barth und über die letzte A.-C,-Sitzung und die Haltung des Misrachi auf derselben von Dr. Oskar W o 1 f sberg. Die außerordentlich lebhafte Debatte, in deren Mittelpunkt die Waad Ilaroschi-Sitzung und die Konsequenzen, die der deutsche Misrachi aus ihr ziehen soll, stand, nahm den ganzen Tag in Anspruch. Zur Debatte stand die konkrete?'rage, ob der deutsche Misrachi Sofort aus der Wellorganisaiion austreten solle, oder ob noch ein letzter Versuch zu unternehmen sei, eine Neuorientierung der Weltorganisation in politischer, organisatorischer und finanzieller Hinsicht im Sinne der seit Jahren von der deutschen Landsmannschaft angestrebten Weise herbeizuführen. Mit 38 gegen 0 Stimmen bei einer Stimmenthaltung wurde «ine Resolution angenommen, in der eingangs die unverbrüchliche Treue der deutschen Misrachisten zur Idee des Misrachi ausgesprochen wurde. Die Resolution rückt alsdann ab von der Methode der Arbeit in der Weltorganisation auf ollen Gebieten und billigt die Haltung der deutschen Vertreter auf der Waad Haroschi- Sitzung in Wien. Dem in Wien wiedergewählton Merkas wird jede moralische und finanzielle Unterstützung versagt. Die gleichgesinnten Misrachisten aller Länder sollen zu einer konstruktiven Aktion gesammelt werden, deren Sinn ist: Erhnltung der misrachistischen Idee in ihrer Reinheit und Schaffung von organisatorischen Bedingungen, die die Durchführung des misrachistischen Programms ermöglichen. Die Landeszenlräle wird beauftragt, falls sie auf der kommenden Wcidah Olomith mit umfassenden Sanierungsforderungen nicht durchdringt, den Austritt der deutschen Organisation aus der Weltorganisation zu erklären. Bis dahin sind schon alle Schritte zu unternehmen, um die Schaffung einer neuen Organisation zu ermöglichen, falls der Austritt unumgänglich wird. ln weiteren Resolutionen wird die Landeszentrale beauftragt, Mittel und Wege zu selbständiger Arbeit für mlsrachistische Zwecke in Erez*I#rael zu finden und Organe für Durchführung solcher Arbeit zu schaffen, ferner für Fubllzltät der gefaßten Beschlüsse zu sorgen und den Kampf gegen den im Weltmisrachi herrschenden Kurs in der Oeffentlichkeit zu führen. Der Tagung lagen Zustimmungserkl&rungen zu schärfster Opposition gegenüber dem Weltmisrachi von Seiten der Lendeszentrale des holländischen Misrachi und von den maßgebenden Führern des Schweizer Misrachi vor. Der von der Landeszentrale vorgelegte Budgetentwurf wurde angenommen, ln die Landeszentrale wurden gewählt die Herren Alexander Adler, Isi Eisner, Max J. Kober, Edmund Lcwy, Prof. Hermann Pick, Dr. Werner Silberstein, Dr. Paul Sulzbergei’, Dr. Oskar Wolfsbcrg. Wir behalten uns noch vor, einen ausführlichen Bericht über die Tagung zu bringen. * In einem ״In offener Opposition“ überschriebenen Leitartikel von Nr. 9 der vom Zentralbüro des deutschen Misrachi herausgegebenen Monatsschrift ״Zion“ heißt es: Der Oberste Rat unserer Organisation hat zwar erkannt, daB״:Ä#8*״ituatlÄ,v׳f11 erträglich und kaum noch zu verschärfen ist, er hat aber weder die Kraft, einen Ausweg aus der hoffnungsvollen Lage von sich aus zu finden, noch den Mut, vorgeschlagene radikale Wege zur Neugestaltung von Methoden und Wegen der Arbeit zu beschreiten. Wir sind gezwungen, schärfere Methoden anzuwenden, um uns durchzusetzen und das Ansehen unserer Idee vor nicht wieder gutzumachendem Schaden zu bewahren, Wir bekämpfen ein System, das nicht vermocht hat, propagandistisch auf Massen zu wirken, die eigenen Anhänger in die Arbeit einzuspannen, Leistung auszulösen auf geistigem oder auf materiellem Gebiet. Wir halten es für unmöglich, daß ein Merkas in seiner Gesamtheit wieder und wieder zur Leitung der Geschäfte des Misrachi berufen wird, trotzdem man sich klar darüber ist, daß seine Methode der Arbeit gescheitert ist. Wir halten es für untragbar, daß Vertreter eines Maximalprogramms in der Leitung bleiben und Forderungen durchzuführen versuchen, die nicht im Einklang stehen mit den zur Verfügung gestellten Mitteln. Wir verlangen den Rücktritt derjenigen von der Leitung, die nicht verstehen, daß gerade bei einer Partei wie der unsrigen eine moralisch einwandfreie Geschäftsgebarung sein sollte, und daß die Häufung von Schulden ohne Aussicht auf deren Abtragung einer solchen Geschäftsführung nicht entspricht. Daß man auch auf dieser Tagung des Waad Haroschi, auf der die Folgen der bisherigen Wirtschaftsmethode so deutlich wurden, nicht die sittliche Kraft hatte, radikale Aenderungen durchzuführen, läßt uns daran verzweifeln, auf dem Wege friedlicher Entwicklung zur Gesundung zu kommen. Es wird in dem Artikel dargelegt, was sich auf der Wiener Tagung abgespielt hat. Raw Berlin sagte Jdar und deutlich, daß es nicht so weitergehen könne, daß pes, was bisher erreicht und geschaffen wurde, durch das_ Versagen vieler Landsmannschaften in finanzieller Beziehung in höchster Gefahr sei. Er erklärte, daß der Merkas sein Amt niederlege und es nicht wieder aufnehmen würde, wenn ihm nicht die Geldmittel zur Verfügung gestellt würden, die zur Abtragung von Schulden und zur Weiterführung der Arbeiten notwendig seien. Die deutsche Landsmannschaft legte einen Plan für eine finanzielle Reorganisation vor, der darauf basierte, daß die Füllrer der Länder sich persönlich haftbar verpflichten sollten, be■ stimmte, niedrig bemessene Beträge für einen Zeitraum von zehn Jahren aufzubringen; auf Grund dieser Verpflichtungen sollte eine Anleihe zur Regulierung der alten Schulden aufgenommen werden. Dieser Plan mußte fallen gelassen werden, weil außer der deutschen Landsmannschaft, die sich zur Autbringung von 20 0/0 der Garantie und der Anleihe verpflichten wollte, die Führer anderer Länder keine persönlichen Verpflichtungen eingehen wollten. Unsere Vertreter, die Herren Dr. Arnold Barth und Alexander Adler, sahen sich, im Ein■ Verständnis mit der deutschen und holländischen Landsmann Schaft, gezwungen, zu erklären, daß sie sich weiter an den Be ratungen nicht beteiligen könnten, und auf einer in kürzester Zeit einzuberufenden Delegiertentagung ihrer Länder beantragen würden, Konsequenzen weitgehender Natur aus der Situ■ ation in der Weltorganisation zu ziehen. Ein Delegiertentag des deutschen Misrachi ist einberufen, er soll darüber beschließen, in welcher Weise sich: die offene Opposition auswirken soll. Das Ziel ist die Reinerhaltung der misrachistischen Idee und Durchführung ihrer praktischen Auf* gaben. In allen Ländern befinden sich verantwortungsbewußte Männer, die so wie wir denken, sie gilt es zusammenzuschließen. Wir müssen von uns aus die Arbeit in Ercz-lsrael leisten, die als Muster und Beispiel dafür dastehen soll, was Misrachisten schaffen können. An die Jugend müssen wir herantreten, um ihr das Ideal zu geben, das sie benötigt. Wir hoffen, daß der deutsehe Misrachi sich der Mission, die er zu übernehmen gewürdigt Ist, gewachsen zeigt. Brief aus Palästina Von unserem palästinensischen Korrespondenten. Konflikt zwischen Christen und Moslems. — Maßregeln gegen Propagandaauswtlchse. — Kritik an den Berliner Tagungen. A.G. Tel-Awiw, den 18. September 1930. Die Presse Palästinas, sowohl die jüdische wie die arabische, bringt seit fast zwei Wochen ausführliche Berichte über einen Konflikt zwischen Moslems und Christen in Haifa, der sich aus beiderseitigen Besitzansprüchen auf einen Friedhof in der Nähe der deutschen Kolonie ergab. Die Mdnungsversfchledenhelten nahmen einen ernsten Charakter an, als bei einer Gelegenheit Vertreter der beiden Gemeinden in ein Handgemenge gerieten, wobei es Verwundete und einen Toten gab. Die Behörden sind zurzeit bemüht, den Fall zu klären, und es sind besondere Maßregeln getroffen worden, um weiteres Unglück zu verhüten. Der Streit wäre nicht von besonderem Interesse, wenn es nicht der erste ernstere Fall wäre, der die seit einem Jahre hdrgestellte gemeinsame Front der beiden arabischen Gemehrt den zu durchbrechen geeignet ist. Seit den Augustunruhen hat man sich im arabischen Lager eifrig bemüht, die alten tradltionell gewordenen Kämpfe zwischen Moslems und Christen zurückzustellen, und zwar mit gutem Erfolg. Die politische Aktion der Araber wurde ungeachtet der religiösen Oegensätze gemeinsam gemacht, und als Zeichen dieser Union nahm ein Christ an der arabischen Delegation nach London teil. Der Haifaer Konflikt ist nun zum Anlaß geworden, den alten Kampf in einem gewissen Umfange wieder aufleberi zu lassen. Der Streit an sich brauchte nicht viel mehr zu bedeuten, als ein momentanes Aufflackern der Feindschaft, der ihn begleitende Pressekampf deutet jedoch auf den Beginn einer neuen Spaltung hin. Es werden an verschiedenen Stellen Versuche gemacht, besondere christliche Vereinigungen zu bilden, von denen man freilich noch nicht sagen kann, ob sie sich auf die Dauer als Erfolg erweisen werden. Die leitenden arabischen Stellen, vor allem die Arabische Exekutive, sind eifrig bemüht, den Fall gütlich beizulegen und es nicht zu einer Spaltung in zwei Lager kommen zu lassen. Es wird hier anscheinend sehr gut verstanden, daß ein christlich-moslemischer Konflikt eine Gefahr für das Gelingen der arabischen Sache bedeutet. Es Ist also weniger von Bedeutung, wie und wann dieser aktuelle Konflikt zu einem Abschluß kommt, sondern was er für einen Einfluß auf die Strömungen im arabischen Lager hat. Im Zusammenhang mit dem arabischen Streik vom 23. Au* gust, der zur Erinnerung an die Unruhen und als Protest gegen das parteiische Verhalten der Regierung bei den Prozessen (Amnestierung von Urphali) proklamiert wurde, hat die Regierung gegen den Leiter des Büros der Arabischen Exekutive einen Prozeß angestrengt, der nicht ohne Interesse ist. Im Zu• sammenhang mit dem Streik beschloß die Arabische Exekutive, ein Flugblatt zu veröffentlichen, das noch vor dem Streiktag von der Regierung verboten und beschlagnahmt wurde, ״weil es geeignet sei, die öffentliche Sicherheit zu gefährden“. Zu gleicher Zeit erschien im ״D j a m m I a h e 1 A r a b i e h“ ein Aufsatz, der ähnlich wie dal Flugblatt nicht nur scharf geschrieben war, sondern sich auch gegen England wandte« die Zeitung wurde auf Grund dieses Artikels eingeschritten. Der mutmaßliche Autor aber, in dem die Regierung auch den Ver* fasser des Flugblattes zu erkennen glaubte, wurde vor Gericht geladen, und zwar auf administrativem Wege vor den Gouverneur von Jerusalem, der entsprechend einem im Vorjahre erlassenen Gesetz als Richter fungierte. Der Prozeß erregte im Lande beträchtliche Aufmerksamkeit. Der Angeklagte Subhi Bek el Khadra, Leiter des Exekutivbüros, war im Zusammenhang mit den Untuhen viel genannt worden, vor allem als einer der hervorragendsten Agitatoren itn August vorigen Jahres. Auch die Shaw-Kommission hatte sich mit seinen Aktionen beschäftigen müssen. Auch gilt Subhi Bek als einer der aktiven arabischen Politiker und Journalisten und wird nicht zu den Gemäßigten gezählt. Der Prozeß, der schon seit längerer Zeit begann, wurde nach der Untersuchung unterbrochen, und erst gestern ist vom Jerusalemer Gouverneur unter Beisein verschiedener bekannter arabischer Persönlichkeiten und der Presse das Urteil verkündet worden. Es lautet auf Verbannung nach Safed auf ein Jahr, Hinterlegung einer Kaution als Bürgschaft für gute Führung und polizeiliche Aufsicht des Verurteilten für die Strafzeit. Das Urteil ist detailliert begründet und weist mehrmals darauf hin, daß Flugblätter und Artikel dieser Art geeignet seien, die öffentliehe Sicherheit zu gefährden und sich die Regierung daher zum Einschreiten gezwungen sehe. Es ist das das zweitemal in diesem Jahr, daß die Regierung zur administrativen Verurteilung arabischer Agitatoren greift, um die Propaganda zu hemmen. Das erstemal wurde eine Anzahl führender Leute aus Jaffa an entfernte Plätze verbannt, die Strafe jedoch später herabgesetzt. Die Behörden scheinen diese Maßregeln Immer in Momenten anzuwenden, wo die Propaganda zu scharfe Formen annimmt oder sich auszubreiten droht. Und fraglos wird auch durch dieses Vorgehen eine gewisse Einschüchterung erreicht. Freilieh ist diese Politik eine Bekämpfung von Symptomen und nichts meb״ * Wir haben bereits mitgeteilt, daß die Haltung des Jischuw zu den Berliner Sitzungen durch scharfe Kritik an den Verhandhingen und Ergebnissen gekennzeichnet ist. im Laufe der Woche, da immer mehr Einzelheiten bekannt wurden und auch bereits die ersten Teilnehmer an den Konferenzen ins Land zurückkehrten, hat sich die Kritik noch um etliche Grade verschärft. In jeder Beziehung, politisch, wirtschaftlich, wenn man will ״zionistisch“, wird Berlin gewogen und zu leicht befunden. Man beklagt die ״Mittelmäßigkeit“ der Verhandlungen, wo kein rettender Gedanke geboren wurde, der geeignet sei, einen Ausweg aus den sich ringsum auftürmenden Schwierigkeiten zu weisen. Neben Beschwerden gegen die Agency, die die auf sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllt hätte, stehen Aufrufe und Anklagen gegen die Zionistische Organisation, der es nicht gelungen ist, den Kern einer neuen und großen Palästinabewegung zu bilden. Kurz, die Kommentare, sowohl zur Sitzung des A.-C. wie zur Tagung des Agency-Committees, sind noch um etliches heftiger und trüber geworden. Sie bilden gewissermaßen den Abschluß des Jahres, das jetzt zu Ende geht und trotz der wirtschaftlichen Stabilität für Palästina eine der schwersten Perioden des letzten Jahrzehnts be<(«ftutete.