Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 77-78 (1.10.1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 77/78, 1.X.1930 Seite 503 ✓ Unsere Forderung: Der Reichsverband! Von A. W, Rom. Der erste Teil des nachstehenden Aufsatzes ist zuerst in der Breslauer Jüdischen Zeitung für Ostdeutschland erschienen. Der Verfasscr ergänzt in der J. R. seine Ausführungen,. Red. I. Die Tatsache, daß über 81«/# sämtlicher abgegebenen Stimmen bei den Reichstagswahlen für Parteien abgegeben worden sind, die sich in ihrem Programm klar und deutlich zum Antisemitismus bekennen, der unerhörte Aufschwung, den die nationalsozialistische Bewegung genommen hat, hat das deutsche Judentum in heftige Erregung versetzt. Während die einen kopflos erschreckt umherlaufen und nicht wissen, was zu tun ist, versuchen die anderen, an dem Ergebnis zu drehen und zu deuteln, um nachzuweisen, daß eigentlich doch nicht so viel antisemitische Stimmen abgegeben worden seien, daß ganz andere Gründe zum Anwachsen der Nationalsozialisten geführt haben, und daß kein Grund zur Beunruhigung gegeben sei. Nun ist gewiß kein Grund vorhanden, gegenüber dieden Wahlerfolgen den Kopf zu verlieren und sich uferlosen Befürchtungen hinzugeben, aber ebenso falsch ist es, sich über die schwere Situation zu täuschen und nicht zu erkennen, daß eines der Hauptmomente beim Siege der Nationalsozialisten ihre hemmungslose antisemitische Agitation gewesen ist Der Antisemitismus in seiner radikalsten Gestalt hat eine Schlacht gewonnen, es hat sich wieder einmal gezeigt, daß für alle Nöte und Leiden der Jude verantwortlich gemacht wird. Wir glauben, daß es nunmehr Pflicht ist, nachzudenken über das, was getan wurde und über das, was zu tun ist. Es unterliegt keinem Zweifel, daß das deutsche Judentum diesmal, vom Standpunkt der üblichen Abwehrpolitik aus gesehen, seine Pflicht getan hat. Eil} starker Einsatz von Geld und Menschen war zu erkennen, dps deutsche Judentum spürte, daß die antisemitische Parole diesmal sehr zugkräftig war, und war eifrig bemüht, die verlogene Politik der antisemitischen Parteien zu enthüllen, die Hintergründe dieser Politik auf zudecken und ihre staatsgefährliche Wirkung jedem vor Augen zu führen. Und nichts wäre falscher, als nicht zu erkennen, daß diejenigen Persönlichkeiten und diejenige Organisation, die sich seit Jahren im wesentlichen mit diesem Kampf beschäftigen, es keineswegs an Eifer, an Fleiß, an Mut habe fehlen lassen. Wir glauben vielmehr, daß in dieser Richtung alles geschehen ist, was geschehen konnte. Und trotzdem 107 Nationalsozialisten neben 41 Deutschnationalen, also 148 Abgeordnete, die bewußt antisemitische Politik treiben; trotzdem die Tatsache, daß an dem ungeheueren Anwachsen der Nationalsozialisten mehr Ueberläufer aus den Kreisen der deutschen Staatspartei und der deutschen Volkspartei teilhaben als aus dem Kreise der Deutschnationalcn. Und das wirklich erschreckende: Trotz aller Bemühungen, trotz aller Aufklärung, trotz aller Plakate, Flugblätter und Broschüren die Tatsache, daß die Jungwähler mit Ausnähme des verhältnismäßig kleinen Teiles, der offenbar für die Kommunisten gestimmt hat, nationalsozialistisch gewählt haben. Hier hilft kein Vertuschen mehr, hier ist klar geworden, daß die ״Abwehrarbeit“ versagt hat und daß unsere alte Behauptung, daß diese Abwehrarbeit versagen muß, sich in erschreckendem Maße als wahr und berechtigt erwiesen hat. Und wenn man uns antwortet, die Ursache dieser Entwicklung sei die außerordentliche Not, die Arbeitslosigkeit, die Wirtschaftskrise, dann ist zu sagen, daß sich gerade in Notzeiten der Sinn und der Wert der Abwehrarbeit erweisen müßte, denn dann bedarf man ihrer am stärksten. Wir müssen vielmehr feststell«!, daß der^eit^ui fit Dm deutsche Jaieattarmai sieh «mRlch über M Tatsache klar werden. Es muß Rechenschaft fordern, nicht um anzuklagen, sondern um endlich zu erkennen, welch« Wege gegangen werden müssen. Die wichtigste Erkenntnis, die wir aus diesem Wahlergebnis gewinnen müssen, ist die, daß die innere Stärkung des Judentums und der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland unendlich wichtiger ist als der anscheinend so verlockende Kampf nach außen. Mit allen Flugblättern und Broschüren reden wir an denen, auf die die Flugblätter zielen, vorbei und treffen ins Nichts. In derselben Zeit aber, in der ,außerordentliehe Summen für diese Zwecke freiwillig und gern gegeben werden, gehen zahllose jüdische Existenzen zugrunde, weil die Sozialetats der Gemeinden überlastet sind, weil es keine Dar• lehnskassen gibt, die dem kleinen jüdischen Mann helfen, weil die Arbeitsnachweise nicht genügend ausgebaut werden, alles Dinge, die mit einem Teil der Beträge, die für den Wahl karapf aufgewandt werden, ausgezeichnet gemacht werden könnten. Stärkung der jüdischen Position, Erkenntnis, daß das Judentum wieder einmal auf sich selbst angewiesen ist, Zusammenschluß und Solidarität, das ist die Aufgabe, vor die das deutsche Judentum gestellt ist, das ist der Weg, der wirklich Hilfe bringen kann. Ein wirtschaftlich schwaches, ein in sich nicht gefestigtes Judentum kann trotz aller Abwehrarbeit überrannt werden. Ein Judentum, das sich solidarisch fühlt, das sich bemüht, den einzelnen Gliedern seiner Gemein Schaft zu helfen, ist auch heute noch eine Kraft, die nicht ohne weiteres zerstört werden kann. Daneben muß selbstverständlich eine gewisse Abwehrarbeit geführt werden. In weitaus bescheidenerem Maße, mit wesentlich geringeren Geldausgaben, aber ausgehend von einer ganz bestimmten Einstellung, nämlich von der Einstellung, daß diese Arbeit nur geführt werden kann vom Gesamtjudentum für das Gesamtjudentum. Die Gemeinden und Gemeindeverbände müssen sich ihrer Pflicht und ihrer Aufgabe bewußt werden. Sie umfassen und repräsentieren alle in Deutschland lebenden Juden, sie sind die erwählten und berufenen Wortführer, auch im politischen Kampf. Und wenn sich diese Ge meinden aus irgendwelchen Gründen bestimmter Organisationen oder Institutionen in diesem Kampfe bedienen wollen, dann dürfen es nur solche sein, die nur dieser Aufgabe dienen, die in den innerjüdischen Kampf, der ein Zeichen lebendigen und sich erneuernden Judentums ist, der nicht unterbunden werden darf, nicht eingreifen. Die Organisation, die den Kampf um die Rechte des deutschen Judentums, um die Sicherheit der in Deutschland lebenden Juden führt, hat nur diese Aufgabe, sie muß für alle Juden sprechen können, denn alle Juden haben den gleichen Anspruch auf staatsbürgerliche Rechte und auf Schutz. Wird dieser Kampf von einer Organisation ge führt, die selbst eine Gesinnungsorganisation ist, die selbst in den innerjüdischen Kampf eingreift, dann ist diese Grundlage verlassen, dann fehlt ihr die Autorität, die sie haben muß, um wirken zu können, dann fehlt ihr das Recht, im Namen aller Juden zu sprechen, und indem sie sich selbst von einigen jüdisehen Gruppierungen distanziert,♦ zerstört sie den Anspruch den das Gesamtjuaentum hat. Und wir glauben, daß alsdann dieser Kampf auch auf einem anderen Niveau und vielleicht mit anderen Waffen geführt werden kann. Es wäre sehr viel zu sagen über die Art, wie man in jüdischen Kreisen immer noch glaubt, die antisemitische Bewegung bekämpfen zu können. Aber über diese Dinge soll heute und an dieser Stelle nicht gesprochen werden. | Es kommt uns nicht darauf an, einen Mißerfolg festzustellen, es kommt uns darauf an, den grundsätzlich falschen Weg zu I zeigen, den man bisher in dieser Arbeit gegangen ist. Nichts wäre falscher, als eine Parole zur sogenannten Einigkeit auszugeben, mit der: man alle Fehler zudecken kann, statt sich JUEDISCHE RUNDSCHAU klar zu werden über das, was getan wurde und das, was nun■ mehr zu geschehen hat. Klarheit muß geschaffen werden und dann mit Entschlossenheit der richtige Weg gesucht und beschritten werden. Für uns Zionisten aber erwächst die Aufgabe, dem deutsehen Judentum, das in seiner Tiefe aufgewühlt und erschüttert ist, die Erkenntnis zu vermitteln, die uns auch in diesen Tagen Sicherheit und Zuversicht gibt Wir wissen, daß das, was wir erleben, jüdisches Schicksal ist, dem Juden nicht entrinnen, wo immer sie im Galuth leben. Aber wir wissen auch den Weg und die Lösung, wir glauben an die Kraft unseres Volkes, und es kommt jetzt darauf an, den Schwankenden, den Verzweifelnden diesen Glauben zu geben, auf sie diese Kraft zu übertragen. Nie war zionistische Arbeit in Deutschland notwendiger denn jetzt, nie war sie erfolgverheißender. Nützen wir die Stunde! II. Es ist eigentümlich zu sehen, wie sich die jüdische Oeffentlichkeit zu dem Ausfall der Reichstagswahlen verhält. Die ״C.-V. ־ Zeitung“ stellt fest, daß nicht so sehr die Juden, sondern vor allem die Parteien im Kampf gegen den National- Sozialismus versagt haben. Siclierlich ist an dieser Behauptung sehr viel richtig. Nur enthält sie das Eingeständnis, daß auch die jüdische Arbeit versagt hat, denn deren Hauptziel und -zweck war, die Parteien zu einer stärkeren Bekämpfung des Nationalsozialismus zu bringen. Wir haben bereits früher darauf hingewiesen, daß die bisherige Abwehrarbeit einer rückhaltlosen kritischen Betrachtung unterzogen werden muß, nicht weil wir an der Hingabe, dem guten Willen und der Fähigkeit der führenden Menschen zweifeln, sondern weil wir überzeugt sind, daß zahlreiche deutsche Juden, die bisher von dem Wert dieser Abwehrarbeit durchdrungen waren, nunmehr doch stutzig geworden und bereit sind, unsere Einwände und Vorschläge ernsthaft zu prüfen. Natürlich fordert der C.-V. in erster Linie zur Weiterarbeit auf, und mit Recht fordert er weiterhin, dab man sich nicht entmutigen lassen darf. Auch wir sind der Meinung, daß weitergearbeitet werden muß, aber in anderem Sinne, und wir sind gewiß .der ׳'Meinung, daß wir uns nicht entmutigen lassen dürfen. L Die ״Jüdrsch- Iiberal e Zeitung“ geht selbstverständlich wieder einmal Wege, die dem einfachen, klardenkenden Juden meilenweit fern sind. Während sich jeder einsichtige Mensch sagt, daß diese Reichstagswahlen nichts so sehr bewiesen haben als die Notwendigkeit verstärkten jüdischen Zusammenschlusses, während wir immer wieder hören, daß es jetzt darauf ankomme, die jüdischen Kräfte zu stärken, predigt die ״Jüdisch-liberale Zeitung“, daß ״die Absonderung, die in den letzten Jahren in jüdischen Kreisen propagiert wurde, gleichviel ob auf dem Gebiete der Schule, der sportlichen Betätigung oder wo sonst immer, jetzt einmal einer gründlichen Revision unterzogen werden soll“. ״Der Geist der Absonderung, der unter dem Schlagwort vom jüdischen Milieu propagiert wird, muß dem Willen gemeinsamer Arbeit der jüdischen mit den nichtjüdischen Deutschen weichen.“ Die deutschen Juden sollen sich also wohl erneut Ohrfeigen holen und sollen, ähnlich der Witzblattfigur des Weinreisenden, immer von neuem an den Türen um Einlaß betteln, die ihnen schon so und so oft vor der Nase zugeschlagen wurden. Die ״Jüdisch-liberale Zeitung“ fordert dann weiter in Durchführung ihrer wahrhaft unpolitischen Gedankengänge, daß die jüdischen Gemeinden sich wieder auf den Aufgabenkreis von Religionsgemeinden beschränken und nur ihre religiösen Aufgaben erfüllen sollen. Eües bedeutet also wohl, daß z. B. in einem Augenblick schwerster jüdischer Wirtschaftsnot offenbar nur geistlicher Zuspruch gegeben werden soll. Vielleicht fallen auch Suppenküchen und «er ganze Jammer, den wir water dem« , Jät^|t|Ä׳igk#0׳,la--W&eren, Zeiten in-,der ״mn-reliflösen“ jüdischen Gemeinde kennengelcmt haben, noch unter en Begriff ״Religiöse Aufgaben״. Die Anfänge einer sozialpolitischen Behandlung einer wirklichen Wohlfahrtspflege müssen dann verschwinden, die Arbeitsnachweise, die mit solcher Mühe geschaffen wurden, und die Berufsberatung sollen abgebaut werden, und der alte mit soviel Mühe beseitigte Zustand, gegen den alle Einsichtigen jahrzehntelang gekämpft haben, wird wieder hcrgestellt. Wie man sieht, genügt es, diese abstrusen Reden an der Wirklichkeit zu messen, um zu erkennen, wie völlig nichtssagend, wie gegenstandslos sie sind. Wir wissen auch, daß nahezu alle Persönlichkeiten aus dem liberalen Lager, die in der jüdischsozialen Arbeit Erfahrung haben, derartige Ideen ablehncn, und wir wissen, daß die ״Jüdisch-liberale Zeitung“ auch in diesen Fragen wieder einmal nur Wortführer eines kleinen, dem jüdisehen Leben fremden Kreises ist. Die deutschen Juden spüren vielmehr, daß andere Wege gegangen werden müssen, daß andere Aufgaben gestellt sind. Sie erkennen, daß in diesem Augenblick nur Selbsthilfe am Platz ist, daß es gilt, alles zu tun, was aus eigener Kraft geschaffen werden kann, und sie wissen, daß auf diesem Gebiet der Selbsthilfe noch außerordentlieh viel zu tun ist. Der erste Schritt zur Schaffung von Seibsthilfcorganisationen ist der Zusammenschluß des gesamten Judentums in Deutschland. Die erste Forderung ist die Forderung nach der schleunigen Gründung des demokratischen Reichsverbandes der jüdischen Gemeinden Deutschlands. Aus politischen Gründen, denn nur dieser Reichsverband hat das Reiiht, die Kraft und die Würde, im Namen des gesamten deutschen Judentums zu sprechen, und die Forderungen des gesamten deutschen Judentums zu vertreten. Aus w i r t - schaftlichen Gründen, denn das deutsche Judentum ist nicht so stark, daß es sich eine Verzettelung der notwendigen ׳Selbsthilfe-Institutionen nach Ländern und Großgenieinden leisten kann. An Stelle der Zersplitterung muß die Einigkeit, an Stelle zahlloser unkontrollierter Sammlungen rnuß die Sammlung treten. In dieser Zeit, in dieser politischen Atmosphäre darf ein Reichsverband nicht mehr abgelennt werden, weil eine Rivalität zwischen preußischem und süddeutschem Judentum besteht, weil irgendwelche Kreise glauben, ihre ״Selbständigkeit“ werde durch die Großgemeinde Berlin bedroht. Nichts ist bezeichnender, als daß gerade die jüdischen Gemeinden in Bayern heute in ihrem Kampf um das Sehächtverbot auf das Eingreifen des Reiches rechnen müssen. Beschämend ist die Tatsache, daß es keine Instanz der deutschen Judenheit gibt, die in dieser Frage für das Recht der bayerischen Juden auftreten darf. Wir sind überzeugt, daß die überwältigende Mehrheit des deutschen Judentums jetzt mit uns verlangt, daß der Reichsverband der deutsehen Juden geschaffen werden muß. Vielleicht haben früher manche jüdischen Kreise nicht den Ernst und den Nachdruck verstanden, mit dem wir den demokratischen Reichsverband gefordert haben. Heute wird man uns danken, daß wir eine Verfälschung nicht zugelassen haben. Denn dann wäre ein unwirksames Zerrbild an Stelle einer lebendigen, arbeitsfähigen, arbeitskräftigen Institution entstanden, irgendein Scheinverband, der nicht die Autorität, nicht die Kraft gehabt hätte, deren das deutsche Judentum in diesen Tagen bedarf. Heute wird das deutsche Judentum unsere Forderungen verstehen und erkennen, daß es sich hier nicht um eine Parteiforderung handelt. Dem deutschen Judentum muß endlich die Spitzenorganisation gegeben werden, die allein in der Lage ist, mit Würde und mit Kraft aufzutreten: der demokratische Reichsverband der jüdisehen Gemeinden Deutschlands. Pogromangsi*) Von Moses Weidmann ,ich glaube, den Antisemitismus, der eine vielfach komplizierte Bewegung ist, zu verstehen. Ich betrachte diese Bewegung ah Jude, aber ohne Haß und Furcht. Ich glaube zu erkennen, was im Antisemitismust roher Scherz, gemeiner Brotneid, angeerbtes Vorurteil, religiöse Unduldsamkeit — aber auch, ums darin vermeintliche Notwehr ist. Ich halte die Judenfrage weder für eine soziale, noch für eine religiöse, wenn sie sich auch noch so und anders färbt. Sie ist eins nationale Frage und um sic zu lösen, müssen wir sie vor allem zu einer politischen Wellfrage machen, die int Rate der Völker zu regeln sein wird. Wir sind ein Volk, e in Volk." ״Aber vielleicht könnten wir überall in den uns umgebenden Völkern spurlos aufgehen, wenn man uns nur zwei Generationen hindurch in Ruhe ließe. Man wird uns nicht in Ruhe lassen." ״Tief im Volksgemüt sitzen alle Vorurteile gegen uns. Wer sich davon Rechenschaft geben will, braucht nur dahin za horchen, wo das Volk sich aufrichtig und einfach äußert: Das Märchen und das Sprichwort sind antisemitisch.” ״Die Judenfrage besteht überall, wo Juden in merklicher Anzahl leben. Wo sie nicht ist, da wird sie durch Hinwandern des Juden ringeschleppt. Wir ziehen natürlich dahin, wo man uns nicht verfolgt; durch unser Erscheinen entsteht dann die, Verfolgung.“ Theodor Herzl. ״Man wird Jude nicht, aus Gesinnung, sondern durch Geburt.“ Heinz Licpmann (Weltbühnc 1930, Nr* 33). Durch die Voranstellung obiger Zitate habe ich eigentlich alles gesagt, was stete urul auch im gegenwärtigen Augenblick, da die nationalsozialistische Welle in Deutschland auch dem gleichgültigsten Zeitgenossen die Bedeutung der Judenfrage sinnfällig macht, über Judenfrage und Antisemitismus zu sagen ist. ״Die Judenfrage besteht überall dort, wo Juden in merklicher Anzahl leben.“ Sie bleibt mitunter latent, wird jedoch in labilen Zeiten akut. Wenn es sich darum handelt, für irgendeine neue revolutionäre Bewegung Opfer zu brinr gen, dann findet man jüdische Namen an vorderster Stelle. Rosa Luxenburg, Jogisches, Landauer, Levind, Haase sind die in Deutschland aus jüngster Zeit bekanntesten Beispiele. Wenn sich jedoch die Zeiten ״normalisieren“, dann ist Oscar Cohn ebenso wenig Staatssekretär wie Julius Hirsch; und Landsberg gleich Samuel Sänger nicht mehr Gesandter der deutsehen Republik. Unter ״Normalisieren“ in jüdischem Sinne* hat man eine Abwandlung des Grundthemas zu verstehen, das Heinrich Heine in den Versen formuliert hat: ״Ein Jahrtausend schon und länger dulden wir uns brüderlich. Du, Du duldest, daß ich atme, daß Du rasest, dulde ich.“ Natürlich ist ״rasen“ im Jahre 1930 weder Ghetto, noch gelber Fleck, noch Autodafe und ״atmen“ kann auch Generaldirektor einer Aktiengesellschaft bedeuten — aber eine gewisse Distanz zwischen erdrückender Mehrheit und unterscheidbarer jüdischer Minderheit (und überall in der Welt sind die Juden Minderheit) bleibt stets. Die Unterscheidung erfolgt, je nach Geschmack, auf Grund der Nasenlinie, des Schreibstils, der Haarfarbe oder des Familiennamens. Wie man die jüdische Minderheit nennt, ist gleichgültig. Viele Leute, besonders manche Juden, leugnen. daß sie ein Volkstum darstellt, weil ihr zum ״Volksein“ gewisse Merkmale fehlen; als ob ein gerupftes Huhn aufhörte, ein Huhn zu sein! Allerdings ist es ein lädiertes Huhn. Die Distanz zwischen Nichtjuden und Juden bleibt auch zunächst (und vielleicht noch für lange Zeit) in Gesellschaftsformen wie der kommunistischen, zu der sich viele Juden aus Unbehagen und Empörung über ihr jüdisches und menschliches Daseip.h;ittg«0Be» lühjep,. genau,•wie,.sit gahlfihen ist in. der •llFg«H<äten '•Geseliachait,/.deren Revolution M Jafcra T8üf zahlreiche Juden mit allen ihren Kräften vorbereitet und dann während der Barrikadenkämpfe — siehe Wien, Berlin u. a. Hauptstädte! — mit ihrem Leben bezahlt haben. Sie existiert auch in Sowjetrußland; nicht aus programmatischen Gründen und nicht weil die Juden unverträglich sind, sondern weil sich auch dort die Verhältnisse ״normalisiert“ und ״stabiliert“ haben und weil Volkstum und Gesellschaftsordnung inkommensurabel sind und auf verschiedenen Ebenen liegen. Das Fatale der jüdischen Situation besteht darin, daß die Judenfrage für die Juden zentrale Angelegenheit ist, für die Nichtjuden jedoch nur eine Nebensache. Sicherlich beruht ein großer Teil des Vorurteils gegen Juden und Judentum auf Unkenntnis beider. Woher soll jedoch die große Masse der Nichtjuden, die Schlagworten nachrennt, Zeit und Interesse hernehmen, um sich über jüdische Dinge zu informieren? Eckener, Schmeling und Ilcnny Porten (augenblicklich Marlene Dietrich) absorbieren alle jenseits vom Alltag liegenden Interessen, und keine Volkshochschule und keine S. P. D.- und K. P. D.-Agitation haben in ihrem Programm den Punkt ״Aufklärung über die Judenfrage“. Die bürgerlichen Parteien sind allesamt geneigt, der antisemitischen Massenstimmung Konzessionen zu machen, und die Arbeiter, selbst die klassenbewußten, unterscheiden sich, nachdem sie ihren Stimmzettel auf Grund sozialer Ueberlegungen abgegeben haben, in ihren Stammkneipen in bezug auf Vorurteil gegen die Juden kaum von irgendeinem Kleinbürger, der die Wirtschaftspartei gewählt hat. Leider ist auch di« S. P. D. in Ansehung der Judenfrage (siehe Fall Bern Mayer!) zu einem beklagenswerten Opportunismus bereit. Man braucht nur in die Masse hinzuhorchen! Man höre sich die Gespräche der Autataxenchaufeure an den Haltestellen an! Sie haben in der letzten Zeit keine ״Fuhren“ und politisieren. Wer trägt die Schuld, daß die Fahrgäste ausbleiben? Natürlich die Juden (und die Radfahrer, die in diesem Falle, weil sie ihr eigenes Vehikel besitzen, an der Misere der Taxench auf eure wirklich ein klein wenig schuldig sind). Man kann nicht verlangen, daß sich nichtjüdische Parteien, daß sieh fortschrittliche Zeitschriften dauernd mit der Judenfrage befassen. Denn für sie ist diese Sache in normalen Zeiteil eine Nebensache. In Epochen starker politischer und gesellschaftlicher Spannungen sollten jedoch wirklich fortschrittliehe Nichtjuden und Zeitschriften, die sonst allgemeinen Problemen gewidmet sind, der Judenfrage größere Aufmerksamkeit zuwenden. In dieser Hinsicht wird in Deutschland eine Vogel-Strauß-Politik getrieben. Nicht aus Böswilligkeit, sondern aus politischer Instinktlosigkeit, von der auch linksgerichtete Politiker in Deutschland befallen sind. Diese linksgerichteten Politiker unterliegen in den meisten Fällen der Beeinflussung durch ihre jüdischen Freunde, die sich, meist unbewußt und von ihnen geleugnet, seelisch auf der Flucht vor ihrem Judentum befinden und es nur am Cafehaustisch bei der Wiedergabe jüdischer Witze, nicht aber in ihrer gesellschaftlich-politischen Arbeit betätigen. Man kann die nichtjüdischen Gegner des Antisemitismus von der Schuld nicht freisprechen, daß sie in der Bekämpfung der Massendummheit Antisemitismus zu wenig leisten. Wohlgemerkt, ich möchte nicht mißverstanden werden: an eine restlose Ausrottung des Antisemitisrous in absehbarer Zeit, auch bei grundsätzlicher Aenderung der Gesellschaftsordnung, glaube ich nicht. Ziel der Abwehr und Aufklärung ist zunächst die Verhinderung der schlimmsten Auswüchse des Judenhasses und die. Informierung der vorurieilsfreiesten Geister unter den Nichtjuden. Es handelt sich darum, einen Modus vivendi zu finden, der einigermaßen erträglich ist. Im Staatsleben kann ein derartiger Zustand leichter herbeigeführt werden als im Leben des Alltags. Wenn *) Dieser Artikel wurde vor den Reichstagswahlen der ״W e 11 büh n e“ zur Veröffentlichung überreicht. Da sich der Abdruck verzögerte! sei der Aufsatz hier abgedruckt. Red.