Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 77-78 (1.10.1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 502 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 77/78, J. X. 1930 Sozialismus. Während des Kriege® habe er kaum davon geträumt, in einem deutschen Abgeordnetenhause auf einem Kon• grell für das arbeitende Erez-Israel zu sein. In seinem Kampf gegen den Krieg sali er auch im Gefängnis. Jetzt komme er aus Erez-Israel, wo er das jüdische Arbdterwerk gesehen habe. Er sah dieses Werk noch klarer, da es umgeben und eingerahmt ist von wüsten und verwahrlosten Ländereien. Man muß diejenigen arabischen Dörfer gesehen haben, die von jüdischen Siedlungen weit entfernt liegen und sie mit dem Fortschritt vergleichen, der im arabischen Dorf und in der Stadt zu bemerken ist, die nahe bei jüdischen Ansiedlungen gelegen sind. Erst dann kann inan die schöpferische Kraft und den Segen ermessen, den die jüdische Arbeiterkolonisation für das ganze Land bedeutet. Ebenso deprimierend wie der Anblick der Wüstenstrecke von Kantaro bis Rechowoth im Süden war, so erhebend war es nachher, die blühende Arbeit unserer Pioniere zu sehen. Wir sehen weite Landstrecken, entweder ganz wüst oder sehr arm, vielleicht schwer zu bearbeitende — wenn aber an Stelle der wandelnden Kamele Chaluzim dahin kommen, dann wird daraus ein Garten des Lebens und ein Zentrum der Arbeit. Der jüdische Arbeiter in Erez-Israel ist zwar ein einfacher Arbeiter, hier wie überall, und doch ist er in gewissem Sinne anders und anders ist auch seine Organisation. Was wir in Amerika unter großen Opfern und Anstrengungen in vielen Jahren geschaffen haben, ist wichtig für die jüdische Arbeiterbewegung der ganzen Welt. Hier aber habe ich zum erstenmal im Aufbau einer Arbeiterorganisation Planmäßigkeit und Zielbewußtsein gesehen. Nicht zufällig entstanden die Krankenkasse, die Kooperativen, die Kwuzah, die Gewerkschaft. Sie sind alle in einer Organisation zusammengeschlossen, die ein bestimmtes Ziel und einen bestimmten Plan hat. Die Führer dieser Organisationen üben sehr viel Selbstkritik, vielleicht zuviel. Sie sind immer unbefriedigt. Ich sehe den Fortschritt, s i e hingegen sehen, was zur Erreichung des Zieles noch fehlt und die unvermeidlichen Fehler im Bauen. Und dies nur darum, weil über allem der Wille herrscht, nicht für sich allein zu bauen, sondern Vorläufer zu sein für die Volksmassen, auf die inan sehnsüchtig wartet. Die Arbeiterinnen, die Sportler, die Arbeiter in privaten Kolonien, die Landwirtschaftliche Arbeitsgenossenschaft ״Jachin“, die Konsumgenossenschaft: das sind Anfänge von Arbeiteruntemehmungen in großem Ausmaße. Der Kindergarten und die Schule, die ständigen Referenten, das Arbeitertheater ״Ohel“ sind alle voll Geist und Schöpfersinn und viel kann man von ihnen lernen au?h für andere Länder. Ich hegte Befürchtungen wegen der Beziehungen zwischen Juden und Arabern, doch meine Befürchtungen waren unbegründet. Der große Wille nach Boden herrscht in allen Reihen und an allen Punkten jüdischer Arbeit. Verbrüderung ist ein Muß und sie wird sicherlich kommen, wenn das Heim des Arabers, seine Bildung und seine Bedürfnisse sich der steigenden Kultur anpassen. Ich sah den arabischen Arbeiterklub in Haifa vorläufig mit wenigen arabischen Mitgliedern, aber das ist ein ernster Beginn, der rechte Weg. Es gibt natürlich auch In Palästina, ebenso wie in anderen Ländern, keine Uebermenschen. Aber Erez-Israel und die Arbeiterorganisation haben es verstanden, aus dem einfachen jugendlichen jüdischen Arbeiter das Große, das Schöpferische und das Ungewöhnliche herauszuholen. Von diesem Kongreß muß der einmütige Ruf zum jüdischen Arbeiter und zu der ganzen Welt ergehen, der der Welt künden soll, daß die Sache des arbeitenden Erez-Israel ein großes Ziel und ein großes Werk ist, das unser Volk und andere Völker zu ihrem Frieden und Fortschritt brauchen. (Stürmischer Beifall.) Während seiner Rede war Shipliakoff gezwungen, mehreremal A«f Zwischenrufe der Linken Poale Zion mit scharfem Witz za antworten, was einen große« Tumult Im Saal hervor* rief. Die Aufrichtigkeit und der Ernst seiner Rede übte auf alle Kongreßteilnehmer stärksten Eindruck aus. Die Sonntag-Vormittag-Sitzung. Am Vormittag des 28. September wurden die Beratungen des Kongresses im großen Saale des Berliner Logenhauses bei stärkster Teilnahme von Delegierten und Gästen fortgesetzt. Es fiel auf, daß die Fraktion der Linken Poale Zion fehlte. Die Delegierten dieser Fraktion waren durch eine Verfiigimg des durch die Leitung der Histadruth repräsentierten provisorischen Kongreßpräsidiums bis auf weiteres von der Teilnahme am Kongreß ausgeschlossen. Das Kongreßpräsidium hatte als Bedingung für deren weitere Teilnahme von der Fraktion eine schriftliche Erklärung verlangt, daß sie fernerhin auf jede Obstruktion verzichten werde. Die Abgäbe dieser Erklärung war aber verweigert worden. Beil Gur io« eröffnete die Sitzung. Auf Vorschlag Eiieser Kaplans wurden in das Kongreßpräsidium gewählt: Ben Gurion, Sprinzak und Kaplansky für die Hitachduth, Shipliakoff und Shiosberg für die amerikanischen Arbeiter, ferner Fritz Naphtali (Deutschland) und Ingenieur Reis (Polen). Den abwesenden Linken Poale Zion wurde ein Sitz im Präsidium reserviert. Es folgte eine Begrüßungsansprache Ernst Toliers, welcher den Kongreß aufforderte, sich durch das Schreiben der Labour-Partv nicht täuschen zu lassen. Die wahre Gesinnung der englischen Regierung zeige sich in der Einstellung der jüdischen Immigration. Eingekeilt zwischen arabischem Nationalismus und englischem Imperialismus könne die jüdische Arbeiterschaft ihr Heil nur von einer wirklichen Bindung mit der arabischen Arbeiterschaft erwarten. Die Welle des Nationalismus, die über Europa und auch über Palästina hinziehe, sei eine Erscheinung der Euphorie, das letzte Erwachen der Lebenskräfte vor dem Tode. Die jüdischen Arbeiter mögen sich nicht durch nationalistische Tendenzen zu einer chauvinistischen Haltung verleiten lassen. Ben Gurion erwiderte, es gäbe nicht nur einen englischen, sondern auch einen russischen, französischen und leider auch arabischen Imperialismus. Palästina sei eines der wenigen Länder, in den die von Toller geforderte Einheitsfront bestehe. Arthur Ruppin erstattet sein Referat über ״Die soziale Struktur des jüdischen Volkes“. Er führte aus: Zur Zeit der Zerstörung des jüdischen Reiches gab es in Palästina eine Million, in den Nachbarländern 3'/2 Millionen Juden. Die Juden umfaßten ein Zwölftel der Bevölkerung des römisehen Weltreiches. Später verringerte sich ihre Zahl durch die mittelalterlichen Verfolgungen, Wanderungen und Kon- Zentrierung in Städten mit ungünstigen sanitären Verhältnissen; im 17. Jahrhundert gab es nur anderthalb Millionen Juden. Eine neue Epoche beginnt mit der französischen Revolution. Durch Besserung der sanitären Verhältnisse in den Städten steigt die Zahl der Juden. Ende des 18. Jahrhunderts gibt es 2«/a Millionen Juden, davon 1 Million orientalische und U/2 Millionen europäische, von denen 11/4 Millionen in Polen wohnen. Während die orientalischen Juden sich bis heute kaum Vermehrt und ihr kulturelles Niveau nicht gehoben haben, sind die Juden Osteuropas auf 15 Millionen angewachsen, von denen 5 Millionen nach Amerika auswanderten. Sie sind durch eigene Sprache, Religion, Tradition, Tracht und spezifische Berufe deutlich als ethnische Einheit gegen ihre Umgebung abgegrenzt. Die französische Revolution brachte den Juden Frankreichs individuelle GIdchberechtigung, erkannte aber nicht das jüdische Volk als eigene Gruppe an, weil die sephardischen Juden Frankreichs assimiliert und die Ostjuden fast völlig unbekannt waren. Für die Ostjuden dauerte das Mittelalter bis zum Ende des Zarismus, Seit '1870 tritt In Mitteleuropa (®eit dem Kriege auch' in Osteuropa) eine rückläufige Bewegung der jüdischen Vermehrung ein, die nur durch Zuzug aus dem Osten einigermaßen kompensiert wird. Die heutigen Juden Westeuropas sind zum großen Teil Nachkommen eingewanderter Ostjuden. Die starke Vermehrung der Juden im Osten führt zu ihrer wirtschaftlichen Entwurzelung. Teilweise wandern sie aus, teil* weise führen sie das unsichere L.eben von Luftmenschen. Die neueste Entwicklung entzieht ihnen den Boden ihrer traditionellen wirtschaftlichen Betätigung, besonders in Sowjetrußiand. Obwohl die Regierung dieses Landes den Juden grundsätzlich wohlgesinnt ist, wirken sich die neuen Wirtschäftemaßnahmen gerade für die jüdische Bevölkerungsschicht katastrophal aus. Die Vernichtung ihrer bisherigen Existenzbasis vollzieht sich viel rascher, als die Ueberführung in neue Berufszweige möglich ist. Ein Ausweg aus dieser Situation wäre nur denkbar durch eine umfassende Industrialisierung Polens oder die Aufschließung neuer Immigrationsländer. Infolge der Einwanderungsbeschränkungen ist die überseeische Auswanderung von Juden, die vor dem Kriege mehr als 100000 jährlich umfaßte, heute auf 40000 gesunken und sinkt weiter. Die Ausgewanderten können nur zum Teil Ihre ethnische Eigenart beibehalten. Das Resultat ist Zerfall der ethnischen Einheit und ein Hinüberwecbseln zu anderen Völkern. Hierbei sind drei Stadien zu unterscheiden: 1. Der Zustand fast völliger Einordnung in Leben und Kultur der umgebenden Bevölkerung (Südamerika, Italien, Ungarn); 2. labiles Gleichgewicht zwischen Zugehörigkeitsgefühl zum jüdischen und zum umgebenden Volk (Deutschland, England, Frankreich); 3. Ueberwiegen des jüdischen Zusammengehörigkeitsgefühls (Osteuropa). Vermutlich wird aber in Osteuropa dieselbe Entwicklung vor sich' gehen wie ln Westeuropa. Die Konzentrierung in Palästina erscheint demnach als das einzige Mittei zur Erhaltung des jüdischen Volkstums, weit dort 1. die Möglichkeit besteht, einen größeren Prozentsatz der Bevölkerung zu bilden als anderswo, 2. weil durch das Aufleben der der arabischen Landessprache nahen hebräischen Sprache ein Instrument zur Fortentwicklung der jüdischen Kultur gegeben Ist und 3. weil die Juden durch Zugang zu sämtlichen Berufen, auch zur Urproduktion, die Möglichkeit haben, einen geschlossenen Wirtschaftskörper zu bilden. Dieses Zentrum wird auch das Judentum in der Diaspora stärken und vor weiterem Verfall schützen. Es wird nur einen Teil des gesamten jüdischen Volkes umfassen, da selbst die Ansiedlung von nur einer Mil- Hon Juden in Palästina mindestens noch 20 Jahre erfordert In Palästina Wird ein geistiges Zentrum im Sinne Achad Haams entstehen, welches *aber nicht bloß aus einer Reihe von Kultur- Institutionen, sondern aus einem geschlossenen jüdischen Oemeinwesen bestehen wird. Dieses wird imstande sein, autochthone geistige Werte hervorzubringen. Abramowitsch-Cheifetz brachte den seiner Meinung nach unerhörten Vorgang zur Sprache, daß eine Fraktion von 30 Mann ohne Wissen und Billigung des Kongresses durch das Präsidium ausgeschlossen worden sei. Dies sei nicht einmal in einem bürgerlichen Parlament möglich. Die Disziplinierung der Linken Poale Zion möge dem Plenum zur Ueberprüfung vorgelegt werden. Ben Gurion erklärte, daß vor erfolgter Konstituierung des Kongresses die Histadruth als die Einberuferin die Verantwortung für die Aufrechterhaltung der Ordnung allein tragen und daher diese Verfügung provisorisch treffen mußte. Im Organisationskomitee sei seinerzeit beschlossen worden, die Verhandlungen auf der Basis gegenseitiger Achtung und Toleranz zu führen. Diese Basis sei von den Linken Poale Zion verlassen worden. Nach Schluß der Sitzung werde der Kongreß Gelegenheit haben, über den Fall zu entscheiden» Kaplansky begrüßte die beigischen Sozialistenführer, den früheren Minister Camille Huysmans und den Abgeordneten Louis Pierard, sowie den Vertreter des Internationalen Arbeitsamtes Goudaf. Huysmans hielt, lebhaft akklamiert, eine Begrüßungsansprache und führte aus: Als Sekretär der Zweiten Internationale bin ich seinerzeit gegen den Willen der Vertreter der großen Nationen für die Aufnahme der Poale Zion in die Zweite Internationale eingetreten, weil wir Vertreter kleiner und unterdrückter Nationen den Aufbau Palästinas niemals für eine Utopie und die Unterstützung dieses Werkes niemals für unmarxistisch gehalten haben. Auch in Belgien gibt es zwei Nationen. In diesem Sinne ist mein anwesender wallonischer Genösse Pierard der ״unterdrückende Araber“ und ich selbst bin der unterdrückte ״arme Jud“! Wie es aber Viamen und Wallonen gelungen ist, sich im Zeichen des Sozialismus zu verbinden, so wird es hoffentlich auch bei Arabern und Juden der Fall sein. Ich hoffe aut die verständnisvolle Unterstützung des Palästina-Aufbaus durch alle sozialdemokratischen Parteien zum Heil des jüdischen Volkes und der Sozialdemokratie. Louis Pierard, Mitglied des vor zwei Jahren in Brüssel begründeten sozialistischen Komitees für Palästina, erstattete ein Referat über ״Völkerbund und Pa- I ä st i n a-M an d a t“. Seine Sympathien für den Zionismus datieren seit einer Orientreise, die ihn zufällig auch nach Palästina führte. Für die traurigen Ereignisse in Palästina sei die Arbeiterregierung MacDonald nicht verantwortlich zu machen; diese Ereignisse seien die Fo|Je eines Doppelspiels Englands während des Krieges. Die beiden Teile des Mandats seien miteinander gut vereinbar. Es müsse auf England ein Druck ausgeübt werden, daß es die Bestimmungen des Mandates besser anwende als bisher. Daß die Mandatskommission anläßlich der letzten Beratungen in Genf in so entschiedener Weise an dem Vorgehen der palästinensischen Behörden Kritik geübt hat, sei zu begrüßen, doch müsse der Völkerbund auch in Zukunft die Ausführung des Mandats überwachen, wie es ihm als einer der Mandatarmacht übergeordneten Instanz zukomme. Die Sonntag-Nachmittag-Sitzung. Während der Mittagspause wurden Verhandlungen mit der ausgeschlossenen Opposition geführt, welche zur Beilegung der Differenzen führten. In einer Pressekonferenz legten die Führer der Linken Poale Zion die Gründe ihres Verhaltens dar. Bei Eröffnung der Nachmittagssitzung verlas der Vorsitzende Ben G u r i o n nachstehende Erklärung: Die Genossen Oskar Cohn und Ernst Toller sind im Aufträge der Fraktion Linke Poale Zion bei mir erschienen und haben in ihrem Namen erklärt, daß diese Fraktion bereit sei, sachlich an den Beratungen des Kongresses auf der Basis ihres Programms teilzunehmen. Das Präsidium hat diese Erklärung mit Befriedigung zur Kenntnis genommen. Damit Ist diese Angelegenheit erledigt. In das Präsidium wurde Scrubowel als Vertreter der Linken Poale Zion kooptiert. Nach Ansprachen der Ameri* kaner Finestone und Shiosberg — der letztere trat für eine Ueberwindung der Parteigegensätze und Schaffung einer geschlossenen Arbeiterfront für Palästina ein — überbrachte Goudal die Grüße des Internationalen Arbeitsamtes und die persönlichen Grüße von Albert Thomas. Wenn einerseits das Arbeitsamt von Palästina als einem Gebiet neuer sozialer Erkenntnisse, hervorgehend aus dem einzigartigen Zusammenleben von zwei Völkern mit verschiedenen Entwicklungsstufen, lernen könne, so sei andererseits auch eine Tätigkeit des Internationalen Arbeitsamtes für Palästina notwendig. Das Arbeitsamt, welches in der Mandatskommission repräsentiert ist, bringt dort die Fragen der Sozialversicherung, der Arbeitszeit, der Kinderarbeit und alle übrigen sozialpolitischen Fragen zur Sprache und konnte bereits im Jahre 1920 soziale Maßnahmen der Mandatsregierung veranlassen. In dieser Richtung wird das Arbeitsamt auch in Zukunft tätig sein und so für ruhige Entwicklung der jüdischen Arbeit Sorge tragen. Fritz Naphtali verlas ein Schreiben des preußisehen Staatsministers für Handel und Oewerbe, der für die Einladung zum Kongreß dankt und ausführt: ״Den Arbeiten des Kongresses wünsche ich bestes Gelingen und hoffe, daß seine Beratungen zur Förderung der hohen sozialen und kulturellen Aufgaben beitragen werden, die sich die jüdische Arbeiterbewegung in Palästina zum Ziele gesetzt hat.“ Es wurde auch ein Begrüßungsschreiben des preußischen Kultusministeriums verlesen. Als letzter Redner sprach M. Erem über das jüdische Wanderungsproblem. Bevor er auf sein Thema einging, protestierte er namens der Linken Poale Zion gegen den Aus- Schluß der Fraktion am Vormittag, erklärte, die Demonstration für jiddisch am Vortage sei nicht gegen die hebräische Sprache, sondernt gegen die Zurücksetzung des Jiddischen, der Sprache der jüdischen Arbeitermassen, gerichtet gewesen. Auf Grund ihres Programme8, das jede Kooperation mit der Bourgeoisie ablehnt, sei die Linke Poale Zion zur Stellungnahme gegen Sokolow genötigt gewesen. , In seinem Vortrag legte Erem die Nöte der jüdischen Emigranten infolge Anwachsens des Auswanderungsbedürfnisses einerseits und der verminderten Aufnahmefähigkeit der Immigrationsländer andererseits dar. Palästina wird zum Ziel der jüdischen Einwanderung nicht aus romantisch-ideologischen, sondern aus rein ökonomischen Gründen. Jüdische Masseneinwanderung sei nur auf politischem Wege möglich: Erstens durch Kampf gegen die imperialistische Okkupationsmacht, für die Palästina nur strategische Bedeutung hat, die die jüdische Einwanderung beschränkt und Araber und Juden gegeneinander ausspielt. Zweitens durch Spaltung des unter der Führung der arabischen Großgrundbesitzer stehenden arabischen Bevölkcrungssektors. Man müsse an der Seite des arabischen Proletariats den Kampf gegen den arabischen Feudalismus führen und eine sozialistische Bodenreform zugunsten der Fellachen anstreben. Drittens durch Aufgabe der Koalition mit dem jüdischen Bürgertum und Schaffung einer einheitlichen jüdischarabischen Klassenkampffront in Palästina. * Am Montag, dem 29. September, vormittags, referierte Saiman Rubaschow über die jüdische Arbeiterbewegung und Berl Katznelson über das jüdische Arbeiterwerk. Am Nachmittag sprach Sprinzak über zionistische Bewegung und jüdische Arbeiterschaft. Colonel Cedi Maione, Mitglied des englischen Unterhauses, überbrachte die Grüße der englischen Arbeiterschaft. Hierauf referierte Kaplansky über die Aufnahmefähigkeit Palästinas. Ueber die Montagsverhandlungen und den Schluß des Kongresses werden wir noch ausführlich berichten. In das Präsidium des Kongresses wurden noch hinzugewählt: Tartakower (Hitachduth) und Jaari (Haschomer Hazair). * Anläßlich des Kongresses für das arbdtende Palästina fand am 29. September in den Spichernsäien eine Kundgebung statt, welche einen ausgezeichneten Verlauf nahm. Nach Gesängen eines jugendlichen Chors begrüßte Kaplansky die Erschie- »•״* AIS enter Redner sprach der Belgier. Bier «1r4 ,per*, äui überwachte Miss tla Malohe die OrüBe der Lahouf* Party. Namens der französischen Sozialdemokratie sprach Jean L o n g u e t. Für die poale-zionistische Frauenorganisation Amerikas sprach Miss Lea Brown. Für die amerikanischen Arbeiter sprach Shipliakoff. Nach weiteren Ansprachen von Latzky-B ertholdi, Riga, und Sprinzak fand die eindrucksvolle Kundgebung ihr Ende. Der Klagemauer-Konflikt Jerusalem, 25. September. (J.T.A.) Ueber den Stand der von der Regierung angeregten Verhandlungen zwischen Arabern und Juden in der Klagemauerfrage, in denen Ober- Staatsanwalt Norman B ent wich eine bedeutsame Rolle spielt, wird der JTA. mitgeteilt: Der Großmufti hat sich bereit erklärt, das Recht der Juden, zur Klagemauer einzeln oder in Gruppen zu pilgern und dort Gebete zu verrichten, formell anzuerkennen, wenn die Vertreter der Juden eine Erklärung unterzeichnen, wonach sie sich aller Eigentumsansprüche an der Mauer begeben und ihre Forderung, regelrechte Gottesdienste mit allem Zubehör abzuhalten, fallen ließen. Beide Parteien müßten sich verpflichten, den Platz vor der Mauer rein zu halten, die Moslems außerdem, die jüdischen Beter nicht zu stören, die Juden, den mohammedanischen Gottesdienst im Gebiete der Omarmoschee zu respektieren. Das Haupthindernis der endgültigen Einigung, auf deren Zustandekommen die Regierung größten Wert legt, ist die Weigerung der Moslems, den geregelten jüdischen Gottesdienst zuzulassen, wobei sich die Mohammedaner auf das Schariah-Gesetz berufen, welches den Gottesdienst Andersgläubiger auf Wakfboden und heiligen Stätten verbietet. Für den Fall eines Vergleichs in der Klagemauerfrage wird die Regierung Maßnahmen treffen, um den Juden den ungehinderten Zugang zur Klagemauer zu sichern. Es ist jedoch unwahrscheinlich, daß sie in der Lage sein wird, den Juden über die arabischen Zugeständnisse hinaus Freiheiten zu sichern, auch wenn die Klagemauerkommission die Berechtigung dahingehender Ansprüche anerkennen sollte. Rosch Haschanah In Jerusalem Jerusalem, 25. September. (J.T.A.) Die Rosch Haschanah-Tage sind in Jerusalem ohne wesentliche Störungen vorübergegangen. Juden aus dem ganzen Lande waren zur Klagemauer gepilgert und besuchten die große Synagoge in der Altstadt. Dieser gewaltige Zustrom von Menschen bewirkte eine noch stärkere UeberfüIIung der Synagogen als in früheren Jahren. An der Klagemauer wurde fast ununterbrochen Gottesdienst abgehalten. Das von Rabbi Sonnenfefd geleitete Maarew-Gebet war von überlautem Gesang einer kleinen Gruppe von Betern 1'n der Zawieh- Moschee begleitet. Das Verbot des Schofarblasens an der Klagemauer nötigte die dort Betenden, zum Mussaf die ständigen Synagogen aufzusuchen. Während des Maarew-Gebetes an der Klagemauer wurden zwei Steine unter die Versammelten geschleudert, glücklicherweise ohne jemand zu treffen. Es gelang den Polizeipatrouillen, welche die Zugänge zum Platz vor der Klagemauer bewachten, nicht, der Täter habhaft zu werden. — Am Abend des zweiten Festtages waren die Straßen Jerusalems durch zahlreiche jüdische Spaziergänger belebt, die Filmtheater wiesen nach' der zweitägigen Spielpause einen Rekordbesuch auf.