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Jüdische Rundschau · 1930-09-19 · Heft 74-75 (19.9.1930) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 74-75 (19.9.1930)
Date
1930-09-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 488 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 74/75, 10. IX. 1030 י"....?•''יי•. ־ ־ .־ mit den besten deutschen Schauspielern gesehen hat? Das ist ein Wagnis! Und du weißt und fühlst: Du bist mitverantwortlieh! Nicht die Habima, ihre Schauspieler und ihr Erfolg stellen hier zur Beurteilung des breiten Publikums, du stehst mit ihnen in gleicher Front. Du und ganz Frez-Isracl. Und trotzdem, wenn du erst das Bidet in der Hand hältst und vor dem Theater stehst, wenn du Zeuge bist, daß alle hebräisdi Sprechenden dem Ruf Folge geleistet haben, da fühlst du: Heute ist ein Test für uns hier in Berlin, ein Fest der hebräischen Renaissance! Das Herz wird weit und du bist schon kein einfacher Zuschauer mehr im Saal — Die Kritiker mögen jede Linie, jede Bewegung beurteilen. Mögen sie sagen, was zu sagen nötig ist. Die Fehler tadeln, das Schöne loben, Gericht halten. Und ich? Ich fange so an: Donnernder Applaus und Händeklatschen, das sich mit dem Oe- Dichter und dem drolligen Spie! der Schauspieler vermischte; Bravorufen dem wunderbaren Spiel der ״Maria״ (N. Winiar); der Widerhall des bezaubernden, echten Kinderlachens von Messkin, dem ,,Ritter“; die Klänge einer Musik, die uns an das Spiel auf der Bühne fesselt; all das erfüllt uns mit großem Stolz. Man muß Tschemerinsky gesehen haben, ihn, den ...Maharal“ im ״Golem“, wie er jetzt in seinem absonderlichen Kostüm als tragikomischer Diener für Ordnung und Zucht im Hause seiner Herrin sorgt; wenn man dieses Singen, Lachen und die Komik der Gebärden sieht und hört, dann weiß man, was ,,spielen“ heißt und man weiß: Der E rn e k wird Tränen lachen; toben und lachen werden alle B e w o h - ner, das ganze Land wird vor Freude jubeln. Man sieht schon die Tausende, die zu Fuß lind zu Pferd, in Wagen und Autos von allen Kolonien herbeiströmen und lachen werden. Sie laclien und spielen mit, begleiten das Lied der Zecher und stimmen in das Gejohle der Rüpel ein. Man fühlt: hier im Theater ist doch trotz allen Gelächters und aller Freude nur ein geschlossener Raum. Dort, dort wird der ganze Emek lachen, Alt und Jung, dort wird das Gelächter bis ins Haus und in die Küche, bis in den Stall und die Molkerei dringen und weiter, in die Weinberge und Felder. Wer die Zuschauer sah und ihre strahlenden Gesichter, die lebendige lachende Kette der Schauspieler bei der Hochzeit am Schluß, die Hände verschlungen, die flammenden Gesichter dem Publikum zugewandt, wer das Glück hatte, den Schau- Spielern nach der Vorstellung die Hand zu'schütteln lind sie fragen hörte: Was wird Palästina dazu sagen?, der muß darüber nach Erez-Israel berichten. Man ist allen dankbar, die dieses Wagnis unternommen haben und alle Schwierigkeiten überwältigten. Und wieder wissen es alle und bald wird es ganz Europa wissen: Die Habima ist den anderen großen Theatern gleich, ihre Schau- Spieler sind große Künstler. Chaim Nadiman Bialik in Berlin Wie bekannt, hat sich Bialik vor acht Jahren in Palästina niedergelassen. Bialik ist der jüdischen Welt wohl als Dichter bekannt, es dürfte jedoch interessieren, daß er nicht nur Dichter, sondern auch einer der eifrigsten und tüchtigsten Förderer des jüdischen Verlagswesens ist. Als Gründer des Dwir-Verlages, dessen Aufgabe vorzugsweise darin besteht, die wissenschaftliche klassische Literatur der Vergangenheit dem jüdischen Publikum der Gegenwart zugänglich zu machen, hat er reiche Erfahrungen auf dem Verlagsgebiet gesammelt und fördert seit seiner Niederlassung die Entfaltung der gesamten jüdischen Literatur in Palästina. Es ist nicht übertrieben, wenn man behauptet, daß es vorzugsweise der zentralen Persönlichkeit Bialiks zuzuschreiben ist, daß gerade in den letzten Jahren in Palästina quantitativ und qualitativ auf allen Gebieten der Literatur mehr und Besseres geleistet wird als im gesamten Galuth. In Palästina erscheinen zurzeit eine ganze Anzahl von hebräischen Tageszeitungen, Wochen- Schriften und Fachzeitschriften wissenschaftlicher, literarischer und wirtschaftspolitischer Art. Dank der Initiative Bialiks organisierten sich die geistigen Arbeiter der jüdischen Literatur in Palästina zu einem selbständigen Verband: ״Agudath Hasofrim b’Erez Israel“, dessen Organ die Wochenschrift ״Mosnaim“ ist, wogegen sich die nichtorganisierten Schriftsteiler um ״Ketubim“ gruppieren, die von A. Steinmann und Schlonski ediert werden. Diese Schriftsteller-Organisation bcschränkt sich keineswegs auf ihre Tätigkeit in Palästina, vielmehr sorgt Bialik auch dafür, daß in der Diaspora Zweigstellen errichtet werden, die in engem Kontakt mit der Zentrale in Palästina stehen. So benützte er seinen vorjährigen Aufenthalt in Berlin dazu, die hier weilenden hebräischen Schriftsteller in einer Organisation zusammenzufassen. Gleich darauf wurde eine ähnliche Zweigstelle in Polen gegründet, die, ebenso wie die Palästina-Zentrale, aut dem letzten Weltkongreß des Penclubs in Warschau vertreten war. Bialik befaßt sich nach wie vor mit den Editionen der mittelalterlichen wissenschaftlichen Literatur und Poesie. Außer den bereits herausgegebenen Werken Gabirols und dem 1. Bande Ibn Esra soll demnächst seine ganz neue Diwan- Edition des Samuel ha Nagid erscheinen. Bialik befaßt sich außerdem noch in letzter Zeit besonders mit der Neubear- Leitung der von ihm vor etwa 25 Jahren herausgegebenen und in 20 Auflagen erschienenen jüdischen Legenden, die er u. a. auch durch Punktierung zu popularisieren und Uterarisch zugänglicher zu machen sucht. Wenn man im Osten nur die Kunde vernimmt, daß Bialik nach Europa reist, kommen Einladungen aus allen Ländern, in denen Juden in kompakten Massen leben, Bialik möge eine Vortragstournee machen. Da ihm sein Gesundheitszustand die anstrengenden Reisen nach dem Osten nicht gestatten, ist er wider Willen gezwungen, die Einladungen abzulehnen. Selbst der dringenden Einladung der Warschauer Organisaiton der hebräischen Schriftsteller konnte er nicht folgen, stellte aber seine Reise für das kommende Jahr in Aussicht. Nur dein litauischen Tarbuth ist es gelungen, Bialik zu einem Vortrag nach K owno zu veranlassen. Die jüdischen Tages- Zeitungen haben bereits viel über den imposanten Empfang Bialiks in Litauen berichtet. Bialik selbst ist von der jüdisehen Kultur in Litauen sehr begeistert. Er war stets der Ansicht gewesen, daß eine echte jüdische Erziehung nur in Palästina gedeihen könne. Er konnte sich aber während seines kurzen Aufenthaltes in Litauen davon überzeugen, daß etwa 85 °n der jüdischen Kinder in Litauen in hebräischen Schulen erzogen werden, und daß ein hebräisches Schulwesen im Galuth möglich ist. Bialik unterstreicht besonders, daß das Erziehungswerk in Litauen kein trügerisches Bild gewährt, weil die ganze Arbeit nicht sentimental, sondern rational, wie es die litauischen Juden sind, getan wird, und daß Litauen, das von jeher Westeuropa und Amerika mit rabbinischeu Autoritäten versehen hat, seiner Ansicht nach — außer Palästina — das beste hebräische Zentrum im Galuth ist. Bialiks vornehmste Aufgabe besteht darin, das u. a. von seinem Vorgänger AchadJfaam ersehnte geistige Zentrum in Zion zu'schaffen, von wo Licht in die gesamte Diaspora ausgehen soll. Bekanntlich zählt Bialik, wenn er auch hebräischer Dichter ist, keineswegs zu den Bekämpfen! des Jiddischen. Dieses Problem des Zweisprachensystems bei den Juden beschäftigt letztens den Dichter außerordentlich. Er will daher zu diesem nicht gelösten Problem öffentlich Stellung nehmen und wird aus diesem Grunde, um auch dem nichtheß; :ischen Publikum zugänglich zu sein, in diesen Tagen in Berlin einen Vortrag in jiddischer Sprache halten, Lebendiges Erez-Israel Ever Haddanl ״Die Holzbaracke“. Verlag Mizpah, Palästina 1930. Avraham WIsotzki ״Grüne Flamme“. Verlag Tarbuth, Jerosalem. Nechama Puchatzewski ״Im Dorfe und an der Arbeit“. Verlag Hedim, Tel-Awiw 1930. Izchak Lamdan ״Im Dreigespann“. Sztybelvcrlag, Berlin— Tel-Awiw 1930. Wie lange ist es her? War es nicht erst gestern? Und schon dieser Weg vom Erleben zur Gestaltung? Hat man uns nicht gelehrt, daß ein Erlebnis erst aus der Perspektive heraus künstlerisch gestaltet werden kann? Oder sollte man diese dichterische Fruchtlese mehr vom menschlichen, denn vom künstlerischen Gesichtspunkt werten? Aber aus beiden zugleich erreicht sie uns doch, beides hält uns sein ehrliches, lebendiges Gesicht entgegen, beides packt uns bis an die Wurzel: Mensch und Dichtung. Oder sollten wir es hier mit dem großen Mysterium zu tun haben, wenn sich ein schöpferischer Mensch in seinem Werk auflöst, mit diesem eins wird? Vielleicht. Doch am wundervollsten mutet es uns an, daß diese jungen Dichter Palästinas, die uns das Lebendigste vor unsere Seele führen, im Schatten bleiben. Im Schatten ihres Werkes, ihrer Idee. Nicht sich selbst, nicht ihr Können, nicht ihren dichterischen Genius wollen sie zur Schau stellen. Nein, die Person, das Ich treten nicht in den Vordergrund, sie wollen nicht da sein. Das Werk, nicht das geschriebene, nicht das künstlerisch geschliffene, sondern das nackte, ewige, visionäre und wirklichkeitsharte zugleich soll zu Worte kommen. Dieses Werk, von dem auch der Alltag Wunder schenkt. Im Namen dieses Werkes und in seinem Schatten sprechen sie zu uns. Pseudonym und namenlos bleiben diese Dichter. Unsere unbekannten Soldaten sind es, im Kampfe um eine harte, dürre Erde. Menschen sind es, deren Gestalt trotz des Schattens, in den sie sich stellen, und deren Herz, von dem Grau des Alltags zermürbt, von leuchtender Gloriole eines kühnen Menschentraumes bestrahlt sind. Da ist ein Name, den man behalten wird: Ever Haddani. Ein Name? Nein, ein Pseudonym, hinter welchem sich ein starker, ein gequälter, ein liebender Mensch verbirgt. Sein Buch heißt schlicht: ״Die Holzbaracfce“. Was ist an diesem Buch, das uns so mächtig• packt? Ist es die rührende Bescheidenheit des Autors? Diese heilige Scheu vor dem Ins-Licht-GesteUtsein? Ist er doch immer darauf bedacht, sich selbst und die Helden seines Buches im Schatten zu verbergen, sie nur dann hervortreten zu lassen, wo es das Werk unbedingt erfordert Denn wahrhaftig, nicht Menschen sind die Helden dieses Werks. Nicht Menachem, nicht Mendele, nicht John, nicht Schmuei 'und nicht Rachele sind die Träger dieses Werkes am äußersten Rand des oberen Galiläa. Nicht die Personen sind wichtig und ihr Tun. Wichtig sind: die Baracke, die steinige Erde, der Traktor, der Regen, der Kuhstall, der Hühnerhof. Dies sind die Helden dieses Werkes. Und Menschen haben nur danach bewertet zu werden, wie sie sich mit diesen Helden auseinanderzusetzen verstehen. Es ist dies der Werdegang von Kefar Gileadi, des teuer erkämpften Vorpostens. Denn hier, In diesem Landstrich, spielte sich auch die heldenhafte Tragödie des Trumpeläor und seiner Kameraden ab. Geschiente, Annalen, schon jetzt, nach kaum zehnjährigem Bestehen? Sollte diese Epoche schon vorbei sein und der Historie angehören? Nur ein_Abschnitt ist es aus dem ewigen Wege des Menschen zu sich selbst, zum Gotte, der in ihm lebt. Geschildert wird hier, wie Fuge um Fuge befestigt, wie Stein um Stein gelegt wird zum Aufbau, dessen Vollendung von harten Gewittern noch umdüstert ist. Probleme werden gestreift, deren Lösung weit in der Zukunft liegen und vielleicht ewig bestehen bleiben. Mutterschaft und strengstes Gebot der Wirtschaftlichkeit, Trieb und Pflicht, Recht und Impuls, Sehnsucht und Wollen. Und dies alles nur hastig gestreift, leicht dahingehaucht, als schämte sich der Dichter vor der Nacktheit dieser Dinge. Schlicht und geradlinig sind die Menschen und ihr Tun, trotz Hunger, Tod und namenloser Zweifel gehorchen sie ihrem inneren Wollen, gehorchen sie den Geboten der Wirklichkeit. Wir werden, wir müssen dieses Buch lieben und uns das Pseudonym Ever Haddam merken. Aber auch zu denjenigen, die unserem Werk weniger nahestehen, dürfte das Buch sprechen können. Denn abseits von allem Subjektiven pulsiert darin das Menschliche und sein ewiger Trieb zum Schaffen. Ein Gegenstück zum erwähnten Buch könnte das Buch des Avraham Wisotzki ״Grüne Flamme“ sein. Ein Gegenstück, wenn es von seinem Verfasser ebenso ehrlich gemeint wäre. Aber es ist So grundverschieden von der ״Holzbaracke“. Verschieden, wie etwa das Alt-Heidelberg des Tonfilms von der Wirtschaftsnot des Akademikers verschieden ist. Allzuvieles möchte Wisotzki erfassen, alles in seine winzige Kamera hereinbekommen. Stadt und Dorf, Gestern, Heute, Morgen, Araber, Juden, doch sind seine Hände zu klein und seine Sicht zu kurz. Es genügt ihm nicht, Probleme aufzuwerfen, sie zu beleuchten, nein, er will sie auch lösen. Hedad, Tränendrüsen, Horah, Heldengesten, Edelmenscheit und — happy end. So wird Erez-Israel von vielen Touristen gesehen. Aber Wisotzki will kein Tourist sein. So hätte er denn die Dinge anders, tiefer, nüchterner sehen müssen. Oder schweigen, wie viele schweigen. Vor allem: er nimmt alles zu wichtig. Köstlich ist die ״Holzbaracke“, gerade weil sie alles so wenig wichtig nimmt, alle Erscheinungen des Heute. Dort ist alles nichtig und vergänglich angesichts des großen, des grausamen Werdens. Bei Wisotzki dagegen beansprucht jeder Seufzer eine Welterschütterung, jede Tat eine Heldenhymne, jede erhöhte Temperatur — ist Anklage. Und alle sind sie Helden. Ohne Schwächen, ohne Zweifel, ohne Tadel. Wen klagt er an? An wessen Gewissen appelliert er? Im Namen derjenigen, um die es geht, sicher nicht. Dort ist nicht das Wort Anklage, sondern die Tat. Die stille, die harte Tat, die man manchmal mit Freude, öfters aber mit zusammengebissenen Zähnen verrichtet. Die Tat wird getan, weil — ja, weil man nicht anders kann, weil man blutmäßig und urtümlich zu ihr getrieben wird. Und wir wissen zur Genüge, daß in Erez-Israel nicht immer Hedad! gerufen und Horah getanzt wird (wie etwa in Heidelberg nicht immer nur Degengeklirr und Burschenlieder erschallen). Das wissen alle, die im Werke drin sind, die ein Teilchen dieses Werkes and. Und diese schweigen. Schweigen auch dann, wenn sie wie die Schakale aufheulen möchten. Eine Größe liegt in diesem Schweigen. Denn die ״Grüne Flamme“ des Wisotzki wagt sich an die brennendsten Probleme heran: Stadt oder Dorf, Klassenkampf, Religion und Atheismus, Getreide oder Beton. Er hat Ansätze, manchmal spürt man den Schimmer eines Woliens. Und sein Buch wäre gelungen, wenn er bescheidener wäre, fragender, suchender. Aber er fragt nicht, sucht nicht, wähnt sich im Besitz einer glücklichen Hand, die nur ausgestreckt zu werden braucht, um den großen Wurf zu vollbringen. Er macht es sich leicht: dort, wo er auf ein schweres Problem stößt, läßt er eine Erleuchtung über seine Helden kommen: alle packen sic sich gegenseitig an den Schultern und tanzen Horah — nein, mit Horah ist noch kein Problem gelöst worden. Und gegen diese Art falschester Romantik ist anzukämpfen, es muß mit ihr aufgeräumt werden. Denn gerade diese Art Literatur ist — sowohl hebräisch als anderssprachig — sehr verbreitet. Sie täuscht eine Romantik dort vor, wo Schweigen heiligstes Gebot wäre, und der Tanz oft nichts anderes ist, als Mittel zur Unterdrückung eines ziemlich unromantischen Aufschreis. Eine falsche Münze ist diese Romantik und muß diejenigen, die die Wirklichkeit kennen und innerhalb derselben leben, wie Hohn anmuten. Nein, nicht alles löst sich irt Güte und Horah auf, und nicht alle» hat sein happy end. Und gerade hierin liegt die Größe derer, die dennoch weitergehen. In verzweifelter Schöpfung, in schöpferischer Verzweiflung ,weiter gehen. Auch sprachlich ist das Buch sehr zerfahren: Man spürt, daß es russisch gedacht und geschrieben und dann erst ins Hebräische übersetzt, und zwar sehr schlecht übersetzt worden ist. Nein, diese ״Grüne Flamme“ wärmt zwar zuweilen, aber sie leuchtet nicht. — — Frau Nechama Puchatzewski schenkt uns ein Buch: ״Im Dorfe und an der Arbeit“. Sie ist eine bekannte Veteranin des Aufbauwerkes. Mehrere Jahrzehnte lebt sie im Lande, hat all seine Phasen selbst — mit Leib und Seele — miterlebt. Was sie in ihrem Buche schildert, mutet uns wie der ungeträumte Traum eines ewigen Mädchens an. Zartes, suchendes, tragisches Frauentum rollen ihre Skizzen und Auf- Zeichnungen auf. Nicht klagend, nicht anklagend, nicht kriegerisch sind ihre Bilder. Sie sind wie die Tagebuchblätter einer zarten Mädchenseele. Niemals befriedigt, niemals gestillt, niemals senkt sich über sie die Gnade des Vergessens. Fragen, Fragen, nie zu beantwortende Fragen stellt sie, schweigt sie hin, wirft sie ins Licht des Alltags. Sie selbst war begütert, war eine ״baronische“ Kolonistin in Judäa, besaß Haus und Weinberg. Nur war es ihr Schicksal (und nicht das ihrige allein), immer wieder vor die stählerne Frage geschleudert zu werden: Ist es das, was ich gewollt und gesucht habe? Was bin ich hier, wer bin ich hier? Was schaffe ich? Ist dies der Weg der Erneuerung? Und immer muß sie der harten Antwort erliegen: Nein! Aber sie erliegt nicht, ergibt sich nicht. Sie sucht weiter. Sucht ihrem Herzen, ihrer Sehnsucht gerecht zu werden. Denn um nicht Geringeres geht es in diesen Aufzeichnungen, als um die kulturelle und soziale Erneuerung der Frau. Für sich selbst und ihresgleichen glaubt sie die Lösung gefunden zu haben. Denn die Kolonie befriedigt sie nicht, auch dort herrscht Handel mit Idealen, herrschen Kleinlichkeit und Egoismus. Und vor allem lebt die Frau auch dort das gleiche Leben, welches ihre Mütter im Galuth geführt haben: Küche, Tand, Eitelkeit, Klatsch und Mißgunst. So verläßt sie denn die Kolonie, verläßt ihr Hab und Gut und geht in die Kwuzah. Dort scheint alles Ersehnte in Erfüllung gegangen zu sein, dort kann sie — als Mensch und als Frau — frei aufatmen. Dort kann sie an der Verantwortung, an Freud und Leid der Gemeinschaft teilnehmen. Aber merkwürdig, auch dort versiegt die Quelle der Sehnsucht nicht. Auen dort muß noch an der Beziehung der Gemeinschaft zur Frau vieles geändert werden. Denn das endgültige Ziel *heißt: Befreiung und Gleichstellung der Frau. Mit Wille und Gewalt versucht sie ihr Frauliches zu unterdrücken, es auszumerzen, es In der Idee und deren Aufgaben ganz aufzulösen. Und dennoch sickert aus jeder Zeile, aus jedem Schweigen das herrlich Mädchenhafte durch, das reine, das sich aufopfernde Mädchen, Nicht immer wird das Opfer verstanden, nicht immer wird es angenommen, aber auch sie, sie kann nicht anders. Gegen Härtestes, Unbezwingbarstes stemmt sie ihre Kraft, ist ganz Wille, ganz Pflicht. Und doch überkommt es sie plötzlich, sie wird von längst unterdrückt und tot Gewähntem überrumpelt. Da ertappt sie sich dabei, wie sie ein Mädchenlied summt, oder wie ihr Blut in der Nähe des einst Geliebten aufwallt. Es sind dies nur kurze Augenblicke, ein kaum merkbares Aufblitzen, aber gerade dieses so scheu Verborgene, das instinktiv aufleuchtet, macht dieses Buch so wertvoll. Denn trotz ihres durchfurchten Gesichts, trotz der Grausamkeit ihrer vielen Tage, lebt das Unberührte in ihr, trotz der grauen Haare weht das Mädchenhafte aus ihr uns an. Nein, Nechama Puchatzewski klagt nicht an, sie lebt, sie wirkt. Sie lebt ihren Traum und träumt ihr Leben. Sie webt ihr eigenes Leben, ihre eigene Sehnsucht ein in dieses zähe, wunderbare Gewebe einer neuen Gemeinschaft. Und wenn du d״s Buch gelesen hast, spürst du den Drang, still vor diese Frau hinzutreten, dich tief vor ihr zu beugen und und ihr die Hand zu küssen. Was ward aus Izchak Lamdau? Durch welche Abgründe muß er gewandert sein, um dahin zu gelangen, wo er heute — in seinem Buche ״Im Dreigespann“ — steht? Hat er nicht noch vor kurzem ״Ma§6adah“ geschrieben? Diesen heroischen Aufschrei eines nicht sterben wollenden Stammes? Sind dies nun seine Melodien? Ist es nicht für den Dichter ein Zeichen von schweren Wegeta, wenn er sich so inbrünstig zu Gott flüchtet und zum Gebetmantel seines Ahnen? Wo ist die Quelle seiner Bitterkeit, was muß er gelitten haben, um dieses Gift auszischen zu können: Nicht Priester, noch Prophet kann hier retten, Ohne Schwert wird jeder Messias und Erlöser Hier geschlachtet. Nicht mit Steinen — mit Witzen gesteinigt Wird jeder Seher. Und käme ein Gott hierher — Es wäre um seine Seele geschehen. Dies sein Lied. Mitten zwischen zwei mächtigen Wogen — dem Gestern und dem Morgen — steht er auf wackligem, schmalem Steg des Heute. Jeremias aus Anathot ist ihm Bruder, Klagelieder sind seine Weisen, aber er verzweifelt nicht. Glaubt an die Tradition, glaubt an die alte, ihm ins Blut gegangene Gottheit, glaubt, daß ihr auch dort ein Tempel errichtet werden wird, und se ies nur ein rohes, windiges Zelt. Auch in seinem Jammer ist er uns nah, dieser große Dichter. Niemand wie er weiß um die Schönheit der scnwieligen Hände, niemand wie er weiß um die wilde Schönheit des einst Zerstörten und des Neuerrichteten. Für das Unsagbare, für das Erschmerzteste findet er Töne, er allein. Nein, er verzweifelt nicht. Denn auch er, wie wir alle, weiß, daß es einen anderen Weg nicht gibt. Daß dieser gegangen werden muß, trotz allem gegangen werden wird. Doch manchmal, mitten aus einem Aufschrei, wird sein Auge von einer Farbe gefesselt, von einem Ton in der Landschaft. Und diesem gibt er sich hin, wie man sein müdes Haupt in den Schoß einer allbarmherzigen Mutter drückt. Niemand wie er weiß um die Schönheit der verworfensten Winkel des Landes, um das stille, krampfhafte Werden von Mensch und Natur. Ob es nur eine vorübergehende Phase ist? Ob Lamdan zur ״Massadah“ noch zurückfinden wird? Dunkel sind die Wege der Menschen aut jener Landfläche, viel dunkler noch die Wege ihrer Gestalter. E. L u b r a n y. Feuer aus den Kesseln. Historisches Schauspiel von Ernst Toller, Theater am Schiffbauerdamm. In diesem historischen Schauspiel setzt Ernst Toller seinen fanatischen Kampf für Aufklärung und Gerechtigkeit fort. Das Werk ist mehr als eine künstlerische Photographie wahrer Begebenheiten. Es ist ein Gemälde, von einem großen Könner entworfen, das sich mit hoher Kunst an das Leben anlehnt. Die Wirkung der Aufführung ist durchschlagend. Autor, Regie und Darsteller sind an dem starken Erfolge in gleicher Weise beteiligt. Tollers Kampf für Wahrheit und Recht kann nicht nur als Ausfluß seines immanenten Judentums angesehen werden. Die Intensität jedoch, mit der er den Kampf führt, ist urjüdisch. m. b.

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