Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 74-75 (19.9.1930)
- Date
- 1930-09-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 74/75, 19. IX. 1930 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 487 Literatur ״Blatt Simon Dubnow Zu seinem 70. Geburtstage Prof. Simon Dubnow, der am 21. d. M. 70 Jahre alt wird, ist eine repräsentative Gestalt der zeitgenössi- *eben Judenheit. Seine Leistung für die Erkenntnis der jüdischen Schicksale im Laufe der Jahrtausende ist Gemeingut aller jüdisch Interessierten in der ganzen Welt. Die von ihm vollbrachte Arbeit soll und muß zunächst nach ihrer Wirkung auf die jüdische Oeffentlichkeit gewertet werden. In dieser Hinsicht ist Dubnows Werk, sogar mit dem Standardwerk von Prof. Heinrich Gractz verglichen, beispiellos in der jüdischen Literatur der letzten 150 Jahre. Darum wird der 70. Geburtstag dieses bedeutendsten lebenden jüdischen Historikers von allen Parteien und Richtungen im Judentum als ein allgemeiner Feiertag empfunden. Nachstehend einige biographische Daten und eine Würdigung von Dubnows ״Weltgeschichte des |jidisc!1en Volkes“, j Am 24. September vollendet Simon Dubnow sein 70. Le. bensjahr. Dubnows Hauptwerk ist die zehnbändige ״Weltgeschichte des jüdischen Volkes“ (Jüdischer Verlag Berlin), die ein Standardwerk moderner jüdischer Geschichtsforschung und -Schreibung ist und aus dem russischen Original ins Deutsche, Hebräische, Jiddische, Englische und in mehrere andere Sprachen übersetzt worden ist. Dubnow hat aber auch verschiedene Gebiete der jüdischen Geschichtswissenschaft in Sonder-Monographien behandelt. Methodisch und stofflich unterscheidet sich Dubnow von Graetz und anderen Vorgängern. Er lehnt die Auffassung ab, die dein jüdischen Volke in der Diaspora lediglich eine geistige Aktivität zubilligt, während es im sozialen Leben nur als Objekt gewertet wird. Nach seiner Auffassung ist das jüdische Volk stets Subjekt, Schöpfer seiner Geschichte auf allen Gebieten des Lebens, eine lebendige Nation gewesen. Aus dieser Auffassung heraus entwickelte Dubnow sein modernes politisches Programm, den ״Folkismus“. 1906 begründete Dubnow in Rußland die ״Jüdische V ol k s p a r t e i“, die heute in Polen, Lettland und in anderen Oststaaten vertreten ist. Der Kern des Programms der Volkspartei ist die Auffassung, daß die Juden eine historisch-kulturelle Gruppe sind. Sie bilden keinen Staat im Staate, sondern eine Nation unter Nationen und erstreben keine politische, sondern kulturelle Autonomie (Selbstverwaltung der Gemeinde, Sprachenfreiheit, Schulautonomie). Die Judenstaatsidee lehnt Dubnow ab, aber dem j ü - dischcn Aufbauwerk in Palästina als einer gesamtjüdischen Aufgabe stellt er, namentlich in den letzten Jahren, positiv gegenüber. Simon (Semjon Markowitsch) Dubnow wurde 1860 in Mstislavvl (Gouv. Mohilew) geboren. In den Zeitschriften ״Russki Jewrei“, ״Wos’chod“, ״Haschiloach“ usw. veröffentlichte er monographische Arbeiten über Sabbataj Zwi, Jakob Frank, sowie eine quellenmäßige Darstellung der Dogmatik und Geschichte des Chassidismus. Später veröffentlichte er mehrere grundlegende Monographien über die Geschichte der Juden in Polen, Litauen und Rußland und gab die Geschichtsw erke jüdischer Gelehrter aus Deutschland (Baeck und Brann) in russischer Sprache heraus. Er verfaßte auch ein sehr verbreitetes Lehrbuch der jüdischen Geschichte. Alle diese Arbeiten gipfelten in der ״Allgemeinen Geschichte des jüdischen Volkes“, die in der deutschen Ausgabe den Titel ״Weltgeschichte des jüdisehen Volkes“ trägt. Eine dreibändige ״Neueste Geschichte des jüdischen Volkes“ wurde bereits 1920/23 vom Jüdischen Verlag als selbständiges Werk herausgebracht. Neu ist bei Dubnow die Periodisierung des historischen Stoffes. Er geht von zwei Gesichtspunkten aus: dem der geschichtlichen Umgebung und dem der Hegemonie des einen oder anderen nationalen Zentrums gegenüber unbedeutenderen Zentren in anderen Ländern. Für die jüdische Geschichte crgcbcii sich nach Dubnow zwei große Perioden: die orientalische mit den nationalen Hauptzentren in Palästina, Syrien, Mesopotamien und Nordafrika und die westliche, deren Schauplatz Europa ist und die in folgende Stadien verläuft:: nationale Hegemonie des arabischen und christlichen Spaniens (11. bis 14. Jahrhundert), des südlichen und dann des nördlichen Frankreichs (11. bis 13. Jahrhundert), der deutschen Judenheit (13. bis 14. Jahrhundert), ln der Neuzeit (16. bis 18. Jahrhundert) rivalisieren die jüdischen Zentren in Deutschland und Polen um die Hegemonie. Der Verlauf der neuesten Geschichte (1789 bis 1914), in der die deutsche Judenheit in der Aufklärungsbewegting voranschreitet, während die polnisch-russische Judenheit bis tief in das 19. Jahrhundert hinein die Grundfeste der nationalen Kultur verbleibt, wird auf die Prozesse Emanzipation und Reaktion einerseits, Assimilation und Nationalismus andererscits zurückgeführt. Am Schlüsse dieser Entwicklung entstehen in den letzten Dezennien vor dem Weltkriege zwei große Judenzentren: Amerika und Palästina, die der künftigen Ent- Wicklung neue Bahnen weisen. Simon Dubnow, der eine bedeutende Lehrtätigkeit an den von Baron N. G ü n zb u r g in Petersburg eingerichteten Kursen für jüdische Wissenschaft entfaltete, Mitbegründer der ״Jüdisch- Historisch-Ethnographischen Gesellschaft“ und Redakteur der Vierteljahresschrift ״Jewreiskaja Starina“ gewesen war, lebt seit einer Reihe von Jahren in Berlin, wo er sich intensiv seiner Lebensarbeit widmet. Nach Vollendung seines großen Ge- Schichtswerkes ״Weltgeschichte des jüdischen Volkes“ ging er an die Abfassung einer zweibändigen Geschichte des Chassidtsmus heran. Auch harren des Gelehrten weitere Aufgaben, und man hat den Eindruck, daß er noch lange nicht daran denkt, sich zur Ruhe zu setzen. Die weltanschaulichen Voraussetzungen der jüdischen Geschichtsschreibung*) Von A. S. Steinberg, zurzeit Berlin. Eine glänzende Bestätigung des bisher Ausgeführten ist die ״Weltgeschichte des jüdischen Volkes“ von S. M. Dubnow. Zwischen der persönlichen Weltanschauung des Verfassers, wie sie mit besonderer Prägnanz namentlich in der Einleitung zum ganzen Werke formuliert ist1), und den inhaltlichen weitanschaulichen Voraussetzungen der jüdischen Geschichte besteht zweifellos eine gewisse Spannung. In betontem Wider- Spruch gegen die ״einseitige spiritualistische Auffassung“ der älteren jüdischen Historiographie bekennt er sich ausdrücklich als zu einer ״Errungenschaft der letzten Zeit“ zur ״rein wissenschaftlichen soziologischen Auffassung“ (XIV f.), die auch als die ״realistische“ bezeichnet wird (XVII). Gegner der ״theologischen und metaphysischen Theorien“, will er seine historische Grundeinstellung ״bio-soziologisch“ unterbaut wissen (XX) und macht selbst einem Soziologen von dem Range Max Webers zum Vorwurf, die Geschichte der jüdischen Antike ״in theologischem oder metaphysischem Geiste“ gedeutet zu haben (XXX)2). Sein Losungswort ist das ״streng durchgeführte Prinzip der Evolution“ (XX). Wie aller Soziologismus, ist auch der Dubnows naturalistisch angehaucht, und so gilt ihm als ״Gegenstand wissenschaftlicher Geschichtsschreibung“ neben der Entstehung und dem Wachstum der nationalen Individualität deren ״Kampf ums Dasein“ (XVI). ״Der Säkularisierung der jüdisehen nationalen Idee — meint Dubnow — mußte auch eine Säkularisierung der Geschichtsschreibung folgen, ihre Befreiung zunächst von den Fesseln der Theologie und sodann auch von denen des Spiritualismus oder der Scholastik“ (ibid.). Die außerjüdischen Quellen dieser allgemeinen Geschichtsansicht sind leicht festzustellen: es sind dies der französische Positivismus und der englische, biologisch fundierte Evolutlo- »«mus. In seiner persönlichen Weltanschauung wird somit Dubnow zum Vertreter der letzten weltlichen, unter fremdem Einfluß stehenden Phase der jüdischen geistigen Entwicklung3). Indessen müßte Dubnow nicht der geborene Historiker sein, der er ist, wären die von ihm erworbenen Grundüberzeugungen mit den seinen ganzen Stoff von innen heraus beseelenden Ideen nicht zu einer Einheit verschmolzen. In wie weitem Maße diese Verschmelzung in der Tat gediehen ist, ist schon aus dem Gebrauch zu ersehen, den der jüdische Universalhistoriker von den westeuropäischen methodologischen Grundbegriffen macht. So nennt er seine Auffassung soziologisch nicht etwa darum, weil er auf die Herausarbeitung der in der Geschichte waltenden Gesetzmäßigkeit ausgeht, sondern allein im Hinblick darauf, daß das jüdische Volk als ״Subjekt, Schöpfer seiner Geschichte . . . auch auf dem Gebiete des sozialen Lebens“, kurz als ״lebendiger nationaler Organismus“ zu erkennen und anzuerkennen sei (XV und XXX). Noch krasser tritt dasselbe Verhältnis in der Bedeutung zutage, die Dubnow dem Begriff Leben beilegt. Weit davon entfernt, das Biologische dem Änimalischen kurzerhand gleichzusetzen, nimmt er vielmehr das Lebensprinzip für die Umschreibung des einheitlichen geistigen Substrats der sich über Jahrtausende ununterbrochen hinziehenden jüdischen Geschichte in Anspruch (XVI f.). Auch ihm ist also, der Hcgelschen Formel entsprechend, nur ״das Substantielle wahr“, ln Uebereinstimmung damit büßt für ihn sogar *) Aus der im Jüdischen Verlag, Berlin W 50, rum 70. Geburlsluge von Prof. S. Dubnow erscheinenden umfangreichen Festschrift, die von Prof. Ismctr Elbogen, Dr. J. Meist und Dr. Mark Wischnitzer hetausgegrben wurde. Die Festschrift enthält folgende Beiträge: Prof. Ismar Elbogen / Von Graetz bis Dubnow (Fünfzig Jahre jüdischer Gesrhichlsforschung), Dr. A. S. Sleinberg / Die weltanschaulichen Voraus- Setzungen der jüdischen Geschichtsschreibung, Doz. Israel Dahin / Stoff und Idee in der jüdischen Geschichtsschreibung, Dr. Simon Ilamidowicz / Nachman Krochmal als Historiker, Bahel Wischnitzcr-ßerrtslein f Jüdische Kunstgcschichtsschreibung, Prof. Marlin Buhcr / Das Judentum und die neue Weltfrage, Prof. Majer Balahan / Hugo Grolius und die Ritualmordprozesse in Lublin (1036), Dr. Mark Wischnitzer j Die Stellung der Brodyer Juden im internationalen Handel in der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts, Dr. Louis Lewin / Die Landessynode der großpolnischen Judenschaft (Nachträge), Dr. N. M. Gelber / Die Juden und die Judenreform auf dem polnischen vierjährigen Sejm (178S—179S), Dr. II. Tykoeinski / Die Stadt ״Sah" während des ersten Kreuzzuges, Dr. Jakob Freimann / Zur Geschichte der Juden in Xanten, Dr. Bernhard Wachstein / Zur Biographie Löw b. Brzalels, Dr. Cecil Roth / Joseph Saralvo, A Marrario Martyr at, Home, Robert Anehel / Les lettres patentes du 10 Jitillel 1784, Dr. M. Ginsburger / Zwei unveröffentlichte, Briefe von Abbe Gregoire, S. Posener / Li ppmann Lippmann de Baccarat (Fragment l’histoire Jconomique des Juifs de France), Dr. Adolf Kober / Abraham Geigers Bemühungen um die Organisation der jüdischen Unterrichts- und Kultusverhäitnisse im ehemaligen Herzogtum Nassau, Dr. Josef Mehl j Beiträge zur Damaskus- Affäre (1840), Dr. Jacob Jacobson / Eine Aktion für die russischen Grenzjuden in den Jahren 1843/44, Dr. Ismar Freund / Michacl Sachs zur Reform der preußischen Judengesetzgebung, Paul Goodman / Joseph Montefiore, Prof. Moses Schorr / Staatsseher und Staatslehrer (Herzl und Gumplowicz), Dr. Josef Meist / Simon Dubnows Abhand- Imgen und Schriften. Preis kart. M■ 18,—, in Leinen M. 24,—. 1) Weltgeschichte, Bd. I, S. XIIIff.; vgl. auch Bd. X, § 37, S. 345 ff. sowie die demnächst erscheinende deutsche Ausgabe der ״Briefe über das alte und neue Judentum“, insbesondere Brief I. Die im Text in Klammern angegebenen Zahlen beziehen sich durchweg auf die ״Einleitung“. *) Auf diesen Vorwurf können wir hier nicht näher eingehen, doch ist hervorzuheben, daß für Dubnow die Begriffe ״Sekte“ und ״Kaste“ einen ganz anderen Sinn haben als für Weber (s. dessen ״Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie“, 1921, Bd. 1, S. 217 ff. u. Bd. III, S. 392, 403). ») Weltgeschichte, Bd. IX, §, 47, S. 429, der Begriff der Evolution die naturalistische Hauptbedeutung ein, um zugleich den Sinn einer durch den ״Drang nach Eigenart“ bestimmten kulturgeschichtlichen Kontinuität zu gewinnen. ״Bio-soziologisch“ heißt demnach im Dubnowschen Verstände etwa soviel wie überindividuell-stetig und dabei gcistig-schöpferisch. Nun könnte man versucht sein, in der Dubnowschen Umdeutung der Begriffe: Soziologie, Leben und Evolution die An- Zeichen seiner Annäherung an die als metaphysisch verschriene ״organische Gesellschaftsthcorie“4 *) zu erblicken; der ganze Inhalt und Aufbau seines großen Lebenswerkes zeigt jedoch mit nicht mißzuversteliender Klarheit, daß es nicht irgendeine moderne soziologische Theorie, sondern daß es der Stoff der jüdischen Geschichte selbst ist, in dessen Bann der jüdische Geschichtsschreiber steht. Ein kurzer Ueberblick wird uns davon überzeugen. Von welchen Prinzipien läßt sieh Dubnow bei der Auswähl des Stoffes, bei der Scheidung zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem leiten? Doch vor allem von dem Prinzip der stetigen Entwicklung des Volksbewußtseins. Nur darum verfolgt er mit einer so peinlichen Genauigkeit die fortschreitende Ausbreitung der Diaspora, die Migration, ja Fluktuation der jüdischen Bevölkerung der verschiedenen Länder und Kontinente. Der Weg der jüdischen Geschichte im ganzen verläuft für ihn aus unendlicher Ferne in unendliche Ferne. Das jüdische Volk ist ein ״ewiges“ Volk, cs hat seine eigene ״Weltgeschichte“6). In dieser regiert, vor allem an ihren kritischen Wendepunkten, der Zufall ). lieber das ganze Erdenrund zerstreut, wird das jüdische Volk, das sich allmählich aus einem Geschlechtsverband zu einer ״geistigen Nation“ entwickelt, durch das Bewußtsein der Schicksalsgemeinschaft, durch geistige Bande, durch die von den nationalen Zentren ausgeübte ״geistige Hegemonie“ zusammengehalten. Darum ist cs auch nur folgerichtig, daß Dubnow im Aufbau der einzelnen Kapitel seines Werkes von den äußeren Geschicken des Volkes als der Peripherie ausgellt, um über die sozialwirtschaftlichen Verhältnisse zum geistigen Leben und Schaffen als zum eigentlichen Zentrum fortzuschreiten. Wie in dieser architektonischen Hinsicht, so befindet er sich auch in seinem Grundprinzip der Zeiteinteilung in völliger Uebereinstimmung mit der urjüdischen Auffassung, daß die Einschnitte in die stetige Reihe der Ereignisse lediglich von außen, von den ״Zeitdingen“ her kommen können. Der chronologische Rahmen der jüdischen Weltgeschichte wird dergestalt zur Ebene, in der das Judentum mit der außerjüdischen Umwelt zusammentrifft. Bei alledem bleibt in dem Geschichtswerk von Dubnow die Distanz zur Umwelt, was wiederum ein urjüdischer Zug ist, sogar mit übertriebener Sorgfalt gewahrt. Sub specie der jüdischen weitgeschichtlichen Sonderströmung stellt sich die Weltgeschichte in ihrer Gesamtheit wohl als ein Fortschreiten, jedoch nicht als Fortschritt dar. Eine herbe Luft weht um das ganze zehnbändige Werk. Dem Verfasser widerstrebte es, eine ״Geistes- und Leidensgeschichte“ zu schreiben, und doch zwang ihn die innere Wahrhaftigkeit und die Kongenialität mit seinem Stoffe dies zu tun7). Darum klingt auch sein Werk in Worte messianischer Sehnsucht aus, darum sind auch ״Autonomismus“ und ״geistiger Nationalismus“ für ihn Wechselbegriffe. Dies ist die Logik nicht der Wissenschaft, sondern des geschichtlichen Geschehens selbst, nicht der Tatsachen, sondern jener einzigen, ununterbrochenen Tathandlung, deren Urheber das gesamte jüdische Volk ist. Das Werk von Dubnow zwingt uns, diese Einheit der Handlung trotz der fast unübersehbaren Vielfältigkeit der Orte und Zeiten als ein Wirkliches zu identifizieren, als eine lebendige Zielstrebigkeit zu erfassen, als eine sinnvolle Ganzheit zu betrachten. In epischer Strenge vermeidet es jedoch Dubnow, den dem Ganzen innewohnenden Sinn zu enthüllen. So stellt denn seine ״Weltgeschichte des jüdischen Volkes“ im Bezirke des geistigen Schaffens eine Tat dar, die als unmittelbare Fortsetzung eine jüdische Philosophie der Weltgeschichte fordert. Gastspiel der Habima \ ״Was Ihr wollt“ Das hebräische Theater Habima gab, wie bereits kurz berichtet wurde, am 15. September abends im Theater am Nöllendorfplatz in Berlin die erste öffentliche Vorstellung von Shakespeares ״Was Ihr wollt“ in der hebräischen Bearbeitung von S. T s c 11 e r n i c 11 o w s k y und unter der Regie von Michael Tschecho w. Das Spiel des berühmten Ensembles riß die Zuhörer zu Ausbrüchen der Begeisterung hin, es gab wiederholt spontanen Beifall auf offener Szene. Zum Schluß wurden die Mitglieder des Ensembles, der Regisseur und der musikalische Bearbeiter (Ernst Toch) unzählige Male vor die Rampe gerufen. Die Kritiker stellen in ihren ersten Besprechungen in den Morgenausgaben fest, daß das Habima-Ensemble in diesem Shakespeare-Stück, von dem Glanzaufführungen Berliner Bühnen noch in aller Erinnerung sind, einen Gipfel heiterer Darstellungskunst erreicht und alles bisher Gesehene überschattet hat. Fritz Engel schreibt im ״Berliner Tageblatt“: ״Ein Abend voll strömender Heiterkeit. Was Shakespeare hingezaubert, ein Fastnachtsspiel, wird ganz in naive, reiche Lustigkeit umgesetzt. Der Beifall war ganz groß.“ Monty Jacobs schreibt in der ״Vossischen Zeitung“: ״Ein glücklich gelungener Ausbruch der hebräischen Gruppe aus dem dunklen Ghetto, hinein in Shakespeares hellste Komödie ,Was Ihr wollt“. Musik von Ernst Toch; Üebermut, Tanzspiel aus eigner Kraft, Beifall der Berliner.“ Die wirkliche Bedeutung dieser Habima-Leistung kann jedoch nur ein Palästinenser ermessen. Darum beschränken wir uns heute auf die Wiedergabe von Eindrücken, die Schenhabi, ein Palästinenser, nach der Generalprobe seinen Freunden in Erez-lsrael mitgeteilt hat. Nachstehend ein Auszug aus Sehenhabis Bericht: Shakespeare ward aufgeführt. Shakespeare auf einer hebräischen Bühne. Diese Komödie aus fremdem Leben in der erneuten Sprache der Bibel! Und da fragst du dich: Warum gerade Shakespeare? Warum eine Komödie? Und werden die Habima-Leute diese Materie bewältigen? Und werden sie diese Aufführung vor demselben Publikum zu zeigen wagen, das so viel Kunstsinn besitzt und so kritisch eingestellt ist? Vor demselben Publikum, das dieses Stück aut der Reinhardt-Bühne *) Vgl. Paul Barth, Unrecht und Recht der organischen Gesellschaftsthcorie, Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. XXIV, 1900, S. 69 ff. 6) Gerade der Titel des Dubnowschen Hauptwerkes wurde von der Kritik in gründlicher Verkennung der Absicht des Verfassers am häufigsten beanstandet, jedoch bezeichnenderweise zumeist von nichtjüdischer Seite. 6) S. Weltgeschichte, etwa Bd. V, S. 452; VI, 18, 425, 443 U. X, 276. 7) Der prinzipielle Unterschied Graetz gegenüber bleibt dennoch unverkennbar: war doch der große Vorgänger Dubnows in die innere Geschichte des Judentums so sehr versponnen, daß er die Kontinuität der äußeren fast gänzlich übersah (vgl. Hermann Cohen, Jüdische Schriften, 1924, Bd. IIII, S. 203 ff.: ״Graetzens Philosophie der jüdischen Geschichte“ und Bd. II, S. 452). t